Samstag 1. Oktober 1910
Zweites Blatt
100. Jahrgang
Nr. »30
Gießener Anzeiger
Erscheint tL-lich mit Ausnahme des Sonntag».
General-Anzeiger für Gberheffen
Die „(Mtfieiitt famiUtnblStter** werden dem tüngeiqef* viermal wöchentlich beigelegt, das „Krctsblatl kür den Kreis Gießen" zweimal wöchenlilch. Die .^andwlNlchaftllchen Seit- fragen" «Schemen monatlich zweunal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« UnwersuätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuk» strotze 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion: ^^112. Tel.-Adru AnzeigerGretzen.
tag vormittag vertagt.
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über die
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Zahlen aus
Obertandesgericht . . ........
Landgericht Darmstadt mit Offenbach . .
Landgericht Gießen .........
Landgericht Mainz.........
1899/1900 43 239
60 139
4M1
Man lese den Gießener Anzeiger größte und reichhaltigste Tageszeitung Sberhefsens. Alle Briefträger, sämtliche Zweigstelleninhaber und die Geschäftsstelle in Stehen, Zchulstrahe 1, nehmen Bestellungen aus den Gießener Anzeiger entgegen.
1909/ia 124 413 135 455
1127 mit an-
Deutschland eine etwas verallgemeiner
Aus dem Strafprozehausschuh.
:: Berlin, 30. September.
Man ersieht daraus, daß diese Armensachen waltlicher Vertretung sich in den letzten 10 Jahren mehr als verdoppelt haben. Die sonstigen Angaben des Vor> standes der Anwalts kämm er sind mehr interner Natur.
** Veränderungen im 18. Armeekorps,
(Ein vcrkehrrsubiläum.
Heute am 1. Oktober werden es sechzig Jahre, daß die Teilstrecke Friedberg —Gießen oer Main- Weser-Bahn dem Verkehr übergeben wurde. Am 25. September 1850 erschien im „Hanauer Anzeiger" folgende Bekanntmachung: „Nachdem die Teilstrecke Friedberg—Gießen der Staatseisenbahn Main-Weser-Bahn fertig gestellt ist,
Aus Stadt und Land.
Gießen, 1. Oktober 1910.
** Aus dem Bericht der hessischenlAnwaltS-l kammer, der heute auf der Jahresversammlung in Gießen erstattet wurde, ist zu entnehmen, daßjin Hessen 244 Rechts^ anwälte zugelassen sind und deren Zahl sich gegen baäi Vorjahr um 12 vermehrt hat. In der Provinz Starben^ bürg sind 102, in Oberhessen 60 und in Rheinhessen 82 An-, walte. In Starkenburg haben chren Wohnsitz: in Darrwi stadt 52, in Bensheim 4, in Dieburg 3, in Fürth 2, in Gerns^ heim 1, in Gro^-Gerau 3, in Groß-Umstadt 2, in Hirschhorn 1, Lampertheim 2, Langen 3, Lorsch 1, Heppenheim 1* Michelstadt 2, Offenbach 18, Reinheim 2, Seligenstadt 2^ Wald-Michelbach 1 und Zwingenberg 2 Anwälte. In Ober-, Hessen verteilen sich die Anwälte auf: Gießen 27, Alsfeld 4, Bad-Rauheim 3, Büdingen 3, Butzbach 2, Friedberg 7, Grün-, berg 2, Hungen 1, Homberg 1, Lauterbach 3, Ridda 2, Ortens berg -2, Schotten 1 und Vilbü 2. In Rheinhessen sind vor4 harären: in Mainz 51, Alzey 5, Bingen 4, Ober-Ingelheim 2> Oppenheim 3, Osthofen 2, Pfeddersheim 1, Wöllstein 1* Sprendlingen 1, Wörrstadt 1 und Worms 11-«Anwälte. Deo Vorstand der Anwalts kämm er hat eine Uebersicht über dis Fälle vorgelegt, in denen Rechtsanwälte zur Parteivertw, tung im Ärmenrecht vor dem Oberlandesgericht und den: Landgerichten bestellt waren. Wir bringen daraus die?
Der Strafprozeßausschuß verhandelte am Freitag übei trage der Zulaisung pm S ch ö ffen- und Gesch renenamt. Die Sozialdemokraten hatten dazu den «atrag gestellt, auch die Frauen als Schöffen und Geschworene
haben wir im Einverständnis mit der Großh. Hessischen Eisenbahnbehörde zu Darmstadt den Termin zur Eröffnung dieser Eisenbahnsttecke auf den 1. Oktober 1850 festgesetzt. Gleichzeitig machen wir bekannt, daß zur polizeilichen Landesabnahme der neuen Eisenbahn eine Probefahrt am 29. September von Friedberg nach Gießen stattfinden wird, zu welcher wir unsere Kommissäre beordert haben mit der Weisung, Interessenten Gelegenheit zu geben, allenfallsige Wünsche und Beschwerden überall da vorzubringen, wo dieselben meinen, eine Aenderung in den Wegeanlagen und Durchgängen für notwendig zu halten. Mit den gleichzeitig anwesenden h ess en-darm stad tisch en Regierungs-Kommissären ist von unseren Kommissären ein Protokoll auszunehmen über die etwa vorgebracht werdenden Einwände. Unser Kurfürstliches Ministerium wird dann die Einwendungen näher prüfen und die nötigen Anordnungen durch Unser Landratsamt bekannt machen lassen. Von der Station Frankfurt bis Gießen werden vom 1. Oktober an 8 Züge die Sttecke passieren, von Gießen nach Frankfurt 6 Züge, welche Passagiere und Güter mitnehmen. Das Publikum wird darauf aufmerksam gemacht, bei der Neuheit und der Gefährlichkeit der neuen Eisenbahn darauf zu achten, streng den Anordnungen des Eisenbahnpersonals Folge zu leisten, damit irgendwelche Unglücke vermieden werden. Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen der Eisenbahnbehörden werden mit 10 fl. Strafe geahndet, wenn nicht nach Unserem Eisenbahn-Regulativ eine höhere Strafe eintritt. Um den .Kurs und die Zeit für die Züge dem Publikum bekannt zu machen, sind auf den neuen Stationen Friedberg, Nauheim, Butzbach, Lang-Göns und Gießen Tafeln aufgehängt, woran man das Notwendige ersehen kann. Auch werden
Am 30. September scheidet aus dem Heere auS: Krause, Oberstlt. beim Stabe des Inf.-Regts. Prinz Karl (4. Groß- Herzog!. Hess.) Nr. 118, zum Obersten befördert. — Von* 26. September ab mit Wahrnehmung einer offenen Veterinärstelle beauftragt: Dr. Lösfler, Unteroeterinär bei der Militär- Veterinär-Akademie, unter Versetzung zum Großherzogl. Art.- Korps, 1. Großherzogl. Hess. Feld-Art.-Negt. Nr. 25.
** Preußische Klassen-Lotterie. Die Erneuerung der Lose zur 4. Klasse der 223. Lotterie muß mit Vorlegung derj Lose der 3. Klasse spätestens bis zuin 3. Oktober abends 6 Uhr geschehen sein. Auch müssen die Freilose zur 4. Klasse gegen Rückgabe der Gewinnlose 3. Klasie bis zum vorerwähnten Termin^ eingelordert roerben.
p. Albach, 1. Okt. Gestern sand hier Bürgers meist erwähl statt, bei der der Sohn des seitherigen! Bürgermeisters Philipp Balser IV. gewählt wurde Vow 92 Stimmberechtigten machten ~86 von ihrem Wahlrecht Gebrauch und vereinigten alle Stimmen aus den Gewählten. Das einstimmige Ergebnis legt Beweis dafür ad, daß man mit der 27jährigen 9lmtsführung des seitherigen Bürgermeisters in allen Tellen zufrieden gewesen ist und daß man in seinem Sohn einen geeigneten Nachfolge^ erblickt.
ruiniert würden"!
Aehnlich ist es mit der Weiterführung der Bahn vonl Gießen nach Kassel gewesen, denn trotz ihrer früheren Fertige stellung konnte sie wegen des Widerstands des Kurfürsten erst 18o5 eröffnet werden. Derselbe Kurfürst hätte damals» wohl nicht geahnt, daß er 1866 durch seine Flucht auf einer Lokomotive dieser Bahn von Kassel nach Hanau vor der Gefangennahme durch die Preußen gerettet würde.
Es sei noch auf einige Einzelheiten des BahnbaueZ eingegangen. Das Viadutt durch das Rosental in Friedberg beanspruchte eine Bauzeit von beinahe vier Jahren; am 13. September 1846 wurde begonnen und nach kurzen Unterbrechungen im „tollen Jahr" 1848 war Mitte 1850s der Bau, der damals als Weltwunder bezeichnet wurdet vollendet. Die Brücke soll annähernd 3 Millionen Gulberr gekostet haben.
Wie einfach damals der Bahnbetrieb auf den Stationen war, geht aus Mitteilungen des vor etwa zehrt Jahren verstorbenen Weichenstellers Stamm in Bad-Rau», heim hervor. Er erzählte ost, daß er als Stationsvorsteher^ Kassier, Weichensteller, Gepäckttäger usw. tätig war, kurz den ganzen Dienst allein versah. Er erhielt einen Tage- lohn von 1 fl. 6 kr. täglich, die an jedem ersten Tag im Monat der kurhessische Oberförster aus Windecken in dem Gasthaus „Zur ftrone" in Bad-Rauheim ausbezahlte, Hatte der Oberförster gerade am ersten des Monats keine Zeit, mußten die Beamten warten, bis es ihm paßte. Später wurde das Geld durch Bezirks kassier Meinhard auL^ bezahlt.
-uzulassen. Der Vertreter der V o l k s p a r t e i führte dazu aus, daß seine Parteifreunde der Ausdehnung der Rechte der Frauen durchaus sympathisch gegenüberstehen. Sie würden daher den «ntrag aus Zulassung der Frauen zunächst bei den Jugendge- ttchten stellen. Die Konservativen erklätten sich prinzipiell Segen die Zuziehung der Frauen bei der Rechtsprechung, ebenso ein Vertreter des Zentrums. Die Rationalliberalen flklärten sich gleichfalls gegen, den Antrag, während die Polen ich der Abstimmung enthielten. Der Antrag wurde schließlich vllt großer Mehrheit a b g e l e h n t.
in stellte den Ab-, (Dieselbe Bekanntmachung hatte auch das Großh. Hess. Mi^ .cht abermals Ge- nisterium erlassen.)
Wie allgemein bekannt sein dürfte, war der letzte $hn> fürst von Hessen-Kassel, Friedrich Wilhelm I., der größte Gegner der Erbauung der Main-Weser-Bahn und nur mit List gelang es seinen Räten, ihm gelegentlich eines Jagdausflugs, den der Kurfürst bei seinem Vetter, dem Landgrafen von Hessen-Homburg im Taunus machte, die Konzession abzulocken. Aus der Abneigung des Kurfürsten ist auch die merkwürdige Führung der Dahn von Vilbel nach der ehemaligen freien Reichsstadt Frankfurt a. M. au erklären, weil der Kurfürst nicht haben wollte, „daß durch die neue Bahn seine Lande (Bockenheim und Umgebung)
Dentscher Keicf?«
Am Freitag fand im Reichsversicherungsamt ein Fest zu Ehren des am 4. Februar 1907 verstorbenen ersten Präsidenten Dr. Boedicker statt. Der jetzige Präsident des Reichsver- sicherungsamtes Dr. K a u f m a n n gab in der Festtede eine Schilderung der Persönlichkeit B.'s und seiner besonderen Verdienste um die Durchführung der Arbeiterversicherung. Die Versammlung begab sich hierauf in die Eingangshalle des Tienstgebäudes, wo die Enthüllung des von Professor I a n e n s ch - Charlotten- burg geschaffenen Denkmals Boedikers erfolgte. Der Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück nahm in einer kurzen Ansprache das Denkmal in den Schutz des Reiches.
Aus Krefeld wird berichtet: In der Sitzung des Arbeitgeberverbandes der rheinischen S ei de n i nd u st r i e wurde am Freitag einstimmig beschlossen, in 14 Tagen die allgemeine Sperre zu verhängen, falls der Ausstand bei der Firma Eisländer bis dahin nicht beendet ist. Es kommen ungefähr 15 0 0 Arbeiter in Frage.
Ansland.
Aus Bukarest wird gemeldet: Staatssekretär von Ki- derlen-Wächter ist in Sinaia eingetrofsen, um dem König sein Abberufungsschreiben zu überreichen. Am Samstag abend trifft der Staatssekretär in Bukarest ein und reist am Sonntag oder Montag nach Wien.
Der „Eclaill' erhält von eurem französischen Offizier, der sich als Forschungsreisender einen Hervorraaenden Namen gemacht habe, die Mitteilung, daß die französischen Posten an der tripolitanischen Grenze ernstlich bedroht seien, da die türkische Regierung die Angriffe und Einfälle in das französische Gebiet systematisch begünstige, ja geradezu veranlasse. Die Stämme, die die französischen Truppen angriffen, werden von den türkischen Militärposten mit Lebensmitteln und Munition versehen. Es sei unerläßlich, die Besatzung der französischen Posten zu verstärken.
Auf Ersuchen des englischen HandelsMrnisters sind in London am Freitag abend die Arbeitgeber und Arbeitnehmer der B a u m - Wollindustrie noch einmal zusammengetreten. Die Verhandlungen führten aber zu keiner Einigung und die allgemeine Aussperrung in der ganzen Baunrwollindustrie beginnt daher am Samstag.
Der König von Griechenland unterzeichnete ein Dekret, welches bestimmt, daß die Ergänzungswahlen für die drei von Kretern nicht angenommenen Mandate am 27. November stattfinden sollen.
Wie die Petersburger Telegraphen-Agentur aus Mukden meldet, verhafteten die chrnesischen Behörden in Taofu dreizehnJapaner,die sich weigetten, die dem Außenhandel verschlossene Stadt zu verlassen. Der japanische Generalkonsul erhob Widerspruch. Aus Peking wurde ein Beamter zur Untersuchung des Zwischenfalles abgesandt.
Wie aus Tokio gemeldet wird, sind die Bestimmungen über die Regierung in Korea jetzt angenommen worden. Es wird amtlich bekannt gemacht, daß der Generalgouverneur Vollmacht erhält, Verordnungen zu erlassen, vorbehaltlich der Genehmigung durch den Kaiser und den Geheimen Rat. Vicomte Terautsi wird Generalgouverneur, .Fürst Pamagata Präsident des Geheimen Rates.
lisiische Bewegung annehmen würde. Das hat konkrete, tiefe und selbst hinreichend berechtigte Gründe, wenn man sich Vorhalt, daß die Steuern in Deutschland wie überall gewachsen finb und daß die Vetteuerung des materiellen Lebens für die Arbeiterfamilien dort unerttäglich geworden ist. Derm man hat festgestellt, daß unter den in den Hospitälern überführten verwundeten Meuterern sich nicht nur Gesindel und schlechte Arbeiter befanden, sondern auch die als frichfertig und arbeitsam bekannten. DaS E l Hn d berrscht in Deutschland, das ist die Wahrhell und das ist auch die Gefahr. Man darf nie vergessen, daß allen Revolutionen eine Eingeweidezuckung vorausgeyt, die die soziale ankündigt."
Solches Geschwätz ist natürlich nicht ernst zn nehmen. ♦
Neuer vom Kampfplätze.
Berlin, 30. Sept. In Moabit herrschte den ganzen Tag über Ruhe. Auch bis Mitternacht waren keine Meldungen über irgendwelche Ausschreitungen eingegangen. Die pollleilichen Sperrungen der Straßen sind aufgehoben tooroen.
Der hiesige englische und amerikanische Botfchafter haben das Auswärtige Amt um Mitteilung des amllichen Berichts über den Zusammenstoß gebeten, den vier englische und amerikanische Journalisten in der Nacht zum Donnerstag in Moabit mit der Polizei hatten.
Polizeipräsident v. I a g o w hat sich bei den am Mittwoch abend von Schutzleuten attackierten englischen Journalisten entschuldigen lassen. Sowohl bei dem durch Säbelhiebe verletzten Vertreter des Reuterschen Bureaus Lawrence, wie bei dem Vertreter der „Daily Mail" F. W. Wile erschien Kriminalkommissar v. Behr und überbrachte das Bedauern des Polizerpräsidenten, der versprechen ließ, über den Unfall eine Enquete veranstalten zu lassen. Die bisherigen Ermittlungen haben ergeben, daß der Zivilist, der die Schutzleute auf die harmlos im Wagen sitzenden ausländischen Journalisten aufmerksam machte, rein Kriminalbeamter gewesen ist.
lollen. Der Vertreter der wirrfch. Vereimgun, scbwächungsantraa, sie nur als Schössen, nif, _.. ... _ schworene zuzulassen. In der Bekämpfung des fortschrittlichen Antrages wurden die Regierungsvertreter unterstützt von den Konservativen und der Reichspartei, während die Nationalliberalen, Sozialdemokraten Und Polen die Ausführungen des den Antrag begründenden Vettreters der Volkspartei lebhaft befürworteten. Der Antrag der Volkspartei wurde schließlich gegen die Stimmen der Konservativen, der wirtschastl. Vereinigung und eines Teiles des Zentrums angenommen. Bezüglich der Wahl der Schöffen und Geschworenen schreibt die Regierungsvorlage vor, daß sie erfolgt nach näherer Bestimmung der Landesgesetze durch die Vertretungen der Kreisämter, Gemeinden oder älinlichen Verbände. Hierzu beantragten die Sozialdemokraten, daß die Wahl erfolgt auf Grund allgemeiner, gleicher, geheimer und direkter Wahl durch die voll- lährigen Einwohner des Amtsgerichtsbezirks. Dieser Antrag wurde mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Polen abgelehnt. Ebenso wurde der bereits angekündigte und nunmehr eingebrachte Antrag der Volkspartei, die Frauen zum Schöffenamt bei Jugendgerichten zuzulassen, a b g el ehnt und zwar mit den Stimmen der Konservativen, Nationallweralen und des Zentrums. Die Weiterberatung wurde sodann auf Diens-
Das Ausland und die Moabiter Vorgänge.
£ London, 30. Sept. Der Berliner Korrespondent der Daily News", der sehr entrüstet darüber ist, daß einige leutscye Zeitungen seinen Bericht über den angeblichen An- niff einer Poli^eiabteilung auf vier englischeJourna- iften nicht ernster genommen haben, erzählt den ganzen gorfall noch einmal, um zu zeigen, daß auch nicht die ge> ingfte Schuld die Herren selbst treffen könne. Er sagt, )aß ihm an der Ecke der Rostocker Straße noch ein Polizei- cutnaut gesagt Hobe, sie sollten nach der Turmstraße gehen, M es vielleicht etwas zu sehen geben werde, sie sollten wr „Presse" rufen, und dann würde alles in Ordnung ein. Da, wo sie hielten, sei auch gar kein Kampf gewesen ind noch weniger eine Verwirrung. Me Polizisten hätten tut aanz ohne Grund ihre Seitengelvehre auf zwei Dienst- Mchen gezogen, die friedlich nach Hause gegangen seien. Die Erklärung der Polizei, daß der Befehl, auf die Jour- lalisten dreinzuhauen, wahrscheinlich von einem Mann ge- zeben worden sei, der gar nicht zur Polizei gehörte, wird son vielen Blättern und Korrespondenten als ungenügend .-ezcichnet, und ein Blatt meint, oaß es doch eine Beleidigung für die Berliner Polizei sein würde, wenn man annehmen wollte, daß sie Befehle von Leuten annehme, die sie nicht kennte. Der Berliner Korrespondent des „Daily Telegraph" gibt einige Aeußernngen der „Deutschen Tageszeitung" und )cr „Berliner Neuest. Nachr." wieder, die ihm nicht gefallen haben, und meint, das sei die berühmte deutsche .Gastfreundschaft!
Uebrigens mag hervorgehoben werden, daß mehrere )er großen englischen Zeitungen die Berichte über )en angeblich en U eber fa ll nicht veröffentlichten, trotzdem der Reutersche Bericht allen zuging, und Daß z V. die „Mornin g Po st" in ihrem heutigen Leitartikel über die Berliner Unruhen den Vorfall auch nicht mit einem Wort erwähnt, während selbst die „Times" ihn als ein Mißverständnis erklärt, wie es bei solchen Gelegenbeiten immer leicht Vorkommen kann.
O Paris, 30. Sept. Die Arbeiterunruhen in Berlin haben zuerst der französischen Presse mehr An'.aß zu Ueber- raschungs-Bekundungen als zu eingehenden Betrachtungen oder gar allgemeinen Ausblicken gegeben. Rur das Thema, daß die vielgerühmte deutsche Disziplin zum ersten Male in frappierender Weise versagt habe, wurde ausgiebiger ^besprochen und vielsacy mit dem Zusatze versehen, daß mmmehr die Deutschen keine Veranlassung mehr hätten, sich über ähnliche Ausbrüche in Frankreich vergnügt die Hände in dem Bewußtsein zu reiben, daß so etwas bei ihnen unmöglich wäre. Aber weitere Schlußfolgerungen sind aucb in diesem Punkte, abgesehen von lLcherlichepr Phantasien berufsmäßiger chauvinistischer Organe, die für die Lolksstimmung nicht zählen, sorgfältig unterlassen worden. Auf den Grund des Problems, das sich da aufrollte, sucht in überraschend sachlicher Weise der bekannte „Macher" des Generals Boulanger, Georges Thiebaud, in der „Libre Parole" zu dringen. Er argumentiert folgendermaßen:
„Angesichts der plötzlichen und ungeheuren Gewalttätigkell dieser Auftritte kann man sich vorstellen, welchen Umfang in
Ein weiterer Antrag, auch die ländlichen Arbeiten als Schöffen zuzulassen, führte zu der Feststellung, daß die länd- Men Arbeiter nicht zu den Dienstboten zu rechnen und daher als 'Schöffen nicht ausgeschlossen seien. Eine lebhafte Aussprache nes ein Antrag derBolkspartei hervor, daß auch die V o l k s-, .vvwu
'«ullehrer als Schöffen und Geschworene berufen werden!die Statwnsbeanrten angeroiefen, lebe Auskunft zu geben'


