Ausgabe 
7.9.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 209

Zweites Blatt

160. Jahrgang

Mittwoch 7, September 1910

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redccktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag:

Redaktion: ^^112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGiehener Zamiliendlätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Xrrirdlatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit, fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Handwerker und Reichsverficherungsordnung.

Der Deutsche Handwerks- und Gew erbe kämm er tag, der gegen­wärtig in S t u t t g a r t tagt, beschäftigte sich auch mit dem Gesetz­entwurf über die Reichsversicherungsordnung.

Folgende Entschließung wurde nach längerer Besprechung angenommen:

Ter Deutsche Handwerks- und Gewerbetag ist auf das äußerste befremdet darüber, daß der dem Reichstag ooraelegte Entwurf einer Reichsverficherungsordnung trotz der einmütigen Ablehnung die der frühere Entwurf in den Kreisen der selbständigen Erwerbs­stände gefunden hat, in seinen Hauptpunkten diesem ersten Ent­würfe entspricht. Er wiederholt indessen seine den verbündeten Regierungen übermittelten Abänderungsvorschläge in der bestimm­ten Erwartung, daß der Reichstag diesen wohl begründeten Be­denken eine den berufenen Interessenvertretungen des Handwerks entsprechende Würdigung zuteil werden läßt. Unbedingte Voraus­setzung für die Zustimmung zu dem neuen Gesetzentwürfe ist die Berücksichtigung folgender Forderungen:

1. Der Vorsitzende der Krankentassen-Organisationen muß in ledern Falle dem Stande der selbständigen Gewerbetreibenden ent­nommen werden.

2. Die Halbierung der Stimmen ist bei allen Abstimmungen unbedingt zu gewährleisten. Nur wenn diese Forderungen voll erfüllt werden, vermag der Deutsche Handwerks- und Gewerbe- kamuiertag die Halbierung der Beiträge für die Krankenversiche­rung und weiterhin dem Gesetz überhaupt zuzustimmen. Er er­wartet indes,en mit Bestimmtheit noch die Berücksichtigung der­jenigen Abänderungsvorschläge, die bereits der 10. Deutsche Hand­werks- und Gewerbekammertag zu Königsberg für notwendig erachtet hat, soweit diese Vorschläge auf den neuen Entwurf noch zutreften.

-il 3U. I: Gemeinsame Vorschriften. Die Schaffung der Versicherungs- und Oberversicherungsämter ist als ein erheblicher Eingriff in die Selbstverwaltung zu betrachten. Sch wrrd patt der erhofften Vereinfachung und Verbilligung des seit-» herigen Verlahrens dasselbe nur erschweren, verlangsamen und erheblich verteuern. Die Einrichtung einer derartigen neuen Be- Horden-Orgamsgtion ist daher als unzulässig zu bezeichnen Da- gegen sollen die unteren Verwaltungsbehörden besser als bisher mit Beamten ausgestattet werden, die sich mit dem Versicherungs­wesen Praktisch vertraut gemacht haben. Auch wäre den Schieds­gerichten, deren Vorsitz einem Versicherungspraktiker anzuvertrauew wäre, eine selbständige Stellung einzuräumen.

2- Zu Buch II: Krankenversicherung, a) Es ist anzuerkennen, daß durch die Erweiterung des Kreises der.Kranken­versicherung .in der Form, daß die Invaliden- und Kranken-Ver- sicherten dieselben Personenkreise bilden, ein bisher sehr mißlich empfundener Zustand beseitigt wird. b) Das in dem Entwürfe vorgeschlagene Verfahren bet der Versicherung der Hausgewerbe­treibenden ist als annehmbar zu bezeichnen. c) Die Errichtung von ^nnungskrankenkassen ist in jeder Weise zu erleichtern und zu fordern. Deshalb sind in dem § 263 Ziffer 2 und (gemäß § 268) im § 267 Ziffer 3 die Wortemindestens" zu streichen Ebenso soll den Jnnungsausschüssen und mehreren Innungen ge­meinsam die Errichtung von Innungskrankenkassen gestattet wer­den. d) Den einer Innung freiwillig beigerretenen Personen ist zu gestatten, sich bei der Jnnungskranlentasse zu versichern. e) Vor der Errichtung einer Jnnungskrankenkasse ist auch die Handwerkskammer gutachtlich zu hören. (§ 264 des Entwurfs ) f) Die Errichtung von Betriebskrankenkassen erst bei eines Arbeiterzahl von mindestens 500 zu gestatten, erscheint in Er­wägung baß die Mehrzahl dieser Kassen zwar unter 500 Ver­sicherte besitzt, trotzdem anerkannt gut arbeitet, als viel zu weit gegangen. g) Den organisierten Aerzten gegenüber sind aus­reichende Kautel en zu schaffen, die freie Apothekenwahl ist ab­zulehnen.

< » 111Unfallversicherung, a) Falls die

lokalen Verslcherungsamter eingeführt werden sollten, gegen deren Errichtung nochmals entschieden protestiert wird, so wird jebe Mitwirkung derselben an dem Rentenfestfetzungsverfahren als un­geeignet abgelehnt. b) Daß der Entwurf eine-wesentliche Besse- gegenwärtig geltenden Bestimmungen des § 34 Gew.- Unf.-Vers.-Ges. darstellt, ist anzuerkennen, wenn auch die 8§ 741 bi» 747 des Entwurfs der wiederholt geäußerten Ansicht des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages, die Höhe des Reservefonds nach dem alten Gesetze (das Eineinhalbfache der Cnt- schädigungslast) wieder herzustellen, nicht nachgekommen ist. c) Gegen die Erweiterungen der Versicherungsleistungen werden trotz der Mehrbelastung Einwendungen nicht erhoben. d) Die

ArUcherungspflicht ber int § 569 bezeichneten Betriebsunternehmer itt gesetzlich festzustellen. e) Zuzustimmen ist der Uebertragung der Erstattungspflicht an die Berufsgenossenschaft nach 8 596 des Entwurfs. f) Fraglich ist die Zweckmäßigkeit der Bestim­mungen über die sogenanntenKlemen Renten"; die Bestimmung, Unfallrenten unter 15 Prozent überhaupt nicht mehr zuzulassen, erscheint geeigneter, Mißbräuche zu verhüten. g) Gegen die qd'lni?n9 bon Ausländern, welche im Deutschen Reiche keinen Wohnsitz haben, mit einem entsprechenden Kapitale, ist Einspruch

erheben, da das Ausland deutschen Arbeitern entsprechende Gegenleistungen nicht gewahrt. Renten sind an Ausländer, welche iin Auslande wohnen, nur zu zahlen, wenn durch Staatsverträge gleichwertige Vorteile den deutschen Arbeitern verbürgt sind.

4. Zu Buch IV: Jnv aliden- und Hinterbliebe- nen-Versicherung. a) Die freiwillige Zusatzversicherung bei der Invalidenversicherung ist als zufriedenstellende Lösung des Wunsches der selbständigen Handwerker nach Erlangung einer höheren Rente zu bezeichnen. Sie kann aber nur ihren Zweck erfüllen, wenn 1. mittels der projektierten Zusatzversicherung nicht nur für den Versicherten, sondern auch für seine Angehörigen gesorgt ist, 2. in feinem Falle eine Gegenleistung für gezahlte Beiträge ausbleibt, 3. die Zusatzrente anstatt erst bei Eintritt der Invalidität schon von einem bestimmten Lebensalter ab gewährt wird. b) Die Bestimmungen des Entwurfs über das Wieder­aufleben der Rechte bei der freiwilligen Weiterversicherüng nach Aufgabe einer Versicherung sind zu schroff; eine Jnkraftbelassung der diesbezüglichen bisherigen Vorschriften ist wünschenswert. c) Der Ablehnung der Herabsetzung der Altersgrenze wird im Interesse der sonst eintretenden Mehrbelastung in der Erwartung zugestimmt, daß die Reichsregierung diesem Sparsamkeitsprinzip in allen Zweigen der sozialen Versicherung nachkommen wird. d) Gegen die Einführung der Hinterbliebenen-Versicherung wird Einspruch erhoben, falls die Arbeitgeber die Beiträge hierfür zur Hälfte mit tragen sollen."

5,. Allgemeiner Genossenschaftstag.

rb. Bad-Nauheim, 6. Sept.

Nachdem bereits seit mehreren Tagen eingehende Beratungen des Enteren Ausschusses und der Vorstände der verschiedenen Kassen stattgefunden hatten, nahmen heute früh um 9 Uhr unter Vorsitz des Verbandsdirektors des mittelrheinischen Ver­bandes, Justizrats Dr. Alberti, die Verhandlungen ihren Anfang. Nach den bereits telegraphisch mitgeteilten Begrüßungen erstattete zunächst der Anwalt, Prof. Dr. (Erüger, den Jahres­bericht. Wie m früheren Jahren bezog der Anwalt in seinen Bericht die Vorgänge aus dem Gebiet des gesamten deutschen Genossenschaftswesens ein. Er begann mit dem Hinweis auf die großen Feiern der letzten beiden Genossenschaftstage (Feier des 100 jährigen Geburtstages Schulze-Delitzschs, Feier des 50- jährigen Jubiläums des Allgemeinen Verbandes), die in weiten Kreisen Widerhall gefunden haben. Mehr und mehr brächen sich die Schulze-Delitzschen wirtschaftlichen Grundsätze Bahn. Frei­lich müßten außer Betracht bleiben die Genossenschaften, die der Massengründerei ihre Existenz verdanken. Dem genossenschaftlichen Idealismus und der ftrengen Durchführung geschäftlicher Grund­sätze wäre die staatliche Förderung ein Hindernis gewesen. Auf sie fti es zurückzuführen, daß bei vielen Genossenschaften die Vermögensbildung zurückblieb. Die gesamten geschäftlichen Er­trägnisse lder Genossenschaften, seien bedeutend. Es beständen 23 309 Genossenschaften, deren geschäftliche Leistungen auf rund 20 Mil­liarden Mark zu bewerten feien. Der Löwenanteil entfällt auf die Genossenschaften des Allgemeinen deutschen Genossenschafts­verbandes. Betrage ihre Zahl auch nur 1363, so seien sie doch am Gesamtergebnis mit 12y2 Milliarden Mark beteiligt. Das eigne Vermögen aller bestehenden Genossenschaften wäre auf 573 Millionen Mark zu schätzen, das der Genossenschaften des Allgemeinen deutschen Genossenschaftsverbandes betrage 341 Mil­lionen Mark. In diesen Ergebnissen siebt der Anwalt einen Be­weis dafür, daß dieSelbsthilfe^ doch wohl der zuver­lässigste Träger der genossenschaftlichen Arbeit fei. Dank der Selbsthilfe hätten die Schulze-Delitzschen Kreditgenossenschaften auch Organisationen geschaffen, die der Fürsorge für ihre Beamten dienen. Der Anwalt kam dann auf die Kritik zu sprechen, die er in früheren Berichten geübt und wies darauf hin, daß die Erfahrungen den kritischen Bemerkungen recht gegeben hätten.

Vollkommen sei freilich in der Welt nichts. Auch bei den Schulze- Delitzschen Genossenschaften käme gelegentlich ein Vertrauensrniß- brawd) wor. Kein System böte absoluten Schutz gegen Mißwirt- schaft, aber jedes System müsse so geschaffen sein.

daß Schädig ungen auf das klein ste Maß beschränkt Werdern Gegen diesen einfachen Grundsatz würde vielfach ver- stoßen. Eigenartig mache es sich, daß im preußischen Abgeord- netenhause jetzt ein Antrag eingebracht wäre auf Errichtung ge­nossenschaftlicher Lehrstühle. Man erkenne in bey Streifen, von denen dieser Antrag ausgehe, etwas spät, daß man onenbar erst hatte studieren müssen, ehe man an das Probieren ging. Der Anwalt ließ sich näher über den Wert der verschiedenen! Haftarten aus, besprach die eigenartigen Mittel verschiedener Ge- nosienjchaften, Mitglieder zu gewinnen und behandelte dann die Unabhängigkeit von wirtschaftlichen und politischen Organisatio-. ^nt'r ?ob^ er interessante Zahlen mitteilte über die genossen- jcbaftlube Organisation des Bundes der Landwirte und sich dann gegen die Bestrebungen des Hansabundes wandte, genossenschaftliche Organisationen zu schaffen. Der Anwalt be- mtigte sich weiter mit der Stellung der sozialdemokratischen Partei zum Genossenschaftswesen und verurteilte auf das ent­schiedenste, wenn eine politische Partei Stellung nimmt zu den Genossenschaften unter dem Gesichtspunkt, welche Vorteile ihr die Genossenschaften bringen können. Der deutsche und der intern nationale sozialdemokratische Parteitag würden sich mit der Ge- uosienschaftsfrage beschäftigen. Jetzt kämpften die Radikalen und die Revisionisten miteinander, ob die Genossenschaftenn e*u t r a V* fein sollten oder nicht. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei habe darauf verwiesen, daß das Gesetz Genossenschaften zur Neutralität zwinge, aber er habe auch erklärt,die Haffen* benutzte Arbeiterschaft hat dennoch den politisch neutralen Konsum- Vereinen ein reges Interesse entgegengebracht". Der 2luwalt: wandte sich dann gegen das Aufsaugungssystem deck Hamburger Groß-Einkaufsgesellschaft, unter deren - .bie großen Konsumvereine die Heinen verschlingen und» lelbständige Produktivgenossenschaften ihr Leben lassen' müssen^

Alle, diese Bestrebungen seien Wasser auf die Mühle der Gegner: der Kon, um vereine. Der Kampf gegen die Konsumvereine loben; immer wieder auf. Man sollte endlich die Konsumvereine in allem und jedem den Gewerbetreibenden gleichstellen, damit wäre beiden Teilen am besten gedient. Die Händler seien unvorsichtig! mitihrer Agitation gegen die Konsumvereine, sie schmiedeten Waften, die dieselben gegen sie selbst gebrauchen würden. Dia Genossenschaften der Kleinhändler wären den Groftisten genau ebenso verdächtig, wie die Konsumvereine den Kleinhändlern. In Bayern nehme man für die Genossenschaften der Händler sogar finanzielle Subventionen in Anspruch kein Wunder, daß die Handelskammer dagegen Stellung nimmt. Es scheint doch heute schon recht schwer zu fein, Subventionen ab­zulehnen. Man soll den Kampf der Grossisten gegen die Organi­sationen der Kleinhändler nicht unterschätzen. Tas sei der gleiche Kampf, der auch zum Teil das Aufkommen der Handwerker- genosseuschaften erschwere. Der Anwalt ließ sich dann naher über die Entwicklung des Handwerkergenoffen schastswe-, sens in den einzelnen Staaten aus und brachte interessantes. Material bei über die Erfahrungen in Bayern, wo man int weitesten Umfange direkte Staatsbeihilfen den Genossenschaften gewahrt hatte. Hier habe sich so recht gezeigt, daß dies der ver­kehrteste Weg zur Förderung der Handwerkergenossenschaften fei,.

Der Rechner hob hervor, daß sich leider auch vielfach nock> Hand­werkskammern und Innungen ablehnend verhielten. Bedenken hat er gegen die in Köln ins Leben gerufene Gewerbeförde- rungs an statt. Recht erfreulich sind die Ergebnisse der Hand­werkergenossenschaften in Württemberg. Ausgeführt sei das Frei­burger Versprechen, herausgegeben seien dieGrundlehren uudj Erfahrungen der Handwerkergenossenschaften auf Grund der Be­schlüsse und Verhandlungen der Allgemeinen Genossenschaststage"^

Tie diesjährige Tagung werde sich mit der Bedeutung der Ge­nossenschaften für das S nb rn i s si o n s w e s e n beschäftigen. Wohl' wisse man, daß die Genossenschaft nicht jedem Handwerker zumi Wohlstände verhelfen könne, aber für die kaufmännisch und tech­nisch ausgebildeten Handwerker sei die Genossenschaft ein überaus wertvolles Hilfsmittel. Hierbei wird auch die Mittelstands- kreditnot erörtert und mitgeteilt, daß die Zahl der bei allem Kreditgenofsenichaften (aller Systeme) angeschlossenen Handwerker und Kleinkaufleute sich auf etwa 4000 belaufe und die Befriedigung) des Kreditbedürfnisses ergebe die Summe von 650 Millionen. Mark. Von einer Mittelstandskreditnot könne daher gewiß nicht gesprochen werden. Ganz anders als im Handwerk liegen die Verhältnisse bei der Landwirtschaft. Hier lieget die Gefahr in der leichtsinnigen Gründung von Genossenschaften; und ihrer staatlichen Förderung. Denn mit Hilfe der genossen­schaftlichen .Organisation sollen dem Landwirt heute die Gewinne der Händler, Bäcker, Schlächter zu Füßen gelegt werden. D^s

Napoleon-Erinnerungen aus Ajaccio.

DasEcho de Paris" erhält von feinem Korrespondenten in Ajaccio folgenden interessanten Aufsatz:

Eine Marseiller Zeitung erzählte Letzthin, daß Napoleon bei seiner Krönung in Mailand am 26. Mai 1805 aus die Gegen­wart eines seiner Jugendfteunde bei dieser Zeremonie gedrungen hatte und daß /dieser Freund Etienne Conti gewesen wäre. Bei leinem Eintreffen hätte ihm Napoleon im korsischen Dialekt gesagt: ,,O |te! Ehe l'amisse bita; In Ajaccina!" (Stephan, wer hätte le zu sagen gewagt, ein Sohn Ajaccios Kaiser!")

Tie Tatsache trifft zu; nur war es nicht Etienne Lontt, der der'Krönung beiwohnte, sondern Etienne Po. Napoleon hatte nicht viel Freunde in seiner Vaterstadt, wie überhaupt auf der ganzen Insel. Man nannte ihn selbst verächtlich:Jl tignoso" lder Kahle), seitdem er nach dem Feldzuge in Italien das Haar ftrrzgeschoren trug. Die Lokalchronik zeigt ganz deutlich, daß Napoleon in seinen ersten Erfolgsjahren tief eingewurzelter Feind- leligkeit unter den Hauptfamilien von Ajaccio begegnete und daß diese Feindseligkeit auch trotz seines Ruhmes weiter andauerte. Aber neben unversöhnlichen Widersachern bewahrte Napoleon Jugend­freunde, die er nie vergaß. Etienne Po wurde besonders von demKai- 1er geliebt. Er betrieb ein Bankgeschäft mit einem gewissen Gregory aus Bastia. Der Advokat de Negri, der mit einem Fräulein Po verheiratet ist, hat uns zum Beweise dieser Freurchschaft zwei unveröffentlichte Briefe Napoleons an Po übermittelt, die aus den Familienarchiven stammen. Der erste ist aus Paris, vor der Abfahrt zur Expedition nach Aegypten datiert und lautet:

Lieber Etienne!

Ich sende Dir die Summe von 180 000 Franks für den Fall, daß das Glück meine Waffen nicht begünstigen sollte. Diese Summe, die ich Dir anvertraue, sollst Du meiner Mutter über« Mitteln. Der Deine

Bonaparte."

Ter zweite Brief ist gleichfalls aus Paris, aber nach der Rückkehr aus Aegypten datiert, bei der Napoleon im September 1799 in Ajaccio angelegt hatte, das einzige Mal, daß er in fein Heimatland zurückkehrte. Tas Schreiben wurde von Saliceti, dem Spezialkommifsär der Regierungs, übermittelt und lautet:

Lieber Etienne!

Tu wirst Saliceti die Summe von 100 000 Franks übergeben unb die 80 000 äußeren behalten, um ein Haus nach den Ptänen Lu bauen, die wir zusammen kombiniert haben.

Der Deine Bonaparte.^'

Das Haus, das Po bauen ließ, trägt augenblicklich die Num­mer 26 des Cours Napoläon. Diese beiden Briefe beweisen, daß Napoleon; über .Geld verfügte, als. er aus Aegypten wach Frankreich

zurückkehrte, was bisher von zahlreichen Geschichtsforschern be­stritten worden ist.

Hinzugefügt sei noch zum Beweise der großen Zuneigung Napoleons für Etienne Po, daß der Kaiser ihn mit feiner ältesten Schwester verheiraten wollte. Etienne lehnte aber diesen Vor­schlag ab, indem er feine Jugend vorschützte. Später hat er das oft bedauert. Der Kaiser wollte auch die Nichte Etienne Pos, Fräulein Paravicini, mit dem Marschall Drouot verheiraten^ Dieser kam selbst inkognito nach Korsika, aber zu spät. Die Schönheit Fräulein Paravicinis hatte den General Sebastiani verführt, der sie schleunigst zum Altar geführt hatte.

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Das Rhein-Mainische Verbandstheater wird seine diesjährige Winterspielzeit mit einer Vorstellung vonWas Ihr wollt" am 28. September in Wetzlar beginnen. Die Vor­stellung dient als Beispielveranstaltung bei der Volksakademie des Rhein-Mainischeu Verbandes, einem Kursus für Bolksbildungs- arbeit für die ständigen Mitarbeiter des genannten Verbandes und andere Interessenten. Der diesjährige Theaterspielplan weist an llassischen Stücken das genannte Shakespearesche Lustspiel ferner Lessings Minna von Barnhelm und Nathan der Weise, außerdem Maria Stuart auf. Von neueren Dichtern sind Ibsen mitDie Stützen der Gesellschaft", H e y s e mit ,D>aus Lange" und Freytag mit denJournalisten" vertreten. Einen be­sonderen Erfolg verspricht sich der Verband von der Aufführung desGutmütigen" von Oliver G o l d s m i t h, der eigens für das Verbandst Heater ins Deutsche übertragen wurde und der am 4. Oktober seine Uraufführung für Deutschland in Frank­furt a. M. erleben wird. Gleichfalls interessante Aufführungen dürften die desFremden" von Jerome werden. Dieses Stück ist in London und Newyork unzählige Male gegeben worden und hat bei seiner erfte-u Aufführung in Wien gleichfalls großes Aufsehen erregt. Das Theater wird wieder außer in Frankfurt auch in zahlreichen größeren und Heineren Orten des Rhein- Main-Gebietes spielen. Anfang Ottober und Anfang November sind je noch einige Tage frei. Anfragen sind zu richten an die Geschäftsstelle des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung, Frankfurt a. M., Stiftstraße 32.

Ehrlich-H ata 606inKopen Hagen. Dem Kopen­hagener BlattePolitiken" zufolge ist der erste in Dänemark mit dem neuen Heilmittel behandelte Poti em ettoa 8 Tage nach er­folgter Einspritzung unter allen Symptomen der Arsenikver­giftung gestorben. Behandelnder Arzt war Professor Ehlers. Die von Prosektor Dr. med. Victor Scheel vor­genommene, im Augenblick noch nicht beendigte Obduktion der Leiche hat bisher eine andere Todesursache nicht ergeben können. Freilich handelt es sich um erneu sehr fchwierigeu Fall. Der

Patient, ein reichlich 50 jähriger Mann, litt an einer sehr alten, Krankheit, die in den btziden letzten Jahren in zunehmender General-- Parese mit kurzen Perioden auftauchendcr Intelligenz zum Aus­druck kam. Nichtsdestoweniger wird dieser Fall die dänischen; Aerzte in der Anwendung des neuen Mittels vorsichtig machen Professor Ehlers war auch nur auf dringendes Ersuchen der Ehefrau zur Behandlung des im übrigen auf­gegebenen Patienten geschritten. Auch die Aerzte Dr, Rasch und Professor Pontoppidan beabsichtigten die prakttsche Prüfung des neuen Heilmittels, das übrigens ebenfalls auf Island an Aussätzigen versucht werden wird.

Reines Radium. Der Pariser Akademie der Wissen­schaften wird von der bekannten Professorin der Chemie Cur ritz mitgeteilt, daß es ihr gelungen sei, Radium in reineml metallischen Zustande herzustellen. Man weiß, daß es! bis jetzt nicht möglich war, Radium rein herzustellen, sondern ess fand sich stets in Verbindung, entweder mit Brom oder mit Chkn^ Frau Currie und ihr Mitarbeiter de Msrne haben ein Dezigramms Radiumsalz durch Amalgamation auf elektrolytischem Wege in einen metallischen Gegenstand umgewandelt und dadurch remess' Radium erhalten. Dieses neue Metall sieht weiß aus, oxid^rk sehr schnell an der Luft und wird schwarz. Papier, das mit ihvy. in Berührung kommt, verbrennt.

Ich, der König!" Interessante Erin n er ungen­au den Verkehr König Ludwigs II. von Bayern mit feinem Kabinettschef von Ziegler veröffentlicht Freiherr von stiunnnel im Septemberheft von Velhagen und Klasingsi Monatsheften. Ein guter und hilfsbereiter Freund ist Lud­wig II. so manchen gewesen. Allbekannt ist ja seine hin- aevende Freundschaft für Richard Wagner. Später, in den siebziger Jahren, erkalteten die Gefühle für die Person des Meisters, nie für dessen Werk. Als Ludwig 1876 zur ersten Gesamtaufführung des Mnges nach Bayreuth kam, war er freilich einige Zeit sehr ärgerlich über den Dichter- Komponisten. Dieser hatte den König an der Bahn emp- fangen und stieg, ohne eine Aufforderung seitens des ?No- * narchen abzuwarten, in dessen Wagen, nahm neben ihm Platz und fuhr mit der Majestät nach der Eremitage. Erst als die Bayreuther Tage einen so überaus glänzenden Verlauf nahmen, vergaß Ludwig allmählich diesen Etikettfehler. Eine zweite Beunruhigung entstand dem Monarck-en in Bayreuth dadurch, daß er eine Einladung zu einer Soiree ,im H«use