des Bundes gemäßen Erfahrungen Vorträgen, und zwar soll die wichtige Mkoholfrage durch die Behandlung des Gemeindebestimmungsrechtes eingehend im Für und Wider erörtert werden. Tie Dienstbotenfrage und die Bildungsfrage der Mädchen stehen ferner zur Erörterung. In zwei großen Abendvorträgen wird die Frauenfrage das Thema bilden. Der Deutsch-Evangelische Frauenbund, der seinen Sitz in Hannover hat unter der Leitung von Fräulein Paula Müller, zählt etwa 10 000 Mitglieder in etwa 100 Ortsgruppen.
Aus Freiburg i. Breisgau wird gemeldet: Die Verhandlungen zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern im Baugewerbe sind für Oberbaden ergebnislos verlaufen. — Die Einigungsverhandlungen tm Baugewerbe, die in Barmen für das Einigungsgebiet Barmen-Elberfeld stattfanden, haben zu einer Verständigung nicht geführt. Tie Lohnforderungen der Arbeitnehmer wurden abgelehnt. Mit der 9 ^stündigen Arbeitszeit erklärten sich die Arbeitgeber für die Orte einverstanden, in denen diese bereits eingeführt ist. Die Verkürzung der Arbeitszeit in den Orten, wo eine längere Arbeitszeit besteht, wurde abgelehnt. — Auch in Kiel sind die Einigungs- Verhandlungen im Baugewerbe gescheitert.
Ausland.
Die russische Duma hat die dritte Lesung der Gesetzes- Vorlage über die S e m st w o s e l b st v e r w a l t u n g in den westlichen Gouvernements beendet. Tie Bestimmung der Regierungsvorlage über eine obligatorischeVertretungderortho- boxen Geistlichkeit wurde abgelehnt und durch fakultative Vertretung ersetzt. Tie Gesamtvorlage wurde mit 165 Stimmen der Mitte, der Nationalisten und eines Teiles der Rechten gegen 139 Stimmen der extremen Rechten und dep Opposition, darunter die Polen, angenommen.
Aus Konstantinopel wird der „Köln. Ztg." unter dem 10. ds. gemeldet: Die kretische Verwickelung nimmt bei der wachsenden Erregung der Bevölkerung gegen die Griechen ernstere Formen an. Verrusserklärungen der griechischen Waren, Angriffe und Herausforderung von Personen werden an vielen Orten unter der stillschweigenden Duldung der unteren Behörden von eigenen Ausschüssen ins Werk gesetzt. Morgen werden verschiedene Abgeordnete in der Kammer die sofortige Ausweisung aller Griechen aus dem Lttornanischen Reiche Vorschlägen. Bei der Stimmung der Mehrheit ist die Annahme des Antrages trotz der bedenklichen Folgen wahrscheinlich. Die ernsthafteren Kreise bauen auf dos Ansehen und die Klugheit des heute aus Albanien zurückkehrenden Kriegsministers Mahmud Schefket Pascha. Er kann den Antrag noch verhindern.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 13. Juni 1910.
" In Audienz empfangen wurden am Samstag vom Großherzog u. a. Stadtpfarrer Böckner von Schlitz und Hauptlehrer Schneidt von Friedberg.
• • Pfarrpersonalien. Der Großherzog hat den evangelischen Pfarrer zu Griesheim und Dekan des Dekanats Darmstadt Hch. Neuroth auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treu geleisteten Dienste und unter Verleihung des Charakters als Kirchenrat in den Ruhestand versetzt, sowie den von bem Fürsten zu Erbach-Schönberg auf die eoang. Pfarrstelle zu Steinbach (Dekanat Erbach) präsentierten Pfarrer Jul. Betzler zu Mörfelden und den von dem Fürsten zu Solms-Hohensolms-Lich auf die evang. Pfarrstelle zu Lich präsentierten Pfarrassistenten Rud. Freytag daselbst für diese Stelle bestätigt.
• • Einberufung zur Kriegsakademie. Von den Offizieren der deutschen Armee — mit Ausnahme Bayerns, das eine eigene Kriegsakademie besitzt —, die im März die Aufnahmeprüfung am Sitze ihrer Generalkommandos abgelegt haben, sind zum 1. Oktober ds. IS. 74 Oberleutnants und 86 Leutnants zur Kriegsakademie in Berlin einberufen. Das 18. Armeekorps stellt davon je 4 Oberleutnants und Leutnants der Infanterie, 1 Oberleutnant der Kavallerie und je 1 Oberleutnant und Leutnant der Feldartillerie, und von diesen die Hessische Division den Oberleutnant Sander vom Infanterie- Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116, sowie die Leutnants Oertel und Kutzen vom Leib-Jnf.-Regiment Großherzogin Nr. 117 und v. Küchler vom Großh. Artilleriekorps Nr. 25.
• • Erledigte Lehrer stellen. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Stockstadt. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rimbach i. O.
— Stadttheater. Nochmals sei auf die morgige Aufführung der Operette „Frülingsluft" hingewiesen, die nach Motiven von Josef Strauß zusammengestellt ist und die ob ihrer wirklich reizenden Melodienfülle mit Recht zu den beliebtesten Werken ihres Genres zählt. Die Operette dürfte in Gießen zum ersten Male gegeben werden. Die Aufführung ist zugleich das erste Auftreten des Nauheimer Operetten- ensembleS, in dem dieses Jahr eine Reihe von netten Kräften für die ersten Fächer vorkommen. Für Frl. Großkopf, die durch eine amerikanische Tournö dieses Jahr von Nauheim fern gehalten wird, ist Frl. Rosarita vom Mülhauser Stadttheater gewonnen tvorden, die, mit glänzenden Mitteln und brillanter Bühnenerscheinung ausgestattet, bald den allerersten OperettendivaS beizttzählen sein wird.
• • Geselligkeitsverein Gleiberg. Am Samstag dem 25. d. M., nachmittags 5 Uhr, hält der Gleibergverein seine Jahresversammlung auf der Burg Gleiberg ab.
• • Iugendfest 19 10. Am 28. Juli wird das „Jugendfest" wieder in der seither üblichen Weise im Philosophenwald gefeiert. Lille Schulen, mit Ausnahme der höheren und erweiterten Mädchenschule, haben ihre Teilnahme zugesagt, so daß voraussichtlich gegen 4000 Kinder mit „Preisen" bedacht werden müssen.
• • Taschendiebe. Zwei junge Burschen von hier stahlen am Freitag abend auf dem Lindenplatz einem Bekannten die Taschenuhr aus der Tasche und veräußerten sie alsbald. Vorher hatten sic sich unterhalten, man brauche nicht zu arbeiten, mit Stehlen komme man weiter, und so unterhielt sich der eine mit dem ausersehenen Opfer, während ihm der andere die Uhr aus der Tasche zog.
"Renitenter Bursche. Ein Fremder verübte gestern vormittag in der Bleichstraße in angetrunkenem Zustande allerlei Unfug und beschimpfte und belästigte die Passanten und Anwohner. Ter herbeigerufene Schutzmann versuchte zunächst den Mann durch Ermahnungen von seinem Tun abzuhalten, aber dabei kam er schön an. Auch ihn beschiurpfte der Fremde in gröblichster Weise, und als ihn der Beamte bann festnehmen wollte, leistete er Widerstand und mußte mit Gewalt nach dem Polizeiarrest gebracht werden.
** Rücksichtsloser Radler. Ein entrüsteter Vater schreibt uns: Am Samstag morgen 3/< 12 Uhr wurde in der Frankfurter Straße mein Kind durch einen Radfahrer dadurch überfahren, daß der Radler auf dem Fußsteig fuhr. Tas Kind erlitt Wunden am. Gesicht und an den Händen, und Zähne wurden ihm eingedrückt, so daß ich es in ärztliche Behandlung geben mußte. Ter Radfahrer war so unanständig, daß er sich gleich fortmachte. Ich werde jeden zur Anzeige bringen, der auf dem Fußweg fährt. '
** Ausgestellt. Ter von dem Bauerscheu Gesangverein anläßlich des Gesanaswettstreits in Cron- berg i. T. errungene Preis nebst Diplom ist in dem Erker des Herrn Jean Köhler, Schutstraße, ausgestellt.
chh Lang-Göns, 11. Juni. Die Wirtschaft „Zu den drei Linden" hierselbst, die mit 28 000 Mk. taxiert ist, wurde bei der Zwangsversteigerung für 16 000 Mk. Herrn Wilhelm Dürbeck aus Gießen zugeschlagen. Der Erwerber will das Geschäft weiterbetreiben laffen.
? Obbornhofen, 11. Juni. Gestern mittag gegen 1 Uhr zog ein von Osten kommendes Gewitter über unsere Gemarkung, das etwa 2 Stunden anhielt. Fortwährend durchzuckten grelle Blitze, begleitet von heftigem Donner, die Lust. Die Entladungen toaren so stark, wie sie in den letzten Jahrzehnten nicht vorgekommen sind. Der wolkenbruch- artige Regen brachte den Feldern das lang ersehnte Naß, richtete aber auch manche Verheerung an. Die Hackfrüchte liegen meistens auf dem Erdboden. In dem Dorfe selbst entstand eine förmliche Ueberschwemmung. Manche Keller hatten sich mit Wasser gefüllt; zwei Felsenkeller mußten mit der Feuerspritze geleert werden. Blitzschäden sind glücklicherweise hier nicht zu verzeichnen; im nahen Wohnbach schlug der Blitz in eine Scheuer, zündete aber nicht.
-r. Lauterbach, 11. Juni. Der Volksbildungsverein hatte für heute abend eine Versammlung nach dem „Johannisberg" einberufcn, die sich mit der Errichtung eines Heimatmuseums für unsere Stadt befassen sollte und die guten Besuch aufwies. Oberlehrer Como berichtete zunächst über die Tätigkeit des Votks- bildungsvereins, der seither ein gemeinnütziges Wirken durch Veranstaltung von Versammlungen mit Vorträgen der verschiedensten Art, Unterstützung öffentlicher Bibliotheken, Be- lämpfung der Schundliteratur durch Verteilung guter Schriften, Theatervorstellungen durch gute Darstellung klassischer Stücke (u. a. Wilhelm Tell, Minna von Barnhelm, Die Räuber, Die Karlsschüler) entfaltet habe. Redner bittet die Einwohnerschaft hiesiger Stadt auch ferner um tatkräftige Unterstützung des Vereins, um diesen dadurch in die Lage zu setzen, seine Ziele entsprechend weiter zu stecken. Dann hielt Professor Decker-Alsfeld einen Vortrag über „Bilder aus Lauterbachs Vergangen- h e t t". Der Redner, der früher hier Gelegenheit hatte, die vorhandenen Urlundenschätze unseres Stadtarchivs zn durchforschen, verstand die Zuhörer durch lebendige Darstellung des' Stoffes zu fesseln. Er wies auf das ehrwürdige Alter Lauterbachs hin, das schon 812 als fulbaische Ansiedlung genannt wird und um die Mitte des 13. Jahrhunderts bereits von dem Abt zu Fulda zur Stadt erhoben und befestigt wurde. Im 14. Jahrhundert blüht bereits Handel und Gewerbefleiß in einer erstaunlichen Mannigfaltigkeit in der Stadt. Nach verschiedentlichem Wechsel in der Oberhoheit kommt Lauterbach mit den umliegenden Dörfern im 16. Jahrhundert an die Herren Riedesel, die die Stadt bis zur Einverleibung in Hessen (1806) besaßen. 1789 zählt Lauterbach 2193 Einwohner, 19 Zünfte sind vorhanden, als stärkste die der Leineweber mit 188 Meistern. Manche Gewerbszweige wurden damals ausgeübt, die jetzt nicht mehr vorhanden sind. Oberlehrer Como wies sodann auf die Wichtigkeit und die Bedeutung der Heimatmuseen hin, als der allein richtigen Sammelstelle der noch vorhandenen Erzeugnisse des Gewerbefleißes unserer Vorfahren. Die Arbeiten der alten Handwerker stellten vielfach Meisterstücke dar und seien besser als alles andere geeignet, durch die weiten Kreisen vermittelte Anschauung das Gefühl für Formenschönheit und Zweckmäßigkeit, die Verwendbarkeit des verschiedenartigen Materials usw. zu heben. Auch seien diese Gegenstände als Vorbilder für unsere heutigen Handwerker mit vernunftgemäßen Einschränkungen unübertroffen. Aus der Versammlung heraus wurde betont, daß mit der Errichtung eines Museums je eher je besser zu beginnen sei, um das noch vorhandene Wertvolle zu retten und ihm den gebührenden Platz einzuräumen. Es wurde aufgefordert, überall im .Hause nach brauchbaren Sachen (Hausrat, Bilder, Waffen, kleinere Geräte aller Art) zu forschen und diese Gegenstände dem Museum zuzuwenden. Dies kann durch Verkauf, Schenkung oder auch leihweise geschehen. Ein geeignetes Lokal ist von der Stadt zur Verfügung gestellt, eine Geldsumme vorhanden. Die Redner erklärten sieh einstimmig mit dem Plane der Gründung eines Museums einverstanden und dafür mit allen Kräften zu wirken.
s. Ulrichstein, 11. Juni. So häufig wie in diesem Jähre hatten wir in unserer Gegend seit Menschengedenken nicht Gewitter gehabt. Mit Bangen sieht man fast täglich dunlelgeballte Wolken heranziehen und fast fein Unwetter zieht eben vorüber, ohne Schaden anzurichten. Bei dem heutigen Gewitter schlug der Blitz in H elpershain in die Stallung des Johann Hohmann VII. ein und tötete zwei wertvolle Kühe. Stallung und Scheuer sind niedergebrannt. Einen eigenartigen Lauf muß der Blitzstrahl genommen haben, denn ein zwischen den beiden getöteten Kühen stehendes Rind blieb unversehrt. Erst kürzlich hatte in Helpershain ein Blitz eine ganze Hofreite eingeäschert. — Auch in Engelrod schlug der Blitz in eine Scheune ein. Das Feuer formte jedoch sofort gelöscht werden, so daß kein größerer Schaden entstand.
§ Herchenhain, 11. Juni. Heute .nittag gegen 1 Uhr entluden sich abermals schwere, sehr lange anhaltende Gewitter über dem nordöstlichen Teil des Gebirges. Der Regen, vermischt mit Hagel, ging in Strömen nieder, zahlreiche Bäume wurden vom Blitze getroffen. Kornfelder, Kartoffeläcker und Wiesen haben durch die Gewitter dec letzten Tage sehr gelitten.
f. Schotten, 11. Juni. Eine frühe Ernte hat in diesem Jahre das benachbarte Betzenrod. DaS am Mittwoch niedergegangene Hagelwetter hat einen großen Teil der Feldfrüchte vernichtet. Gestern waren die Leute damit beschäftigt, daS zerhagelte Korn von den Hagelkörnern, die in Schichten bis zu 5 cm auf der Erde lagen, zu befreien, ober niederzumähen. Manchen Lanbwirten ist fast bie ganze Getreideernte vernichtet. Zum Glück hat das Unwetter nur strichweise gewütet. Das Gras liegt auf den Wiesen wie gewalzt. Der Schaben hat eine beträchtliche Höhe, ba nur ein kleiner Teil der Bauern gegen Hagel versichert ist.
— Wißmar, 13. Juni. Ter Rabfahrverein Germania« Wißmar hielt gestern hier ein großes Sommer feit ab, mit dem Preiskorjo und Wandersahreu verbunden war. Früh von
7 Uhr ab gab es auf dem Festplatz schon reges Leben, ba bie einzelnen Vereine von ihrer Dauerfahrt eintrafen, mittags gegen 3 Uhr bewegte sich dann ein schöner Festzug durch die Ortsstraßen, woran sich außer den Radsahroereinen alle anderen Vereine des Ortes beteiligten. Nach 'Ankunft auf dem Festplatz dankte Herr Link den Vereinen für ihre rege Beteiligung und den Jungfrauen von Wißmar für ihre fleißige Mithilfe beim Schmücken des Fest- vlatzes. Ter Radsahroerein Lollar führte einen Reigen auf dem Tanzboden auf, der lebhaften Beifall fand und der Gesangverein Eintracht-Wißmar trug ein Lied vor, das den größten Beifall erntete. Abends erfolgte die Preisoerteilung. In Gruppe I erhielt den 1. Preis Radfahrverein Lollar mit 16,8, den 2. Preis Radfahrverein Teutonia-Gießen mit 15,5, den 3. Preis Radfahrverein Trais (Horlof) mit 8,9, den 4. Preis (Ehrengabe) Radfahrverein Gisselberg mit 7,3 Punkten; in Gruppe II den 1. Preis Radiahrverein Wieseck mit 17,00, den 2. Preis Radfahrverein Krofdorf mit 15,90, den 3. Preis Radfahrverein Großen-Linden mit 15,40, den 4. Preis (Ehrengabe) Radfahroerein Londorf mit 13,88, den 5. Preis (Ehrengabe) Radfahrverein Großen-Buseck mit 13,50, den 6. Preis (Ehrengabe) Radfahrverein Ebsdorf mit 8,20 Punkten. 'Mit Tanz und geselliger Unterhaltung fand die Festlichkeit ihren Abschluß.
k'o. Wächtersbach, 12. Juni. Am 23. Juni, vormittags liy2 Uhr, findet in der katholischen Marienkapelle die Trauung der Prinzessin Maria zu Psenbucg und Büdingen-Wächtersbach (geboren 1881), ältesten Tochter des Fürsten Friedrich Wilhelm zu Psenburg und Büdingen- Wächtersbach, einer Urenkelin deS letzten Kurfürsten von Hessen, mit Don Domingo Aloisi statt. Der Bräutigam entstammt einer alten römischen Familie, die in der Provinz Toskana ansässig ist.
X. Hanau, 12. Juni. Gestern abend entluden sich hier Gewitter mit ungeheurer.Heftigkeit, Unwetter, wie sie seit Jahren nicht waren. Fall zwei Stunden lang tobten die entfesselten Naturgewalten. Plötzlich setzte ein wolkenbruchartiger, von Sturm begleiteter Regen ein, der alles unter Wasser setzte. Hier und da stand in den Straßen das Wasser einen Meter hoch. Strichweise war auch Hagelschlag zu verzeichnen, der den Feld- und Gartenfrüch- ten stark zusetzte. Der Blitz schlug mehrfach ein, ohne zu. zünden. Auch an den Telephonleitungen hatte das Unwetter schweren Schaden angerichtet. Hanau stand am Vorabend des Lamboywaldfestes, das natürlich durch das Unwetter eine erhebliche Beeinträchtigung erfahren hat, da der Wald einem Morast glich.
Der Allensteiner Mordprozeh.
4 Allenstein, 11. Juni.
Die Nachricht, daß die Oeffentlichkeit heute, am 6. Tage des Prozesses, wiederhergestellt werden würde, hatte schon air< frühen Morgen zahlreiche Personen -nach dem Gerichtsgebäude in der Bahnhofstraße gelockt. Hier wurde ihnen jedoch durch den wachhabenden Gendarmen der Bescheid, daß noch niemandem außer den zugclassenen Pressevertretern der Zutritt gestattet werden könne. Die Angeklagte macht heute einen sehr müden Eindruck trotz gestriger stundenlanger Spazierfahrten in der Umgebung von Allenstein. Sie wurde von ihrem Gatten in den Saal geleitet, in dem eine erträgliche Temperatur herrscht, während draußen eine geradezu tropische Hitze brütet.
Der Vorsitzende eröffnete die Verhandlung mit der Mitteilung daß der in türkischen Diensten stehende Oberstleutnant Tup^ s ch e w s k i Urlaub erhalten und an einem der nächsten Tage an Gerichtsstelle erscheinen werde. Es wird dann angeregt, am Man-« tag die Sitzung ausfallen zu lassen, um der Angeklagten zwei Tagg Ruhe zu verschaffen. Der Vorsitzende teilt dann mit, daß er zunächst die Beweisaufnahme über die Leichenschau, die Sektion und die S ch i e ß p r o b e n vornehmen werde. Sodann wird die Oeffentlichkeit wieder hergestellt. Während das Publikum in den Saal strömt, beantragt Rechtsanwalt Bahn, den Pserde- burschen Settler aus Berlin als Zeugen zu laden. Dieser hat an den Ehemann der Angeklagten ein Schreiben gerichtet, in dem er um Geld bittet, um nach Amerika gehen zu können, er sei der einzige Zeuge, der etwas zur Sache aussagen könne. Ter Verteidiger erklärt, daß offenbar eine Erpressung vorliege, die Verteidigung habe ein Interesse daran, daß alles klargelegt werde. Die Ladung des Settler wird beschlossen.
Es werden hierauf Kriegsgerichtsrat Reichard (Pofen) und Untersuchungsrichter Konradi (Allenstein) über die Vorgänge bei der Besichtigung der Leiche vernommen. Das Gesicht des Toten war völlig mit Blut bedeckt, namentlich an der rechten Seite, wo sich die Einschußöffnung befand. Die Kugel ist an bet hinteren Stirnwand abgeprallt und im Gehirn stecken geblieben. Die Leiche war am Rücken noch marin, so daß die Leicheilstarre noch nicht ganz cingctreten war. Herr v. Göben, der an der Leiche vernommen wurde, war sehr aufgeregt, doch fiel das in der allgemeinen Erregung nicht besonders auf. lieber eine angebliche Aeußerung des Herrn v. Göben, „Frau v. Schönebeck könne froh sein, daß sie ihren Mann los sei/' wissen die Zeugen nichts zu bekunden. Hieraus demonstrieren zwei Schießsachverständige den Revolver des Majors und eine Mensurpistole gleich der, die Herr v. Göben bei der Tat benutzte und nachher in die Alle geworfen hatte, wo sie nicht gefunden werden konnte. Ob der Revolver des Majors noch gesichert war, kann nicht festgestellt werden, da die betreffenden Zeugen das nicht beachtet haben. Es werden dann einige Soldaten vernommen, die den Herrn v. Göben bei seinem verhängnisvollen Gange, während sie auf Posten standen, beobachtet haben. Zeuge Musketier Köhler bekundet: Als ich mit meinen Kameraden von der Ablösungs- Patrouille am Schönebeckschen Hause vorbeikam, sah ich einen Mann am Zaune stehen. Als wir uns näherten, ging er auf die andere Seite der Straße, wo es dunkel mar. Bors.: War es denn hell? Zeuge: Es mar nicht sehr hell, aber auch nicht sehr dunkel. Bors.: Haben Sie den Mann nicht gefragt, was er so spät abends noch da mache? Zeuge: Gefragt habe ich ihn nicht, nur nachher zu meinem Kameraden gesagt: Was der noch hier rumkraucht. Justizrat Sello: Es muß Herrn v. Göben doch bewußt gewesen sein, daß am Schloß ein Posten stand. Staatsanwalt: Es war ein Patrvuillierposten, der nicht nur vor dem Schlosse, sondern auch innerhalb zu tun hatte. Justizrat Sello: Herr v. Göben mutzte aber doch damit rechnen, daß er einer Ablösung begegnen könnte. Zeuge: Ja. Vors.: Da heute Vormittag der Antrag gestellt worden, am Montag nicht zu verhandeln, frage ich Sie, Frau Angellagte, wollen Sie, daß wir den Montag freilassen? Angell.: Ja, ich bitte Vors.: Also wird die nächste Sitzung erst am Dienstag vormittag 91/* Uhr stattfinden.
Frau v. Schönebeck-Weber verließ nach Schluß der Verhandlung Allenstein in Begleitung ihres Gatten und ihres 28 jährigen Schwagers. Ihre Abfahrt war geheim gehalten worden, ebenso das Ziel ihrer Reise. Kurz vor 7 Uhr erschien die lleine Reife- gesellschast auf dem Hauptbahnhof in Allenstein und zwar auf dem Bahnsteige der Jnsterburger Strecke. Sie fuhren über Ortelsburg nach Rudzanny, das am südlichen Zipfel des herrlich gelegenen Spirdingsees liegt. Die Familie Weber wird dort bis Montag abend verweilen. Bei der unmittelbaren Nähe der russischen Grenze hielt cs die Behörde für ihre Pflicht, sich der Angeklagten in irgend einer Form zu versichern. Unmittelbar vor der Abfahrt der Familie Weber erschienen daher unauffällig ein Polizeikommissar und ein Kriminalmachtmeister in Zivil, die den gleichen Zug bestiegen. Sie haben die Ausgabe, Frau v. Schönebeck-Weber; zu bemachen.
Frau v. Schönebeck aber hat mit ihrem Gatten und ihren! Verteidigern bisher im „Hotel Kronprinz" aemohnt. Der Ausblick von ihren Fenstern gebt auf einen kleinen Friedhof, der allerdings jetzt geschlossen, aber wohl kaum geeignet ist, die Nerven der aufgeregten Frau zu beruhigen. Sie hat sich daher I entschlossen, nach ihrer Rückkehr in dem loebcn eröffneten „Hotel Deutsches Haus" Wohnung zu nehmen. In der Stadt herrfcht reges #£ben und Treiben. Die masurische Landbevölkerung ist


