Nr. 186
Zweites Blatt
Donnerstag 11. August 1816
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme beS Sonntags.
General-Anzeiger für Sberheffen
160. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Die „Gießener Familienblatter" werden dem »Anzeiger/ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeltfragen" erschemen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzeigerGreßen.
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politische Tagesschau.
Gegen die deutschen Schulen in Brüssel und Antwerpen!
Der große Erfolg der deutschen Unterrichtsausstellung zu Brüssel, an der auch die deutsche Schule in Brüssel hervorragenden «Anteil hat, hat den deutschfeindlichen Kreisen Belgiens Anlaß zu einem ebenso gehässigen wie unwahren Angriff auf die deutschen Schulen z,u Brüssel und Antwerpen gegeben. In einer gewissen unter französischem Einflüsse stehenden Presse, an deren Spitze der Brüsseler „Soir" marschiert, wurde behauptet, daß die genannten Schulen im Unterricht Karten benutzten, auf denen Belgier: und Holland als Teile des deutschen Reiches eingetragen seien. Da die beiden Schulen von Reichs wegen unterstützt werden, so liegt die politische Tendenz- dieser Mitteilung klar aus der Hand.
In diesem Falle konnte den betreffenden Blättern das Handwerk sehr schnell gelegt werden. Wie die Mitteilungen des Vereins für das Deutschtum im Ausland berichten, hat der Direktor der deutschen Schule in Brüssel Dr. Loh- meyer im Soir die Erklärung veröffentlicht, daß der geographische Unterricht in der Brüsseler deutschen Schule überhaupt nicht von einem deutschen, sondern von einem königlich belgischen Professor allerdings in deutscher Sprache erteilt wird, und daß hierbei genau dieselben Karten benutzt werden, wie in den belgischen Staats- und Stadtschulen.
Der Fall zeigt erneut, wie notwendig es ist, daß gerade seitens des Deutschen Reiches eine sorgfältige Ueberwachung und Beeinflussung der ausländischen Presse geübt wird.
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Ein englisches Urteil über die Reise des deutschen Kronprinzen.
Ueber die geplante Reise des deutschen Kronprinzen nach dem Osten bringt der „Globe" einen ziemlich offenherzigen Kommentar, der auch an boshafter Kritik nichts zu wünschen übrig läßt, im übrigen aber nicht gerade sehr ernst genommen zu werden braucht. Diese Reise sei angeblich unoffiziell, schreibt das konservative Organ, und habe den Zweck, den Gesichtskreis des Prinzen zu erweitern, dies käme vielleicht den Chinesen zu nutze, die vielfach Gelegenheit hatten, sich von der Engherzigkeit der Deutschen zu überzeugen und würden die Chinesen nur erfreut sein, wenn die Deutschen endlich zwischen Mein und Dein zu unterscheiden lernten. Es sei für England eine große Genugtuung, daß der deutsche Kronprinz auch Indien mit seinem Besuche beehren wolle und könne er sich gleich an Ort und Stelle davon überzeugen, wie die englische Beamtenschaft arbeite und was deutscher Bureaukratismus noch zu lernen habe. Der interessanteste Punkt der Reise wäre jedoch der Besuch Pekings. Die Beziehungen zwischen den kaiserlichen Höfen von Berlin und Peking seien bisher nichts weniger als befriedigend gewesen. Trotz alledem unterliege es keinem Zweifel, daß Deutschland genügende Kenntnis von dem Erwachen Chinas genommen habe und der Kronprinz wäre nicht der Sohn seines Vaters, wenn er es nicht verstände, deutsche Handelsinteressen für den neuen großen Markt wahrzunehmen.
Der Weltkongreß für freies Christentum.
4 Berlin, 10. Aug.
Nachdem die wissenschaftlichen Vorlesungen über das Thema „Deutsche Theologie unb deutsche Kirche" beendet waren, begann die Erörterung des dritten Hauptthemas „Die sympathischen Beziehungen, die zwischen den Religionsgemeinschaften und zwischen ihren verschiedenen Richtungen bestehen sollten^. Unter den zahlreichen Vorträgen erweckte besonderes Interesse der von Prof. Tr. Cohen (Marburg) über „Die Bedeutung des modernen Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheit".
Zu dem Thema
„Christen und Freidenker" sprach u. a. Liz. Tr. Friedrich L i p s i u s (Bremen). Er führte aus: Ter sogenannte „Bremer Radikalismus", vertreten durch die Freunde des verewigten Kalthoff, lehnt es ab, in der Weise der liberalen Theologie einen Ausgleich Herstellen zu wollen zwischen der kirchlichen Dogmatik und Ethik auf der einen, der modernen Wissenschaft und Kultur auf der anderen Seite. Er ist der Ueberzeugung, daß bei einem solchen Vermittlungsversuche weder das Christentum noch Naturwissenschaft, Psychologie und historische Kritik zu ihrem Rechte kommen. (£r nimmt daher seinen Standpunkt von vornherein innerhalb des modernen Denkens, sucht, befruchtet vor allem durch die Entwicklungslehre, von hier aus eine einheitliche Welt- und Lebensanschauung zu gewinnen und solche auszuwerten für das religiöse Gefühl. Unter den Theologen des vorigen Jahrhunderts stehen ihm am nächsten Strauß, dessen Dogmen- und Evangelien-Kritik er weiterführt, und der junge Schleiermacher, in dessen „Reden über die Religion" er den positiven Ausdruck eines dem seinen verwandten Glaubensbekenntnisses findet.
Redakteur Paul Hyacinthe L o y s o n (Paris) sprach'üoi^„'^7- leranz und Aufklärung". Er preist die Toleranz, weil sie ein Gefühl sei, das aus der Liebe entspringt und das Feld für die Freiheit offen läßt. Dann zeigt er, wie die Toleranz gefährdet ist, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden. Wenn unsere Gegner auf ihr Programm die Untoleranz schreiben, sollen wir sie nicht nachahmen, um jie zu bekämpfen, im Gegenteil verkünden wir das Recht des Irrtums als höchsten Beweis unseres Vertrauens in die Macht der Wahrheit. Die Wahrheit triumphiert ohne Hilfe. Sie gilt jedoch nur, wenn sie durch die Menschen errungen wird. Wir müssen also andauernd für sie kämpfen mit den Waffen der Freiheit, d. h. durch Rede und Schrift. Wir sind es ihr auch schuldig aus frommer Pflicht gegen alle die, die im Laufe der Jahrhunderte ihr Leben für sie geopfert haben, seit Sokrates und Jesus.
In einer Parallelsitzung, die sich mit der Frage „Religiösen Jndivudualismus und Sondertirchen" beschäftigte, sprach Liz. Tr. Christoph S ch r e m p f (Stuttgart) über „Was unsereiner will — ein Bekenntnis, kein Programm". Religion beginnt für den Redner damit, daß Instinkt und Gewohnheit das Leben nicht mehr tragen können, daß also das Individuum sich das Leben erst zurechtlegen muß, um es lebenswert zu finden. Sie setzt einen Bruch in der persönlichen Entwicklung, eine Entzweiung mit Gesellschaft, Kultur und Geschichte voraus, ist also notwendig Sache des Einzelnen. Ihre Grundlage ist die Tatsache, dnß der Mensch mit Bedürfnissen ausgestattet ist, für die es innerhalb von Geburt und Tod keine Befriedigung gibt. Dieser verzweifelte Zustand kann ihm auch in der erfreulichen Weise zum Bewußtsein kommen, daß er sich größer weiß, als die ganze Welt. Daraus folgt die Zuversicht, daß das zeitliche Leben nur ein Ausschnitt aus einem umfassenderen Dasein ist, von dem wir uns freilich mit unseren Mitteln der Erkenntnis keine Vorstellung machen können. Darum können wir uns auch zu den: anderen Leben in kein Verhältnis setzen: wir sind, so lange wir leben, auch in die Zeit hineingebannt. Aber wer die Ewigkeit im Sinn hat, vermag und braucht die Zeit nicht mehr ernst zu nehmen.
Prediger Tr. Appeldoorn (Emden) sprach über die Mennoniten.
Er bezeichnet sie als die in Deutschland allerdings ziemlich kümmerlichen Reste einer sehr mächtigen Bewegung der Reformationszeit, nämlich der läuferischen Bewegung. Der Grund, weshalb diese Bewegung vom offiziellen Kirchenturm so sehr verleumdet worden ist, mag wohl einzig der sein, daß ihre freiheitlichen! Anschauungen ihrer Zeit weit voran eilten. Von diesen freiheitlichen Anschauungen sind jetzt noch die Mennoniten die Träger und Hüter. Es ist dies ersichtlich in ihrem anttkirchlichen, antidogmatischen, vor allem das Sittliche betonende Christentum.
Prediger Kücklich (Berlin) berichtete über die „Evangelische Gemeinschaft", die im Jahre 1800 im Staate Pennsylvanicn entstand. Sie erkennt die ganze Heilige Schrift an und bekennt sich zu den reformatorischen Grundsätzen. Ihr Ziel ist Ausbreitung wahrer Gotteserkenntnis. Außer in Amerika arbeitet diese Gemeinschaft auch in Deutschland, der Schweiz, in Japan und China. Die Glicderzahl beträgt 135 000 Erwachsene, 165 000
Sonntagsschüler, sie hat 1600 Prediger und 2700 Kirä-en int Werte von 40 Millionen Mark. Der Jahresbeittag für alle kirchliche Zwecke beläuft sich auf 1570 000 Mark.
Der Direktor des Methodistischen Prediger-Seminars Gustav Junker «Frankfurt a. M.) erörterte die Lehre der fNdethodisten, die, obwohl erst 170 Jahre alt, rund 9 Millionen Mitglieder und etwa 30 Millionen Anhänger zählen.
Nach Schluß der wissenschaftlichen Votträge fand unter Beisein zahlreicher Kongreßteilnehmer eine
feierliche Schlußandacht
mit Gebet und Gesangsvorttägen des Kaiser-Wilhelms-Kicchen- chores statt. Der Präsident des Kongresses, Reichstagsabgeordneter Schrader hielt einen Ueberblick über den Verlauf der Tagung und dankte allen Teilnehmern für treue Mitarbeit.
Die Schlußansprache über das Thema: „Die Einigung der Kirchen" hielt Hyacinth L o y s o n der ältere, indem er die Frage aufwarf: wenn der Patriotismus oftmals die Völker trennt, kann dann die Religion sie vereinigen? Die Bibel zeichnet poetisch im Buch der Genesis die Einigkeit der Religion, aber in der weiteren Geschichte sehen wir den Kampf vieler Anschauungen über Gott miteinander. Das jüdische Volk erhebt sich nach und nach zum Prinzip des Monotheismus auch für den Okzident, und Jesus gibt ihn als seine höchste Lehre. Aber dann sind die verschiedenen christlickien Kirchen in ihren Gottesanschauungen wieder auseinandergegangen. Was soll nun heute getan werden zur Förderung der religiösen Einigkeit? Döllinger war der erste!, der die Einigkeit der Kirchen durch Duldsamkeit und religiösen Fortschritt ersttebte. So waren die deutschen Altkatholiken die direkten Vorfahren des Weltkongresses drrrch eine logische und heldenhafte Methode. Dieser Gedanke muß vielfach noch erweitert werden. Eine praktische Zusammenschmelzung der Kirck)en ist unmöglich und nicht ratsam. Man lasse jede Kirche ihren eigenen Weg gehen, der freien Entfaltung ihres besonderen Glaubens. Dann lasse man alle Kirchen einander brüderlich die Hand entgegensttecken, auch den nichtchristlichen Religionen. So allein ist ein geistiges Band möglich. Es gibt mehr als eine Religion, aber Gott ist über ihnen allen. (Lebh. Beifall.)
Morgen treten die Kongreßteilnehmer eine Fahrt nach Wittenberg, Eisenach, Weimar an, wo Besichtigungen stattfinden.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 11. August 1910.
** Aus dem Militär-Wochenblatt. Graf gu Solms-Wildenfels, Gen.-Lt. z. D., zuletzt von der Armee, die Erlaubnis zum Tragen der Uniform des Garde- Kür.-RegtS. erteilt. — Jaekel, Kanzleisekretär, Jntend.- Kanzlist'von der Jntend. des 18. Armeekorps und Herrmann, Jntend.-Kanzlist von der Jntend. des 4. Armeekorps, — gegenseitig versetzt. — Seidel, Jrttend.- Sekretär von der Intendantur der 25. Div., der Titel „Ober- Militär-Jntend.-Sekretär" verliehen.
** Nach den Wahrnehmungen der Grenz- Au 8gangs-Po st an st alten rechnet ba§ Publikum bei der Auslieferung von Briefsendungen nach überseeischen Orten fast nur mit den letzten Versendungsgelegenheiten, die auf Grund des Beiheftes zum Amtsblatt des NeichSpostamts durch die Zeitungen bekannt gegeben werden, während über das Bestehen von Vorversanden kaum etwas bekannt ist. Da die letzten Beförderungsgelegenheiten infolge von Störungen im Gange der Eisenbahnzüge nicht selten in den Hafenorten den Anschluß an die abgehenden Dampfer verfehlen, empfiehlt es sich dringend, die Briefsendnngen möglichst zeitig auf» znliefern, damit sie mit den Vorversanden Beförderung erhalten, die auch bei Verspätungen dec Eisenbahnzüge die Schiffe in den Abgangshäfen rechtzeitig und sicher erreichen.
** Schonung dem Edelweiß. Die Ferien haben begonnen und Hunderte verlassen in diesen Tagen unsere Stadt, um in der reinen Luft des Hochgebirges neue Kräfte für Körper und Geist zu sammeln. An alle diese möchten.
Erfahrungen über Ehrlichs Zyphilismittel.
Ueber die Syphilisbehandlung mit dem Ehrlich-Hataschen Mittel veröffentlicht Dr. Johs. Bresler, Oberarzt an der Prov.-Heil- und Pflegeanstalt zu Lüben i. Schl., im Verlag von C. M a r h o l d in Halle eine Broschüre, in der er die bisher veröffentlichten Erfahrungen über das Snphilismittel nach den in verschiedenen Zeitschriften vorliegenden Mitteilungen zusammenfaßt. Eine solche Zusammenstellung ist gewiß schon jetzt in den Aerzie- kreisen als Notwendigkeit empfunden worden. Die Berichterstattung ist, wie der Verfasser hervorhebt, „selbstredend eine rein objektive". Nach den Mitteilungen Dr. Breslers geben wir nachstehend einige besonders interessante Fälle wieder:
Im September des Jahres 1909 erhielt Prof. Dr. Konrad Alt in Uchtspringe (Altmark) von Geheimrat Ehrlich in Frankfurt a. M. zwecks klinischer Erprobung ein Arsenpräparat zu- gesandt, das den Namen Dioxydiamidoarsenobenzol trägt. Dieses Präparat ist von Tr. Bertheim, dem bewährten Mitarbeiter Ehrlichs dargestellt worden. Man war mit diesem Präparat imstande, Reknrrens bei Mäusen und Ratten durch eine Injektion |u heilen und auch bei Syphiliskaninchen zeigte es eine schöne Wirkung. Diese Tierversuche wurden von Hata ausgeführt. An Menschen wurde das Präparat zum .ersten Male in Uchtspringe versucht. Nachdem mau auch hier.vorsichtigerweise erst an Hunden experimentiert und nachdem zwei Aerzte an sich die Probe aufs Exempel gemacht hatten, ohne andere Beschwerden als mehrtägige starke Schmerzhaftigkeit der etwas angeschwollenen Jn- jektionsgegend empfunden zu haben, ging man zu Versuchen an Kranken über, und zwar war cs Oberarzt Dr. Hoppe, der diese Versuche ausführte. Die Injektion verursachte nicht selten, namentlich bei sensiblen Personen, Schmerzen, die sich aber bei den meisten nach 12 bis 24 Stunden verloren.
Nach Wechselmann kann auch bei der allerskeptischsten Beurteilung gar kein Zweifel mehr obwalten, daß das neue Mittel auf die Symptome der Syphilis in allen ihren infektiösen Formen mit einer Rapidität und Gründlichkeit wirkt, wie sie kein anderes bisher bekanntes Mittel auch nur annähernd aufweisen kamt. Er hat dies in 80 Fällen erprobt; die Wirkung trat mit der Sicherheit eines Experiments ein. „Die Heilwirkungen sind so rapide, daß man die Patienten nicht demonstrieren kann, weil nteist schon nach wenigen Tagen an ihnen nichts mehr zu sehen ist und sie das Krankenhaus verlassen."
Von besoirderem Interesse sind diejenigen Fälle, welche Wechselmann mitteilte und demonstrierte, um die Erfolge der Oueck- silber- und Jodkur der neuen Methode gegenüberzustellen.
Wechfelmonu bezeichnet selbst den folgenden von ihm vorgestellten Fall als „fast unglaublich". Der Patient hatte vor sieben Monaten einen Primäraffekt und vier Wochen später einen Ausschlag. Vom 28. November 1909. bis Mitte März 1910 er
hielt er 35 Spritzen Hydr. sal. und Calomel. Seit drei Monaten hat er Gelenkschmerzen in beiden Knien. Am 5. Mai 1910 kam Patient in die Behandlung von Wechselmann. „Pat. war zum Skelett abgemagert, die Haut von fahler Leichenblässe, das Gesicht einem Tötenkopf ähnlich, mit höchst schmerzlichem Ausdruck." Als unter Jodipininjektionen ftetige Verschlimmerung einttat und das Ende in absehbarer Zeit zu erwarten stand, injizierte Wechselmann am 21. Mai 0,4 g Ehrlich-Hata. Schon nach zwei bis drei Tagen besserte sich 'das Allgemeinbefinden deutlich, am 26. Mai begann überall die Heilung. Tas Körpergewicht stieg von 41,5 kg am 21. Mai auf 49 kg am 22. Juni.
• Aehnliche überraschende Erfolge sah Wechselmann bei zwei ganz verlorenen, durch Jahre mit den üblichen Mitteln vergeblich behandelten Fällen.
Tie Jnjettion der ersten 50 Syphiliskranken ist vom Ucht- springer Oberarzt Dr. Hoppe in Magdeburg vorgenommen worden. Es wurde festgestellt, daß die Arsenausscheidung nicht so schnell von statten geht, wie es von anderer Seite angedeutet wurde, sondern in einzelnen Fällen, .noch nach zehn, zwölf Tagen Arsen ausgeschieden wurde.
Bei der intravenösen Injektion (0,4) ist die Ausscheidung schon nach zwei Tagen nahezu vollendet, am dritten Tage finden sich mir noch Spuren.
Eine ganze Anzahl von Epilepsiefällen, die auf Syphilis zurückzuführen waren, wurde durch das Mittel erheblich gebessert, so daß die Anfälle bei einigen nahezu schwanden. In zwei Fällen von schwerster Epilepsie mit Syphilis, wo regelmäßig am Tage vier bis fünf epileptische Anfälle auftraten, wurde intravenös injiziert mit einem geradezu verblüffenden Erfolg.
Selbstverständlich muß es uns fernliegcn, nach so kurzer Zeit uns darüber auszulassen, ob eine endgültige Heilung der Syphilis durch das neue Mittel eintritt. Das wird erst die Erfahrung lehren, aber immerhin glaube ich, daß heutzutage fein Zweifel mehr obwaltet, daß ein so wirksames spezifisches Mittel, wie das neueste Ehrlichpräparat, überhaupt nock) nicht existierte.
Oberarzt Dr. Schreiber-Magdeburg teilte in der Berliner medizinischen Gesellschaft vom 22. Juni 1910 mit, daß er bis dahin 150 Fälle mit dem Präparat behandelt habe. Bei allen Fällen wurde ein promptes Zurückgehen der Erscheinungen beobachtet. In tzehn Fällen, bei benen offenbar die Dosis nicht genügend gewesen war, traten schon vor Ablauf der ersten vier Wochen neue Erscheittungen auf.
In der Sitzung der k. f. Gesellschaft der Aerzte in Wien vom 24. Juni teilte Privat-Dozent Dr. Dörr, österreichischer Militärarzt, seine Erfahrungen mit diesem Präparat mit, indem er zugleich im Namen der militärischen Sanitätsbehörde Geheimrat Ehrlich für die Ueberlassuug eines Präparatenquantums dankte. Dörr hat 26 Fälle behandelt. Außer geringfügigen Temperatur Weigerungen unb etwas lokaler Druckempfindlichkeit wurden Folgeerscheinungen nicht beobachtet.
Regimentsarzt Spatz ließ in Kerrntnis der giftigen Wirkung der Arfenpruvarltte in^bc'--obere durch Schädigung der Seh
nerven zuvor den Augen Hintergrund untersuchen. Die lokale Reaktion bestand in heftigen, spannenden und prickelnden Schmerzen, die oft schon eine Stunde nach der Injektion auftraten und oft auch drei Tage anhielten, in solchem Grade, daß die Patienten die Oberschenrel kaum zu beugen vermochten. Oesters stellten sich Kopfschmerzen, Brechreiz und große motorische Unruhe ein. Tas quälende Durstgefühl, über welches die Patienten hauptsächlich klagten, wurde auch bei 37,5 Grad beobachtet, kann also nichts allein durch das Fieber bedingt fein-
In einem Falle von Schuppenflechte auf der behaarten Kopfhaut und an den charakteristischen Stellen des Gesichts und der Extremitäten zeigte sich schon am vierten Tage auffallend rasche Abschuppung, so daß am dreizehnten Tage die Flechte vollkommen geschwunden war.
Prof. Michaelis stellte am '6. Juli in der Sitzung der Berliner med. Gesellschaft ein Kind vor, bei welchem innerhalb von acht Tagen die Symptome der hereditären Syphilis, Jnsilttationeüt an den Fußsohlen unb Hairdtellern unb Exanthem, nach Behandlung mit dem Ehrlich-Hata-Präparat prompt unb völlig geschwunden waren; nur die Koryza war geblieben. Schon anx dritten Tage begann die Heilung.
Ueber das Verhalten des Ehrlich-Hataschen Präparates im menschlichen Körper machten Tr. Ph. Fischer und Dr. I. Hoppe in der „Münch, med. Wochenschrift" vom 19. Juli 1910 Mitteilungen. Bei subkutanter Einverleibung war die Ausscheidung im Urin bei Paralytikern in 12—14 Tagen beendet, bei Epileptikern am fünften Taae, bei sonstigen kräftigen Syphilitikers meist vor dem fünften Tage; bei nttravenöser Anwendung in 2—3 Tagen bei Paralytikern und anderen Kranken. Die Arsen- ansscheidung durch den Tarm fand bei intramuskulärer Anwendung« noch am zehnten Tage statt, bei intravenöser noch am fünftem und sechsten Tage.
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In der neuesten Nummer der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift" berichtet der dirigierende Arzt im Virchow-Kranken-, hause Dr. Wechselmann, der auch in der vorstehenden Abhandlung erwähnt ist, über 503 Fälle, die er mit Paul Ehrlichs Dioxydiamidoarsenobenzol (Hata 606) behandelt hat. Das Mittel hat sich hiernach fast ausnahmslos bei den verschiedensten Formern der syphilitischen Erkrankung bewährt. Es ergab sicht sofort nach seiner Anwendung eine hervorragend günstige Einwirkung auf den Allgememzustand des Patienten, vor allem eine ganz auffallende Hebung seines Kraftgefühls. Im allgemeinen! genügte, um alle syphilitischen. Symptome zum. Schwinden zw bringen, eine einzige Injektion, nnr in wenigen Fällen bednrftä es einer Wiederholung. Wechselmann berichtet auch von qrofien. Erfolgen, die er mit dem Mittel bei schloßen, aus syplchlitischens Uriachen beruhenden Fallen Von-Tabes erzielt hat. Wechsel- mannz Beolnichtungen, die sich aus viele Monate erstrecken, geben auch, daß das Mittel bei richtiger Anwendung niemals»' zu schaden vermag.


