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Nr. 109 Erstes Blatt 160. Jahrgang Donnerstag 12. Mai 1910
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wittschastliche Zeitfraze« W 30 ™ B Chefredakteur: A. Goetz,
^entsprech'Anschlritze: M ® «S M Verantwortlich für den
für die Redaktion 112, < politischen Teil: Auflust
MU General-Anzeiger für Oberhessen MM d^T°^numm-r Hotati*ns»ni<f nn6 Verlag der Srühl'sch-n Uni».=Bud)= und Steiadruckerei R. Lange. Nedaltion, Expedition und vru-ler-i: Schnlftrahe 7.
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Graf Zeppelin imö das preußische Kriegsminifterium.
Wir erhalten von einem unserer Mitarbeüer folgende interessante Mitteilungen:
A Berlin, 11. Mai.
Bei dem Prinzen Schänaich-Carolath, dem bekannten nationalliberalen Abgeordneten, fand gestern abend ein •Souper zu 17 bedecken statt. Der Gastgeber veranstaltete die zwanglose Zusammenkunft zu Ehren des in Berlin weilenden Grafen Zeppelin. Der greise Erfinder gab zu, daß das Verhältnis zwischen ihm und dem Kriegsministerium ein andauernd frostiges sei. Es seien ihm sogar Schwierigkeiten gemacht worden, bis er ei,ne Audienz bei dem Kriegsmini st er n. Heering en durcbgese'tzt habe. Sehr ausgefallen sei c5 ihm auch, daß der Reichskanzler v. Bethmann - Hollweg bei einem Diner, auf dem er letzthin mit diesem .zusammentraf, mit keinem Worte des Weilburger Unfalles Erwähnung getan habe, geschweige denn ihm seine Teilnahme ausgesprochen hätte. Er habe allen Grund zu befürchten, daß nunmehr auch d er Kaiser von dieser gegen ihn und sein Werk gerichteten Strömung im Kriegsministe- rium beeinflußt werde. Mit auf seine, des Grafen, Veranlassung habe man von einer parlamentarischen Anfrage über das Weilburger Ballonunglück abgesehen, weil er an nahm, daß man gegen fein System aus dieser traurigen Sache seitens Der Militärbehörde nicht Kapital schlagen wolle. Sollte sich diese seine Ansicht aber als irrig erweisen, und sollten ihm .iveitere Schwierigkeiten bereitet werden, so würde er sich .doch schließlich gezwungen sehen, einen Appell an den Reichstag zu richten. Denn es sei gar nicht zu leugnen, daß bei der Landung in Limburg ganz grobe Verstöße siegen die von ihm selbst gegebenen Vorschriften bei Landungen der Z.-Schiffe vorgekommen feien.
Jetzt scl)eine man ihm und seinem System seitens des .'triegsministeriums den Weilburger Unfall in die Schuhe schieben zu wollen. Geschehe das, so werde er sich zu rechtfertigen nnssen. *
Gleichzeitig aber wendet sich auch die Zeppelin- Luft s ch i s s b au g es e l l s ch a f t öffentlich gegen die mitgeteilten amtlichen Erklärungen über das Weilburger Unglück, und so erscheint der obige Bericht doch wieder glaub- ! ,ast. Jetzt werden übrigens von Friedrichshafen dieselben Verwahrungen erleben, die unser Gewährsmann in Köln mehrfach angeführt hat:
Friedrichshafen, 11. Mai. Die Zeppelin-Luftschiffbau-Gesellschaft teilt mit:
lieber die Ursache der Katastrophe des „Z. II" bei Weilburg bringt die „Berliner Korrespondenz" eine offizielle Erklärung, mit der w i r nicht einverstanden sein können. Das Wesentliche dieser Erklärung liegt für uns darin, daß durch eine von der Seite kommende,Böe das Luftschiff herum- aescklcudert worden sei, wobei die Befestigung des Haltebügels brach und die vorderen Streben des Laufsteges abgescheert wurden: bas Ankerseil sei dadurch wahrscheinlich in ruckweiser Spannung gekommen und gerissen. Es ist bei der Art, wie die Verankcrungs- organe innerhalb des „Z II" von uns angeordnet wurden, tech- i .isch unmöglich, daß der Vorgang des Losreißens sich in der beschriebenen Weise abgespielt hat. Der Öaltebügel ist nicht nur durch bic starre Lausgangspivc, sondern durch dia.gonal verlaufende Drahtseile fixiert und kann seine Lage bei seitlichem oder nach unten gerichtetem Ziehen nicht verändern, so lange diese Drahtseile nicht gerissen sind. Nun hat aber unser Ober-Ingenieur an Ort und Stelle st stgestellt, daß diese Seile und ihre Befestigungspunkte noch nach Der Strandung bei Weilburg intakt waren, wie auch aus Photogravhicen ersichtlich ist, daß noch nach der Strandung bas vordere Ende des Fahrzeuges an den von uns angebrachten
Verankerungsorganen sich zu bewegen suchte. Mithin kann der verderbliche Ruck, in dem die Ankerleine brach, nicht durch das vorhergehende Brechen von Schiffsteilen veranlaßt worden sein, die durch untere Verankerung in Anspruch genommen wurde. Es muß hier also unbedingt ein Irrtum der Beobachter, des Vorganges vorliegcn. Wohl aber hat eine andere Erklärung starke innere Wahrscheinlichkeit. Man hat es für zweckmäßig gehalten, noch eine Reserveverankerung eigener Konstruktion an dem Luftschiffe, vielleicht anTeilen.diedafür nicht geeignet waren, anjubringen. Da nun übereinstimmend bekundet wird, daß beim Einsetzen der unglücklichen Böe Teile des Luftschiffes brachen und herausgerissen wurden, so bleibt nur die Annahme übrig, daß es diese Reserveverankerung war, welche nicht Stand hielt und Teile des Luftschissgerippes mit herausriß. Infolge dieses Umstandes mag dann ein starker Ruck entstanden fein. Das ist umso wahrscheinlicher, als die am unteren Ankerringe angebrachte Leine — wie aus Photographieen ersichtlich ist — vielzulanggenommen war und die Spitze des Luftschiffes Spielraum genug hatte, um plötzlich nach den Seiten und nach oben zu schießen. Eine solche Bewegung der Luftschiffspitze nach der Seite hin und nach oben mußte aber umso sicherer und heftiger bei einem solchen Windstöße erfolgen, wenn das Hintere Ende des Fahrzeuges von den dort aufgestellten Leuten nicht sofort freigegeben,rourbe. Ein vorne kurz verankertes, hinten frei bewegliches Schiff hätte in der Böe sich einfach in der Windrichtung eingestellt, wie Erfahrungen, namentlich bei Buelzig bewiesen. _ Die Verankerungsorgane finb fest genug, auch bei starken Windstößen standzuhalten.
Wir können nach alledem es nicht für richtig halten, wenn in dem letzten Satze der offiziellen Darlegung aus der Weilburger Katastrophe Schlüsse auf die W e 11 e r t ü ch 11 g k e rt unserer Fahrzeuge gezogen werden, zumal ja noch der Weg offen gestanden hätte, durch eine geeignete Bedienung der £>öhenfteuer — w i e es leider nicht geschah — die Wirksamkeit der Verankerung zu unterstützen und durch stetiges Wachen in den Gondeln ein führerloses Abtreiben, das allein eine Katastrophe bringen mußte, zu vermeiden.
Line Kluft zwischen der Kolonialverwaltung und dem Landesrat in Windhuk.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Nach einer überseeifchen Korrespondenz hat der L a n d e s r a t in Windhuk mit einer Resolution geschlossen, worin er erklärte,, außerstande z u sein, der Politik des Reichs-' kolonialamts mit Zuversicht 3 u folgen, roetl Staatssekretär Dernburg es abgelehnt habe, bezüglich de? Vertrages mit der Kolonialgesellschast den Landesrat anzuhören. Hierzu fuhrt die „Norddeutsche Allg. Ztg." aus:
„Die Begutachtung von Verträgen der Zentralverwaltung gehört nicht zu den Funktionen des Landesrats. Die Notwendigkeit der unter dem Namen „Sperre" bekannten Maßnahme ist sowohl im Schutzgebiet als auch in der Heimat allseitig anerkannt. Ter jetzt bestehende Streit gipfelt in der Frage, ob jene Sperre zu Gunsten der deutschen Kolonialgesellschast hätte ausgesprochen werden dürfen, oder ob die Möglichkeit bestand, sie für den Fiskus des südwestafrikanischen Schutzgebietes vorzunehmen. Diese Frage ist eine reine Rechtsfrage. Sie kann weder aus opportunistischen, lolalpolitischen, noch aus ifiskalischen Gesichtspunkien entschieden werden. Da die Entscheidung von Rechtslagen nirgends zur Kompetenz Don Körperschaften der Selbstverwaltung gehört, gehört sie auch nicht vor das Forum des Landesrates. Derartige Fragen sind im Streitfälle vor Sie Gerichte zu bringen. "Die Kolonialverwaltung hat eTn Gutachten des Reichsjustizamts eingeholt, welches dahin ging, daß nach Lage der zur Prüfung stehenden Rechtsverhältnisse zugunsten des Fiskus des südwestasrikanischen Sckiutzgebietes eine Sperre nicht zulässig wäre. Diese Sachlage nötigte die Kolonialverwaltung, den Weg des Vertrages zu beschreiten. Es erhebt sich schließlich die Frage, ob dem Schutzgebiete durch die Resolution des Landesräts gedient ist. Eine solche Resolutton gehört zweifellos nicht zu seiner Kompetenz: auch läßt sie 'die unentbehrliche Objektivität vermisse n. Der Landesrat ist ein beratendes Organ der Verwaltung. Setzt er sich durch eine solche Resolution in offenen
Gegensatz zur Veraltung, so wird er schwerlicki verlangen können, datz die Verwaltung ihm mit Vertrauen entgegenkommt."
Das Lob des Königs Lduard im englischen Parlament.
London, 11. Mai. ■ Das Unterhaus ist voll besetzt alle Mitglieder sind in Trauer kl eidnng erschienen und rnaren ent blökten Hauptes. Premierminister Asquith gab zunächft eine B 01 s ch a f t d e s >1 ö n i g s G e 0 r g über den Tod König Eduards, bekannt. Daraus brachte der Finanzminister zwei Entschließungeir ein, die eine betr. eine Beileids- und Glückwunfckkundgebung für Köittg Georg, die andere detressend eine Beileidstundgebung für die Königin-Mutter.
Premierminister Asguith führte dabei aus:
Die Regierungsjahre des iverewigten Königs wiesen eine Fülle, großer Ereignisse, sowohl im Mutterlande, wie außerhalb desselbeir im brittsckxm Reiche auf. In unseren, Beziehungen zum Aus-- lande sind diejenigen wachsender Freundschaften feste Bürgschaften' für den Frieden der Menschheit gewesen. Innerhalb des Reiches hat sich aber der Sinn für big Abhängigkeit der einzelnen Reichsteile voneinander, das Bewußtsein gemeinsamer Interessen und Gefahren, die immer fester werdenden Bande korporattver Einheit in einer Weise entwickelt, wie dies nie zuvor der Fall gewesetr ist. In allen diesen vielgestaltigen Ereignissen im Lande und im Reiche wird die Geschichte dem König, den wir verloren, den Einfluß besonderer Würde und besonderen Ansehens zuerlennen. In den äußeren Angelegenheiten war f c i n m ä d) t i g c r persönlicher Einfluß f c ft und unaufhörlich darauf gerichtet, nicht bloß jeden Anlaß, sondern auch jeden. Vorwand zum Kriege aus der Welt zu schaffen. Wir besaßen in ihm einen Schiedsrichter von reifer Erfahrung! und scharfem Urteil, einen ergebenen Verehrer unserer Traditionen, einen wachsamen Hüter unserer lonstüutionellen Freiheiten. Asquith pries bann des verewigten Königs starkes Gefühl für öffentliche Pflichten, ffeinen unvergleichlichen -taft im Verkehr mit den Menschen, feinen Scharfsinn, um aus verwickelten Situationen beit heften Ausweg zu finben, seine Menschenliebe, Lopalität und Güte gegenüber seinen Ratgebern und Dienern. In feinem Volke habe er die Erinnerung an große und günstige Gelegetcheiten, die in großartiger Weise verwertet tourten, hinterlassen, u
Mit offensichtlicher Bewegung stprach der Premierminister bann von der Königin-Mutter wnd brachte ihr bas aufrichtigste: Mitgefühl des Hauses bar. Dann w a n d t e sich Asguith zu dem neuen Souverän und führte aus: Er nimmt zu einer heitlen und schwierigen Zeit eine Bürde auf sich, so schwer, wie sie einem Manne nur beschieten sein kann. San eit Sie uns ihm die Versicherung geben, daß es nicht nur unsere feste Hoffnung ist, sondern unsere vertrauensvolle Ueberzeugung, daß er sich als ter würdige Nachfolger des großen Königs, den. wir betrauern, zeigen wird.
Balfour zollte den ipersönlichen königlichen Eigeitschaften des verewigten Königs gleichfalls warme Anerkennung und nannte ihn einen der gelidbtesten Monarchen, die je das britische Reich» beherrscht.
Die Entschließungen wurden darauf mit sympathischem Schwein gen angenommen.
Loudon, 11. Mai. Im Ob er häufe wurden den iin- Unterhause beantragten gleichartige Entschließungen eingebracksts und angenommen und im Tone ähnliche Reden gehalten wie im1 Unterhause.
Beide Häuser des Parlamentes werden sich am 17. Mai versammeln, um die Leiche des Königs zu empfangen, wenn sie nach der Westminsterhall übergeführt wird.
Aus dem Strasprozetz-Ausschuh.
:: Berlin, 11. Mai. Der S t r a fp r 0 4 c ß a u s s chu ß des Reichstages setzte die 'Beratung des Abschnitts über ten, Zeugeneid fort. Der Schlußsatz des 8 57 erhielt folgende. Fassung: „Alle Personen, die das Zeugnis ober die Auskunft über einzelne Fragen verweigern können, sind hierüber zu belehren." Bisher ist dies nur in gewissen Fällen erforderlich. § 59 handelt von den Personen, die nach richterlichem Ermessen unvereidigt bleiben können. Nach Ziffer 2 des Entwurfs sollten darunter im Privatklageverfahren Angehörige des Privatklägers' fallen. Dies wurde gestrichen und an Stelle dieser Ziffer bc-
Aunft, Wissenschaft und Leben.
— D r. Georg Ludwig f. Geheimer Medizinalrat Dr. Ludwig ist wie schon gemeldet wurde, am 3. Mai als Vierund- achtzigjähriger in H e p p e n h e im a. d. B. g eft 0 rb e n. Nachdem (u von 1855—1865 die Landesirrenanstalt in Hofheim geleitet hatte, erbaute er die für die damalige Zeit mustergültige und heute noch in Blüte stehende Landesirrenanstalt .Heppenheim und siedelte als deren Direktor dahin über. Als hervorragendes, organisatorisches Talent war Ludwig auch die Haupttriehieder zur Gründung des Vereins südwestdeut- f ff> e r Psychiater, dessen Tagungen er lange Jahre leitete. Erst kürzlich noch ehrte der Verein Deutscher Psychiater seine Verdienste, intern er ihn zum Ehrenmitglied ernannte. Was heute die moderne Seelenheilkunte will, durch den persönlichen Einfluß des Arztes auf das kranke Gemüt helfend und lindernd l mzuwirken, die Seiten des Seelenlebens der Kranken zu pflegen, die dessen noch fähig sind, erkannte er schon damals als das Richtige. Von diesem Gesichtspunkte aus gründete er als die Krone seines Schaffens, die ihn ehrend überdauert, den Hilfs- v e r e i n f ü r d i e G e i st e s k r a n k e n im Großherzogtum Hessen, dem er, wie die „Darmst. Ztg." mitteilt, noch bis kurz vor seinem Tode seine ganze Arbeitskraft widmete.
— Ein allmächtiger Wettermacher. Schon vor ein paar Wochen hat ein Herr R. Rodrian in Berlin als Wetterprophet von sich reden gemackst. Der Mann legte sich ten Namen „Meteorologisches physikalisches Jnstttut" bei und verschickte Bestellscheinformulare an Wirte, die sich verpflichten sollten, für jede richtige Voraussage guten Wetters 2 Mk. zu zahlen. Das heißt, er redete sich ein ober anbern vor, daß er das Wetter nicht nur prophezeien, sondern auch machen könne. Die Zahl derer, die nicht alle werden, scheint aber sehr gering gewesen, zu fein, beim Herr Rodrian hat jetzt ein zweites Rund- s breiten in Umlauf gesetzt, worin er, ter Boss. Ztg. zufolge, s'igt: „Wir haben etwa 800 Offerten an Gartenlokalinhaber Berlins und Groß-Umgebmig versandt, einladend zum Abonnement amf eine Wettervoraussage für jeden Sonntag, die beim Besteller am vorhergehenden Freitag eintreffen soll. Wir stellen den Preis amf 50 Pf cf, 1 und 2 Mk. pro Ansage, je nach der Kulanz der Wirte und derGröße ihrer Lokale. Wir wandten uns vor allem darum am die Gastwirte, die ein Gartenlokal besitzen, well diese ein tzoheZ geschäftliches Interesse daran haben, daß an Sonntagen
trockenes, eventuell heiteres Wetter ohne Regen herrscht. Wenn wir nun sagen: Wir vermögen für den Sonntag^drohendes trübes o"ter regnerisches Wetter für die Dauer des Sonntags a b z u - wenden, so müßten doch gerate diese Kreise, die so intensiv wie nur möglich interessiert sind, etwas Interesse zeigen . . . Unser Schreiben aber ist unbeachtet gelassen worden. Auf etwa 800 Offerten gingen insgesamt nur 11 Bestellungen ein . . . Aus Grund der uns in so geringer. Menge gewordenen Abonnements können wir unsere Sache nicht wefterführen und erklären wir hiermit, daß wir die Beeinflussung des Wetters dahingehend, daß an allen Sonntagen schönes heiteres Wetter ohne Regen sein soll, bis auf weiteres vollständig einst eilen. S3id die Wetterlage ist, wird es voraussichtlich am Sonntag, 8. Mai, bei Gewittererscheinungen Regen geben, auch kann dies Pfingsten der Fall sein! Was aber ein verregnetes Pfingstfest an Verlust und Gewinneinbuße bedeutet, weiß jeder Wirt. Wir sagen darum nochmals: Wir vermögen das Wetter zu beeinflussen, brauchen jedoch zu jeder Beeinflussung vier volle Tage. Will man uns Vertrauen entgegenbringen, so, abonniere man sofort, aber in Masse. Vertrautman uns rechtzeitig, so schaff'enwireinschönesPfing st wette r,wirsagen dann ausdrücklich an, roic bic Wetterlage am Feste sein wird, damit man nicht von Zufall reden kann. Um allem vorziHeugen, sagen wir schon heute, daß wir, wenn genügend Abonnements einlaufen, das jetzt auf dem Atlantischen Ozean zwischen Madeira und ten Azoren befindliche „Hoch" nach Mfttel- und Nordeuropa schaffen, was untebingt längeres schönes sonniges Wetter «zur Folge hat." Diese Geschichte brauchte man nur von der heiteren Seite zu nehmen, wenn der Prophet nicht Geld verlangte. „Für nichts ist nichts," sagt er, und in demselben Augenblick, wo er versichert, seine lobesame Tätigkeit bis aus weiteres vollständig einzustellen, fordert er zum Mafsen- atemnement auf. Nach tem Bestellzettel soll auf 25 Voraussagen abonniert werden. Pro Stück 2 Mk. Zu bezahlen braucht ter Abonnent nur die falschen Prophezeiungen nicht. Treffen also zufällig einige ganz willkürliche Voraussagen ein, so bleibt immer bei „Massen-Abonnement" ein hübsch Stück Geld verdient. Ater es wird kaum dazu kommen, denn man merkt die Absicht, und der Prophet gilt sicherlich nichts im Vaterland.
— Pfingsten auf bet Bühne. Daß das Pfingstfest auch schon Gegenstand eines ganzen Bühnenstücks gewesen ist.
wird nicht allzuvielen bekannt sein. Im Jahre 1816 erschien in Straßburg ein Lustspiel „Der Pfingstmontag", bas baburd)' ein literarisches Interesse beansprucht, daß Goethe es besprochen und anerkannt hat. Ter Verfasser war ein Jurist, Professor an der Universität, Namens Arnold, ter in dem Stücke sich die Aufgabe stellt, alte deutsche Sitte zu schildern. Das Stück spielte im Jahre 1789, wv, wie Goethe in seiner Besprechung lagt,1 „das althergebrachte Straßburger Bürgerwesen sich gegen neuern- ben Einfluß noch einigermaßen derb und zäh bewahren konnte: und so wirb uns bas Werk boppelt wichtig, weil es das Andenken eines Zustandes erhält, welcher später, wo nicht zerrüttet, doch gewaltsam durcheinander gerüttelt wurde." Leider roar das Stück auch im elsässischen Dialekt geschrieben, so daß es über seine engere Heimat kaum von der Bühne herab bekannt werten konnte. Goethe lobt das Werk ungemein, doch erscheint es offenbar, baßi seine Vorliebe für das Werk durch seine Erinnerung an die in \ Straßburg verlebten Jünglingsjahre hervorgerufen wurde. Die Handlung des in Alexandrinern geschriebenen Stückes beginnt am Pfingstsonntag nach Tisch, die vier erste Akte dauern bis tief in die Nacht hinein, die Entwickelung und der Schluß bilden ben am Pfingstmontag spielenben fünften Aufzug. Tie Schilderung des für Pfingsten typischen festlichen Lebens ist übrigens nur gering und etwas lose in bic Handlung verwoben, die eine harmlose Liebesgeschichte schildert. — Ein neueres Gegenstück zu Arnolds „Pfingstmontag" hat dann im Jahre 1899 der jetzt in Bonn wirkende Universttätsprofefsor Heinrich S ch n c e g a n 5 mit seinem Tialektlnstfpiel „D'r Psingschlmondaa üun hitt zu doa" lvon heutzutage) gegeben, das hie elsässischen Bolkssttten von heute denen jener „guten alten Zeit" gegen überstellt.
— Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschaft. Im Alter von 40 Jahren ist der Kunsthistoriker Walther' Gensel in Berlin gestorben. Er war Tirektorialassistent am Kupferstichkabinett, seine Bücher behandelten mit Vorliebe Paris und die französischen Maler. Außerdem schrieb er Kritiken über das deutsche Kunstleben, in denen er, seiner eigenen Art gemäß, das Feine und Stille bevorzugte. — In Jena ist der bekannte Goetheforscher, Geheimer Hofrat und Direktor des grohherzoglich- sächsischen Staatsarchivs a. D. Burkhardt im Alter von 80 Jahren g e ft 0 r bc n. i 1


