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7.7.1910 Erstes Blatt
 
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Wr. I><> Erstes Blatt 160. Jahrgang Donnerstag 7. Jnli 1910

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S-rnwe-ch-Anichlüs,-- IW ßlff HD ~ LH-stedakteur-A Goetz.

!ur die Redaktion 112, fXJr UM Verantwortlich für den

MU General-Anzeiger für Oberhessen bis vörnstttaA"s"ilh" Rotationrdnick und Verlag der Brühl'schen Univ.-Vuch- und Steinöruderei R. Lange. Redaktion, Expedition und vrnckerei: Schulstraße r. feol': ®;0:Jüt5eJ1 ____ . __ siu Anzeigenteil; H. Beck.

Die heutige Nummer umfatzt 10 Seiten.

Herkunft der deutschen Unteroffiziere und Soldaten.

DerReichsanzeiger" bringt eine ausführliche Uebersicht über die Ergebnisse der am 1. Dezember 1906 auf Veranlassung des Reichskanzlers bei den Truppenteilen vorgenommenen Erhebung über die Herkunft der deutschen Unteroffiziere und Soldaten. Wir geben daraus folgendes wieder: Bon den am 1. Dezember 1906 in der Armee und Marine dienenden, im Inland« geborenen 621210 Militärpersonen (Unteroffiziere, Mannschaften und Einjährig-Freiwillige) stammten ihrem Geburts­orte nach aus Preußen 63,79 Prozent (davon 8,88 Prozent aus Schlesien, 8,73 Prozent aus der Nheinprovinz, 7 Prozent aus der Provinz Sachsen, die wenigsten mit 0,12 Prozent aus Hohen- zoUern und ;1,38 Prozent aus dem Stadtkreise Berlin), aus Bayern 10,39 Prozent, ©adifen 6,60 Prozent, Württemberg 3,72 Prozent, Baden 2,84 Prozent, Hessen 1,89 Prozent, Mecklen­burg-Schwerin 1,36 Prozent, Sachsen-Weimar 0,67 Prozent, Mecklenburg-Strelitz 0,22 Prozent, Oldenburg 0,67 Prozent, Braunschweig 0,93 Prozent, Sachsen-Meiningen 0,48 Prozent, Sachsen-Altenburg 0,37 Prozent, Sachsen-Koburg-Gotha 0,45 Prozent, Anhalt 0,70 Prozent, Schwarzburg-Sondershausen 0,19 Prozent, Schwarzburg-Rudolstadt 0,19 Prozent, Waldeck 0,14 Pro­zent, Reuß ä. L. 0,12 Prozent, Reuß j. L. 0,23 Prozent, Schaum- ourg-Lippe 0,09 Prozent, Lippe 0,34 Prozent, Lübeck 0,10 Prozent, Bremen 0,24 Prozent, Hamburg 0,54 Prozent, Elsaß-Lothringen 2,72 Prozent. Nach dem Ergebnisse von Untersuchungen, die sich auf die Größe der Geburtsorte beziehen, stammte der größte Teil dieser Militärpersonen aus den kleinen, ländlichen Gemeinden. Es waren geboren in Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern 398 513 (64,15 Prozent der Gesamtheit), in Gemeinden mit 2000 bis 5000 Einwohnern 70 006 (11,27 Prozent), mit 5000 bis 20 000 Einwohnern 68 799 (11,08 Prozent) mit 20 000 bis 100 000 Einwohnern 45 777 (7,37 Pro­zent), in Gemeinden von 100 000 und mehr Einwohnern 38 115 (6,14 Prozent). Während gegenwärtig der größte Teil der Be­völkerung des Deutschen Reiches in den Gemeinden mit 2000 und mehr Einwohnern lebt (57,41 Prozent der Gesamtzahl nach der Volkszählung vom Jahre 1905), waren also im Jahre 1906 noch fast zwei Drittel der im Dienst befindlichen Militärpersoneni in ländlichen Gemeinden geboren.

Zur Feststellung der Ergiebigkeit, ute Die einzelnen deutschen Staaten und Landesteile in Bezug aus die Liefe­rung von Soldaten gezeigt haben, ist dasSoll" an zu stellenden Rekruten, das sich für sie errechnet, mit dem ,Lst" an ihrerseits gestellten Militärpersonen verglichen worden. Der Berechnung diesesSoU" ist die Zahl der im Jahre 1885 im heiratsfähigen Mer von 20 bis 55 Jahren vorhanden gewesenen männlichen Bevölkerung zu Grunde gelegt. Dementsprechend steUte sich das Ist in Ostpreußen auf 140 Prozent desSoll", in Westpreußen auf 129 Prozent, Berlin auf 39 Prozent, Brandenburg auf 103 Prozent, Pommern auf 133 Prozent, Posen auf 123 Prozent, Schlesien auf 107 Prozent, Sachsen auf 134 Prozent, Schleswig- Holstein auf 94 Prozent, Hannover auf 100 Prozent, Westfalen auf 101 Prozent, Hessen-Nassau auf 95 Prozent, in der Rhein­provinz und Hohenzollern auf je 92 Prozent, int Königreich Preußen durchschnittlich auf 106 Prozent, in Nordbahern auf

99 Prozent, in Südbayern auf 79 Prozent, in der Pfalz auf 104 Prozent, im ganzen Königreich Bayern auf 91 Prozent, im Königreich Sachsen auf 96 Prozent, in Württemberg auf 93 Pro­zent, Baden auf 84 Prozent, Hessen auf 90 Prozent, Mecklen­burg-Schwerin auf 111 Prozent, Sachsen-Weimar auf 105 Prozent, Mecklenbuch-Strelitz auf 96 Prozent, Oldenburg auf 94 Prozent, Braunschweig auf 109 Prozent, Sachsen-Meinigen auf 107 Pro­zent, Sachsen-Altenburg auf 109 Prozent, Sachsen-Koburg-Gotha auf 110 Prozent, Anhalt auf 130 Prozent, Schwarzburg-Sonders­hausen auf 127 Prozent, Schwarzburg-Rudolstadt auf 112 Prozent, Waldeck auf 127 Prozent, Reuß ä. L. auf 100 Prozent, Reuß j. L. auf 96 Prozent, Schaumburg-Lippe auf 113 Prozent, Lippe auf 142 Prozent, Lübeck auf 71 Prozent, Bremen auf 65 Prozent, Hamburg auf 42 Prozent, Elsaß-Lothringen auf 78 Prozent. Die günstigsten Ziffern wies somit das Fürstentum Lippe auf, das sein Soll" um 42 Prozent überschreitet; ihm folgten Ostpreußen mit 40, die Provinz Sachsen mit 34, Pommern mit 33, Anhalt mit 30 Prozent Ueberschuß, während Südbayern nur 79, Elsaß-Loth­ringen 78, Lübeck 71, Bremen 65, Hamburg 42 und Berlin sogar nur 39 Prozent desSolls" erreichten. Die auffallend ungünstigen Ziffern Elsaß-Lothringens, das in der Tauglichkeit der endgültig Abgefertigten alljährlich eine der ersten Stellen einnimmt, ist wohl zum Teil auf den geringen Geburtenüberschuß, zum Teil auf die Auswanderung zurückzuführen. Um die Be­ziehungen zwischen der Größe der Ortschaften und ihrer Ergiebig­keit als Rekrutenguelle aufzuklären, ist für jede der oben an­geführten Gemeindegruppen zunächst dasSoll" an Rekruten festgestellt worden. Demgegenüber betrug dasIst" für die Ge­meinden mit weniger als 2000 Einwohnern 114 Prozent des Soll", für die Gemeinden von 2000 bis zu 5000 Einwohnern 9J Prozent, mit 5000 bis zu 20 000 Einwohnern 86 Prozent, mit 20 000 bis zu 100 000 Einwohnern 83 Prozent, mit 100000 und mehr Einwohnern 65 Prozent. Je größer also eine Gemeinde war, desto mehr ist dasIst" hinter demSoll" zurückgeblieben; in den Großstädten hat dasIst" sogar kaum zwei Drittel desSoll" erreicht, größer als das SoU" war es nute bei den Gemeinden unter 2000 Einwohnern.

Was die Herkunft der Eltern der MiliLärpersonen anlangt, so ist bemerkenswert, daß diese in 63,85 Prozent der Ge­samtzahl beide vom Lande ftammten, während in 18,14 Prozent der Fälle der eine Teile vom Lande, der andere aus der Stadt, und in 15,26 Prozent beide aus der Stadt waren; bei 2,75 Prozent konnte die Herkunft eines oder frAter Te>st nicht festgestellt werden. Hinsichtlich des väterlichen Berufes ist ermittelt, daß die Väter von 222 428 Militärpersonen in der Land- und Forstwirt- schast, der Gärtnerei, Tierzucht oder Fischerei-beschäftigt waren, von 20 6-13 im Bergbau und Salinenwescn, von 2654 im Hüttenwesen, 68 636 in Berufen, die vorwiegend im Freien ausgeübt werden, von 11 322 in der Textilindustrie, von 32 790 als Fabrikanten, Fabrikarbeiter ohne nähere Bezeichnung, von 246 032. in einer Industrie nsw. der bisher nicht bezeichneten Art, von 8924 üj keinem eigentlichen Berufe (wie z. B. Rentner, Pensionäre üsw.), von 11462 (einschließlich der Personen ohne Beruf) in einem unbekannten Berufe tätig waren. Es betrug dasIst" an ge- gestellten Soldaten bei der Gruppe Land- und Forstwirtschaft 120,76 Prozent desSoll", bei den nicht land- oder forstwirt­schaftlichen Betrieben 91,49, im Bergbau und Salinenwesen 107,93, im Hüttenwesen 50,36, in den Freiluftgewerben 116,58,tn der

Textilindustrie 67,07, in den vorstehend nicht besonders hervor-, gehobenen nicht landwirtschaftlichen Berufen 88,17, bei den Per­sonen ohne besonderen Beruf (Rentnern, Pensionären usw.) 76,86 Prozent. Die Zahle^i»sind also günstig hinsichtlich der Land­wirtschaft und der Freiluftgewerbe sowie auch noch hinsichtlich des Bergbaues, sehr ungünstig hinsichtlich der Textilindustrie.

Die kretische Krage.

Wie das Reutersche Bureau erfährt, ist in gut infor­mierten Londoner Meisen nichts davon bekannt, daß die Türkei irgend welche Schritte bei den Signatar­mächten des Berliner Vertrages unternommen habe, die dahin abzielten, daß eine endgültige Lösung der Kretafrabe gefunden werden möge. Weiter er­fährt das Reutersche Bureau aus diplomatischer Quelle, nag die letzten Nachrichten aus Kreta beunruhigend lauten. Es steht fest, daß die Partei auf der Insel, die darauf be­steht, daß die muselmanischen Deputierten den Eid auf den Künig der Hellenen ablegen, an Stärke zunimmt, so daß es nicht unwahrscheinlich ist, daß es bei dem Zu­sammentreten der Nationalversammlung zu Unruhen komme. Zurzeit schreiten die Beratungen unter den Schutz­mächten über die Frage vorwärts, wozu die Kriegsschiffe bei einem solchen Ereignis verwendet werden müssen. Ob­wohl noch keine formelle Entscheidung getroffen ist, hat man Grund zu der Annahme, daß, falls die Kreter sich in der angedeuteten Weise gegen die muselmanischen Deputierten verhalten, internationale Streitkräfte von den Kriegsschiffen gelandet werden, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und darauf zu sehen, daß die Rechte des Sultans respektiert werden.

Die griechische Regierung hat den Kretern abermals geraten, sich den Wünschen der Mächte zu fügen.

Nach einer Bekanntmachung des türkischen Boykott- ko mite es in Konstantinopel werden die nach dem 5. Juli in griechischen Schiffen verladenen Waren ohne Rücksicht, auf Nationalität des Warenbesitzers nicht gelöscht. Das Komitee fordert alle Geschäfte auf, die griechischen An­gestellten zu entlassen.

Deuticbes Ke«d>.

Die JachtHohenzollern" mit dem Kaiser an Bord ist am Mittwoch mittag iy3 Uhr in Odde vor Anker ge­gangen. Kurz nach 6 Uhr ging der Kaiser an Land uno unternahm einen Spaziergang.

In Leipzig demonstrierten am Mittwoch abend große Massen für die Einführung des angenteinen Wahlrechtes zum Stadlparlament. Das Rathaus, in dem die Stadtverordneten in öffentlicher Sitzung über die Wahlrechtsvorlaae verhandelten, war in weiter Umgebung durch dichte Schutzmannsketteri ab gesperrt. Ein großer Trupp berittener Schutzleute trieb die Demonstranten aus­einander.

Ausland-

Die italienische Kammer nahm am Mittwoch ben Gesetzentwurf betreffend den Elementarunterricht mit 216 gegen 58 Stimmen an uitd vertagte sich dann auf unbestimmte Zeit.

In London hat sich eine ständige Organisation der vereinigten Komitees der Kirchen Deutschlands und Großbritanniens zur Förderung freundlicher Beziehungen zwischen beiden Ländern gebildet. Es wurde eine umfangreiche

Tannhäuser zog durch den Abendwald.

Unter diesem Titel schildert Artur Brausewetter imTag" bie Ausführung einzelner Stücke aus WagnersTannhäuser" auf der Naturbühne bei Zoppot. Aus der Besprechung geben wir nachstehend einen kleinen Auszug, der die Vorzüge der Naturbühne und die in ihr ruhenden Stimmungswerte in ihrem hellsten Lichte erscheinen läßt.

Im vorigen Jahre gab man auf dieser Bühne die Oper, die wie geschaffen für solche Aufführung war: Kreutzers roman­tischesNachtlager". Diesmal wagte man ein künstlerisches Ex­periment wunderlichster Art. Man wählte WagnersTannhäuser" selbstverständlich nur die Szenen, die im Walde spielen: die Verwandlung des ersten Aktes und den ganzen dritten Akt.

Fachleute haben ihre schweren Bedenken geäußert. Sie hielten die Zerreißung des einheitlichen Werkes in zwei, nicht unmittelbar zusammenhängende Szenen für unkünstlerisch^ machten ihre Scherzo, daß man stattTannhäuser oder der Sängerkrieg auf der Wart­burg"Tannhäuser ohne den Sängerkrieg auf der Wartburg" geben wollte, sie fürchteten, daß die Versetzung des Tannhäuser in eine sozusagen greifbare Welt den Verlust der intimen Wirkungen und der Poesie nach sich ziehen und die Verschiebung künstlerischer Werte mehr dem szenischen Eindruck als der Partitur zugute kommen würde. Und sie fürchteten noch vieles anderes. Aber, daß es im Leben gar nichts Schöneres gibt, als Nicht fachmann zu sein, bewies dieser Abend. Er übte auf den Unbefangenen, einen unvergeßlichen Eindruck. Er war Waldeszauber und Poesie und Andacht, er schuf die Realität der Natur mit den einfachsten Mitteln zur denkbar höchsten Idealität der Kunst und heiligte beide zum stillen Tempel voll wunderbarer Geheimnisse, die sich im innerlichen Mitleben des Tannhäuser-Schicksals offenbarten. Wenn der Chor der büßenden Pilger ganz von weiten gezogen kam, herab oon den fernen Höhen, wenn sein Gesang untep den Bäumen allmählich immer machtvoller an schwoll und nun die unendlichen Raume erfüllte, wenn Wolftam unter einer alten Kiefer seinen durch das Dunkel schimmernden Abendstern besang, oder Elisabeth im tiefen Hain unter einem einfachen Kruzifix ihr Leid ans Herz der Mutter Gottes klagte, wenn es dann dunkler und dunkler wmrde und aus dem tiefen Walde ein müder Pilger langsam, auf den Stab sich stützend, heranw-ankt: der verflucht heimkehrende Tannhäuser, dann wurde man inne, wie der freie Himmel, der in mächtiges Schweigen gehüllte Wald und der über ihm ernst blauende Abendhimmel Wirkungen schuf, tote sie nicht die vornehmste Ausstattung einer Muster-Wagnerbühne, wie sie in dieser zwingenden Art Bayreuth nicht geben kann. Das Gegenteil der Befürchtungen trat ein: die Unbegrenztheit des Raumes schuf die intimsten Wirkungen, sie ließ die Tannhäuser-Poesie im nie erreichten Mystizismus erscheinen.

Aber nun die Störungen, die elementaren, die bei solch einem Spiel unter freiem Himmel unvermeidlich sind, und die einer

musikalischer Tragödie verhängnisvoller werden können als bei­spielsweise einer Romanze wie KreutzersNachtlager"? Sie blieben nicht aus und taten, was der vorzügliche Regisseur, was der sorgsamste und feinfühligste Inspizient nie vermochten. Als Elisabeth im brünstigen Flehen zu den Füßen des Muttergottes-' bildes lag:Gib, daß ich rein und engelgleich cingehe in dein himmlisch Reich!" da begann, aus erstem Schlummer geweckt, leise, wehmütig ein kleiner Waldvogel von einem nahen Baurn herunter sein Nachtlied zu singen, ein zweiter schloß sich an, und als Tannhäuser seine düstere Rom-Erzählung vortrug, da zwit- scherten die beiden, allmählich munter und lustig geworden, un­bekümmert um sein Weh und seine Flüche, die fröhlichsten Weisen. Sind das Störungen? Was fümmert die Natur, was kümmert die Vögel des Waldes unfer Leid, unsere seelischen Kämpfe und Qualen? Eine nicht gewollte, um so packendere Tragik lag in biefent Intermezzo. Und wenn kürz vor dem Auftreten des Geächteten ein erwachter Wind über die Bühne fuhr, wenn in den büßenden Pilgerchor ein Rabe einige Male hineinkrächzte, wer will Wirkungen von ähnlich elementarer Kraft und Poesie ersinnen? Sie waren unmittelbarer als selbst die in das nächtige Dunkel hell hineinstrahlenden Fenster der kunstvoll gebauten Wartburg, als das sich plötzlich öffnende Felsengestein, das Frau Venus in lockendes Licht und gleißenden Glan-, gebadet uns zeigte.

Tannhäuser mit seinem Menscheaschicksal und Menschenleid zog durch den dunkel grünenden Abendwald.

Diese in ihrer Eigenart zweifellos gelungeneTannhäuser- Aufführung" öffnet der Kunst, die auf dem Theater mit der Natur eins sein soll, neue Perspektiven, dem Naturtheater bisher nicht betretene Bahnen. Man könnte sich einen großen Teil des ShakespeareschenLear" auf solch einem Wandertheater bei großer Darstellung und Regie von unbeschreiblicher Wirkung denken."

Gehe im rat Neisser über das neue Ehrlich- s ich e Sy phNis-Heil mittel. In einem offenen Brief an Prof. Dr. I. schwalbe, den Herausgeber derDeutschen Medi> zinischen Wochenschrift", äußert sich auch Geh. Rat Prof. Dr. A. Neisser, der bekannte Breslauer Dermatologe, zu Ehrlichs neuestem Arsenpräparat, dem Dioxydiamino-Arsenobenzol, wie der schöne offizielle Titel lautet, dem606", wie es kurzweg genannt wird. Auch er sagt mit aller Sicherheit, das neue Mittel übt eine eminente, geradezu überraschende Einwirkung aus sowohl auf die Svirochaeten, die Syphilis er reger, wie aus die Syphilisprodukte selbst. Spirochaeten verschwinden nicht bloß bei Tiersyvhilis, sondern auch bei Menschensyphilis in ungemein vielen Fällen schon nach 24 und 48 Stunden dort, wo sie vor der Darreichung reichlichst vorhanden waren. Auch wurde gan; besonders deut­liche örtliche Reaktion um makulöse und papulöse Esfloreszenzen herum beobachtet. Was die syphilitischen Prozesse selbst betrifft, |o kann man in vielen Fallen ein so rapides Zurückgehen von Primäraffekteu, papulösen Syphiliden, speziell aber von ulzerösen

Prozessen, besonders bei bösartiger Syphilis, beobachten, daß über die Spezifität des Mittels kein Zweifel herrschen kann. Freilich, alles, was wir wünschen, nämlich die wirkliche Ausheilung der Syphilis, wird zurzeit, wie es scheint, nur in wenigen Fällen erreicht. Neisser hat nur in etwa 10 Prozent unserer Fälle ein Umschlagen der positiven Reaktion in eine negative feststellen können. Auch Rückfälle find beobachtet worden. Aber aus diesen Mißerfolgen geht nur hervor, daß die zurzeit angewendeten Dosen noch zu klein sind. Es wird also Sache der kommenden Untersuchungen sein, festzuftellcn, wieweit man ohne Gefahr einer Vergiftung über die bisher angewendeten Dosen hinausgehen kann. Die günstigsten Resultate betrafen nun alle solche Patienten, die sehr zeitig nach der Infektion und dem Auftreten des Primär- assektes in Behandlung kommen. Es scheint sich daher auch hier die bei anderen Arsenpräparaten gemachte Erfahrung zu bestätigen, daß ihm eine ganz besonders präventive Kraft innewohnt. So ist denn Geh. Rat Neisser von der Bedeutsamkeit des neuen Mittels nach jeder Richtung hin überzeugt und zweifelt nicht, daß wir noch in viel weilgel-enderer Weist in verhältnismäßig kurzer Frist seinen Wert für die Behandlung der Syphilis er­kennen werden. Bei ganz frischen Fällen haben wir Aussicht, die Syphilis wirklich im Keime zu ersticken. Bei schwer ulzerösen Fällen wird sich anscheinend viel schneller eine Heilung erzielen lassen als bisher mit Quecksilber und Jod. In vielen Fällen werden sich langwierige Quecksilberkuren durch eine einmalige oder wenigstens ganz selten zu wiederholende Jnjektton des Ärseno- benzols ersetzen lassen. Trotz dieser weitgehenden Hoffnungen glaubt Neisser doch, daß das Gros der Aerzte noch gut tun wird, erst die endgültige Lösung der schwebenden Unllarheiten mit Be­zug auf die Dosierung, auf die Zahl und Wiederholung der Jnicktiven und dergleichen abzuwarten. Eine ausführliche Mit­teilung über die Versuche in der Neisserschen Klinik wird dem­nächst veröffentlicht werden.

Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschaft. Die Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften hat für das Jahr 1913 folgende Preisaufgabe gestellt:Die Gesetze der all­mählichen Aenderung des Momentes von Magneten sind zu unter­suchen." Die Bewerbungsschriftkn müssen unter den üblichen Formen vor dem 1. Februar 1913 an die Gesellschaft der Wissen­schaften eingeliefert werden. Der Preis beträgt 1000 Mark. Die Akademie der Medizin in Paris wählte den Professor Filehne in Breslau zum korrespondierenden Mitglied. Für die städtische Galerie in Frankfurt wurde ein Gemälde von Max LiebermannSünson und Dalila" und das Gemälde Dejeuner" von Claude Monet erworben. Frau Curie ui Pans, dre Entdeckerin deS Rcchiums bat die von der Londoner Gesellschaft der.K'ünste zu verleihende goldene Albert- Medaille erhalten.. Dte Albert.Medallle besitzt außer Frau Eurn nur noch die Königin von England.