D. 282
Swetter Blatt
160. Jahrgang
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General-Anzeiger für Gberhesien
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Donnerstag, Dezember 19{O
ReteftonibnicT und Verl«- der Vrühlfchea UnwersilätS - Buch- und Gretndruckerei.
8L Lange, Gießen.
Redaktion. Expedition und Druckerei: Gch«^ strotze ?. Expedition und Verlag. 61« Redaktion: 112. TeU-Adr^ AnzeigerBreßen.
hessische Zweite Kammer.
Darrn sta dt, 30. Nov.
8Tm Regierungstische: Starttsrninister Dr. Ewald, Minister LeS Innern von Homberg k. Geh. Staatsrat Krug v. Nidda, Geh Rat Fthr. v. BiegelebenundDr. Becker, Ministerialräte Lorbacher und Dr. Hölzinaer.
Das Haus ist schwach besetzt, die tnbunai sind leer
Präsident Haas eröffnet gegen y210 Uhr die Sitzung. Es wird sofort in die Tagesordnung eingetreten. Zu Punkt 1, Vorstellung des Hessischen Gauverbandes gegen den Al koholtsmus, den F l a s ch e n b i e r ha n de l betreffend, macht der Berichterstatter Abg. Büchner (Natt.) einige Aus- Mhrungen und bittet, die Vorstellung abzulehnen.
Minister des Jrmern v. Homberg führt aus, datz zur Regelung der Angelegenheit die Abänderung eines Paragraphen dxr Reichsgelverbeordnung nötig wäre. Die Arbeiten seien bereits soweü gediehen, daß an den Bundesrat eine entsprechende Vortage gelangen kann. Mit Rücksicht darauf könne man die Vorstellung als erledigt betrachten.
Abg. Orb (Soz.) begrüßt die Maßnahmen gegen den Al- koholismus, worauf der Antrag Büchner gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen wird.
Zur Vorstellung des Meßners Ludwig Faul zu Wimpfen i Tal, Gehaltserhöhung betreffend, macht Abg. Horn (Zentr) längere Ausführungen und bittet, das Gehalt um die angeforderten 100 Mark zu erhöhen.
Ministerialrat Lorbacher befürwortet die Erhöhung, doch seien Mittel dazu nicht vorhanden Es sollten daher Einttitts- gelder für den Besuch der Kirche erhoben werden, die dem Meßner zusallen.
Abg. v. Brentano (Zentr.) hält diesen Weg für nicht richtig von rechtlichen Gesichtspunkten aus. Man solle den Meßner regelrecht bezahlen.
Ministerialrat Lorbacher betont, daß es sich bei den Eintrittsgebühren nicht um Trinkgelder handele, sondern um tarifmäßig festgesetzte Gebühren.
Abg. v. Brentano (Zentr.) ist nach wie vor gegen das Eintrittsgeld. Wenn einer nur seine Andacht verrichten wolle, brauche er nichts zu zahlen. Der Antrag Horn wird sodann angenommen.
Zur Einreihung des Ortes Michelstadt in die Servisklasse D wird der Ausschußantrag nach längerer Debatte angenommen. Bett, die Einreihung der Stadt Gießen in die Servisklasse B wird der Antrag des Ausschusses,
1. die Verhältnisse der Stadt Gießen uibezug auf Wohnnngs- und Lebenshaltungs-Aufwcmd der in ihr domizilierten Reichs- und Staatsbeamten einer genauen Prüfung zu unterziehen und hiernach das alles mit denselben Verhältnissen in der L>tadt Darmstadt zu vergleichen:
2. durch ihre Bevollmächtigten zum Bundesrat sowohl in dieser Körperschaft, wie im Reichstage und in Einwirkung auf die Königlich Preußische Regierung (den Preußischen Eisenbahn-Mini st er) eine Besserstellung der Stadt Gießen, wie sie im Beschluß des Preußischen Abgeordnetenhauses geplant erscheint, zu bewirken.
für erledigt erklärt.
Der nächste Punkt wird zurüchrestellt.
Zum (Anträge der Abg. Ulrich u. Gen., Vergebung staatlicher Arbeiten und Lieferungen bett, ersucht Abg. Raab (Soz.) nach längeren Ausführungen, den Antrag Ulrich u. Gen. anzunehmen, der dahin lautet, die Arbeiten einmal nur .an solche Unternehmer zu vergeben, die die getroffenen " Vereinbarungen auf Treu und Glauben halten, sodann nur an solche, die ihren Verpflichtungen in bezug auf die sozialpolitische (Gesetzgebung nachkommen. Minister des Innern v. Hombergk erwidert, daß die Großh. Regierung durch Parteinahme nicht in die natürliche Entwickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse eingreifen könne. Dem zweiten Punkt werde schon jetzt entsprochen Es werde schon jetzt der Grundsatz befolgt, nur an solche Unternehmer staatliche Arbeiten und Lieferungen zu vergeben, die I ihren Verpflichtungen bezüglich der sozialpolitischen Gesetzgebung nachgekommen sind. Die Regierung sei bereit, entsprechende Anweisungen an die Behörden ergehen zu lassen, daß sie vor der Zuschlagserteilung auch die Frage der Tariwerträge in Bettacht ziehe, doch ständen der Anerkennung der Tarifverträge auch Bedenken gegenüber, so daß es nicht angängig sei, den Zuschlag von der Zugehörigkeit zur Tarifvereinigung abhängig zu maä-en.
!Abg. Hauck (936.) ist der Ansicht, der Antrag führe zu weit, da auf dem Lande die Arbeitgeber vielfach nicht Mitglied des Arbeitgeberverbandes seien und dadurch bei Vergebung fiskalischer Arbeiten an die Wand gedrückt würden. Man^müfse daher zwischen Stadt und Land unterscheiden. Abg. Orb (Soz.) spricht ebenfalls für den Antrag Ulrich. Abg. Noack (Ntl.): Solange die Tarif-
berliner Theaterbrief.
Berlin, int November.
Einmal in den letzten Wochen stand unser Theater leben auf entern Gipfel. Ms Reinhardt, der sich, wie jeder große ftünftler, t in Extremen bewegt, zu seinem intimen Kammer spiel Hause das ' Gegenstück schuf und die Zirkusmanege zum Schauplatz ^ntik- ' tragischer Geschehnisse erkor. Die Aufführung des Sophokle- ischen „Königs Oedipus" im Zirkus Schumann war B mehr als eine Sensation, als ein Leckerbissen für Herrn Snob, o war xumeist gewiß ein Experiment, aber ein solches, das man, da jeder Ausgang ein Gottesurteil ist, um des grandiosen Erfolges gf willen als eine künstlerische Tat ersten Ranges versprechen muß.
Als eine künstlerisch-' Tat überdies, die über sich hinausweilt, die fruchtbarer Keime verheißungsvoUer Anregungen im Schoße n trägt. Wie sich da die Volksmassen, mit Reinhardtscher Genialität ' bewegt, durch die Gassen des Amphitheaters wälzten, sich bann , in der Arena zu mächtigen Haufen zusammenballten, ihre Not- |i fdjreie in den Königspalaft sandten, da wurden wir dank den besonderen räumlichen Verhältnissen, dank dem Fehlen jeder 1 trennenden Schranke zwischen Parkett und Alhnenpodium mit» handelnde, mit bewegte, mitleidende Glieder dieses Volkes, wurden Hiuntnefbat hin ein gerissen in seine Quaban und Nöte. Und als 1 der König Oedhpus aitf die Freitreppe seines Palastes trat, da wurde das unser aller König ünd sein grausiges Schicksal . griff uns in die Herzen, als wären wir seine allergetteuesten ' Untertanen. Eine gleich innige, unlösliche Verschmelzung zwischen
der Handlung einer Dichtung und der Gemütserregung der Zuschauer hat uns das moderne Luxustheater noch nie vermittelt: , es war nicht mehr ein Schauobjekt, dem wir unsere Tellnahme schenkten — die Massen der Akteure und die Massen der Zu- 1 schauer waren ein Leib und eine Seele. Gewiß tat die Hofmanns
thal sche Dichtung das ihrige, unserem differenzierteren Empfinden die Starrheit der antiken Schicksalstragödie näher zu bringen — in erster Linie aber war es doch die Loslösung vom Schematismus des modernen Theaterbaues, die Annäherung an das griechische Amphitheater, die Reinhardts Wagnis für uns zu einem hohen, mit innersten, gehobensten Gefühlen nutgefeierten Feste brachte Und die Frage ist brennend geworden, ob mit dieser Aufführung nicht bte Richtung gewiesen ist für die äußere Ge- jtallung aller großen Festspielaufsührungen, die dazu bienen sollen.
bewegung noch nicht für abgeschlossen gehalten werden könne, dürfe sich eine Verwaltungsbehörde nicht in einseitiger Weise festlegen. Er tritt für den Ausschußantrag ein. Abg. Raab (Soz.) stimmt dem Abg. Noack darin zu, daß in seiner Partei Männer sind, die den Tarifen nicht mit der Freundlichkeit gegenüberstehen, wie die Anttagfteller. Der Ausschußaittrag wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. — Der Antrag der Abgg Ulrich u. Gen., die behördlichen Bekanntmachungen bett., geht dahin, die Großh. Regierung zu ersuchen, zwecks besserer Verbreitung aller behördlichen Bekanntmachungen sämtlichen Zentral- und Lokalbehörden aufzugeben, ihre zur Veröffentlichung bestimmten Bekanntmachungen allen im Kreise erscheinenden Zeitungen gleichzeitig zur Benutzung zu übersenden.
Abg. Raab (Soz.) begründet den Anttag im Hinweis auf die bestehenden Mißstände im Kreisblätterwesen. Abg. Ulrich (Soz.) tritt ebenfalls mit Nachdruck für den Anttag ein. Weder Kreise noch Provinzen würden durch diese Maßnahme belastet. Der Ausschußantrag, den Antrag der Abgg. Ulrich u. Gen. für erledigt zu erllären, wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen.
Zur Regierungsvorlage, dieHessifcheLandesausstel- luna und freie und angewandte Kunst 1908 bett, macht der Ministerialrat einige Ausführungen, die aus der Tribüne unverständlich bleiben. Der Ausschußantrag wird einstimmig angenommen. Zur Versicherung der Dienstboten gegen Krankheit liegt ein Antrag Dr. Frenay u Gen. vor; Großh. Regierung um Vorlage eines Gesetzentwurfes zu ersuchen, durch welchen die Versicherung der Dienstboten gegen Krankheit für das Großherzogtum einheitlich geregelt wird. Der Ausschußanttag, der auf die in Aussicht stehende reichsgesetzliche Regelung hinweist und darauf ausgeht, obigen Antrag für erledigt zu erllären, wird einstimmig angenommen.
Der nächste Punll behandelt einen Anttag der Abgg. Ulrich u. Gen., den Bauarbeiterschutz bett. Er lautet: Großh. Regierung zu ersuchen, den Landständen alsbald einen Gesetzentwurf vorzulegen, der einen wirksamen Bauarbeiterschutz vor sieht und aus dem Baugewerbe Arbeiter als Baukontrolleure heranzieht. Minister des Innern v. Hombergk zu Vach bittet, den Antrag Ulrich vorläufig für erledigt zu erklären und verweist auf eine in den nächsten Wochen erscheinende Vorlage. Der Ausschußanttag, der vorstehenden Antrag für erledigt zu erllären bittet, wird angenommen.
Zur Vorstellung des Zenttalverbandes der Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Deutschlands (Sitz Hamburg), die Einführung der Arbettslosenversicherung bett, macht Abg. Raab (Soz.) einige Ausführungen, die darin gipfeln, daß die Materie nch nur reichsgesetzlich regeln lasse. Der Ausschußanttag, die Regierung zu ersuchen, im Bundesrat dahin zu wirken, daß alsbald eine reichsgesetzliche Regelung der Arbeitslosenversicherung in die Wege geleitet wird, wird einstimmig angenommen.
Nach der Frühstückspause wird unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten Korell zunächst der Punll 9 a, die Vorstellung des Arbeiter-Radfahrer-Bundes, die Aufhebung der Fahrradsteuer und Abschaffung der dttlmmer platt en, b) die Vorstellung des Kartells deutscher und österreichischer Rad- und Motorsahrer-Verbande, e. V., Führung von Nummerplatten und Zahlung einer Stempelgebühr hierfür betreffend. Der Ausschuß beanttagt, die Vorstellungen für erledigt zu erklären.
Abg. Raab (Soz.) tritt für die Anträge der Vorstellungen ein. Der Ausfall an Fahrradsteuer sei geringer als von dem Ausschußreferenten berechnet ist. Die Nummerplatten führten nur zu schikanösen Behandlungen, verfehlten aber sonst ihren Zweck. Die Steuerkontrolle könne auch, anders bewerkstelligt werden. Im übrigen ist der Redner für totale Abschaffung der Fahrrad- fteuer, die in unsere Zeit nicht passe. Im übrigen hätten verschiedene Nachbarstaaten die Platten bereits abgeschafft.
Abg. Dr. Heiden reich (Ntl.) tritt für Beibehaltung der Nummerplatten ein im Interesse der Kontrollierung bei Rücksichtslosigkeiten der Herren Radfahrer. Was die Maßnahme der Nachbarstaaten betreffe, so wollten wir uns nach den im eigenen Lande gemachten Erfahrungen entscheiden.
Der Ausschußantrag wird gegen die Stimmen der Sc^ial- demokraten angenommen.
'Der Anttag des Abg. Dr. Frenay bezweckt eine weitgehende Fürsorge für Wanderarme herbeizuführen.
Minister des Innern v. Hombergk erllart, er könne dem Staate bei der gegenwärtigen Finanzlage nicht zumuten, die Lasten hierfür zu tragen. Die Verbände, die dies seither getan hätten, möchten auch weiter dafür sorgen.
Abg. Raab (Soz.) legt auf das Eintreten des Staates größten Wert.
Der Ausschußantrag wird angenommen, der dahin geht, einen möglichst engen Anschluß der Fürsorge für Wanderarme an die Arbeitsnachweis-Anstalten anzuftreben, die Erlangung von Wan
dern Volke wieder einen Begriff von der religiösen Weihe der dramatischen Kunst zu geben.
Gegenüber diesem künstlerischen, Aussichten erschließetlden Ereignis konnte der kurz darauf in dem der Theateraicsstellung am Zoologischen Garten angegliederten Ausstellungsthea- t e r unternommene Versuch, den zweiten Teil der Oedipus- Tragödie, den „O e d i p u s aus K o l o n o s" unter möglichster Berbchaltung der althellenischen Tarsdellungstechnik aufMfuhven, nur Kuriositätswert besitzen. Ja, er muß sogar als verfehlt bezeichnet werden, weil hier die sllavische Nachahmung in der Verwertung der starren Masken und der ausschließlichen Verwendung männlicher Darsteller zu der Kleinheit dcs Theaterchrns in unnatürlichstem Gegensätze stand. Die Antike ist uns Kindern eines vonviegend technischen Zeitalters nicht mehr ein so selbstverständliches Besitztum, daß wir trockenen philosophischen Imitationen willig Ohr und Auge leihen könnten. Sie muß uns lebendig gemacht, birrf uns nicht als tote Formel vordoziert werden, wenn wir M khr wieder persönliche Beziehungen gewinnen wollen. Aus der Perspektive unserer Zeit muß uns das Ausstellungs-Theater die für einen historisckien Zyklus in Aussicht genommenen Werke zeigen, wenn es über schulmäßigen Anschauungsunterricht zu lebendigen künstlerischen Wlllllngen kommen will.
Unsere sogenannte moderne Prohuttion beschert uns überdies selbst Werke genug, die den Herzhasten Zusammenhang mit den vielfachen Lebensäußerungen unserer Gegenwatt schmerzlich vermissen lassen. Man nehme etwa Ludwig Fuldas neues Schauspiel „Herr und Diener", dem das Deutsche Theater durck) eine seiner schwächeren Ausführungen zum Rampenlichte verhalf, ohne ihm ein Lebenslicht awzunden zu können. Nicht etwa, weil der Dichter die Handlung in ein mythisches Persien verlegte, sprechen wir seinem neuen Werke den packenden LebenS- wett ab. Vielmehr könnte gerade eine märchenlwft geheimnisvolle Vorzeit ein treffliches Spregelbild imserer Zeit abgeben. Und das von Fulda gewählte Problem des Verhältnisses zwisä-en einem Herrscher und seinem ersten, ihm überlegenen Diener ließe sich sogar mit bedeutungsvollen aktuellen Reizen anssdatten. Aber solcher Mul ziert den zarten Eklektiker nicht. Er verliert sich! in romantische Spielereien, treibt in dem großen Gegensätze der Herrscber- und der Dienernatur den fanden Keil geschleckstlicher Eifersüchtelei und gibt so dem zu Grunde liegenden spröden Wider- spruch der Eharallere einen Stich in. die ftanzösische Ehebruchs-
derscheinen möglichst zu erleichtern und ferner die Uebemahme aller durch die Fürsorge für Wanderarme entstehenden Kosten auf den Staat in die Wege zu leiten.
Es kommt nun die Vorstellung des Heinrich Paul I. Wwe^ aus Nonnenro^h, Kreis Gießen, Rentenbewilligung bett., zur Verhandlung. Der Ausschuß beantragt, die Unterstützung M getoabren. Ministerialrat Hölzinger bittet, die Sache für erledigt zu erklärens da eine Bewilligung eine Sturmflut von Gesuchen mit sich bringen wurde. Im übrigen befinde sich die Witwe im Besitze von 12 Morgen Land und einigem Vieh. Abg. Orb (Soz.) tritt für Bewilligung ein. Der Befitz von 12 Morgen Land befestige die Not nicht. Auch fei nicht fest-« gestellt, ob beim Tode ihres Mannes ein Unfall vorgelegen habe oder nicht,, da der Mcyin ohne ärztliches Unterfuchcn beerdigt worden sei. Abg. Reh (Freis.) beantragt, die Angelegenheit au den Ausschuß zurückzuverweisen. Abg. Orb (Soz.) hält bad nicht für nötig, da der Ausschuß sehr eingehend die Sache besprochen hat. Der Zurückverweisungsanttag wird abgelehnt. Abg. Molt Han (Zentt.) tritt für die Bewilligung ein, da von der betreffenden Bürgermeisterei die Notlage >er Frau bescheinigt worden sei. Gegen den Vorschlag vonseiten des Regierungsver- trtters, derartige Gesuche von vornherein abzulehnen, müsse er sich entschieden wenden. Man müsse jede Beschwerde hinreichend untersuchen. Abg. Best (Ntl.) stimmt dem zu. Nach weiterer kurzer Aussprache wird das Gesuch zur Berücksichtigung überwiesen.
Ein Anttag des nicht anweferrden Abg. Bähr chetrifft das Verbot der Pflugschleifen auf öffentlichen Straßen. Der Ausschuß beantragt, Großh. Regierung anheimzustellen, künftig nur solchen von den Kreisen ausgehenden Pflugschleifenverboten die Genehmigung zu erteilen, in deren Bezirk sich die vorgeschlagenen Verbesserungen nicht bewahrt haben, im übrigen aber den Anttag des Abg. Bähr für erledigt zu erllären. Abg. Wolf (Bb.) spricht entschieden gegen den Ausschußanttag. Man solle sich vorher bei praktischen Landwirten Auskunft holen. Der Redner bittet, den Anttag des Abg. Bähr anzunehmen, Großh. Regierung zu ersuchen, 1. neuen Anträgen von Kreisen bezüglich zu erlasserrden Polizeivervrdnungen, bett, das Verbot des Fahrens von Pflugschleifen auf den Kreisfttaßen, die Bestätigung zu versagen; 2A darauf hinzuwirken, daß die bestehenden Polizeiverordnungen gleichen Betreffs aufgehoben werden, anzunehmen, im übrigen deit Anttag Bähr für erledigt zu erllären. Hierzu sprechen noch die Abgg. Erk (Bb.), S t ö p l e r (Ntl.), der für eine breitere, unbelastete Schleife eintritt, Eibach (Fottschrllll. Volkspattei), Senßfelder (Bb.), der behauptet, die Schleifen verbessetten die Straßen noch.
S t ö p l e r (Ntl.), Wolf (Bb.), der sich gegen den Vorwun oerteibigt, er habe den Ausschußbericht nicht gelesen. Es spricht noch Abg. Stöpler (Nil.) als Berichterstatter; daraus toirä der Ausschußantrag mit Mehrheit abgelehnt, der Anttag Wolf gegen 4 Stimmen angenommen.
Zu dem Anttag der Abga. Reh und Dr. Weber, zum Kapitel 53 des Hauptvoränjchlags für 1910, die Impfge - bühren bett., gibt Abg. Ulrich (Soy.) den neuen AusscKiß- an trag bekannt: die Regierung zu ersuchen, die Gehaltsverhäll-» nisse der Kreisärzte und Kreisassistenzärzte anderweit zu regeln, die Jmpfgebühren zur Staatskasse zu verernnahmen und eine bezügliche Vorlage noch mit dem Budget 1911 einzubringen.
Gehrimerat Dr. Weber sühtt aus, daß die Regierung im Budget 1912 eine Neuregelung beabsichtige, und daher die Vorlage für 1911 unzweckmäßig sei. Abg. Reh (Freis.) ist dee Ansicht, daß die Regierung schon längst an eine Regelung der Frage hätte herantteten müssen. Sie habe aber bisher nicht die ernste Absicftü dazu gehabt, wie die Erfahrungen früherer Jahre beweisen. Auch ständen sich die Kreisärzte viel schlechter wie z. B. die Forstassiftenten. Der Redner erwähnt iwch, Paß zwei Herren aus dem Ministerium zusammen ungefähr 1500 Mark Jmpfgebühren beziehen (frört!) für die Prüfung der Lymphe. Er bittet, den neuen Aus schuß antrag anzunehmen. Dem wird stattgegeben.
Der Anttag Ulrich und Genossen, bett, die Anstellung v-on Bezirksärzten und Uebersührung der Apotheken in Gemeinde- oder Staatseigentum, wird ohne Debatte nach dem Ausschußanttag für erledigt erklärt, ebenso die Vorstellung einer Anzahl von Oberlehrern um Regelung ihres Besoldungsdienstalters.
Zur Beratung kommt dann noch der Anttag Dr. Pagenstecher, Dr. Schmitt und Genossen, die Gehalte der VolkS- schullehrer bett. Der Antrag verlangt die Mänderung des Gesetzes vom 28. Marz 1907 in der Weise, daß die städtischen Lehrerpensionäre nach Maßgabe ihrer Gehaltsbezüge auch eine Erhöhung ihres Ruhegehalts erhalten. Die Regierung hatte demgegenüber daraus hingewiesen, daß erst durch das Gesetz vom! 2. Januar 1901 eine Grenze für die Pensionsfähigkeit der Gehalte der Lehrer und Lehrerinnen in Städten mit Gehaltsregulativen
komödie. Und dies just in dem Augenblick, wo die Herrschaft! dieses Genres endgültig bei uns zu Ende zu gehen scheint, wo, es sich selbst einer Wandlung von der unausgesetzten Wendung des entert und einzigen erotischen Motivs zu.einer „moralischerrn" Auffassung und Behandlung unterzieht. Leider zeigt dieser Wand- lungsprozeß gleichzeitig eine recht schmerzliche Begleiterscheinung: je moralischer die französischen Autoren werden, desto langweiliger «und witzloser werden sie. Das ist das gemeinsame Merkmal) der drei Schwänke „D e r verwundete Vogel" von Capus, „S t e r n e n h o ch z e i t" von Bissau imb Thurner, „T e r heilige Hain" von de Flers und de Caillavet, deren Bekanntschaft uns die Kammerspiele (ein böser Mißgriff!), das Neue Schauspielhaus (höchst überflüssiger Weise) und das Trianon-Theater (ganz int Sinne seiner Spezialität) vermittelten, über die sich aber sonst keine individuelle Bemerkung lohnt.
In den letzten Wochen sind aber doch auch uns zum Tröste ein paar Hoffnungen ausgelaucht, deren weiteren Gaben man erwartungsvoll ent gegen sehen darf: Moritz Heimann mü seiner Komödie „Joachim von Brandt", die das Kleine Theater sehr respektabel aufführte, und Leo B i r i n s k i mit seinem russischen Revolutionsdrama „M o l o ch", dem die Darstellung des M'vdernen Theaters mehr zu einem äußeren als? zu einem innerlichem, nachhaltigen Erfolge verhalf. In der Heimannschen Komödie ist zwar das Kvmödienhaftc noch allzu! schiver mit psychologischem Ballast befrachtet, der zumal die Hauptfigur des .^Scharfen Junkers" so sehr bedrückt, daß sie kaum mehr eine Spur von Leben in sich ttätgit. Aber der Blick für das Komödienhafte in vornehmerer Stilisiertheit verleugnet sich ttotzdcm nirgends, und des Verfassers Talent zeigt sich von bedeutungsvoller Vielseitigkeit, indem es zugleick- kräftige 6tränte treffsicherer politischer Satire ausgießt. Von dieser Kunst des Lachens möch:te man dem jungen Russen Leo Biri ns ki einigt Partikelchen wünschen: sein „Moloch"-Drama sieht die Terroristen als solche gar zu sehr unter dem Gesichtspunkt des PolitiÜers^ weniger unter dem des Künstlers, und die kritische Gesamtbetrach^ hing über ihr Tun und Handeln erscheint nicht aus ihren Charakteren heraus entwickelt, sondern als vvrgesaßte Meinung. Abco neben bet bemerkenswerten Si-ckierheit be-5 technischen Aufbaues dünkt uns das F3ert um feiner typisch rufiif&en Weiensarß willen bet Beachtung ivert. y B


