Ausgabe 
9.6.1910 Erstes Blatt
 
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jriben. Die Angeklagte erklärt hierzu, daß sie nicht zu Derrn Ämrotte als Regünentsadjutant gegangen sei, weil sie fürchtete, daß gegen sie eine Untersuchung wegen des anonymen Briefes erngeleitet werden könnte; sie habe sich lediglich mit Frau Lamotte aussprechen wollen. Der Zeuge wird dann über den Major von Schönebeck befragt, mit dem er 0V2 Jahre zusammen gedient hat. Er bekundet, daß Derr v. Schönebeck ein sehr tüchtiger, ruhiger und in seinen Lcbensgewohnheiten sehr mäßiger Offizier war, ein passionierter Jäger, der sich aus Gesellschaften feiyr wenig machte. Gegen seine Untergebenen >var er streng aber gerecht, in Geld­angelegenheiten korrekt. Frau v. Schönebeck war lebenslustig, in der Gesellschaft unterhaltend und vergnügt, später ließ sie sich stark von Herren den Dof machen. Es werden darauf die Augenscheinsprotokollc verlesen. Während dessen be­ginnt die Angeklagte erst leise und dann immer stärker zu weinen. Der Vorsitzende bittet sie, sich nach Möglichkeit zusammenzunehmcn, er verstehe, daß diese Besprechung unangenehme Erinnerungen bei ihr auslöse. Als bei der Verlesung die Lage des Kinderzimmers erörtert wird, stößt sie plötzlich gellende Schreie aus und bricht zusammen. Sie wird nach dem Nebenzimmer geschafft, von wo sic nach einiger Zeit anscheinend wieder beruhigt erscheint. Während der weiteren Verlesung der Augcnscheinsprotokolle sitzt die An­geklagte ganz apatisch da. Kriegsgerichtsrat R e i ch a r d t (Posen) war zur Zeit des Mordes in Allenstein und hat damals den Untersuchungsrichter Conradi vertreten, wenn dieser vielbeschäf­tigt war. Der Zeuge hat am 30. Dez. 1907 mit dem 1. Staats­anwalt Nietzki und Kriminalkommissar Wannowski eine Unter­suchung der Schönebeckschen Wohnung vorgenommcn. Es wurde dabei der Schreibtisch des Toten geöffnet und ihm die Briefe, Wertpapiere und das Testament entnommen. Im Schlafzimmer der Angeklagten wurden 3 Bilder des Derrn v. Gäben entdeckt, ferner unter Wäsche versteckt zwei Schlüssel, von denen der eine zur Wohnung des Derrn v. Gäben paßte. Ferner wurde bei der Haussuchung ein anonymer Brief gefunden, der an Major v. Schönebeck gerichtet und in schlechtem Deutsch geschrieben ist und offenbar von einer Polin herstammt. In dem Briefe wird der Major darauf aufmerksam gemacht, daß seine Frau fortwährend Offiziere empfange.

Eine Lokalbesichtigung.

Nach einer Pause begeben sich die Prozeßbeteiligten zu dem Mordhause in der Schloßfreiheit, das vom Gerichtsgebäude etwa 300 Meter entfernt liegt. Es ist ein von außen sehr einfach aus­sehendes, innen aber recht bequem gebautes einstöckiges Haus mit Giebelwohnung und einem kleinen Seitenflügel, in dem die Küche untergebracht ist. Nach der Bluttat ist es, da es anderen Zwecken dienen sollte, umgebaut worden. Das Schlafzimmer des Majors war früher von dem Speisezimmer durch eine Wand ge­trennt; diese Wand ist jetzt niedergelegt. Das Fenster im Korri­dor, durch Pas Herr v. Gäben eingestiegen ist, war früher mit einem Bindfaden von innen festgebundcn; jetzt ist es mit einem Riegel verschlossen. Von dem Korridor führte eine Tür ins Speisezimmer, die heute vermauert ist. v. Gäben betrat durch diese Tür das Speisezimmer, um von diesem in das Schlafzimmer des Majors zu gelangen. Tie Prozeßbeteiligten besichtigten alle Räume, ebenso den Garten, den Hof und den Stall und stellten verschiedene Versuche an, ob die Aussagen einiger Zeugen mit den Lokalitäten in Einklang zu bringen sind. Morgen werden die Verhandlungen fortgesetzt.

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Zu dem gestrigen Verhandlungsbericht sei noch näheres über den von der A n g e k l a g t e n an ihrem Bi a n n e beabsichtigten Giftmord mittelst Arsenik mitgeteilt, da gerade dieser Vorgang sür die Beurteilung der Schuldsrage von wesentlicher Be­deutung sein wird. Der Vorsitzende hielt aus den Aussagen des verstorbenen Hauptmanns von Soeben der Angeklagten iolgendes vor: Es sind ja dann auch noch andere unliebsame Vorkommnisse gewesen, mit denen v. Soeben am 5. Januar hervorgetreten ist, als er acht Tage in Hakt war. Es wurde Ihnen damals Sie waren schon in Haft ein Giftflaschchen vorgehalten. Angekl.: Soeben zeigte mir ein Gistflaschchen mit Arsenik und sagte mir, er wolle ein Ende machen. Vors.: Sagte er, wem ein Ende machen? Angekl.: Nein, aber ich habe es mir gedacht. Bors.: Mit Ihrem Manne? Angekl.: Ja, so dachte ich mir. Vors.: Soeben hat angegeben, daß Sie zuerst aus den Gedanken gekoinnien seieil, Gist zu beschaffen. Angekl.: Nein. Vors.: Soeben sagte allerdings, daß er sich nicht sehr gesträllbt, sondern nur abgeraten habe, Arsenik zu verivenden, weil das zu lange im Körper bleibe. Sic sollen aber erwidert haben: Nein, ich will mir Arsenik, denn das soll das Gift sein, das eine Leiche am aller­wenigsten entstellt. Das ift allerdings richtig. Angekl.: Nein, woher sollte ich denn das wissen? Dors.: Uebrigens ist die Ver­wendung von Gift mehr Frauenart als die eines Offiziers. Er brachte Ihnen ja auch ein zlveites Mal ein Fläschchen mit Arsenik. Sagte er da nicht, wozu das dienen solle? Angekl.: Nein, das sagte er nicht. Bors.: Nun, eine "Dame der Gesellschaft spricht sich mit ihrem Liebhaber nicht so deutlich aus wie die Magd mit dem Knecht. Angekl.: Er selbst hat diese Idee nachher als Wahnsinn bezeichnet. Bors.: Er hat gesagt, die Idee sei wahn- sinnig gelvesen, er habe Ihnen aber den Gefallen tun wollen und rächt geglaubt, daß Sie davon Gebrauch machen werden. Angekl.: Daß ich Arsenik gefordert habe, bestreite ich. Vors.: Nun behauptet Goeben, das; mit diesem Arsenik ein Vergiftungs-- versuch vorgenvmmen worden sei. Angekl.: Davon höre ich heute überhaupt zum erstenmal. Vors.: Er fogt^er hätte Ihnen das Gift auf Ihr Verlangen ausgehändigt, und Sie hätten es Ihrem Mann zum Trinken gegeben. Ihr Mann habe cs ge­trunken, aber es habe ihm nichts geschadet. Angekl.: Tas ist ja ganz unmöglich, denn nach einer solchen 'Dosis Arsenik hätte ja der Tod eintreten müssen.

Ans Stadt rind Land.

Gießen, 9. Juni 1910.

' Ordensangelegenheit. Der Großherzog hat dem Oberförster des Landgrafen von Hessen-Philippsthal- Barchfeld, Albert Laupert zu Herleshausen, das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps deS Großmütigen ver­liehen. Der König von Preußen hat die Erlaubnis zur Anlegung der ihnen verliehenen nichtpreußischen Orden erteilt: des Bayerischen Militärverdienstordens vierter Klasse mit der Krone: dem Major v. Chrismar im 2. Hess. Feld-Artillerie- Regiment Rr. 61; des Großkreuzes mit der Krone des Hess. Verdienstordens Philipps des Großmütigen: dem General der Infanterie z. D. v. Goßler, ä la suite des Kaiser Franz- Garde-Grenadicr-Regiments Rr. 2, in Mainz; deS Ritter­kreuzes der Ehrenlegion: dem Hauptmann Schwierz im Leibgarde-Jnfanterie-Regiinent (1. Hess.) Rr. 115.

* In Audienz empfangen wurden vom Groß- herzog gestern u. a. der Vorsteher der Wetterdienststelle Gießen Peppler und der Pfarrer Sauer aus Geiß-Ridda.

** Exkursion. Zu Ende der vergangenen Woche unternahmen, wie man uns schreibt, die Mitglieder des althistorischen, altphilologischen und archäo­logischen Seminars eine wissenschaftliche Exkursion nach Bonn unter Führung der Dozenten Strack, Störte, Jmmisch und Watzinqer. Besichtigt würden das Provinzial­museum und das akademische .Kunstmuseum unter Leitung des Rektors Geheimrat Professor Dr. Löschte und des Pro­fessors Dr. Lehnert, Direktor des Provinzialmuseums, die beide an Hand des vorhandenen archäologischen Materials äußeres Leben längst vergangener Kulturepochen möglichst der Wahrheit gemäß darstellten. Bei der immer größer werdenden Bedeutung, die die Archäologie ivohl mit Recht in den letzten Jahren im Lehrplan der Schulen gewinnt, kann für den angehenden Lehrer gerade die unmittelbare Anschauung geordneten Materials nicht hoch genug ein­geschätzt werden. Er lernt die Stätten kennen, an denen

man sammelt, was aus uns gekommen und gesunden worden ist, er sieht von berufenen Führern, wie das Gefundene zu verwerten sei, um unser Wissen zu mehren, und er zieht wohl dann selbst mal aus mit dem Spaten, um mit mehr oder weniger Geschick das eigene Glück zu versuchen. Immer aber wird der Unterricht gewinnen, dem eben nichts im selben Maße Leben verleiht, als das Zurückgreifen auf eigene Anschauung. Und da ist es dann doppelt erfreulich, daß Hessen wohl als erster Bundesstaat solchen wissenschaftlichen Exkursionen ein Plätzchen in seinem Budget angewiesen hat und sie durch wesentlichen Zuschuß finanziell fundiert. Jeden­falls ist dem Schreiber dieser Zeilen bekannt, daß man in Preußen mit Hinweis auf diese hessische Einrichtung wieder­holt versucht hat, allerdings bisher vergeblich, Gleiches zu erreichen.

** Männer-Turnverein Gießen. Feier des 25jährigen Bestehens. Man schreibt uns: Nur noch wenige Tage trennen uns von dem Feste und die Ein­wohnerschaft Gießens darf wohl daher jetzt schon gebeten werden, den auswärtigen Turnern einen würdigen Emp­fang durch Schmückung der Häuser zu bereiten. Der Fest­zug stellt sich um iy2 Uhr nachmittags in 3 Abteilungen nut der Spitze am Landgras-Philipp-Platz auf, geht pünkt­lich um 2 Uhr ab und bewegt sich durch folgende Straßen.- Braugasse, Walltorstraste, Lindenplatz, Kirchenplatz, Schul- straste, Sonnenstraße, Kreuz, Kaplansgasse, Bahnhofstraße. Alieestraße, Seltersweg, Neuenweg, Gartenstraße, Ludwigs- Platz, Kaiser-Allee nach dem Trieb. Es sei noch bemerkt, daß aus dem Juxplatz Schaustellungen aller Art sich befinden, wie fie Gießen noch nicht gesehen hat und die eine besondere Anziehungskraft ausüben werden. Ter Eintritt zum Jux­platz ist frei.

*' Für den Diskussionsabend, den die Burschen­schaft t. A. D. B.Arminia" anläßlich ihres 25. Stif­tungsfestes morgenJmGroßherzog von Hessen" veranstaltet, zeigt sich über Erwarten Interesse. Um einer falschen Auffassung über den Zweck der Veranstaltung vorzubeugen, dürfte es angebracht fein, festzustellen, daß dem Vortrag überDas allgemein-studentische Ehrengericht an der Universität Gießen" keine einseitige und voreingenommene Agitationsabsicht zu­grunde liegt. Es handelt sich lediglich um den Versuch einer objektiven Beleuchtung der Frage:Ist die Einrichtung eines allgemein-studentischen Ehrengerichtes wünschenswert und mög­lich?", d. h.:Sind Mittel und Wege zu finden, um auf einer gemeinsam anerkannten Basis sowohl den Anschauungen des Duellgegners wie den des Duellanhängers gerecht werden zu können?" Die BurschenschaftArminia" läßt Interessenten aus akademischen Kreisen recht gern Einladungskarten zu dem Diskussionsabend zugehen.

** Stadttheater. Am kommenden Dienstag beginnt die Nauheimer Operette ihre Gastspiele und zwar mit der beliebten OperetteFr üh l i n g s l u f t". Die Vor­stellung ist zugleich die vierte Abonnementsvorstellung im Operettenabonnement.

* Maul- und Klauenseuche. Nachdem Deutsch­land in den letzten Monaten fast frei von Maul- und Klauen­seuche gewesen ist, hat diese Seuche in den letzten Tagen in Ostpreußen eine ziemlich erhebliche Ausbreitung genom­men. Die Seuche ist nachweislich über die russische Grenze eingeschlcppt worden und hat durch Händler- vieh bis zu dem Schlachthofe von Chemnitz Verbreitung gefunden. Wenn dieser Seuchenausbruch in Chemnitz auch durch sofortige Mschlachtung der in Betracht kommenden Bestände zum Erlöschen gebracht ist, so gibt er doch in zwei­facher Hinsicht zu denken. Einmal zeigt er, wie schnell die Seuche, dank ihrer leichten Uebertragbarkeit und der Leb­haftigkeit des Handels, verbreitet werden kann; andererseits zeigt er auch, in wie hohem Maste gerade die Schlachthöfe als seuchenverdächtige Orte zu betrachten sind. Der ganze Seuchenausbruch zeigt von neuem, welche Gefahren unserem Viehstande vom Auslande her drohen, und wie berechtigt die gegen diese Gefährdung gerichteten Schutzmaßregeln sind. Auch zur Vermeidung einer Einschleppung der Seuche in unsere Gebietsteile wird durch die erforderlichen Maß­nahmen gesorgt.

= Lang-GönS, 7. Juni. Bei der letzten General­versammlung des GesangvereinsGermania" wurde be­schlossen, ani 13. Juni 1911 das Fest seines 20jährigen Be­stehens zu feiern und dabei einen großen nationalen Gesangs-Wettstreit abzuhalten.

A Birklar bei Lich, 7. Juni. Gelegentlich des hier stattfindenden Bezirks knegerfestes des Bezirks Lich findet auch die Enthüllung eines Kriegerdenkmals zu Ehren der Feldzugsteilnehmer von 1866 und 1870/71 statt.

X Aus dem Kreise Alsfeld, 8. Juni. Jm Laufe dieses SommerS werden Neubauten von Schulhäusern fertiggestellt zu Ilsdorf, Hainbach, Udenhausen und Storn- dorf. Die ersten drei enthalten je einen Schulsaal und eine Lehrerwohnung, in dem letzteren sind drei Klassensäle und drei Lehrerwohnungen vorgesehen. Bei dem Schulhause zu Storndorf ist besonders hervorzuheben, daß es das erste Volksschulgrbäude des Kreises ist, in dem eine Zentral­heizung eingerichtet und ein Schülerbad vorgesehen ist. Be­gonnen wurde in diesem Jahre mit dem Neubau eines Schul­hauses zu Ohmes.

? Ober-Ohmen, 8. Juni. In große Bekümmernis wurden hier die Eltern eines Soldaten durch seine Mitteilung gesetzt, wonach er von ihnen Abschied nahm und ihnen meldete, daß er in den Rhein gehe, da er nicht anders könne. Ob der Sohn diesen Verzweiflungsschritt wirklich ausgeführt hat, ist bis jetzt noch nicht bekannt.

X Ober-Mörlen, 7. Juni. Jm Herbst dieses Jahres findet hier die Wahl eines Beigeordneten und dreier Gemeinderatsmitglieder statt. Der seitherige Beigeordnete Kasimir König steht bereits 27 Jahre in seinem Amte.

Q Ulrichstein, 7. Juni. Die gestrige in volkswirt­schaftlicher Hinsicht interessante Notiz aus RebgeSham ist in jeder Beziehung zutreffend. Danach haben alle Gemein­den deS hohen Vogelsbergs jetzt Obstbauzucht, auch Nebgeshain, wo 1904 noch fein Baum gezählt wurde. Es dürfte allgemeines Interesse haben, das mit einigen Zahlen zu beweisen, die dem Vogelsbergführer von Professor Rocschcn entnommen sind.Es hatten 1904 Herchenhain 13, Hart­mannshain 90, Ulrichstein 830 (300 Aepfel-, 260 Birn-, 120 Zwetschen- und Pflaumenbäume, 150 Kirschbäume) Obst­bäume. Ulrichstein wieS im Jahre 1907 und 1908 folgende Erträge von Wirtschaftsäpfeln und-Birnen auf: Aepfel 1907 20 Doppelzentner, 1908 40 Doppelzentner, Birnen 10 und 12 Doppelzentner". Nur Nebgeshain wird in dem neuen Führer noch als einziger Ort ohne Obstbäume genannt. Das

trifft aber, wie die gestrige Notiz von dort bereits berichtigt hat, jetzt auch nicht mehr zu.

sjMarsturg, 8. Juni. Seit Sonntag wird in Groß­seelheim ein 16 Jahre altes Mädchen gesucht. Ta die Spur nach der Ohm führt, glaubt man, daß es imt Wasser zu suchen ist.

[1 Marburg, 8. Juni. Ter BallonMarburg" mußte gestern nach dreistündiger Fahrt wegen eines heran­ziehenden Gewitters bei Gummersbach (Rheinland) landen.

F. C. Wiesbaden, 8. Juni. In der2Sart6nrg'< tagte heute die 10. ordentliche Hauptversammlung der Haftpflichtkasse Deutscher Gastwirte. Der Rechnungsabschluß für 1909 weist eine Gesamteinnahme von 183 202 Mark auf, die Gesamtausgabe beziffert sich auf 163 409 Mark. Von dem Ueberschust wurden 15 813 Mark dem Reservefonds überwiesen. Das Jähr 1909 war dev Weiterentwicklung der Kasse günstig. Ihr traten 395 Mit­glieder 1909 bei, so daß sie 4288 am Jahresschluß zählte. An Entschädigungen gelangten 11371 Mark zur Auszahlung, für schwebende Schadenfälle wurden 15 802 Mark reser­viert. Seit 9 Jahren des Bestehens der Kasse erzielte man einen Reingewinn von 126 847 Mark, so daß unter Hinzu­ziehung des Garantie-Kapitals von 136 000 Mark über 262847 Mark an Deckungsmitteln verfügt wird. Tie Zahl der Schadenfälle betrug im Berichtsjahre 315. Die Ver­sammlung genehmigte den Rechnungsabschluß. An diese Sitzung schloß sich die 18. ordentliche Generalver­sammlung der Sterbekasse des Bundes Deut­scher Gastwirte an. Ter Rechnungsabschluß für 1909 verzeichnet eine Einnahme von 2 207 413 Mark, der eine Aus­gabe von 2168829 Mark gegenübersteht. Von dem Ueber- schuß wurden 3858 Mark an den Reservefonds, an die sonstigen Reserven 28938 Mark, an die Gewinnreserven,' 5787 Mark überwiesen. Die Kasse zählte am Jahresschluß 13 993 Mitglieder, an Sterberenten kamen 1909 für 215 Mitglieder 219 948 Mark zur Auszahlung (gegen 236 mit 244 744 Mark im Vorjahre). Für das abgelaufene Ge­schäftsjahr kann das erste Mal eine Dividende verteilt werden. Für die ungünstige wirtschaftliche Lage des Gast­wirtsgewerbes ist wohl der beste Gradmesser die Anzahl der Darlehnsgesuche, die tagtäglich bei der Kasse eingehen._ Von der Gesamtsumme der Darlehen von 111 084 Mark entfallen allein auf 1909 24 790 Mark, der Rechnungsabschluß und! der Jahresbericht fanden Genehmigung. Am Schlüsse wurde des verstorbenen verdienstvollen Begründers und lang­jährigen Direktors der Sterbekasse, sowie der .Haftpflichtkasse Reinemer-Darmstadt gedacht.

Schwurgericht.

Verhandlung gegen den früheren Rechtsanwalt Wilh. Klarenaar' wegen Meineid, Betrug und Unterschlagung.

th. Gießen, 9. Juni.

Heute vormittag wurde die Verhandlung um Vs9 Uhr er-» öffnet. Ter Zuhörcrraum ist schon vor Beginn der Sitzung über» füllt. Die Anklage gegen den früheren Rechtsanwalt Klarenaav- vertritt der Staatsanwalt Trümpcrt und die Verteidigung führt Rechtsanwalt Kaufmann. Bei Auslosung der Geschworenen lehnt die Verteidigung alle Landwirte ab. Es sind 35 Zeugen zu ver­nehmen. Ter Vorsitzende teilt folgenden Tatbestand mit:

Am 1. Mai 1909 kam der Schuhmacher Wilh. Wießner von Königsberg zu Klarenaar in die Wohnung und überbrachte ihm eine Prozcßsache, wonach er von einem Handelsmann verklagt war. Bei dieser Gelegenheit zahlte Wießner 7,50 Mark an Kla­renaar, die dieser als anerkannten Schuldbetrag an den Handels-^ mann abführen sollte. Klarenaar übertrug die Prozcßführnng'. seinem ehemaligen Bureauvorsteher Reibeling, der den Termin wahrnahm. K. behauptet, er habe diese 7,50 Mk. Reibeling ge-. geben, damit dieser sie dem Gläubiger zahle. Reibeling bestreitet aber, den Betrag erhalten zu haben. In diesem Tatbestand erblickt die Anklage eine Unterschlagung. Als Wießner dem Reibeling seine Kosten nicht bezahlte, wurde deshalb Klage geführt. In diesem Prozeß ließ Wießner durch seinen Anwalt Meuscr die Behauptung aufstellen, er habe auf die Kosten an Klarcnaav 7,50 Mk. Vorschuß geleistet und diesen beauftragt, seinen Prozeß nicht an Reibeling, sondern an Rechtsanwalt Meuscr zur Vertretung zu übertragen. Heber den letzten Punkt erließ das Amtsgericht Gladenbach einen Beweisbeschluß, worauf Klarenaar im Oktober 1909 vor dem Amtsgericht Butzbach vernommen wurde. Bei dieser Vernehmung erklärte K. unter Eid, daß Wießner ihm einen Auftrag an Meuser überhaupt nicht erteilt habe. Er ver­neinte aiZb- die Frage, ob er von Wießner 7,50 Mk. erhalten! habe und erklärte noch, er habe von dem Mann überhaupt fein Geld bekommen. Darin erblickt die Anklage den Meineid, weil fie die Angaben des Wießner für wahr hält.

Ter Angeklagte gibt an, daß er 50 Jahre alt ist, im Rheinland geboren und zwölf Jahre Kaufmann gewesen ist. Ec habe in den Zeiten des Zollkrieges zwischen Deutschland und dem Äuslande sein ganzes mühsam erworbenes Vermögen verloren^ Nach Aufgabe seines Geschäfts studierte er von 1895 ab in Gießen Jura und wurde 1902 zur Rechtsanwaltschaft zugelassen. 1908 legte er die Anwaltschaft nieder, weil der Konkurs über sein Ver­mögen erkannt war. Ter Angeklagte bestreitet entschieden, die ihm zur Last gelegten Straftaten begangen zu haben.____________

Gewitter- und Blitzschäden.

Gießen, 9. Juni.

Auch der gestrige Tag brachte wieder eine große Zahl heftiger Gewitter, die in Hessen verschiedentlich großen Schaden anrichteten. Es gingen uns darüber folgende bemerkens­wertere Nachrichten 51t:

L. Beienheim, 8. Juni. Bei den gestern abend über unsere Umgebung ziehenden schweren Gewittern schlug der Blitz in den hiesigen Kirchturm, glücklicherweise ohne zu zünden.

f. Schotten, 8. Juni. Ein fürchterliches Un­wetter ging heute nachmittag nieder. Strömender ^Regent vermischt mit zeitweisem Hagel hielt lange Zeit an. Strich­weise sind die F-eldfrüchtc gänzlich verhagelt. In den Kvrn- urtb Kartoffelfeldern lagen die welschnußgroßen Hagelkörner noch lang danach. Hauptsächlich auf der Betzenröder Seite ist der Schaden groß.

0 H eid psh eim b. Mainz, 8. Juni. Während eines heftigen Gewitters, das heute als viertes in dieser Woche den Rhein hcrabzog, schlug um 41/? Uhr nachmittags der Blitz in den Turm der katholischen Kirche unbi zündete. Der Turm, der viel altes .Holzwerk enthält, stand sofort in Hellen Flammen und es entstand im ganzen Ort große Aufregung. Feuerwehr und Bürgerschaft eilten so schnell als möglich zur Rettung, aber an ein Löschen) des Feuers war iticht zu denken, weil es an genügend hohen Geräten fehlte und obendrein an Wasser mangelte.; Um 6 Uhr abends war der Turm vollständig niedergebrannt uni) 'die Glocken, zum Teil geschmolzen, waren herab gestürzt.. Die Kirche ist ebenfalls in Brand geraten.

cp N i ed e rei se n h au s e n, 8. Juni. Während eines gestern abend über das Perftat niedergehenden heftigen Ge­witters schlug der Blitz in das Haus und die Scheuer des hiesigen Einwohners F rank und richtete dabei.solche Zerstörungen an, wie wir sie feiten bei solchen Gelegenheiten beobachtet hasten. Die eine Tachseite des Wohnhauses istz