Ausgabe 
7.12.1910 Zweites Blatt
 
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V. 287 toetta Statt

(60. Jahrgang

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für GberWen

nnttwod), 7. vqrmder (9(0

MettrtimtBbnttf unM Verlag der Vrüblichen Unwersuär» - Vuch- und ©tembrudetel 8L Sengt, Gießen.

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Hessische Zweite Kämmet.

Darmstadt, 6. D^.

Am Regierung-Tische: Skaak-minister Ewald, Minister des Innern v. Homberflk, Geheimrate Dr. Becker, Frhr. v. Btkgeleben, Ministerialräte Lorbacher, Hölzinger Die Tribüne für das Publikum ist dicht besetzt. Brzepräsiden. Karell eröffnet die Sitzung um 10ye Uhr Bor Eintritt in du Tagesordnung richtet Abg Molthau an btt Regierung tm Änsrage, ob sie bereit sei, feine Interpellation über die Notlage des Winzerstandes bald zu beantworten.

Minister des Innern d. Hombergk erklärt sich zur Be- QjTtnx>ming der Anfrage bereit, sobald sie aus die Tagesvrdnun-g gesetzt sei. Zur Besprechung gelangt zunächst btfl Anfrage der Abg. Ulrich und Dr. Winkler, bete.

Die Veruntreuungen des Notars Hubert in Oppenheim.

Die Negierung hat auf die bekannte Anfrage der beiden Abgeordneten in der vorigen Sitzung eine längere Erklärung abgegeben, in der sie eine Haftbarkeit für die fehlend« Gelder im Hmblick auf Art. 79 des Gesetzes über die Ausführung de? V G B. und Art. 14 des NotariatSgesetzes vom 15. März 1891 ablehnt, sich aber auch zu einer freiwilligen Schadloshaltung der Beteiligten in der Form, wie es im Falle Link geschehen sei, nicht bereit erklären zu können txrmnrot. Dagegen, wolle die Regierung, wenn der geplante Hilfsfonds für die Geschädigt« tuslande tontmc, einen Zuschutz aus dem Fonds für öffentliche und gemnnnützuu Zioecke leisten. Bei den Beruntreuungen Hubers würden sich auch die strengsten Kbntrollmaßregeln als illusorisch erwiesen haben; am zweckmäßigsten erscheine der Regierung der Abschluß einer Versicherung zu Gunsten der Hinterleger und sonstigen Berechn tigten gegen Nachteile durch Veruntreuung ar, wofür die Notar, die Kosten zu tragen hatten.

Abg Dr. Winkler (92(1.) bedauert den Fall außerordentlich da durch ihn die Existenz vieler Deinen Leute vernichtet ist Ein solcher Fall habe sich während dem 100 jährigen Bestehen des rlitind-'is'schen Notariates noch nie ereignet Der Mann hob« e- verstanden, zu täuschen. Er sei lange Zeit Vertrauensmonr. des Beutrums und auch der nalionallibeialai Partei geu-en Scrn Einlourmen sei hoch gewesen, 40 000 dis 50 000 Mark im Jahre, sein Leben sei luxuriös. Eine Entdeckung der Unter- schlagungen war bei der jetzt beftebenben Kontrolle unmöglich Abhilfe sei wvhl zu schaffen durch Berstaallichung des Notariats, doch werde damit auch nicht viel erreicht, da z. B. in Rhein­hessen das Vertrauen zu den Notaren so groß sei, daß das ^"ublikum, nach wie vor zu den Notaren und nicht ans Amtsgericht gingen. Auch bebenie die in diesem Falle nötige Erhöhung der Bcaintenzahl eine wesentliche finanzielle Mehrbelastung. Ein weiterer Weg zur Abhilfe sei der Zwang, den Geldgeber im Depositenbuch seinen Namen erntragen zu lasien. Auch doppel­seitige Quittungsbücher seien zu diesem Zwecke zu empfehlen Hierzu müsse die unvermutete Kontrolle. Die Antwort der Regierung auf seine Anfrage, ob sie helfen wolle beim Abstellen soläzrr Mißstände, halte er nicht für befriedigend, d abie Re­gierung eine Hilfe ihrerseits davon abhängig mache, daß zuvor von den Notaren eine Hilfsaktion eingeleitet wird Einerseits umkleide die Regierung den Notar mit einer gewissen Würde, die wesentlich dazu beitrage, daß ihm angemessenes Vertrauen eMgegcngebracht werde und bann verweigere sie ihr Einspringen für die Ruinierten, die fast lauter Reine Leute seien. Das System der Entrolle sei fehlerhaft, da der Notar seit 15 Jahren seine Veruntreuungen begangen habe. Da die Regierung ein solches System aufgestellt habe, sei sie auch gezwungen, den Gcschä- digten zu helfen. Redner erwähnt sodann einige krasse Fälle von Not, ui die viele Familien durch die Machenfchaltan des Notars gekommen find und weist nochmals auf die Pflicht bei Regierung hin, zu helfen. .

Abg. Ulrich (Soz.). Auch ihn habe die Regierungsantwort durchaus nicht befriedigt, da sie um den Kern der Sache herum- gehe. Redner stellt den Antrag, die Regierung zu ersuchen, gleich wie im Falle des Notars Link in Dieburg aus Mitteln der Staatskasse eine Entschädigung der in Frage kommenden Ge­schädigten in die Wege zu leiten. Redner fordert bann die Regierung auf, zu tun, was notwendig ist, um derartige Fälle in Zukunft zu verhindern. Die Vorschläge des Kollegen Winkler seien ja gutgemeint, doch seien sie für Spitzbuben unb nur gegen diese wolle man sich wenden nicht geeignet Die Ver- quiching der Rechtsanwaltschaft mit dem Notariat fei bedenklich und nrüsse aufgehoben werden. Daß die Amtsrichter die Ge- schäfte des Notars ganz gut mitversehen könnten, sei von Dieburg her bewiesen. Solche Veruntreuungen könne selbst die Kontrolle, auch die unverhofft auSgeübte, nicht verhindern, es müsse das Institut der Notare unter allen Umständen verstaatlicht werden

Justizminister Dr. Ewald Exz. schließt sich dem Bedauern der Tonedner an. Es sei begreiflich, da ßin weiten Kreisen sich die Frage rege, wie derartigen Fällen vor gebeugt werden könne Eine durchaus genaue Kontrolle sei außerordentlich schwer . Du gemachten Vorschläge treffe nur die ehrlichen Notare. . Rednei verspricht sodann, da ßeine Ergänzung der Mmtnvlle auf Grund bet gemachten Erfahrungen von der Regierung erwogen werde Das Vertrauen in das dLotariat sei durch den Fall Huber nicht erschüttert worden, deshalb, dürfe man wegen eines Einzelfalles nicht das ganze Institut umstürzen. Dem Publikum werde dadurch, daß man ihm die Möglichkeit nehme, seine Vertrauensmänner selbst auszusuchen, ein schlechter Dienst erwiesen. Es sei eher möglich, daß das Notariat Reichsinftitution tverde. Das Einkommen Hubers habe nicht 40 000, sondern nur 17 000 bis 18 000 Mark betragen. Der hessische Staat würde bei Ver­staatlichung des Notariats keine Geschäfte machen, denn der Brutto einnahme der Notare in Hessen von 449 439 Mark stehe gegen­über eine Ausgabe von 427 240 Mark für die Amtsrichter. Was die Gntfdjäbigung der Leute betreffe, so sei die Regierung bereit, ihr Scherflein beizutragen, wenn sich ein entsprechendes Komitee bilde, dem die Abgeordneten ebenfalls beitreten sollten. Eiw Haftung des Staates müsse er jedoch ablehncn.

Abg. Wolf 08b.) widerspricht den Ausführungen des Justiz­ministers und tritt entschieden für die Verstaatlichung des No­tariats ein, was viele Vorteile mit sich bringe, auch für die Besser­stellung der Gehilfen und Angestellten der Notare.

Abg. v. Brentano (Ztr.) widerspricht den Ausführungen des Abg. Dr. Winller, der Notar Hubert in Oppenheim fei Vertrauensmann des Zentrums gewesen. Er ist gegen die Ber- staallichiiilg des Notariats. Die Veruntreuungen bei anderen Jnslitulionen und Beamteiikategorien führten auch nicht zur Aus­hebung dieser Kategorien. Wenn Abg.. Wolf behauptet habe, das Vertrauen der Notare in Rheinhessen sei jetzt erschüttert, so sei das nicht wahr, was ja schon der Herr Jnsttz- minister ausgesprochen habe und was die Neuwahl wieder eines Notars als Beigeordneten anstelle des verstorbenen Notars Hubert in Oppenheim beweise. Die Amtsnotare seren auch mcht über allen Zweifel erhaben, wie 2 Vorfälle in Württemberg bewiesen Zur Vermeidung solcher Vorfälle könne die Regie­rung nichts tim, doch sei Redner mit jeder Hilfsaktion ein­verstanden. Entschieden müsse er sich jedoch dagegen wenden, das; man die Einzeltat eines Menschen, die seit hundert Jahren zum ersten Mal vorgekommen sei, an die Rockschöße eines ganzen angesehenen Standes hänge. m

Abg Dr. äutfmaner (Ztr.): Eine moralische Verant- Wörtlichkeit der Regierung gegenüber den Geschädigten bestehe nicht,

>a eine Revision von feiten des Landgerichtsprajidenten nicht versäumt worden sei. Eine unvermutete Kontrolle sei unmög- llch und werde nur von Leuten vorgeschlagen, die von bem ganzen Geschäftsgang keine Ahnung hätten. Redner schließt sich im übrigen den Ausführungen des Abg. v. Brentano und des Regierungsvertreters an.

Iustizminister Dr. Ewald: Die Versicherung der Notare ür Fälle von Veruntreuungen beeinträchtige nutzt das Ansehen des Standes und fei keine Beleidigung deS Notariatstaudes, wie Abg. Dr. Zuckmayer es hingestellt habe.

Abg. Bähr (wild) macht unter allgemeiner Unaufmerksam­keit des Hauses eine Reihe überflüssiger Bemerkungen, auf die näher einzugehen wir keine Veranlassung haben.

Abg. Sentzfelder (93b.) spricht für Verstaatlichung des Notariats. Die Regierung könne eine Entschädigung im vor­liegenden Falle nicht gewähren, dies würde zu weit führen. Bei Verfehlungen von Ortsgerichtsvorstehem gewähre der Staat auch keine Beihilfe. (Große Heiterkeit.)

Abg. Dr. Winkler (null.) freut sich übet die Anerkennung des Abg. v Brentano, der selbst Nolar ist, daß er (Redner) objeftir gesprochen habe. Wenn es auch eine absolute Sicherheit gegen jie Veruntreuungen nicht gebe, so könne die Sicher­heit durch seine Vorschläge doch bedeutend erhöht werden. Am größten fei die Gefahr einer Unterschlagung bei den Einnahmen. Die Ausführungen Dr. Zuckmavers trugen den Stempel man­gelnder Logik, die Regierung habe die Verpflichtung, zu helfen Redner tritt sodann nochmals für feine Vorschläge ein. Ei ist bereit, zu versuchen, ein Komitee zu bilden, sodaß mit Hilfe des Zuschusses der entstandenen Not abgeholfen werden kann.

Abg. v. Brentano (Ztr.) möchte gegen die Veruntreu­ungen daS Mittelchen empfehlen, daß jeder Notar zivaugsweise alliährlich einmal Urlaub bekommt. Im übriaen bedauert der Redner die Verallgemeinerung dieses EinzeljattcS; das hessische Volk habe keine Ursache, sich durch letzteren beunruhigen zu lassen.

Justizminister Dr. Ewald widerspricht dem Urlaubsvor­schlag des Vorredners. Es sprechen nochmals die Abgg von Brentano und Senßfelder, wonach der Präsident die Besprechung für geschloffen erklärt. Darauf widmet der 1 Präsi­dent dem verstorbenen Kammer-Berichterstatter Amtsrichter a. D. Lindenstruth, der seit 23 Jahren aus der Journalistentribüne tätig gewesen ist, einen warmen Nachruf. Sowohl die Kammer, wie die Regierungsvertreter und die Journalistentribüne ehren das Andenken des Verstorbenen durch Erheben von den Plätzen.

Darauf 'schließt die Sitzung um 1/>2 Uhr. Nächste Sitzung: Mitttvoch vormittag 9 Uhr.

Die neue Zernivrechuebsidrenorünung im vudgetaüsschutz.

:: Berlin, 6. Dezember.

Der Budgetausschuß begann heute die Beratung der im vorigen Tagungsabschmitt eingebrachten Fernsprechgebühren­ordnung. Dse Vorlage sieht eine Grund- und e i n e Gesprä chg ebÜhr vor, während die bisherige Pauschgebühr aufgehoben wird. Die Grundgebühr beträgt nach .den Vorfcylägen der Regierung in Netzen von 1 bis 1000 Anschlüssen 50 Mk., von 1001 bis 5000 Ausschlüssen 65 Mk, von 5001 bis 20 000 Anschlüssen 80 Mk., von 20 001 bis 70 000 An chlü sen 90 Mk. und in Netzen mit mehr als 70 000 Anschlüssen für rede angefangenen weiteren 50 000 Anschlüsse je 10 Mk. mehr. Für jede hergestellte Verbindung wird eine Einzel-Gesprächsge­bühr von 4 Psg. erhoben. Der Teilnehmer darf sich vom Drittm einen Betrag bis zur Höhe der Gebühr erfragen lassen, die für die Verbindung bei Benutzung einer öfsenllichen Sprrchstelle zu entrichten wäre.

Die Ferngebühren betragen nach den Vorschlägen der Regierung bis 25 Kilometer 20 Pfg., bis 50 Kilometer 25 Psg., bis 100 Kilometer 50 Psg., bis 250 Kilometer 75 Psg., bis 500 Kilometer 1 Mk., bis 750 Kilometer 1,50 Mk., bis 1000 Kilometer 2 Mk. und über 1000 Kilometer für jede weiteren 250 Kilometer 50 Pfg. mehr.

Inzwischen haben zwischen der Reichspostverwaltung und Mit­gliedern des Ausschtisses Erörterungen stattgefunden, die in der Hauptsache zu einer Verständigung auf einer in einem Anträge Nacken (Z t r.) formulierten Grundlage geführt baben. Die Abstimmung wird vermutlich morgen erfolgen, indes ist die Annahme des Antrages wahrscheinlich.

Staatssekretär K r ä t k e verwahrte sich dagegen, daß es sich bei der Fernsprechgebührenordnung um eine agrarische Maß­nahme handele. Die Verbilligung des Fernsprechverkehrs komme nicht nur dem flachen Lande, sondern auch den Städten zugute.

Die Moadiler 5tratzenkrawalle vor Gericht.

< Berlin , 6. Dezember.

Nach Eröffnung der heutigen Sitzung wird bekannt, daß der Polizeipräsident v. I a g o w nunmehr dem Anträge der Ver- leidiger zgueslimmt hat, den von diesen namentlich bezeichneten Beamten oie Erlaubnis zur Zeugenaussage darüber zu geben, rote viel Mannschaften seinerzeit zu dem Moabiter Krawall vom Polizeipräsidenten aufgeboten worden sind, und welcher Art die diesen erteilten Instruktionen waren. Dagegen ist es den in Frage kommenden Beamten nach wie vor nicht gestattet, sich über Fragen des inneren Dienstes und der Verwaltung auszulassen. Da heute in der Hauptsache der Fall des Angellagten Eisen­reich zur Verhandlung qdangen soll, so hat der Vorsitzende Landgerichtsdirektor >Dr. Lieber den auf freiem Fuß befind­lichen Angellagten beiderlei Geschlechts gestattet, beute der Ver­handlung fernzubleiben und ihren privaten Geschäften nach­zugehen. ^.r c

Der Angeklagte Eisenreich ist Mormone und will an jenem Abend, an dem er wegen Teilnahme am Aufruhr verhaftet wurde, auf dem Wege zu einer Bibelstunde der Mormonen gewesen sein.

Hierzu bekundet zunächst der Schutzmann G a t h o w , daß er den Angellagten Eisenreich genau beobachtet habe, wie er wiederholt rief: Haut die Blauen, haut sie! Er hielt dabei die Hände trichterförmig an den Mund und wurde deshalb fest­genommen.

Der Angeklagte gibt auf Befragen zu, gerufen zu haben, well auch andere riefen; er will aber nicht wissen, daß mit dem Rufe die Schutzleute beleidigt wurden. Der Angellagte Ro­manowski hat in der Waldstraße die Schutzleute durch die Zurufe:Haut die Schweine!",Bluthunde" u. a. m. beleidigt. Er erklärt, ex habe zwarBluthunde" gerufen, damit aber nur die Kriminalbeamten gemeint. Von seinem Arbeitgeber wird dem Angellagten ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Der Zeuge Hoffmann ist Portier eines Hauses in der Wallstraße und hat gesehen, daß die Leute von den Schutzleuten mit gezogenem Säbel vor sich hergetrieben wurden. Wenn die Schutzleute jemanden erreichten, bekam er einen Hieb über das Kreuz. Die Menge habe sich nichts zu Schulden kommen lassen.

Eine Zeugin Bartsch bekundet, daß ihr Bruder, ein ruhiger fleißiger Mensch, auf dem Wege nach der gemeinsamen Woh- nung von Polizribeamten geschlagen und bis in den 5. Stock deS zweiten Quergebäudes des Hauses, in dem er wohnte, ver­folgt worden sei.

Der folgende Zeuge Mechaniker Trost ist Mllglieb der so­genannten gelben Arbellerorganisation und bereits längere Zell

oei den Siemens-Schuckertwerken beschäftigt. Er hat von dem Balkon feiner Wohnung aus verschiedene Beobachtungen gemacht und gesehen, wie sich die Massen anfammelten. Es kam dabei aber zu keinen Ausschreitungen. Plötzlich zogen die Schutzleute auf das Kommando eines Offiziers blank und slürzten sich auf die Menge, die mit Säbelhieben zurückgetrieben wurde. Ein alter Mann erhielt einen Hieb, daß er wie vorn Blitz getroffen Sn Boden sank. Seine Frau war über den Vorfall so erschüttert, daß sie laut zu weinen anfing.

Zeuge Buchdruckereibesitzer Auge hat auf dem Balkon seines Hauses gestanden und von dort aus Beobachtungen gemacht, bis ihm die Beamten mit erhobenem Revolver drohten, er solle von dort weggehen.

Zeuge Schultz ist Mllglied einer freiwilligen SanitätS- kolonne und hat aus freien Stücken sich unter die Menge begaben. Die Polizei habe sich überall maßvoll benommen, wenigst ms in den Fällen, die der Zeuge beobachtet hat.

Die weitere (Srifrttrung dreht sich um den Fall des Ange­klagten Senf, der aus einem Straßenbahnwagen der Linie 20 heraus verhaftet wurde, und zwar auf Veranlassung des Voi> zeugen Schultz, mit dem er in einen Wortwechsel geraten war. Zeuge Polizeilentnant Götze bekundet, daß entgegen den An­gaben des Angeklagten an der fraglichen Stelle eine Menschen­menge von etwa 500 bis 700 Personen versammelt war, die aus­gefordert wurde, auseinanderzugehen. Sie wurde schließlich von Der Beußelstraße nach der Waldstraße zurückgedrängt Von einem -Beamten mußte ein Schuß nach einem Hause abgegeben werden, von dem aus mit Steinen geworfen worden war. Der Polizei­leutnant teilt ferner mit, daß während der Unruhen ein Herr mit einer Sanitätsbinde auf der Straße erschien, der behauptete, aus purer Menschenfreundlichkeit gekommen zu fein, um zu helfen. Der Mann wurde schließlich sistiert, was aus chm geworden ist, weiß der Zeuge aber nicht.

Dorus werden die Weiterverhandlungen auf morgen vertagt,

Wie das Wolff'sche Bureau erfährt, stellte der Berliner Po­lizeipräsident gegen denVorwär ts" Strafan­trag wegen eines Leitartikels, der sich mit den Moa­biter Streikkrawallen beschäftigt. Es handelt sich um den in der heutigen Ausgabe desVorwärts" erschienenen Artikel:Die geheimen Führer und Leiter der Moabiter Revolution", in dem behauptet wird, Polizei- und Kriminalbeamte seien die Führer und Setter der Aufständischen in Moabit gewesen, die versucht hätten, durch aufreizende Rufe die Erregung der Menge zu steigern. Der Polizeipräsident stellte wegen dieser Behauptung und daß sich Lxksvitzel und öffentliche Agents provocateurs in Moabit befunden hätten, für sich und die unterstellten Beamten Straf­antrag wegen öffentlicher Beleidigung.

Au» Stabt unb Laub.

Gießen, 7. Dezember 1910.

** Bei der land- und forstw. Berufsgenos­senschaft für das Großherzogtum Hessen sind im letzten Geschäftsjahre 2863 Unfälle angemeldet worden. An Entschädigungen für Renten an Verletzte, Kosten des Heil­verfahrens ufw. wurden 918096 Mk. aufgewendet. Für 1911 sind hierfür 1079 100 Mk. vorgesehen. Der gesetzliÄ anzusammelnde Reservefonds beträgt zurzeit 1 813 083 Mk. Eine ganz besonders günstige Entwicklung hat die der Berufsgenossenschaft angegliederte Haftpflichtver­sicherungsanstalt genommen. Die Zahl der Mit­glieder ist auf 8035 gestiegen. Das Reinvermögen der Anstalt beziffert sich zurzeit schon auf rund 50 000 Mk Der Beitritt ist bereits mit 1 Mk. Beitrag für das Jahr möglich und wird allen Landwirten im eigenen Interesse dringend erwpfvhlen, da ein wirksamer Schutz gegen die Gefahren der gesetzlichen Haftpflicht für jeden Unternehmer notwendig ist.

* Braunschweigische Orden. Der Großherzog hat den nachstehenden Personen die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen der ihnen von dem Herzog-Regenten von Braunschweig verliehenen Ordensauszeichnungen erteilt und zwar für den Orden Heinrichs des Löwen 1. Klasse: dem Oberkammerherr Bolprecht Riedesel Frhrn. zu Eisen b ach, das Kommandeurkreuz 1. Klasse desselben Ordens: dem Hofmarschall Frhrn. v. Ungern-Stern- berg, das Kommandeurkreuz 2. Klasse desselben Ordens: dem diensttuenden Kammerherrn Dr. Frhrn. v. Leon- hardi, dem Kanrmerherrn August Riedesel Frhrn. zu C i s e n b a ch , den Orden Heinrichs des Löwen 4. Klasse: dem Hofkammerrat Hch. Meinhardt, dem Schloßinspektor Gg. Schön, dem Obergarten-Jnspektor Ludwig Ditt- mann, das Verdienstkreuz 1. Klasse: dem Hoffourier Joh. Haberkorn, dem Hofküchenmeister Rob. Edion, dem Silberverwalter Friedr. Reiter, das Verdienstkreuz 2. Kl.: dem Kammerdiener Ludw. Lang, das Ehrenzeichen 1. Kl.. den Hoslakaien Leonh. Knapp, Paul Kantzenbach, Ferd. Rotter, Karl Hupe und Erwin Hel Im u t h.

Evang. Bund. Der am Sonntag abgehaltene Familien- Abend war gut besucht und wohl gelungen. Mit Freude sah man dem Vortrag von Pfarrer D. Dr. Dieh l-Darmstadt entgegen; sein ThemaDie hessi­sche Reformation als soziale Tatt' durfte all­gemeines Interesse beanspruchen, lind es war in der Tat wieder etn Genuß, den gründlichen Kenner hessischer Kirchen- geschichtr zu hören, der in der Einführung der Reformation durch Philipp den Großmütigen nicht nur eine religiöse, sondern auch eine nationale und vor allem soziale Tat erblickt. In lebendiger Darstellung werden die Verhält- niffe Hessens in jener Zeit geschildert. Das Land ist mit Klostern dicht besetzt. Ihre Insassen leben von den Gaben der umwohnenden Bevölkerung und geben in ihrem Leben vielfach schweres Aergernis anstelle eines guten Beispieles. Die Besetzung des Erzbistums Mainz kostet das Land jedes­mal gewaltige Summen, die au die Kurie in Rom ab­zuführen sind. Mit der Einfi'chrung der Reformation in Hessen erwachsen dem Landgrafen schwere Aufgaben gerade auf dem Gebiete des Klosterwesens, und hier zeigt sich fein sozialer Sinn. Die Mönche und Nonnen, die int' Augenblick vorhanden sind, werden nicht einfach auf die Straße gestoßen, sondern ihr Auskommen wird sicher ge­stellt. Die reichen Klostergüter aber will der Landgraf persönlich nicht berühren, sie sollen der Gesamtheit "deS Hessenvolkes zugute kommen, für dessen Wohl Sorge zu tragen Philipps Regierungsprinzip ist. Die ungeheuren Einkünfte der Klöster sollen sozialen Zwecken dienen. Jede arößere Gemeinde soll ihren Pfarrer haben und die Pfrün-. den nicht den Pastores absentes" zufallen, die für einen lächerlich geringen Gehalt einenarmen Schlucker" mit