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6.9.1910 Erstes Blatt
 
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Nr. 208

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich SiehenerZamilienblStter; zweimal wöchentl.Areis- blott für den Areir Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Seilfragen Fernsprech. Anschlüsse: für die Redaktion 113, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen

Anzeiger Gießen.

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Erstes Blatt 160. Jahrgang Dienstag 0. September 1910

Gießener Anzeiger

vJF MM Lhesredakteur:A.Goetz.,

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Genera!-Anzeiger für Gberheffen SM

Rotaüsnsdnick und Verlag der SrShk'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange. Redaktion, Lxpedttion und Druckerei.- Schuiftrafte 1 @^=6®Än

_______ __________________ u Anzeigenteil: H. Beck.

Bekenntnis anhingen, mag hier mir nebenbei erwähnt sein; ebenso wie die Tatsache, daß die Großmutter des Prinzen Ludwig Protestantin war. Es ist und bleibt jedenfalls aufs äußerste bedauerlich, daß die'vielen Beziehungen, die Mischen .Staat und Religion laufen man denke nur an den Eid von einem Fürsten wie Prinz Ludwig in dem Fall für außerhalbechter und wahrer Religion" liegend erklärt werden, wenn es sich um Aeußerungen evange­lischer Frömmigkeit handelt. Prinz Ludwig mag bei seiner Rede das von ihm angeschnittene Problem in dieser Schärfe nicht gefaßt haben, die Frage ist dessenungeachtet frei: was die deutschen Katholiken, was vor allem das Zentrum dazu gesagt hätte, wenn ein protestantischer Fürst von dem Range des Prinzen Ludwig, gesetzt den Fall, daß die Weite protestantischer Weltanschauung das zugelassen, in dieser Weise diewahre und allein echte Religion" nur für die Angehörigen der evangelischen Konfession in Anspruch ge­nommen hätte. Man kann sich den Sturm, der dann ge­tobt haben würde, einigermaßen ausmalen. Wer aber das eine mcht will, muß das andere lassen. Hier das Wort des Kaisers an den Beuroner Abt, daß beide christliche Konfessionen in gleicher Verehrung zum Kreuze Christi auf- schauen, dort das Wort des bayrischen-Thronfolgers, wenn anders es wirklich so gelautet hat: Ich bin überzeugt, daß die katholische Religion die einzig wahre und echte Religion ist wahrlich, mit dem Schlagwort von dergemeinsamen christlichen Weltanschauung", gegen das Papst und Bischöfe geeifert, ist's nun ganz vorbei. Selbst ein bayrischer Prinz hat sich Zeit genommen, es noch einmal totzuschlagen. Den Protestanten bleibt nun übrig, auch weiterhin durch Wort und Tat zu beweiesn, daß sie chre Religion für ebenso wahr und echt halten wie Prinz Ludwig die seine, mögen auch Zentrum und Ultramontanismus, denen der konfes­sionelle Frieden doch ein ewig unfaßbarer Begriff ist, frohlockend und triumphierend ans Werk gehen, um aus dem bayrischen Fürstenwort Münze für ihre besonderen politischen Zwecke zu schlagen.

Eine aufsehenerregende Rede des priNM Ludwig von Bayern.

Nach Mitteilungen der Tagespresse (Däg" 5. Sept. Nr. 449, ,Leipz. N. Nachr." Nr. 245) hat der bayrische Thron- folaer um die Zeit der Marienburger Rede des Kaisers in dein bekannten Wallfahrtsort Altötting bei Gelegen­heit der Grundsteinlegung dar St. Anna-Kirche ein reli­giöses Bekenntnis abgelegt, das erst jetzt von Zen­trumsblättern in der weiteren Oeffentlichkeit verbreitet wird. Aus der Rede werden folgende markante Stellen wiedergegeben:

Der Prinz begann:Ich danke dem lieben Gott, daß ich von katholischen Eltern abstamme und in der katholischen Re­ligion erzogen worden bin ... . Ich bin stets für unsere ka- lholische Religion eingetreten, weil ich überzeugt bin, daß sie die einzig wahre und echte Religion ist.... Diese meine innerste Ueberzeugung habe ich jederzeit kundgetan, nicht um äußere Ehren und Anerkennung zu finden, sondern weil es meine tiefste religiöse Ueberzeugung ist.... Die katholische Religion gestattet ledem Katholiken,, Toleranz gegen Anders­gläubige zu üben. Es ist falsch, anzunehmen, daß die Ueber- zeugung Andersgläubiger von uns Katholiken nicht hochgehalten werden dürfe. Desgleichen verlangen auch wir, daß gegen unsere Ueberzeugung Toleranz geübt wird."

Daß diese Rede Aufsehen erregt hat und die Zentrums­presse mit Entzücken von ihr Kenntnis nimmt, kann man verstehen. Trotzdem wird man ein endgültiges Urteil bis zum Bekanntwerden des vollständigen Textes verschieben müssen. So wie jetzt ihre markantesten Sätze tauten, wird man mit gutem Recht zweifeln dürfen, ob die Zentrums­blätter dem Prinzen einen guten Dienst erwiesen, als sie die vielleicht nur für einen engen Kreis bestimmte und auf ein besonderes Milieu zugeschnittene Rede in die öffentliche Debatte warfen. Es ist nun aber geschehen, und man wird darum auch nicht mehr an der Rede vorbeikommen, ohne zu ihr Stellung zp nehmen. Es wird das um so we­niger möglich fein, als hier ein Prinz gesprochen hat, der zur Thronfolge in einem keineswegs rein katholischen Land bestimmt ist. Als König oder Regent von Bayern wird Prinz Ludwig, abgesehen von den Tausenden Nichtchristen, auch über mehr denn zwei und eine halbe Million Prote­stanten, nicht die schlechtesten Staatsbürger, herrschen, er wird an der Spitze eines paritätischen Staates stehen und wird zur evangelischen Landeskirche in ein gesetzmäßig be­gründetes, staatrechtliches Bertrauensverhältnis treten. Das darf gewiß, alles nicht hindern, daß er sich zugleich als ein treuer Sohn der katholischen Kirche, der er sein will, fühlt und dem Ausdruck gibt; das ist sein gutes Recht, und kein religiös empfindender Mensch wird etwas dawider haben, wenn er davon Gebrauch macht. Aber wenn das in so scharfen Wendungen geschieht, wie die von der einzig und wahren und echten Religion" eine ist, dann läßt es sich nicht vermeiden, daß sich in dem starken Drittel seines späteren Volks, das nicht biejereinzig wahren und echten Religion" angehört, ein überaus bitteres Gefühl regt. Vdtt der Betonung derToleranz", die auch das ka­tholische Bekenntnis nicht hindere, wird da nichts gut ge­macht, selbst wenn darin ein leiser zarter Wink an Roms Adresse gesehen werden könnte. Auch dem übrigen prote- - stantrschen Deutschland samt Den evangelischen Bund es fürsten kann es nicht gleichgültig sein, wenn so prononziert katho­lische Töne von einer solchen Stelle angeschlagen werden, so kurze Zeit nach den massiven Beleidigungen, die der Papst in seiner Borromäusenzykiika gegen eben diese Nachkommen der Reformation geschleudert hat. Daß die Vorfahren der heute in Bayern regierenden Wittelsbacher gleichfalls zu den verkommenen" Fürsten gehört haben, die dem evangelischen

Line neue Raiserrede.

Stolp, 5. .Sept. Der Kaiser und die Kaiserin sind heute nachmittag 1V2 Uhr hier eingetroffen und be­gaben sich unter stürmischem Jubel der Bevölkerung zum Stephansplatz, wo das Kais er-Wilh elm-Den km al feierlich enthüllt wurde. Der Kaiser hielt bann im Rathau.se bei der Entgegennahme des Ehrentrunkes folgende Rede:

,^Jch bitte Sie, im Namen Jhrex Majestät der Kaiserin und in meinem Namen den herAichsten und tiefgefühltesten Dank für den begeisterten Empfang an die Bürgerschaft der Stadt Stolp zu übermitteln. Wir sind mit Freuden der Einladung ber Stadt gefolgt, um auch diesen Landesteil zu besuchen, dessen Treue erprobt ist während seiner Zugehörig­keit zu unserem Hause, besonders aud) durch die Waffen­dienste seiner Kinder. Ich bin um so lieber gekommen, als die Stadt Stolp sich den Tag unseres Besuches dazu ausgesucht hat, um das meinem seligen Großvater gesetzte Denkmal zu enthüllen. Die Stadt hat damit einen Beweis patriotischen Fühlens gegeben, welcher der Bürgerschaft in jeder Beziehung Ehre macht. Die lange Geschichte, die die Stadt Stolp hinter sich hat, teilweise voller schwerer. Prüfungen, beweist, daß die Bürgerschaft niemals in ihrer Treue zu unserem Hause gewankt hat, von dem Zettpunkte an, wo sie unter die Herrschaft der Hohenzollern gekommen ist. Daß die Stadt tm Laufe der letzten Jahrzehnte sich so schön hat entwickeln können, ist von Ihnen zutreffend dem langandauernden Frieden zugeschrieben worden. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß die Stadt auch fernerhin in Ruhe unb Frieden sich ihrer Entwicklung widmen kann.

Soweit mir ein kurzer Ueberblick hat zeigen können, habe ich mich überzeugt, daß auch bei Ihnen die Traditionen; der Vorfahren hochgehalten werden. Ich freue mich, Ihnen zum Bau des Rathauses Glück wünschen zu können, in welchem ich nunmehr auf das Wohl, die Zukunft und die weitere Entwicklung der Stadt diesen Pokal leere.

Rücktritt 3$wol$ti$?-

Berlin, 5. Sept. DieTägl. Rundschau" berichtete Wie uns aus Petersburg von besonderer, stets gut unter* ridjteter Seite gedrahtet wird, steht es nunmehr fest, daß der Zar in die Entlassung Iswolskis als Leiter der auswärtigen Politik Rußlands g e wi ll ig t hat. Is­wolski wird als Botschafter nach Paris gesandt werden. An seine Stelle tritt Unterstaatssekretär Sassunow, der früher Gesandter beim Vatikan und Botschaftsrat in London war. Die von der Presse wie seit Jahren so auch in diesem Sommer verbreitete Nachricht, daß Graf Osten-Sacken von seinem Berliner Botschafterposten zurücktreten werde, wird von der russischen Regierung alszurzeit nicht zutreffend" bezeichnet.

Deutsches

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Aus Kronberg sind Ge-, ttichte in die Presse gelangt, nach denen ein Besuch des' Kaisers auf Schloß Friedrichshof bevor stehen soll' Hinzugefügt wurde, daß dort eine Begegnung des Kaisers Wil­helm mit dem Zaren oder vielleicht auch mit dem König von England erfolgen könnte; nach früheren Meldungen sei für eine deutsch-russische Monarchenbegegnung Wiesbaden in Aussicht ge­nommen. Wir möchten feststellen, daß alle diese Angaben müßige Kombinationen sind. Richtig ist, daß bei seiner Ankunft auf deutschem Boden der Zar ein herzliches Telegramm an dertz Kaiser Wilhelm richtete, das ebenso herzlich erwidert wurde.

1 Nach einem Kieler Blatte verbreitete daS Herold-Bureau, daß der Kaiser das Abschiedsgesuch des Generalobersten Freiherrn von der Goltz genehmigt habe und daß der General als Generalinstrukteur der türkischen Armee nach Konstantinopel gehe. Nach demBerliner Tageblatt" ist beides falsch. Richtig sei nur, daß dem General ein 45 tägiger Urlaub zur Teilnahme an! den türkischen Manovem bewilligt wurde. DasMilitär­wochenblatt" meldet: Generaloberst von der Goltz ist für die Zeit vom 6. September bis 11. September zur Vertretung des erkrankten Chefs des Generalstabs der Armee kommandiert.

DerReichsanzeiger" gibt die Entlassung des Unter* i ftaatssekretärs int Ministerium der öffentlichen Arbeiten Fleck unter Verleihung der Brillanten zum Roten Adlervrden erster Klasse mit Eichenlaub bekannt. Ministerialdirektor Stieger ist zum Unterstaatssekretär, der Präsident der Eisenbahndirektion: Berlin Behrendt zum Wirklichen Geheimen Oberregierungsrat und Ministerialdirektor im Ministerium der öffentlichen Ar­beiten, der Vorttagende Rat in demselben Ministerium Rüdlin zum Präsidenten der Eisenbahndirektion Berlin ernannt.

Staatsminister a. D. Ho brecht in Groß-Lichterfelde, ber frühere Oberbürgermeister Berlins, begeht am Attttwoch seine diamantene Hochzeit.

In Dresden ist Lord Roberts mit Gefolge ein- getr offen. Am Bahnhof waren der englische Ministerresident Grant Duff, sowie der englische Konsul anwesend. Lord Roberts nahm: bei dem englischen Ministerrefidenten Wohnung, während das Gefolge im Hotel Bellevue abstieg.

Die Königin von Schweden ist am Montag nach-, mittag in Konstanz eingetroffen und hat sich alsbald zuml Besuch ihrer Mutter, ber Großherzogin Luise, nach Schloß Mainaü begeben.

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AuslanS.

In Paris wurde unter dem Vorsitze des Ministers der) öffentlichen Mrbeiten, Millerand, die zweiteinternational ej Konferenz der Techniker der Telephonverwal­tungen eröffnet; es sind 22 Staaten vertreten.

Die Deutschen in Reims M6.

Der Vormarsch der deutschen Truppen auf Paris hatte begonnen. Das eben erst aus der Heimat eingetroffene 6. Korps unter General von Tümpling bildete im Verein mit der 5. und 6. Kavallerie-Division gleichsam die Spitze der 3. und 4. Armee. Der Marsch ging durch die Cham­pagne in der Richtung Rethel-Reims, wo die Ansamm­lung größerer französischer Streitkräfte auf Grund ver­schiedener Meldungen vermutet wurde. Doch stellte sich diese Annahme als falsch heraus; geordnete Truppenmassen wurden nirgerrds an getroffen, wohl aber traten überall die Franktireurbanden mit großer Verwegenheit auf unb zeig­ten sich bie Bewohner ber Champagne allenthalben höchst widerwillig unb aufsässig. Anbererseits wieber legten sie eine gewisse Scheu und Angst vor den Deutschen an denj Tag, weil ihnen eingerebet worben war, biese barbarischen Horden ständen mit den afrikanisck)en Hilfstruppen der Fran­zosen auf gleicher Stufe und wären tückisch und grausam; besonders auf bie kleinen Kinder hätten sie es abgesehen, benen sie stets mit Wollust bie Köpfe ab schnitt en! Daher fanben bie preußischen Reiter, bie am 4. September, ohne auf Wiberstanb zu stoßen, in bie alte französische Krö- nungsstabt eindrangen/oen Ort fast menschenleer und ohne Verkehr: Die Läden und Cafehäuser waren geschlossen unb bie Bewohner hatten sich entweder nach Paris ober sonst­wohin geflüchtet ober hielten sich in ihren Häusern ver­steckt. Die Stabt selbst würbe stark mit Truppen belegt, der größere Teil des deutschen Korps aber in den Vor­städten und Nachbarorten, untergebracht. Schon als die Besatzung am 4. unb 5. September mit Musik eingerückt lvar/ hatten Neugier unb Leichtlebigkeit einen Teil ber Bevölkerung aus ihren Verstecken hervorgelockt. Als aber am Nachmittage bes 5. September das beutsche Haupt- quartier eintraf, ba hatte sich die Zahl Derer, die ihre Ueberwinder, wenn auch mit Gefühlen ber Feinbschäft und bes Hasses, aus ber Nähe be­trachten wollten, ganz beträchtlich vermehrt. König Wilhelm nahm in dem Paläste des Erzbischofs Wohnung, Der neben Der Kathebrale Notre-Dame liegt. Bald nach seiner Ankunft hielt er auf bem Hofe des Palastes eine

Ansprache an bie versammelten Offiziere, in welcher er in großen Zügen ben bisherigen Verlauf bes Kampfes schilderte und einen Blick in bie Zukunft warf, bazwischen überall hulbvolle Worte ber Anerkennung unb bes Dankes ben Truppen unb ihren Führern spendend. In bessen ent­wickelte sich in ben Straßen ein immer bunteres unb be­wegteres Leben: bie in der Stadt einquartierten Truppen benutzten ihre freie Zeit, um sich bie verschiebenen Sehens- mürbigteiten des alten Reims zu betrachten, und auch die außerhalb liegenden Truppenteile bekamen, sowett es ber Dienst zuließ, Urlaub in bie Stadt, so daß bald tausende unb ab erlauf enbe beutsche Soldaten alle jene Stätten durch­wanderten und anstaunten, an denen einst bie französischen Könige gesalbt worden waren, die Jungfrau von Orleans ge­weilt hatte usw. Unb als abenbs gar ein großer Zapfenstreich ftattfanb unb bie Musikkapellen an verschiedenen Plätzen ihre lustigen Weisen ertönen liegen, ba kamen auch bie letzten Zaghaften aus ihren Verstecken hervor; jung und alt, Männlein unb Weiblein, mischten sich unter bie beutsche Solbctteska, unb bald konnte man auf schnell improvisierten Tänzplätzen bie flinken, leichtblütige.. Französinnen sich mit bengrausamen Barbaren" lustig im Tanze drehen sehen, während andere in dichten Scharen Die Wohnungen der deutschen Heerführer umlagerten, um bie Besieger ber glor­reichen französischen Heere einmal von Angesicht zu Arv- gesicht zu sehen. Auf Stunden war alle Feindschaft ver­gessen und beisettegelegt, bis des Dienstes immer gleich­gestellte Uhr bie .Soldaten in chre Quartiere rief unb ber nächste Tag ben blutigen Emst ber Zeit wieber grausam vor Augen führte.

Die Frauen und die Wissenschaft. In ber von Gabriele v. Lieber, Meta Haurmerschlag und Hanns Dorn herausgegebenen MonatsschriftFrauen-Zukunst" (Frauen-Verlag München und Leipzig) schreibt Hanns Dorn u a. folgendes: Drei Typen kann man deutlich unterscheiden unter den wissen­schaftlichen Frauen der Gegenwart. DieDoktorandin": Spe­zialistin irgend eines Teilgebietes, Kleinarbeiterin in ein paar Einzelfragen. Sie hat eine gute Schule Durchgemacht, sie beherrscht Die Methode, sie ist fleißig und gründlich und schwört auf des Meisters Worte; aber sie steht immer nur einen Teil und nie Das Ganze, und sie hat selten einen eigenen neuen Gedanken. Ihr

ganzes Leben lang schreibt sie Dissertationen. Das Gros der?' akademischen Frauen unserer Tage ist von diesem Typ. Wenn bi« Doktorandin ihr Genie entdeckt hat, bann verläßt sie das engej Gebiet ber Spezialforschung. Ihr Drang zum UniversalismuÄ erwacht, sie unternimmt den großen Wurf. Sie schreibt einet Jdeengeschichte, aber sie bleibt nach einer mutigen Einleitung mübcj am Wege liegen. Ein Rennpferd, das mit Bravour einsetzt^ aber bas Tempo nicht durchhält. Am AnfangGenie" und amfl Ende Kompilatorin. Sie sieht das Ganze und will das Ganze,s und sie merkt selber kaum, wie ihre weltumspannenden Gedanken- nur von Größeren geborgt sind. Von ganz anderem Schlage ist Der dritte Typ:Die naive Forscherin" möchte ich sie nennenj Sie hat wenig oder gar nichts gelernt, sie hat keine Schulung, unb weiß nichts von Methode: sie ist ungeübt in jeder Kritiy unb sie kennt feine Quellen und Fundorte. Sie arbeitet mit un­vollständigem Material. Nur was der Zufall ihr unter die Händei führt, findet Beachtung. Aber sie wagt sich mit Dem dürftigsten.' Rüstzeug an die letzten Fragen. Sie schreibtsozialhistorische" Aufsätze, machtpsychologische" undphilosophische" Untersuchun-^ gen unb hat nie ein Elementarbuch dieser Disziplinen zu Endck gelesen. Einen Gebankenkomplex, zu dem ein normaler Mamy zwei dicke Bände braucht, bewältigt sie in einer flotten Broschüre. Sie empfängt die Kinder ihres Geistes in Wahrheit unbeflecktes Empfängnis. Die meisten Führerinnen der Frauenbewegung, so­weit sie auch die Feder führen, gehören in diese Gruppe. Stt wissen das Endergebnis ihrer Arbeit schon ehe sie am Anfang stehen. Sie akzeptieren Material, das ihre Hoffnungen bestätigt,! mit unschuldsvollem Kinderglauben. Tatsachen aber. Die Demi Lauf ihrer Gedanken störend in den Weg kommen, lehnen sie ab> mit der stillen Gebärde des Ueberlegenat, ober mit dem Fanatis-^ mus des beleidigten Idealisten. Aber sie haben keine Ahnung, von der FunbanteMlosigkett ihrer Arbeit. Wenn du ihnen klar machen willst, daß sie aus der Wissenschaft ein unehrlick)es Ge­werbe machen, werden sie brr ungläubig lächeln. Sie sind stolz, daraus, daß sie von keiner Trabition belastet unb daß sie frei sind," von dem Alexandrinertum männlicher Kleinkrämer.

Eine keltische Kunstausstellung. Zu dem nationalen Eisteddfod, das am 13. September in Colwyn Bay er­öffnet wird, ist diesmal auch eine keltische Kunstausstellung vor­bereitet worden, au der außer privaten Sammlern auch Das? South Kensington-Museum in London und das Walliser National­museum in Cardiff wertvolle Kunstgegenstättde beigesteuert haben. Die Kelten haben zwar keine sehr reiche Kunst hervorgebracht, aber' sie haben doch in einzelnen Künstlern wie Richard Wilson eine?, eigenartige künstlerische Begabung bewiesen und Werke voll! zarter Empsiridung hervorgebracht.