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Nr. 75
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
vsm landWirtschastUchen heeresuuterrrcht.
Aus Wiesbaden wird uns geschrieben:
Freitag 1. April 1910
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiräts - Birch- und Steindnrckerei.
R. Lange, Gießen.
47 Bahre alt. aus Butzbach, Frau Anna Beckert, 54 Jahre t, aus Butzbach, Hch. Schneider, 62 Jahre alt, aus
Wirth aus Ober-Schmitten wurde zum Hauswärter im nördlichen Kollegiengebäude zu Darmstadt ernannt.
$ Jubiläum. Herr Karl Kerber, Prokurist bei der Firma H. Mettenheimer, feiert heute sein 25jäbriges Jubiläum als Reisender dieser Firma. Von dem Chef, sowie den Angestellten der Firma wurden dem Jubilar prachtvolle Geschenke überreicht und auch seine Freunde und Bekannten haben ihn mit Ehrungen und Aufmerksamkeiten aller Art reichlich bedacht. Dies zeigt zur Genüge, daß es Herr- Kerber während seiner 25jährigen Tätigkeit verstanden hat, sich das Vertrauen seines Chefs und die Anerkennung seiner Geschäftskollegen und Freunde zu erwerben. Es verdient noch hervorgehoben zu werden, daß schon im vorigen Jahre ein Angestellter der Firma H. Mettenheimer sein 25jähr. Jubi- läuiu feiern konnte und im nächsten Jahre der dritte folgen ivird, gewiß eine Ehre sowohl für die Firma, als auch die Angestellten.
»• In Amerika verstorbene Hessen. In Süd- Pittsburg starb Jak. Ziegler, 73 Jahre alt; in San Francisco starben in den letzten Tagen: Joh. Jung,
2lu$ Stadt und Land.
Gießen, 1. April 1910.
** Tageskalender für Freitag, 1. April. Stad ttjcater: „Ter Hochtourist". Aiftang 8 Uhr.
Kolosseum: Programmwechsei.
Redaktion, Expedition unb Truckerei: Schul- straße 7. Exvedition und Verlag: e^^51. Redaktion:S^112. Tel.-Adr.:AnzeigcrGießen.
amt' Lande die Liede zum Vaterlandc kündet, und ihn daraus hin-- weist, bi I, das eigentliche Vaterland des Dorfbewohners die^länd- lick ? Gemeinde ist, wo er geboren ist, das; es lieyt ün der Furche des gepflügclten Feldes, in dem Klange der Dorfglocken, m den. bekannten Wohnstätten und Wegen, in den Mühen jedes Tages! Eingehende Erhebungen sind daher unbedingt geboten, die allein entscheiden können, vb und in welchen Gebieten des Reiches derlei Einrichtungen in der Armee dauernd anszubauen feiert. In einer Vortragsreihe der deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, die m den nächsten Tagen in Eisenach stattfindet, wird Meyer Bode- Augsburg über den landwirtschaftlichen Heeresnnterricht eingehend berichten und die sich anschließende Aussprache wird jedenfalls sehr zur Klärung der Sache beitragen. '
Sin Schlußwort
zur Griininger-VorsgMer Markwaldfrage.
Man schreibt uns nochmals „vom Sanbc":
Aiein Name tut nichts zur Sache; darum soll er ungenannt bleiben. Eine „S V i r. c" gegen .Herrn Bürgermeister Gilbert sollte mein erster Artikel in Nr. 74 dieses Blattes nicht enthalten, llnb enthält sic and; nid '. Tie Zustände tn der Grnninger-Dorf- güller Mart sind t v p i s ch , cbenbudlich für saft alle M ar k gcnvs sen s ch aste n nach alte m d e u t s ch e n Recht im Gr. Hessen. Ter Artikel 83 des Einführungsgeseves des B.-G.s trifft im Gr. .Hessen auf ein Vakuum", auf eine Lücke in der Gesetzgebung. Tarnm, so meinte ich, sollte nian in Grüningen- Dorsgüll einmal den Anfang zu einer solchen Gesetzgebung mach.n: und der Grosch. Regierung Wege weisen und Handhaben bieten, die ihr w-ertvoll werden tönnten bei einem Versuch, beit altdriltid>en Reckstsbrauch in neuzeitliche Formen zu gießen. Schließlich bemerke ich noch, daß meines Erachtens leine gesetzliche Bestimmung vorhanden ist, die dem Kreisamt, dem Ministerium y^r den ordentlichen Gerichten das Recht gibt, in irgend einer
Weise verfügend oder veitrmme-u) tn Die Verwaltung der Markgenossenschaft einzugreifen. Tie L a n d g c m e i n d eord n n n g ift in diesem Fal.c gänzlich unzuständig. Tas Kreisamt hat kein Oberauf'ichtsreckft; die angezogenen kreisamllichen Verfügungen von 1869, 1872, 1881, 1884 können demnach auch eine lolcke Oberaufsicht nicht v o r a u s s e tz e n. Tas Urteil des Oberlandes- gerichts ging gerade hiiervon aus, und es bleibt dabei: lieber dem Bürgermeister von Grüniugen als dem Ersten Märke r- m e i st e r der Mark Grüningen-Torfgüll steht keine irdilche Macht. Schließlich bemerke ich noch, daß der im Schreiben des Herrn Bürgermeisters Gilbert angezogene § 37 B.-G. a u sgehoben wirb durch den erwähnten Artikel 83 des Emfuhrungsgeietze- zum B.-G.__
Die „Sietzener Zamilienblätter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ".Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit, fragen" erscheinen monatlich zweimal.
** Von der Elektrischen. Wie uns von einem. Sachkundigen mitgeteilt wird, soll an dem kürzlich ausgeschriebenen Wasserturm eine kleine Veränderung vorgenommen werden. Er soll eine drehbare .Haube bekommen, an (ber mächtige Windflügel angebracht werden. Er erhält dadurch mehr die Form einer holländischen Windmühle. Wegen des starten Druckes, den die großen Flügelflächen auszuhalten haben, müssen sie natürlich entsprechend versteift werden. Aber in der heutigen Zeit, wo wahre Wunderwerke der Konstruktion entstehen, macht das keine Schwierig- I eiten mehr. Eine ähnliche Anlage soll bereits in Australien gemacht sein. Diese windige Kraft soll zum Betrieb der elektrischen Bahnen benutzt werden und zwar wird an recht windigen Tagen, wie eben jetzt, so viel Kraft auf- gespeichert, daß schon in nächster Zeit an die Verlängerung )er elektrischen Bahn nach Klein-Linden, Wies eck und Krofdorf und an die Legung einer Rin gb ahn herangetreten werden tann, falls die betreffenden Gemeinden' hie nötigen Zuschüsse für die Anlagen bewilligen, was jedoch nicht zu bezweifeln ist. Natürlich muß die Akkumulatorenbatterie im Elektrizitätswerc bedeutend vergrößert werden. Gießen wird wirtlich großzügig.
** Veranlagung der direkten Staats- teuernfürl910. Nach dem Finanzgesetz ist an direkten Staatssteuern für das Etatsjahr 1910 insgesamt der Betrag von 17 552 615.25 Ml. veranlagt worden, der sich mit 4 368 816.30 Mk. auf die Vermögenssteuer und mit 13183 798.95 Mk. auf die Einkommensteuer verteilt. Von den 37 Finanzämtern des Landes haben die höchsten Veranlagungen zur Vermögenssteuer: Darmstadt I mit 553968.75 Mk., Mainz I 455 742.55 Mk. und Offenbach I 283 100 Mk.; die Einkommensteuerveranlagung beträgt u. a. in den Finanzämtern Darmstadt I 1 932031.63 Mk., Mainz I 1 996 653 Mk., Offenbach I 1 501 300.85 Mk., Gießen 917 081.70 Mk. und Worms I 937 573.15 Mk.
** Heilanstalten in Hessen. Im Jahre 1908 waren im Großherzogtum vorhanden 36 öffentliche Krankenhäuser mit 4098 Betten; 29 private Krankenhäuser mit 1257 Betten; 3 Universitätslehrzwecken dienende Krankenhäuser mit 445 Betten; eine öffentliche Augenheilanstalt mit 18 Betten; 4 private Augenheilanllalten mit 4 Betten; eine Universitäts-Augenklinik mit 120 Betten; 4 öffentliche Anstalten für Geisteskranke, Epileptiker, Schwachsinnige usw. mit 2476 Betten; 4 private Anstalten dieser Art mit 225 Betten; 1 Unwersitäts-Klinlk für psychische Krankheiten mit 100 Betten; 2 öffentliche Entbindungsanstalten mit 52 Betten; 2 private Entbindungsanstalten mit 13 Betten, sowie 1 Universitäts- Entbindungsanstalt mit 65 Betten.
** Schulamtsaspiranten und - Aspirantin- n c n. Aus den hessischen Lehrer- und Lehrerinnen-Bildungs- anstalten gingen in diesem Fahre 172 Schulamts-Aspiranten und 99 Schulamts-Aspirantinnen hervor. Die beiden Ober- klassen des Alzeyer Seminars lieferten 58, die beiden Ober- tlaisen des Friedberger Seminars 56, die eine Ober- klasse des Bensheimer Seminars 28 und der „Pädagogische Kurs" zu Darmstadt 30 Schulamts-Aspiranten. Von diesen 172 Schulamts-Aspiranten find 120 evangelisch, 51 katholisch und 1 israelitisch. Im Seminar für Volisschullehrerinnen zu Darmstadt gingen 23 Aspirantinnen ab, und außerdem bestanden darin 13 „Kurseanerinnen" der Englischen Fräulein zu Mainz die Entlassungsprüfung, also im ganzen 36 neue Aspirantinnen fürs Volts;chulfach, von denen 24 katholisch und 12 evangelisch sind. Das mit der Viktoriaschule zu Darmstadt verbundene Lehrerinnenseminar lieferte in diesem Fahre 41 Kandidatinnen fürs I. licrc Lehrfach und das mit der Höheren Mädchenschule in Mainz verbundene Lehre- rinnenfeminar 21, zusammen 62 Kandidatinnen, von denen 49 evangelisch, 10 katholisch und 3 israelitisch sind.
Line Mineralquelle im Neuftädrer Feld.
Gießen, 31. März.
Untere Leser werden sich noch des Streites erinnern über bic Möglichkeit, mit der Wünschelrute Wasser int Boden auszuftnoen, Cer einst zwischen dem bekannten Quellwaftersucher Baron von Bülow unb seinen Anhängern einerseits unb Autoritäten auf geologischem Gebiete andererseits entbrannt war. .'cun hac ein Privatgelehrter, Herr P. aus Wien, der ;ich mit der Kenntnis der Wünschelrute eifrig beschäftigt und die Erfolge, die damit erreicht werden tonnen, im weitesten Umfange verteidigt,,'ick entschlossen, zur Ehrenrettung der Wünschelrute heute nachmittag zwischen 5 und 6 Uhr eine Begehung des Gewndes vor dem N e u st ä d t e r Tor zunächst der Lahnbrücke vorzunehmen, um eine dort früher vorhanden gewesene Mineralquelle w i cd e r a u f z u s u ch e n. Ter Wiener Gelehrte hat sich habet eine Ausgabe gestellt, deren Lösung die Ehrenrettung der Wünlchelrute bedeutet, indem sie den Angriffen der Gegner ^gliche handhabe entziehen würde, selbst Leuten, die die 'Wünlchelrute ab den größten Unsinn unb Äulturrückstand des 20. Jahrhunderts bezeichnen. — Auch würde die Auffindung bieier Qiielle einen großen Gewinn für die Stadt Gießen selbst bebeuten. S^üit bieier Quelle schreibt Chelius in seinem geologisch.en Führer bim.} den Vogelsberg wörtlich: „Ter Name Selters in Gießen i^elters- iveg, Selterstor) erinnert an eine Mineralquelle. E. .nuppstem schreibt darüber : Vor dem Neustädter Tor ist ein mineralischer Brunnen: das Wasser hat einen zusammenziehenden, tintenartigen Geschmack und enthält Eisen und Kalk» Aehnliche Notizen über Mineralwasser in Gießen gibt es noch mehrere, daß^man nicht zwei sein kann, man wird das Wasser einst finden." Lo schreibt Chelius S. 101 des erwähnten Buches: Tie.e Quelle, die ,ach anderweitig verloren hat, liegt aus der bekannten teltoniichen Verwerfung, die 'ich quer durch Gießen zieht und welche bei den vielen Ausschachtungen der letzten Zeit schön verfolgt werden konnte. Zieht man von einem Punkte der Lielngstraße, etwas westlich von ihrer Kreuzung mit der Ludwigstratze, eine gerade Linie in der Richtung des Gleiberges, so erhält man ungefähr die oben erwähnte Verwerfungslinie. Nordöstlich dieser Linie steht das Tertiär an: Die Sandgruben am Schiffenberger Weg, Gail - scheu Tonwelle, Tone der Lindener Marl, Sande und Tone mit guten Blattabdrücken bei Wieseck. Südwestlich dieser Linie stehen Schichten des Devon an: Die Kalle, die bei Bieber in gvoßeu Brüchen gewonnen w'erden, unb in der Lindener Mark beim Berg- wertsbetrieb in umgewandelter Form blesgeiegt sind; bann die Grauwacken, die die Erhöhung der öarbt bilden und beim Legen des Postkabels in der Nähe der Hauptpost gefunden wurden. Man beobachtet aVo deutlich daß N-0 dieser Verwerfung die tertiären Schichten mit allen darunter liegenden abgestinken imb unb erhalten blieben, während S-W Iber Verwerfung sämtliche Schichten über den devonischen Kalken be-w.,Grauwacken abgetragen wurden, lieber diese ganzen Verhältnisse floß bann wäh rend der Eiszeiten ein diluvialer Strom, der in seinem Bette mächtige Lagen von Geröllen abfetzte, bic heute noch _bie Erhebung des Triebes, der Schönen Aussicht unb des Lchottcr- daiumes bei Nauheim bilden, während die übrigen Teile durch die bekannten Aqentien erodiert wurden. Dieses geologische Bild zeigt also deutlich, daß es sich hier Wirklich um eine Verwerfung, handelt. Unb da cs weiter dem Geologen eine ganz bekannte Tatsache ist, daß die meisten ^Quellen gerade an solchen Verwei> fungen auftreten, besonders aber die Mineralquellen des Vogels- vcrgcs unb der Wetterau, so ist das Vvrhandensein oben erwähnter Quelle durchaus gewiß. Wir können also dem Gelehrten mit guter Berechtigung zu feinem Unternehmen wünschen, daß es ihm glücken möge, die verlorene Quelle wieder mit ^dev Wünschelrute auf zu finden, so daß sie bann mit Hilfe einer Tiefbohrung zum Nutzen der Stadt wieder erschlossen werden kann. Die Begehung des erwähnten Gebietes findet int Beisein mehrerer einschlägiger Fachleute vollständig öffentlich ohne Jnansvruchnahme polizeilicher Absxerrnng (wie bei anderen Quellenfindern) statt, um jeden späteren Einwand der „Ungläubigen" von vornherein zu entkräften. D. W.
Der von den Abgeordneten Köhler-Langsdorf unb Mener- Dode-Augsburg besonders warm befürwortete und von der 5oeeres- leitung ein geführte landwirtsckzaftliche Unterricht der Mannschaften bei den Truppenteilen wurde im abgelaufenen Winterhalbjahr von Anfang Oktober 1909 bis Ende März 1910, in verschiedenen Garnisonen in Nassau abgehalteck, nämlich in sjrankfuri a. M., Wiesbaden, Homburg v. d. H. und Tiez a. d. L. Ter Untemjchit in Frankfurt a. M. umfaßte zwei, in den änderest Garnisonorten eine Abteilung. Ueberall erfreute er sich eines Besuches von durch- schnittlich 70 Teilnehmern. Hinsichtlich des Besuches sei bemerfr, Dar es nicht fest stehl, ob alle die Teilnehmer aus Interesse zur Sache, oder lediglich um dem Wunsch ihres Hauptmanns oder Feldwebels nachzukommen, dem Unterricht anwohnten. Ter Unterricht wurde jeweils in Art eines populär gehaltenen Vortrags, an den sich stets eine Besprechung anschloß, gehalten. In jedem Garnisonorte fanden zehn Vorträge statt, die sich mit Entstehung, Zusammensetzung und Bearbeitung des Ackerbodens, Bau und Leben der Pflanze, mit natürlichen und künstlichen Tüngemitteln und deren Anwendung, Saatpflege und Ernte der landwirtlchasl- lichen Külturgewächse, mit wichtigen Schädlingen und Krankheiten der Pstanze und ihre Bekämpfung, mit Wiefendüngung unb Pflege, mit Tierzucht, Futterlchre und mit der Buchführung, dem Ge- no'senschaftswefen, dem landwirtschaftlichen Unterricht, sowie mit landwirtschaftlichen Vertrcrungen beschäftigten. Tie Aufmerk'am- ieit der Teilnehmer war überall befriedigend. Nach anstrengendem Dienste tvar sie natürlich weniger vorhanden. Ob die Einrichtung des landw. Heeresunterrichtes überall dauernd werden wird, i?t kaum anzunehmen, da ter Nutzen dieser fachlichen Belehrung nicht sehr gre-fj sein dürfte. Ten meisten der Teilnehmer mangeln doch genügende Vvrkenntnisse, um den Vorträgen, wenn sie auch so verständlich', gehalten sind, wie es hier geschehen ist, cinigermaßen folgen zu können. Es ist daher fraglich, ob die Landwirtichafts- tammern ihre Beamten, die Lehrer, diesem landwirtschaftlichen Unterricht weiter zur Verfügung stellen werden. Auch ist es zweifelhaft, ob durch diese Kurse der Landslucht Halt geboten werden kann, d. h., daß die jungen Leute vom Lande, die nach Ablauf ihrer Dienstzeit in das bürgerliche Leben zurücktreten, durch den landwirtschaftlichen Heeresunlerrichl angefeuert, werden zur ländlichen Scholle zurückkehren. Jnttnerhin wirkt der Unter- richt in idealer Weise, da er dem jungen Vaterlandsperteidigcr alt,
Personalnotiz. Der Militäranwärter Ludw.
Zweites Blatt 160. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger sür Oberhejjen
Dar Testament MeneMr.
D«s Testament Mcmeliks bringt her Mitarbeiter des „Temps", M o u d o n , der lange Zeit in Abessinien und am Hofe des Negus gelebt hat, in folgender Uebersetzung:
„Männer meines Landes, Ethiovier, meine Kinder, meine Freunde, ich will Euch den Rat zu reiften geben, den der Allgewaltige mir eingab, und ich hoffe, er wird in Eure Herzen dringen. Als Theodoros starb, stritten sich alle die, die mit ihm waren, um bic Provinzen hemm, unb da jeder Herr sein wollte, tilgten sie sich selbst aus ohne Nutzen für das Land. Danach sähet Ihr bic Vasallen bes Königs Johann sich untereinander vernichten, ohne baß eine Epibemie unter ihnen wütete, einzig weil sie von der Eifersucht gepackt waren. Und jetzt, meine Kinder, meine Freunde, lasset alle Gefühle der Eiferiucht lallen: keiner von Euch begehre nach dem Gute anderer. Bis letzt habe ich Euck in guter Eintracht und in Freundschaft erhalten können: ch' bitt' Eich', diese Gefühle der Zuneigung zu bewahren <scib ein einziges Herz; gehorchet nickst den eifersüchtigen Leidenschaften, bu l2.ua. gegeucinanber aiy hetzen würden; l i es crtnimtunie r Vaterland dem Fremdling aus. Hütet Euch sorgfam vor dem Sturme des Zwistes, der über das Land dahilftahren könnte Redet Enck nur mit dem Namen Bruder an! Wenn ich Euch diesen Rat in einem Schriftstücke gebe, w geichieht es, weil ich dank Gott lange herrsckten konnte; aber ich bin nur ein Mensch und weiß nicht, wie lange ich noch leben werde. Und setzt wünsche ich nach dem Willen Gottes, daß er Euch m e inen Lohn erhalte und daß Ihr mit ihm unser Vater and rettet, ckch gebe ihn in Eure .. weil ich Vertrauen in Euch habe 3d) zähle also auf Euer aller Treue. Verflucht fei von Himmel unb Erde, wer gegen das handelt, was ich oben niedergcfchriebm: ich verfluche auch den, der sich nicht genau an meinen Willen halten wird." ~ Y ~
Dieses Testament wurde im Juli v. I. bei der Erhebung des Ledj Fyassu zum Range des Präsumtiverben verfaßt. Herr Mondon fügt mit aufrichtiger Bckrubnis hinzu, daß mit Menelik nicht nur eine große Intelligenz, V-./bcrn auch eines der edelsten Gemüter dahingegangen ist Für ganz Afrika wäre es ein hartes Geschick, wenn das Wert Meneliks, der sein Reich einer vierhundertjährigen Zerfleischung entriß, der die Barbarei^ mit kräftiger .Hand verscheuchte, aurch innere Kriege zerstört würde.
Der Andrang zum funtzifchen Studium in Hessen.
Im „Mainzer Anzeiger" finden wir einen Artikel der ftch gegen den noch immer großen Andrang zum juristischen Beruf wendet. Zu der Redensart: „Ich studiere mal ^»ura, dann kann mau alles werden," heißt es:
demgegenüber ist zu erwidern, daß der hessische Jurist in Hessen heute nur noch sehr wenig, außerhalb Heftens aber gar nichts werben kann, da im Reichsdienst bic an ttch schon nicht ,-rhebliche Zahl der Stellen fast ausschließlich von Preußen - als dem grössten Bundesstaat — besetzt wird, während in dem Kommunaldienst, wie ganz selbstverständlich, die A'.igehongen des betressenden Biilwesstaates bevorzugt werden, so, daß bic Berufung hessischer Juristen nach außen zu den Ausnaqmen gehore. Derselbe Grund — die Angehörigkeit zu einem kleinen Bunde-- ftaat — macht dem hessischen Juristen, abgesehen von Fallen besonderer Proteklion, das Unterkommen in Industrie unb Handel unmöglich, da aus völlig begreiflichen Gründen beiwielsweftc ein preußisches Unternehmen in erster Linie die preußftchen ^uriften bevorzugen wird, während die in Hessen domizilierte xvrtbuftric und Bank^elt — abgewhen von ihrer Abhängigkeit von Vreuyen — zu gering ist, um einer auch nur kleinen Anzahl von turnten ein Unterkommen zu bieten.
Ein weiterer Grund, der dem hessischen Juristen — man tann wohl sagen überall — hindernd in den Weg tritt, ist die, verglichen mit Preußen und Bayern, v e r i dy i e b c n a r t x g c 4 Umbildung, vor allem bic um ein Jahr kürzere Referenda r z e i t unb das in Hessen unzweifelhaft zuleichtb c w er t et e Ass cssor exanic u. Eine sehr ausfällige und in <vachi.reiftn bekannte Erscheinung ist^es, daß in Hessen das Asscftorexamen von nicht weniger als 40, häufig auch 50 Prozent der Kandidaten mit „gut" bestanden wird, während in Preußen dieftsPradikat böchstciiS von 8—10 Prozent erreicht wird. Nur eine ^olgermig hiervon ist es, wenn in Preußen der Prozentsatz der durchgewllenen Kandidaten stets zwilchen 18 und 20 beträgt, in Helfen abei gewöhnlich nur 4 bi-3 5. Dieses Resultat wird lediglich dur a „die bedauerliche Tatsache erklärt,-daß die Examennote.,,gut m Heften aar nicht 2, sondern 3 bedeutet, während in Preutzen das Pradiml „gut" wirklich 2 ist! Es ist daher unzweilelhaft, das; die Kandidaten, die in Hessen mit einem schwachen „genügend bestehen, in Preußen beispielsweise mud auch in Bayern überhaupt nicht ihr Examen bestanden hätten. ..
Man wird deshalb einen nicht unbedeutenden Rückgang des ungesunden Aiidrangs zu dem Studium der Rechtswiftenschaft -chon dadurch herbeiführen können, wenn endlich emmal das hessische Staatsexamen schwieriger gestaltet und die preußische Wertung eingeführt wird. . ..
Weiter wird aber chie völlige Sperre des ftiristftchen Studiums in Hessen nach dem Vorbild anderer Bundesstaaten durch Sistierung der Fakultätsprüfiing in Gießen mit einer angemeifenen Ueber- gangszcit von etwa zwei Jahren angeordnet werden müssen, wie dies in Hessen bereits hinsichtlich des höheren Forstfaches geschehen ist Die rechtliche Zulässigkeit einer derartigen Maßregel unterliegt keinem Zweifel, da fein Reichsgesetz dem Bundesstaat jue Abhaltung von juristischen Prüfungen auferlegt. Der Einwand, daß infolge einer derartige!! Maßregel es an Kennern des speziellen he'sischen Landesrechtes fehlen könnte, wirb burch die unbeltteit- ba'rc Tatsache wiberlegt, daß die heute schon vorhandene Reservearmee von 175 Gerichtsassessoren und 160 Referendaren den größtmöglichen Bedarf von Juristen im Staatsdienst und Anwaltschaft für mindestens dreißig (!!) Jahre deckt, zumal hiniichtlich der Anwaltschaft die Einführung des numerus clausus von Reichs wegen mit Sicherheit zn erwarten iß.


