Nr. 56 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Dienstag März 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Hießener Zamilienblätler" werden dem „SLnsciger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Krcisblatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejsen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universiläts - Brich- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: ^chul- straße 7. Expedition unb Verlag: e=^51. Redaktion:^EH2. Tel.-AdraAnzeigerGießen.
hessische Zweite Kammtr.
Darin stadt, 7. März 1910.
Am Regierungstische: Staatsminister Dr. Ewald, Finan' jixinifter Dr. Braun, Minister des Innern v. Homberg! «fleh.-Räte Dr. Becker, Wilbrand, Ministerialräte Lor oacher. Süsser t, Oberregierungsrat Heinrichs.
Bizepräs. Kor eil eröffnet die Sitzung um lO1,^ Uhr. Es wird sofort in der
Spezialberatuug lveitergefahren.
Zu Kapitel 8, Kadeannall und Tiesvauaml Bad Nauheim und Bade-Anstalt Bad Salzhaunm sagt der Ausschußbericht u. a.:
„In den Beratungen des Ausschusses wurde auch wiederum, wie im Vorjahr, die Frage einer um 50 000 Ml. höheren Abführung aus den Einnahmen Bad Nauheinls an die Staatskasse erörtert. Man kam von einer Beschlußfassung in dieser Richtung ab angesichts der Verpflichtungen, welche dem Bad durch Verzinsung und Amortisation der nach Fertigstellung aller Bauten ausgewandtcn Summe von rund 10 Millionen Mk. erwachsen werden. 'Somit dürfte auch ein bezügliches Gesuch der Stadt Bar Nauheim erledigt sein.
Bezüglich der Quellcnbohrversuche in Bad Salzhausen teilte die Regierung verschiedene Einzelheiten mit, deren Resultat sich dahin zusammenfassen läßt, daß die auf Grund der früheren Sachverständigen-Gutachten gehegten Hoffnungen und Erwar Tungen nicht erfüllt wurden: ganz ergebnislos i|t aber btc Bohrarbeit doch nicht gewesen, denn man hat erreicht, daß bei einer entsprechenden Vumvaulage täglich zirka 50 Kubilmete, warme Sole mehr als bishe» zu Badezweäen zur Verfügung stehen. Weitere Mittel für Bohrversuche sollen nach den gemachten Erfahrungen nicht mehr angefordert werden."
Der Ausschuß beantragt: Betorltigung der Eürnan, e mit 1 429 440 Mk. und der Ausgabe mit 1 329 440 Mk.
Abg. Breidenbach (Bb.) ist erfreut darüber, daß der 'Ausschuß der Zweiten Kummer mehr Verständnis gezeigt hat tü.r das Bedürfnis des Weltbades Nauheim als die Herren der ErsteNchKammer. Die geforderten Bauten sind keine Luxusbauten, sondern entsprechen einer zeitgemäßen Forderung. Die angelegten Gelder werden sich gut verzinsen (Finanzminister Braun schüttelt mit dem Kopfe) entgegen der Meinung des .Herrn Finanzministers. Redner bittet, dem Ausschußantyrge zuzustimmen. Die Errichtung eines Steges Liier die Ufa möge man 'möglichst bald vor nehmen. Die BLderpreiie sollen im Interesse der leidenden Menschheit nicht erhöht werden.
Der Ausschußantrag wird einstimmig genehmigt.
Zu Kapitel 9, Samenklenganstalt zu Gammetsbach i. O., beantragt der Ausschuß: Bewilligung der in Einnahme vorgesehenen 32 151 Mk. und der Llusgabe mit 30 656 Mk. Dem stimmt das Hus zua.
Kap. 10 behandelt die Staatseisenbahnen. Der Ausschuß beantragt:
a) die Einnahme in Höhe von 12 654 000 Mk.,
b} die Ausgabe mit 328 700 Mk. zu bewilligen, i dem Antrag Raab feine Folge zu geben.
Dieser Antrag geht dahrn, bet den Ausgaben 12 000 Mk. mehr einzuüellen, und diesen Betrag zur Gewährung von Woh- nungsgeldzuschüssen an die hessischen Beamten der früheren Main- Neckar-Bahn zu venvenden.
Abg. Aul er Mall. spricht zu dem Projekte Bensheim — Lindenfels und bittet den neuen Finanzminisler, dem Projekte dasfelbe Interesse entaegenzubringen wie der alte.
Finanzminister Braun Exz. erwidert, daß durch Gesep bereit, feststes, daß der Staat einen Zuschuß von 30 Prozent zu leisten habe.
Abg. Raab Sv., stellt den Antrag, bei den Ausgaben nur 6000 Mk. (früher 1*2 000 Mk.) einzuuellen und diesen Be trag zur Gewährung von Wohnungsgeldzuschüssen an die hessischen Beamten der früheren Main--Neckarvahn zu verwenden.,
Abg. Ulkmann legt die Mißstände am Bahnhof Bilbe. dar, die eine Verlegung des Bahnhofs nötig machten.
Ministerialrat Sü fiert erwidert, daß die Eisenbahnve-.-- waltung die nötige Rücksicht nehmen wird.
Abg. Raab .Sor- ist der Meinung, daß die Eisenbahn Verwaltung die Berpslichtung habe, den Wünschen Rechnung zu tragen. Was den Uebertritr der Beamten betreue, so hätten viele gerne- iich auch dazu entschlossen, wenn dadurch nicht eine Ber tchlechterung ihrer Position eintrete.
Finanzminister Dr. B raun bittet, mit allen Äeußerungen zurückzuhalten, die ocn Verhandlungen auf Revision des Vertrages den Boden entziehen können.
Ministerialrat S ü f f e r t will bic Angelegenheit des Bahn- hcis Vilbel bei späterer Gelegenheit besprechen. Er bittet, dem Antrag Raab betr. Wohnungsgeld feine Folge zu geben und dem Ausschußantrage zuzuftimmen.
Abg. Molt Han ;jcnti > führt als Berichterstatter aus, daß man schon früher im Hause einstimmig die Auffassung gehabt i.abe, daß ein Anspruch dieser Beamten aus Wohnungsgeld nicht bestehl. Tie Beamten hatten früher die Möglichkeit wiederholt gehabt, sich anders zu entscheiden. Die Aenderung seitens des Abg. Raab auf 6000 Mk. andere nichts an dem Prinzip der Frage. Das Bahnprcjett Beitsheim—Lindenfels befürwortet er, ebenso das Projekt Gititavsbnrg—Goddelau. Obgleich das preußische Eisenbahnministerium zu letzterem Projekte »eine Zu- slimmung gegeben habe, höre man jetzt nichts mehr davr... Auch das Projekt Reichelsheim—Fürth schreie nach Vollendung, be- ionders deshalb, da der Landtag schon wiederholt dafür ein- getreten sei. Redner bitte, zum Schluffe den neuen Finanz - Minister, den bcred)tigten Wünschen der Bevölkerung seine werktätige Unterstützung nicht zu versagen.
Abg. Schönberger (Natt, erwidert dem Abg-. Anler unb bleibt auf der Tribüne unverständlich.
Abg. Dr. H ei den reich Natl. holst, daß der neue Finanz- Minister pich bei der Frage der Nebenbahnen einzig und allein von der Erwägung letten laßt, ob durch die Bahn die wirt - schaftlichen Interessen iniereä Landes gefördert werden.
Abg. Eibach > Freist spricht für das Projekt Kreuznach— Sprendlingen iRheinh.'«—St. Johann. Leistungsfähige Steuerzahler hätten ihm erklärt, daß lie bei Versagung des Projektes gezwungen seien, ihren Betrieb nach Preußen zu verlegen.
Abg. Uebel iZentr. bittet den Ausschuß, den Bericht über die Verhandlungen über die Lage früherer henischer Beamten iAntrag Ferkitthop möglichst bald fertigzustellen, damit im Jn- rerejse. dieser Beamten anötre Rechtsverhältnisse, geschaffen werden.
Abg. Osann Tcatl.'i tritt auf» wärmste für den Antrag Raab ein, für den er noch weitere Gründe anführt. Das Pro- ieü Bensheim—Lindenfels befürwortet er.
~ Abg. Dr. Weber ?-db.; bespricht die Zustände am Bahnhof Schotten.
Abg. Brauer Bb.) bestu Worte' das Bahnvrojekt Mücke— Ulrichstein. r
Abg. Pennricl) -Zentr. erwähnt zu dem Projekt Spreiw- lingen —Kreuznach, daß durch die Einführung eines elektrischen Verkehrs X)elfen schwer geschädigt würde, besonders Bingen.
Abg. Raab (Soz.) erkennt an, daß die Regierung eine Reche von Mißständen bei der Bahn Sprendlingen—Ober-Roden abgc- stellt habe. Er fragt an, ob der jetzige Minister gerade so wie der frühere für die Verlängerung der Bahn Dietzenbach bis Messel stimme. Die Ausbanung dieser Strecke liege auch im Interes'e von Tarmiradt.
Abg. Bähr chnld) stimmt dem Antrag Raab zu. Er fragt an, wie es mit dem Projekt Hanau—Büdingen stehe. Preußischerseits et die Genehmigung erteilt.
Abg. Aule r (Ntl.) ist der Meinung, die Ausführung des Projektes Bensheim—Fürth könne man mit Hilfe von Aktien erleichtern. Der Staat leiste 30 Prozent Zuschuß, die übrigen 70 Prozent könnten sich dann auf den Kreis, die Gemeinden, und Interessenten verteilen.
Abg. N o a ck (Ntl.): Mit der letzten Entscheidung, vor die die hessischen Beamten seinerzeit nochmals gestellt worden waren, ist nichts gut gemacht worden. Er bittet, den Antrag Raab anzunehmen, der nichts ungesetzliches enthalte.
Finanzminister Dr. Braun: Wenn die Kammer beschließt, den Betrag von 6000 Mark einzustellen, so bedeute das für die Regierung nur eine Ermächtigung, von der sie jetzt keinen Gebrauch machen kann. Die Bewilligung würde, wenn sie auch nicht ungesetzlich sei, doch gegen den Eifenbahnvertrag verstoßen. Betreffs der Fragen zu den verschiedenen Projekten laste er sich nicht bepacken mit einer Anzahl von Wünschen, die unerfüllbar sind. Dem Ban neuer Bahnen stehe die Regierung niemals entgegen, wenn die Interessenten auch finanziell für das Projekt eintreten.
Ministerialrat S ü f f e r t gibt die verlangten Erklärungen zu den verschiedenen Bahnen. Bei den Projekten Riedbahn und Gustavsburg—Goddelau liegen die Arbeiten dem preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten vor. Eine Entschließung ist noch nicht gefallen, lieber die Schwierigkeiten beim Projekte Reichels- heim—Fürth sei die Regierung noch nicht weggekommen. Tas Projekt muß erst wirklich gesichert sein. Zum Projekt Mücke— Ulrichstein liege eine Entschließung der Gemeinden noch nicht vor. Tie Erklärung zum Projekte Kreuznach wolle er späteren Erörterungen überlassen. Von tstm Projekte Dietzenbach—Messel habe er weiter nichts gehört. Beim Projekte Hanau—Büdingen sei entgegen früheren Ausführungen der hessische Teil noch nicht genehmigt. Zur Gewährung des Wohnungsgeldzuschusses ist Redner der Meinung, daß die 90 Prozent der zu Preußen übergetretenen Beamten diese Maßnahme nicht verstehen würden.
Abg. Schönberger (Ntl.) wendet sich energisch gegen oen Standpunkt der Regierung zum Lahnprojekte Reichelsheim—Fürth.
Abg. Hauck iBbd.- empfiehlt die Bahn Groß-Umstadt— Groß-Znnmern und bespricht den Bahuhossumbau Labenhausen.
Abg. Raab <Soz.> versteht nicht, warum die Regierung vvn der Ermäckstiguug keinen Gebrauch machen kann. Es fehle ihr nur am guten Willen.
Ministertalrat Puffert gibt die Erklärung ab, daß das Projekt Pabenhausen sür 1910 zurückgestellt wurde.
Nachdem Abg. M o 11 h a n (Ztr.) noch als Berichterstatter gesprochen, wird der Ausschußantrag einstimmig angenommen, der Antrag Raab mit 15 gegen 13 Stimmen abgelchnt.
Kap. 11, Lotterie, wird darauf in Einnahme mit 806000 Mark ohne Debatte genehmigt, Kap. 12, Direkte Steuern, wird vorläufig zurückgestellt.
Bei Kap. 13, Land stände, beantragt der Ausschuß, bet den Truckkosten der Zweiten Kammer 4000 Mark zu itreichen, dagegen mit dem preußischen Eifenbahnminister das Abkommen einzugehen, wonach den Mitgliedern der Zweiten Kammer gegen ein Aversum von 14 000 Mark freie Fahrt von ihrem Wohnort nach Tarmstadt gewährt wird, zu diesem Zweck müssen 6000 Mark mehr in den Etat eingestellt werden, so daß sich die Gesamtanforderung auf 142 458 Mark erhöht.
Abg. B e st stellte hierzu den Antrag, die mehr angeforderten 6000 Mark, für die Freifahrt der Abgeordneten zu streichen unb es bei dem alten Brauch zu lassen, wonach die Eisenbahnfahrkosten den Abgeordneten, wie bisher, zurückvergütet werden. Das Haus nahm jedoch mit allen gegen _5 Stimmen den Ausschußantrag an. Für den Antrag aus Streichung der vollständig unnötigen M e h r a n s o r d c r u ng voii 6 0 0 0 Mark stimmten nur die Abgg. Tr. Osann, Tr. Heidcnreich, Reinhart, B e st und 2 t ö p l e r.
Es folgt nun die VII. Hauptabteilung, Staatsministerium. Bei den Kapiteln 14, Ministerium, 15, Auswärtige und Bunbes- verhälmisse unb 16, Kabinettsbirektion werben bie Ausgaben von 89 368 Mark, 38 000 Mark unb 13 880 Mark ben Ausschuß- anträgen folgenb bewilligt. Zu Kap. 17, Ober-RechnungSkammer unb Antrag der Abg. Korcll, Finger und Dr. Weber liegen folgende Anträge vor:
1. Die Mehrheit des Ausschusses beantragt: Zu Titel 1 Persönliche Ausgaben,
2 Oberrechnungsräte,
1 Sekretär unb 1 Kanzlist auf ben Inhaber zu bewilligen.
Ter Antrag wirb genehmigt.
2. Ein Ausfchußmitglieb beantragt: Strich ber Justifilcstur II. Abteilung.
3. Ter Ausschuß beantragt:
in Einnahme 986 Mark unb 150 000 Mark vorbehaltlich ber Genehmigung ber Regierungsvorlage burch beibe Kammern, in Ausgabe 283 302 Mark zu bewilligen.
4. Der Ausschuß beantragt:
Tie Zweite Kammer wolle beschloßen, Großherzogliche Regierung zu ersuchen, in Berbinbung mit ber^ Vorlage zur Vereinfachung ber Staatsverwaltung eine Reorganisation ber, Lberrechnungskammer burchzufülircu, insbeicmbcre unter dem Gesichtsvuntt ber Tezemrali'ativn unb ber Anstellung von Revisionsbeamten bei ben Lokalvecwaltungsbehörben zwecks Aushebung ober Entlastung ber Justisikatur II.
5. Ter A usschu ß beantragt:
ben Antrag Tr. Weber unb Gen. hiermit für erlebigt zu erklären.
Dieser Antrag forbert, baß Kirchen, Stiftungen niw. für Revision unb Abschluß ihrer Rechnungen an die Overrechnungskammer eine entsprechende Gebühr ;u entrichten haben.
Abg. Ulrich beantragt dagegen, die zweite Iustmkatur ganz zu streichen resp. bie Bremtengehälter bieser Abteilung nur am ben Inhaber zu bewilligen.
Staatsminister Tr. E w a 1 d inenbet sich gegen den Eintrag Ulrich mit großer Entschiedenheit unb legt - einbringlid) die Unmöglichkeit der Durchführung dieses Antrags dar. Gegen den An- irag sprechen noch die Abgg. Dr. He ibenreich, Dr. G ulst ei sch und Re in bart, für oen Antrag die Abg. Bähr und B c ft. Schließlich wird der Antrag Ulrich mit Mehrheit abgelehnt. Tie übrigen Anträge werden einstimmig genehmigt.
Zu den folgenden Kapstcur werden die vom Ausschuß beantragten Summen einstimmig bewilligt:
Kav. VerwaltuugSgerichlshof 300 Mark in Einnahme, 6890 Mark in Ausgabe: Kav. Haus unb Staatsarchiv 18 !8 Mark in Ausgabe: Kap. Rheinschiffahrl in Ausgabe 3890 Start ^.ay. Sterbyuartale bic geforderten 1500 Mark unb Kap. Porto, Telegraphen unb Fernsprechgebühren 4000 Mark.
Hierauf wirb die Sitzung ans Dienstag vormittag 9 Uhr vertagt. SRlus; 2 illn.
Die Wirkung der neuen Kernsprechgebührenordnung auf die Teilnehmer am Si.Zener Netz.
Wir erhalten folgende Zuschrift:
Gießen, 7. März.
Am 9. März beginnt bie zweite Lesung des Posttterti- I unb gleichzeitig der.Gesetzesvorlage über die Neuregelung
der Fernipreu)get)Ut,ren. Hierzu ijtit uic l)ic|tgc Stadtverordnetenversammlung auf Anregung des .Herrn Stadtv. Eichenauer eine Eingabe an den Reichstag gerichtet, die dahin zielt, bie Vorlage abzulehnen. Begrünbet hat Herr Eichenauer seinen Antrag nach einem Berichte des „Gieß. Anz." damit, baß
„bas Erwerbsleben bes stäbtifchen eriyerbeitben Mittelstanbes sehr schwer geschäbigt unb bamtt die städtischen Interessen beeinträchtigt würden, wenn die neue Fernsprechgebührenvorlage Gesotz würde."
Der Hauptinhalt der neuen Vorlage ist. der: Tie 1 Mk.- Zone für Ferngespräche nach 100 bis 500 km entfernten Orten soll in zwei Zonen geteilt werden und zwar: a > 100 bis 250 km und b; 250 bis 500 km. Gespräche nach Orten unter a) sollen 7"> Pfg., nach Orten unter b) 1 Mk. hoffen. Diese Neuerung, die vielfach geäußerten Wünschen ber Interessenten entspricht, wird eine Mindereinnahme von li,4 Millionen Mart für die Reichstasse nach sich zieheil. Den Ausgleich soll eine Aenderäug in den Gebühren für Ortsgespräche bringen, die tünftig mehr als bisher nach dem Grundsätze von Leistung unb Gegenleistung ergaben werden sollen, d. h. der viel Sprechende soll mehr bezahlen als ber wenig Sprechende. Das geinischte System der Pausch- und ber Einzelgebüyren soll deshalb verlassen werden; man will nur noch Einzel g e bü h r e n neben einer Jahres- gründ gebühr erheben. Ferner soll tünftig jedem Am schlußinhaber gestattet sein, von anderen, die seinen Anschluß benutzen, 10 Pfg. für cm Stadtgespräch zu erheben, während das jetzt gültige Gesetz den Pauschgcbührenzahlern verbietet, eine Gebühr für Stadtgespräche zu verlangen, ben Einzcl- gebührenzahlern aber nur gestalten, sich 5 P g. für ein solches Gespräch zahlen zu lassen.
Die allgemeine Einiührung des Eiuzelgebührensystems wird zur Folge Haven, daß in Orten mit ausgedehntem Fernsprechnetz eine große Zahl von Teilnehmern mehr zu zahlen hat, als jetzt. In mittleren und kleinen Städten dagegen iuirb nur ein kleiner Teil ber Angefchlossencn „geschädigt", während ein großer Teil Vorteile^ hat. Aiich h i e r i n G i e f; e n w i r d o i c w e i i a u s g r o ß e r c ?N e h r- zahl gut a b s ch n e i d e n, wie nachsteyeitde, auf Grund des mir zur Verfügung stehendetl amtlichen Materials aufgestellte Berechnung ergibt. (Tic Statistik hat sich auf die vorhandenen 199 Anschlüsse gegen Panschgebuhr und 558 Anschlüsse gegen Einzelgebühren erstreckt. Die jetzige Pausch- gebüljr beträgt in (liegen 150 Mk., die jetzige Grundgebühr 60 Mk., die Einzclgebühr beträgt 5 Pfg. für jedes Gespräch Künftig sollen oO s.ucf. Grundgebühren unb 4 Pfg. Gesprächsgebühren erhoben werben.»
I. Von ben 199 Paufchgebüt;renzahlern haben gesprochen 116: 5o2 mal im lägtichen Turchschnill; das ergibt für 1 Jahr
(zu 310 Werktagen gerechnet) 171120 Gespräche.
Dafür zahlen sie jetzt: 116x150 —..... 17400 Mk.
, „ „ künftig (116 x 50 Z-171120 X
0,04=)..... 12 645 ,
Mithin künftige Ersparnis 4 755 Mk.
B. 83:1166 mal im täglichen Durchschnitt; das ergibt für 1 Jahr 1166 X 310 = 261 460 Gespräche.
Jetzige Gebühr: 83 x löu = 12 450 Mk.
Künftige Gebühr <83 x 50 ch- 361 460 X 0,04 =) . 18 608 „
Mithin künftige Mehrzahlung 6 158 Alk.
II. Tie 558 Emzelgevührenzahler haben täglich 1281,4 mal gesprochen; das ergibt für das Jahr 38 442 Gespräche.
Jetzige Gebühr <558 X 60 -j- 38 442 x 0,05 =) 53 342 ÄU.
Künftige „ (558 x 50 -f- 3d 442 x 0,04 =i 43 789 „
Mithin künftige Ersparnis 9öo3 Zusammenstellung.
Ersparnis ju l A 4 755 Ml. „ „ II 9 553 ,
zusammen 14 308 Ml.
Mehraufwand zu IB . 6158 Alk.
Alithin Ersparnis 8 150 Alk.
Hierzu kommt die Eriparnis aus ber Eingangs erwähnten Ermäßigung der Ferngebühren. Die 250 km-Grenze geht im Noroen über Osnabrück hinaus, im Osten bis Halle unb Gera, im Süd osten über Nürnberg, im Süden über Cffenburg unb Straßburg hinaus, im Westen bis Metz und Aachen. Die tägliche Mindereinnahme au Ferngebühren wird durchschnittlich 11 Mk. ober jährlich 3410 Mk., bie Gefamleifparnis ber <57 Teilnehmer, ajif bic sich bic Statistik erstreckt hat, also (8150 -ch 3410 =) 11 560 Alk. betragen!
Unter den nach I B „geschädigten" Anfchlußinhabern befinden sich nun aber noch 19 Behörden ober staatliche Dienststellen; von den übrigen 64 haben 13 infolge der Aenderung ber Ferngedühren solche Vorteile, daß nicht nur bie Nachteile, bie sie burch die Aenderung der Orts gebühren haben, autgeii’ogen werden, sondern baß sogar die Vorteile überwiegen. Wieviele von den uerblcibenben 51 sich zum „gewerblichen Mittelstände" rechnen, weiß ich nicht. Wohl aber ist sicher, daß öon diesen 51, unter denen sich sämtliche, die Paujchgebühr zahlenden Hotels besinden, nicht wenige sich iünitig die Ortsgespräche werden bezihlcn lassen. Das tun die Einzelgebühttnzahler, denen es das jetzige Gesetz gestattet, schon heute zum großen Teil: entroeber- naben sie eine Blechbüchse mit yir JnschrHt „5 Pfg." als fau^e Mahnung neben dem Apparate hängen ober ftc btü»cn einen Automaten aufgest.eil, de-- so ciiigeriajte; in, imijerben Hebel des Fernspreuiapparates erst freigibt, , yZ^en^r**« 5 P|g.-Stück eingcpjnrfcn worden ist WaruilT^ollte nicht ein Hotel- ober Restaurantbcfitzer seinen Gästen die Fernsprechgebühr anrechnen? Er hat cs also in her Hand, die erhöhte Belastung zum Teil wenigstens aozuwälzen.
Hiernach glaube ich zu ber Behauptung berechtigt zu sein, daß bic DZeurcgclung der Fernwrechgebühren weder für die Gesamtheit der Tcilnehmei in Gießen, noch sür die städtischen Interessen Ütachteile haben kann.
tz a g e m a n n, Telegraphendirettor.
Sandesoetbanb Ost Hess. Vekailalserziehungrvereine.
G i o st e ii, ben 7. Mörz 1910.
Am 4. März iJcU ßcr Verband sein? H a u pt v er sa m m- lung hier ab, zu der iich mit Ausnahme eines amtlich cer- f,tnbcrten Herrn, sämtliche Geschäftsführor ber oberhessischon Verein ? und zur Hälfte die aus drn beiden anderen Ptoviiizen nn- geiunben hatten. Eine Reihe von KreMintern und einige Stadt rcnraltungeit hatten Vertreter gesonot. Von den Iugenöricksterm waren zwei der Einlaoung gefolgt. Nachdem ber Borfitzende, Pfarrer Röschen- Freienfeen, bies. Vertreter und die übrigen Gäste begrüßt hatte, sprachen Superirnenbent Euler namens des Obrrlonsistprimns, Oberstaatsanwalt v. H ess er t- Darm-


