Ausgabe 
10.5.1910 Zweites Blatt
 
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Gerichtsjaal.

** Freisprechung eines Toten. Ter Dachdeeker- meister Heinrich Carle von G i e st c n wurde vom Schwurgericht am 16. Juni 1906 wegen Brandstiftung zu 2 Jahren Zuchthaus und 5 jährigem Ehrverlust verurteilt. Carle erkrankte raänrcnh der Strafhaft und ist am 4. Mai 1908 in der Klinik für vlychnche und nervöse Krankheiten, in der er längere Zeit vorher zur Behandlung verbracht worden war, verstorben, s^chon tm Upru 1907 erkannten die den Gefangenen behandelnden Aerzte int Lazarett der Zellenstrafanstalt Butzbach, daß sein Leiden in vor- geschrittener Paralyse bestehe. Tie Sektion der ~eid)e ergab, daß Carle an Gehirnerlveichung gestorben ist. Auf Antrag semer Witwe betrieb Rechtsanwalt Arnold das Wiederaumahmeversahren in der Sache, dem auch vom Landgericht stattgegeben wurde. Rach Vernehmung einer größeren Anzahl Zeugen und nach Erstattung von Gutachten durch Professor Dr. Sammer und dessen Assi­stenten, Stabsarzt Tr. Becker, sowie nach Einholung eines -bei- gutachtens der Medizinal-Abteilung des Ministeriuins des Innern, in dem zum Ausdruck gelangte, daß Carle bei Begehung der Tat bereits geisteskrank gewesen sein muß, wurde von der Straf­kammer Gießen (Beschlußkammcr) durch Urteil vom 3. April d. <s; das verurteilende Erkenntnis des Schwurgerichts gegen^Carle aufgehoben und auf Grund des 8 51 des Str^G. B. aus r e t« sprcchung erkannt, unter Belastung der Staatskasse mit den Kosten beider Instanzen. Da§ Urteil wurde in nicht öfsentlicher Sitzung gesprochen.

d. Mainz, 9. Mai. In der Karfreüagswoche wurden mehrfach des Nachts in der Halle und dem Hallenbureau des Güterbahnhofs Stiften erbrochen, Schachteln geöffnet, Fässer an­gebohrt und Wein gestohlen, außerdem 1200 Zigarren, mehrere Hosenträger, 4 Paar Schnallenscknihe und 50 Büchsen Erdal- irichse. Es gelang, als Diebe und Hehler die Güterbodenarbeitev Jakob Binnefeld aus Finthen, wohnhaft in Heidesheim, Joh. Mav aus Bodenheim, PH. Kessel und Ludwig Schweitzer aus Harxheim, Joh. Sb c i g er t und Valentin Schreeb aus Hcidesheim zu ermitteln. Bei der Haussuchung wurden bei einem der Verhafteten die gestohlenen Waren vorgefunden. Binne­feld und M a p waren die Hauvtschuldigen, sie erbrachen und öffneten die Kisten usw., stahlen die Waren und gaben sie an die anderen Angeklagten ab. Kessel, Heigert und Schreeb sollen sich der Hehlerei und Schweitzer der Begünstigung schuldig gemacht haben. Die letzteren wollen alle unschuldig sein, und bei Annahme der Sachen nicht gewußt haben, daß sic gestohlen waren. Die Strafkammer war der Ansicht, daß teils schwerer, teils leichter Diebstahl, ferner Nahrungsmittclentwendung, Heh­lerei und Begünstigung vorliege und verurteilte Binnefeld zu 1 Jahr und May zu 9 Monaten Gefängnis und 2 Wochen Haft. Kessel erhielt 7 Wochen, Heigert und Schreeb je zwei Wochen Gefängnis und Schweitzer 30 Mark Geldstrafe.'

X. H a n a u , 9. Mai. Die Strafkammer hatte sich heute mit einer Wilderergeschichte zu befassen, die mit einem tragischen Vorgänge in Verbindung steht. Im November vorigen Jahres ergriffen im Mittelbuchener Walde die laridgräflichen Jagdauf­seher Müller und Schreiber den Weißbinder Fleischmann aus Hanau, als er mit 6 Fasanen seinem Heim zustrcbte. Da die Jagdaufseher noch weitere Wilderer vermuteten, blieb Müller einige Schritte zurück und vernahm auch bald, daß sich ihnen jemand näherte. Auf seinen Anruf, erhielt er einen Schuß, der fehlging. Nun gab auch er einen Schuß ab, der sein Ziel nicht verfehlte. Als die Jagdaufseher sich zu dem Getroffenen begaben, wurden sie gewahr, daß sie einen Kollegen, den Jagdaufseher Weber aus Bruchköbel, vor sich hatten, dem der Schuß in Lunge und Leber gegangen war. Es gelang, Weber wieder herzustellen. Wegen gewerbsmäßiger Wilddieberei hatten sich nun heute Fleischmann, Steinmetz Gg. Siebert und Fleischergeselle Groß aus Hanau zu verantworten. Das Urteil lautete gegen Fleischmann und Siebert auf je 9 Monate Gefängnis, Groß wurde frei- gesprochen.

X Meiningen, 9. Mai. Das Urteil im Prozesse der Frau Amtsgerichtsrat Bu r cha r d t gegen den ersten Staats­anwalt wegen Aufhebung der Entmündigung lautet auf Abweisung der Klage; die Klägerin hat die Kosten des Rechtsstreites zu tragen. Die Klägerin äußerte bet der Urteils- verkündigung:Ich danke Ihnen, meine Herren, für die große

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Nicht nur im strengen Winter, sondern sozusagen das ganze Jahr hindurch gebrauchen viele Menschen regelmäßig irgendeine Tablette oder Bonbon, um ihre Stimme zu pflegen, sie vor Ka­tarrh zu schützen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß die. in der Schweiz seit 60 Jahren geschätzten Wybert-Tablettcn auch in Deutschland leichten Eingang gefunden haben. Denn eine einzige Probe davon zeigt sofort deren einzigartige Wir­kung auf die Stimme. .

Hustenreiz, Heiserkeit, Verschleimung verschwinden sofort nach deren Gebrauch und soviel steht fest: Wer einmal die an­genehmen Eigenschaften der Wybert-Tabletten erprobt hat, wird dieselben nie mehr missen wollen. Wybert-Tablettcn sind daher für Sänger, Raucher, Redner, Sportsleute und alle, die ihre Stimme pflegen wollen, ein unentbehrlicher Begleiter. In Original­schachteln ä Mk. 1. sind dieselben in den Apotheken erhältlich. Depot in Gießen: Pelikan-Apotheke. Kreuz 2.ss/M

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nrerden, kann ihre Anwendung di« sachgemäße und rechtzeitige Be­handlung der erkrankten Tiere verzögern oder verhindern. Dte Landwirte werden deshalb vor dem Ankauf dieser Geheimmtttel gewarnt. .

Nidda, 9. Mai. Die Gläubiger in Konkurs befindlichen Vorschuß- und Kreditvereins Ober- Mockstadt hielten <oonntag, 8. Mai, hier eine Ver- fammlung ab. Von verschiedenen Gläubigern wurde lebhaft bedauert, daß es bcr~ Konkursverwaltung erst im Laufe des bevorstehenden Sommers möglich sei, eine 20prozrmtige Abschlagszahlung zu leisten. Auch war man der Meinung, daß diese viel früher hätte erfolgen können!, falls die Kündigungen durch den Konkursverwalter recht­zeitig erfolgt wären. Zwei der Gläubiger wurden bestimmt, das zuständige Konlürsaericht um Anberaumung einer Gläu- bigerversammlung zu bitten, in der der Konkursverwalter und der Gläubigerausschuß über ihre bisherige Tätigkeit Rechenschaft oblegen sollen.

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Mühe, die Sie durch mich gehabt hoben. Wenn ich aber hie Urteilsgründe zusammensasse und würdige, so komme ich dazu> Ihnen zuzurufen: Unsinn, du siegst!" .

Neumünster, 9. Mat. Wegen unrichtiger Auslagen in dem am 4. Mai vor.der Kieler Skrairammer verhandelten Prozeß wegen eines blutigen Zusammenstoßes von Demonstranten mit der Polizei am 13. Februar in Neumünster soll gegen zwei Personen das Verfahren wegen Meineids eingeleiteli werden. Ein dritter Zeuge .stellte sich selbst wegen unrrchtiger Aussage.

Markte.

F C. Wiesbaden. Vieh Hot-Marktbericht vom 9. Mai. Austrieb: Rinder 148, Kälber 141, Schafe 128. Schweine 447.

Tendenz: Rinder gedrückt, Kälber flott, Schafe ziemlich gut, Preis Durch-

Aus Stadt rrir- Land.

Gießen!, 10. Mai 1910.

- Audienzen. Der Großherzog empfing am Freitag nachmittag i/o5 Uhr im Palais zu Mainz den Pro­vinzialdirektor Geheimerat Dr. Breidert und die Groß­herzogin am SamStag vormittag 10 Uhr ifrau Pro­vinzialdirektor Dr. Breidert.

" LehramtSpcrsonalien. Der Großherzog hat den Lehramtsasseffor Karl Mangold zum Oberlehrer an der Viktoriaschule zu Darmstadt ernannt.

" Erledigte Lehrerstellen: Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Lorsch, eine Lehrerstelle an der evang. Schule zu Lampertheim.

** E i s e n b a h n p e r s o n a l i e n. Der Großherzog hat den Cisenbahngehilten Wilhelm Trenkner in Gießen Mim Eisenbahnunterassistenten ernannt.

**2cr Landesverband hessischer Bürger­meister hielt gestern unter dem Vorsitze des Bürger­meisters He tzg er-Langen im Kötcherhof zu Mainz seine Hauptversammlung ab. Es waren etwa 200 Land- gemeinde-Büroermeister erschienen. Der Vorsitzende er­stattete den Tätigkeitsbericht des Barstandes. Zu dem Gesetz­entwurf der neuen Landgemeindeordnung hat der Dorstand cm Regierung und Ständekammer eine Eingabe gerichtet, worin Äbänderungspvrschläge gemacht werden. 'Dem lang­jährigen verstorbenen Vorstandsmitglied Bürgermeister Jochem-Laubach widmete der Vorsitzende einen ehrenden Nachruf, die Versammelten erhoben stch zum Andenken an den Verstorbenen von ihren Plätzen. Tie Rechnungsablage erstattete Herr Schäfer. Tie Einnahmen des Verbandes betrugen 432.34 Mk, die Ausgaben 350.88 MI. Tas Ver­mögen beträgt 681 Mk. Es wurde beschlossen, die nächst­jährige Hauptversammlung in Darmstadt abzuhalten; vorgeschlagen war noch Rüsselsheim, das fallengelassen wurde. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt, an Stelle von Jochem-Laubach und den vom Bürgermeisterposten zurückgetretenen Gleist na er-Gcku-- Algestzeim wurden gewählt Bürgermeister Saalwachter Nieder-Ingelheim und Kr o m m-Schotten. Der Kreisver- band Oppenheim hatte beantragt, daß bei dem Renrenemp- fang bei: Invalidenversicherung die Bürgermeister von der Beglaubigung der Unterschrift entbunden würden. Die Ver- sicherungsanstalt will aber von dieser Beglaubigung nicht abgesehen haben. Bürgermeister Saatwächter bean­tragte, eine Eingabe an die Versicherungsanstalt zu machen, ob nicht die Beglaubigung darauf beschränkt werden könne, daß der Invalide noch am Leben sei. Diesem Anträge wurde zugch'timmt. Bürgermeister Christ-Wörrstadt beantragte, die Kolportage in Gemeinden für Waisenhäuser und andere Wohltätigkeitsanstalten vollständig zu verbieten, dafür sollten die Gemeinden einen entsprechenden Beitrag an die Kreisämter leisten. Nachdem Bürgermeister Gauch-Gen- singen für den Antrag gesprochen hatte, wurde er angenom­men. Landtagsabgeordneter v. Brentano hielt einen eingehenden Vortrag über den neuen Gesetzentwurf $ur Landgemeindeordnung. Der Entwurf fei sorgfältig aufge­baut und gut begründet. Die einzelnen Artikel des Gesetz­entwurfes zeigten sämtlich eine fortschreitende gesunde Ent­wicklung. Leider sei der Verhältniswahl im Entwurf nicht gedacht, was zu bedauern sei. Nach Artikel 47 des Ent­wurfes tönnten alle Wahlberechtigten, somit auch Lehrer, Geistliche, andere Beamte in die Gemeinderäte gewählt wer­den, mrr müssen sie von ihrer Dienstbehörde die Erlaubnis hierzu erhalten. Eine ausgiebige Aussprache reihte sich an, in der die Wünsche der K'reisverbände zu dem Gesetzentwurf mitgeteilt wurden. Ter Kreisverein Dieburg machte Ein­wendungen gegen die Bestimmung, daß Gastwirte zu Bürger­meistern, Beigeordneten und Gemeindeeinnehmem nicht ge­wählt werden tonnten. Es wurde beschlossen, nochmals eine Eingabe an die Regierung und die Ständekammer zu richten und darin alle Wünsche aufzuführen. Ein gemein- sck)aftliches Mittagessen int K'ötherhof und eine Besichtigung der Stadt schloß sich der Tagung an.

W a r n n n g. Seit einigen Jahren pnrd in Hessen ein schwunghafter Handel mit sogenannten Viehvuloeru und ähnlichen Gehennmitteln (Freß-, Mast-, Kraft-, Milchpulver unb bergt.) betrieben. Ties muß als ein die Interessen des Bauern­standes in hohem Grade schädigender llebelstand bezeichnet tverden. Die marktschreierische und wahrheitswidrige Reklame, mit der solche Mittel angeprtefen werden, ist darauf berechnet und geeignet, die Landwirte irre zu führen und zu veranlassen, Mittel zu kaufen, deren Wert und Wirkung in gar keinem Verhältnisse stehen zu den dafür gezahlten Preisen. Ta die iubetracht foininenben Mittel viel­fach als Heilmittel gegen Tierkrankheilen angepriesen unb vertrieben

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