Ausgabe 
7.11.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 261

Zweiter Blatt

160. Jahrgang

Erscheint tißUch mit Ausnahme bei SannragL.

DieStetzruer FmnMrndlätter- werden dem Anzeige^ Viermal wöchentlich betgelcgt, das KteUbktfl f6f bei Kreil Eietze«^ jroetmol wbcheniltch. Die ^Laudwtrtschaftltcheu Seit» fraget erschemen monaüich zweunal.

Gießener Anzeiger

Seneral-Anzeiger für Gberhessen

Montag, 7. November WO

Äotettentbnicf tmb vertag der vrühk^ch« Unwerftläts - Brich- und 6iehit>ruderet R Lanße. Sieben.

Hebaftto«, Expedttto« enb Druckerrft Schul­

st ratz« 7. Exvedttian und Vertag:

Redattwrn^EIir. Tet-Adr^ AnzergerG letze»

Die erst« Programmrebe des RefdjstagstanöiOaten Profefior Gisevius.

Grünberg, 6. Nov.

Der große 6acl tm GasthauS xmnRappen" war heute von Bürgern aus Grünberg und den umliegenden Orten bis nach Odenhauscn und Lindenstruth dicht besetzt, hielt doch Professor GiseviuS, der nationoliberale Kandidat für den ReichstagSwahl- kreis Gießen-Gründerg-Nidda, seine erste politische Programm­rede. Der WahlkreiSvörsitzende, Rechtsanwalt Kaufmann, er­öffnete um 4 Uhr die Versammlung, steNte zunächst den Reichs­taaskandidaten vor und betonte, daß die nationalliberale Partei diesen Versammlungen nicht etwa den Wahlkampf eröffnen wolle, sonder» nur den Zweck verfolge, Professor Gisevius mit den Wählern zeitig befaimt zu machen und die politischen Richt­linien zu zeigen, die der Kandidat für sich festgelegt habe. Es sei dieS besonders notwendig geworden gegenüber den Angriffen, die gerade in letzter Zeit gegenüber der nationalliberalen Kan­didatur in verschiedenen Blättern erfolgt seien.

Hieraus ergriff Professor GiseviuS das Wort zu seinem Vortrag ^Aufgaben unserer heutigen Politik'. Zu­nächst teilt er mit, wie er zur Annahme der Kandidatur ge­kommen sei, obwohl er bislang nicht an eine parlamentarische Tätigkeit gedacht habe. Es sei ihm mitgeteilt worden, der bisherige Kandidat der Rationalliberalen, Kommerzienrat Heiligen- st a e d t, habe bestinmtt abgelehnt. Er sei daraufÜn zum Reichs­tag -abgeordnetcn Köhler-LangSdorf gefahren. Köhler habe ihm erklärt, daß er nicht mehr kandidiere und ihn beauftragt, die- dem W a h l k re i s v o r- sitzendeu der n a t io n a l l i b era len Partei mitzu­teilen. Erst nacktem er die Gewißheit gehabt habe, daß er mit der Annahme der Kandidatur weder gegen den jetzigen Mandats- inhaber, noch gegen den früheren natwnalliberalen Kandidaten unfreundlich handle, habe er sich zur Uebernahme der Kandidatur bereit erklärt. DieS sei in der Absicht geschehen, nicht zu trennen, sondern um die bürgerlichen Parteien zu einen gegen die drohende sozialdemokratische Gefahr. Gerade die Erfüllung dieser Aufgabe solle durch seine Kandidatur gefördert ron en, weil er sich seither vollständig der ausgesprochenen Parteipolitik fern gehalten habe. Er stehe aber auch auf dem Standpunkte, daß in unserem Vater­lande heute noch der Grundsatz gelteEiueS Mannes Wort darf flicht gebrochen werden".

Alsdann ging der Redner auf sei» Programm über, das, wie er betonte, bisher öffentlich noch nicht bekannt gegeben worden fei Zunächst streifte er kurz die Stellung der national- liberalen Partet der er sich im Falle seiner Wahl anschließen werde, zum Reich und Einzel staat. Auch sein oberster Grund­satz sei es: Dal Vaterland über die Partei, daS Allgemeinwohl über alle Gonbertntereffen. Jeder Staatsbürger habe nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten, das müsse gerade in den heutigen Zeitläuften betont werden. Der Segen des jetzt 40 jährigen Frie­den- fei allen Berufsständen lugnte gekommen, deshalb müsse alles petzrn werden, um diesen Frieden zu erhalten. Dazu sei aber ein allzeit schlagfertiges Heer und eine starke Flotte nöttg. Gerade die letztere sei jetzt mehr denn je für unser Vaterland unentbehrli chgeworden. In 1870 habe Deutschland noch mehr Brvtfrucht produziert, alS seine Bevölkerung nötig gehabt habe. Heute müßten wir au- dem Ausland und den Kolonien Brot­frucht zur Ernährung unseres Volke- einführen. Andererseits seien die Erzeugnisse unserer Industrie so an gewachsen, daß sie im Inland nicht alle abgesetzt werden könnten und deshalb expor­tiert werden müßten. Zu alle dem brauchten wir eine große Handelsflotte, und diese habe wieder den Schutz einer starken Flotte notwendig, denn im Falle eines Krieges würden sonst unsere Handelsschiffe al- gute Beute vom Feinde gekapert und bann bestehe bk Gefahr, daß wir ausgehungert würden. Daß unsere Handelsflotte sich auS nichts empor gearbeitet habe bis zur zweitgrößten der Welt, zeige doch, daß wir uns in dieser Beziehung » günstiger Entwickelung befinden.

Auch unsere Stellung im internationalen Völkerkonzert werde am besten durch unser Heer und unsere Flotte gesichert: das hätten die Vorgänge im vorigen Jahre gezeigt, alS wir dem österreichischen Bundesgenossen die Treue aehalten und dadurch Europa vor einem verheerenden Kriege bewahrt haben.

Außer Heer und Flotte hätten wir noch andere Einheitsgüter so führte der Redner weiter aus, deren Erhaltung uns am Herzen liegen muß. So z B. daS gleiche, direkte und geheime Wahlrecht -um Reichstage, für dessen Er­hol tung er ehtrrrten würde. Dazu gehört weiter die Erhaltung

unseres Deutschtums, die Förderung der Kolonialpoli- N k, die gerade in den letzten Jahren eine so überaus günstige Entwickelung unserer Kolonien gebracht hat. Auch die Entwicke­lung der Reichseinrichtungen in nationalem - und freiheitlichem Geiste muß uns am Herzen liegen bei voller Wahrung der Rechte der Einzelftaaten. Entschlossene Abwehr aller reak­tionären und aller radikalen Tendenzen, Fern- halwng jeglicher Nebenregierung ist notwendig.

Prof. Gisevius ging dann aus die M i t t e l sta n d S p o l i - tif über und behandelte insbesondere fügende Stände: 1. Den Handwerkerstand: Der schöne Satz, das Handwerk hat einen goldenen Boden, hat heute leider keine Geltung mehr. Das Handwerk ringt vielmehr schwer um seine Existenz. Ihm muß geholfen werden und das ist auch möglich. Zunächst muß wieder Treu und Glauben gelten wie in früheren Zeiten. Die Auswüchse des Submissionswesens sind zu beseitigen, die Förderung und gedeihliche Fortentwickelung der ländlichen Fortbildungs­schulen ist im Auge behalten. Durch den kleinen Be­fähigungsnachweis ist erfreulicherweise bestimmt worden, daß nur derjenige Lehrlinge ausbilden darf, der Meister in seinem Fache ist. Hier können Staat und Gemeinde nun auch helfen, indem sie ihre Arbeiten in erster Linie nur Meistern übertragen. Selbst die größten Arbeiten können von den Hand­werkern übernommen und ausgeführt werden, wenn sich die Meister zu Meistergenossenschaften zusammenschließen. 2. Der Kaufmannsstand: Hier Ragen mit Recht insbesondere die D e t a i l l i st e n über die drückende Konkurrenz der Warenhäuser und Abzahlungsgeschäfte. Verbieten kann man diese In­stitute nicht, aber man kann durch entsprechende Sonderbesteue- rung ihre Konkurrenz auf eine gesunde Grundlage zurückführen. Auch dem Treu und Glauben Hohn sprechenden unlauteren Wett­gewerbe muß mit allen gesetzlichen Mitteln entgegengearbeitet werden. 3. Handel und Industrie: Beide kann heute kein vernünftiger .Mensch missen wollen, denn Deutschland ist heute nicht mehr ein reiner Agrarstaat, sondern ein Agrar- und Industrie-Staat. Unsere Industrie ist die beste Abnehmerin der Landwirtschaft sowohl in Bezug auf deren Erzeugnisse, als auch deren Menschemnaterial. , Sie nimmt Brot ab und gibt Arbeits­gelegenheit für viele. Die deutsche Industrie hat ihre Daseins­berechtigung und darf ebenso wie die anderen Berufs stände Schutz und Förderung durch den Staat fordern. Auf welcher Höhe sie steht, hat erst jetzt wieder die Brüsseler Weltausstellung gezeigt. 4. Der Beamten stand: Es ist hier notwendig, angemessenes Gehalt, Pension und Hinterbliebenen-Versorgung dem Reichs­beamten zu bewähren, der andererseits auch höhere Pflichten und weniger Freiheiten seinem Brotgeber gegenüber hat. Immerhin nuissen auch die Beamten auf die Z. tatsächlich vorhandene Finanznot Rücksicht nehmen. Auch den Privatbeamten muß aufgeholfen werden. Hier ist eine vernünftige Versicherung an- zustteben, bei deren Einrichtung aber die Erfahrungen der Ar­beiter-Versicherung berücksichtigt werden müssen, damit diese nicht zu kostspielig nrirb.

6. Die Landwirtschaft. Die Statistik der letzten Jahre zeigt, daß die Zahl der Landwirtschaft tteibenden Bevölkerung ebenso ständig wächst, wie sich die Produktion von Jahr zu Jahr mehrt. Ohne daß her Grund und Boden mehr geworden ist, produziert imfete Landwirtschaft heute 400 Prozent mehr als vor 100 Jahren. Seit 1898 haben sich die Erzeugnisse des Kartosfelbaues um 180 Proz., die des Getreidebaues auf das eineinbalbsache vermehrt. Der Viehstand hat sich um das doppelte gehoben. Um mir eine Gattung herauszugreifen, wies der Redner darauf hin, daß der Schweinebestand seit 1860 um 340 Prozent gestiegen ist.

Der Bauernstand ist also unser Nährstand, obwohl er nur 30 Proz. der Gesamtbevölkerung umfaßt. Er ist aber auch unser Wehr stand, denn er stellt 6162 Proz. aller Rekruten, also doppelt so viel, als er nach seiner Stärke zu stellen hat.

Er ist aber auch der Jungbrunnen für unsere Groß­städte und das Reservoir, aus dem unsere Industrie ihren Arbeiter­ersatz nimmt.

Aus allen diesen Gründen muß die Landwirtschaft in ihreifl Bestand erhalten und geschützt werden. Das ist geschehen durch unsere Zollschutzgesetzgebung, die aufrecht erhalten wer­den muß, einmal weil dies für unsere Landwirtschaft unbedingt notwendig ist, zum anderen aber auch, well der Schutzzoll sich allmählich zum Finanz zoll entwickelt hat, indem er dem Reich jährlich 266 Millionen Mark Einnahmen verschafft. Not­wendig ist auch für die Landwirtschaft ein gesunder Viehschutz gegen die Seuchengefahr, denn durch die Seuchen ist unserem

Heue Dokumente über Napoleons heirat mit Marie Luise.

Erwecken tetr die Zeit vor hundert Jahren vor unserem edftigen Auge, so sehen wir den Mann, der damals einer Welt seinen Willen ausgezwungen, auf der Sonnenhöhe seiner Macht. Napoleon gebot, nachdem er den alten Habs­burger Staat niedergerunaen und mit dem Zaren ein Schutz- Unb Trutzbündnis geschlossen hatte, unumschränkt auf dem europäischen Kontinent, und die höchste Krönung seiner Pläne und Ziele sollte ihm nun die Begründung einer eigenen Dynastie bringen, die ihn mit einem der vor­nehmsten Herrschergeschlechter verbrüderte und ihm den er­sehnten Erben seiner Reiche schenkte. Die plötzliche Ver­lobung und rasche Vermählung Napoleons mit Marie Luise, der Tochter deS österreichischen Kaders, die die Erfüllung dieses Strebens bedeutete, tarn der ganzen Welt höchst über­raschend. Hatte doch der Franzosenkaiser bald nach dem Frieden von Schönbrunn eine offizielle Werbung um eine Zarentochter nach Petersburg ergehen lassen, und erschien es doch zudem den treuen habsburgischen Untertanen säst Unmöglich, daß Kaiser Franz seine geliebte Tochter dem Antichrist" zur Ehe geben wurde, gegen den er noch vor wenig Monaten einen verzweifelten und blutigen Kamps Um die Existenz seines Reiches geführt hatte!

Die tiefer liegenden Gründe für diese, aanz Enrova bi Aufregung versetzende Vermählung, die seinen diplo­matischen Fäden, durch die diese Beziehungen angesponnen Und verknüpft wurden, waren bisher noch nicht völlig auf- geklärt. Auf Grund neuer Dokumente stellt nun der geist­volle Biograph Napoleons, Professor August Fournier, den wahren Verlaus der Dinge in derDeutschen Revue" dar. Napoleons Bewerbung um die fünfzehnjährige Zarentochter war nicht ernst gemeint; sie sollte nur sein gutes Einver­nehmen mit Rußland dokumenliren. Eine rasche Vermäh­lung, an der ihm vor allem lag, war mit dieser kaum er­wachsenen Braut nickt möglich; außerdem hätte eine anders- aläubige Frau auf dem Thron von Franlreich den drohen­den Konflikt mit der Kirche nur verschärfen müssen, und vor allem sah der Kaiser auch voraus, daß die russische Allianz, der polnischen und wirtschaillichen Fragen wegen, in nicht langer Zeit zujammenbrecyen werde. Er wollte

daher eine Verbindung mit dem österreichischen Hause, dessen Freundschaft ihm für den bevorstehendenKompf inRuß- land sehr wichtig erscheinen mußte, zumal die längst er­wachsene Marie Luise auch sonst seinen Wünschen besser entsprach als die junge Russin. Einzelne Andeutungen dieser Art waren hon dem Imperator ausgegangen. Am 15. Sep­tember 1809 hatte er an den Kaiser Franz geschrieben, es werde nach dem Friedensschluß nur von ihm ab hängen, das Band zwischen den beiden Staaten fester zu knüpfen. Während der letzten Verhandlungen über den Frieden in Schönbrunn hatte er die Bemerkung fallen lassen, Oester­reich sei mit seinen Heiraten stets glücklich gewesen. Diese sehr vorsichtigen Anspielungen wurden nun von dem neuen österreichischen Minister des Aeußeren, dem Grasen Metter­nich, aufs eifrigste aufgenommen und weitergeführt. Er mußte sich bei Dem allmächtigen Franzosenkaiser, der sich gegen ihn ausgesprochen hatte, in seiner neuen Stellung erst fest in den Sattel setzen, und zudem glaubte er auch der österreichischen Dynastie nicht besser dienen zu können als mit dieser Heirat, durch die die Existenz der Monarchie sicher gestellt, und ihr eine Ruhe- und Friedensfrist aegönnt wurde, bereit sie zur Erholung aus tiefster Erschöpfung dringend bedurfte. Metternich hat sich später ganz ollen dazu bekannt, die Heirat in Vorschlag gebracht zu Haven, und auch Napoleon sagte kurz vor seinem Sturz im Jahre 1814:Kann Metternich vergessen, daß meine Heirat mit einer österreichischen Herzogin fein Werk ist?"

Zunächst wurden die Verhandlungen sehr behutsam mit einem Vertrauensmann des französischen Ministers Maret, Alexandre de Laborde, geführt, aber bald nach Paris hinüber gespielt, wo der etwas schwerfällige österreichische Botschafter Fürst Karl Schwarzenberg die Angelegenheit nur recht lang­sam betrieb. Unterdessen hatte aber Napoleon seine frühere Gattin Josephine, von der er sich soebenim beiderseitigen Einvernehmen" getrennt hatte, dazu veranlaßt, in einer Unterredung mit der in Paris zurückgebliebenen Gräfin Metternich Den Wunsch Napoleons nach einer ehelichen 23er* biudung mit einer österreichischen Prinzessin osten auszu- sprecheu. Die Gräfin nahm sich nun dergranbe affaire" mit Feuereifer an; der ungeschickte Schwarzenberg machte aber in weiteren Verhandlungen geltend, daß Die Erz­herzogin naturgenläß Abneigung gegen Den Käfter ernp-

Nationalvermögen über eine Milliarde genommen worden. Man wende nicht dagegen ein, daß dadurch eine F l e i s ch n o t entstehe. Zurzeit wird das Quantum lebenden VieheZ, das auÄ Rußland, Oesterreich und der Schweiz in Deutschland eingeführt werden darf, nicht eingeführt, und der Fleischverbrauch ist bis 1908 Pro Kopf der Bevölkerung derselbe geblieben. Aus den letzten Jahren liegen die Zahlen noch nicht vor. Erst wenn die vom Ausland eingeschleppten Seuchen unsere Viehbestände vernichtet haben, dann erst wird man erfahren, waS Fleischnot in Wirklich­keit ist.

Also nicht nur im Interesse der Landwirtschaft, sondern im Interesse des gesamten Volkes nnb dessen Ernährung ist ein Schutz gegen die Seuchengefahr unbedingt notwendig.

6. Der Arbeiter st and. Mit der sozialen Gesetz­gebung steht Deutschland an der Spitze aller Staaten, und trotz­dem ist ihre Entwickelung noch nicht abgeschloffen; sie muß weiter ausgedehnt werden auf die Witwen und Waisen. An dem Koa- l i t i o n s - und Streikrecht des industriellen Arbeiters soll nicht gerüttelt werden, denn diesem gegenüber können sich die Arbeitaeber in Jnteressenverbände zusammen schließen Das ist in der Landwirtschaft nicht möglich, da durch einen Streik die Erzeugnisse der Arbeit eines ganzen Jahres vernichtet und eine Hungersnot herbeigeführt werden kann. Deshalb darf dem land­wirtschaftlichen Arbeiter ein Streikrecht im Interesse der Volkse gesundheit nicht zu^ebilligt werden.

Der Redner ging dann auf daS Finanzwese« des Reiches über und stellte sich auf den Standpunkt, daß in Zukunft von der Schaffung neuer indirekter Steuern abgesehen und^ wenn überhaupt, zunächst nur direkte Steuern beschlossen werden dürfen. Hier ist in erster Linie eine Reichs-Vermögen S-^ verbundenmiteinerReichs-Einkommensteueran- zustreben und, wenn beide nicht möglich seien, eine Erbanfall-4 steuer zu beschließen, wobei möglichst alle Härten für die Sanin wirtschaft und den Mittelstand vermieden werden müssen.

Zum Schlüsse wies Prof. Gisevius nochmals eindringlichst darauf hin, daß jetzt einmal ein Strich unter daS gemacht werden müsse, was der jetzige Reichstag vielleicht Unrechtes beschlossen habe. Heute gilt es, für die Zukunft zu sorgen und Vorkehrungen zu treffen, daß die staatserhaltenden Parteien im Kampfe gegen den Umsturz zusammenhalten. Der Redner eiTIärt sich wieder holl bereit im Sinne seiner heutigen Ausführungen im Falle seiner Wahl im Reichstage tätig sein zu wollen, hoffe aber auch, daß ein jeder nationalgesinnter Wähler sich seiner Pflicht bewußt sei und mithelfe an der stetigen Fortentwicklung des deutschen Vata> landes.

Hatten die Zuhörer den 1'/^stündigen Ausführungen deS ge­wandten Redners mit gespanntester Aufmerksamkeit zugehört und ab und zu mit Zustimmungen begleitet so folgte am Schluffe des Vortrags ein sehr lebhafter, ja begeisterter Beifall. Besonders! stimmten die Zuhörer auch bei, als der Redner gegen i eb< weitere indirekte Steuer und für eine Ver­mögens- und Reichs-Einkommenstener, sovig für die Erbansallsteuer sprach

Rechtsanwall Kaufmann dankte für bk Ausführungen des Kandidaten, der sein Programm klar entwickelt habe, das er im Reichstag vertreten werde. Nach etwa 10 Minuten Pause eröffnete der Vorsitzende die Aussprache. Nach wiederholter; Aufforderung meldete sich nur Lehrer Schweitzer- Odenhausen Aunt Wort Er sprach als nationalliberaler Wähler seine Befried digung über die Rede des Professors GiseviuS aus, der die Jittern essen aller Stände, Industrie und Landwirtschaft, Handwerk und Beamte, wahren wolle. Jeder müsse sich als ein Glied der Dok^ famllie fühlen; nur dadurch könne der Kampf gemildert werden^

Rechtsanwall Kaufmann schloß um 61/* Uhr die Versamm^ lung mit einem Hoch aufs deutsche Vaterland und daS Heffenland.

Am SamStag abend hatte Professor GiseviuS über das gleiche Thema in Steinbach gesprochen.

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Brianö als Redner.

o Paris, 6. Vvv.

Selbst unter den unerbittlichen Feinden des Minister-, Präsidenten, der gegen die Revolution einen Schutzwall"' aufzurichten unternommen hat, wagt niemand an der Redegewalt dieses durch die letzten Ereignisse zu mäch­tigem Ansehen nicht nur in Frankreich, sondern in g<mK Europa emporgewachsenen Staatsmannes den geringsten Zweifel zu hegen. Wie denkt nun Herr Bricmd selbst Über

finde und daß man ein Gefühl der Dankbarkell ür ihr zu erwecken suchen müsse. Er ließ also durchblicken, man ev-> warte, daß Napoleon dem österreichischen Kaiser eine dev abgetretenen Provinzen, etwa ein Stuck von Oberösterreich^ zum Entgelt zurückgeben werde. Davon wollte aber der Imperator nichts wftsen, sondern ließ mm die Angelegenheit ruhen, bis sie eine plötzliche Wendung zu raschem Abschluß brachte. Metternich hatte seiner F-rau in einem für Josephine bestimmten Briese mit geteilt, daß eine Werbung Napoleons bei der Erzherzoain sicher auf keinen Wider­stand stoßen werde. Diesen Brief spielte die Gräfin S^rpolemr selbst in die Hände, und nun tat der Franzosenkaiser den entscheidenden Schritt, da er sich überzeugte, daß von einem politischen- Entgelt an Oesterreich nicht mehr bie Rede fein werde. Er sandte seinen Stieffohn BeanharnaiS zu Schwarzenberg, damit er ihm die offizielle Werbung und zugleich die Aufforderung Überbringe, sogleich den HeiratS- kontrakt abzuschließen und zu unterzeichnen. Ta^ daraus war alles in Ordmmg gebracht Nur noch eine Kleinigkell blieb: die Zustimmung Der Braut für die Ehe zu gewinnen. Das kostete noch einige Schwierigkeiten, aber schließlich brachte dde vereinte Autorllät des DaterS und deS kirch­lichen Nuntius Marie Luise zu dwn großen Entschluß Die eigentliche Entscheidung hatte die Gräsin Metternich herbei- geführt, wie aus einem Briefe an ihren Gemahl hervorgeht Da ist nun das große Geschäft beendet, schrieb fie.Gott sei gelobt und gebe feinen Segen dazu! Ich will mich nicht rühmen, aber ich habe nicht wenrg beigetragen, daß die Sache gelang. Jyr Brief hat einen großen Eindruck hervorgebracyt, zwar nicht bei der Person, für die er bestimmt war fie hat rhn gar nickt zu Gesicht bekommen, sondern bei einer hohen Persönlichkeit, die ihn in Händen hatte. Aber um Gottes willen sprechen Sie nicht darüber. Fürst Schtvarzenberg weiß nichts davon; er war sogar dagegen, daß ich von Dem Schreiben überhaupt Gebrauch mache. Ich bin da ganz allein meinem kleinen Kopfe gefolgt"

Kurze Nachrichten aus Kunst mWissenschaft. Tie Akademie der Wissenschatten in Stockholm beschloß, den diesjährigen Nobelprels für Physik dem Professor I. D. van der WaalZ-Amsterdam wegen seiner Arbeiten über den Zuslanö der Gase und Flüssigtetten zu erteiUn.