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Zweites Blatt
Dienstag I.Februav 1910
Nr. 26
160. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
Lrlckemi täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger für Sberheften
Rotattonsdruü and Verlag Oer Brühl'fchea Unwerslläts - Bach- und StetnbrudeceL R. Lange, (Sieben.
Redaktion, Exvedttion und Druckerei: Schul» ftrobe 7. Ervedttwn und Vertag. 6L
ReDattiomS^112. Tek.-Adr»AnzeigerGreßen»
Die „Gietzener Hamtliendlätter" werden dem .Anzeiger* viermal rvöchenilich betgelegt, das „Kretsblati für den Kreis Giehen" zweimal wöchemlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit« fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Dar Ergebnis der englischen Wahlen.
Am gestrigen Tage lagen bis auf sieben alle 670 Resultate der englischen Wahlen vor. Danach werden die Konservativen int neuen englischen Unterhause über 271 Sitze, die Liberalen über 272, die Arbeiterpartei über 40 und die irischen Nationalisten über 80 Sitze zu verfügen haben. Ta sich aber unter den sieben noch ausstehenden Wahlkreisen die. Universitätsstädte Edinbnrg und Aberdeen befinden, w.lche lonservativ zu wählen pflegen, und die fünf Mandate der Orkney-- und Shetlandsinseln, die wahrscheinlich den Liberalen anheimsallen, stellt sich das Verhältnis zwischen Konservativen und Liberalen im neuen engiichen Unterhaus auf 273:277, was gegenüber der Vertretung beider Parteien im alten Unterhaus für die Konservativen ein Plus von 105, für die Liberalen ein Minus von 108 Mandaten bedeutet. Unter diesen Umständen wird man von einem absoluten Siege des liberalen Kabinetts Asquith schwerlich reden tonnen; sein Sieg ist nur ein relativer, weil, wenn man die Wahlcrfolge der Arbeiterpartei und der irischen Nationalisten, die bei dem jetzt beendeten Wahlkampfe taktisch auf Seiten Asquiths standen, den Liberalen zurechnet, diese dadurch eine Majorität von 124 Stimmen über die Konservativen erhalten. Ta aber die Majorität dieser Parteien im alten Unterhause 334 Stimmen betrug, so kann man auch hierin durchaus keinen durchschlagenden Erfolg des Kabinetts Asquith erblicken.
Was bedeutet nun alles dies? Es bedeutet nichts mehr und nichts weniger, als daß sich für den Kamps gegen das Oberhaus und für die Fmanzbill nur eine Majorität von vier Stimmen ergeben hat: denn die Arbeiterpartei mit ihren 40 Mandaten billigt nur die Abschaffung des Veto des Oberhauses, nicht das Asquith sche Budget, während die Iren mit ihren 80 Stimmen unter der Voraussetzung der Erteilung der Selbstverwaltung wohl für beide Gesetze zu haben sind, von Asquith aber schwerlich im Äamore gegen die Peers ausgespielt werden können, da die Krone die Iren als emen Fremdkörper im englischen Staatswesen betrachtet und sich unter dem Eindruck der Wahlresultate kaum dazu hergeben wird, eine so schwerwiegende Verfassungsänderung vvrzunehmen. Tie nächsten Folgen der für die Liberalen immerhin ungünstig ausgefallenen Wahlen werden also unzweifelhaft die sein, daß das Kabinett Asquith sein Budget revidiert, um die Unterstützung der Arpeiterpartei zu gewinnen, und daß zweitens die Abschaffung oder Beschränkung des Vetorechts der Lords vertagt wird.
Und wie steht es mit der dritten Wahlparole, mit der die Liberalen ins Feld zogen, mit der Aufrechterhaltung des. britischen Freihandels gegenüber der konservativen Forderung nach Schutzzoll und Tarifreform? Tie Tatsache, daß die Schutzzöllner bei den Wahlen 105 neue Mandate gewonnen haben, beweist zur Genüge, daß der Gedanke des Schutzzolls innerhalb der englischen B^ählerschaft unzweifelhaft an Boden gewonnen hat, io daß die loniervative Presse Englands wohl mit Recht schon jetzt verkündet, daß die nächsten englischen Wahlen mit einem Siege der Tarifreformer endigen werden. Vielleicht hätte sich das englische Volk nicht so entschieden von dem bisherigen Freihandel abgewandt, wenn es die Konservativen nicht verstanden hätten, neben der wirtschaftlichen Furcht vor Deutschland auch die Furcht vor einer deutschen Invasion zu erwecken und dadurch zwei Gespenster heraufzubeschwören, die sich, wie der Ausfall der Wahlen zeigt, als äußerst wirksam erwiesen.
x Was wird nun das Kabinett Asquith, dessen Mitglieder ja läNtlich wiedergewählt wurden, so daß es unverändert weiter am Ruder bleiben kann, diesen Tatsachen gegenüber tun? Wird es den bisherigen Freihandel in vollem Umfang weiter aufrecht erhalten untF die Flottenrüstungen auf das bisherige Maß beschränken, ober wird es durch Erhöhung der ja schon bestehenden Finanzzölle und durch Vermehrung der Flottenrüstungen den Konservativen den Wind aus den Segeln zu nehmen suchen, um Seinen Bestand zu sichern? Tas sind Fragen, die Deutschland aufs .äußerste interessieren, west ihre Beantwortung gleichzeitig die Antwort auf die Frage in sich trägt, ob in nächster Fest das Verhältnis Deutschlands zu England so bleibt, wie es ist, oder ob' es sich weiter verschlechtert. Tenn es ist wohl nicht zufällig,, baß gerade in diesen Tagen des Entscheidungskampfes der englischen Wahlen der bekannte englische Publizist Garwin nachge- wicsen hat, daß sich die Wünsche der England befreundeten Mächte, also Frankreichs, Rußlands und Italiens, mit den Würstchen der englischen Konservativen auch hinsichtlich der Tarifreform
decken, wahrend Deutschland und Oesterreich-Ungarn stets für die Liberalen Partei genommen haben.
Wie lange sich das Ministerium Asquith jetzt am Ruder halten.wird, läßt sich natürlich schwer sagen. DK liberale Zu- fallmasorität von vier Stimmen, feine Abhängigkeit nicht nur von der Arpeiterpartei, sondern auch von den irischen Nationalisten, laton an der glatten Abwickelung der parlamentarischen Geschäfte zweifeln und ernste Kämpfe um die weitere Ausgestaltung der Sozialversicherung und um die Homerule befürchten. Und wenn das Kabinett, das hinsichtlich des Maßes der Flottenverstärkung schon bisher nicht einig war, jetzt gezwungen ist, die Flotten frage auss neue zu erörtern und sie in Rücksicht auf die ihm verloren gegangenen Wähler zu bejahen, werden unzweifelhaft für die Flottenverstärkung neue Mittel aus einer Reihe weiterer Finanzzölle gewonnen werden müssen. Dabei aber werden sich — ganz ebenso wie in Teutschland zu Anfang der achtziger Jahre — die Elemente für und wider Rüstung und Schutzzoll auch innerhalb des britischen Liberalismus scheiden, so daß dieser in eine Reihe kleinerer Parteien zerfällt. Das Zweiparteiensystem Englands ist ja schon vor einigen Jahren durch das Aufkommen der Arbeiterpartei durchbrochen worden, wenn auch der taktische Zusammenhang zwischen Liberalen und Arbeitern noch aufrecht erhalten blieb. Der Parteizerfall wird jetzt weitere Fortschritte machen und der englische Liberalismus gegenüber den geschlossenen Konservativen über kurz oder lang zu ähnlicher Ohnmacht verurteilt sein wie der deutsche. Mag auch das unionistische Ministerium Salisbury vom Jahre 1886 sich mit einer Mehrheit von nur 118 Stimmen sechs Jahre am Ruder gehalten haben, und mag das liberale Kabinett von 1892 mit nur 40 Stimmen Majorität drei Jahre lang die Regierung geführt haben: heute liegen, wie oben gezeigt, die Verhältnis,e bedeutend ungünstiger. Abermalige englische Neuwahlen stehen vielleicht in kurzer Zeit zu erwarten, und das neue Kabinett, sowie eine ganze Reihe folgender dürften aller Wahrscheinlichkeit nach konservativ sein. Von diesen aber hätte Teutschland nur Unfreundlichketten, wo nicht Feindseligkeiten zu erwarten.
London, 31. Jan. Heute wurde nur die Wiederwahl eines Mitgliedes der Arbetterpartei gemeldet. Die Unionisten haben bis jetzt 271, die Liberalen 272, die Mitglieder der Arbeiterpartei 41 und die Nationalisten 80 Mandate; es sind nun noch in dieser Woche weitere sechs Wahlen, und Ende her nächsten Woche die Wahlen der Vertreter von Orkney und Shetland zu erledigen. Tie Frage, die die politischen Kreise am meisten bewegt, geht dahin, ob Asquith dem Rate der Radikalen folgen wird, die sich über die Abschaffung des Vetorechtes der Lords auf keinerlei Vergleich einlassen wollen und nötigenfalls die Ernennung von einigen Hundert Peers verlangen, um den Maßnahmen gegen das Oberhaus zur Annahme zu verhelfen, oder ob der Premierminister den von den Gemäßigten vorgeschlagenen Weg wählen wird, der zu einer Reform des Oberhauses in dem Sinne führen soll, wie die Unionisten und die Mehrheit des Oberhauses es selber billigen.
London, 31. Jan. Hier herrscht die Ansicht, daß im Unterhause nach der Annahme der Adresse und vor der neuerlichen Vorlegung des Budgets ein Antrag eingebracht werden wird, welcher die Priorität des Unterhauses in Bezug, auf Geldbewilligungsanträge betont und erklärt, daß es nötig fei, die Beziehungen der beiden Häuser zu ändern. Man gibt sich der Hoffnung hin, daß diese Entschließung, obwohl sie feinerlei bindende Wirkung hat, einerseits jene Liberalen befriedigen werde, welche verlangen, daß gegen das Veto der Lords noch vor der Wiedereinbringung des Budgets vorgegangen werde, und andererseits diejenigen Kräfte vereinigen werde, auf die die Regierung sich im allgemeinen stützen muß.
Aus Bebels tebensetinnerungen.
Der Führer der deutschen Sozialdemokratie wird am 22. Februar 70 Jahre alt. Er hat bekanntlich seine Lebenserinnerungen geschrieben, aus denen das B. T. beretts Stellen veröffentlicht, die auch wir teilweise wiedergeben wollen:
Der Mensch ist irgendwo geboren.
Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich in der Kajematte zu Teutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater war der Unteroffizier Johann
Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25. Infanterie-Regiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon. Mein Taufschein weist nicht Deutz — das damals noch eine selbständige Gemeinde war —, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die Teutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen Kirchengemeinde gehörte.
Tas „Licht der Welt", in das ich nach meiner, Geburt blickte, war das trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschastsmum war. Nach der Angabe meiner Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern „ein historischer Moment", als eben draußen vor der Kasematte der Hornist den Zapfenstreich, blies, bekanntlich seit „unvordenklichen Zeiten" das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben haben.
Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß damit schon meine spätere oppositionelle. Stellung gegen die bestehende Staatsordnung angel ü n b i g t wurde. Denn streng genommen verstieß es gegen die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unterolfizierskind in demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube beschrieb — und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige Stimme gehabt haben —, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen, wurde.
Mit dem gleichen Humor schildert Bebel die „wirtschaftliche Lage" feiner Familie:
Eine preußische Unteroffizierssamilie der damaligen Zeit lebte in erbärmlichen Verhältnissen. Tas Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu jener Jett überhaupt in der Militär- und Vcamtenwelt Schmalhans Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte bas Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So sehe ich sie int Geiste, noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit Rüböl ge'peiften Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden Pellkartoffeln füllte, ä Portion 6 Pfennig preußisch.
Nach dem frühen Tode des Vaters hat die Mutter dann, um nickt mittellos zu sein, beton Bruder geheiratet, der als Invalide ein Gnadengehalt von zwei Talern monatlich bezog. Er wurde Gesangenaufseher in der Korrektionsanftalt Brauweiler bei Köln.
Ter Stiefvater scheint ein gutherziger Mann gewesen^zu sein, war aber durch schweren Ticnst und Krankheit reizbar. So fehlte es an Prügeln nicht, und der alte Bebel Meint philosophisch:
Sind Prügel der höchste Ausfluß erzieherischer Weisheit, bann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden fein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel.
Auch der Stiefvater starb bato und 1846 siedelte die Rttttter mit den Waisen nach ihrer Vaterstadt Wetzlar über. Das muß trotz größter materieller Notlage August Bebels Kinderparadies gewesen jein. Goldiger Sonnenschein liegt über diesen Er inne rungen. Mit Behagen erzählt er von Schulnöten und Bubenstreichen, auch davon, wie er, leim Eisläufen auf der Lahn, einem Vetter, der eingebrochen war, durch Geistesgegenwart das Leben rettete. Eine Episode aus der Schulzeit sei h.cr mitgeteilt:
Oft genug hatte. allerdings unser Kantor berettetigte Ursache, mit mir ins Gericht zu gehen. So als ich eines Tages, dein dunklen Triebe nach „Berühmtheit" folgend, in die roten Sandsteinstusen zum Eingang in den Dom in lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag eingemeißrlt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als jammer bildeten die. Werk zeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, audi von dem Santor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag bleiben. Tas bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis zum Beginn derselben am Nachmittag im „Karzer" zubringen mußte, also erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so meüt Mittagessen einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütigc Tochter. Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die Frett bett der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater
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wie man Winterkurorte „erschließt".
PI. Genf, Ende Januar.
Da an einigen Höhenstationen der Schweiz — ich nenne Kur St. Moritz, Davos, Grindelwald, Wengen, Rigi, 3 über matt, Adel! öden, Villars-jur-Ollon, Montana, Les Nasses, Leysin usw.
bic Wintersaison trotz ihrer kürzeren, meist zweimonatlichen Tauer sich zugkräftiger' als bie Sommersaison erwiesen hat. Tragt man sich wohl, wie es möglich ist, einen Ort als Winterstation
proklamieren und sosort genügend Kurgäste zu finden. Die Antwort ist sehr einfach: man vermiete fein Hotel an eine englische Agentur. Tas Lunnsche Reiseunternehmen hat z. B. gegenwärtig in der Schweiz mehrere Dutzend Hotels, an einigen Otten iogar sämtliche Gasthöfe und Pensionen des Dorfes gemietet. Der Besitzer erhält für die Uederlaßung seines Hotels an diese Agentur während dreier Monate eine Pauichaliumme von mehreren tauienb Franken. Er begibt sich mäbrenb b'^er Zett aller Rechte auf sein Eigentum und sinkt zum GeichastS- fübtet herab. Er verpflichtet sich kontraktlich für drei ober luns Jahre, während bei Monate Dezember bis Februar keinen Kurgast auf eigene Rechnung in seinem Hotel auszunehmem sondern der Agentur alle Betten und Zimmer zu reservieren 4,te)e entfaltet in England eine große Propaganda. Bei ihr schreiben fich die Gäste ein, die für e.wei, drei ober mehr Wochen n;cp) bet Schweiz wollen. Man legt ihnen den Hotelplan vor, nach dem sie ihr Zimmer wählen. Sic entrichten eine ber 3eit ihres Aufenthalts entsprechende Pauschalsumme, in der alle Kosten ein- begriffen sind. Tie Reise mit Exlrc^ug bis an den Bestiinmungs. ort, Gepäa kosten. Wagenfahrt nach dem Bergort, falls keine Bahn existiert, Taxe für den Eisplatz und die Schlittenbahn, Vergütung für gemeinsame Vergnügungsausfahrten, Bälle usw., Miete von Schlitten, Schlittschuhen und anderen Sportarlilcln, alles ist inbegriffen, sogar der Fünsuhrtec wird nicht vergessen
Dieses trefflich organisierte System hat sich für die Agentur und für die Reisenden glänzend bewährt. Jene macht glänzende Geschälte, diese erhalteii alles, was sie brauchen, finden ben go tuobitten Komfort und können ohne Portemonnaie reifen. Weniger günstig stellt sich die Sache für die Gasthofbesltzer, die gewöhnlich bei erster Gelegenheit das Adlommen kündigen. Gewiß, die Agentur hat ihnen eine vorzügliche Gratisrellame gemacht imb das Hotel vom ersten Tage an gefüllt. Aber bic dafür er- tattern- Entschädigung ist verhältnismäßig niedrig und die Hu- Freiheit, bie ihnen bei Kontrakt auserlegt, ist brückend. So ver.uchen »sie meist nach drei oder fünf Jahren aus eigenen Füßen zu stehen, was ihnen auch oft gelingt. Handel und Industrie in ftiefen englischen Winkerkolonicn der Schweiz haben vollends den •ttroariLteii Vorteil nicht gesunden. Diese truppweise reisenden 'Engländer gehören meist Dem Mittelstände an, sind Kausl.ule cher Beamte und geben auf ber Reise nach Zahlung der Pauschal
summe keinen Heller mehr ans. So beginnt sich allmählich eine Strömung gegen diese englischen Reiseagenturen geltend zu machen, bie man erst als Erschließei unbekannter Gegcnben und Wohltäter der Menschheit hoch gepriesen hatte. Man sieht ein, daß es sich hier um kluge Geschäftsleute handelt (an ihrer Spitze steht ein ehemaliger Theologe), die auf besondere Rücksicksten und Konzessionen weiter keinen Anspruch haben. Ihre Besteuerung z. B. wird in der Schweiz ernstlich erwogen und in Hotelierkreisen beginnt ein organisierter Widerstand gegen sie, dem sich auch bie einheimische Bevölkerung mehr und mehr anschließt. Wie oft kommt z. B. ber Fall vor, baß ein Schweizer um bie Festzett einige Tage ober Wochen in dem Bergort zuzubringen wünscht, ben er im Sommer aufzusuchen pflegt. Der Hotelier antwortet mit aufrichtigem Bebauern, er könne über seine allerdings freien Zimmer nicht verfügen und habe das Gesuch seines alten Kurgastes nach London weitergeleitet. Aus der englischen Hauptstadt kommt denn auch nach vier Tagen ein Hotelplan mit Offerte, Deren Einzelheiten unserem Schweizer aber nicht zusagen. Er verzichtet also auf feinen Bergaufenthalt, Da an dem bewußten Otte sämtliche Hotels momentan unter englischer Herrschaft stehen. Ja, man erzählt von einem Touristen, Der auf Schneeschuhen aus Dem Hochgebirge kommend, in .T. ein Zimmer verlangt und bie Antwort erhielt: „Telegraphieren Sie nach Lonbon, ob sie's dort erlauben." Man sieht, das neue System Der Erschließung von Winterkurorten hat neben unleugbaren Vorteilen auch feine unerfrculidien Seiten.
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Kür und wider 6a$ L-chach.
Ter Wettkampf Tr. Lasker-Schlechter um bie Weltmeisterschaft im Schach wirb viele Mensckjen enthusiasmieren, manche iali lassen. Ein richtiger Schachspieler ivirb nicht iaffen können, baß es Leute gegeben hat, die das Schachspielen für über fluffig und geradezu verderblich angesehen haben. Daß ehrsame Kirchenväter wie St. Eyprianus und St. Ehrysostoinus Gegner des Schachs gewesen sind, weil sie bie Spiele insgesamt für ein Geschenk bcs Teufels hielten, will nicht viel besagen, standen sie doch auch auf Dem sonderbaren Standpunkte, daß der Mensch eigentlich nicht lachen dürfe, denn wie die heilige Schrift beweise, hätten weder Ehristuv, noch bie anderen biblischen Personen jemals gelacht, ausgenommen Sarah, die alsbald Dafür bestraft worden sei. Also die Kirchenväter kann man jüb schenken, weil von ihnen kein anderes Urteil zu erwarten ist. Bemerkenswerter ist ein Verbot wider bie Beschäftigung mit bem Schachspiel, bas um bie Mitte bcs 14. Jahrhurtdetts Lubwig ber Heilige von Frankreich erließ und bas bie Synobc von Bä-iers billigte: als Grund des Verbotes wurde angeführt, daß gerade bist'es Spiel mit einer großen Zeitvergeudung verbunden sei. Zu einer ähnlichen Ansicht gelangte später Johann Huß, denn in einem
während des Konstanzer Konzils geschriebenen Briefe beklagt er, dem Schach, bevor er Priester geworden fei, viel zu viele Zeit gewidmet zu haben. Ein anderer geistlicher Herr wandte sich vom Schach in der Ueberzeugung ab, daß cs hochmütig mache, Denn der Sieger im Spiel hatte sich gewöhnlich für klüger als der Besiegte. Wieder ein anderer fabelt,, baß es den geärgerten Besiegten veranlasse, sich in seiner ganzen menschlichen Schwachheit zu offenbaren und mithin sich zu erniedrigen. Dann Die Leute, die es eine nutz und brotlose Kcknst nennen. König Jacobsber Erste von England untersagte Denn auch seinem Sohne bas Schachspiel. Groß und breit steht das geschrieben in Den LebetiSmaximen, bie ber königliche Vater für seinen edlen Filius verfaßt hat, und bic als sogenanntes „goldenes Buch" 1619 in Lonbon schön gedruckt erschienen imb. llnb nun Montaigne, ber mit feinen geistvollen Abhanblungen bie französische Befreiungsliteratur eingeleitet hat: freimütig gesteht er, bas Schack zu Hai en, weil es für ein Spiel zu ernsthaft -ei. So geht es weiter im Tadel bis hinaus zu Mrtos Mendelssohn, der ben Ausspruch getan hat: „Schach ist für Den Verstand zu viel Spiel, und als Suicl erfordert es zu viel Verstand." Doch alle diese moralisierenDcn, üemünfteinben, nörgelnden Gegner haben beut Schach feinen Abbruch getan — Die Gunst von Millionen ist ihm geblieben unb wird ihm bleiben. Man hat seinen Ursprung nadi China, Indien, Persien verlegt, hat als Erfinder den indischen Vrahmanen Sissa, den babylonischen Höfling Philometcr, Den persischen König Lerxes bezeichnet, hat gar den vor Troja kämpfen ben griechischen Helden Paiamedes genannt unb noch eine Fülle anderer Fadeln ausgelischt, aber wie unsinnig manche dieser früher mit großer Gelehrsamkeit vertretenen Behanutungen auck fein mögen, so bezeugen sic doch den tiefen Respekt vor bem. Dessen Haupt bas Schack entsprungen ist. Es muß ein Mann von höchstem Scharfsinn gewesen sein, mag Dao Spiel anfäng lich auch eine einfachere Form gehabt und stich erst allmählich zu verwickelteren Formen entwickelt Haden. Die hervorragendsten Männer und Frauen sind Dem Schack ergeben gewesen. Sogar Leo X., ein Papst, der zu Den geistreichsten gehört, die auf Dem Stuhle Petri gesessen Haden, nat dein Schad) gehuldigt. Dichter Haden cs schon frühzeitig Deilingen, Hieronymus Vida aus Eremona, einer der besten neulateiniichen Poeten Cuai troccnto, läßt es in feinem Lobgedickt sogar als Gescheut Ju PitcrS vom Himmel herablommen, und Torquato Tas so preist cs in seinem Tialog vom Spiel mit ehrenden Worten. Durch alle Jahryunderle^bis aus den heutigen Tag find Die Lobredner des Schachs den Tadlern überlegen gewesen — ein ersteulichei Beweis für Die außerordentlich hohe Bewertung Des diad'o als eines Mittels zur erfrischenden Betätigung geistiger Spann kraft.


