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12.5.1910 Erstes Blatt
 
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Gießen, den 12. Mai 1910.

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mancher in seinem Dlütcnschmuck umgeknickt am Boden. ES stand eine überaus reiche Obsternte in Aussicht, die aber nun­mehr in Frage gestellt ist, denn die Blüten sind meist zer­zaust oder liegen zerschlagen am Boden. In der übrigen Umgebung hat der Sturm in ähnlicher Weise gehaust.

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Allgemeine Wetterlage seit gestern früh: Ein gestern früh über Italien gelegener Tiesdruckwirbel hat sich im Lause des Tages ganz wesentlich verstärkt unter rascher Westbewegung nach Frank­reich. Anfangs trat am seiner Nordseite Aufheiterung ein und Nordostwinde brachten rasche Erwärmung. Nach dem Vorüberzug des Wirbels setzten starke Gewitter mit Sturm und Regen ein.

Da jetzt ein großes Hochdruckgebiet über Westeuropa unsere Witterung beherrscht, wird die jetzt eingetretene warme und heitere Witterung andauern. ,

Wetteraussichten in Hessen am Freitag dem 13, Mm 1910: Heiter, trocken, Ostwind, sehr warni.

Vermischtes.

Eine verheerende Feuersbrunst hat in Galizien einen großen Teil der Stadt Przcmyslany zerstört, ohne daß man seither die Gefahr wirksam bekämpfen konnte. Es gingen uns folgende Drahtiiachrlchtcn zu:

Lemberg, 11. Mai. Blättermeldungen zufolge steht die Ortschaft P r z e m y s l a n y seit heute früh in F l a in m e n. Ein Stadtteil ist g ä ii z l i ch abgebrannt. Durch den herrschenden Slurtn breitet sich das Feuer rasch aus und gefährde! den höher gelevenen Stadtteil.

Lemberg, 11. Mai. In der Ortschaft Przemylany waren bis Mitternacht 200 Häuser abgebrannt. Tie ösfentlichen Gebäude blieben unversehrt. 2000 Personen wurden bisher obdachlos.

Sport.

Kiel, 11. Mai. Der Kaiser stiftete für die nächstes Jahr in Atlssicht genommene deutsch - amerikanische Rega11e wiederum emen Preis. Die Wettiahrtailsschüssc beider Nationen sind dahin übereingekommen, daß die Regatte in Kiel uub zwar ,m Wesentlichen unter denselben Bedingungen slattsinden soll wie bisher.

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Gerichtssaat.

ke. Darmstadt, 11. Mai. Gegen einen Mieter, der beim Abschluß des Mietvertrags über die Anzahl feiner Kinder während der Unterhaltung unrichtige 'Angaben gemacht er hatte von vier gesprochen, während er nut elf und einem iinehelichen Enkelchen angezogen kam erhob der Haus­besitzer Räumungsklage. Das hiesige Apitsgericht gab der Klage statt. Das Landgericht als Berufungsinitenz bestätigte das Urteil.

* "3 n dem Wcttbcwc rb um den RatbauZneubaa in Heidelberg bat das Preisgericht von 110 ei »gereichten Entwürfen an drei Entwürfe einen ersten und zwei zweite Preise verteilt. Den ersten Preis in Höhe von 4.'>00 Mark erhieUr Architekt Will,. E af-Stuttgart; zwei zweite Preise in Höhe von je 3000 Mark erhielten Militarbanlnspcktor Rud. Perig- n o n > Würzburg und Baumeister Ad. S) erb er g er Aschaffen­burg, sowie die Architekten Rummel u. Förster-Stuttgart. Außer­dem wuroen iw3i drei Enttvürfc zu k 1000 Mark angekausi: unb zwar die von Architekt L. Sjcnbcder Llcbcrlingcn, Professor Paul M c i ß n e r - T a r nt stad: und Architekten .Schuster u. Holtz-Freiburg i. Br. ......

* Tas Erdbeben von Costa Rrca r>t, lute sich jetzt herausstellt, auch von den Erdbebenwarten in .Ham­burg uni) Laibach ausgezeichnet worden, doch waren die Aufzeichnungen so schwach, daß sie nicht auf ein so verheeren­des Beben gedeutet werden tonnten. Am 5. Mai gegen 1 Uhr 45 Mm. wurden in Laibach schwache Fernbebemun- zeichnungen verzeichnet. Lange Wellen traten gegen 2 Uhr 15 Mitt., das Ende um 3 Uhr früh ein. Der .-HerdabstaiU» lag bei 10 000 Kilometer. Tiefe Aufzeichnung wurde mir der Hamburger Warre mitgeteili, wo gleichartige Auszeich­nungen erfolgten. Ihr Zusammenhang mit Eariago ist zwciscllos. Tre Berechnung ergibt als Eintrittszeit 4. Mai, 6 Uhr 56 Min. abends, welche Zeit mit den Zeitungsmel- bungen gut übereinftünmt Tie Bobenperiodo von Costa 'Jtica begann am 12. April. Tas Beben vom 4. d. M. war ein Nachbeben, dessen Sperb jedoch seicht und unmittelbar unter der Stadt Cartago ge­legen war. Aehnliche Beobachtungen wurden auch bei der Ktugsrou-Katastrophe 190 i gemacht. Unter diesen Voraus­setzungen iönnen auch schwachen Fernbebenauszeichnungen zerstörende Erobebenlatastrophen zugrunde liegen.

Kleine Tageschronik.

Ter Schaffner Schmidt aus Tortmilnd der bei dem Eisen­bahn u n g l ück i n Al ü l h e i m verletzt wurde, ist am Mittwoch Morgen in Köln leinen Verletzungen erlegen. Im Ganzen hat der Unfall jetzt 23 Opfer gefordert.

Pearh ist mit seiner Familie vom Anhalter Bahnhote in Berlin abgereift; er wird in Halle Verwandte besuchen unb dann nach Rom fahren. . .

In Berlin stieg das Thermometer gestern au, 2o Grad int Schatten. Abends und in der Nacht gingen verschiedene kurze Gewitterschauer nieder, ohne daß eine merkliche Abküh­lung eintrat. Zn der vorletzten Nacht herrschte in Westpreußen Sturmwetter. Zn einem Orte wurde das Tach eines .Hau,es 500 Meter weit geschleudert. Auch in Mitteldeutschland gingen gestern mehrfach Gewitter nieder. , ,

Zn München vergiftete sich der 15 Jahre alte «ohn cine5 Münchener Weinhändlers mit Sublimat und jagte sich außerdem eine Kugel in den Kops, weil ihm der .Vater nicht genug Taschengeld geben wollte.

In ganz Ztalienist ein starker 2B c 11 c r ft u r j emgetreten. Aus den norditalienischen .Voralpen werden starke Schnee­fälle gemeldet. e r . . , _. , ,

Tas englische Unterseeboot8" sank bei einer Uebungssahrt vor P 1 hmuth über 200 Fuß tief; erst nach einer stunde gelang cs, das Boot wieder hoch zu bringen.

In Franzisko Pußta bei Fünskirchen stahlen slowakische Arbeiter einen Sack, in dem sic Salz vermuteten, der icbodi Chlorkalk enthielt. Tie Arbeiter aßen davon. Einer starb soiort, 27 liegen im Sterben._

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Danksagung.

Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei unserem schweren Verluste, sowie für die zahlreichen Bin menspenden sagen wir hiermit unseren herzlichsten Dank- Ganz besonderen Dank den eoangel. Schwestern für die aufopfernde Pflege.

Zm Namen der trauernden Hinterbliebenen:

Wilhelm Zipp.

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Lai.w d-8 Tages unter Verstärkung nordwestwärts nach Frank- reich zog, heroorgernfen worden. Die Bewegung der Luft­wirbel nach Westen ist eine sehr selten eintretende Erscheinung; auch Ostgewitter werden in unserer Gegend selten beobachtet, da die Tiesdruckwirbel meist im Norden Deutschlands vorüber­gingen. Die heftige Entwicklung der gestrigen Gewitter ist vor allem auf die seit einigen Tagen vorhandene hohe Wärme über Rußland und Südosteuropa zurückzuführcn, die in schroffem Gegensatz zu der niederen Temperatur des nörd- lichen Europas stand. Dadurch sind Druckunterschiede ent­standen, die einen explosionsartigen Ausgleich mit sich brachten. Da derartige Wetterlagen äußerst feiten auftreten, haben die meisten ausübenden Meteorologen keine Erfahrung, die eine Voraussage dieser Erscheinungen ermöglichte.

Die Gewitter waren äußerst heftig und haben vielfach be­sonders in Wäldern großen Schaden an gerichtet. Ta­del sind starke Regen gefallen: Gießen 13, Darmstadt 15, Metz 15, Karlsruhe 16 nun. Ihre Verbreitung hat sich aus Mittel- und Südwestdeutschland beschränkt, während das ganze Norden und Osten des Reiches geroitterfrci war und bereits gestern bei Ostwind warmes Wetter hatte. Die Zyklone über Italien, die die Gewitter brachte, hat aber auch nun endlich durch Ansaugen warmer Ostwtnde§ Rußland das seitherige kühle Maiwetter beendet.

Ein Opfer des Sturmes, wenn auch kein direktes, war auch unsere elektrische Straßenbahn, die etwas über eine Stunde, etwa von V29 bis l/810 Uhr, stillstehen mußte. Ein herabfallender Ast war nämlich auf die Blitzableiteranlage an der Wieseckbrücke gefallen, wodurch Kurzschluß entstand, weshalb der Betrieb eingestellt werden mußte:

Zm Rangierbahn Hof wurde eine als Unter - ruiiii5raiun für Arbeiter dienende Halle abgedeckt. Tas stürzende Dach brad)tc dir elektrische Leitung in Unordnung, so daß der entstehende Kurzschluß verursachte, daß der Rangierbahnhof eine octllang im Dunkeln lag.

Auch von außerhalb sind uns zahlreiche Nachrichten zugegangen, die von außerordentlichen Sturmschäden zu melden wissen. So wird uns vom Schiffen berg berichtet, daß der Sturm dort an den Obstbäumen und im Walde große Verheerungen anrichtete. Ueber 100 Obstbäume sind dem Unwetter zum Opfer gefallen. Die Telephonleitung dorthin ist unterbrochen.

Zn Klein Linden entstanden Sturmschäden, durch die u. a. ein Dach abgedeckt wurde. JnGroßen-Linden entführte Der Sturm eine yalle, so daß die darin verwahrte Maschine plötz­lich im Freien stand. Zn Lützellinden schlug der Blitz in einen Birnbaum, der völlig zerstört wurde. In H euch ei­ne im entstand ebenfalls großer Schaden. Eine Mauer wurde umgerissen und viele Obstbäume wurden entwurzelt.

Auch von Garbenteich werden schwere Sturmschäden gemeldet. Große Baume wurden aus der Erde gerissen und auch die Dächer haben sehr Not gelitten. Einige Telegraphen­stangen stürzten auf das Bahngeleise und ein Güterzug, der längere Zeit hier sestgehalten wurde und dem erst durch einen aus Gießen gekommenen Hilfszug die Weiterfahrt ermöglicht ivurde.

Bon Hungen wird berichtet: Ueberall sind Fenster­scheiben zertrümmert, Dächer abgedeckt, am Bahnhof sind die meisten Scheiben der Laternen entzwei und das Well­blechdach einer Treppe zur Unterführung wurde abgehoben und weithin geschleudert. Schornsteine wurden herunter­gerissen, Scheunentore eingedrückt, große Pappel- und Obst-- bäume umgeweht und auch sonst überall großer Schaden ver­ursacht. Die in der Blüte stehenden Obstbäume haben sehr gelitten, denn Blüten und Blätter liegen wie gesäet umher. Auch im Wald ist der Schaden groß.

Auch Kinzenbach wurde von dem furchtbaren Un­wetter hart mitgenommen. In ganzen Straßenzügen wurden die Ziegel abgcdeckt, und mächtige Hoftore umgeworfen. Sehr groß ist der Schaden für unsere Obstbäumc, liegt doch gar

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Lustschiffahrt.

Ballonunfall.

Newy 0 rk, 12. Mai. Ballonführer Fordes stieg Montag nacht mit einem Begleiter in Quino n (Illinois) mit dem Ballon /Utting" auf, um den Wettsieg der Ltfianziahrt zu brechen. Sie wurden nachts in der Nähe von Glasgow (Kentucky), wo der Ballon niedergegangen ist, besinnungslos im Korbe auf- gefunden. Tas Befinden beider ist e r n st.

Forves nahm bekannllich 1908 an dem Gordon-Bennei- Wettrennen in Berlin teil. Sein Ballon platzte damals über Friedenau und siel auf ein Haus.

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Budapest, 11. Mai. Für die in der Zeit vom 5. bis 16. Juni hier abzuhaltende Flugwoche haben zahlreiche deutsche Flieger ihre Beteiligung angeineldet; unter diesen befinbeii sich Behreiid mit einer eigen besonders gebauten Maschine. Außer Panlhan, L a 11) a m, garman und Rougier haben u. a. Esfim 0 ff und Baronin de la Roche ihre Betelligung ange­meldet. Auf den ungarischen Staatsbahnen werden von der Landes­grenze ab F a h r k a r t e n, die mit Eintrittskarten zur Flugwoche erbiniden sind, zu ermäßigten Preisen auSgegcben.

Beginn der paffioirrspiele in (Oberammergau.

Ober-Ammergau, 11. Mai. Zur Hauptprobe der Passionsspiele, die heute vormittag um 8 Uhr begann, war das große Schauspielhaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Mit dem Sonderzug waren auch Mitglieder des bayerischen Landtages ein- getroffen. Während der Nacht hat es stark geschneit. Es machte einen eigenartigen Eindruck, daß a uf den Räumen, auf den Brüstungen und auf der offenen Bühne während der Vorstellungen noch Schnee lag. Ter Tarsteller des Christus, Anton Sang, ist noch derselbe, der schon bei der letzten Ausführung vor zehn Zähren den Christus darstellte, ebenso liegen auch mehrere andere Rollen noch in denselben Händen. Eine besondere Durchbildung hat, in­zwischen der Chor erfahren. Schon das erste Auftreten des großen, aus 400 Personen bestehenden Chors, ebenso das erste lebende Bild, die Vertreibung aus dem Paradies, sowie die erste große Voltsszene, der Einzug in Jerusalem, machten großen Eindruck. Alle Zuschauer folgten dem Gang der Handlung mit steigender Teilnahme. Ober-Ammergau ist trotz des kalten Wetters über­füllt. Für die Hauptaufführungen ist nach den Bestellungen ein überaus starker Besuch erwartbar.

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