Ausgabe 
12.8.1910 Erstes Blatt
 
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Nr. 187

Erstes Blatt

160. Jahrgang

Freitag IS. August 1910

Annahme von Anzeige«

'ur Notatisnsdruck und Verlag -er vrühl'scken Univ.-Such- und Steindruckerei R. Lange. Redaltion, Expedition und Druckerei - Schuistratze 7.

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Anzeiger Gießen.

ieheMAnMger

General-Anzeiger für Oberhessen

vezugSpretS: monatlich 75Pf., viertel­jährlich M. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2. Viertel­jahr!. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für .Feuille­ton" und.Vermischtes" K. Neurath; für.Stadt u.Land" undGerichts­saal": E. Heß; für den Anzeigeiiteil: H. Beck.

Nachdem die

Der außerordentlich große Schaden, den die Landwirte

Die Bekämpfung der Möujeplage durch Maujewphurkulturen

Wir haben in diesem Jahre bereits mehrfach Ge­legenheit gehabt, auf die Mäuseplage und ihre Beseitigung durch MäusetyphusbWillen hin^weisen. Im Nachstehen­den geben wir nun die zusammenfassenden Ausführungen eines Sachverständigen wieder, in der auch das in Nr. 180 des Gieß. Anz. besprochene Verfahren nochmals eingehend gewürdigt wird. Die Red.

Chinas, die ihre Genugtuung , v russisch-japanischen Vertrag ausürückte, in allen Ländern

(Il/inas Erwachen.

jüngst wiedergegebene amtliche Note ttnugtuung und Befriedigung über den

Brotstückchen anz-unehmen. Empfehlenswert ist es, die Me- thode zweimal im Jahre anzuwenden; es wäre die Plage bei weitem nicht so bedenklich geworden, wenn mtni wohl­gemeinten Ratschlägen rechtzeitig Folge gegeben hätte. Fiir die Praxis geeignet erwies sich folgende Methode: Man schwemmt in abgekochtem Wasser oder in gelochter Kvchsah- lösung (auf 1 Liter Wasser 1 Teelöffel voll Kochsalz) oder in Milch nasch dem Erkalten die Kulturrasen, dre man mit einem keimfreien Spatel entfernt, auf. Auf 1 Liter dieser Flüssigkeiten konnnen 12 Agarröhrchen. Die Aufschwem­mung muß in einem sauberen Gefäß hergestellt werden, alsdann werden würfelförmige, etwa haselnußgroße Brot­stückchen gut durchfeuchtet. Das Auslegen darf nur von Er­wachsenen vorgenommen werden, die sich nach vollbrachter Arbeit einer gründlichen Händedesinfektion unterziehen müssen. Vor dem Gebrauch sind sowohl Kulturen als Brot­stückchen dunkel auszubewahren. Dr. Sch.

in unserer Gegend durch das massenhafte Auftreten von Feldmäusen in diesem Sommer erlitten, veranlaßte den Landwirtschaftskammerausschuß für die Provinz Oberhessen, in einigen Gemeinden durch Auslegen von Mäuse- r typhuskulturen der Plage zu steuern, ermuntert durch die günstigen Ergebnisse, die vor z-oei Jahren im Kreise Friedberg durch diese Methode erzielt worden sind.

Versuche, schädliche Tiere durch Auslegen von Kulturen pathogener Bakterien auszurotten, sind bereits iin letzten Jahrzehnt des verflossenen Jahrhunderts mit Erfolg an- gestellt worden. Im Kampf gegen schädliche Tiere durch Bakterienkulturen handelt es sich fast ausschließlich um Nage­tiere (Kaninchen, Mäuse), welche &. T. durch massenhaftes Auftreten zu einer wahren Landplage werden können, z. T. durch Verschleppung und Verbreitung parasitärer Krank­heiten und gefährlicher Seuchen eftic gefährliche Rolle spielen (Ratten: Trichinenlrantheit und Pest). Während die Ver­suche zur Vertilgung der Ratten und zur Beseitigung der Kaninchenplage 'durch geeignete Seuchenerreger bis jetzt wenig befriedigende und zuverlässige Ergebnisse geliefert haben, hat die Bekämpfung der Mäuseptage nach derLöfiler- schen Methode mit dem von ihm entdeckten Bazillus sich fast ausna. .n los als sicher unb prattisch bewährt. Im Jahre 1590 brach unter den im Institut gehaltenen Vorratsmünsen ein Massensterben aus, dem in ganz kurzer Zeit C9 Proz. erlagen. Die Gewohnheit der Mäuse, ihre toten Genossen anzufressen und zu verzehren, begünstigte in hohem Grade das Umsichgreifen der Seuche. Beim Zerlegen der eilige- 0an0cne.ii Tiere wurden die. Avweichungen eines hochgra­digen Magendarmleidens ermittelt; die bakteriologi.che Untersuchung der Seuche ergab als Ursache ein kurzes,

genommen habe, weil die angestellten Ermittelungen ergeben haben, daß auch nicht der geringste Anlaß zur Einleitung eines solchen vorliegt. Die vom Wirtschaftsinspektor Kasten abgegebene eidesstattliche Versicherung vom 29. Mai 1910 ist, soweit sie die Höhe des von Freiherrn v. Nichthofen angeblich deklariertes und veranlagten Gesamteinkommens betrifft, völlig falsch. Die vom Frhrn. v. Richthofen in seiner Steuererklärung für 1910 angegebenen Beträge für die einzelnen Einkommensquellen ent­sprechen im wesentlichen den Zahlen, die Kasten hierfür ange­geben hat; soweit sie davon abweichen, sind sie jedoch völlig aufgeklärt. Dagegen sind aber die sämtlich nachgewiesenen Schuldenzinsen und abzugsfähigen dauernden Lasten erl>eblich höher, als Kasten behauptet hat. Tie Tagegelder als Mitglied des Hauses der Abgeordneten, als Kreisausschuß- und Provinzial- ausschußmitglied, als Provinziallandtagsabgeordneter unterliegen nach Artikel 22 4c der Ausführungsanweisung zum Einkommen­steuergesetz nicht der Besteuerung. Als Kreistagsabgeordneter be­zieht Frhr. v. Richthofen keine Diäten. Taxator der Liegnitz- Wohlauer Fürstentumslandschaft ist er seid fast zwei Jahren nicht mehr. Ein beträchtlicher Teil der auf Frhrn. v. Richthofen ver­anlagten Steuer kommt gemäß § 71 des Einkommensteuergesetzes bei ihm nicht zur Hebung, weil er auf Gewinnanteile einer Ge­sellschaft mit beschränkter Haftung entfällt, die einer besonderen Besteuerung unterliegt. Hiernach ist die von ihm selbst im Ver­anlagungsbezirk Liegnitz-Land wirklich zu zahlende Einkommen­steuer bedeutend niedriger als der tarifmäßige Satz, der dem veranlagten und dem von ihm deklarietten Einkommen entspricht.

I. A. gez.: v. B er trab, Regierungsassessor/'

Gegen diesen Bescheid soll, so teilt eine Berl. Kvrresp. mit, sofort Beschwerde bei der Oberstaatsanwaltschaft Breslau eingelegt worden sein, und'zwar soll dies u. a. auch damit begründet werden, daß das Verfahren der Staats­anwaltschaft Liegnitz auch aus dem Grunde nicht ernwands- frei erscheine, weil sie keinerlei Haussuchungen oder Beschlagnahmungen bei Frhrn. v. Richthofen an­geordnet habe, obwohl dies in anderen Fällen und zwar in ziemlich rigoroser Weise zu geschehen pflege.

Uns scheint aus dieser Anklägerei eine merkwürdige Verbissenheit hervorzuleuchten, die überall höchst unsym­pathisch berühren toirb.

Lift und Kakes. Zwei hübsche Beiträge zur Fremd­wörterei las man kürzlich im Briefkasten der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. Em Beweis daftir, wie dehnbar und infolgedessen bequem das Fremdwort i|t, hieß es da bietet die Meldung eines Frankfurter Blattes, die besagt, daß ein sechzehnjähriger Junge, der hungernd am Hauptbahnhose einem Polizeibeamten in die Hände gefallen sei, sich vorher benmht habe, in Frankfurt eine Stelle als Hotellift zu linden. Man sieht, der Verfasser der Anzeige hat sich den Begriff des srcmdcn Wortes niemals ganz .klar v.orgestellt, sonst könnte er nicht die Person mit der Sache verwechseln. Und weiter: Wenn man in einem kleinen Einsiedlerhause der Lüneburger Heide Kinder statt des unverstäiidlichen FremdwortesKakes" den Ausdruck Flachkuchen gebrauchen Höri, so ist das allerdings ein Beweis dafür, wie sich der Volksmund eines schwierigen Fremdausdrucks zu erwehren sucht. Das böse Fremdwort, von deni niemand recht weiß, wie er die Einzahl bilden soll (oder wenn er es als Ein zahl nimmt, bringt ihn die Mehrzahl in Verlegenheit), bat man schon längst zu beseitigen versucht, sogar durch ein Preiscms- schreiben. Es ergab und zwar mit merkwürdiger U cbfteinftinummg das anheimelnde WortKnusperchen", das ans Märchen an klingt. Aber, obgleich Stratmaun und Meyer in Bielefeld ihre Knusperchen" in Versen und Märchen empfehlen, hat man es leider nicht erreicht, das deutsche Wort durchzusetzen.Keks" hat ja auch einen gar zu lieblichen Klang für die Mehrzahl der Deutschen.

politische Tagesschau.

Das antirevifionistische Bekenntnis des Herrn Krumm.

In seinem sozialdemokratischen Organ bestättgt der Gießener sozialdemokratische Führer, Herr Krumm, daß er kein Revisionist sei, sondern sich ganz auf den Boden 'des Erfurter Parteiprogramms stelle, das erauch heute noch für durchaus ganz vortrefflich und der Sachlage an­gemessen erachte". Er fährt dann wörtlich fort:

Daß auch 'hier die Zeit ihren Tribut fordett und daß man einzelne Abschnitte, die an sich nicht grundlegend sind, den heutigen Verhältnissen anpassen muß, wird Aufgabe eines Partei­tags der nächsten Jahre sein. Ja, ich warne davor, sich fort­während den Liberalen anzubieten. Diese fortwährenden Ver­sicherungen, daß manPositives" nur durch Arm-in-Armgehen mit dem Liberalismus erreichen könne, gibt ein ganz falsches Bild der politischen Lage. Für mich scheiden die Nationallibcralcn ganz ohne weiteres bei einem Zusammengehen aus; kommt noch der Freisinn in Bettacht, mit dem man, wie ja die letzten hessi­schen Landtagswahlen zeigten, ganz gut zu einem b e ft i m m t e n Zwecke zusammen arbeiten kann. Muß man aber um diese einfachste Sackte von der Welt jahrelang dem Publikum sagen, daß es gar nichts wichtigeres zu tun gäbe, wie diesen Block der Linken zu bilden? Ich bin bei der Landtagswahl ohne weiteres zugunsten des Herrn Tr. Gutfleisch zurückgetteten, als eine nationalUberale Kandidatur dorhte. Was braucht man da jahre­lang zu reden und zu schreiben! Kommt ein Moment, wo es gilt, einen waschechten Reaktionär hinauszubefördern, wird sich das, was wirklich liberal ist, schon ganz von selbst mit uns zu- sammensinden. Ällzuviele werdens ja nicht sein. Aber das ge­legentliche Zusammenarbeiten kann mich nicht im geringsten hin­dern, auch den Freisinn vor wie nach zu bekämpfen und vor allen Dingen mitzuhelfen, daß nicht Anhänger eines sagenhaften Blocks, sondern Sozialdemokraten gewonnen werden. Ob mir das in der Stichwahl schadet oder nutzt, ist gleichgültig, ich treibe keine Stimmenfängerei und bin bemüht, über meine Stellung gegenüber den Gegnern Klarheit zu schaffen.

Nicht was dieo r t h o d o x e n O b e r g e n o s s e n" in Berlin vorschreiben mache ich mit, sondern unsere Grundsätze, die in gemeinsamer Arbeit Kollektivprodukt aller Parteigenossen sind, erkenne ich als meine Richtschnur an. Haut dieorthodoxe Richtung" über die (Stränge, ist s i e disziplinlos, bekämpfe ich das genau so, wie jetzt den badischen Vorstoß. Ohne die frei­willige Unterordnung aller Parteigeirossen unter die Beschlüsse der auf demokratischer Grundlage zustande gekommenen höchsten Parteiinstanz vermag keine Partei zu existieren. Der Liberalis­mus ist ja das lehrreichste und auch abschreckendste Beispiel dafür, wie die Disziplinlosigkeit auch die größte und stärkste Partei ruiniert.

Was ich seither vonFortschttttsgedanken" im Revisionismus gesehen habe, war minimal. Es wird viel gegackert, aber Eier kommen keine ins Nest. Was der Gießener Anzeiger untei Mauserung" versteht, mache ich nicht mit, dann wäre ich lieber gleich nationalliberal geworden und hätte mir dne jahr­zehntelange sozialdemokratische Parteitätigkeit sparen können.

Mit der Absicht, Klarheit im Gießener Wahlkreis zu schaffen, geben wir auch diese Ausführungen wieder. Herr Krumm wird also die linksliberalen Stimmen gern mit­nehmen, das wird ihn aber nicht hindern, den Freisinn vor wie nach zu bekämpfen und ohne revisionische Skrupel, nach dem vomVorwärts" empfohlenen Rezept,den Geg­nern aufs Dach zu steigen". Herr Krümln bestätigt es auch hier nochmals, daß auch im eigenen Lager ihm die Disziplin über die Meinungs- und Geistes fr eih eit geht, daß er dem Streben nach vorurteilsfreier Forschung den unbedingten Machtzweck voransetzt. Unser heutiger vielgeschmähter Klassenstaat" ist toleranter, der verbittet sick) nicht die Viel- schreiberei und die Aufklärungsarbeit. Wenn nun das sozial­demokratische Endziel erreicht wäre und es einige Genossen

plumpes Stäbchen, das LöfflerBaeillus typhi murium" nannte, da es in Gestalt und krankmachenden Eigenschaften eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Erreger des Typhus beim Menschen hatte.

Zwei Jahre später, im Jahre 1892, hatte Löffler Ge­legenheit, den von ihm entdeckten Bazillus bei der Feld­mausplage in Thessalien praktisch zu verwerten. In Ab­kochungen aus Gersten- und Haferstroh mit den für Bak­terienzüchtung erforderlichen Zusätzen stellte Löffler Massen- kulturen her, durchtränkte damit Brotstückchen, die in bte Mäuselöcher gesteckt wurden. Der Erfolg bestätigte vollauf die Erwartungen. Nach einigen Tagen hörte die Zerstörung in den Feldern auf, und überall fand man tote und halb- tote Mäuse, welche bei der Untersuchung die für Mäusetyphus charakteristtschen Veränderungen zeigten. Die Züchtung von Reinkulturen aus dem tzerzblute der gefallenen Mause gelang in allen Fällen, die Jnfektton mit den ausgelegten Brotstückchen war also deutlich dargetan. Die nächsten Jahre brachten eine Reihe von Veröffentlichungen über glänzende Ergebnisse; aber auch Mißerfolge blieben nicht aus. Sucht man nach den Ursachen der schlechten Resultate, so kann man in allen Fällen eine unzwecknräßiße Behandlung und Verwendung der Kulturen ermitteln. Entweder hatten die Kulturen ihre krankmachenden Eigenschaften durch die Ein­wirkung von Tages- und grellem Sonnenlicht eingebüßt, oder bei der Herstellung der Aufschwemmung sind Fehler unterlaufen (heißes Wajser), oder die infizierten Brotstück­chen waren bei ungünstigen Witterungsverhältnissen aus­gelegt worden (trockenes heißes Wetter, viel feuchte Meder- schläge). Unangenehme Fehlergebnisse lassen sich leicht ver­meiden, wenn man aus obigem naheliegende Schlußfolge­rungen zieht. Es dürfen nur junge, vollvirulente Kulturen, deren kranlmachenden Eigenschaften genau von Sachver­ständigen kontrolliert werden, benutzt werden, die schädliche i Wirkung des Sonnenlichtes läßt sich ausschalten, wenn man die Dro'tstückchen nur bei bedecktem Himmel, am Morgen oder Abend auslegt. Daß ein richtiger Erfolg nur dann erzielt werden kann, wenn zu gleicher Zeit auf einer möglichst großen zusammenhängenden Fläche Kulturen ausgelegt wer­den, leuchtet ein. Das schönste Ergebnis wird illusorisch, wenn aus der Nachbarschaft immer wieder Mäuse zulaufen. Man wird ferner eine Zeit wählen, in der die Mäuse ge­zwungen sind, infolge eintretenden Nahrungsmangels die

Deutsche Beschwerden bei der Türtei.

Köln, 11.'Aug. DerKölnischen Zeittmg" wird aus Berlin telegraphiert:

Bei Haifa haben neuerdings wieder Unordnungen stattgefunden, unter denen die deutschen Kolonisten insoferrr zu leiden hatteu, als Eingeborene Ueberfälte gegen oeutsches Eigentum versuchten; insbesondere handelt es sich um den Versuch, deutsches Vieh zu rauben. Es ist jedoch dabei zu keinem Blutvergießen gekommen. Immerhin sind diese Angriffe ein neuer Beweis dafür, daß die eingeborene Bevölkerung von Haifa sich in einer aufgeregten Stimmung befindet, der gegenüber Schutzmaßregeln ergriffen werden müssen. Die deutsche Regierung hat auch sofort Anlaß genommen, die Aufmerksamkeit der türkischen Regiernng! nachdrücklich aus diese Vorgänge hinzuweisen und die For­derung zu stellen, daß Schutzmaßregeln ergriffen werden, die ihre Wiederholung unmöglich machen und die Schuldigen der Bestrafung zuführen. Die Berechtigung dieser Forde­rungen ist von der türkischen Regierung anerkannt, und es sind entsprechende Maßregeln in Aussicht gestellt worden.

im Staate immer noch nach Verbesserungen und Revisionen gelüstete, würden sie wahrscheinlich mit allen Zwangs­mitteln zur Ordnung gerufen werden. ImZukunftsstaat" würde es wahrlich mehr von Ketten rasseln, als es in irgend einem historischenKlassenstaate" bisher verspürt wurde.

Karlsruhe, 11. Aug. Der am 21. August in Offen­burg stattfindende Parteitag der badischen Sozial­demokratie wird unter anderem über einen Antrag des Horn­berger Vereins abzustimmen haben, wonach in Anbettacht der auf dem Magdeburger Parteitage der deutschen Sozialdemottatie zu ^erwartenden lebhaften ^lussprache über die Budgetbewilligung eine Vertretung aller Kreise entsprechend'ihrer Stärke für unbedingt erforderlich erachtet wird. Die Kosten der Vertretung der schwächeren Kreise sollen durch die LandeSkasse ausgebracht werden. Ferner wird die badische Landes­organisation aufgefordert, gemeinsam mit den übrigen süddeut­schen Landesorganisationen auf dem Magdeburger Parteitag die Aufhebung des Nürnberger Beschlusses bezüglich der Budget frage und Ueberlassung ber, Regelung dieser Angelegenheit San die einzelnen Landesorganisationen zu bean­tragen. . c .

lieber die Revisionisten in Baden vnrd der Köln. Zeitung" aus Karlsruhe folgendes mitgeteilt:

Seit Schluß des badischen Landtags, also seit drei Wochen, finden landaus, landab sozialdemokratische Versammlungen statt, in denen zur Budgetbewilligung der sozialdemokratischen Fraktion Stellung genommen wird. Wie wir schon kürzlich bemerkt haben, findet die Haltung der Fraktion mit ganz verschwindenden Aus­nahmen im ganzen Lande Zustimmung. Die drei Radikalen Geck, Monsch und Stockiuger sind sogar von ihren eigenen Wäh­lern im Stich gelassen worden. Jedenfalls steht fest, daß der radikale Flügel der sozialdemokratischen Partei in Baden nur noch aus wenigen Leuten besteht, während sich die große Maste der sozialdemokratischen Wähler zu Kolb, F.rank und Willi hält. Der erste, der aus diesem Umschwung der politischen Anschauungen innerhalb der Sozialdemokratie die Folgerungen zieht, ist der Reichstagsabgeordnete Emil Eichhorn, bisher in Pforzheim, seit 2i/s Jahren in Berlin, wo er das Sekretariat der Sozialdemo­kratischen Presse übernommen hat. Das Reichstagsmandat für Pforzheim hatte Eichhorn beibehalten. Vor mehreren Wochen hatte einer der Freunde Eichhorns den Versuch gemacht, letztem wieder als Reichstagstandidaten aufzustellen; aber Eichhorn war klug genug, auf die Ehre, in Baden auf­gestellt zu werden und höchst wahrscheinlich durck>zufallen, zu verzichten. Wie wir hören, soll Eichhorn in einem Berliner Bezirk, wo die rMkalen Genossen noch das Regiment führen, aufgestellt werden. Wir halten es nicht für ausgeschlossen, daß auch Adolf Geck dem Beispiel seines Freundes Eichhorn folgt»ub entweder auf die parlamentarische Tätigkeit un Reichstag verzichtet ober sich einen norddeutschen Bezirk sucht. Im Rdchstagswahlkreise Karlsnche-Bruchwl, in dem Geck gewählt ist, hat er unseres Erachtens nicht mehr die geringste Aussicht auf Erfolg."

Tie angeblichen Steuerhinterziehungen des Freiherrn v.Rlchthosen.

Gegen den tonserlMtiven Abgeordneten und Landrat a. D. Freiherrn v. Richthofen-Mertschütz war von dem be­kannten Detettiv der Gräfin Pfeil, Karl Gr ä g er (Wil­mersdorf), beim Preußischen Justizminister eine Eingabe mit dem Ersuchen um Strafverfolgung des F-reiherrn von Richthofen wegen angeblicher großer Steuerhinterziehungen eingereicht worden. Der vom Vorsitzenden der Einkommen- steuer-Veranlagungskommission des Landkreises Liegnitz fl.n den Antragsteller ergangene Bescheid lautet:

Auf Ihre an den Herrn Jnstizmmister gerichtete und an mich zur zuständigen Entscheidung abgegebene Anzeige gegen den Freiherm v. Richthofen auf Mettschütz gereicht Ihnen zum Be­scheide, daß ich im Einvernehmen mit der Königlichen Regierung von der Einldtung eines Verfahrens gegen Genannten Abstand