Nr. 158 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Gießener Familienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für bett Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Die „Lau-wirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Cderhejjen
Samstag 9. Juli 1910
Rotanonsdruck und Verlag der Brühl'schen Unrversitats - Buch- und Sleindruckerei.
9L Lange. Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e^51. Redaktion:^4A 112. Tel.-M>r^ AnzeigerGießen.
Die Reichsverficherungsorünung.
:: Berlin, 8. Juli.
Der Ausschuß für die Reichsversicherungsordnung setzte heute die Beratung beim '§• 402 fort, dem sogenannten Württembergischen Paragraphen. Durch ihn sollen die in Württemberg bestehenden Einrichtungen geschützt werden. Vom Zentrum wurde der Paragraph als Anomalie bezeichnet, deren man hoffentlich nicht mehr bedürfen werde, wenn die Vorlage in zweiter Lesung durchberaten fei.
Der Staatssekretär Dr. Delbrück gab der Anschauung Ausdruck, daß die. Frage, ob freie Arztwahl oder Kassenarztsystem durch den Lauf der Debatte hier in dem Ausschuß und in der Presse vollkommen dahin geklärt sei, daß weder das eine noch das andere allein möglich sei. Wenn man an der vollen Selbstverwaltung der Kassen festhalte und einen Ver- tragsausschuß schaffe, könne man die Regelung der Frage ganz der Praxis überlassen und alle Bestimmungen (§ 377 ff.) seien überflüssig.
Der sozialdemokratische Redner war anderer Ansicht. Treten wir auf diesen Boden, so müssen die Vertragsausschüsse fallen.
Ein fortschrittlicher Abgeordneter teilte im wesentlichen den Standpunkt des Staatssekretärs. Eine Definition der gesetzlichen freien Arztwahl gehört zu den Unmöglichkeiten. Es gibt die verschiedensten Systeme, die sämtlich berechtigt sind. Der Vertragsausschuß mag zusammengesetzt sein, wie er will. Er muß den gegebenen Verhältnissen Rechnung tragen.
Ein Zentrumsredner erklärte, auf den Unterschied zwischen allgemeinem imb besonderem Aerztevertrag zu verzichten. Ständige, aber durchaus freie Schiedsgerichte sind notwendig. Der Staatssekretär möge darüber unverbindliche Vorschläge machen.
Der Redner der nationalliberalen Partei war ebenfalls mit bem Staatssekretär einverstanden.
Darauf wurden die Paragraphen 402 und 403 angenommen.
Die §§ 404 bis 406 handeln von den Apothekern. Sie geben der Kasse die Möglichkeit, wegen Arzneilieferungen mit einzelnen Apothekern Vorzugsbedingungen zu vereinbaren. Die Apotheker dürfen den Kassen die Arzneimittel, die auch ohne Rezept gegeben werden, nicht höher als zu den im Handverkauf üblichen Preisen anrechnen.
Ein nationalliberaler Redner erklärte, die vorliegende Frage für d i e schwierigste der ganzen Vorlage. Der Wert des Durchschnittsrezcpts sinke durch die Vorlage auf 40 bis 50 Pfg. Dazu kommen die Rabatte. Dabei befinden sich die Apotheken jetzt in einer schwierigen Lage. Die Löhne sind gestiegen. Die Drogisten können schon wegen ihrer geringen Vorbildung nicht mit den Apothekern auf eine Stufe gestellt werden. Man sollte alles beim alten lassen und die Paragraphen 404 und 405 ft r e t cf)1 e n. Gehen die Bestimmungen durch, so müssen viele Apotheken zumachen. ,Die Gewinne der Apotheken sind nicht so hoch, wie angenommen wird.
Ein konservativer Redner führte die Mißstände auf die fehlerhafte .Feststellung des Wertes der Apotheken zurück. Die Vorlage enthalte eher eine Begünstigung der Avo- theken, die durch die Erweiterung des Versicherungskreises große Vorteile haben werden. Solle man die Lage der Apotheker auf Kosten anderer Stände unnötig heben? Wir müssen mit einer Verstaatlichung der Apotheken rechnen. Rabatte sind überall üblich. Ter Redner schlug folgende Fassung des § 405 vor: „Die Apotheken haben den Krankenkassen für die Arzneien nach näherer Bestimmung der obersten Verwaltungsbehörde einen Abschlag von den Preisen der Arzneitaxe zu gewähren.
Die Preise von einfachen Arneimitteln, die ohne ärztliche Verschreibung (im Handverkauf) abgegeben zu werden pflegen, sind mangels einer Vereinbarung zwischen Apotheken und Krankenkassen von der höheren Verwaltungsbehörde, unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse und der im Handverkauf üblichen Preise, festzusetzen. Diese Preise dürfen die nach Abs. 1 sich ergebenden Beträge nicht überschreiten. Die oberste Verwaltungsbehörde kann weiteres bestimmen, auch der nach § 406 bestimmten Stelle die Festsetzung übertragen."
Für die Drogisten sollte kein Zusatz gemacht werden.
Ministerialdirektor Caspar war im allgemeinen mit dem Vorredner einverstanden. Gerade die Verhältnisse der kleinen Apotheken seien bei der Vorlage maßgebend gewesen. Jetzt sollen alle Apotheken herangezogen werden. Dafür kann ihnen aber auch bezüglich der Handverkaufssachen eine gewisse Beschränkung au?- erlegt werden. Natürlich können die Arzneimittel, die auf Grund besonderer Verordnung freigegeben sind, auch in Zukunft von den Drogisten abgegeben werden. Zu einer besonderen Erwähnung der Drogisten liegt daher kein Anlaß vor.
Ein sozialdemokratischer Redner hob hervor, daß die Lage der Apotheker zu schwarz geschildert sei. Warum kaufen die Herren zu so hohen Preisen? Die Krankenkassen sollten eigene Apotheken errichten. Warum sollen die Krankenkassen ihre Mitglieder nicht zu Drogisten schicken, wenn diese billiger sind. Gegen angemessene Kautton sollten die Apotheken den Kassen Kredit gewähren. Der Redner stellte entsprechende Anträge.
Ein Zentrumsmitglied stimmte dem konservativen Anträge zu. Mit den Drogengeschäften kann in Zukunft ebenso abgeschlossen werden wie bisher.
Ministerialdirektor Caspar machte darauf aufmerksam, daß man den Rabatt nach der Größe des Umsatzes festsetzen könne. Dadurch komme man über die Schwierigkeiten der örtlichen Festsetzung hinweg.
Ern fortschrittlicher Redner bedauerte, daß die preußische Medizinalbehörde nicht vertreten sei. Die §§ 404 und 405 sind ein Unding. Das Reich darf nicht derartig in die Verhältnisse eines freien Gewerbes eingreifen. Einen Handverkauf gibt es in der Krankenkassenpraxis überhaupt nicht. Der Arzt verschreibt alles per Rezept, schon der Kontrolle wegen. Auch der lonser- vattve Antrag ist unannehmbar. Die Apotheken kommen auch ohne diese Bestimmungen mit den Krankenkassen zusammen. Man kann keinen allgemeinen Rabatt vorschreiben. Dazu sind die Verhältnisse zu verschieden. Ueberlassen Sie das doch den Interessenten. Wollen Sie den Krankenkassen auchnochdenRabatt zuwenden vom Sargtischler, vom Bäcker, vom Gutsbesitzer usw.? Solche staatliche Eingriffe sind vom Hebet
Ministerialdirektor Caspar erklärte, die Apotheken seien kein freies, sondern ein vollständig reglementiertes Gewerbe.
Ein weiterer nationalliberaler Redner schilderte die Lage der Apotheker als keinesfalls rosig. Die wenigen gut fundierten Apotheken find in den Großstädten. Bezüglich der Drogisten muß der gegenwärtige Zustand erhalten bleiben.
Ein sozialdemokratischer Redner behauptete, daß an den Mißständen die hohen Apothekenpreise schuld seien. Sollen die Kranken für die Dummheit einzelner Apotheker bezahlen? Die Drogisten dürfen nicht ausgeschaltet werden.
Ein nationalliberaler Redner erklärte sich für den konservativen Antrag, falls die Paragraphen nicht gestrichen wür- oert. Ein Zentrumsredner äußerte die Befürchtung, daß auf Grund des § 404 Verträge zu stände kommen würden, durch die die Apotheker ruiniert würden. Sie werden sich wohl energisch organisieren. Dann bezahlen die Krankenkassen die Kosten.
Ein konservativer Vertreter polemisierte gegen den fortschrittlichen Redner, dessen Rabattbeispiele nicht zutreffend seien.
Ministerialdirektor Caspar legte dar, daß es am besten wäre, Bestimmungen über die Drogisten nicht aufzunehmen, sondern die Dinge so zu lassen, wie sie sind.
In der Abstimmung wurde § 405 in der Fa ssung des konservativen Antrags mit 14 gegen 13 Stimmen unter Ablehnung aller Ab änderungsanträge angenommen.
§ 404 wurde bann dahin geändert, daß die Kassen nicht nur mit Apotheken abschließen können, sondern „soweit die freigegebenen Arzneimittel in Betracht kommen, auch mit Drogisten, die Erlaubnis zum Giftverkauf haben".
8 406 wurde angenommen. Damit ist der Abschnitt über das Verhältnis der Kasten zu Merzten, Apothekern und Drogisten erledigt.
Nächste Sitzung: Samstag.
26. Deutscher Lündwkttsch. Genossenschaststag.
sc. Koblenz, 8. Juli.
Heute früh nahmen unter dem Vorsitz des Landesökonomierats Iohannssen - Hannover die Verhandlungen ihren Fortgang. Zunächst wurde ein Telegramm des Landwirtschaftsministers Frei- Herrn von Schorlemer verlesen: es lautet: „Aufrichtig bedauernd, dem diesjährigen Genossenschaftstaa nicht beiwohnen zu können, danke ich herzlichst für den mir gesandten Gruß. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften werden nicht vergebens auf meine Unterstützung und Förderung rechnen." Geh. Regierungsrat Haas- Darmstadt drahtete: „Zu meinem großen Leidwesen muß ich auch in diesem Jahre dem Genossenschaftstage fernbleiben und auf die große Freude verzichten, mit den versammelten Genossenschaften das Beste unseres großen Gemeinwesens fördern zu helfen. Ich sende deshalb aus der Feme herzlichste Genossenschaftsgrüße mit dem Wunsche, daß die Verhandlungen unserem deutschen Genossenschaftsivesen zum Segen gereichen mögen."
Hierauf sprach über die Frage der genossenschaftlichen Viehverwertung Freiherr von Los-Köln. Er empfahl den Zusammenschluß der Landwirte in Viehverwertungsgenossenschaften dort, wo die grundlegenden Vorbedingungen gegeben sind. Die Leistungsfähigkeit dieser Genossenschaften sei am besten gewähr-
teqtet, wenn der Bezirk nicht zu eng begrenzt, der Lieferungszwang gefordert und streng durchgeführt werde. Zur bcfferam Regelung des Absatzes der den Genossenschaften angelieferten Tiere, muß die Schaffung einer Geschäftsstelle, itrie sie auf den Märkten in Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Essen, Wln, München, Augsburg und Amberg bestehen, erstrebt werden. Ein Antrag des Berichterstatters sand einstimmige Annahme.
Weiter beschäftigte sich der Genossenschaftstag nrit der Organisation der Elektrizitätsversorgung in ländlichen Bezirken. Generalsekretär Dr. Reinhardt-Bonn sprach sich dahin aus, daß an der Versorgung des platten Landes mit elektrischer Energie alle Berufskreise das gleiche Interesse hätten. Daher liege es im Interesse des Staates, durch billigen Kredit und behördliche Unterstützung die Verbreitung der elektrischen Energie zu fördern. Das Risiko der Stromversorgung könnte, wie die Erfahrung lehrt, zweckmäßig dahin geteilt werden, daß man die Stromerzeugung kapitalistischer Untemehmungsfomren, die Stromverteilung aber gesellschaftlichen Hnternehmungsformen überlasse. An letzteren könnten sich mit Vorteck die Gemeind«: beteiligen. 'Der Genossenschaftstag ftimmte den Ausführungen zu und genehmigte einen von dem Berichterstatter idahinlautenden Antrag.
Anschließend behandelte Generalsekretär Q u a b e ck - Münster i. W. die Frage: „Maßnahmen zur Sicherung der ländlichen Genossenschaften gegen Veruntreuungen". Er brachte folgenden Antrag ein, den die Versammlung auch annahm: Die Durchführung von Maßnahmen zur Sicherung der Genossenschaften gegen Veruntreuungen ist in erster Linie Pflicht der Genossenschaften selbst. Angesichts der sich in den letzten Jahren mehrenden Schädigungen von Genossenschaften durch Veruntreuungen, die geeignet sind, das »Ansehen des ganzen Genossenschaftswesens zu schädigen, verweist der Deutsche Landw. Genossenschasts- tag mit allem Nachdruck die ländlichen Genossenschaften und deren Verwaltungsorgane auf die ihnen bezüglich der Kontrolle obliegenden Pflichten und auf ihre Selbstverantwortung. Die Verbände sollen auf Grund ihrer Erfahrungen neben der Vervollkommnung ihres Revisionsdienstes die angeschlossenen Genossenschaften zur Durchführung von Maßnahmen Inhalten, die geeignet sind, die Veruntreuungen möglichst zu verhindern.
Heber „die Einrichtungen und Erfolge der R e ch n e r k n r s e" sprach Generalsekretär Hohenegg -München. Er betonte, daß die Ursache einer nicht ganz befriedigenden Entwicklung und Geschäftsführung mancher Kreditgenossenschaften in der Regel in der unzuverlässigen Buch- und Rechnungsführung, wie in mangelhafter Kontrolle der Venvaltungsorgane zu suchen sei. Daher erachte er es für dringend wünschenswert, daß, gleichwie der Reichsverband durch seine Genossenschafts schule für Revisorennachwuchs sorgt, die Landes- und Provinzialverbände durch Schaffung von Rechnerschulen oder Ausgestaltung schon bestehender ähnlicher Einrichtungen Gelegenheit geben zur Heranbildung von Rechnern und Verwaltungsorganen für die ländlichen Geich ssen- schaften. Er stellte einen Antrag in diesem Sinne, den die Tagung annahm.
Generalsekretär Kerp-Köln besprach die „Organisation und wirtschaftlichen Ergebnisse der W i u z er g e n o sscn s chaf ten". Zum Schlüsse sprach Obstbauinspektor Wagner- Bonn über die neueren Erfahrungen auf dem Gebiete der genossenschaftlichen Ob st Verwertung. Nach seinen Ausführungen hat sich der genossenschaftliche Zusammenschluß von Obstzüchtern zur Herstellung von Obstprodukten im allgemeinen nicht bewahrt. Eine regelrechte Ausnutzung der technischen und kaufmännsichwr Arbeitskräfte und der zur Herstellung von Obstprodukten not^ wendigen Maschinen und Einrichtungen ist nur während weniger Monate möglich. In ob (tarnten Jahren stößt außerdem die Beschaffung des zu verarbeitenden Materials auf große Schwierigkeiten. Die große finanzielle Belastung durch die maschinelle Einrichtung dieser Betriebe und die in obstarmen Jahren nicht genügende Ausnützung derselben sind die Ursachen der Unrentabilität solcher Obstverwerttmgsgenossenschaften. Ein Frischobstverkauf auf genossenschaftlichem Wege könnte nur von Erfolg für den Obstzüchter fein, wenn größere Mengen einer einheitlichen Ware in einem Bezirke zur Verfügung stehen. Wenige, jedoch die reichtragendsten Obstsorten in großen Mert gen angepflanzt, einheitliche Sortierung nach ganz bestimmten Grundsätzen, eine einheitliche Packung, Anlieferung der G e s a m t e r n t e an eine Zentrale sind die Hauptgrundlagen für eine genossenjichaftliche Verwertung des Frischobstes. Wo diese Bebingungen nicht vorhanden ftnb, ist ein Erfolg auf dem Gebiete der genossenschaftlicheri Obstverwertung ausgeschlossen. Der Redner stylte einen hierauf sich besehenden Antrag, der Annahme fand.
Um 2% Uhr nachmittags schloß der Vorsitzende Johannssen- Hannover mit einem Hoch auf das Deutsche Vaterland, in das die Versammlung begeistert einsiel, den Genossenschaftstag.
Hierauf schloß sich ein Festmahl in der Festhalle int. Der morgige Tag führt die Genossenschafter nach Bullap.
Literarische Bildung.
Von Eduard Engel.
(Nachdruck verboten.)
Daß man sie haben muß, darüber herrscht bei den Gebildeten Einstimmigkeit; worin sie besteht und wie man sie zu erlangen hat, das ist so zweifelhaft wie die meisten tiefgehenden Bildungsfragen. Die naheliegende Erklärung: Literarische Bildung tft .die Kenntnis der Literatur, nützt uns nichts, denn sogleich knüpft sich daran die Frage: Welcher Art von Literatur und wieviel von der Literatur? Auch kann man ja Fragen dieser Art nicht ausschließlich nach den höchsten idealen Gesichtspunkten beantworten, sondern muß sich vor Augen halten, daß es Menschen sind, die sich literarische Bildung verschaffen sollen, daß diese Manschen meist noch einiges andere im Leben zu besorgen haben, als sich literarische Bildung anzueignen, daß der Tag auch des bildungseisrigsten Menschen nur 24 Stunden hat, und daß man alles in allem doch schwerlich mehr als zwei Stunden rechnen kann, die ein beschäftigter Mensch beim besten Willen für die Literatur übrig behält. Da man in zwei Stunden noch nicht einen Band durchlesen kann — mit Genuß durchlesen —, so ergeben sich aus dieser einfachen Rechnung allenfalls 300 Bände im Jahr, und wer ohne zu wanken 25 Jahre so fort liest, der kann es in einem mittellangen Leben auf über 7000 Bände bringen.
1000 Bände sind eine stattliche Bibliothek, und wer sie mit aWßter Vorsicht ausgewählt hat, der kann sicher feilt, daß die Kenntnis einer solchen Bücherei literarische Bildung bedeutet. Bis jetzt ist noch nie ein brauchbarer Versuch gemacht worden, den Katalog einer Musterbibliotbek für Nichtgelehrte znsammeu- Lustellen. Natürlich soll auch hier nicht der Versuch gemagt werden, vielmehr will ich ,nur einige Winke, geben, nach welchen Gesichtspuutten etwa ein solcher Katalog aufzustellen märe. Ich rechne dabei mit Lesern, die sich deS Wertes der Zeit voll bewußt sind, die den festen Willen haben, wissentlich nicht eine Stunde mit einem schlechten oder auch nur nutzlosen Buche zu vergeuden. Ein Leser, der diesen Grundsatz standhaft befolgte, würde zwar oft in die Lage kommen, bei einem gesellschaftlichen Gespräch über irgend ein Modebuch teilnahmslos zu verstummen, aber in wieviel mehr Fällen würden die andern nichts - zu sagen haben, wenn er von einem der vielen vergessenen oder übersehenen Meisterwerke der Literatur zu reden ansinge! Mehr als einmal habe ich mir den Spaß gemacht,
Menschen von leidlicher literarischer Bildung, oder was man so nennt, auf ihre Frage: „Können Sie mir nicht ein gutes, neues Buch empfehlen?" zu antworten: „Wissen Sie denn nicht, daß soeben Goethes Briefe an Frau von Stein erschienen sind?" — Hieraus freudige Begeisterung:. „Ach, das muß ja furchtbar interessant sein! Das roerbe ich sofort lesen" — und dann beschämtes Erstaunen, wenn ich dem Scherz ein Ende machte und darauf hinwies, daß Goethes Briefe an Frau von Stein feit Jahrzehnten gedruckt und für sehr wenig Geld zu haben sind. Man würde sie lesen, wenn sie heute erschienen, weil man dann in der nächsten Woche in einer Gesellschaft darüber sprechen könnte, da sie aber längst für jedermann bequem zugänglich sind, so läßt man Goethe sein und liest lieber den neuesten Band von Tovote oder Pierre Loli und kommt sich dann literarisch hochgebildet vor. Unb da zahllose Leser es Tag um Tag so treiben, so zeigt sich nach einem Menschenalter, daß sie alle überflüssigen oder mittelmäßigen Bücher vom Tage gelesen haben, aber keine Ahnung von den wahrhaft bedeutenden Werken aller Literaturen besitzen. Also ist die allgemeine Lehre zu geben: man lese kein Buch, von dem auch der literarisch Mittelgebildete sich nach einigem Nachdenken sagen muß: hiervon wird man nach vier Wochen nicht mehr sprechen.
Täglich erscheinen Bücher, darunter manches gute, sogar manches sehr gute, über einzelne große Schriftsteller oder über ganze Abschnitte der Literatur. Man braucht nur einen beliebigen Bibliothekskatalog durchzusehen, so findet man eine so große Zahl, von Büchern „über", daß man allein mit ihrem Lesen ein Menschenleben ober mehrere hinbringen könnte. Gehört die Kenntnis der Bücher „über", auch nur der wichtigeren, durchaus zur literarischen Bildung? Ich bin der festen Heberzeugung, daß der wahrhaft bildungsbeflifsene Leser sich auf keinem Gebiete des Wissens so streng bescheiden darf und soll, wie auf diesem. Es ist unmöglich, alle wirklich lesenswerten Bücher der Weltliteratirr und die Literatur über diese Bücher zu lesen, selbst wenn man sich mit je einem Buch über je ein Buch begnügt. Hier muß bev Grundsatz gelten: zur Allgemeinbildung gehören wenige Dutzend Bücher über die Literatur, und es ist Sache des Liebhabers, sich in die Literatur über einzelne Schriftsteller, ja über einzelne Werke zu vertiefen. Ich blättere in dem soeben erschienenen ausgezeichneten Katalog der Berliner Stadtbibliothek und finde da allein über Goethe, seine Werke selbst nicht mckgerechnet, eine Literatur „über" von 21 Großoktavseiten, und zwar zumeist mit Werken, die eine gewisse Bedeutung hatten oder noch haben.
Ein ganzes Jahr reicht nicht hin, um auch nur diese Auswahl aus der ungeheuren Literatur über Goethe zu bewältigen. Wie soll sich der nach lckerarischer Bildung strebende Leser in einem solchen Falle verhalten? Ich glaube, er kann mck gutem Gewissen sich auf ein einziges Buch über Goethe beschränken und sich im übrigen an Goethes Werke und Briefe halten. Es ließe sich sogar denken, daß ein hochgebildeter Leser nichts weiter über Goethe gelesen hätte als eine der kurzen (Einleitungen zu den volkstümlichen Ausgaben von Goethes Werken, und fein Wissen von Goethe aus dessen Dichtungen, Prosaschriften unb Briefen geschöpft hätte. Ein solcher Leser würbe es an unmittelbarem Besitz von Goeth« siegreich aufnehmen mit jebem andern, der die 26 Bände des Goethe-Jahrbuchs unb ein Dutzend berühmter Bücher über Goethe gelesen hätte.
In neuester Zeit ist es Brauch geworben, über einzelne große Dichter unb Schriftsteller Werke zu schreiben, deren Umfang ungefähr dem der gesammelten Werke des Mannes gleichkommt. Es gibt Bücher über Lessing, Herder, Winckelmann in zwei oder drei Riesenbänden, und ich habe mehr als einmal die Beobachtung gemacht, daß Menschen, die für ungewöhnlich gebildet gelten, diese Bücher gelesen hatten, nicht aber einige der wichtigsten Schriften von Lessing, sehr wenig von Herder unb gar nichts von Winckelmann.' Ich stelle die Frage in allem Ernst: Wer ist literarisch gebildeter, ein Leser, der Lessings sämtliche Schriften kennt, dazu eine gute Einleitung über Lessings Leben und Wirken auf etwa 20 Seiten, — ober ein Leser, der von Lessing einige Hauptwerke oberflächlich kennt, aber Erich Schmidts betbe Riesenbände über Lessing durchstudiert hat?
Das Gefühl für die Unnröglichkeit, sich in einem kurzen Menschenleben mit der gesamten kennenswerten Weltliteratur genau bekannt zu machen, wird immer lebhafter, und die Wirkung zeigt sich in Unternehmungen von Verlegern, die in geschickter Weise, durch große zusammenhängende Auszüge des Wertvollsten, eine Kenntnis des Schriftstellers vermitteln, die unvergleichlich besser ist als die aus den besten Werken über den Schriftsteller! zu gewinnende. Man hat anfangs über diese AuszugsliterLtuv gespöttelt; ich glaube, sie wird, weil sie aus einer Notwendig kett entspringt, immer mehr wachsen, unb schließlich werden selbst die Männer der Wissenschaft einen Teil ihrer Bildung aus Büchern dieser Art schöpfen müssen. Jedenfalls ist dies wertvoller unb ehrlicher als die Heuchelei, bie sich unb anderen eine Literaturkenntnis vorspiegelt, deren Quelle einzig die Mcher „über" finit


