Ausgabe 
5.11.1910 Erstes Blatt
 
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Erster Blatt

160. Zahrgaag

Die heutige Nummer umsatzt 18 Seiten.

Au» Hessen.

Aus dem Wahlkreis Darmftadt-Groß-GeraU erfährt dieWormser Ztg.", die fortschrittliche Volks­partei für den Wahlkreis Darmstadt-Groß-Gerau habe am Dienstag beschlossen, Derrn Dr. Strecker (Bad-Nauheim) als Kandidaten für die nächste Reichstagswahl aufzustellen, falls eine Verständigung mit den Nationalliberalen in Mzey-Bmgeu nicht tustande kommen würde.

Aus neuen Briesen Wilhelm v. Humboldts an Schiller.

Wilhelm v. Humboldts hohe Bedeutung für die deutsche Kultur fft gerade in diesen Tagen wieder ins Helle Licht gerückt worden, beim sein Geist war es, der über der Jubelfeier der Berliner Unwersttät schwebte und in den Festreden gepriesen wurde. Jedes Wort dieses großen Mannes, dessen allseitiges Bildungsstreben noch späten Geschlechtern vorbildlich sein wird, ist uns daher teuer: so muß es denn ein ganz besonderer Glücksfall beiBcn, baß 36 neue Briefe Wilhelm v. Humboldts an Schüler ausgefunden worden sind, die uns einen tiefen Einblick in den geistigen Verkehr dieser erlauchten Manner barbieten.

Als Humboldt seinen Briefwechsel mit Schiller nebfl der groß­artigen, des Freundes Bild monumental gestaltendenVoreriw' nerung" herausgab, beklagte er selbst, da»eine gute Anzahl feiner Briese fehle. Dieser unersetzliche Verlust wird nun zum großen Teil gut gemacht durch den Fund des Direktors der Frank- hirter Stadllnblwthek Prof. Friedrich Clemens Ebrand, der die Briese für das von ihm geleitete Institut erwarb und im neuesten Heft der Deutschen Rundschau mit ihrer Ver­öffentlichung beginnt. Die Schreiben gehören wahrscheinlich zu den Handschriften, die Schillers Sohn Ernst seinem Onkel, dem General Ludwig von Wolzogen, übergab, der sie für vumboldt abschrciben lasseii wollte. Bei Verstellung dieser Abschrift müssen die Briese aus eine nicht mehr feststellbare Welse abhanden ge­kommen sein. Zu den bisher bekannt gewordenen 45 Schreien Humboldts an Schiller treten,nun diese neuen 3b als em höchst beträchtlicher Zuwachs, und da sie alle aus den Jahren 179b-18^5 Itamyien, so gewähren sie Ausschluß über lene wichtige Epoche m Humboldts Leben, da er sich gan^ der Ausbü^ing und Gestaltung seines Geistes hingab und die fruchtbaren Keime für sein spä­teres segensreickres Wirken legte. Welche Bedeutung m dieser Zeit der Briefwechsel mit Schiller, von dem er im Bries vom 26. März 1796 sagt, daßer mich hier noch fast einzig an eine bessere und gehaltvollere Existenz anknüpft , für ihn hatte, erhell! bereits aus den sieben zuerst veröffentlichten £>d)reiben. ,,-öd) gewinne sck>on sehr viel," schreibt er dem innig verehrten Freund, wenn ich Ihnen über jede Materie, die mich gerade mteressiert.

Samstag, 5. November W «eznqsvreis:

V monaüich76dü, viertel­

jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch dieDost Mk. 2. viertel-

Deutsche» Ueich.

Der Kaiser hat aus Anlaß seines Brüsseler DesucheS dem Bürgermeister von Brüssel Max 3 00 0 Marl für die Armen der Stadt überwiesen. t

Heber die Reise des Kronprinzen an Bord deS ReichspostdampfersPrinz Ludwig" wird von der italienischen Küste durch Funkenspruch über Sebenieo gemeldet: Nach der Ab­fahrt von Genua herrschte bis 10 Uhr abends stürmischer Wind und grobe See, dann schönes, ruhiges Wetter. Der Kronprinz und die Kronprinzessin äußerten große Zufriedenheit über den Empfang in den Wohnräumen an Bord des Dampfers ..Prinz Ludwig" des Norddeutschen Lloyds und waren trotz des schlechten Wetters in vorzüglicher Stimmung^Prinz Ludwig" hat Frei­tag nachmittag gegen 5 Uhr Capri passiert und wird Sonntag vormittag durch die Sttaße von Messina fahren.

Die neue Militärvorlage wird, wie man uns aus! Berlin schreibt, dem Bundesrat in den nächsten Tagen w gehen, nachdem sie vom Kaiser kürzlich endgülttg genehmigt wor­den ist. Im Bundesräte wird die Vorlage auf keine Schwierig feiten stoßen, da die verbündeten Regierungen die Forderungen als durchaus notwendige anerkennen dürften.

In der letzten Sitzung des Bundesrats wurde den« Reichsanzeiger" zufolge il a. dem Entwurf eines Gesetzes be- tteffend die Beseitigung von Tierkadavern, und dem Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Schutz des zur /Anfertigung von Reick-sbanknoten verwendeten PapierS gegen unbefugte Nach» ahmung zugestimmt. ______________________

ausführlich schreiben darf. Beantworten Sie sie auch Nicht so bald so konimen wir gelegentlich doch immer einmal daraus zurück und Sie erinnern sich dann des früher Geschriebenen. Nur darum bitte ich Sie recht herzlich, wie auch Ihre eignen Beschäftigungen fortgehen oder still stehn möchten, mir doch ge­wiß immer wöchentlich Nachricht von Sich zu geben. I chsehne mich zu sehr, von Ihnen zu htzren, und lebe in Gedanken zu viel mit Ihnen, um hier eine längere Entbehrung füglich ertragen zu können."

Tiefes Mitgefühl hat er mit dem schlechten Befinden Schillers, das diesen am Arbeiten hindert.Mit Begierde sehe ich der Nackwicht entgegen, daß es mit Ihnen wiederum besser geht, daß Jlne Krämpfe völlig ruhig sind, und Sie eine bestimmte Arbeit angefaßt haben, die Ihnen Ihren gewölmlichen Muth und Ihre Thätigkeit roiebergiebL Mich verlangt unglaublich zu wissen, auf was Ihre neue Wahl wird gefallen sepn. Ich hoffe und wünsche auf etwas Poetisches. Vielleicht nehmen Sie gar gleich ben Wallenstein vor." Zum Wallenstein rät Humboldt auch m einem anderen Briese, obwohl er die Schwierigkeit des Stosses erkennt: aber Schillermuß das erste Feuer, bie Starke des aeaenwartigen Augenblick benutzen. Dazu kommt noch, dav der Wallenstein auch eben durch seinen Stoss Sie selbst trägt." Aus bas Schwanken des Dick>ters, ob das neue Werk in Versen ober in Prosa auszuführen sei, geht der Freund mit einer feinsinnigen Betrachtung über die Verwendung deS Versesi im Trama em Er glaubt,daß diese Forderung bei einem poetischen Stück eigentlich unerläßlich ist... Soviel ich jetzt emsche, liegt eS in einer gewissen Vorliebe für die Natur, insofern man sw der Kunst entgegen setzen kann, und in einer Besorgnitz, datz bie erstere burch bie letztere leiden könne. Ich sehe dies daraus r B daß in ber Jphigenia und im Karlos der Vers mir un- q em ein wvhlthut, hingegen im Götz, selbst in dem hie und da so schwärmerischen und feenartigen Egmont, in ben Räubern, M Niesko vorzüglich in Kabale und Liebe geradezu undenkbar ist. In der Iphigenie liebe ich ihn, weil dicß Stück aus einem fremden Gebiet und zwar aus einem solchen ist, wo die Kunst und sogar eine gewisse pathetische Form herrscht: mi Karlos weil er ungeachtet seiner mächtigen Wirkung aus die Empfindung, doch auch den Verstand so anhaltend beschäftigt, und zwar, wie der Dichter immer soll, in eine idealische Welt versetzt, aber nicht

der Audienz die Insignien des Andreas-Ordens überreichte, und daraus den Staatssekretär von Kid erben-, W a e ch t e r.

Heute abend 8 Uhr fand in der Jaspisgalerie im Neuen! Palais Galatafel beim Kaiserpaar statt. Zur Tafel führte der Kaiser von Rußland die Kaiserin, Kaiser Wilhelm die Prinzessin Eitel Friedrich, Prinz Eitel Fried­rich die Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Adalbert bie Prinzessin Viktoria Margarethe. Bei der Tafel saß Kaiser Nikolaus zwischen dem Kaiser und der Kaiserin. Während der Tafel tranken die Souveräne unter Austausch freund­licher Worte einander zu. Kaiser Nikolaus führte bei Tisch mit der Kaiserin und dem Kaiser eine überaus an* geregte Unterhaltung. Der Kaiser von Rußland trank dem Reichskanzler zu, der Kaiser dem Staatssekretär Sasanow und dem Baron Fredericksz.

Zu Ehren des Staatssekretärs Sasanow findet mor^ gen ein Frühstück beim Staatssekretär von Kiderlen-Waech^ ter statt und abends ein Diner beim Reichskanzler.

Mit Rücksicht auf den familiären Charakter des Be­suches des Kaiser Nikolaus am kaiserlichen Hose wurden nach einer Vereinbarung der beiden Souveräne feier­liche Anreden bei der Galatafel nicht gewechselt.

Der Kaiser verlieh derNordd. Allg. Ztg." zu­folge dem Verweser des russischen Ministeriums des Aeußern, Sasanow, das Großkreuz des Roten Adler­ordens, dem russischen Botschafter in Berlin, Grafen von der Osten-Sacken und dem Generaladjutanten, dem General der Kavallerie und Minister des Kaiserlichen Hauses, Baron Fredericksz, die Brillanten zum Schwarzen Adlerorden.

Der Kaiser von Rußland verlieh dem Reiche kanzler den St. Andreasorden und dem Staatssekretär von Kiderlen-Wächter den St. Ulexonder-Newsky- °rb^aifeT Nikolaus besichtigte nach dem Frühstück mit dem Kaiser den kaiserlichen Automobilpark; den Tee nahm der Kaiser Nikolaus beim deutschen Kaiserpaar.

genug, wie man doch auch fordern kann, diese wieder an bie wirkliche anknüpft. Jene andern genannten Stücke aber greifen so sehr in das Leben, das uns immer umgibt, ein, sie stellen so sehr wirkliche und großentheils auch bürgerliche Szenen dar, daß für mich hieraus nun bei Versen ein Mißverhältnitz zwischen dem Stoff und der Form entsteht. Ich verlange hiermit nicht diese Ansicht ber Sache zu vettheibigen: ich bin vielmehr schlechterdings der Meynung, baß eigentlich alles ächt pocttsche auch mettikch seyn müßte, um auch an ber Vollkommenheit der Form nichts einzubüßen." In solch ästhetische Spekulationen, bie auch die antiken und mobemen Silbenmaße oder die Theorie des komischen Helbengebichts bei einer Besprechung von GoethesReinecke Fuchs behanbeln, sucht sich Humbolbt bie Klarheit zu verschaffen, die ihm zum Blühen und Reisen seiner Persönlichkeit so notwendig ist. Es ist eine Zeit berAussaat", in der er lebt. Freilich ist rt sich bewußt, daß er ben Fehler hat,gar zu leicht alles,, was er lernt ober finbet, nur zu künftigem Gebrauch medev- zulegen," unb daß ernoch jetzt auf einer lecher nur zu breiten! Straße herumtaumelt." Cin Beweis bafür sind die fl^ugigen unb umfassenben Bettachtungen über Erziehung und Bildung, auf die ihn ber Gebaute an den Unterricht seines meriahrigent Töchterchens Karol ine,zu dem es nun doch nachgerade Zett wird ,

Hier werden bereits Ideen ausgesprochen, die dann Filter! derOrganisator des Geistes" bei feiner genialen Form des preußischen Erziehungswesens als Leitpunkt im Auge hatte. Hum- bolbt teilt in dieserKlassifikatchn aller intellektuellen, wißenschaft- lichen unb künstlerischen Tätigkeit" bie Wiffenfchasten ui vier Atten ein, bie technischen, spekulativen, ästhetischen und thw- logischen.Diese vier Fächer, nach benen sich auch enu^üterfaepe Geistesbilbung unb ein vierfacher intellektueller Charakter unter- scheiben läßt, sinb, dünkt mich, nicht allein völlig voneinander gefonbert, fonbern sie erschöpfen auch ,chlechterbmgs alles, tnaS den Geist des Menschen zu beschäftigen imi »tanbe ift.3«« Mensch nun sollte in bieser vierfachen Rücksicht audgebilbet sevN, aber bie Bilbung eines Jeden sollte von Emer Vorzugsweife auS- gehen, unb sie sollte bestimmen, in wie wett sich Mch Qtfi übrigen zu eigen machen müßte."

Der 3ar in Potsdam.

Neues Palais, 4. Nov. Die Kaiserin, sowie die Prinzessinnen des Königlichen Hauses erwarteten den Gast im Muschelsaale des dienen Palais. Hier war Empsang mit großem Vortritt. Die beiden Kaiser nahmen vor dem Neuen Palais den Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie des ersten Garderegiments zu Fuß und hierauf denjenigen sämt­licher Truppen, welche Spalier gebildet hatten, entgegen. Im Muschelsaale hatte eine Galawache deS Regiments der Garde du Korps und die Leibgarde der Kaiserin Ausstellung genommen. Der Kaiser und die Kaiserin geleiteten Kaiser Nikolaus nach den im ersten Stock gelegenen Räumen, den Roten Kammern, vorbei an der im großen Marmorsgale ausgestellten Schloßgardekompagnie. Der Kaiser und die Kaiserin verweilten einige Zeit in den Gemächern des russi­schen Kaisers, ebenso die Prinzen und Prinzessinnen und die drei kronprinzlichen Kinder.

Um 1 Uhr mittags sand Familientafel statt im Apollosaal, an der die beim Empsang anwesend gewesenen Prinzen und Prinzessinnen teilnahmen. Vor den Gemächern des russischen Katjers standen Unterofsiziere Ehrenposten.

Der Kaiser empfing heute abend. 7 Uhr den russischen Staatssekretär Sasanow, und der Kaiser von Ruß­land um 71/2 Uhr den Reichskanzler, dem er bei

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General-Anzeiger für Oberhessen LLsL

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politische Wochenschau.

Gießen, 5. Nov.

Wir stehen nicht im Zeichen großer Ereignisse, wenn man bie dem gewöhnlichen Sterblichen halb verschleierten Schiebungen im Oriente außer Betracht läßt. Der Besuch öc§ Zaren imb seiner Begleitung in Potsdam die Nord­deutsche Allgemeine Zettung hat es verkündet ist von keiner großen Bedeutung. Er ist von keiner Notwendig­keit dikttert und dient keinem vesttmmten Zwecke.Es mtspricht der bewahrten deutsch-russischen Tradition, daß iich die Herrscher beider Reiche öfters begegnen", so lautete Die amtliche deutsche Sprache. Ob der Zar tn den ftillen Tagen von Friedberg sich nach dem Kaiserhofe gesehnt hat? Schwerlich, denn in den ersten Septembertagen hat Die amtliche Presse mehrere Male verkündet, eine Begeg- mmg der beiden Herrscher stehe n i ch t in AuSsick)L Man hat denmach an dem He^nsbÄrürftris Zaren lange selber gezweifelt. Es wäre aber ausgefallen, wenn die übliche Zusammenkunft gerade diesmal unterblieben wäre, und so ertönt es in der Wllhelmstraße wie aus erleichtertem Herzen, das Wiedersehen sei nicht zweiselhatt gerne)ciu

Der Rücktritt Iswolskis mag den Plan des Zaren so lange in der Schwebe gehalten haben. Das ministerielle Belleidungsstück mußte zuerst in Darmstadt anprobiert wer­den; Sasairow schien einige Proberitte ablegen zu müssim, bevor man ihm das wichtige Amt endgültig anvertraute. Er hat auf der Durchreise schon mit den Berliner Diplo­maten gefrühstückt und sich vielleicht auch mit ihnen über Politik unterhalten. Wahrscheinlich hat er nur wegen dieser deutschen Besprechungen bie weite Reise machen müssen, und so wäre es schade, wenn die Potsdamer Begegnung wirk­lich nur dekorativen Zwecken dienen sollte. Man scheint auf beiden Seiten Fühlung nehmen zu wollen. Vielleicht wird auf dem Schachbrette, über dem die heutigen Staats­männer viel bedächttger und geduldiger brüten als zu Bismarcks Zeiten, doch, trotz maiicher Unentschlossenheiten, eine Lösung reifen.

Die russische Polittk unter Iswolski war in der letzten Zeit schwankend und unsicher geworden. Mit dem Zer­schellen von Iswolskis Balkanplänen stand man in Peters­burg unter dem Eindrücke des deutsch-österreichischen lieber- gewicht es. Wir können vorläuftg nur wünschen, daß über den Hofjagden, mit denen man heute den Zaren zu unter­halten hofft, die deutsche Stellung in würdiger Weise zur Geltung gebracht werde. Man kann dem Satze, den die halbamtlicheRossija" zu der Potsdamer Begegnung schrieb, in der Erinnerung an Bismarcks Vermächtnis nur zu­stimmen:Rußland und Deutschland, die in WirNichtett auf dem Gebiete des polittschen und wirtschaftlichen Le­bens wegen der geographischen Lage und wegen der histo­rischen kulturellen Mission" es ist fteilich eine Selbst­täuschung, wenn hier angenommen wird, Deutschland werde sich zum Dammwärter für eine russische konservative Weltanschauung hergebenkeine unversöhnlichen In­teressen haben, müssen sreundnachbarliche Beziehungen un­terhalten." Vielleicht lernt in diesen Tagen Rußland ein- sehen, daß es in der persischen Frage an Englands Seite unter Umständen einer dunklen Zukunft entgeaengehen könnte. Seit Eduard VII. nicht mehr unter den Lebenden ist, scheint der englische diplomatische Siegeszug doch ei­nigermaßen ins Stocken gekommen zu sein.

Während in Oranienburg die Büchse knallt und das Hift­horn erschallt, segelt das deutsche Kronprinzenpaar hinaus in die Welt. Die Reise soll nicht dem Vergnügen gelten, sondern der Vorbereitung Friedrich Wilhelms für seinen hohen, künftigen Beruf. Man rühmt dem Kaiserjohne Schlichtheit und Anspruchslosigkeit int Umgang mit an­deren Menschen nach, und aus Grund dieser Annahme ist

er dem Volke eine sympathische Erscheinung. Der Heranwach­sende Thronfolger hat schon bisher Gelegenhett zu manchen bedeutungsvollen Studien und Betrachtungen gehabt. Er ist in dem äußerlichen Glanz desneuen Kurses" auf- gewachsen und hat das Lohengrin-Schiff doch schließlich un­sanft landen sehen. Die letzten Stürme üoer die Sen­sation im Daily Telegraph und die Gottes-Gnadenreden sind noch in seiner Erinnerung. Er wird daher versuchen, in die Geheimnisse nüchterner Wirllichkett tiefer einzu­dringen, und die Fahrt nach Ostasien wird ihm reichen Gewinn bringen. Am besten ist es für einen Thronfolger, wenn er, unverfolgt von zudringlichen Augen und ganz seinem eigenen Streben überlassen, unterzutauchen vermag in das vielgestaltige menschliche Gewühl. So ist Eduard VII. ein praktischer und scharffinniger Monarch geworden. Der Lobpreisungen und Schmeicheleien bedarf der Kronprinz ganz und gar nicht. Daß er treu deutsch gesinnt ist, muß sich eigentlich von selbst verstehen, und seine Vorliebe für Sport und körperliche Uebungen teilt er mit vielen Alters­genossen. Die Reise soll also nicht zu einer Triumphsabrt werden, von der der amtliche Draht dann melden würde, der Kronprinz sei von großen Menschenmengen jubelnd begrüßt worden. Nein, vor ihm liegt eine Well von Wissenswerten, und weim er aus Ostajien mit einer Fülle bunter Eindrücke zurückkehren wird, so wird er das Buch Der praktischen Erfahrungen doch noch lange nicht zu­schlagen dürsen. So wichtig es ist, daß der künftige Kaiser sich im Auslande umsteht wo Eduard in langen Jahren als schlichter Prwatmann einen sicheren Blick und die an ihm gerühmten praktischen Kniffe sich aneignete, jo bedeutungsvoll für seine Stellung dem beutidjen Volke gegenüber wird es sein, daß er mit dem Fühlen und Denken aller Schichten des eigenen Landes sich vertraut macht. Der Absolutismus ist eine Regierungsform, die heutzutage nicht mehr möglich ist. Geräuschloses Zurück­treten hinter die verantwortlick)en Minister, Schlichtbeit und ^Duldsamkett, dies sind die Tugenden, die vor allem heute einen Herrscher dem Herzen seines Volkes näher­bringen. Daneben ist es ein Zeitbedürfnis, die byzan­tinischen Schlingpflanzen, die das kaiierfrohe Deutschland so lange und unheilvoll umrankten, allmählich gänzlich ab­zustreifen. Auch daM kann der Kronprinz, wenn er öde Schmeicheleien und hohle Feierlichkeiten nad) dem Bei­spiele des greifen bayerischen Prinzregenten (siehe unter Deutsches Reich") von sich weist, zu seinem Teile bei­tragen.