Ausgabe 
7.7.1910 Erstes Blatt
 
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Erklär»»st über htc 71 r beit her- britischen Komitees berausgegeben, in bcr auch die Entstehung der Bewegung in England und Deutsch­land 111-d e Bildung hey deutschen Storni tee'3 beschrieben wird. Ter C> zbiichof von Canterbury übernahm den Vorsitz im britischen Komitee.

..Der französische .Präsident FalliercS nahm im Bersein Loiibcts und aller. Minister in den Tuilerien die Ein-- ijLe lYung des Denkmals W a l d e ä R o n s s e a u S vor. Mehrere Ansprachen mürben gehalten, namentlich vom Bauten- nnmster Mill er and, der aussührte, daß Waldeck-Rousseau sür das Wohl des Volkes gearbeitet habe, und von Briand- der in Waldeck Rousseau beit methodischen (Gesetzgeber feierte, dessen Eeictzesvorlagen einen vollkommenen Führer für die Demokratie der Zukunft darstellen. Brianb betonte dann die Notwendigkeit, daS republikanische Friedenswerk Waldeck-Rousseaus fortzusühren. Nach der Einweihung wurden I 4 junge Leute verhaftet, die bei der Abfahrt Fcckliercs lärmende Zurufe gegen den Präsi­denten ausgestoßen hatten.

Der Bischof von Madrid kritisierte im spanischen Senat die Kirchen- und Schulpolitik der Regierung. Eanalejas erwiderte, es gebe im Leben Augenblicke, wo inan einen entscheidenden Schritt tun müsse; solch ein Augenblick sei für Spanien gekommen. Es gebe Leute, die mit feinem Sturz und einem konservativen Mini­sterium rechnen Was liege daran, früher oder später müsse Spanien diesen entscheidenden Schritt tun. Man könne ein eifriger Katholik sein, aber auch ein moderner Mensch ohne Vorurteile und ohne Unversöhnlichkeit.

Aus K o n st an t 111 o v c. 1 wird berichtet: Die Polizei entdeckte eine geheime Gesellschaft, die durch Ermordung der Minister und anderer hervorragender Persönlichkeiten die lungtürkischc Regierung stürzen wollte.

Wie aus Algier gemeldet wird, ist daselbst der marokkanische Oberkommissar AbdurhamanseelHadschi eingetroffen und wird heute mit dem Generalgouverneur I o n n a r t eine Unter­redung haben, deren Gegenstand wahrscheinlich die Errichtung eines oder mehrerer Märkte auf marokkanischem Gebiet in der Nähe der algerischen Grenze bilden wird.

Nach einer Meldung aus Oran ist infolge des Auftlärungs- morsches nach Taurirt der g r o st e H a n d e l s w e g von U d s ch d a noch Fez nunmehr fiir den französischen Handel geöffnet.

Der Petersburger Korrespondent der Morning Post erfährt, dost "her Text des russisch-japanischen Vertrages in ein bis zwei Tagen veröffentlicht werden soll, sobald er den Mächten mitgeteilt worden ist. Zunächst soll jedoch nur der erste Teil des Vertrages der Oeffentlichkeit übergeben werden, nämlich derjenige, der sich auf die Regelung der Verhältnisse in der Mand- fdrurei bezieht, politisch natürlich der wichtigste. Der zweite Teil, der auf die Eisenbahnfrogen Bezug hat, wird erst später veröffent­licht werden, da noch einige Einzelheiten zu erledigen sind.

Ans Stadt und Land.

Gießen, 7. Juli 1910.

TageSkalender für Donnerstag, 7. Juli. 6. Abon­nements-Konzert der Regiinentsmusik (Kammermusiker Kümmel als Gast). Abends 8 Uhr in SleinS Garten.

* * Aus dem M i l i t ä r w o ch c n b l at t. Riedel, Oberst und Kommandeur des 5. Hess. Jnf.-RegtS. Nr. 168, mit der Führung der 41. Jnf.-Brig. beauftragt. Neu -- haust, Oberstlt/ beim Stabe des o. Rhein. Jnf.-Reqts. Nr. 65, unter Beförderung zum Obersten zum .Kommandeur des H-efs. Jnf.-Regts. Nr. 168 ernannt. Böning, Haupt m. und Komp.-Chef im Jnf.-Rcgt. v. Stülpnagel (5. Brandend.) M. 48, als Platzmajor nach Mainz versetzt.

* * ErnleauS sichten im Kreis Gießen. Die Halmfrüchte stehen allenthalben sehr gut. Leider hat sich aber das Getreide infolge der schweren Gewitterregen und der anhaltenden feuchten Witterung sehr stark gelagert. Die Maschinenarbeit wird dadurch beim Abernten sehr erschwert werden. Ein schlimmer Schädling, die Scharmaus, tritt äußerst zahlreich auf und treibt ihr verheerendes Werk, be­sonders gilt dies vom Lahntal in der Umgebung von Gießen. Viele Gemeinden haben an die Landivirte kostenlos vergifteten Weizen verteilt, um die Plage einzudämmen.

* * Erledigt ist die mit einem evang. Lehrer zu be­setzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hüttenthal. Dem Grafen zu Erbach-Fürstenau steht das Präseutations- recht zu.

Abg. Köhler-Langsdorf teilt uns mit, daß er ivcgcn schwerer, nervöser Krankheit verhindert gewesen sei, an den Kanuuerverhandlungen des Landtages über das Gcmeindeumlagengesetz teilzunchinen, und seine Teilnahme an der nächsten Tagung des Plenums, in der über die Landtags- WahlkreiSeinteilung beraten werden soll, ebenfalls sehr in Frage gestellt sei.

P o st p e r s o n a l n a ch r i ch t c n. Verliehen aus Aw- las; des Scheidens aus dem Dienste: der Kronenorden 3. Klasse dem Postbirektor ©immer in gingen; der Rote Adler-Orden 4. Klasse dem Ober-Postsekretär, Rechnungsrat Grimm in Darm- ft n b t und dos Preußische Allgemeine Ehrenzeichen dem Ober- Briesträger Schröder in Mainz. - Versetzt: Postrat Milkau von Straßburg (Elf.) nach Darmstadt als Ober-Postdirektor, Post­direktor Traiser von Alzey nach Bürgen, Ober-Postinspektor König von -Laubig nach Alzey unter Ernennung zum Postbirektor, Postmeister Supp von Lauterbach nach Prungstadt, Postsekretär Ki fiel von Grevenbroich nach Lauterbach unter Uebcrtragung der Postmeisterstelle, Postassistenl Schäffer von Bingen'nach »ühingen. - Vesta n d e n: die Postassistentenprüfung: Post­gehilfe Geißler in Alsfeld; die Telegraphenassistentenprüfung: Telegravyengehilfe Rockcrt in Gießen. Angenommen: als Postament: Hermann E u r t b in Staden. Freiwillig ausgeschiedcn: Postagent Curth in Staden.

* * Unterstützungen für Landwehr lenke und Re scrv isten. Zurzeit werden viele Lcrndwehrleute und Reservisten zu militärischen Hebungen eingezogen. Do. die meisten Einberufenen verheiratet sind und Frauen iun> Kinder hoben, so sei darauf hingewiescu, daß den Familien nach dem Gesetz vom 10. Mai 1892 Unterstützungen während her Dauer der Hebung zustehen. Und zwar erhält die Frau 30 Proz. und jedes weitere Mied der Familie nach der Verwandtschaft in aufsteigender Linie und die Kinder je 10 Proz. bis zum Gesamtbetrag von 60 Proz. des orts- üblichen Togelohns. Der Anspruch geht verloren, wenn er nicht innerhalb vier Wochen nach Ableistung der Uebung bei der in Frage kommenden Ortsbehörde gestellt wird.

* * Der Evan g. Arbeiterverein plant für Sonntag, 17.1. Mts. auf der Liebigshühe ein Gartenfest, bei dem lieber - raschmigen aller Art in Aussicht genommen sind. Außer bemi Gemischten- und dem Frouenckior wird der Knabenchor mitivirfen. Ten musikalischen Teil hat der Orchesterverein übernommen.

>< Elpenrod, 6. Juli. Wegen Sittlichkeits- Verbrechens, begangen au einer dreizehnjährigen Pflege­tochter, wurde der hiesige S tr a ß e n w är t e r auf Veran­lassung des Untersuchungsrichters verhaftet. Das Mcöd- chen hatte selbst die Anzeige erhoben, um vor den Nach­stellungen des verheirateten Mannes, der Mitte der 30er Zähre steht und eine Fran mit zwei Kindern besitzt, ge- schützt zu Serben. - Der Verhaftete war auf Ausschreibung der hiesigen, Straßenwärterstelle von auswärts zugezogen.

D r e i e i ch e u h a i n, 5. Juli. Einen a u s r e g c n heu Vor f all erlebten am Montag die Passagiere des um 7.29 in Dreieichenhain abgehenden Personenzngs Nr. 5621, die vom Langerfest heimlehrten. Im Waide zwischen

Sprendlingen Ort und Buchschloig ertönte ein schriller Pfiff, mit voller Wucht schlugen die Bremsen an, die Maschine arbeitete unter scharfem (Gegendampf. Die Passagiere wurden gegen die Wände des Wagens geschleudert. Der Zug stand. Bestürzt eilten alle an die Fenster und sahen zum Schrecken, daß in einer Entfernung von 15 bis 20 Metern vor der Lokomotive eine Abteilung Güterwagen standen. Der (fküftesgegentoart des Lokomotivführers ist es zu danken, daß ein Unglück verhütet wurde.

§§ Vom vorderen Vog/lsberg, 6. Juli. Ge­diehen im vorigen Fahre die Walderdbeeren vorzüsp- lich, fo ist in diesem Sommer diese begehrte, köstliche Frucht eine Seltenheit. Schon durch das Maiwetter haben die Erd- beerpflcrnzen int Blühen gelitten. Das nun heute schon 14 Tage anhaltende Regenwetter läßt die spärlichen Früchte verfaulen. Mit dem Himbeerertrag sieht es nicht viel besser aus. Die gleichen schlechten Erträge werfen auch die Garten­beeren ab. In Stachel- und Johannisbeeren gibt es vieler­orts kaum l>albe Ernten. Es sind die gleichen Ursachen wie bei den Waldbeeren, welche die Mißernten verursachten. Den Gartenbeercn fügen nun dieGartenhüter", die Vögel, noch Schaden hinzu, die durch das tägliche Regenwetter an den Beeren Ersatz für andere entgangene Nahrung suchen. Das in unseren ländlichen Haushaltungen so beliebte und so reichlich bereitete Beerengelee fällt mithin in diesem Jahre recht spärlich aus. Ersatz durch Bienenhonig bei einem Wetter, bei dem täglich die Schwärme im Hoch­sommer hier gehört ein ! hin gefüttert werden müssen, gibts -auch nicht zu hoffen. 1

O Gonterskirchen, 6. Juli Die Typhus­erkrankungen gewinnen an Ausdehnung, so daß jetzt an 45 Personen darniederliegen. Auch hat die Krankheit bereits in der Person eines 19jährigen Jünglings ihr Opfer gefordert. Zwei Krankenschwestern find zur Pflege be­ordert. Die Aufregung in der Bevölkerung ist nicht gering. Tie Krankheit scheint in die Nachbarorte verschleppt zu werden, so ist in Ruppertsburg und in Vellingen je eine Person daran erkrankt.

§ Aus dem Ohmtal, 6. Juli. In dem gegen­wärtigen Sonuner hört man aus dem Felde nicht einen einzigen W a chte l schl a g. Das fällt umsomehr auf, als man seither niemals während eines Sommers diesen Alt und Jung willkommenen Ruf vermißt hat; im vorigen Sonuner war er sogar auffallend häufig vernehmbar. Hiernach zu chließen, muß zu unseren Feldern nicht eine Wachtel zurück- gekehrt sein. Es wäre von Interesse zu erfahren, ob von anderen Gemarkungen oder Gegenden ein gleiches Fehlen der Wachteln zu berichten ist. Bei den Jägern gilt der Er- ahrungssatz: viele Wachteln viele Feldhühner. Demnach wären die Aussichten zur Hühnerjagd nichts weniger als gi'initig. Angesichts des nassen, kalten Sommers nehmen die Rebhühnerbruten sicherlich Schaden.

d. -Mainz, 6. Juli. In der heutigen Sitzung der Stadtverordueten-Versammlung wurde Kommerzienrat Haffner wieder von Oberbürgermeister Dr. Göttel- inann als Beigeordneter verpflichtet. Herr Haffner gehört eit 25 Jahren der Stadtverordueten-Versammlung an und seit 12 Jahren ist er als unbesoldeter Beigeordneter tätig. - Das Gewerkschaftskärtell hat ein Gesuch an die Bürger­meisterei gerichtet, das Statut zum Gewerbcgericht dahin abzuändern, daß Arbeitersekretäre zur Vertretung der Hag ent) cn. Arbeiter zngclassen werden. Das Gesuch wurde dem juristischen Ausschuß überwiesen. Der Kunst- gewerbe- und .HcmdWerkerschule wurde der städtische Zu- jchuß von 24 400 auf 27 400 Mk. pro Jähr erhöht. Für die Erbauung eines neuen Volks schukh an ses auf dem' Gebiete des Karmelileuklosters wurden 566 000 Mk. bewilligt. Es werden Klaffen eingerichtet. Iür ganzen soll das neue Schulhaus 1750 Kinder auf nehm en. Die Kosten des Baues betragen auf den Kopf einzelner Schüler 328 Mk.

w. Frankfurt a. M., 6. Juli. Heute nachmittag erschoß sich gegen 2 Uhr 30 Min. im hiesigen Haupt- bahnhofe ein junger Mann namens Alfred Klever. Er war bereits feit einiger Zeit beschäftigungslos, worin wohl der Grund zur Tat zu suchen ist.

Eisenbahunsall bei Aachen.

Ein schwerer Eisenbahnunfall ereignete sich am gestrigen Vor­mittag auf dem Bahnhof Templerbcnd durch das Auf- einaildersahren zweier Züge, wobei 22 Reisende und ein Beamter teilweise erheblich verletzt luurbcii. Wir erhielten folgende Draht­nachrichten :

Aachen, 6. Juli. Heute früh bald nach 6 Uhr ereignete sich ein schweres Eisenbahnunglück am Bahnhof Aachcn-Templerbend. Ein holländischer Leerzug stieß mit einem belgischen Arbeiterzug zusammen. Mehrere Wagen des Arbeiterzuges wurden zertrüm­mert. Mehrere Personen wurden verletzt.

Aachen-Temvlerbend^ 6. Juli. (Amtlich.) Der Per- onenzug 1114, von Bleyberg, mischte über das ahr Haft zeigende Haltesignal C der Einfahrt und stieß um*6 Uhr 25 Minuten vor­mittags mit dem nach Aachen-Hauptbabnhof ausfahrenden Leer- z u g 5501 an dem KreuzuugSpunkt Kilometer 4,6 zusa nt m c n. Tas Fahrgleis von und nach BlÄyberg ist gesperrt; die Züge von und nach Aachen verkehren. Der Materialschaden ist ziemlich bedeutend. Die Strecke Bleyberg ist voraussichtlich seck>s Stunden gesperrt. Der L o k o m o t i n f u b r e r des belgischen Personen-, zuges und 22 Reisende sind teils schwer, teils leicht verletzt, Ndock) ist keiner in LebeiiSgefahr. Die Verletzten wurden von den Feuerwehr- und Sanitätsmannschaften in das städtische Luisen- hospital und das Marienhilfshospital übergeführt.

A a ch e n , 6. Juli. Zu dem Eisenbahnzusammenstoß beim Bahnhof Templerbend, der sich heute früh um 6 Uhr ereignete, wird noch gemeldet: Nach den neuesten Feststellungen beläuft sich die Zahl der S ch we r v e r l c ö t e n auf acht, während 20 Personen leichter Venvundei wurden. lieber die Ursache des Unglücks wird folgendes bekannt: Der belgische Zug kam mit verminderter Geschioindigküt und geschlossenen Bremsen bis an die Unfallstelle, eine Weiche, welche er in dem Augenblick passieren ivollte, wo der holländische Leerzug die Weiche erreicht hatte, um auf das Nebengleis überzusetzen. Der belgische Zug hatte das Vorsignal aufF r c i e Fahr t" angetroffen und war daher schnell weiter gefahren und durch das Hauptsignal, welckxs aufHalt" stand, überrascht worden. Es gelang dem Zug­führer nicht mehr, bei dem starken Gefälle und beibcr Schlüpfrigkeit der Schienen beit Zug zum Stehen zu bringen; biefer fuhr über bas geschlossene Signal hinaus und der Z u s a m m e n st o ß wurde unvermeidlich. Der Unfall wäre vemiieden worden, wenn nicht der holländische Zug 15 Minuten Verspätung ge­habt hätte. Nach alledem scheint die Ursache des Zusainmen- wßes die Freigabe der belgischen Strecke bei dem Vorsignal zu ein, nachdem für den holländischen Züg die Fahrt freigegebeit worden war, obwohl die Gleise s i ch k r e u z l e n. Ter Material- schaben ist bedeutend. Die Maschine des belgischen Zuges ist erheb­lich beschädigt, außerdem ist der Packwagen v ö l l i gz c r t r ü m - m e r t und ent Personenwagen zur Hälfte zerstört. Der hollän- bische Zug ist weniger besck-äbigt. Die Hilfeleistung wurde fast auvichlu'tzltch durch die Aachener Berufsfeuerwehr besorgt, welck>e 5 Minuten nach bau Unfall zur Stelle war unb bic Schwerver- lebtcii befreite. Die Verletzten (befiuben sich in ben Aachener Krankenhäusern. Am schwersten verletzt ist bcr Lokomotivführer dos hollanbtschen Zuges, während der bcs belgischen Zuaes unb dessen Heizer unverletzt blieben >

Zur Negerhetze in Amerika.

New York, 6. Juli.' Infolge bcr Naffenkämpse zwi­schen Weißen unb Negern, bic eine Folge beS Boxkampfes zwischen I e f fr i e S unb Iohnso h n sind, verboten die Bürger­meister vieler Städte kinematographisckie Vorführungen bcs Kamp­fes, da diese leicht neue Kämpfe Hervorrufen könnten.

Kapstadt, (». JuU. Ein Teil bcr Presse menbet sich gegen die tinematographisck)en Vorführungen des Boxkampfes zwischen I e f f r i e s unb Johnsohn wegen bcr möglichen Wirkung auf die Farbigen, von benen schon ein Teil in gewisse Erregung durch Johnsohns Sieg geraten sei.

verrnrscbtes.

_ * Seltsame K l e i b e r st o f f e Von allerlei merkwürdigen Stoffarten, die die moderne Industrie herstellt intb die bann als Material zu Kleibungsstücken Verwenbimg finben, erzählt eure englische Wochenschrift interessante Einzelheiten. In Rußlmib fertigt man aus einem fasrigen Stein, per in sibirischen Minen gewonnen wirb, einen außerordentlich bauerhaften Stoff, ber m seiner Haltbarkeit alle Wollen- unb Leinenstoffe weit hinter sich läßt. Das Material ist dabei durchaus schmiegsam unb weich, ztaö merkwürbigste aber ist das Reinigungsversahren, das bei diesem Stoffe angewandt wird. Wenn der Anzug schmutzig ist, so legt man ihn ins Feuer: er verbrennt nicht, sondern nach kurzer Zeit ist der Stoff wieder vollständig solcher. Gewebe aus Eisen werden heute bereits in größerem Umfange von beit Schneidern benutzt, um Rockkragen zu steifen unb ihnen einen guten Sitz SU geben. Dieses Hilfsmittel ber Schueiderkuust wirb aus Stahl- molle hergestellt; ber Laie kann es kaum von ben Geweben ans Pferdchaar unterschechen. Ein anderesfeuerfestes" Material ist bieKalksteinwolle". Gestoßener Kalkstein wirb mit einigen Chemikalien vermischt, in einen elektrischen Ofen geschüttet und hier einem gewaltigen Luflbmck ausgesetzt. Wenn ber Rohstoff bann aus ber Esse kommt, ist er so flockig unb weich wie Wolle. Er wirb gebleicht, gewoben unb bewährt sich als Anzugsstoff aiisgezeichnet. Dabei ist er ebenso schmiegsam unb weich, wie aus Schafswolle hergestellte Stoffe. Einem englischen Fabrikanten i)t~ es gelungen, burch ein besonderes Verfahren aus alten Tau­resten ein ausgezeichnetes Klechungsmatcrial herzustellen. Die Tau- und Fädcnrefte sowie alte Saiten werben auseiuaudergezupft unb bann verwoben. Wie bas geschieht, ist das Geschäftsgeheim ni$ des Fabrikanten. Der,Stoff wird dann dunkelbraun gefärbt und besonders in ben britischen Kolonien viel getragen. Die ü.anze Fabrik fertigt jetzt gewaltige Mengen, bic sofort Absatz finben. Ein neuer Kleiderstoff für Damen ist das gewebte Glas, das in prachtvollen Farbtönungen, in Weiß, Grün, Lila, Rosa und Gelb, hergestellt wird. Die Erfindung ist Eigentum eines österreichischen Fabrikanten: das Herstellungsverfahren ist so ver­vollkommnet worben, baß ber Glasstoff jetzt so weich intb schmieg­sam wie Seide ist. Das erste Kleid, das daraus hergestellt wurde, trug eine Dame aus königlichem Hause. Es zeigte eine wunder, volle Farbenzusammenstellung von blassem Lavendel mit zartem Rcha und in der Bewegung schillerte unb blitzte biefer Stoff wie Diamautstaub. Weniger anspruchsvoll finb bie Japaner, die in ber Armee in großem Maße Papieranzüge verwenden. Diese Kleider haben Jid) ausgezeichnet bewährt unb sind viel wärmer als echte Tuchstoffe. In Europa befiehl bereits ein großer Handel in Bademänteln, Morgenröcken und Frisiermänteln, bic ebenfalls aus Papier bergestellt finb. Dazu bient eine Art von Löschpapier, die besonbers gebleicht wirb und bann mit einem aufgcbrucfteit Muster versehen wird. Selbst Handschuhe werden aus Papier gefertigt, und man rühmt ihnen nach, baß sie sehr oft gereinigt! werben können, ohne Schaben zn leiden.

* Ei u e ch i n e s is ch e Fr a u e n l i g a. Eine chinesische Zeitung in Kanton, die sichNeue Zeit" nennt, berichtet über einen Geheiinbund, den chinesische Jungftauen gebildet haben. Der Bund nennt sichGesellschaft bcr Schwestern" und bezweckt eine Ehereform. Alle Teilnehmerinnen des Bundes verpflichten sich durch Eid, die Grausamkeiten der chinesischen Ehegesetze zu verhindern, die die Frau zuerst zur Sklavin ihres Vaters machen, dann nach der Heirat zur Sklavin des Mannes und in bcr Witwenschaft zur Sklavin des Sohnes. Die Kampfweife der freiheitsdurstigen Chi­nesinnen ist verhältnismäßig einfach. Ungehorsam gegen die Eltern wird nach dem Gesetze mit dem Tode öcstrast: die junge Teilnehmerin des Bundes widerstrebt also nicht, wenn der Vater sie verheiratet. Aber im Hause des Gatten verweigert sie die Annahme jeder 'Nahrung, und wenn der Neuvermählte sich der juugen Frau nähert, so weiß sie ihn mit Hilse der 9Lägel und bcr Zähne vom Leibe zu halten. Wenn bie ersten drei Tage dieser wenig idyllischen Flitter Wochen vorüber finb, müß bic junge Frau nach altem Brauche ihre (Htcrii besuchen. Sic genügt bcr Uebcrlicscrung:. aber eiumat im Hause der Eltern, verlaßt sie cs nicht mehr. Nieniand kann sie zwingen, zum Gatten zurückzukehren, denn das Gesetz betrachtet das Elternhaus als ein heiliges Asyl, das keinem Kinde verlveigert iverden darf. Der Gatte mag sehen, wie er ohne seine Frau fertig wird. Gewöhn­lich erwerben sich die auf diese Art geschiedenen Mitglieder derGesellschaft der Schwestern" durch eigene Arbeit ihren bescheidenen Lebensunterhalt, und bisweilen finb sie groß­mütig genug, von ihren Ersparnissen dem Manne etwas znkommen zu lassen, bamit er eine andere, gefügigere Le­bensgefährtin erwählen könne.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeff entliehe Wetterbien st stelle Gießen.

Verlauf der Witterung seit gestern früh: Tas westliche Hoch­druckgebiet ist wieder langsam vorgedrungen, aber es gewinnt immer noch keinen Einfluß auf unsere Witterung. Vielmehr wird unser Bezirk auch weiterhin von dem östlichen Tiefdruckgebiet und feinen Randwirbeln beherrfcht.

Wetteraussichten in Hessen am Freitag dem 8. Juli 1910: Fortdauer des trüben, regnerischen Wetters.

Griginal-Vrahtmeldungen.

Paris, 7. Juli. Ein höherer Beamter äußerte sich dahin, daß der allgemeine Aus stand bcr Eisen­bahner bevorstehe, daß er aber kaum länger als 6 bis 7 Tage dauern könne. ES sei gut, daß das Geschwür auf­breche, denn dann sei man für längere Zeit von diesem Unheil befreit.

Paris, 7. Juli. 2000 Angestellte der Paris- Lyoner Mittelmeerbahn haben sich einstimmig ver­pflichtet, einem Streikbefehl unverzüglich nachzukommen.

London, 7. Juli. Bei den Vorrennen am Miktwock> in Henley siegte im Stcwcrrds Cup, Vierer ohne Steuermann, der Mainzer Rudervercin üt 8 Minuten 1 Sekunde mit 3 Längen über die Rudcrgesell- chaft dc Amstcl-Arnsterdam, ferner im Vor lauf für bie Dnrnwnd Sculls Lucas pom Mainzer Ruderver­cin über Edye vom Londoner Anriol Rowing Club nrit 5 Längen. Lucas hatte am Dienstag mit % Längen über Mouillin vom Kings College in Cambridge gesiegt.

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