Ausgabe 
8.11.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 262

Swett« Blatt

160. Jahrgang

Erscheint täglich mtt Ausnahme bei TonntagL.

DieSictzener FamtNendlätter- werden dem Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreteblatt für bat Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die ^Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zwemuU.

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General-Anzeiger für Oberhessen

Dienstag, 8. November M

Rotationsdruck und vertag der Brühllfch« Umoerfuäts - Buch- und breindruckerei.

St, Lange, Sieben.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strabe 7. Expedition und Verlag: e^5L Sieb attumiea^ 112, Teü-Mru Anzeigers ießen.

Zur Ltadtoerorönetenwahl.

** G i e ß e n, 8. Rov.

Der Bürgerverein hielt gestern abend im Ein- hornsaal zur Vorbertottmg der Stadtverordnetenwahl eine Hauptversammlung ab, die recht gut von 93 Mitgliedern besucht war. Der Vorsitzende, Lehrer Val. Müller, eröffnete die Versammlung mit Einern Hinweis auf die Wichtigkeit der Versammlung und der bevorstehenden Wahl. Er mahnte zur Besonnenheit Und Vorurteilslosigkeit bei der Vorbereitung zur Wahl und verlas dann das am Samstag imGieß. Anz." erschienene Eingesandt, das die Lage richtig schildere. Der Redner warnte hauptsächlich vor dem all^u starken Hineintragen politischer und StandeSinteressen in die Wahlvorbereitun- ven, damit daS Ganze nicht notleide. Man müsse sich gegen­seitig verstehen. Politik gehöre nicht aus das RathauS ttnd deshalb auch nicht in oie Wahlvorbereitungen. Weiter warnte er vor der allzustarken Hervorkehrung von Bezirks­tand Berussinteressen, da hierdurch das Ganze nur notleiden könne. Man solle niemand auf den Schild heben, der aus der Bierbank und in den Versammlungen das große Wort führe, Versprechungen mache und sich mit der Versicherung empfehle, er werde esdenen da oben" einmal gründlich sagen. Man solle sich niemals von Kritik beeinflussen lassen, kritisieren sei leicht, besser machen aber schwer. Man solle die Stadtverordnetenwahlen nur von dem Gesichtspunkt der Allgemeinheit aus beurteilen und selbstlose, vorurteils­freie und unabhängige Männer wählen, die das Wohl des Ganzen wenn es sein müsse, auch das des Gegners fördern können und wollen. Man solle so wählen, daß die diesjährige Wahl wie das herrliche Werk des Stadttheaters ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinnes werde. (Lebhafter Beifall.)

Aus Anregung des Prof. Luleh gab dann der Schrift­führer des BürgervereinZ, Gastwirt Jaskowsky, Kennt­nis von den bis jetzt erfolgten Wahlvorbereitungen. Wie vor 3 Jahren habe der Vorstand des Bürgervereins es wieder unternommen, tone Einigung aller bürgerlichen Par- ttoen und Vereinigungen herbeizuführen. Es wurden 23 Vereinigungen zu einer Besprechung eingeladen, deren Vertreter am 27. September zum erstenmal zusamen- kamen. Nach langen Beratungen darüber, ob die sozial- denlokratische Partei zugezogen werden soÜte, wurde be­schlossen, die vertretenen Korporationen zu fragen, ob sie die Vorbereitung der Wahl gemeinsam betreiben wollten, ob die sozialdemokratische Partei zugezogen werden sollte und ob im Falle der Verneinung dieser Frage nur nicht­sozialdemokratische Kandidaten aufgestellt werden sollten, sowie ob die Vereine bereit seien, die Wahlkosten gemeinsam xa tragen. In einer weiteren Besprechung am 10. Oktober seien dann die Fragen wegen der Hinzuziehung der Sozial­demokratie zu den Wahlvorbereitunarn und ob sozialdemo­kratische Kandidaten ausgestellt werden sollten, bei einigen Enthaltungen, gegen 5 Stimmen verneint worden, worauf sich dann die fortschrittliche Volks Partei und die Boden­reformer von der Sache zurückzogen. Die übrigen Vereine beschlossen das Zusammengehen und zeichneten tone dem Kostenvoranschlag etwa entsprechende Summe zum Wahl- fonds. Es sei dann ein engerer Ausschuß von 11 Personen gewählt worden, der die eigentlichen Wahlvorbereitungen zu treffen habe. Die heutige Bürgervereinsversamnrlung habe die Ausgabe, diesem Wahlausschuß die Leute zu be- ai ernt en, auf oerett Zugehörigkeit zur Stadtverordneten- -versammlung der Bürgerverein besonderen Wert lege.

Pros. Luley gab eine Ergänzung zu diesen Darlegun­gen, woraus in dieErörterung derKanüidatenb-enennung ein­getreten wurde. Es sprachen dazu der Vorsitzende, der um Denennuna eines juristischen Kandidaten bat, welchem Vorschlag Generalagent A. Schmidt und Stadtv. Petri widersprachen. Letzterer spra'ch sich sehr für die Wahl eines weiteren Bausachverständigen aus. Stadtv. Habenicht erklärte sich mit diesem Vorschlag einver­standen und sprach weiter im Interesse einer guten Lösung rechtlicher Fragen warm für die Hinzunahme eines Juristen. Hoflieferant Brück sprach sich im Sinne des Stadtv. Petri aus, ebenso die Stadtvv. Plank, So eb er und Sch a f f- stä d t. Letzterer schlug vor, anstelle des zurücktret enden Prof. Dr. Biermer, tonen anderen Herrn aus Universi- tätskrtosen zu benennen. Diesen Vorschlag unterstützte Fa­brikant Horst.

Aus Antrag des Kaufmanns Althoff wurde dann »ach einer Besprechung über die Geschäftsordnung be­schlossen, die vom Bürßerverton vorzuschlagenden Kkndi- daten in geheimer Abstimmung festzustellen. Das Ergeb­nis der sehr zeitraubenden Abstimmung war, daß von den 10 auösck tobend en Stadtverordneten 8 wieder ausgestellt wurden, so daß noch 5 neue Männer in Vorschlag gebracht werden konnten. Es erhielten Stimmen: Zustizrat Wilh Grünewald (stoth. Stadtv.) 71, Fabrikant Herrn. Eichen­auer (stoth. Stadtv.) 60, Reallehrer Karl Iann (stoth. Stadtv.) 57, Architekt Ludw. Huhn (stoth. Stadtv.) 54, Wtonhandler Friedr. Helm (serth. Stadtv.) 51, Schlosser- meister Karl Krai l t n g 50, Kommerzienrat Subto. Em­me l iu s (stoth. Stadtv.) 48, Möbelsabrilant Franz Brück 48, Pros. Dr. Robert Sommer 46, Schreinermtoster E. H. Müller 44, Fabrikant Christian Jnderthal 43, Spenglerin toster Karl Aug. Faber (stoth. Stadtv.) 43 und Ortsgerichtsmann Friedr. Helfrich (stoth. Stadtv.) 37. Diese 13 Herren werden vom Bürgerverton beim Bürger- auSschuß als Kandidaten in Vorschlag gebracht. Von den neu in Vorschlag kommenden Herren sind drei ^Krailing, Brück und Müller) auch von der Handwerkervertonigung

vorgeschlagen. Weiter erhielten Rentner Karl Brück (stoth. Stadtv.) und Wtoßbindermeister L. Petri III. 35 Stimmen, Fabrikant Adolf Klingspor 31, Kaufmann Wilh. Horn­berger 28, Apotheker Theodor Schwieder und Rentner Map Friedberger 22, Generalagent Adolf Schmidt und Architekt Hans Meyer 21, Schmiedemeister Konr. Walter 15, Archi­tekt Gust. Hamann 13, Fabrikant Emil Horst 12, Rechts­anwalt Luvw. Raab, Oberbibliothekar Dr. Heuser und Architekt Ludw. Seuling 8, Professor Dr. Karl Fromme 5, Uhrmacher Emil Otto und Architekt Paul Müller 4 Stimmen. Außerdem entfiel, aus etwa 12 Personen je tone oder zwei Stimmen. Der seitherige Stadtv. Karl Orbig (Soz.) er­hielt 10 Stimmen, die entsprechend dem Beschluß des Bürger- schaftsaus schuss es, keine sozialdemokratischen Kandidaten aufzustellen, für ungültig erklärt wurden.

Die «Wahrheit" vor Gericht.

4 Berlin, 7. Rov.

XL

Der Vorsitzende LaUbgenchtsrat Lampe teilt zu Beginn der heutigen Sitzung mit, daß daS Gericht noch einen neuen Sach - verständigen, und »war den Chefredakteur der Volkszeitung, Karl V o l l r a t, geladen habe. Der Sachverständige nimmt darauf am Pressetisch Platz.

Erster Zeuge ist der Mitinhaber beS Linbenkasino, Karl Peters. Bors.: Sie sind einer der ersten Inserenten der Wahrheit" und haben schon im Jahre 1905 inseriert. Ur­sprünglich handelte es sich um einen Dtonatsaustrag, dann um einen JahreSaustrag. Zeuge: Herr Dietrich war fast täglicher Gast bet uns. Ich habe ihm den Auftrag erteilt Vors.: Ist bet der Erteilung des Auftrages irgendeine bestimmte Be­dingung gestellt worden?» Zeuger Unser Kasino war einige Tage infolge einer Denunziation von Koller geschlossen. An­geblich war der Gnind, daß Damen bei uns zu stei verkehren, Vors.: Das Kasino war völlig geschlossen Nicht wahr Herr Zeuge? Zeuge: Tie Konzession wurde auf 11 Uhr oder 2 Uhr nachts herabgesetzt. Tie genaue Zest weiß ich nicht mehr. Vors. Und darum schlossen Sie? Zeuge: Ja, wenn wir um 2 schon schließen müssen, hat die ganze Sache für uns keinen Zweck. (Heiterkeit.) Bors.: Wann beginnt denn eigentlich der Haupt- oerkehr bei Ihnen? Zeuge: Erst nach 2 Uhr nachts. Vors.: Was trafen Sie nun mit Dietrich für ein Abkommen? Zeuge: Herr Wegner vom Lindenkasino sagte zu mir, wir müßten Koller auch einmal kennzeichnen, weil er Damen nach Schluß der Vall- säle in Automobilen abhole und in seine Bar bringe. Bors.: War bei der Aufgabe der Inserate in bestimmter Art davon die Rede, daß ton Artikel gegen Koller erscheinen müsse? Zeuge : Nein. CS hieß nur: Die Zeitung heißt dieWahrheit", also könne sie auch einmal die Wahrheit über Koller bringen. Der Zeuge schildert dann weiter, daß Bruhn, der an dem betreffenden Abend Gast in den unter dem Lindenkasino gelegenen WilhelmS- hallen war, später noch einmal in daS Kasino kam, in erregten Worten zu ihm gesagt habe, er scheine für die Aufgabe bet In­serate tonen bestimmten Artikel fordern zu wollen. Herr Bruhn fügte hinzu, daß er ein derartiges Ansinnen ganz entschieden ablehne und riß den Bestellschein entzwei. Bors.: Nun war der Auftrag doch einfach annulliert? Zeuge: Wir behielten den mit Herrn Bruhn anwesenden Herrn Dietrich zurück und sagten zu ihm, daß der Auftrag zu recht bestehen bleibe. Der An- gellagte Wllhelm Brubn bemerkt zu diesen Ausführungen, daß erst etwa 14 Tage nach diesem Vorgang, als er die ganze Sache für völlig erledigt hielt, der bereits vernommene Zeuge Rittner mit einem Inserat von Koller kam. Obwohl die Sache für ihn erledigt war, fei er gerade in diesem Falle besonder- vorsichtig gewesen, und. habe den Auftrag zuuchhst ganücht amrehmen wollen.

R.-A. Breberek: ES gibt tone ganze Reihe von Firmen, die in derWahrheit" angegriffen wurden, obwohl sie in ihr inserierten, z. D. der Theaterdirektor SJagner, die Große Ber­liner Straßertbahn, der Berliner Lokalanztoger, die Bankdirektoren Guttmann u, Willing. Mit dieser Festellung toill ich das Prinzip der Anllaae durchbrechen, daß diese Herren inserierten, well sie glaubten, dann nicht angegriffen zu werden. CS werden hierauf die dahingehenden Feststellungen aus derWahrheit" getroffen und tl a. festgestellt, daß Angriffe gegen August Scherl er­folgten, nachdem kurz vorher das Berliner Adreßbuch feine neue Ausgabe in einem Inserat angekündigt hatte.

Vors.: Die Beweismittel sind nunmehr er­schöpft. (Bewegung.) R.-A. B redete k: Wit wollen nur noch auf einige charakteristische Dinge Hinweisen. Bei dem Direk­tor Hohmann vom Hotel Westminster soll ton Vertreter der B. Z. am Mittag gewesen sein und ihn zur Zahlung der Ver­bindlichkeiten seines Vorgängers Schaurts aufgefordert haben. Als Herr Hohmann darauf hinwieS, daß zwischen Herrn Schaurtä und ihm feine Personalunion bestehe, erklärte der Ver­treter der B. Z.:Dann werden wir Sie jetzt auch a n g r e i f e n". In der Tat sind bann auch Angrifssartikel er­schienen. Vors.: Wollen Sie wirllich den Antrag stellen, dieser Sache noch weiter nachzugehen. Wit richten doch hier über die Wahrheill^ und nicht über arrdere Zeitungen. R.-A. Breberek: Bestimmte Anträge will ich nicht stellen. Angellagter Wilhelm Bruhn: Ich will nur noch darauf Hinweisen, daß in meinem Blatt nicht nur Nachtcafss und ähnliche Etablissements inseriert haben, sondern auch erstklassige Firmen, die nicht die geringste Angst zu haben brauchten, um auS diesem Gefühl ober Angst heraus zu inserieren, n. a. Gartenstadt Frohnau, Brauerei Schultheiß, Diskontobank Michels u. Co., Rud. Hertzog, Berliner Ratskeller usw. Ich weise weiter darauf hin, daß das Komitee für die durch Hochwasser Geschädigten in derWahrheit" einen Aufruf erlassen hat. In diesem Komitee saß u. a. der Minister des Innern von Moltke. Beisitzer Landgerichtsrat Grodke: Der Aufruf ist aber wohl ohne Wissen der einzelnen Komitee­mitglieder allen Zeitungen zugegangen. Angeklagter Bruhn bestätigt das. Mir liegt ferner daran, darauf hinzuweifen, daß dieWahrheit" zu ihren Abonnenten nicht nur Mitglieder der Berliner Lebemannskrtose zählte. Ich habe im August 1908 für eine arme Frau einen Aufruf erlassen, und es sind daraufhin 1003 Mark, teilweise aus den ersten Gesellschafts­kreisen, der Redaktion derWahrheit" übermittelt woroen. Aus den Postabschnitten acht hervor, daß sich unter den Spendern rin General, ein Graf T. und andere mehr befunden haben. Diese

Tatsache ist für mich die beste Kontrolle, daß dieWahrheit auch in den ersten Gesellschaftskreisen Leser hatte.

Der Gerichtshof gibt das von R.-A. Breberek und dem Angeklagten Bruhn trorgetragene Material zu Protokoll. Angell. Bruhn: Ich will schließlich noch darauf Hinweisen, daß ich eines Tages von einem Mitglied des preußischen Herren­hauses, einem Grafen, einen Brief erhielt, in welchem er mir eine Reklame übersandte, die in geschmackloser Weise die Form eines Trauerbrieses hatte, wogegen ich Front machen sollte. Werm sich ein Mitglied des preußischen Herrenhauses in solcher Sache an mich wendet, so ist das ton deutlicher Beweis, daß bei Herr Graf dieWahrheit" nicht für ein Revolverblatt hält. Der Angeklagte überreicht den Trauerbrief zn den Akten. Hier­auf beschließt der Gerichtshof, die Aussage des inzwischen ver­storbenen Journalisten Tahsel zu verlesen, der bekanntlich Mit­arbeiter derWahrheit" war und alS solcher mehrere Erpres­sungen begangen hat, wegen berat er zu längerer Gefängnis­strafe verurteilt wurde.

Tie Aussage Dahsels öst im wesentlichen belanglos. Sitz enthält für Bruhn nichts Belastendes.

Der Vorsitzende erllart daraus die Beweisaufnahme für ge­schlossen. Die Plädoyers.

Nunmehr ergreift Staatsanwalt Dr. Seifering das Wort zu seinem Plädoyer: Als seinerzeit das Verfahren gegen die Angeklagten eingeleitet wurde, war man sich von vornherein flat, daß der Nachweis der gegen sie erhobenen Beschuldigung nicht leicht zu führen fein würde. Es handelte sich nicht um Erpressungen, wie sie gewöhnlich im Gerichtssaale aufgerollt wer­den, wo lemanb einen anderen wegen einer unlauteren Hand­lung bedrängt. Die Anschuldigung ging dahin, daß nj unstatt­hafter Weise durch ton Blatt die infriminierten Angriffe vor­gekommen seien. Es war Har, daß da vieles zwischen den Zeilen gelesen werden mußte, unb es kam als Beweismittel für diese erpresserischen Handlungen dieWahrheit in Frage. Ich bin mit dem Sachverständigen Liman darin einig, daß ein der­artiger Beweis sich aus dem Jnhatt deS Blattes schwer kow> struieren lassen dürfte.. Der Zusammenhang zwischen Jnserata, und redaktionellem Tell ist natürlich schwer zu führen. ES wäre ja auch thöricht, wenn dieser Zusammenhana klar zu Tage gv- treten fern würde. Der Beweis für die Anschuldigungen mußte daher außerhalb des BlatteS liegen: In der Zeugenvernehmung. Auch traten große Schwierigkeiten zutage. ES war voraus zu sehen, daß sich die Zeugen nicht gleich melden würden, und eS war ferner klar, daß als Belastungszeugen hauptsächlich die Per­sonen in Frage kommen, die bereits im Dahselprozeß ausgetreten waren. Aber niemand stellt sich gern vor Gericht hin unb läßt sich über Diime vernehmen, die ihm unangenehm sind. Die Zeugen mußten sich sagen, daß alle btt Sachen, bic in bet Wahrheit" gestanden Hattert, in der gerichtlichen Verhandlung wieder zur Sprache kommen würden. Es mußte ihnen unan­genehm sein, wenn an sie die Frage gerichtet wurde: Haben Sie Angst gehabt, haben Sie sich bedroht gefühlt? Tie Zeuge« mußten auch darauf gefaßt sein, daß der Angellagte Bruhn sie mit seiner großen Energie, wenn sie sich nur auf den kleinsten Wider­spruch ertappen liegen, verdächtig zu machen versuche. Der An­geklagte hat sogar einen Zeugen deshalb verdächtig gemacht, well er Dissident ist unb nicht schnell genug den Bleistift zückte, als der Angellagte Bruhn einmal un Reichstage eine Rede vom Stapel ließ. Auf diese Weise ist eS gekommen, daß unr sechst Fälle von der Anklage übrig blieben.

Wenn ich mm zurückschaue auf daS Ergebnis der Hanptvev* hanolung, so muß ich sagen: Noch m keinem Falle ist eS mir vorgekommen, daß das Bild der Hauptverhandlung fo kolossal abweicht von dem Ergebnis bet Voruntersuchung. Cs war keine angenehme Aufgabe für mich, in den hier« zehn Tagen an dieser Stelle zu stehen unb |tf sehen, w i e ein Belastungszeuge nach dem ander» u m f {e I. Gerade in bezug auf den allgemeinen Tell der An> llage, der zeigen sollte, baß die Angellagten von vornherein daraus ausgingen, durch die Angriffe Inserate zu erzielen, ist der An- llage ein Zeuge nach dem andern umgefallen. Welches die Grunde waren, aus denen ein so verschiedenes Bild geliefert wurde, ist schwer zu sagen. Zum Teil lag der Grund darin, daß die Zeugen in bet Voruntersuchung unter dem frischen Eindruck deS Dahsel-ProzesieS standen und unter einer gewissen Suggestion mehr auSsagten, als sie verant­worten Tonnten. Znm Teil ist das aber auch darauf zurückzuführen/ daß die Zeugen eine gehörige Angst vor den Angellagten hatten und darum ttriaber zurückgingen. Ich weise daraus hin, daß mehrere Zeugen direkt gebeten haben: Nehmen Sie unS baran^ wir haben Tage und Nächte lang nicht schlafen können. Bezüglich der einzelnen Anllagepunkte kann ich mich kurz fasien, da btq Hauptverhandlung ja ein verhältnismäßig günstiges Verhältnis für die Angellagten hatte. Im Falle Israel ist ein umfall des Zeugen Novarra zu verzeichnen, der sich an die Vorfälle nicht mehr genau erinnern will. Wie er jetzt aussagt, muß man armehmen, daß es sich bei der ganzen Geschichte um einen harm­losen Inseraten auftrag gehandelt hat. Iu diesem Falle muß ich Freisprechung beantragen.

Anders liegt die Sache im Falle Janborf. Hier hat bei Zeuge Jacobsohn seine Aussage eingeschränkt, und auch ber Zeuge Janborf hat versagt, er hat die Sache in der Voruntersuchung erheblich anders dargestellt als jetzt. Danach kann von tonet Bedrohung des Jandorf keine Rede sein, höchsten- von einem Versuch, aber auch dafür halte ich den Beweis nicht für erbracht: Also auch in diesem Falle muß ich Freisprechung beantragen. Vom moralischen Standpunkt freilich steht die Hand­lungsweise der Angellagten nicht einwandfrei da. Dto Angellagte Wilhelm Bruhn sagt: Andere Zeitungen machen ti ebenso. Dem muß ich widersprechen Bei den großen anüflnbigen Tageszeitungen geht es freilich nicht so zu, daß Angriffe mit per­sönlichen Spitzen gebracht werden, daß die Familienverbältnisit gebracht werden. Bei ihnen werden die Inserate aufgegeben wegen der Rellame, nicht um sich vor Angriffen zu schützen Im Falle Wertheim ist ein schlüssiger Beweis auch nicht erbracht Ein Zusammenhang zwischen Inseraten und Angriffe läßt sich mit Sicherheit nicht nachweisen, aber objektiv liegt ber Tat- bostand der Erpressung vor, denn Wolf Wertheim hat erllärt, daß er mit Rücksicht auf die Angriffe zum Inserieren gebrachl worden sei. Im Falle Berolina liegt wieder ellatanter Umfall des Zeugen Dreiwurst vor. Der Staatsanwalt zeigt bann, wie er als öffentlicher Ankläger von den Belastungszeugen auch in den übrigen Fällen im Stiche gelassen worden sei. Er könnt daher die Anklage nicht mehr aufrecht erhalten.

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