Ausgabe 
10.9.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 212

Zweites Blatt

16V. Jahrgang

Tamstag 10« September 1910

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anjeiger für Gberheffen

Die»ietzener ZamlliendlStter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Krcisblatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion: 112. Tel.-Adru An-ergerGießen.

politische Lagesschau.

Deutscher Kolonialkougreß 1910.

Das enbgültige Programm: des Deutschen Kvlonial- Kongresses 1910 hegt Dor.~ Danach werden Dorträge in Plenarsitzungen halten: 1. Schinckel, Max, Präses der Han­delskammer Hamburg:Die Kolonialwirtschaft als Ergän­zung der heimischen Volkswirtschaft"; 2. Meyer, Geh. Hof­rat Professor Dr. H., Leipzig:Uebersicht über die Er­gebnisse der Expeditionen der landeskundlichen Kommission des Reichs-iKolonialamtes" - 3. Balder, Geh. Oberbaurat, Vortragender Rat im Reichs-Kolonialamt:Die Fortschritte des Eisenbahnbaues und der Technik in den Kolonien"; 4. Schilling, Professor Dr., Leiter der Abteilung für Tropen-^ krankheiten im Kgl. Institut für Infektionskrankheiten, Ber­lin:Welche Bedeutung haben die neuen Fortschritte der Tropenhygiene für unsere Kolonien?": 5. Zoepfl, Regie­rungsrat Dr., ao. Professor an der Universität Berlin: Die Entwickelung und Aussichten des Handels der Ko­lonien"; 6. Richter, Pfarrer D. Jul., Schwanebeck:Das Problem der Neger seele und die sich daraus für die Ent­wickelung des Negers ergebenden Folgerungen"; 7. Köbner, Wirkt. Admiralitätsrat Professor Dr., Berlin:Die Reform des Kolonialrechts"; 8. Graf von Götzen, Preußischer Ge­sandter, Hamburg:Ueber die Besieöelunasfrage in den Kolonien"; 9. Rackette, Dr., Staatsvetermär, Mllitär- Veterinär-,Akademie, Berlin:Die Seuchen der Haustiere in ihrer Bedeutung für unsere Schutzgebiete"; 10. Said« Ruete, R., London:Die gemeinsamen Interessen Deutsche lands und Englands in der Kolonialpolitik und auf dem Weltmärkte". In den Sektionen sind 63 Vorträge über die verschiedensten Themata aus dem Bereiche der kolonial-, Politik und Kolonialwirtschaft vorgesehen.

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Ein Zentrumsstückchen.

Ein nettes Zentrumsstückchen wird aus Aschaffen­burg gemeldet. Die wohllöbliche Stadtverwaltung hat es dort nicht ermöglichen können, für eine wenn auch noch so einfache Sedanserer einige Mark zu erübrigen, geschweige denn, den bedürftigen Veteranen eine kleine Ehrengabe zu- ' lammen zu lassen. Wir würden uns über diese blamable Knickerigkeit nicht weiter aufhalte-n, wenn nicht zufällig auch gekannt würde, welchem Geiste sie entsprungen ist. Die .,Aschaffenburger Zeitung" teilt aus der Sitzung des .Ge­meindekollegiums vom 14. Juni d. I. folgenden Satz aus Zentrumsmund mit:

. . . Auch sehe ich nicht em, daß das, was das große Deutsche Reich nicht fertig bringt, wir in Aschaffenburg, wo wir beinahe vor dem Bankerott stehen, machen. Wir Aschaffen­burger habenkeinenNutzen geha bt von den Siegen, den stutzen hat das Deutsche Reich gehabt. Ich bin der Ansicht, daß man den Antrag Roth (liberal! D. Red.) ablehnt!"

Das genannte Blatt fügt ausdrücklich hinzu, daß sich gegen diese eine beispiellose Traurigkeit der Gesinnung verratende Aeußerung keine einzige Zentrumsstimme erhob. Ganz abgesehen von dem recht bezeichnenden Eingeständnis des Banterotts der schwarzen Rathauswirtschuft bann man die Veteranen Aschaffenburgs nur bedauern, nicht etwa, weil sie die paar Groschen nicht bekommen haben, die ihnen schließlich bei halbwegs anständiger Geldwirtsch<rft mit Ach und Krach bewilligt worden wären, 'sondern weil ihnen die Undankbarkeit bitter wehe tun muß, die sich in solchen auf | dem niedrigsten, materiellen Niveau stehenden Aeußerunaen offenbart. Wenn Aschaffenburg vor dem wirtschaftlichen Bankerott steht, so hat dies angesichts des bereits ein­getretenen nationalen Banterotts nicht mehr viel zu sagen.

Die russischen Ministerreisen.

Aus Petersburg schreibt man uns vom 7. Sep­tember :

Daß zwei Minister, die beide int Dienste sind, zusammen reisen, gehört in Rußland zu den größten Seltenheiten. Namentlich

wenn es sich nicht um eine Lust- oder Erholungsreise handelt. Und nun geschieht das seltene Ereignis, das darum die Bureau- kratie nicht unerheblich beunruhigt. Der Premier Stolypin zieht gemeinschaftlich mit dem Ackerbau- und Staatsdomänenminister Kriwoschein in dem nämlichen Eisenbahnzuge und in demselben Eisenbahnwagen durch das Land. Zunächst führte sie ihr Weg nach dem Gouvernement Moskau, wo sie manchemusterhafte" Bauernwirtschaft besichtigten, und von da geht es nach dem Steppengebiet und Sibirien, um hier den Stand der Uebersied- lungsangelegenheiten zu studieren.

Bis jetzt hätte eine gemeinsame Dienstreise von zwei Ministern hier beinahe als ein Verstoß gegen die althergebrachten bureau- kratischen Sitten gegolten, und kaum wären die Provinzbehörden, welche die feierlichsten Empfänge der hohen Vorgesetzten als ihre wichtigste Amtsbetätigung betrachten, bei zweien in dieser ihrer Kunst auch mit den Etikettefragen fertig geworden. Die Minister pflegten es auch ihrerseits mit Rücksicht auf den erforderlichen Pomp vorzuziehen, die Reisen separat zu machen, um so die Selb­ständigkeit und Unabhängigkeit von den Kollegen aufs nachdrück­lichste hervorzuhebcn. Und gab es auch zwischen den einzelnen Ministern einen Unterschied in ihrer Macht und in ihrem Einfluß, so wäre es doch selbst dem mächtigsten und einflußreichsten Minister nicht eingefallen, die Wirksamkeit einesfremden" Ressorts durch persönliche Besichtigung zukontrollieren".

Also ein Novum ist diese Reise Stolypin-Kriwoschein, auf der die beiden sowohl die von ihnen befürwortete und durchgeführte Agrarpolitik zugunsten derStarken" als den Zug der Schwachen nach Sibirien aus eigener Anschauung kennen lernen wollen! Scheinbar eine unerhörteReform", eine Lossagung von der Un­fehlbarkeit der bisherigen bureaukratischen Dogmen! In Wirk­lichkeit aber wollen die beiden Herren, die ungeachtet ihrer persön­lichen Konkurrenz und ungeachtet ihres gegenseitigen Mißtrauens an demselben reaktionären Strang ziehen, den Nachweis führen, daß die von ihnen inaugurierte Agrarreform für Rußland heilsam gewesen ist. Denn in der letzten Zeit hatten sich besorgniserregende Symptome entgegengesetzter Natur gezeigt. Die ungeheure und völlig ungeordnete .Uebersiedlung nach dem Osten, eines der Er­gebnisse der Proletarisierung der Dorfbevölkerung, war der Re­gierung über den Kopf gewachsen. Vergebens hatte sie sich in ihren offiziellen Berichten bemüht, die Entwicklung und die Er­folge der Agrarreform in rosigen Farben zu malen: auch die offiziellen Berichte vermochten die Kehrseite des Prozesses, die Uebersiedlungsmisere, nicht zu vertuschen. Darüber gab es selbst in denloyalen" Kreisen in der neuesten Zeit ehre unverkennbare Depression. Da ist es nun das Ziel der Doppelreise, sowohl der Mißstimmung über die Ansiedlungskalamitäten ein Ende zu be­reiten, als für die kommende parlamentarische Periode Material zu sammeln sowie schließlich nebenbei ein wenig Popularität mit recht billigen Mitteln zu erhaschen. Vor der Welt aber klingt laut das Lied von der großenInspektionsreise" der beiden Großen!

5(. Allgemeiner Genossenschaststag.

rb. B ad-Nauheim, 9. Sept.

Nach dem offiziellen Schluß des 51. Allgemeinen Ge­nossenschaftstages fand am Abend in deut neuen Konzert­saal des Kurhauses ein großes Festessen statt, an dem etwa 900 Gäste teilnahmen. Unter den Ehrengästen befand sich auch der Finanzminister Braun. Die erste Rede bei der Tafel hielt der Vorsitzende der Versammlungen, Justizrat Dr. Al b e rt i ^Wies­baden, der mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser und den Großherzog schloß. Dann toastete der Verbandsanwalt, Prof. Dr. Crüger, auf den Allgemeinen Verband. Als dritter Redner sprach Finanzminister Braun, der auf die große Be­deutung des Genossenschaftswesens für das gesamte Wirtschafts­leben hinwies und auf das Wachsen, Blühen und Gedeihen der Genossenschaften sein Glas leerte. Später brachte Verbandsdirektor Wieser- Karlsruhe auch ein dreifaches Hoch auf die Damen aus. Die Tafelmusik wurde von der Kapelle des 6. Thür. Ulanen- Regiments (Hanau) ausgeführt.

Den Abschluß der festlichen Veranstaltungen bildete heute mittag eine gemeinsame Fabrtnach Königstein^ Der! lange Sonder­zug führte wohl 1000 Festteilnehmer nach dem herrlichen Taunus­städtchen. Die Teilnehmer besichtigten die Burgruinen und sonstige schöne Plätze der Umgebung; nach Einnahme des Abendessens wurde gegen 9 Uhr die Rückfahrt nach Nauheim angetreten.

Bürgermeister Dr. Kaiser brachte seinen Trinkspruch eben­falls auf den Allgemeinen Genossenschaftstag aus.

Aus Stabt und Land.

Gießen, 10. Sept. 1910.

** Erl edi gte Lehr er stellen. Eine evangelische Schulstelle zu Betzenrod mit Organisten- und Vorlese­dienst; eine Lehrerstelle für einen ev. Lehrer an der Ge- rneindeschule zu G e dern. Für die Stelle steht dem Fürsten zu Stolberg-Wernigerode-Gedern das Präsentationsrecht zu; die mit einem evang. Lehrer zu besetzende zweite Lehrer­stelle zu E ck a r t s h a u s e n; die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ein­ar t sh a u s e n. Mit der Stelle ist Organisten- und Vor-, leserdienst verbunden. Dem Grafen zu Solms-Rödelheim steht das Präsentationsrecht zu.

** Vom h essischen Lan d es-Lehr er v erein. Der Vorstand des Lanoes-Lehrervereins hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, daß die Einweihung des Backe s-Ge- benf)t eines auf dem Friedhof zu Darmstadt am 12. Nov. d. I. stattfindet. Die nächste Vertreter - und Haupt­versammlung soll Dienstag und Mittwoch nach Psing^ ft en 1911 in Auerbach stattfinden; Verhandlungsge-gen^ stände werden sein: die Umgestaltung des Schulgesetzes unb die Fortbildungsschule.

** Haushaltungsschule und Seminar für Haushaltungslehrerinnen. Durch den Gemeinsinrr Gießener Bürger war es dem Alice-Schulvecem möglich ge­macht, eine Einrichtung inZ Leben zu rufen, die in ganz Hessen einzig dasteht. Wir meinen die Haushaltungsschule mit dem Seminar für Haushaltungslehrerinnen, die im Oktober v. Js. m einem dazu besonders eingerichteten Hause in der Stein- Ilraße eröffnet wurde. DaS Ministerium verlieh der Anstalt das Recht, staatliche Prüfung für Lehrerinnen an HaUS- Haltungsschulen abzuhalten. Außer dem einjährigen Lehrerinnen- und dem halbjährigen Haushaltungskursus wurden im voll­endeten 1. Schuljahre vier Koch-, zwei Back- und zwei Ein- machekurse abgehalten. Ferner fand im Winterhalbjahr an drei Abenden der Woche Unterricht in der einfachen Küche mit Berücksichtigung der Herstellung von Krankenkost statt. Für minderbemittelte Schülerinnen sind Freistellen vorhanden. Im-Ganzen nahmen bisher 124 Schülerinnen an den Kurien teil, und bereits liegen zahlreiche Anmeldungen für das neue, am 1. Oktober d. Js. beginnende Schuljahr vor. Was seit einem Jahre im Unterricht in hauswirtschaftlichen Dingen für die zukünftigen Hausfrauen in der Steinstraße geleistet wird, reicht weit über das hinaus, was die frühere Kochschult bieten konnte.

Unsere Straßenbahnwagen werden, trotzdem sie noch kein Jahr in Betrieb sind, einer gründlichen Prüfung unterzogen. Jeder Wagen wird auseinander genommen und ganz besonders werden die Elektromotoren geprüft. Die Prüfung ist alle zwei Jahre vorgefchrieben.

Erwerbung des hessischen Bürgerrechts. Man schreibt unS: Interessenten sei nutgeteilt, daß Inhaber! von Familienbüchern statt der im Formular in Punkt 1 und 2 verzeichneten Schriftstücke entweder ihre Familien-- bücher vorlegen oder ihrem Gesuch beglaubigte Ab­schriften daraus beilegen können. Dadurch wird die Sache wesentlich vereinfacht und erleichtert.

- r- Heuchelheim, 9. Sept. Nächsten Sonntag nach­mittag findet in der Wirtschaft von Friedrich Volkmann eine Zusammenkunft der hiesigen vier Gesangvereine statt. Allen Voranzeichen nach wird die Feier sehr hübsch werden. Abwechselnd werden die Vereine Chöre vortragen und so für eine gute Unterhaltung sorgen. Der unglaub­lichen Mäuseplage in unserer Gemarkung tritt man von der Gemeinde durch Giftlegen wirksam entgegen. Die be­kannten ältesten Leute erinnern sich nicht auf ein solches Mäuse- jahr wie das heurige.

Sonderlichkeiten berühmter Männer.

Der französische Psyckiiater Dr. Grasset hat eine leichte Form der geistigen Störung konstatiert, die sich bei vielen Menschen findet «und der er den Namen Halbwahnsinn gegeben, hat. Sie '.äußert sich in irgend einer Schrulle, einem bizarren Tick, einen Monomanie, und läßt sich besonders häufig bei genialen Menschen beobachten, vielleicht nicht einmal, weil sie bei ihnen öfters an- zutteffen sind als bei Durchschnittsmenschen, sondern nur, weil auch die intimen Züge im Leben des Genies der Oeffentlichbeit angeboren und von der Wissenschaft stets von neuem gesamnrelt unb erörtert werden. Eine französische Wochenschrift führt einige solcher Seltsamkeiten großer Geister an, die vom Normalen zicm- lick) stark abweichen und jedenfalls die BezeichnungHalbwahn­sinn" verdienen. Der große Newton war dem äußeren Leben gegenüber hilflos wie ein Kind. Er hatte daher eine richtige Gouvernante, die sorgfältig über sein leibliches Wohl wachte, ihnr regelmäßig seine Mahlzeiten vorfetzte und genau acht gab, daß er auch nicht zu essen vergaß. Eines Tages hat sie einen Topf mit Wasser aufs Feuer gestellt, um dem Gelehrten ein Ei zu suchen. Sie wird plötzlich abgerufen und bittet den Entdecker der Erbgravitation, das Kochen des Eis an ihrer Stelle zu beauf* sichtigen. Sie gibt ihm das Ei in die Hand und eine Uhr und sagt ihm, er solle das Ei eine Minute im kochenden Wasser lassen. Als sie zurückkehrt, findet sie Newton in tiefes Nach­denken über dein brodelnden Kochtopf verfunkeu in genauer Beobach­tung der aufsteigenden Wasserblasen. Das Ei dielt er in der Hand, und die Uhr hatte er dem kochenden Wasser überantwortet. Leibniz, sein großer Rivale in der Entdeckung der Integral­rechnung, war bisweilen nicht minder zerstreut als der engHfdy) Heros der Naturwissenschaft. Wohl wußte er sich als geschickter Hofmann aui dem Parkett her Salons zu bewegen, aber wenn er in eme metaphysifche Grübelei, ins Nachsinnen über ein wichtiges Problem versunken war, dann existierte die gan^e Welt um ihn herum nicht mehr. So soll er buchstäblich vergessen haben, zu heiraten, und nur aus diesem Grunde Junggeselle geblieben sein. Er war verlobt, der Hochzeitstag war bestimmt. Am Morgen dieses Tages, dem andere mit fieberhafter Erwartung entgegen- fthen, erhob er sich wie gewöhnlich mit philosophischer Ruhe und fetzte sich an seinen Arbeitstisch, ganz erfüllt von einer bedeutenden Idee, die ihm beim Auf st eßen gekommen war. Immer tiefen drang er ein in seine Spekulationen, verfolgte die sich etäffnenbtm weittragenden Aussichten, fing an, eine umfangreiche Denkschrift aufzusetzen, in der er alle damit zusammenhängenden Fragen aufs Gründlichste behandeln wollte, und dachte und schrieb den ganzen Tag hindurch. Auch Essen und Trinken vergaß er und ging spät abends ermüdet zu Bett. In diesem Augenblick erinnerte er sich dunkel, daß er für den heutigen Tag etwas vorgehabt hatte. Aber

was? Er konnte nicht darauf kommen. Erst drei Tage später, als er mit seiner Arbeit ganz fertig war, fiel ihm ein, daß er eigent­lich hatte heiraten sollen und daß er sich durch seine Nachlässig kett ein Glück verscherzt hatte, das dem unverwüstlichen Opttmisten freilich nachträglich nicht sehr groß erscheinen mochte. Die Zerstreut­heit ist überhaupt das Erbübel der großen Männer. Von dem großen Arzt Pasteur wird berichtet, daß er an dem Wasser eines Glases, in dem er ein paar Kirschen abgewaschen hatte, ausführlich nachwies, mit was für gefährlichen Mikroben die Früchte bedeckt gewesen waren, und ausdrücklich vor dem Genuß des ungewaschenen Obstes warnte, um nachher den Inhalt des (neben ihm stehenden Glases seelenruhig auszutrinken. Abenteuerlick)-ci Geschichten erzählt man sich auch von der Vergeßli-ck>keit des sianzö- sischen Mathematikers Henri Poincar6, der z. B. einmal große Unannehmlichkeiten hatte, weil er aus Versehen im Hotel auch die Bettwäsche in seinen Koffer packte. Der Mitentdecker des Radiums, Pierre Curie, ist sogar durch seine Zerstreutheit ums Leben gekommen. Er ging xin tiefer Versonnenheit mitten auf der Straße, als ein Lastwagen herankam und ihn überfuhr,. Fixe (Ideen, die an Wahnsinn grenzen, finden sich ebenfalls bei großen Gelehrten. So erzählt man von der Hammelkeule des Philosophen Malebranche. Dieser finge Logiker bildete sich nämlich ein, wenn man den über ihn verbreiteten Geschichten trauen darf, er trage eine rohe Hammelkeule an der Spitze seiner Nase. Wenn er sich dem Feuer näherte, so fühlte er, wie sie zu kochen anfing. Eine ähnliche Wahnidee schreibt man Huyghens, dem Begründer der Wellentheorie des Lichts, zu. Er soll sich eingebildet haben, daß er aus Butter bestehe, unb hütete sich des­halb, sich jemals zu erlfttzen, aus Furcht, daß er sonst schmelzen könne. Dem älteren Alexander Dumas war es unmöglich, Samt 'zu berühren, während fein Freund, der Maler Girand, einen unüberwindlichen Abscheu dagegen hatte, seine Finger mit Federn in Berührung zu bringen. Zola litt an einer Zähl- manie: er zählte beftänoig auf der Straße die Gaslatemen, im Eisenbahnzua die Telegraphenstangen, im Zimmer die ausge- hängteii Bilder und verknüpfte damit abergläubische Vorstel­lungen. Wunderlich sind die Arbeitsmethoden, durch die maitche Große aus ihre genialsten Ideen gekommen sind. Pascal unb Newton blieben lange im Bett liegen, weil sie da beffer denken konnten. Mark Twain schrieb bekanntlich viele feiner Erzählungen im Bett. Der Musiker A u b r a n komponierte am besten im Omnibus, Haydn kamen seine besten Einfälle beim Lärm des Marktes und in geräuschvoller Gesellschaft. Auch von Buffon wird berichtet, daß ihm der Besuch von großen Gesell­schaften, der andere zerstreut, die wissenschaftliche Sammlung brachte. ES sei auch an Ibsen erinnert, der auf seinem Ar­beitstisch kleine Holzfiguren hatte, von denen man behauptet, ec habe M ftfl iMe.n bie Situationen in den .Szenen -seiner

Dramen klar gemacht. Viel sonderbarer verfuhr der seinerzeit sehr beliebte Romanfabrikant Ponson du Terrail. Um sich /unter den zahllosen Figuren seiner endlosen Romane zurecht- zufinden, schnitt er für jeden seiner Helden eine Papierpuppe an3 und setzte sie alle auf einen Faden, den er vor seinem Arbrits-, tisch aufspannte. Ereilte eine der Figuren im Roman der Tod^ so schoß er mit einer kleinen Pistole die betreffende Puppe her-, unter und hielt so Ordnung 'unter den Gestalten seiner Phantasie

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Vorstellung im Wiesbadener Hostheater für die Kriegervereine. Aus Anlaß des 40jährigen Gedenk­tages der Schlacht von Sedan hat das Hostheater den Krieger­und Militärvereinen in Wiesbaden für die gesttige Erst­aufführung und für die zweite in der nächsten Woche slatkfiudeade Aufführlmg von Wrldenbruchs SchauspielDer de»usche König" Freikarten zur Verfügung gestellt und dabei den Wunsch aus­gesprochen, daß die Karten in erster Linie den Kriegsoeterauea überlassen werden möchten. Die Knegervereine haben von diesem dankenswerten Anerbieten gern Gebrauch gemacht und der Vor­stellung wohnten etwa 300 Veteranen bet.

6 0 6" und Tolmatschow Ans Petersburg schrribL man uns: Professor Ehrlichs Heilmittel606" hat triumphierend^ die ganze Welt durchzogen, bis es in Odessa auf den berüd>tigtm General Tolmatschow stieß und hier enblidj seine Wirkungskraft; verlor. Die komische Affäre wird von den hauptstädtischen Zc»i hingen die lokalen dürfen etwas derartiges nicht ausplaubenri folgendermaßen geschUbcrt: Versuche mit dem von Ehrlich ent­deckten Heilmfttel werden in Odessa schpn seit langem mit Erfolg, gemacht. Als nun im städtischen Kranken Hause der Arzt, der däe Abteilung für Syphilitiker leitet, diese Versuche ebenfalls an» stellen wollte, mußte er sich ^vorschriftsmäßig an denCberarjtJ wenden. Dieser wollte die Coache nicht aus sich nehmen und tüanbte sich seinerseits ans Sanitätsamt. Unter der streng ent Odessaer Knute wollte auch bas SanitätSamt keinen Entschluß fassen unb nahm bie Kompetenz des universellen Generals Tol­matschow in Anspruch. Erst dieser, tapfer entschlossen wie immer, traf auf Grund seiner allseitigen Sachkenntnis die er hr der Militärschule geschöpft hatte, bie Entsck)eidung, baß baS Ehrlickr-Präparat eine Charlatanerie sei, weswegen man feine Versuche mit dem Teufelsbing machen solle. So blieb das große Odessaer städtffche Krankenhaus, das dem Verwaltungs­talent des braven Stabthauptmanns unterstellt ist, ohne Ex- perimente mit bent Heilmittel606". Glücklicherweise gibt es noch in Odessa andere Anstalten, nämlich bas Militärhospital und die Universitätslliniken, bie vom General Tolmatschow nicht ganz abhänaen. Unb biefe unterzogen sich ber Aufgabe, Experi­mente mit dem Ehrlich-Hata-Präparat zu machen, ohne baß bestehende .Staatsordnung kuüit eMützeri worbe» wto,