«r. SIS Zweites Blatt
160. Jahrgang
Montag IS. September 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Siebener FamittendlStter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Krdtflott für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitsragen" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Gberhejjen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Der Zarenbesuch und die Sozialdemokratie.
L. L. Da r m st a d t, 11. September. Die heute nach- rittcrg in Langen an Stelle der verbotenen Wid er- pruchsversammlung gegen die Anwesenheit des taten im Garten des Anthes'jchcn Lokals anbe- aumte Versammlung war von 3000 bis 4000 Teilnehmern besucht. Das Hauptkontingent stellten die sozäal- emokratischen Turn-, Gesang», Nadfahr- usw. Vereine, doch larcn auch viele harmlose Spaziergänger aus der Umgegend nit Frau und Kindern zugegen. Die zahlreich erwarteten (rankfurter Genossen waren fast gänzlich ausgeblieben. Der Versammlungsleiter ermahnte einleitend die Genossen, vor- ichlig zu sein, da anscheinend viele „Lockspitzel" zugegen den, nach denen man sich jedoch vergeblich umsah. Als rster Redner sprach Abg. Ulrich über das „Vereins- und >ersammlungsrecht im freien Hessenland". Er führte aus, aß die erste Versammlung ordnungsmäßig angemeldet gewesen und das Verbot gesetzwidrig sei. Man werde den reisrat und die Regierung im Landtag dafür zur Rechen- chaft ziehen. Das Verbot widerspreche den Art. 79/80 er Kreis- und Provinzialordnung, wie Art. 1 des Reichs- ereinsgesetzes. Der ihm auf seine telegraphische Beschwerde om Minister des Innern erteilte Bescheid, daß den Ber- nstaltern der Rekurs beim Provinzial ausschuß zustehe, sei berslüssig. Die Behauptung, daß schon die Einladung ur Versammlung die Aufreizung der Massen zu Gewalt- ätigkeiten zur Folge habe, sei eine unerhörte Unterstel- ung. Das Ministerium Ewald, der noch bei Beratung des Vereins- und Versammlungsrechts in der Kammer eine iberale Handhabung zusicherte, habe mit dem Verbüt gezeigt, aß es zu den reaktionärsten im ganzen Deutschen Reiche ehöre; es müsse Aufgabe der Partei sein, das Ministerium ävald zu beseitigen.
Der zweite Redner war der „3 e h n -- G e b o t e - H o f f - rann" aus Berlin, der das Verbot der Versammlung scharf ritisierte und dann ein grelles Bild von den in Rußland errschenden Zustande gab. Den Schluß beider Reden bil- ete eine eindringliche Mahnung an die Zuhörer, der sozial- emokratischcn Organisation 'beizutreten und natürlich mr sozialdemokratische Blätter zu lesen. Die Versamm- ung nahm schließlich folgende Entschließung an:
Die heutige öffentlicl>e Versammlung von mehr als 4000 Personen erbebt energischen Protest gegen das Verbot der zu- rst beabsichtigten Versammlung, in welcher Stellung zum Besuch >es russischen Zaren genommen werden sollte, 'öie sieht in »iesem Verbot eine Verletzung des Reichsoereinsgesetzes, welches n § 1 das Recht des Reichsbürgers, Versammlungen abzuhalten, gewährleisten will. Sie sieht aber auch in der Behauptung, daß »iese Versammlung eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit efürchten lasse, eine Verdächtigung der Arbeiter des Kreises Dffenbach, die durch nichts gerechtfertigt ist und von der Ver- ammlung energisch zurückgewiesen werden muß. Die Versamm- uug protestiert auch dagegen, daß der Ton der Einladung zu nefer Versammlung die Annahme rechtfertigen soll, daß der- elbc die Aufreizung der Massen zu Gewalttätigkeiten zur Folge inbat könnte. Nichts berechtigt zu dieser Annahme. Die Arbeiter des Kreises haben es stets verstanden, ihre Einsichten über 'ffentliche Fragen in Formen auszusprechen, die sich im Rahmen >er gesetzlich) gegebenen Verhältnisse bewegten. Nur der völlig Unkundige der Arbeiterverhältnifse unseres Kreises konnte eine derartige Auffassung aufkommen laffen. Die Versammlung sieht n diesem Verbot einen Versuch zur Russifizierung Messens, gegen die sie im Namen der Arbeiter dieses Landes Verwahrung einlegt. Sie ersucht die Landtagsfraktion, mit aller LntschiÄr-enheit im Landtag dagegen Stellung zu nehmen, um fu verhindern, daß diese Praxis Schule macht. Die Versamrn- ung überläßt es schließlich dem Kreisvorstand, zu erwägen, ob -s sich lohnt, gegen das Verbot den/Provinzialausschuß an» iurufen. Sie gelobt aber, noch energischer als bisher an der Sefreiung der Menschheit aus den Fesseln der Tyrannei zu wirken. Trotz allen Russenverboten der hessischen ■Regierung .aber nimmt die Versammlung sich aus eigener Macht >as Recht, gegen den Aufenthalt des Zaren als des Repräsentanten iUer Unkultur lauten Protest zu erheben und zu diesem Protest >aK ganze freiheitlich gesinnte Volk Hessens aufzurufen."
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r:‘: Fra nkfu rt, 11. Sept. Die internationale sozialistische Massenversammlung, die heute hier statt- ^and, war von etwa 20 000 Personen besucht. Es sprachen Faures (Paris), Keir Hardie (London), Vandervelde Brüssel), Klöppel (Wien) und Klara Zetkin (Stuttgarts gleichzeitig von fünf in dem Riesengarten des Tivoli verteilten Tribünen über die „Kulturgemcinschaft des internationalen Proletariats". Jaures verurteilte scharf den Krieg von 1870. K e i r Hardie wies auf das gute Einvernehmen zwischen der deutsch)^ and englffchen Arbeiterschaft hin, und zwar in englischer Sprache und gab dann ein Bild von der Entwicklung der englischen Arbeiterpartei. Seine Ausführungen wurden zum Schluß von Frau Zetkin übersetzt, die darauf sehr heftig gegen die letzte Kaiserrede polemisierte.
Widerspruchsversammlung gegen die lkaiserreden.
4 Berlin, 11. Sept.
Im Namen der drei freisinnigen Parteien hatte die Freisinnige Volkspartei für heute mittag eine Volksversammlung nach der Brauerei Friedrichshain einberufen, um zu den letzten Kaiserreden Stellung zu nehmen. — Der Vorsitzende Abgeordneter Rektor Kopsck legte den Zweck der Versammlung dar und erteilte bann das Wort dem
Reichstags-undLandtagsabgeordnetenWiemer, der mit einem Hinweis über die politische Lage begann. Der Redner kam auf die Steuerpolitik zu sprechen und führte dazu aus, bat bie angeblichen Besitzsteuern in Wirklichkeit Verkehrssteuern seien, bie nur ben Mittelstand treffen. Die Freisinnige Volkspartei werbe auch in Zukunft herauf halten, daß bie Steuerpolitik aufgcbaut wirb auf bem Fundamente der steuerlichen Gerechtigkeit. „Alle Lebensmittel, in erster Linie bas Fleisch, werden teurer. Dagegen kann nur helfen die Steigerung der Produktion durch die Vermehrung der mittleren und kleinen Besitzer. Gegenwärtig ist aber bereits der fünfzehnte Teil des Besitzes fibeikornmiff arisch gebunben. Die Elsaß-Lothringer sollen jetzt bas geheime unb birefte Wahlrecht bekommen, wir Preußen sinb bafür noch nicht reif. Der Kronprinz mahnte uns, bie völkische Eigenart zu wahren: ich weiß nicht, ob er barunter etwa bas Dreiklassen-Wahlrecht versteht. Dann hat er bavon gesprochen, baß den internationalisierenden Bestrebungen entgegengetreten werden müsse. Was er damit meinte, ist nicht recht klar, vielleicht kommt später ein Kommentar dazu. Wir geben der Türkei Schisse und Gelb, tonnten wir von der Türkei dafür nicht etwas Dehp Verständnis für konstitutionelle: Staatsformen austaujchen?
Die Königsberger Gottesgnabenrebe hat mit Recht in den weitesten Kreisen Mißvergnügen hervorgerufen. Die ganze
Gottesgnaben-Theorie gehört in bie Rumpel- k a n| m e r,
der König ist der erste Diener des Staates. (Stürmischer Beifall.) Wir gedenken des Wortes von Engen Richter: Auch du deutscher Bürger bist, was du bist, von Gottes Gnaden. Der Kanzler will letzt hinterher die Verantwortung übernehmen, er soll aber dafür sorgen, daß solche Kundgebungen überhaupt nicht Vorkommen. Der Kaiser hat gesagt: Ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. Nur sind die herrlichen Tage leider ausgeblieben. Heute scheint es, soll ein neuer Kurs eingeschlagen werden. Wir werden aber auf bie Reden zur Sammlung wenig geben, wenn nicht die Politik gänzlich verändert wird." (Stürmischer Beifall.)
Stadtrat Fischbeck:
Zufrieden mit ben letzten Kaiserreden sind nur wenige Kreise, die Junker, die sich an ben König heranbrängen und bie Herren vom Zentrum, bie, um Stimmen im Lanbc zu fangen, für das' gleiche, geheime unb birefte Wahlrecht eintreten. Es sollte eine Reform der Verwaltung kommen. Was ist babei herausgekommen? Die Rechte bes Landrats sollen noch erweitert werben. Wie weit bie Ansprüche bes Zentrums gehen, zeigt ein Artikel aus römischen Kreisen bes Auslanbes, ber sich darüber wundert, baß bie preußische Regierung zu dem Katholikentage in Augsburg nicht ihren Gesandten in München entsandt^ habe (Große Heiterkeit.) Wenn es den Nationalliberalen ernst ist mit dem Kampfe gegen bas herrschende Spstem, dann wollen mir ihnen gern die Bruderhand reichen. Wir wissen, was wir den Hohenzollern verdanken, wir wissen, daß ein Hol>enzoller es war, der an der Spitze ber Berliner unb Kölner gegen bie Junker auszog. Aber unsere prinzipielle Stellung können wir nur ändern, wenn eine liberale Politik Platz greift. (Lebhafter Beifall.)
Geheimer Justizrat Abgeordneter Dove führt sich als Vertreter der alten Lutherstadt Witteirberg ein. Kein Schwarzseher in .des Wortes schwärzester Bedeutung hätte die Entwicklung Voraussagen können, die wir seit 1870 genommen haben. Die ausschlaggebende Partei ist das 3entrum mit Hilfe ber Konservativen. Der quietistischen Philosophie des Reichskanzlers mit "einen gottgewollten Abhängigkeiten stellen wir das Wort des frommen Patrioten Arndt entgegen: Der Gott, ber Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte! Wir sollen uns unsere völkischen Eigenarten bewahren. Die Chinesen fangen allmählich an, ihre völkische Eigenart, ben Zopf, aufzugeben. Nur ein guter Christ soll ein guter Deutscher sein können. Da denken wir an das Wort Kaiser Friedrichs III., ber gesagt hat, daß 1870 alle ihre Schulbigkeit .getan haben. (Lebh. Beifall.)
Konrad Haußmann (Reichstagsabgeordneter aus" Stuttgart, mit stürmischem Beifall empfangen): Die politische Saison ist eröffnet durch eine königliche und kaiserliche Thronrede, die aber keine Gegenzeichnung trägt. Die politische Lage, bie burch die Schuld ber Regierung schon reichlich verwirrt ist, wird mm noch durch die Königsberger Rede beschwert. In ihr ist das Gottesgnadentum proklamiert worden für bie Königs- und für bie Kaiserkrone, und dieser Grundsatz steht im Widerspruch zu bem Mitbesttnunungsrecht des deutschen Volkes, das in ber Verfassung verbrieft ist. Wir müssen daher Stellung nehmen zu dem konstitutionellen Problem. Bei bien nächsten Wahlen werden alle Wähler Veranlassung haben, ihre Kandidaten zu fragen, wie sie sich zu dem Grundsatz des Gottesgnaden- tums stellen. Der leitende Staatsmann hat sich bisher einer Stellungnahme zum konstitutionellen Prinzip überhaupt entzogen, er hat sogar eine Stellung gegen den Konstitutionalismus eingenommen. Das ist das Gegenteil normaler politischer Verhält- msse. Es ist nicht schwer, zu der Kniserrede Stellung zu nehmen, ruhig unb ernst, wie es der hohe Redner beanspruchen darf. Das Zentrum lehnt sich eben immer ba an, wo es die größte Unterstützung finbet unb versteht es vortrefflich, bie schwarze Kleidung unter ben iveißen Hermelin zu stecken. Der nächste Wahlkampf wird der schärfste werben, den wir gehabt haben, aber ich fretue mich auf diesen Kamps,
wo wieder einmal große Fragen im deutschen Volk lebendig' werden. Der Reichskanzler wird auch jetzt twch für eine gute Wahlparole jeden Preis zu zahlen bereit sein. Der Kanzler scheint zu glauben, daß bie Nationalliberalen unter bem Vorwande des Schutzzolles sich als Vorspann für das Weiterregieren des schwarzblauen Blocks gebrauchen lassen werden. Ich hege nicht große Hoffnungen zu der Prinzipientreue ber National- liberalen, aber für so gutmütig halte ich sie doch nicht, daß sie sich dazu gebrauchen lassen werden. Das Volk wird sich seine Wahlparole selbst schaffen: konstitutionelle Anwendung der Reichsverfassung, weg mit der Friedensrüstungs-Verblutung, eine Gesetzgebung des sozialen Wohlwollens! Der Inbegriff aller Forderung aber lautet: Systemwechsel. Vor allem muß das Reichstagswahlrecht allen Angriffen entzogen werden. (Stürm, minutenlanger Beifall.)
In seinem Schlußwort kam Abgeordneter Rektor Kopsch auf den Ausspruch des Kaisers zurück, daß nur ein guter Christ ein guter Soldat sein könne. Hannibal, Cäsar und Napoleon waren gute Soldaten, aber keine guten Christen, und ob der Hohenzollernkönig Friedrich ber Große, der ein guter Soldat mar, auch als guter Christ bezeichnet werden könne, erfdjtcino ziemlich zweifelhaft. Der Redner dankte den Erschienenen; nachdem von so vielen Seiten gesprochen worden sei, war es an der 3eit, daß auch einmal das Volk sprach.
Die Versammlung wurde dann ohne Beschlußfassung über eine Entschließung für beendet erklärt.
Hauptversammlung des Alldeutschen Verbandes.
>* Karlsruhe, 11. Sept.
Unter bem Vorsitz des Rechtsanwalts Dr. C l a ß (Mainz) sand am Samstag und Sonntag hier die diesjährige Hauptversammlung des Alldeutschen Verbandes statt, die aus allen Teilen des Reiches zahlreich- von Gästen unb Delegierten be? sucht war.
Die Tagung begann mit einem bemerkenswerten Zwischenfall.
Aus Bordeaux war eine Nummer der dort erscheinenden „La France" eingegangen, die in einem Leitartikel die Absicht des Alldeutschen Verbands tag es, am Montag nachmittag einen Ausflug auf das Schl acht selb von Weißenburg zu unternehmen, als eine „Provokation" bezeichnet und davon spricht, daß die dort abiuhaftenbe Feierlichkeit eine Kmrbgebnng gegen bie Feier des Vorjahres bei der Errichtung des französischen Kriegerdenkmals in Weiße-nburg sein solle. Der Artikel meint zum Schluß, die Alldeutschen sollten den Weißenburger Sieg lieber bei Bier und Würsten feiern als auf ben Gräbern ber französischen Helden. Unter bem Beifall ber Versammlung forderte Reichs- tagsabgeorbneter v. Liebert die gesamte Karlsinther Bürgerschaft auf, dies' französische Provokation mit einem Mastnv- ausfluge nach Weißenburg zu beantworten, wo das Verbandsmitglied Generalleutnant v, Wrochen (Berlin) eine Ansprache halten wird.
In Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten des Ver- bandstages berichtete an erster Stelle Direktor Lutz-Korodi (Friedenau) über die Lage des Deutschtums in Ungarn nach den. letzten Reichstagswahlen. Er teilte mit, daß bie Siebenbürger Sachsen bei biefen Wahlen ihren bisherigen Besitzstand mit 13 Mandaten behauptet haben und daß durch bie Teilnahme ber Schwaben im Banat eine Aufwärtsbewegung des Deutschtums in Ungarn sich bemerkbar machte, die zu den besten Hoffnungen; berechtigt. Auch die akademisch'e Jugend bet Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben habe in neuester Zeit Fühlung miteinander gefunden, wodurch bem Deutschtum in Ungarn, neue;' Kräfte zugeführt werden. Ueber
völkische Gefahren der Reichsversicherungsordnung
"prach Rechtsanwalt Dr. Stade-Dresden. Er beschäftigte sich einleitend mit der Ausländerfrage in Deutschland, das von allen europäischen Ländern infolge der raschen Industrialisierung des deutschen Volkes die meisten Ausländer beherberge. Auch die Landwirtschaft in Preußen arbeite mit reichlich eineinviertel aus- ländischen ^Arbeitern. Hierzu treten auch noch bie vielen taufenbe von Ausländern auf unseren Hoch- unb Fachschulen. Die Haupt- gefahr bieser unausgesetzten Zunahme auslünbischer Arbeiter liege neben der Lohndrückerei, ber Unzuverlässigkeit und ber Kriminalität der Ausländer in der fortschreitenden nationalen Zer- 'etzung und Bastardisierung des deutschen Volkes. Weber bie! Arbeiter-Versicherungsgesetze, noch der Entwurf der Reichsver- sicherungsorbnung trage alledem .Rücksicht. Vielmehr werbe an> dem Grundsatz der Gleichstellung ausländischer mit den inländischen Arbeitern auch in der Reichsversicherungsordnung fest- gehalten. ^em gegenüber empfiehlt der Redner die Annahme einer Entschließung, in der es heißt:
Der Verbandstag erachtet es für unbedingt geboten, dast bie Auslänber nichtdeutschen Stammes, die oft genug zuM Schaden ber beut sehen Arbeiter im Deutschen Reich ihr Brod erwerben, burch bie neue Reichsversicherungsordnung nicht in einem "solchen Maße begünstigt werben, wie es ber vorliegende Entwurf leider vorsieht, daß ihnen vielmehr aus ben Versicherungen nur das unerläßlich Notwenbigfte gewährt werde unb baß bie Vorteile des Gesetzes einer bauernden Festsetzung" von Ausländern uichtdeutscheni Stammes ftnsReiche nickst Vorschub leisten.
Nach längerer Aussprache wurde die Entschließung einstimmig angenommen unb ferner ein Antrag des Dr. H änsch (Leipzig): „Die Hauptleitung wolle Schritte tun, daß in die Reichs- verlicherungsordnung eine Bestimmung ausgenommen werde, wonach bei Krankenkassen nur Aerzte deutscher Volksangehörigkeip zur Behandlung der Kranken zugelassen werden dürfen."
Ueber „Deutsche Forderungen in der Polenpolitik" sprach Prof. S a m a s s a, über den Ausbau derbeutschen We hr-^ macht zu Lanbe General Keim, Super int,enbent Klinge^ mann (Essen) behanbelte bie „elsaß-lothringische Verfassungs- frage" unb Gras R ev entlow wanbte sich gegen die Abrüstungs-* beftrebungen. Alle entsprechenden .Entschließungen wurden pin* stimmig angenommen. <
ttaisermanöver WO.
Am Oberländer Kanal, den 9. Sehl. (Von unserm O, v. L.-Sonderberichterstatter.)
Auch der Soldat, der in den Wolken schlvebt, ist nicht unsehlbar. Die neue Art der Erkundung aus lustiger 800- und 900-Meter-Höhe kann, wie der Ausgang des gestrigen ersten, und der Beginn des heutigen Manövertags gezeigt hat^ zu Trugschlüssen führen, gegen die allerhand negative Aufklärungs-Erfahrungen aus dem großen Kriege von 1870/71 zu wahren Waisenknaben werden.
Der blaue SenbbareM 3 (des Majors Groß), dessen allzu intensive Neugierde gestern bei Pr.-Holland von den neuen, aus einem mächtigen Autotnobil-Chassis montierten Luftschiff-Abwehrkanone energisch emgebänuntf worden war, hatte in seinem langen Fluge über die rote Stellung hin Scheinanlagen — Jnfanterie-Deckunben und Geschützstände —, die von 147ern und lolern 6 Kilometer westlich von Pr.-Holland gebaut worden waren, f ü r bittern Ernst gehalten. Dementsprechend war eine Meldung an das blaue Oberkommando in Christbura zurück- gesuntt worden, die Exz. v. M a ck e n s e n den Angriff seines, von der bei Elbing stehenden 36. Division und der Reiterdivision v. Rauch durch den Drausensee getrennten, rechten Flügels in nordö st licher Richtung auf P r.-H o l - land, nicht aber gegen ben in Wirklichkeit eine deutsche Melle südlich des alten Ordensstädtchens verschanzten xotew Feind ansetzen ließ.
Durch biefeu Luftstoß, dessen Möglichkeit sehr lehrreich leicht, wie wenig doch die sphärische Rekognoszierung imstande ist, den Mverlässigeren Patrouillenreiter ganz zu ersetzen, ist, von dem Kaiserlichcm Oberleiter des Manövers an bis zu den mit dem Schreckgespenst zweier Nachtgesechte und verlorenen Schlafgelegenheiten beunruhigten Bemcht- erstattern, männiglich z>u einer ungehosften ausgiebigen Nachtruhe gekommen. Hatte der Monarch doch sagen lassen, er stände zu jeder Zeit als oberster Sck)icdsrichter zur Verfügung, wenn nur immer die Lage es erfordern würde, und es solle alles, ob bei Tage oder bei Nacht, ohne Rücksicht auf seine Bequemlichkeit zum wirklich kriegsmäßigen! Verlauf gebracht werden. Daß solcher Nachtbetrieb nun. erst heute, von etwa 2 Uhr morgens, einsetzen wird, dafür sei der Schivan dort oben, heiß bedankt!
Es standen noch heute um 8 Uhr vormittags die blaucnr und roten Vortruppen auf durchschnittlich 15 Kilometer auseinander, und nur auf dem linken, an die rote Hauptarmee an gelehnt en Kluckschen Flügel kam es um diese Zeit bei Grünhagen, im Südeic von Pr.-Holland', zu einigem Geschieße und einem kurzen 'Abwehrgefecht gegen Kavallerie. Die hier von blau engagierten Teile gehörten zur 41. Division v. Westernhagen. Die 35. Division unter dem Generalleutnant Oldenburg, dessen martialisch- bärtige Germanenerscheinung eine Art militärischen Wahrzeichens des garnisonenreichen Ostens ist, marschierte unterdessen gegen den Oberländer Kanal und die listigen Blend- und Schanzwerke seines roten Gegners auf den in nordöstlicher Richtung führenden Chausseen nach Pr.-Hol- land und Mühlhausen i. Pr. hin vor, lvührend auf der großen Chaussee Elbing—Pr.-Holland, bie weißkollerigen Riesenburger Kürassiere unb bas 59. Infanterie-Regiment in der Vorhut, die 36. Division unter OKmeralmajor von Quast, östlich daneben die Kavallerie-Division E, zur Umgehung der roten rechten Flanke ausholten.
So zog sich das blaue Ungewitter unter — dankbar- lichst» ei'y gesagt tn blauem Himmel pnd toomumfd)Ci.u


