Nr. 30
T,t -tetzener Lnztt-« .rfrfjemt tdfl(id), außer Sonntag. - Beilagen: Diennal wocbentlich Ht^ewtrjyflTtiUifnblätttt, iweimal roödientLKieis« bl«tt für btn Kreis 6iefeen iTienslag unbtsreitaq); jmetnial monatL Land' »irlfchaftlicheseilfragen Seni|pred)'s21nfd)lüfie: Ar die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 ybrefie tot Devefchem
Auzet-er «tetze«. limabme von »nzeige« für die TageLuurniner bis oornüvags 9 Uhr.
Erstes Blatt
160. Jahrgang
Samstag 5. Februar 1910
Vezugsprevs: monaclich75M., viertel- jährlich Akk. 2.20; durch
©teneiier Anzeiger
B ■ ■ M Verantwortlich für den
polttsichru Teil: August
General-Anzeiger für Oberhefsen MW
Rotafionsörtitf und Verlag -er BrüblWn Unin.-Vnch- und Steindruckere« R. fange. Redattion. Lxpe-itlon und Drntferet: Schulftratze 1. Anzeigenteil: ö." Beck.
Die heutige Nummer umfahr 14 Seiten.
^esseschabe; gleichzeitig-dancte er für die'Berleihung'beeT^Uo Bluten mttte
Adels. finben mcht im Handumdrehen den Weg zum ruh,gen Alltag znrnck,
— Das alte Oberammergauer Vaterunser, die Aniregung zittert nach und giv'elt in den Lleges'eiern. die nach ■ Den zahl, eichen alten gereiniten Vaterunsern, von denen die altere bem harten Kample m allen Wahlkreljen festlich begangen,verden.
Gicszenev SiabUbcaUt«
als
Lrteralurgefchichte inanches berichtet, dürfen sich die schlichten Verse anretbeu. tu denen das Vaterunser des Oberammergauer Vaillous- ivieles vom Jahre 1680 gehalten ist. Es in als Tischgebet in das „Abendmahl" emgeschaltel lind entstammt dem Paismilsdrama des Marrer-s Johannes Al bl, das zum eritenmale im Jahre 160> in Weilheim au'ge'ührt wurde. Das Vaterunser lautet tu der ur-
deiii namen Herr geherlligt werd wie im Hiinl also auf Erd, zu khomb vimtz dem reich, dein willen las vnns durch dein gnad eifilleu, gib vnns heut vnnser Täglichs brodt, wah da zur Leell vnd leib ift noch, vnd vergib vnns Herr vmiser schuldt wie wür vergeben mit gedickt all vnuseru icbulbmexu auf erbten, las oiuib o Herr nit eingslerlh werdten in khein bÖBe Versuchung nit, wan vunß der böß femd anficht, erleß vims Herr au6 aller g'ar, ainen amen daß werdte wahr."
Eine Tankiagullg am Schlüsse wurde int alten Passiousspiel Choral gesungen:
„Dankhet den Herrn der grossen gnette lobt gott oub Herzen grimdls vnd genniette, der alles ftelsch auf erbten timet speisen
den vöglem auch thuet erweitzn, der vims hhiielt vnd alls gneils beraith, den sey lob vnd dancth in eivigkheit." Mit der im Jahre 1810 erfolgten endgültigen Prosabearbe,t,mg
-Wie die Engländer Wahlsiege feiern. Die wilde Erregung des Wahlkampfes in England, die während der
sprunglichen Handschrift:
„Vatter minier aller zugleich, der du bist in den Hnnel rerch,
dem harten Kampfe in allen Wahlkreisen festlich begangen werben. Dah der erfolgreiche Kandidat nach den Wochen iinruhevollen Zweifels einer Aufwallung ehrlicher Freude nachgibt, kann kaum Wunder nehmen, wenn auch manchmal der Triumph sich seltsame Formen erwählt. Als Air. I. C. Wedgwood in Neiveastle-imder Vrjme die langersehnte Kunde seines Sieges endlich in den bänden hielt, da kletterte er vor Freude auf das Denkmal seines Urqroö- vaters Josiah Wedgwood, des berühmten Erfinders, und bemalte das Standbild bei Morgengrauen mitden erfolgreichen Farben feiner Varlei. Aber dieses ehrwürdige Standbild des allen Wedgwood, fo erzählt eine engltfche Wochenschrift, war nicht das einzige Monument, das unter der Siegesfreude der Parteien zu leiden hatte. Als in Aylesbury der Hon. C. W. Rothschild gewählt würbe, da bemalten die Parleigäiiger des Abgeordneten die bronzenen Löwen, die auf dem Marktplatz von Aylesbury stehen, nut den Faiben ihrer Kandidaten, mit einem leuchtenden Gelb und. einem strahlenden Blau. Der Gememderat ließ dann am Morgen die Löwen säuberlich abwaschen, aber in der folgenden Nacht wurde die Bemalung erneuert, nur daß am Morgen die Löwen nicht mehr blangelb gestreift waren: diesmal hatte man den einen ganz blau und den anderen ganz gelb angemalt. Anders feierte William Johnson ferne Wahl, als er das Banner der Arbeilervarle, m Warwickshire zum Sieg geführt hatte. Ta der Kandidat nicht mehr m den Jahren war, wo man ohne grobe Schwierigkeiten Denkmäler erklettert, lieb er einen ganzen Ochsen und em echweut am Spiebe rösten Der Ochse »vog 880 Pfund, und 9 Stunden lang drehten kundige Hände in Bedworth den Spieß- -ter siegreiche Abgeordnete kam mit seiner Gattin eigens ans London, um das erste Stück Fleisch hernnterzuschneiden, Wie sehr die Wähler nut dieser Siegesfeier einverstanden waren, mag aus dem Umstand geschlossen werden, daß in kaum einer halben Stunde der ganze Ochse verzehrt war. In Peterborough wirb der Wahlsieg auf die gleiche Weise gefeiert, aber das Temperament der Wähler begnügt sich hier nicht mit dem gerösteten Ochsen unb dem gerösteten Schwein: es fordert ein großes Freiiben'euer. Als der Erwählte des Volkes, Air. Ereenwood, int Triumphzuge nach seinem Hotel fahren wollte, spannte man ihm die P'eibe aus und zog den Wagen bis zum Hotel. Tann aber wurde das leere töe- fährt un feierlichen Umzüge durch die Stadt gerollt, bis endlich der große Augenblick kam: ein Enthusiast zündele den Wagen an, und unter losendem Jubel fuhr man diese rollende Fackel durch die Straßen, dis Mr. Greeuwoobs Equipage nur noch em vamcheu Asche war..
Em JournaWenstreik in München.
Ein interessanter Konflikt ist in München au§ge* Krochen. Wer von den beteiligten beiden Parteien un Rechte ist, hängt davon ab, ob die Berichterstatter durch ihr Ausbrechen aus den Sitzungen die Ruhe gestört haben ober nicht. Es wird darüber gemeldet:
München, 4. Febr. Die Journalisten auf der Tribüne der Kammer der Abgeordneten erhielten heute den Auszug ans dem Protokoll über eine Sitzung des Direktoriums der Abgeordnetenkammer, worin zur Sbrache gebracht war, daß die Journalisten gegen Schluß länger dauernder Sitzungen mehrmals m ostentativer Weise zusammen die Plätze bet- lassen hätten. Das Direktorium bevollmächtigt den Präsidenten, den Journalisten die Auffassung des Direktoriums bekannt zu geben, daß dieses Vorgehen als ein unfreundliches, auffälliges und ungeeignetes erachtet wurde. Es sei Sache des Präsidiums, über die Dauer der Sitzungen zu entscheiden., Jeder Versuch der Journalisten, in dieser <yrage einen Einfluß auszuüben, werde mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Da nun heute außer der Vormittagssitzung auch eine Nachmittagssitzung
des Passionstextes - der 180 Jahre in Versen gehalten war — fiel auch die gereimte Form des Tischgebetes weg. In der end- gültigen Fassung oai 1850 hielt sich der Bearbeiter, Pfarrer Aloys Daisenberger, streng an den biblischen ^exl, unter Verzicht au’ manche dramatische Wirkungen wohl, aber in Wahrung einer wundervollen Reinheit der Form, bte den Weltruf der Ober anunergauer Passionsspiele begründete. Auch den Uufmbrunaen des Jahres 1910 wird der Dayenberger'sche Text zu Grunde liegen.
Renaissance.
Lustspiel von Franz von Schönthan und Fr. KöPPel-Ellfeld.
Die gestrige Ausführung des alten,,netten Lustspielchens Renaissance, das dem in fernem Kern schlummernden tragischen Keim nur gerade soviel EntwickelunL gestattet, als >üs zu einem heiteren Werklein passen mag, fand ni.cht nur sine recht freundliche, sondern in seiner Darstellung auch eine stellenweise stürmische Aufnahme. Dieser Erfolg tft in erster Linie Gusti Ney zu danken, die den lieben Trotz- lopf Vittorino mit lebensfroher Hingabe und strudelnder Herzlichkeit spielte. Die quecksilberartige Behendigkeit und das unaufhörliche Fluten wechselnder Knabenempfindungen gelang der seelenverwandten Künstlerin recht naturwahr unb auch überzeugend. Edgar Pauly tat sich als Severino besonders hervor und halte dank seiner humorvollen, lustigen Darstellung mehrfache Sonderersolge zu verzeich- < nen. Eine schöne, aemütstiese Erscheinung schuf Karl Volck als Pater, zu dessen treuer Gestaltung ihn Anlage | unb Neigung besonders geeignet erscheinen lassen. Erna Güldener spielte die Marchesa mit mütterlicher Sorglich- leit und warmem Empfinden, das an des Künstlers lodernder Lebensfreude zu inniger Liebe entfacht wurde. Dem Maler lieh Daubal die hinreißende Begeisterung einer sebstbcwußten Künstlerschaft. Lore Scholz gab die mutwillige Mirra trotz einer starken Erkältung sehr gefällig unb auch Ada Paulp ^ls Isotta und Luise v. Glo ed en als Coletta fügten sich gut in den Rahmen der Aufführung. — Daß die Abendstimmung durch einen grellen Lichtkeil für Augenblicke gestört wurde, was in der letzten Zeit häu- l'iiger vorkam, war nicht gerade erwünscht. N.
politische Wochenschau.
Gießen, 5. Febr.
Der Budgetausschuß des Reichstags hat bei der Beratung Über die Kolonien ein seltenes Bild der Einmütig- feit geliefert, und der Staatssekretär Dernburg hat sogar tas Lob seiner Feinde von der Reichstagsauslösung her qcerntet. Ein kleiner, interessanter Vorgang aber war verborgen geblieben, und in der Vollversammlung des Reichs - mgs am Donnerstag schoß er plötzlich als eine Sensation heraus. Wieder ein Streit der Regierung mit einem Bischof.
Samoa, wo kein Schulzwang herrscht, -hat die deutsche Legierung eine Simultanschule eingerichtet, die dem dortigen Herrn Bischof französischer Nationalität nicht gefiel. Herr Dernburg sprach Herrn Erzberger gegenüber mit erhobener Stimme. Soweit ist der geistliche Oberhirte gegangen, das; er die Katholiken, die jene Schule beschickten, Bit Exkommunikation bedrohte! Leider erfuhr man aus den Sehen'im Reichstag nicht alles. Wunderbar, daß der ganze Weitfall so lange gänzlich verschwiegen bleiben konnte.
Staatssekretär hat sogar das Kölner Domkapitel um snne Vermittlung angegangen, und dieses hat den schroffen v^erspruch des Samoaners unterstützt. Es ist seltsam, daß der redelustige Reichstag sich nicht volle Aufklärung Über den ganzen Verlauf dieser Verwicklung zu verschaffen rußte. Die liberalen Parteien unterstützten Herrn Dern- üra, ohne zu wissen, wie weit er auf seinem Standpunkt beharrt und ob er in dem Streit nicht schließlich doch ein Entgegenkommen gezeigt habe. Und am Ende rückte der Staatssekretär ganz gemächlich und gelegentlich mit der Bemerkung heraus, daß zurzeit katholische Priester in der Zamoaner Schule Religionsunterricht erteilten und Uebun- sien abhielten. Niemand fiel es ein, zu fragen, wie man i>enn schließlich zu einer Einigung in Samoa gekommen sei und ob denn der Bischof seine Haltung^jetzt geändert \4ibc. So berechtigt die Bemängelung ist, daß der französische Bischof in Samoa vierzig Jihre dort sei und dennoch nicht der Mühe wert gehalten habe, deutsch zu lernen, jo wenig würde man doch die Haltung der Regierung Wnen können, wenn sie dem Religionsunterricht anfänglich Schwierigkeiten gemacht hätte, um dann doch rhre Haltung i8t versöhnlichen Sinne zu änbern. Der Reichstag schemt biesen Dingen nur sehr schläfrig gefolgt ^u sein, und wenn tin Berichte zuverlässig sind, so haben dre unvollständrgen LMärungen des Staatssekretärs keineswegs eine erfolgreiche Großtat der Regierung festgestellt!
Wie einseitig und machtlüstern das Zentrum ferne Wege gcht, zeigte eine der letzten Ncummern der „Köln. Volks- zig.". Dort wurde eine vier Spalten lange klntersuchung darüber angestellt, wie weit die Schulparrtär in unserem hessischen Großherzogtum verletzt werde. Erfparnrsrücksrch- ren will der Verfasser dabei nur nach der Richtung walten lassen, wo nach seiner Meinung das konfessionelle Ueber- gewicht die ^agichate zu tief gesenkt habe. Und dann mb en Städte, Landorte, Zahlen und Klassen, Bergletch- ungen und Prozentsätze aufgetischt, daß einem schwrndelt. Ihn nur einiges Bezeichnende herauszugrei^en: Unter den 20 Direktoren der Gymnasien, Realgymnasien und Ober- cealschulen sind nur 3 Katholiken! Von den Direktoren her 8 Realschulen sind nur 2 Katholiken! Die 4 Räte an der Spitze der Schulabteilung sind alle Protestanten! Warum ist unter zhnen nicht ein katholischer Geistlicher? Voll stürmischen Eifers wird für Bingen die Umwandlung der höheren Schule in eine Vollanstalt gefordert, während der
die englischen Wahlen veränderten Verhältnissen und sich ankündtgenden Umwälzungen gar nicht zu reden.
In der Leitung der konservativen Parier schemt man ich dessen bewußt zu sein, daß die bekannte Fanfare des Abgeordneten von Oldenburg-Janusck)au zu feiner unge- egeneren Zeit hätte kommen können. Darum hat der onservative Führer v. Heydebrand am Donnerstag auf dein Parteitag in Hildesheim vor der amtlichen Bekanntgabe >cr preußischen Wahlreformvorlage eine sehr versöhnliche Rede gehalten. (Sie steht im 3. Blatt unserer heutigen Ausgabe.) Einige charakteristische Sätze dieser sehr geschickten, überlegenen Taktik: „Wir wollen an den verfassungsmäßigen Rechten des Volkes nicht rütteln lassen/ Das ist wie eine Einleitung zu den Wahlrechtserörterun-' gen. „Wir wünschen ein freies Volk, wir wissen, daß auch in der Freiheit sich eine starke Autorität bewähren ^kann. In der Tat kann die Liebe freier Männer auch den Thron viel stärker schützen als.andere Mächte." Das ist em außerordentlich wohlllingendes Echo hinter der preußischen Drill- Rede des Herrn v. Oldenburg. Wie fein bedacht der konservative Führer vorgeht, beweißt auch der offenbar auf die Einführung der Schissahrtsabgaben deutende Satz, „Wir wünschen auch einen starken und kräftigen Bundesstaat, in dem jeder einzelne Staat sich in seinen berechtigten Eigentümlichkeiten und seiner selbständigen Eig'ntümlichkelt aufrecht erhält. Warum wünschen wir das? Weil wir die deutsche Eigenart und die deutsche Geschichte kennen, well wir wissen, daß, solange es ein Deutschland und ein deutsches Volk gibt, es deutsche Stämme gegeben hat, die ihrer Eigenart nur soweit Opfer gebracht haben, als notwendig war, um das große Ganze , < t sichern. Wir dürfen uns von den letzten Wurzeln unseres deutschen Volkstums nicht trennen."
Man begreift es, daß die „Natronalliberale Korresp. heute schrieb: „Wandelt seine Partei wirllich die Wege, die er mit beschwingtem Znße voranzueilen scheint, dann könnten wir einer besseren Zukunft entgegensetzen. Vorderhand aber müssen mit die Taten abwarten." Mochte dw tonservative Partei die in der Heydebraudschen Rede niedergelegten Grundsätze immer mehr sichtbar verwirllichen! Der Redner spendete auch dem vielbetampften Bunde der Landwirte ein reiches Lob, und hier wird natürlich in der Presse der Linken der Widerspruch einsetzen. Immerhin möchten wir den ruhigen, sachlichen Ton, den würdigen Beiklang idealer Aufsagungen in der Hildesheimer Rede als em Muster politisch taktvoller und wirkungsvoller Tätigkeit gelten lassen.
Iinanzreiormerische Eifer des Verfassers die „lleberproduk- tion der gebildeten Stände" als eine große Gefahr Ichil- dert und die Ueberflüssigkeit solcher höheren Lehranstalten feststellt, wo die Zahl der katholischen Schuler klein ist. Eine musterhafte Forscherarbeit! Aber nicht nur von der Schule handelt sie! .
Unter hen 3 Ministern des hessischen Staates ist kein Katholik. Don den diesen Minisdem unterstellten, zahlreichen Raten find mir 1 int Justiz- und 2 im Finanzministerium Katholiken. Von den 18 Kreis täten des Landes ist keiner Katholik. Unter den Ät e iß am tmä irner n sind keine 6 Katholiken. Tas gleiche gilt von den Kreisärzten.
Ob solche Berechnungen verständigen Katholiken wirklich Spaß machen werden? Die „Köln. Polkszig." stellt es natürlich so dar, als wolle der Staat die Katyoliien absichtlich zurücksetzen. Wir erinnern uns, daß dasselbe Blatt vor einiger Zeit selbst festgestellt und bedauert hat, daß die Katholiken nur wenig zahlreich sich akademischen Berufen zuwenden. Ist denn die konfessionelle Trennung und Scheidung in einem einigen Volk von Brüdern wirklich ein solches „Ziel, aufs Innigste zu wünschen?" Wir smd die letzten, die der Schule Die Bilder der I ieale Entziehen wollen, schließen uns denen nicht an, die dem nüchternen, rein verstandesmäßigen Schulbetrieb allein die PAwe zuiell werden lassen wollen. Die hehren Ziele der christlichen Weltordnung, die Bewunderung und Ehrfurcht vor dem Göttlichen und Schönen sollen uns nicht verloren gehen. Aber der Menschen spaltende Fanatismus dient dem Höchsten nicht, eifernder und Herr chsüchtiger Eroberergeist ijt nicht mehr der frommen Duld amkeit fähig, die ein unentbehrlicher Schmuck des Christentums ilsd.
Immer noch werden die Deutschen in verschiedene Lager getrennt durch Bestrebungen, die allzu kurzsichtig nur das Nächste ins Auge fassen. Preußen hat, wie wir gestern mitteuten, im Bundesrate einen Beschluß für die Schifs- sahrtsabgaben durchgesetzt. Schon allein der verhetzende Kamps darum war dem Reichsgedanlen nicht förderlich. Jetzt sind 5 Bundesstaaten, Sachsen, Baden, Hessen und zwei thüringische Kleinstaaten, überstimmt worden, und dem führenden preußischen Bundesstaat schlagen die deutschen Herzen nicht gerade einhellig entgegen. Es war nicht notig, daß man um diese finanzielle Frage die Zwietracht der deutschen Stämme heraussorderte. Wir wollen die ost erörterte schwierige Frage der Schiffahrtsabgaben hier nicht von neuem ausrollen: sie sollte besser ungelöst bleiben, denn zu mannigsaltia sind oie weit auseinandergehenden Interessen, so daß die Staatseinnahmen durchaus nicht entscheidend ün die Wagschale fallen dürften. Während das Einigende gesucht werden sollte, hat man den Hader in Deutschland vermehrt. Es ist begreiflich, daß der Kanzler von den brandenden Wogen beunruhigt wird, denn unser Ansehen im Auslande ist gesunken, die Kräfte un Innern sind arg zersplittert, und gegen den kaiserlichen Kurs in der neuesten auswärtigen Politik kann auch ein kühner Steuermann nicht leicht und von heute auf morgen angehen. Gegen die Mücheimer Aufforderung, die in der Form über das Zweckmäßige hinausschoß, fiel die schroffe Zurückweisung. Aber Herr von Bethmann-Hollweg wird sich sagen münen, daß sich ihm dennoch eine schwere und ernste Entscheidung naht. Des Voltes Stimme — es sind bet weitem nicht nur die Alldeutschen — in einer erwiesenen und brennenden Notlage darf nicht ungehört bleiben, auch wenn ein Höfling dabei strauchelt oder bei der höchsten Stelle ein Manneswort gesprochen werden muß. Jeder Tag kann neue Gefahren bringen, die Fäden Zwischen Wien und Petersburg dürfen uns nicht gleichgültig fein, und über dem Ballan zieht schweres Ge.völk herauf. Von den durch
. — L^err W. von Shakespeare in Mainz. Bei
tont Gastspiel der Sorina als Edvita, über das wir gestern I'hon berichteten, stand auf großen Plakaten zu lesen: ^Veh' dem, der lügt, Lustspiel in fünf Akten von von Shakes Pear e." Noch in der Nacht traf ein
-^egramm aus dem Reich der llnsterblichan an die Theater- Wuntj ein, in dem der Dichter bat, ihm ein Exemplar seines -u-stsptels zu. senden, da er den Inhalt vollständig ver-


