Ausgabe 
7.10.1910 Erstes Blatt
 
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Erfolg hätte, daß vielleicht die zuständigen Organe einmal lyinein» leuchteten in das Treiben der Winkelbuchmacher usw. Seine Hoffnung, ein sorgenfreies Leden führen zu können, war in das Gegenteil umgeschlagen; er sah keine Rettung mehr und wurde zum Verbrecher. Ich bin der Meinung, der Fall zeigt, wohin es führt, wenn selbst ein guter und intelligenter Mensch nicht die Kraft hat, sich selbst im Zug zu halten. Man mag Tränen vergießen über den Verfall einer solchen Seele, aber es ist nichts zu ändern und ich ziehe eine harte und scharfe Grenze zwischen der menschlichen Gesellschaft und solchem Element. Selbst­verständlich können alle diese Ausführungen an Ihrem Wahrspruch nichts ändern.

Der zweite Verteidiger Dr. Hillebrandt schließt sich im großen und ganzen dem ersten Verteidiger an. Auch dem Friß Koppius kann bis zur Beteiligung an dem Friedrichschen Mord nichts Nachteiliges nachgesagt werden. Karl Koppius trat seinen Kruder nach sich gezogen, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, |imb nur der Unfähigkeit der hiesigen Kriminalpolizei ist cs zuzu­schreiben, wenn die beiden nicht schon früher hinter Schloß und Riegel gebracht wurden.

Dann werden die Angeklagten gefragt, ob sie noch etwas zu sagen haben.

Karl Koppius erklärt: Ich für meine Person nicht. Ich bitte aber meinem Bruder mildernde Umstände zuzubilligen. Er ist 'durch mich zum Verbrecher geworden. Eine Bestie steckt m meinem Bruder nicht, das glaube ich nicht. Der Mensch urteilt, wie ihm die Dinge scheinen, es ist in Wirklichkeit aber oft ganz anders.

Nach erfolgter Rechtsbelehrung ziehen sich hieraus die Ge­schworene:! zur Beratung zurück.

Das Urteil.

Nach langer Beratung kehrten die Geschworenen um 1/48 Uhr abends wieder in den Sitzungssaal zurück. Sie bejahtensämt- liche Schuld fragen und verneinten nur die Frage, ob bei dem Ueberfall auf die Fabrikbesitzersftau Wagner (Hamburg) die Raubabsicht vorlag. Ebenso verneinten sie, datz bei den Erpresser­briefen eine fortgesetzte Handlung vorliege.

Staatsanwalt Mühle beantragt dann gegen beide Ange­klagte je zweimal die Todesstrafe soweit die Schuld- fragen den Doppelmord an den Friedrichschen Eheleuten betrafen und ferner langjährige Zuchthausstrafen für die übrigen Ver­brechen, sowie die üblichen Nebenstrafen.

Die Verteidiger enthielten sich besonderer Anträge.

Das Gericht verurteilte den Kellner Karl Koppius zwei­mal zum Tode und zu 15 Jahren Zuchthaus und dauerndem Ehrverlust, Fritz Koppius ebenfalls zweimal zumTode, 7 Jahren Zuchthaus und dauerndem Ehrverlust. Die Angeklagten nahmen das Todesurteil ohne sichtliche Erregung entgegen.

<ßcrid?t»faal.

Stuttg art, 6. Okt. Vor der Strafkammer des Land­gerichts wurde heute nach viertägiger Verhandlung der ehemalige württembergische OberleutnantGramm wegen Beleidigung seines derzeitigen Regimentskommandeurs, des jetzigen General­majors von Berrer, und seines ehemaligen Kompagnie-Chefs, jetzigen Majors Wezler, zu Straßburg, zu zwei Monaten Gefängnis und zur Tragung sämtlicher Kosten verurteilt. Der Staatsanwalt hatte fünf Monate Gefängnis beantragt. Die Beleidigungen waren hauptsächlich in einem an den ehemaligen württembergischen Kriegsminister Schnuerlen gerichteten Be­schwerdeschreibens Gramms enthalten.

vermachter.

* Einem raffinierten Betrugsmanöver ist eine Bank in Köln zum Opfer gefallen. In deren Bureau traf ein Brief eines industriellen Werkes mit einer Anzahl Wechsel im Gesamtwerte von 25000 Mark und dem Ersuchen zum Diskon­tieren ein. Der Auftrag wurde von der Bank prompt erledigt. Wie in dem Schreiben gleichzeitig bemerkt war, würde ein l e g i t i- Mierter Bote auf der Bank erscheinen und das Geld in Empfang nehmen. Wie sich bald herausstellte, war dieser Bote ebenso wie die Bank das Opfer von zwei Schwirchlern, die einstweilen mit dem Gelde durchgegangen sind.

* Roons Sterb er immer. Das Hotel de Rome in Berlin, das vor einigen Tagen geschlossen worden ist und nunmehr abgebrochen werden soll, hatte eine gewisse historische Bedeutung als Sterbestätte des Generalfeldmarschalls Albrecht von Roon, der als Kriegsminister zur Zeit des deutsch-französischen Krieges wirkte. Roon pflegte, nachdem er als Siebzigiähriger 1873 seinen Abschied genommen und sich auf seine Güter zurückgezogen hatte, wenn er zu Kaiser Wilhelms Geburtstag oder, um an den Ver­handlungen des Herrenhauses teilzunehmen, in Berlin weilte, im Hotel de Rome zu logieren, wo der Hotelier dem Kriegshelden jederzeit ein bestimmtes Zimmer reserviert hielt, von dem aus er auf das Palais des greifen Kaiser Wilhelms direkt hinüber­blicken konnte. Einmal war durch plötzlich veränderte Dispo­sitionen Roons dessen Zimmerbestellung eingetroffen, als eben teilt Zimmer von anderen bezogen war. Der Hotelier wollte sich unverweilt zu den Zimmerinsassen begeben, um sie zu bitten, zugunsten des berühmten Kriegshelden das Feld zu räumen, da wurde ihm mitgeteilt, jene Gäste seien Franzosen. Und die Kriegsereignisse waren denn doch damals noch in zu frischer Er­innerung, als daß man Franzosen hätte bitten dürfen, daß sie vor Roon ftüchten sollten. Der Hotelier nannte daher den Namen nicht, sondern bat nur die Gäste, das Zimmer gegen ein besseres das er ihnen zur Verfügung stellen wollte, zu tauschen, worauf sie gern entgingen. Als sie dann aber vernahmen, wem sie das Feld geräumt hatten, meinten sie höflich, daß es nur dieses Namens bedurft, hätte, um sie sofort zum Weichen zu bringen; es sei ja bekannt, daß Graf Roon jenes Zimmer haben müsse, um seinen Kriegsherrn von dort aus sehen zu können. Daran wolle auch ein Franzose ihn nicht hindern. Als Roon dann im Februar 1879 wieder nach Berlin kam, erkrankte er hier an seinen alten asthmatischen Beschwerden; so wurde dieses Hotelzimmer zu seinem Krankenzimmer und, da eine Lungenentzündung die Krankheit komplizierte, zur Stätte seines Sterbens. Rührend war es, als am 21. Februar Kaiser Wilhelm von seinem Palais hier herüber kam, um von seinem alten Freunde und Helfer den letzten Ab­schied zu nehmen. Ganz unerwartet und unangemeldet erschien der greise Monarch am Sterbelager Roons; dieser erkannte ihn sofort, ergriff des Kaisers beide Hände und sagte:Majestät, welche Freude!"Ich habe Ihnen viel zu danken!" erwiderte Kaiser Wilhelm und drückte bem Kranken bewegt die Hand. Zwei Tage später am 23. Februar 1879 starb der Feldmarschall Graf Albrecht von Roon. Als seine Leiche aus dem Hotel de Rome fortgebracht wurde, um auf dem Roonschen Gute in der Familien­gruft |u Crobniy bestattet zu werden, grüßte Kaiser Wilhelm vom htstorischen Eckfenster seines Palais aus zum letztenmal die irdischen Reste des Helden.

Kleine TageSchronik.

Am Donnerstag nachmittag sind durch eine Explosion schlagender Wetter auf der 7. Sohle der ZecheFriedrich" undErnestine" bei Stoppenberg Gesteinsmassen nieder - gegangcn und haben drei Bergleute verschüttet. Einer wurde tot zu Tage gefördert; es besteht wenig Hoffnung, die anderen bergen zu können, da die Rettungsarbetten infolge des festen Gesteins sehr schwierig sind. E i n Mann der Bergungs­kolonne büßte sein Leben ein; ein zweiter von den drei Verschütteten wurde als Leiche aufgefunden.

Die 26jährige Ehefrau des Direktors Serra in Leipzig- Reudnitz wollte Natron nehmen, nahm aber statt dessen Klee­salz. Sie verschied trotz der Anwendung von Gegenmitteln nach einer halben Stunde.

Unter Beteiligung von 3000 Teilnehmern aller Kulturstaaten fand am Donnerstag im Abgeordnetenhause zu Wien die feier­liche Eröffnung IbeS Zweiten Internationalen Kältekon- greifet statt.

Das Kohlenbergwerk von Hartshorn steht, nach einem Telegramm aus Danville, .in Flammen; 150 Bergleute befinden sich.unter Tage.

Von den französischen Grenzwachen wurden seit einiger Zeit drei Automobile beobachtet, die die Grenze in rasender Fahrt passierten. Jetzt ist es gelungen, sie festzuhalten. Es handelt sich um Saccharins chmuggel. 1600 Kilogramm Saccharin wurden beschlagnahmt.

Markte.

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Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentliche Wetterdienststelle Gießen.

Verlauf der Witterung seit gestern früh: Der Randwirbel über der Ostsee ist abgezogen, ohne unsere Witterung zu beein­flussen. Bei lebhafterem östlichem Winde ist in ganz Mittel- und Süddeutschland 'Aufheiterung eingetreten, nur im Osten des Reiches fällt bei überall trübem Himmel strichweise Regen. Tas westliche Hochdruckgebiet, das jetzt nach Deutschland gezogen ist, bringt heiteres und ruhiges Herbstwetter.

Wetteraussichten in Hessen am Samstag dem 8. Oktober 1910 f Zeitweise heiter, trocken, kühler.

Griginal-Vrahtmetvnngen.

Eine Anfrage in der heff. zweiten Kammer.

ntt. Darmstadt, 7. Okt. Die Abgeordneten Mol- than und von Brentano haben mit Unterstützung der Zentrnmsfraktion eine Anfrage an die Regierung gerichtet, über die schlechte Lage der hessischen Winzer:

Sind der Großherzoglichen Regierung der totale Fehl Herd des Jahres 1910 und die dadurch verschärfte Notlage des hessischen Winzerstandes in ihrem vollen Umfange bekannt. Was gedenkt die Großh. Regierung zur Abwendung der unverschuldeten Not dieses feit Jahren in seiner Existenz bedrohten Erwerbsstandes zu tun? Ist die Großh. Regierung nicht gewillt, durch Steuernachbaß und finanziMe Unterstützung der notleidenden Bevöl­kerung zu helfen -

*

M ntter st adt, 7. Okt. Gestern abend scheute das Pferd eines Fuhrwerkes unb rannte zwei Frauen und ein Kind um. Die Verletzten wurden in das Krankenhaus nach Mannheim ge­bracht.

Paris, 7. Okt. Seit dem 5. Oktober ist kein Eisenbahnzug mehr von Lissabon abgegangen. Nach neueren Meldungen dauern die Stra ßenkämpf e in Lissabon fort.

Madrid, 7. Okt. Der Finan-minister legte der Kammer ein Projekt vor, nach dem eine Anleihe von 1 i/a Milliarden ausgenommen werden soU, die in 50 Jahren amor­tisiert sein soll.

Dortmund, 7. Okt. Ober bürgermei ster Sch in ie- ding ist auf seiner Besitzung in Pattenberg bei Dortmund ge­storben.

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