Ausgabe 
7.9.1910 Zweites Blatt
 
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Dmglwjen, Die auf den Allgemeinen Genossenschaftstagen über die genossenschaftlichen Experimente der Landwirte gestellt seien, haben sich als richtig ergeben, so bet den Kornhausgenossen­schaften jetzt bei den W i n z c r g e n o s s e n s ch a f t e n. Den Unkundigen berühre es merkwürdig, wenn ein bayerischer Minister den Städten die M i l ch v e r s o r g u n g auf genossenschaftlicher Grundlage empfiehlt und eilt sächsischer Minister die Fleisch/ .Versorgung, obgleich mit beiden Genossenschaftsarten die schlechtesten Erfahrungen gemacht sind. Im landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen ergeben sich schwere Komplikationen aus der Zentralisation. Dich mit genossensckwftlichen Aktiengesell­schaften würden inzwischen Rattenkönige gebildet. Straß­burg, Eltville, Nürnberg usw. böten wichtiges Material für der­artige Rattenkönige. Neuwied habe nun endlich die, Ver­bindung von W a^r e n - und Kreditgeschäft aufgegeben ji nb in dem gleichen Augenblick führen die tz a m b u r g e r Groß- Ei n k a u f s g e s c l l s ch a f t das Kreditgeschäft und die B a y - rische Zeniral-Darlehnskasse das Warengeschäft ein. Immer bunter würde das Bild des Genossenschaftswesens. Die Gewerkschaften griffen jetzt in die Konsumvereinsbewegung Tin und gründeten neben den bestehenden Konsumvereinen G c- w e r k sch a f t s k o n s u m v e r e i n e. Ob der Zentralverband deutscher Konsumvereine auch hierbei ,,neutral" ist? Der Klassen­charakter der Konsumvereine trete immer schärfer in die Erschei­nung, unterstützt durch die Agitation gegen die Konsumvereine.

Tie Schwierigkeiten, die den Konsumvereinen bereitet würden, dienten diesen nur als Reklame. Map greife zu den verfehltesten Mitteln. Der Anwalt bespricht dann Die Lage der.Konsum- .vereine, weist darauf hin, daß die Beschlüsse der Allgemeinen 'Genossenschaftstage mehr Beachtung finden müssen, kritisiert die Geschäftsberichte, bespricht den Einfluß der Lebens- mrittelverteuerung mnb der wirtschaftlichen De - p refften. Letztere wäre vor allem von den Kreditgenos­senschaften empfunden. Diese hätten infolge der Reichs­finanzreform ein besonders arbeitsreiches Jahr hinter sich. Man hätte vor allen Dingen den nachteiligen Einfluß Iber Reichsfinanzreform auf die Organisation befürchten müssen. Ter Scheckstempel habe die Entwickelung des Scheckverkehrs ge­hemmt. Auch der P o st s ch e ck v e r k e h r mache sich bereits vielfach bemerkbar. Wollte man die Verzinsung der Postscheckkonten ein- führen, würde man die Genossenschaften schwer schä­digen. Interessante Mitteilungen macht der Anwalt

dann über die Konkurrenz, die den Kreditgerrvssen- schäften bereitet wird durch die Kreissparkassen und er weist -darauf hin, wie man für die Bayerische Notenbank agitiere auf Kosten der Kreditgenossenschaften. Auch das Reichsschuldbuch dürfte, nachdem jetzt in kleinen Dörfern durch Plakate zu Einzeichnungen von 100 Mark aufgefordert würde, ein Konkurrent werden. Die Konkurrenz würde sich in der Geldoerteuerung bemerkbar machen. Der Anwalt wendet sich zur gesetzlichen Regelung des Depo­sit e n v er ke h r s und zur L i g u i d i t a t s f r a g e. Er stellt .fest, daß die Liquidität der Kreditgenossenschaften des Allgemeinen Verbandes eine durchaus normale fei. Dann geht er über zur Befriedigung des Realkreditbedürfnisses seitens der Kreditgenossenschaften, vor dem er dringend warnt. Nach Be- 'sprechung verschiedener Geschäftszweige behandelt der Anwalt die Frage der Diskontierung von Buchforderungen, die -durchaus keinen neuen Geschäftszweig für die Kreditgenossenschaften dar stelle, die sich aber nicht mit besonderen Genossenschaften nach 'einem Schema lösen lasse. Für sehr bedenllich hält er die Ein­beziehung der Genossenschaften in die Entschuldungsaktion und die Pflege des Güter Handels durch die Genossenschaften. .Da dürste es wohl dazu kommen, daß schließlich Grundverwertungs­genossenschaften von ländlichen Darlehnskassen gegründet werden -müssen. Entschieden Stellung nimmt der Anwalt gegen den Vor­wurf, daß die volksbankmäßige Entwicklung der Kreditgenossew- 1 schäften die Veranlassung für die Umwandlung einzelner 'Genossenschaften in Aktiengesellschaften geworden wäre. Hier hätten nur finanzielle Nebenabsichten einzelner Personen mitgesprochen. Tas zeige sich auch in den Fällen, in denen die Gemeinden Kreditgenossenschaften einverleibt haben. Ein be- .benlliches Zeichen für das soziale Verständnis der betreffenden. . Bürgermeister. Die Gegner der Baugenossenschaften hätten sich wieder stark bemerkbar gemacht. Uebereifrige Freunde der Bau­genossenschaften hätten ihnen Material geboten. Vorgänge im letzten Jahr hätten aber gezeigt, wie vorsichtig die Bedürfnisfrage geprüft werden müßte. Das A und O der Baugenossenschaft -aber wäre die Mietenkalkulation. Der Grundsatz der ; llnfteigerbarteit der Mieten habe sich natürlich nicht aufrecht er- ' halten lassen. Nun kämen sogar Ereignisse wie die Erhöhung der Zinsen durch die Versicherungsanstalten. Hoffentlich würde es . gelingen, hier zu einer Verständigung zu kommen. Der Anwalt 'läßt sich über dieehrenamtliche" Verwaltung aus bei den Bau­genossenschaften, er glaubt, daß die großen Unternehmungen ge- ^schäftskundiger Leitung bedürfen. Erfreulich fei es, daß außer­halb der verschiedenen Baugenofsenschastsverbände die Ansichten sich immer mehr ausgleichen. Das zeigte sich kürzlich wieder bei der Behandlung der Liguidität und des Sparkassenverkehrs. Die Haus- und Grundbesitzer überschätzen doch ganz bedeutend die '.Gefahren, die ihnen durch die Baugenossenschaften entstehen können. Die Wohnungsfrage sei eins der wichtigsten Probleme, und ob- - gleich die Baugenossenschaften nur einen bescheidenen Teil an der .Lösung hätten, würde ihr Mitwirken doch bedeutungsvoll. Hier

^Richard Wagners erhielt. Es war dem menschenscheuen König ein unangenehmer Gedanke, einen Abendunter lauter Leu­ten mit langen Haaren" verbringen zu müssen; er war so un­glücklich, daß Kabinettschef v. Ziegler die Absage an den ; Meister in die Hand nehmen mußte. Manchen Brief herz- 'lichster Freundschaft hat der König seinem Kabinettsches von .Ziegler, wenn dieser nicht am Hoflager anwesend war, ge­schrieben. Eigenartig berührt es, wenn in dem einen oder 1 anderen dieser Freundschaftsbriefe irgend welche ganz un­erwartete Wendung kommt, die zeigt, wie der König die Ber­eicherungen seiner Freundschaft seinemsonst sehr berech- Ltigten Stolze" abriugeu muß, wie er ab und zu auch die t Befürchtung ausspricht, dervon seiner 'Gunst Begnadete ' könne sich überheben, was er nie vertragen würde". Bon 5 geschäftlichen und staatlichen Dingen schreibt der Monarch persönlich sehr selten. Greift Ludwig einmal selbst zur Feder, ist das einzige, ihrer würdige Themaseine treue Freundschaft", die, wie er oft schreibt,bis zum Tode währen werde"! Mitteilungen geschäftlicher Natur läßt er einen Lakaien zu Papier bringen, diktiert sie auch manchmal ganz und unterschreibt dann mitLudwig",König Ludwig", ab und zu auch in ärgerlicher Stimmung oder um seinen Be­fehlen erhöhten Nachdruck zu verleihen, mitIch, der König". So lautet ein am 23. September 1876 vom König Ludwig einem Lakaien diktierter und von ihm selbst unterschriebener Bries an feinen Kabinettsches wörtlich:Aus dem llmstand, daß Ich weder Ovationen, noch Mich zu. zeigen liebe, ist jener Schluß nicht zu ziehen. Ich verlasse Mich fest daraus, daß dies geschieht. Ich, der König."

Balzacs Autographen. Die französische Akademie ' ist in den Besitz einer wertvollen Sammlung von Briefen Bal­zacs gelangt, die ihr der Gras von Lowenjoul in seinem Testa­ment vermacht hat. Dieser war auf seltsame Weise in den Besitz der kostbaren Autographen gelangt. Er sah eines Tages einen Schuhflicker, der sich seine Pfeife mit einem zusammengefalteten Brief anzündete. Die Tinte, mit der der Brief geschrieben war, war bereits alt und verblaßt und die Schriftzüge hatten ein charakteristisches Gepräge, so daß der Gras den Mann bat, sich das Papier ansehen zu dürfen. Zu seiner Ucberraschung erkannte er Balzacs Handschrift und Unterschrift, und er gab dem Mann 20 Francs für seinen Brief. Jetzt erzählte ihm der Schuhflicker, daß er noch eine ganze Anzahl von diesen Briefen hätte und brachte dann auch einen ganzen Haufen in einem Korbe ange- schlevpt, die er natürlich gern dem Grafext um einen geringen Prers Überließ.

lasse sich aber nichts gewaltsam betreiben, es gehörte daher in das Reich der Utopie, wenn man irach Organisationen suchte etwa unter Zuhilfenahme der Staatsgarantie, um den Baugenosfen- schasten jeden notwendigen Kredü zur Verfügung zu stellen.

Für die Stellung der Genossenschaften im wirt­schaftlichen Leben sei kennzeichnend, daß keine großen Aktionen erfolgen, ohne daß ihrer gedacht würde. So seien Vertreter zu- gezogen zur Bankenquete, zu der Konferenz, die im Reichsjustiz­amt über Wechselrecht stattfand. Der Anwalt läßt sich dann noch über verschiedene genossenschaftliche Experimente aus, kritisiert die Rechtsprechung, die eine recht bdeutliche Entwicklung für die Ge­nossenschaften genommen. Der Anwalt schließt mit dem Hinweis daraus, welche Bedeutung der Allgemeine deutsch Genossenschafts- verband für die gesamte Entwicklung des Genossenschaftswesens habe. Niemand werde sie ut Zweifel ziehen können. Die Ge- nosfenschasten des Allgemeinen Verbandes beweisen, was die eigne Kraft vermöge. Jene ideale Begeisterung aus großer Zeit sei aller­dings vielfach verschwunden; Platz gemacht habe sie einer nüch­ternen geschäftlichen Erwägung, doch auch diese sei auf diesem Gebiet von Vorteil. Dienüchterne geschäftliche Arbeit der Ge­nossenschaften" stehe nicht im Dienste einseitiger Jnteressen-Bestre- ibnngen, an denen unser Vaterland schwer leidet, sondern im Dienste der Gesamtheit des deutschen Voltes. Die Arbeit erscheine als eine Oase in dem Zeitalter, in dem Materialismus und eigener Vorteil nur allzu sehr die Richtschnur für Handlungen und Entschließungen abgeben. Den Anforderungen jederzeit ge- red)t zu werden, betrachten der Allgemeine deutsche Genossenschafts- verband und seine Genossenschaften als ihre Aufgabe.

Der zwei Stunden andauernde Jahresbericht wurde von der Versammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommen.

Nach dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Jahres­bericht folgte noch ein kurzer Bericht des Vorsitzenden des Engeren Ausschusses über dessen Tätigkeit, worauf die beiden ausscheideirden Mitglieder, Direktor Oppermann -Magdeburg und Stadt- ältester Klettke-Breslau, durch Zuruf wiedergewählt wurden.

Der dritte Punkt der Tagesordnung betraf folgenden A n -- trag des .Vorstandes und Aufsichtsrats über die Fürsorge für Privatangestellte:

Nachdem von der Reichsr^ierung ein Gesetzentwurf zur Pensions- und Hinterbliebenen-Fürsorge für Privatangestellte auf Grund der zweiten amtlichen Denkschrift zu dem Gegenstände in sichere Aussicht gestellt ist, richtet der Allgemeine deutsche Genossenschaftstag an die Reichsregierung und den Reichstag die Bitte, bei der gesetzlichen Regelung der Pensions- und Hinter- bliebenen-Fürsorge für Prioatangestellte die auf Grundlage der Selbsthilfe errichteten privaten Versicherungsunternehmungen als Ersatzinstitute zuzulassen, falls sie dem Kaiserlichen Aussichts­amt für Privatversicherung unterstellt sind und eine der staatlichen Versicherung gleichwertige Fürsorge in Leistung und Gegenleistung aufweisen. Gleichzeitig spricht der A. G. die Erwartung aus, daß die besonderen Vorschriften für Ersatzinstitute die Bewegungs­freiheit und Existenzfähigkeit derselben gewährleisten werden."

Dieser Antrag, den Direktoö Jäger-Berlin eingehend 'be­gründete, wurde nach längerer Aussprache einmütig angenommen.

Es folgt darauf der Bericht des Direktors Oppermann über die Prüfung der Jahresrechnung, in der sich die Einnahmen auf 77 493 Mark, die Ausgaben auf 77 485 Mark stellen. Der Ver­mögensbestand beträgt 125 473 Mark. Weiter wird noch der Verband der Baugenossenschaften für Niedersachsen als Unter» verband des Allgemeinen Verbandes anerkannt. Mehrere neue Genossenschaften werden ausgenommen, zwei Genossenschaften da­gegen ausgeschlossen.

Nachdem noch auf Einladung des Direktors Kürz als nächst­jähriger Ort des Genossenschaftstages Stettin bestimmt ist, wird die erste Hauptversammlung gegen 1 Uhr geschlossen. Am Nachmittag fanden dann noch zwei weitere Versammlungen statt, die sich mit Angelegenheiten der Handwer ker-Ge- no ss en schäften und der Baugenossenschaften be­schäftigten.

Gerichtsfaal.

R. B. Darmstadt, 6. Sept. Das Kriegsgericht ver­urteilte den aus Vilbel gebürtigen Dragoner Hermann Grei­ling vom Leib-Drag.-Regt. Nr. 24 wegen unerlaubter Entfernung zu 2 Monaten Gefängnis und Versetzung in die 2. Klasse des Soldatenstandes. Er hatte sich ohne Urlaub eines Sonntags nachts in der Wirtschaft zur Ludwigshalle aufgehalten und als man ihn zuletzt entfernte, durch fein Verhalten auf der Straße die Verbringung auf die Schloßwache veranlaßt. Das Gericht kam zu der hohen Strafe, weil der im dritten Jahre dienende An­geklagte eine sehr schlechte Führung aufmeift und schon mehrmals wegen gleichen Vergebens bestraft worden ist.

d. Mainz, 6. Sept. DerRh. Volksbote" in Gau-Alges- heim hatte einen an ihn gerichteten Brief des Lehrers Keil in Heidesheim veröffentlicht. In Nr. 127 vom 4. Juni des Mainzer Journal" wurde in einer Erwiderung des Briefes be­hauptet, der Lehrer Keil habe sozialdemokratische Gesinnung be­tätigt, außerdem wurden in dem Artikel noch andere beleidigende Aeußerungen gegen den Lehrer gebraucht. Keil strengte gegen den Redakteur desMainzer Journal", Köppen, Privat- beleidigungsllage an, die heute am Schöffengericht zur Verhand­lung kam. Bevor in die Beweisaufnahme eingetreten wurde, wurde folgender Vergleich abgeschlossen: Nach den heutigen Erllärungen des Privatllägers Keil hat sich der Redakteur deA Mainzer Journals" davon überzeugt, daß der Privatkläger weder Sozialdenwkrat ist, noch sozialdenwkratische Gesinnungen betätigt hat. Redakteur Köppen nimmt daher den in der Nr. 127 vom 4. Juni desMainzer Journals" gegen den Privatkläger ent­haltenen Vorwurf sozialdemokratischer Gesinnungen, sowie die wei­teren formellen. Beleidigungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück unb'übernimmt sämtliche Kosten.

Lustschiffahrt"

Drahtlose Telegraphie für Luftschiffe.

Ans New°Pork wird berichtet: Die Märeoni-Gesellschaft hat einen besonderen Apparat für drahtlose Telegraphie gebaut, der für vas lenkbare Lnitschiff Verwendung finden soll, mit dem Walter Wellman seine uerroegene Fahrtüber den Atlantischen Ozean antretei: will. Der Apparat ist besonders leicht gebaut und hat daher auch nur geringe Kraft, so daß die Botschaften nicht über 6 i englische Meilen gesandt iverden können. Das Jnstrinnent soll in einem Rettungsboot untergebrarbt werden, das an dem Luftschiff aufgebängt ist; als Telegraphist wird ein Beamter der Gesellschaft, I. R. Irwin, vom Dampfer St. Louis, angestellt. Irwin wird währeitd des Flllges von Atlantic City nach Osten ftäubig Botschaften senden, die von ben vorüber fahrenden Dampfern aufgeiiommeii iverden sosten. So >vird es and) möglich sein, bei einem etwaigen Unfall mit Hilfe der drahtlosen Tele­graphie Dampfer, die in der Nahe und gleichfalls mit diesen Apparaten ausgerüstet sind, zur Hille herbeizurufen.

Herr A. G. Weber und die presse.

Wir haben in Nr. 206 des Gieß. Anzeigers bereits die Forderung ausgesprochen, daß der Schriftsteller A. O. Weber unbedingt die von ihm angeblich bestochenen Zei­tungen nennen müsse. Jetzt nimmt auch die Köln. Ztg. Stellung zu dieser Angelegenheit. Sie schreibt:

Herr A. O. Weber, der Gatte der ehemaligen Frau von Schönebeck, hat abermals 'die Aufmerksamkeit der öffent­lichen Meinung auf sich gelenkt. Er hat am 30. August vor dem Berliner Landgericht III, vor dem er zur Rech­nungslegung über die Verwendung des Vermögens seiner Ehefrau angehalten wurde, u. a. einen Posten von 3000 Mark aufgeführt, derfür die Presse" ausgegeben worden sei, um sie durchZuweisung von Anzeigen" zuberuhigen" und zu bewegen, bereits gegen ihn geschriebeneSchmäh- arkitel" zuunterdrücken". Es gibt nicht viele Bezie­hungen in denen man eine Gemeinsamkeit der durch partei­politische Weltanscha.uungs- und alle möglichen ändern

Gegensätze zerllüsteten deutschen Presse feststellen kann. Herr Weber jedoch hat mit dem Finger auf diejenige Stelle ge­wiesen, die unserer ganzen ernsthaften Presse, ohne Unter- schied der Partei, bisher als point d'honneur gegolten hat: ihre Unbestechlichkeit und Nichtkäuflichkeit. Diese Unbestech­lichkeit besteht darin, daß sich im redattionellen Teile keine versteckten Inserate, sondern nichts als die mehr oder we­niger richtige und aufrichtige, niemals aberbezahlte M einung der Redaktion findet. Sie bildet einen Grund­pfeiler des Vertrauens, das jede Zeitung mit ihrem Leser­kreise verbindet, und eine Vorbedingung dafür, daß die Jour­nalistik ein ehrliches Handwerk bleibt und daß auch Leute, die etwas auf sich halten, ihr Wissen und Können der Presse zur Verfügung stellen können. Weil wir den Anfang vom Ende des Zeitungswesens darin sehen würden, wenn Herr Weber recht hätte, so sehen wir uns berufen, von. dem Ankläger haarscharfe Beweise für seine Anklage zu fordern, deren Tragweite ihm selbst freilich nicht voll zum Bewußtsein gelangt zu sein scheint. Bis jetzt hat er nichts erwiesen. Kann er es, was wir einstweilen nicht glauben* so hat die anständige Presse ein Recht darauf, die Namen dieser Bundesgenossen zu erfahren, damit sie weiß, wen sie, zu meiden hat."

A. O. Weber lehnt Beweise ab.

Berlin, 5. Sept. Der Schriftsteller A. O. Weber, der Ehemann der Frau Schönebeck, lehnt aus Anfrage ab, die Natnen der ostpreußischen Zeitungen bekannt zu geben, die er durch '-Aufgabe von Inseraten im Allen st einer Prozeßerfolgreich b e ft o d) e n haben will.

Gegen A. O. Weber werden nunmehr.die Verleger- und Journalistenvereine Ostpreußens die Verleumdungs- klage e i n b r i n g e n , da die Behauptungen des Herrn Weber nachweislich glatt crfuyden sind.

War das vielleicht ein neuer Retlametrick? Es ist nicht ausgeschlossen, da Herr A. O. Webersein Geschäft" zweifel­los versteht.

vermochte«.

* Von der heiligen Sieben. Ein öffentliches Auf­gebot ergebt an die Welt, erlassen vorn Königlichen Amtsgericht Berlin-Mitte betreffend sieben Pfennige. Nämlich: seit dem 29. September A. D. 1879 lagern selbige, wo sie als gerichtlich niederzulegende Gelder ordnungsgemäß zu lagern haben: bei bet Ministerial-, Militär- unb Baukommiffion zu Berlin. Denn^ : sie waren bamals der Rest eines Versteigerungserlöses aus der 1 Versteigerung des Auktionskommissars Krieger in Sachen Otto Modo Buchholz kontra Bielitz, weil Frau Flauter Jnterventions^ ansprüche angemeldet hatte. Aber so war nun die Frau Flautet: ' Erst, tat sie das, und dann hob sie das Geld nicht ab! Nunmehto fordert das Amtsgericht alle Beteiligten auf, ihre Ansprüche und Rechte auf bemeldete sieben Pfennige spätestens in dem auf den 29. Oktober 1910, vormittags 11 llhr anberaumten Aufgebots­termin vor dem Gericht in Berlin C., Neue Friedrichstraße 12/15, 3immer 113/115, anzumelden. Androhung: Im Falle nicht er« folgender Anmeldung wird die Ausschließung der Beteiligten mit ihren Ansprüchen auf die sieben Pfennige gegen die Staatskasse erfolgen. Sollte etwa unter unfern Lesern einer, dieweil er vielleicht auch Flauter heißt, denken: wer weiß, vielleicht läßt sich hier zur Aufbesserung deiner Vermögensverhältnisse im Trüben fischen so sei er indessen ernstlich gewarnt. Denn wir unserseits! fragen: wer weiß, wie viel des heiligen Bureaukratii Spesen betragen? Als welche ettoanigen Falles auch der glaubhaft als zur Entgegennahme des lagernden Kapitals berechtigt ausgewiesene Bewerber feinerfeitig zu berichtigen hätte?

* Cholera und Aberglaube. Trotz aller energischen Bekämpfung ist die Cholera in Apulien noch keineswegs zum Erlöschen gebracht worden, und sie findet einen Bundesgenossen in dem Aberglauben der Bevölkerung, die in ihrem Schrecken doch weniger Angst vor der Krankheit als vor dem Hospital hall Jeder Kranke, der den Keim der furchtbaren Seuche in sich fühlt, hat nur die eine Bitte an seine Angehörigen:Laßt mich hieü sterben! Ruft nicht den Arzt!" Und die Verwandten geben sich oft genug wirklich alle Mühe, den neuen Krankheitsfall zu ver­heimlichen und den Leidenden mit Weihwasser zu heilen. Aber es gibt auch, wie der Gazzetta del Popolo geschrieben wird, noch andere Mittel, die nach der festen Ueberzeugung des Volkes gegen die Cholera wirken, sie sogar ganz verhindern. Man braucht nur etwas Knoblauch am Halse zu tragen, und man wird damit ein ganzes Heer von Mikroben in die Flucht schlagen. Völlig sicher ist auch ein Horn aus Korallen ober Knochen als einzige Vorsichts­maßregel in biefen Zeiten der Epibemie. Das Unheil oerbreitdl sich nicht etwa burch verborbene Melonen oder durch schmutzige Lappen, wie die Aerzte das behaupten, sondern vor allem durch denbösen Blick". Man kennt ja eine ganze Anzahl solcher Leute mit bösem Blick und man kann ihnen aus dem Wege gehen, wenn man sie nur von fern, erblickt: aber das Unglück ist, daß man bei weitem nicht alle kennt, und gerade in diesen Cholera­zeiten sieht man durch das Land gewisse Gestalten ziehen, vott denen keiner weiß, wo sie so plötzlich hergekommen sind. Sie sehen verdächtig aus, haben eine gewisse honigsüße Art und verstecken immer die Hände. . . . Wenn die Frauen eine solche gefahr­bringende Erscheinung sehen, so zittern sie vor Angst, pressen ihre Kinder an sich und stürzen eiligst in das Haus, dessen Tür sie hinter sich schließen, und auf den Türpfosten setzen sie eine Flasche mit heiligem Manna und den geweihten Oelzweig. Wehe denen, die zu offnen wagten, wenn jener Fremde klopft! Unglück und Tod würden sofort ihren Einzug in das Haus halten.

* Gefängnis idy Ile in Monkenegro. Tie schöne Einfachheit der Sitten, die für das jüngste Königreich charakteristisch ist, erstreckt sich auch auf das Gefängmswesen. In Cettinje gehen die wegen gemeiner Verbrechen Verurteilten in bestinnnten Stunden des Morgens und des Vormittags gemütlich umher, rauchen ihre Zigaretten und taufen Lebensmittel und alles andere, dessen sie benötigen, ein. Ganz ohne Aussicht bleiben freilich auch in Montenegro die Gefangeneil nicht; ein Wächter geht mit ihnen, lind überdies ist ihnen die Fllid)l erschivert durch mächtige, großmascküge Ketten die sie am Fuße nachschlepven. Diese Kette steht dabei in ihrer Größe in einem bestimmten Verhältnis zu ihrer: Vergehen unb Strafen: manche haben nur an einem Fuß die Kette, anbere wieder an beiben. Das Nachschleppeir der Ketten verursacht einen Höllenlärm, aber die Sträflinge fühlen sich baburd) nicht allzusehr beschwert. Es sind ihrer,, wie dasGiornale d'Jtalia" berichtet, gegenwärtig auch nur acht oder zehn, und zwar alles junge Männer. Wenn der Staat ihnen das Ouartier gibt, so müssen sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen und arbeiten, aber dafür kaufen sie sich aud) die Nahrungsmittel, die sie moUen und essen nach ihrem Be­lieben. Die (Straftaten, um bereu willen diese Gefangenen Der- urteilt wurden, waren immer nur Verbrechet: gegen das Leben, niemals Räubereien. Jt: den meisten Fället: handelt es sich um Vendetta. Seit 6 Jahren tst in Montenegro kein Einbruch be­gangen worden. Als bet bet: jetzigen Festen ein Gast von seinem Wirte bet: Hattsscküüssel erbat, antwortete dieser ihn: mit gut­mütigen: Lächelt::Wir habet: feine Schlüssel, und die Haustür bient nur zum Schutze gegen die Kälte unb gegen die Hunde".

* D i e Unschuld vom Lande in Marokk o. Eine Abteilung von Zuaven begegnete, wie ein in Casablanca er­scheinendes französisches Blatt schreibt, auf dem Wege, der vov dieser Stadt nach Rabat führt, zwei jungen Marokkanern. Sie fallen beim Vorbeimarsch der Truppe aufs Knie und spreche« unter lebhaften Gebärden inbrünstige Gebete, uni alsdann die Hand zur Entgegennahme milder Gaben ^auszustrecken. Die Zuaven weisen die Bettelei mit derben Scherzworten zurück. Unverzüglich laufen die beiden schwarzbraunen Gesellen zum Chef des benachbarten Militärpostens und behaupten frech, sie feiert von den Zuaven geschlagen, ihrer Burnusse und ihrer Barschaft im Betrage von 50 Turos beraubt worden. Der französische Offizier untersucht den Fall unb läßt die beiden verlogenen Burschen kurzerhmrd emfteden. Am nächsten Tage kommt ber