Ausgabe 
9.12.1910 Erstes Blatt
 
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6<nnicxg6. - Beilagen: viermal roikbentlicb SlcheaerF««Hi<nblLtter, Iivrunal ivdcbrntl.Kttis.-

ietifürlce Kreis tieften (DienStag undstreilnq); zweimal mnnntl £anö; Vlrtlchoftltche Selksrageu t'verulpred) - Anichtufje: für die Redaktion 112 Verlag u. Expedition M Adresse für Depelct)«,:

Anzeiger Vietze».

Annahme »di, Hnjcigen für die Taqesnununer bi« oormUlaqe 9 Uhr.

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Anzeiger für Gberhessen

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tietar.. n,onttf und Verlag der SrMschen Univ.-Vach- und Skinöruderei H. Lange. Rebaftion, Expedition und Druckerei: Schuistratze 7. !?">: '»' .&«« «"d Cfftbition tfir vüdingru: Bal)nl?ofttraße 16». - Teleph»« Nr. 50.

Sreßsg, 9. Dezember MV yezn gSsreiSr monatlich 75 "Bf., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Pik. 2. viertel- jährl. ausschl. BeileUq. Zeilenpreis: lokal 15Pf., auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Voetz; für .FeuiUe-

Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.

Erzherzog Franz Ferdinand in Berlin.

Berlin, 8. Dez. Der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Fcr- b tn an b ist um 5 Uhr 12 Min. hier eingetroffen und begab sich im Automobil mach dem Neuen Palais in Potsdam.

Dazu wird uns noch aus Berlin geschrieben:

In Begleitung seines Vetters, des Erzherzogs Fried- Ach, will der österreichische Thronfolger sich von Berlin ms in das Hofjagdrevier bei Hannover begeben, öo am Freitag und Samstag in Gesellschaft des deutschen Kaisers gejagt werden soll. Dieser Jagdbesuch des Erz­herzogs ist natürlich in erster Linie als eine Erwiderung des Gesuches aufzufassen, den ihm Kaiser Wilhelm im September »ttses Jahres in den ungarischen Jagdrevieren bei Mo ha cs rbstatlete, in zweiter Linie aber dürsten mit diesem Besuch lolitische Erörterungen verknüpft sein, woraus schon die 'mw es en heil des deutschen Reichskanzlers und des österreichisch-ungarischen Botschafters in der Göhrde ljinbeutet

D-enn die Persönlichkeit des österreichischen Thronfolgers ft im Gegensatz zu der anderer Kronprinzen, die sich vor edem Eingreifen in die Ereignisse des Tages hüten müssen, ine so hochpolitische, daß sie auch in der iym vom deutschen Mer verliehenen Hofjagduniform von der großen Politik kickt zu trennen ist. Und die jüngsten politischen Erörte- nngen gelegentlich des Zarenbesuches in Potsdam geuen fanz von selbst das Thema für politische Unterhaltungen H'diP* bedeutsamen Charakters. Was freilich in Potsdam rnrtcrt und vielleicht auch beschlossen wurde, entzieht suh n seinen Einzelheiten der öffentlichen Kenntnis. Man Dein jetzt, daß sich die Unterhaltungen des Kaisers und des ;Grcn. sowie der sie begleitenden Staatsmänner, in der! Uchlung einer deutsch-russischen Annäherung bewegt haben, nb glaubt auch zu wissen, daß Kaiser Wilhelm hier den ehrlichen Makler" zwischen dem seit den jüngsten Orient* mrten verfeindeten Rußland und Oesterreich-Ungarn ge* piclt, ja, vielleicht hem Zaren eine Begegnung mit dem kreisen Beherrscher der Donaumonarchie nahegelegt hat. 2aüon ist es ja freilich inzwischen stille geworden, aber nftreitig haben sich die Beziehungen zwischen Petersburg i nb Wien seit dem in die gleiche Zeit, wie die Potsdamer > Honarchenentrevue, fallenden Rücktritt Iswolskis gebessert, der wenigstens eine Nuance erhalten, tote sie bei dem ersönlichen Gegensatz zwischen den beiden Ministern des luswärtigen, Aehrenthal und Iswolski, nicht möglich war.

Allerdings, eine völlige AusMinung zwischen Peters- urg und Wien steht noch rn weitem Felde, mag auch Is­wolskis Nachfolger, Sassanow, in der russischen Orient- «littk einige Sclzritte zurückgewichen [ein. Wer da be- d)tet hat, wie vor kurzem der österreichisch^ungarische trieasminister, Baron v.-önaich, vor den Delegationen ruf Die gefährdete Lage der Do naumo na rchie hin wies und Luf die Möglichkeit, ja, notorische Gewißheit, daß Oester- eich-Ungarn einmal einen Krieg nach mehreren .Fronten rin (Rußland, Serbien, Italien) zu führen haben inerbe, >ür[te lwraus entnehmen, daß die Verhältnisse der nternationalen hohen Politik auch heute noch, namentlich n punkto Balkanfragen, keineswegs geklärt sind.

Feste Abmachungen in dieser Beziehung kann man na- ürlich im Jagdschloß der Göhrde kaum treffen, wie es nöglich wäre, den österreichisch-italienisch-russischen Tiffe- enzen alle ihnen gegenn>äctig noch anhaftende Sclzarfe zu iel)men. Hierbei dürfte sowohl die Persönlichkeit des Grasen Aehrenthal, der wohl and) deslzalb den Erzherzog nd)t begleitet, als ^uch. die ja in sicherer Aussicht stehende

Vermehrung der österreichischamaarischen Truppenmacht uni) Flotte eine ganz hervorragende Rolle spielen. Denn Aehrenthal ist und bleibt für Rußland, solange er an der Spitze der auswärtigen Politik Oesterreichs steht, der schwarze Mann: die Verstärkung der österreichischen Wehr­macht aber wird, zumal wenn die neuen Truppen in die südlichen Grenzgarnisonen gelegt werden, in Italien als ein Akt der Feindseligkeit empfunden. Ob es Kaiser Wil­helm und seinem Kanzler gelingen wird, den Erzherzog da­von zu überzeugen, daß in Petersburg und Rom der Wille zur Verständigung mit Oefterreid^Ungarit vorhanden ist, wenn man in Wien den Grasen Aehrenthal opfert und die neuen Regimenter im Innern des Landes garnijoitierm läßt, steht dahin. Jedenfalls müßten diese Akte in einer Form erfolgen, daß sie in Paris und London nicht als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden können.

An den vorstehenden Ausführungen unseres Berliner Mitarbeiters wird doch wohl manches nicht zutreffend sein. Daß die Berliner auswärtige Politik darauf hinarbeiten soll, den Grafen Aehrentl)-al zu stürzen, ist kaum glaublich. Derbrillante Sekundant" erfreut sich ja wohl auch heute noch der Anerkennung Kaiser Wilhelms. Graf Aehrenthal ist ein so kluger, weitblickender Staatsmann, wie ihn Oester­reich sich nur wünschen kann, und der Erzherzog Thron­folger wird schwerlich darin unserem Kar, er nach ei fern, daß er feinen Bismarck entläßt. Ter neueste Jagdbesuch braucht nicht notwendig so hochpolitischer Natur zu fein, daß man an einschneidende Verschiebungen auf dem diplo­matischen Schachbrette denken müßte.

Die französischen Kämpfe im Vadaigebicte.

ck Paris, 8. Dezember.

Zu den Unglücksnachrichten cmS dem Wadai, die im Laufe des Mittwochs dahin ergänzt wurden, daß die französische Ko­lonne außer dem Oberstleutnant Moll, zwei Offiziere, ferner zwei Feldwebel, drei Sergeanten und 28 Tirailleurs an Toten, außer­dem 11 Vermißte zu beklagen habe, während ein Offizier, ein Feldwebel, drei UnteroffHieve und 69 Tirailleurs verwundet wurden, werden von den Zeitungen sehr verschiedenartige Hinzu- setzungen und Kommentare gemacht. Während nämlich die einen die offiziöse Darstellung glatt hinnehmen, daß die französische Kolonne die Feinde zurückgeschlagen habe, sich in guter Ordnung in eine gedeckte Stellung zu begeben vermochte, wird das von anderen sehr energisch bezweifelt. Die Fanatiker könnten sich wohl vor dem Kugelregen in die Büsche zeitweilig zurückgezogen haben, hielten ober wahrscheinlich die Kolonne umklammert. Ueber- haupt sei die Lage int Madai-Gebiete, vielleicht selbst in ganz Französisch-Zentralasrika, sehr, sehr ernst.

lieber das Vorgehen Frankreichs in der Tschad-Gegend hat eine hervorragende Persönlichkeit der Kolrnial-Verwaltung einem Mit­arbeiter desPetit Parisi en", des Organs des Handelsministers Dupuy, eine Reihe interessanter Mitteilungen gemacht. Zunächst dürfe man nicht die Tragweite des traurigen Ereignissen über­treiben, da Frankreich nach wie vor über Abecher und die dort aufgestapelten Vorräte und Munitionen verfügt. Vielleicht habe sich Oberstleutnant Moll von seinem Temperament zu weit fort­reißen lassen, um durch einen kühnen Handstreich ein ähnliches Ergebnis zu erreichen, wie die Einnahme von Abecher. An­gesichts der schweren Verluste der französischen Truppen müsse man aber auf neue Angriffe der Snufsi gefaßt sein, gegen die wohl die 1500 Mann unter den Befehlen des Majors Maillard für den Augenblick ausreichen dürften. Selbst wenn die Franzosen Drijole räumen müßten, so wäre doch der Eindruck, den der Tod des Sultans und die Verwundung Dudmuras auf die Fana­tiker gemacht, ein nachhaltiger.

Der Schluß, der aus diesem «Handel zu ziehen ist, geht dahin, daß so rasch als möglich ein französisch-englisches Eiw vernehmen über die Frage der Grenze des Darfu- und des Wadai-Gebiet.es erzielt werde. Gegenwärtig versieht Frankreich allein die Polizei jener Gegenden."

lAbg. Messimy, ein persönlicher Freund und Kamerad des Oberstleutnants Moll, will die Regierung über ihre zu­

künftige Haltung in jener Gegend interpellieren, die für Frank­reich nickt den gering st en Wert hat und in die man von keiner französischen Kolonne aus direkt bringen kann. In der Tat kostet die Polizeiaufsicht Frankreich in der Sahara alljährlich mindestens zwanzig 9Jiillionen. Wenn Abg. Mesftrny auch nicht die Räumung jener Gebiete fordert, so will er dock) wenigstens klar und deutlich die Absichten der Negierung kennen. Falls diese für Beibehaltung der Truppen im Wadai-Gebiete ist, dann muß sie den Offizieren klipp u. klar vorschreiben, sich streng an) die ihnen erteilten Weisungen zu halten und sich nicht auf Abenteuer einzulassen, wie das die meisten tun, weil sie im Falle des Gelingens auf Belohnungen und Beförderungen zahlen zu dürfen Dauben.

Paris, 8. Dez. Die Kammer beschloß einstimmig eine Kundgebung für die üit Wadai Gefallenen. Der Minister der Kolonien legte vor dem Ausschuß der Kammer für auswärtige An­gelegenheiten die Lage im Wadai dar und die Maßnahmen, die die Regierung zu treffen gedenke. Der Präsident des Ausschusses bat die Negierung, die notwendigen Vorkehrungen $u treffen, um eine Wiederkehr ähnlicher Vorfälle zu vermeiden und wenn er es nötig erachte, über eine genaue Regulierung der Grenzen in Unterhandlungen zu treten.

Aus den hessischen Aummerausschüssen.

Darmstadt, 8. Detz.

Der FinanzansschußderErstenKarnmer war am Mittwoch und Donnerstag unter Vorsitz des Grafen zu Erbach-Fürstenau zu Beratungen versammelt und er­ledigte eine Anzahl kleinerer, von der Zweiten Kammer verabschiedeter Beratungsgegenstände.

Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer hielt heute nachmittag ebenfalls eine Sitzung ab. Der ftellbertretenbc Vorsitzende, Abg. Molth an, gedachte zu­nächst des bisherigen Ausschußpräsidenten, Abg. Rein­hart, zu dessen Ehren sch) die Mitglieder von den Plätzen erhoben hatten, und teilte weiter mit, daß er namens des Ausschusses am Grabe des Dahingescchedenen etneii Kranz niedergelegt habe. Der AussckMß wählte alsdann einstimmig den Abg. Dr. Osann zum Präsidenten gemäß dem Brauch, daß die stärkste Fraktion der Kammer den Präsidenten zu stellen hat. Die WahL eines weiteren Ausfch.ußmitgl'iedes als Ersatz für Herrn Reinhart wirh in der morgigen Vollsitzung der Kammer erfolgen; es hierfür Herr Dr. Heid en reich vorgesehen. Der Aus­schuß beschäftigte sich darauf mit dem neuen Gesetzentwurf über die Schuldentilgung, worüber eine eingehende Aussprache stattfand. Geheimerat Dr. Becker gab dabei an Stelle des noch wegm Krankheit verhinderten Fincm^- Ministers eine nähere Darstellung über die Ziele und Ab­sichten des neuen Schuldentilgungsgesetzes, sowie über die Unterschiede gegenüber den früheren Bestimmungen.

politische Tagesschau.

Der Profefsorenstrelt in Berlla.

Nachdem Professor Bernhard am Mittwvch bei Er­öffnung des Kollegs über den Professorenstreit geäußert hatte, daß er es acs seine Pflicht erachte, seinen KathÄer zu verteidigen, ist am gestrigen Freitag am Schwarzen Brett der Berliner Universität ein Anschlag erschienen, der von den Professoren Sch moller, Sering und Wagner unterzeichnet ist und besagt:

Professor Bernhard sprach damit eine Beschuldigung öffentlich aus, welche bisher nur von anonymen Berichterstattern in brr Öffentlichkeit gegen uns erhoben wurde, daß wir fein Recht auf die Teilnahme der sogenannten Hauptwortes an gen über Nattonol- ökonomie verletzt hätten. Er erhob die Beschuldigung, obwohl eine vom Rektor mit ehrengerichtlichen B e f u gnissen aus- gestattete Kommission eingesetzt wurde. Bernhard hat sich aus diesem Anlaß schriftlich verpflichtet, sich der Oessentlichkeit in jeder Form zu enthalten. Wir erklären hiermit jene Be- schuldiglmg für umvahr und werden den Beweis dafür in der Kommission erbringen. Auf die Sack-e selbst hier einzugehen.

Lhambord.

9. Dezember 1870.

Bei den weiteren Kämpfen auf dem rechten Loire-Ufer war 5 einmal nötig, eine größere Abteilung Franzosen, die sich n dem Schloß Chambord festgesetzt hatte, aus ihrer Stellung u vertreiben. Dieses große Schloß gehörte dem Grafen >e Chambord und liegt mitten in einem Park, der einen Umfang vn zwer Meilen hat und ringsum mit einer Mauer eingeschlvsstn st. Fünf Tore, an denen Gebäulichkeiten stehen, führen in den ßarf hinein. Dieses Schloß sollte von dem 2. Bataillon des L Regiments am 9. Dezember genommen werden, und einzelne lömpagnien begannen den Angriff an verschiedenen Toren; die Kompagnie, unter Hauptmann Ka11rein, erbrach das nörd- iche Tor, dessen Gebäude zur Befestigung eingerichtet, aber nicht Dn Soldaten besetzt waren, und marschierte auf ben großen lLarkweg aus das etwa noch breiniertel Meile entfernte Schloß vor. Der Major des Bataillons, B e ch st a t t, setzte sich mit der 6. mb 7. Kompagnie in ben Besitz des Haupteinganges, wo eine kindliche Abteilung von 40 bis 50 Mann durch Gewehrfeuer »urch das Torgitter hüidurch vertrieben wurde. Nun ging die > Kompagnie unter Hauptmann Scriba in der Hauptallee gegen *ad Schloß vor, während die 7. Kompagnie vorläufig noch das Lor besetzt hielt. Es fing schon an zu dämmern, als Hauptmann Dcriba um 1/^5 Uhr den Vormarsch aus das Schloß antrat, iine die Flanke der Kompagnie bedrohende feindliche Abteilung wn 2 Offizieren und 25 Mann wurde sofort umzingelt und fangen genommen. Als der Hauptmann bei völliger Dunkel­heit an der über den Schloßgraben führenden Brücke ankam, orderte er die jenseits stehende feindliche Abteilung auf, sich u ergeben Eine Gewehrsalve war die Antwort und der Haupt- rian mußte sich daraus beschränken, die Brücke besetzt zu halten. Da kam Hauptmann Kattrein mit 2 Zügen, im ganzen 3 Of- iziere und 51 Mann, in der Nähe der Schloßbrücke an. Er­legung, l> die Dunkelheit dem Feinde die kleine Anzahl der Ingre,senden verbergen mußte, faßte Hauptmann Kattrcin den übnen Entschluß, das Schloß mit Sturm zu nehmen. Seine apsere Mannschaft kam seinem kühnen Befehle nach. SBie ib-r Hauptmann befohlen, führte die Kompagnie den Angriff durch, »hne einen Schuß zu tun. Als die kleine Heldenschar, die Osfi- iere an der Spitze, mit gefälltem Bajonett und mir lautem Hurra U)er Brücke stürmte, gab die französische Linie noch eine, aber

nicht treffende Salve, dann stob alles in wilder Flucht ausein­ander. Ein eben abgeprotztes Geschütz wurde sofort genommen und seine sich wehrende Bedienungsmannschaft zum Teil nieder- gemacht. Ein anderes aufgeprotztes Geschütz, das umkehtte und im Galopp durch den Schloßhof flüchten wollte, wurde von dem Ge­freiten (späteren Korporal) Meyer mit 3 Mann eingeholt und genommen; 3 andere Geschütze und 12 Munitionswagen waren bei dem allgemeinen Schrecken so ineinander gesahren, daß an eine Flucht nicht mehr zu denken war. Am Eingang des Schlosses gaben ein verwundeter Oberst und 2 Statbsoffiziere ihre Degen ab, und die etwa 300 Mann betragenden Soldaten, die sich ins Schloß geflüchtet hatten, ergaben sich ohne Widerstand, lieber 2000 Mann waren in wilder Flucht durch das südliche Parktor entkommen. Altes dies war das Werk weniger Minuten und die Arbeit von nur 51 hessischen Soldaten unter Anführung von 3 Mutvollen Offizieren; des Hauptmaims Kattrein und der Leutnants Neßling und Weber. Die gleich nachfolgende 6. Kompagnie, sowie die ebenfalls dämmende 7. Kompagnie fanden jeglichen Widerstand gebrochen und beteiligten sich an der Be­setzung der Ausgänge und der Entwaffnung der ins Schloß geflüchteten Soldaten. Nach einigen Sinnden kam auch die Schwadron Dresky vom 1. Retter-Regiment und hatte lange zu tun, den Knäuel von Pferden und Fahrzeugen zu entwirren, um zunächst diese und die Gefangenen fottzuschasfen. Ein glän­zender Erfolg war errungen, denn des Schloß hatte eine wichtige Lage; es war darum von dem General Morandi mit 6000 Mann schon seit einigen Tagen besetzt gewesen, und dieser sollte noch 3000 Mann mit 5 Geschützen als Verstärkung erhalten. Als diese Verstärkung um 5 Uhr von Blois ans angekommen mar, war sie sehr erstaunt, statt des Generals Morandi, der schon am Mittag um 3 Uhr, als die hessischen Tirailleure an der Parkmauer sich zeigten, nach Bracieux abmarschiert war, bereits deutsche Truppen im Park anzutreften. Am 6. Februar 1871 waren die 6. und die 8. Kompagnie mit dem Bataillons-, Regi­ments- und Brigadestab, wie mir im Landkalender für das Groß­herzogtum Hessen lesen, noch einmal im Schloß Chambord ein­quartiert. Am Mittag spielte die Regimentsmusik im Schloßhvse, die Soldaten tankten dazu und feierten damit die Erinnerung an ihre Kähne Tat vom 9. Dezember.

Eine kostbare Gemäldesammlung. Ans New­port wird berichtet: AuS Madison in Newjersep kommt die Nach­

richt, daß die große Kunstsammlung des verstorbenen Dr. Leslie D. Ward, des einstigen Vizepräsidenten der Prudential-Ver- sichenmgsgesellschaft, im Januar versteigett werden soll. Sack- verständige unb Kunstkenner schätzen ben Wert dieser ausgezeich­neten Sammlung auf weit über 800 000 Mark. Die Gemälde­galerie Wards enthält eine Reihe köstlicher Werke der Schul« von Barbizon, drei Corots, die man zusammen auf über 80 000 Mark schätzt, eine Landsckwft von Daubigny, zwei prächtige Tier­bilder von Van Maroke, denAraberschei^' des bekannten, vor einigen Jahren verstorbenen Crvnberger Tiermalers Schreyer, ein alter Mann" von Israels, mehrere Werke von Duprös und zahlreiche andere Stücke, deren Verkauf bei Kunstfreunden lebhaftem Interesse begegnen wird.

Die Memoiren der Markgräfin. Das Erscheinen einer neuen grohen Ausgabe der berühmten Memoiren ber Mark- geäftn Wilhelmine von Bayreuth im Leipziger Insel-Verlags erinnert uns bar an. baß in diesem Jahre gerade ein Jahrhundert verstrichen ist, seitdem die einst viel beachreten Denkwürdigkeiten vjoii Friedrichs des Großen geistreicher Schwester zum ersten Male im Druck erschienen. Und zwar kamen sie, obgleich im Original französisch gefdjrieöen, zuerst in einer deutschen Heber* setzung bei I. G. Cotta in Tübingen heraus und unmittelbar darauf rn einem Braunschweiger Verlage. Zwischen den beiden Herausgebern entspann sich alsbald ein scharfer Streit um die Echtheit, da jeder behauptete, im Besitze des Originalmanuskriptes zu fein: die Ausgabe von Cotta umfaßte nur die Jahre vcm 1709 bis 1733, die brauuschweigisckie dagegen die Zeitspanne tton 1706 bis 1742. Viel später stellte es sich heraus,, daß beide Ausgaben nur auf Abschriften beruhten: das Original-, manuskript wurde erst 1848 von dem Historiker Georg Friedrich Pertz, ber bamals als Oberbibliothekar in Berlin wirkte, ge­legentlich einer Äücherversteigerung zufällig entdeckt unb zum Gegenstand einer besonderen Schrift gemacht (Berlin 1851). DaS Manuskript hatte sich im Nachlasse bc5 Dr. non Suppervitt«, ehemaligen Leibarztes ber Markgräfin, vorgefunden und enthielt außer den eigentlichen bis 1742 reidxmbcn Memoiren noch das mit dem Vermerkceci ne doit Pas etre imprime" versehen«, versiegelte Tagebuch aus Italien, das bis 1754 reicht. Dieses bisl^er imveröffentlichte Tagebiick befindet sich gegenwärtig im Besitze von Schillers Urenkel Alexander Frei Herrn v. Gleichen* Rußivurm, der eine Publikation für dis nächste Zett vorbereitet^

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