Ausgabe 
1.4.1910 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

monatlich 7öM., viertel­jährlich Mk. 2.20 . durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch die Post Pik. 2.Viertel­jahr!, ausjchl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal I5Pf., aiLswärts 20 Pfennig. (Lhejredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für .Feuille­ton" undVermischtes" K. Neurath; fürStadl u. Land" undGerichts­saal": E. Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Wir wollen heute den Blick auf die sorgenvolle Gegen­wart nicht zu düster niebcrfenfen, sondern an den Lehren und dem Geiste Bismarcks uns cmporrichten. Noch sitzt das junge Reich machtgebietend im Sattel, ob gleich das Roß langsamer und zögernder dahinschreitet, als in den Tagen, da die eiserne Faust seine Zügel führte. Das Reich könnte größer dastehen. Wir haben schlechte Handelsverträge ab­geschlossen, unlogisch gehandelt und eine passive Rolle ge­spielt, die für die Dauer auf die politische Erziehung und den deutschen Vollsgeist unheilvoll einwirken müßte. Wenn heute eine ernste Notwendigkeit ausgesprochen werden muß, jo ist es die, daß Wer den deutschen Stolz, das gemein­same Verlangen der Voltsgenossen nach Achtung und Er­folgen in der Welt, kein Mehltau gestreut werde. Davon hängt auch das wahre Staatsgefühl, der. Sieg über Partei- zerrissenheit, ab. * Wenn dassaturierte" Reich wirtschaftlich stark und zufriedenstellend dasteht, so ist die Notwendigkeit einer schaffenden Politik in den höchsten Aemtern doppelt groß! Jeder neue Abschluß eines Handelsvertrages wird die Rückwirkung unseres Systems der auswärtigen Politik offenbaren.

Wie Bismarck jederzeit eine aktive auswärtige Po­litik forderte, das hat er schon in seinem Briefwechsel mit dem General v. Gerlach ausgesprochen, als er 1857 klagte, daß Preußen sich nur darauf beschränke, die Steine, die in seinen Garten fielen, aufzusammeln und den Schmutz, der es anfliege, abzubürsten. Befindet sich heute das Reich nicht in einer ähnlichen Lage? Tann müssen wir des schaffenden Bismarckschen realpolitischen Dranges uns er­innern, der immerfort nach positiven Plänen, Bündnissen oder anderen Grundlagen des Einflusses spähte. Stillstand ist Rückschritt. Auch Bismarck hat die quälende Sorge über den ungewissen Ausgang mancher seiner Unternehmungen wohl gekannt. Aber das hinderte ihn keinen Augenblick, stets eine Politik der Entschlossenheit zu treiben. Er hat sein innerstes Empfinden darüber in seinenGedanken und Erinnerungen" ergreifend,311m Ausdruck gebracht, wie er von den inneren Kämpfen spricht, die bald nach der Reichs­gründung einsetzten:

Ich habe natürlich während der bewegten und gelegentlich stürmischen Entwicklung unserer Politik nicht immer mitSicher heit voraussehen können, ob der Weg, den ich eimchlug, der richtige mar, und dock war ich gezwungen, so zu handeln, als ob ick die Wirkung der eigenen Entschließungen auf dieselben mit voller Klarheit voraussehc . . ." Tie Erwägung der Frage, ob eine Entschließung richtig sei, und ob das Festhalten und Durchführen des aus Grund schwacher Prämissen für richtig Er­kannten richtig sei, hat für jeden gewissenhaften und ehrliebenden Menschen etwas Aufreibendes; es wird verstärkt durch die Tat- fadje, daß lange Zeit vergeht, oft viele Jahre, bevor man in der Politik sich selbst überzeugt, ob das Gewollte und Geschehene

Sorgen der Lrauzosen und Engländer über ihre VehrmachL.

In London ist die kürzlich erschienene amtliche, Berichtigung derNordd. Allg. Ztg." wiederum zum Gegenstände parla­mentarischer Erörterungen gemacht worden, wobei vom mc- gierungstisch die volle Richtigkeit der deutfchen Erklärung be­stritten wurde. Auch in Frankreich setzt mau alles daran, ut militärischer Beziehung hinter Deutschlaird nicht zuruckzujtehen:

London, 31. März. Im Unterhaus fragte der Ab­geordnete Bowle konservativ) Mae Kenna erstens, ob ferne Aufmerksamkeit auf die offizielle d e ul 1 ch e Er ilarun g gelenkt worden sei, daß vom Datum des offiziellen -Bauauftrages bis zum Datum der Indienststellung der, Bau derRaffau , Westfalen" undRheinland", sowiePofen" 40, .>7,>< refp. 36 Monate erforderte, zweitens, ob irgend ein Grund vorlrege zu der Annahme, daß irgend ein deutscher Dreadnought in weniger als 36 Monaten gebaut worden fet oder hatte gebaut werden können und drittens, ob er noch an der Erklärung fest- balte, daß britische Dreadnoughts vom ersten Auftrage bis zur Zeit der Indienststellung in 24 Monaten gebaut werden konnten, sowie schließlich, ob ein Dreadnought selber in 18 Monaten gebaut ivcrbcii

M ac ilcnna erwiderte, ein Auszug aus derNorddeutschen ! Allgemeinen Zeitung" in dem in der Frage angegebenen Sinne sei in denTimes" vom 24. März erschienen Den zweiten 'Veit der Frage bejahe er. Er hege keinen Zweifel, datz em deutsches Schiff vom Dreadnought Dhp ans Wunsch in weniger als 36 Monaten gebaut werden könne, teilte Auf schien über den int dritten Teil berührten Punkt seien 11t seinen erläuternden Bemerkungen zum Flotlenbudget 1909/10 unter dem Titel Schiffsbauten und Reparaturen" enthalten. Was deii letzten Teil d-r fs-raoe angehe, so sei der Dreadnought am 2. Oktober 190.) auf Stiel gelegt utid am 11. Dezember 1906 111 Dienst gepellt worden, aber der Bauauftrag fei erhebliche Zeit vor dem 2. Oktober

1905 gegeben worden.

B 0 wles fragte: Habe ich Mae Sienna dahm zu verstehen, daß er nicht an die von dem deutschen Blatte veröffentlichte Erklärung glaube? Nein, erwiderte Mac St c n n a , ich möchte nicht vor die Alternative gestellt werden, sagen zu müssen, ob ich irgend einer Erklärung in Der Sitzung geglaubt ober nicht geglaubt habe. Die Erklärung war keine offizielle: ich akzeptiere nicht.ihre völlige Genauigkeit.

Hierauf kündigte der Premierminister Asquith an, er hoffe, daß die allgemeine vorläufige Aussprache über die das B c 10- rerfft der Lords betreffenden Entschließungen am 4. April beendet sein werde. Die Regierung werde am 5. April einen Vor­schlag vorlegen für die Bemessung der Zeit zur Aussprache über die Betoentschließungen. Sowie die Vetoeutschließungen ange- nomnun seien, werde die Regierung Entschließungen Vorschlägen, welche die auf die Besprechung des Budgets für 1910/11 zu ver­wendende Zeit regele.

Tie französische Volksvertretung drängt die Regierung immer mehr zu Anschaffungen und Neuerungen auf militärischem Gebiete. Wie groß die Eifersucht auf Deutschland ist, beweist die folgende« Aussprache über Luftschiffe im französischen Senat:

Paris, 31. März. Bei der Aussprache über das Heeres- budget im Senat fragte Senator Reyrn 0 nd nach der Or­ganisation der militärischen Luftschiffahrt; er sagte, Frankreich befinde sich gegenüber Deutschland, was die Luftschiffahrt angehe, sehr im Nachteil. Wenn die lenkbaren Luftschiffe keinen wirklichen Vorteil brächten, solle der Minister dies lagen, damit man die. beträchtlichen Ausgaben für die militärische Luft- fchifsahrt spare: wenn sie aber einem dringenden Bedürfnis ent­sprächen, dürfe man nicht länger zögern, die unerläßlichen Opfer zu bringen. Reymond forderte die Schaffung einer Zentralstelle, um die Angelegenheiten der Lustschifsahrt methodisch zu leiten. Es müsse ein einheitliches Luftschifferkorps geschaffen werden: ebenso sei die sofortige Errichtung einer Luftschifftechnischen Schule erforderlich. Die geforderten Kredite von 720 000 Franks,, die zwischen Artillerie und Geniekorps geteilt werdenolltcn, seiest nicht ausreichend. Ter StriegSminifter habe zwar angedeutet, daß in der nächsten Zukunft eine Ausgabe von 20 Millionen Franks ins Auge gefaßt werden müsse, aber es sei zweifellos be,ier, so­gleich entsprechende Opfer zu verlangen, denn es >ei ferne Zeit z u verlieren kBeifall).

Im weiteren Verlaufe der Sitzung sagte General 2 a n g l 015 ; in der Frage der Verproviantierung, habe Deutsch la nd e incn Vorsprung gewonnen. Vor allem fei man in Frankreich un Bau von Feldküchen und in der Fleischkonservierung rückständig. Ferner lasse man es sich nicht angelegen sein, Kanonen gegen Luftballons zu erbauen.

Ter K r i e g s rn i n i ste r erklärte, die Armee habe der Luft- schisfahrt stets Beachtung gefcbenlt. Die französische Luftflotte bestehe zurzeit ans den LuftschiffenVille .de Paris",Colonel Renard" undLiberte". Mit Rücksicht aur Die Ungewitzhett der Losung der hier in Frage kommenden Probleme habe die Militär- lujtfchiffahrt bisher feine umfangreicheren Aufgaben zu lösen ver­mocht, als Die sie gelöst. Die in Deutschland gemachten Fortschritte -eien sehr übertrieben worden. Deutschland ha Iw gegenwärtig nicht mehr als 5 ober 6 kriegsbrauchbare Luftschisse, nämlich zwei Zeppelin, zwei Groß unb einen ober vielleicht zwei Porseval

das Richtige war oder nicht. Nicht die Arbeit ist,das Aufreibenbe, bie Zweifel und Sorgen finb es und das Ehrgemhft die Verant­wortlichkeit, ohne daß man zur Unterstützung der letzteren etwav anderes als die eigene Ueberzeugung unb den eigenen 415 ulen an führ en kann, wie das gerade in den wichtigsten Krisen am schärfsten Platz greift." , . . . -

Welche Entschlossenheit und Tatkraft in der Durchfüh­rung all seiner politischen Pläne und Absichten steht diesem Innenbilde gegenüber! Mit Recht legt Erich -'carckv in seiner neuesten Bismarck-Biographie so viel Nachdruck darauf, daß das unbeirrbare, starte Staats- und Reichs- gefühl Bismarcks Persönlichkeit die gewaltige durchschlag^- lraft gegeben habe. Seine philosophischen Betrachrungen haben 'den ersten Kanzler nicht gehindert, ernfte Verant­wortung jederzeit gern und freudig zu tragen. Er liest nie sich zum Parteimann stempeln, und die Unabhangigteit seiner Willensrichtung von allen Parteitendenzen schufen ihm seine Stellung und sein Ansehen.

Möchte Herrn v. Bethmann-Hollwegs philosophische Be- gabung in die Gedankenmelt Bismarcks sich versenken. Möchte er nicht mir mir den Parteien rechnen eine ..usgabe, die such Bismarck nicht unterschätzt hat, sondern möchte er die großen nationalen Notwendigkeiten über alles andere stellen und darum kämpfen, so macker und tapfer iic- sein großer Vorgänger! Ist es wirtlich wahr, das; mir um die österreichische Freundschaft ein ^tück der Hertz .rkämpften Polenpolitik preisgeben? Würden wir so un­vermittelt, trotz schlechter Erfahrungen der letzten Zen, dem Reichslande eine neue Verfassung zu geben brauchen. Wird ver Reichskanzler die Gefahr erkennen, die darin liegt, auf Kosten der Reichsfreudigteit die Zentrumsmachtgeluste aufs neue zu stärken und zu mehren? BismarckschePhilo­sophie und Bismarcksche Grundsätze fordern heute Taten von des Reiches erstem Beamten. Wenn heute die Bismarck- ilammen in Nord und Süd, Ost und West, sich erheben und alle Deutschen dankbar und begeistert in die Vergangenheit zurückblicken, möchte dann einige Saat Bismarckschen Wollens endlich auch in der praktischen Politik wieder anf- gehen! ____________

Zum neuen französischen Zolltarif.

Nachdem der neue französische Zolltarif am Dienstag die Billigung des Senats unb der Teputiertenkarnmer gefunden hu, tritt die habsüchtige Marianne ihren Raubzug auf die Taschen ei anderen Nationen und ganz büanders des deutschen Michels an. Man könnte die es Vorgehen vielleicht verstehen, wenn bie ftanzö- .chche Smntelssilanz sich iigendwft ungünftig zu gestalten anrti.v Aber das ist l.'ineswegs der Fül. Wies doch das Jahr 1909 ine Steigerung des franzöfischen Außenhandels um 800 Million rn Fcanls auf, von Denen 332 auf d e Einfuhr imch Frankreich ent- .allen. Sv wird der neue ftMzösische Zolltarif mit feinen teu- iteife ganz außerordentlich Hoden Schutzzollsätzen nur verstand tief", wenn mhn ihn auf den Wd.l.-en der sranzönfchen Republit mrücksührt, ihre Konkurrenz gegenüber dem Aus lande auf dem Iulantsrnarkte zu stärken. Aber auch bie>e Begründung erscheint in ihrem Erfolge recht zweifelhaft, weil die französische Arbeiter- fchaft sich diese Gelegenheit kaum entgehen taffen Durfte, um aus eine Erhöhung der Löhne zu dringen. Tarnet geht der für bie Industriellen aus der Zollerhöhung heraus wringende Gewinn so­fort wieder verloren, und die Konkurrenzfähigkeit der franzöfifchen Industrie auf dem Auslandsmarkt wird verringert, ganz abgc-- eh.n von dem durch die gegnerischen Zollerhöhungen veranlastten Rückgang des Exports überhaupt. Man kann daher dem sranzo- .ischen Außenhandel für die nächsten Jahre schon jetzt bieieluc Abnahme prophezeien, wie er sie unter einer ganz ähnlichen Zoll- rnVision in den Fahren 1893 unb 1894 zu verzeichnen Halle.

Aber das ist Frankreichs eigenste Sache, unb ebenso soll es nicht unsere Sorge- sein, hier zu erörtern, w.e fick bie übrigen Nationen, vor allem bas mit Frankreich stammverwandte Belgien, mit dieiem Raubzug abfinden n, erben. Uns kann es lebiglia) interessieren, wie der neue französische Zolltarif auf bie deutsch - ftan'.ö'ischcn Handelsb-eziehunaen einnirkt, unb welche Maßnahmen Teutidilanb zu treffen in der Lage ist, um sich gegen bie französische Avachenpolitik zu wehren.

Tenn das ist es ja gerade, was den neuen franzöfifchen Zoll­tarif auszeichnet: er richtet sich nicht so sehr gegen die anderen Nationen, wie speziell gegen Ten t sch land, indem er aus­gerechnet diejenigen Positionen erhöht, an denen die deutschen ft'-porteure ein Interesse haben. Tas Meistbegünstigungsverhölt- ncs in dem wir mit Frankreich seit dem Frankfurter Frieden leben, kann uns daher herzlich wenig helfen, mögen auch im Lause ber Verhandlungen einige Abstriche an den ursprünglich beabfichtigten Zollerhöhungen für Spiel waren, Präzisionsinstrumente usw. vor­genommen worden sein. Unsere Exportindustrie wird der Haupt­leidtragende sein, wenn die Einfuhr nach Frankreich, bie gerade Gl , Prozent unserer GesarntauS uhr ausmacht, derart belastet iriro, laß gerade ihre Spezialartitel in so unerhörter Weise verzollt werden müssen, daß sie zum Teil selbst mit der minderwertige!? einheimischen Produktion Frankreichs nicht mehr konkurrieren rön­nen Namentlich werben davon, um nur einiges herauszugreifen, U troffen: Spielzeug, Pforzheimer Goldwaren, Uhren, lanbwirt- fchaftiiche und Werkzeugmaschinen, Pelz- und Lederwaren, Stoff- l-aniülutje, Glühlamp. n. Isolatoren aus Porzellan, Draht, Papier, Muftiinstrumente, Glasw.iren, K'autschukgewebe, photographisch" Apparate und aftrottemiidTC Instrumente. Tie Wirkungen des neuen französischen Zolltarifs iverden sich .her in den weitesten Kreisen Deutschlands aufs unliebfamfte fühlbar machen.

französischer Erzeugnisse des Gartenbaues, der Blumenzucht und der Landwirtz'chaft zu erschweren."

Frankreich führt nach o.eutfchland 5. B. für .Je 11liorterr Mark Wein in Fässern aus, für 6,9 Mill. Schaumwein, nir .3,- Mill Arrak, Rum und Kognak, für 2,8 Mill. Laieltrauben, für 3,9 Mill Blumen, für 5,2 Mill, getrocknetes Obst, fo Dag nav schon hier reichliche Gelegenheit bietet, für bie neue Belastung, die bei beutjd'e Epport nach Frankreich in Hohe von 4'-vcuL Franks erfährt, Racku zu nehmen. Der Bundesrat brauchte nur, wozu ihm auf Grunb der Reichsfinanzreform bas Recht zufteht, die Zölle für Schaumweig, Kognak und Panümenen unb 130 225 unb 300 Mart pro 100 Kg, au| 180, 2,o und 400 Mark Innaufzufetzen, um Frankreich an seiner Achillesferse zu Irenen. Und gemigt das noch nicht, so mag Der Reichstag auf dem Wege einer Novelle bestimmen, daß die jranzösnchen Weme, bei anbei» bie Weißweine, bie, weil sie Spuren von Schwefelsäure zeigen, nicht den Bestimmungen unserer Weingesetzgebung enNprecheu, von der Einfuhr überhaupt auszuschließen sind. Endlich _aber tann» Deutschland Frankreich dadurch Schaden zufügen,, datz die Zu­schriftFrische Blumen" usw. seitens unserer Eifenbahnverwal'- tung nicht mehr die bisherige Beachtung findet. ..

So steht Deutschland dem neuen franzonichen Folltarn wotst- gerüstet gegenüber. Hoffentlich macht unsere Regierung diesmal von Den ihr zu Gebote stehenden Abwehrmitteln Gebrauch und zeigt nicht aus Gründen der höheren Politik Frankreich gegen­über eine schwächliche Haltung. ___

Freitag 1. April 1910

Bezugspreis:

(Ein Tag der Gedenkenr.

Gießen, 1. April.

Ob es im politischen Leben besondere Stunden innerer Einkehr geben mag, die uns von der Feuerlinie zuruck- führen, um alle Ziele und Arbeiten von neuem zu prüfen r Bismarck selbst, dessen Geburtsstunde heute das ganze deutsche Volk wieder als ein Ereignis erlebt, hat uns dtefe Frage klar beantwortet. Der gedankentiefe schätz feiner Briese und Erinnerungen zeigt uns, daß der unvergleich­liche Staatsmann kein Manu nur der himmelftürmenoen Tal, sondern zugleich ein Denker von ernster Gewisscus- prüfung gewesen ist. Wenn mancher Politiker und Zei­tungsmann heute über den Philosophen im Diplomaten- gefvande leichthin lächelt, so sollte er es ganz gew>tz nna rn allgemeiner Geringschätzung der Tiefgründrglett des schaffenden Staatsmannes tun. Denn auch des neuen Reiches Größter ist ein philosophischer Kanzler gewesen. Herr v. Bethmann-Hollweg, der aus Rom ziemlich arm an äußeren Erfölgen und Ermunterungen zurückkehrt, solle, sich ein wenig von der Philosophie aneignen, die Bismarck gebraucht hat, um sich seine Wege -zurechtzulegen und den Blick fttrchtlos geradeaus zu richten. Er ist noch nicht lange im Amte, 'und die mancherlei Verdrießlichkeiten oder Mißerfolge, die er gehabt hat, brauchten ihm das Leben nicht zu verbittern, wenn er den Glauben an sich selbst unh an seine Fähigkeiten bewahren tonn. Alle Verstau big en im Volke werden, auch wenn sie mißgestimmt den unverminderten Hader der Parteien erblicken, mit ihrem endgültigen Urteil noch zurückhalren. Herr v. Bethntann- y.gl ui)eg könnte vielleicht noch manche Tat verrichten tönnte noch Werke zustande bringen, für die ihm zu danken wäre. Seine Wahlrechtsarbeit ist ihm freilich Mißglückt, und er spielt bei der bevorstehenden Entscheidung^ leider nicht die sübrende Rolle, die ihm als dem leitenden Staats- i; anne ^ukommt. Aber wer will es bestreiten, daß unsere heutigen inneren Zustände schmieriger und verworrener aus-

sehen als in manchen heißen Jahren Bismarckscher Kampi- potitil? Und wer will sich verhehlen, daß der gewundene Hohlweg unserer bisherigen jahrelangen Auslandspolitil nicht plötzlich in einem weiehin übersichtlichen Gefilde blühen der Saaten sich öfffc/m kann? Was sich seit Iahressrifl politisch in deutschen,R-anden begab, ist zwar wenig erfreu lief), Liingt noch l)euJr? schmerzhaft in die Zukunft hinein aber ob das Jahr die in unserem politischen Geschick auf steigende oder abwärts führende Murne gezeichnet hat, muß sich erst später offenbaren, wenn wir ganz erkennen, ob der neue Kanzler den Geist eines wirNichen Staatsmannes in höherem oder geringerem Maße in sich trägt, als sein unmittelbarer Amisvorgänger.

Solche Schädigungen seiner Industrie kann »ich natürlich Teutschland, selbst auf die Gefahr hin, dadurch sein augenblicklich gutes Einvernehmen mit Frankreich in Frage zu stellen, nicht ruhig bieten lassen. Unb glücklicherweise fehlt ihm nicht die Hand­habe, um gegen das habsüchtige Frankreich Repressalien geltend zu machen, über bie wenigstens Die französischen Winzer, Blumen- unb Gemüsezüchter in bitterstes Wehklagen ausbrechen werben. Der Berliner Mitarbeiter derMünchener Neuesten Nachrichten" kündigt schon jetzt an, baß Dentschlanb gegen ben neuen fran- zösischen Zolltarif Gegenmaßregeln ergreifen werbe, soweft bas die Meistbegünstigungsllauset des Frankfurter Friedens gestattet. Unb er schreibt weiter darüber:Ter Bundesrat kann dies auf dem Verorbnungswege traft bes neuen Spiritusgesetzes z. B. für Champagner, Branntweine, Parfümerien usw. tun. Für andere Maßnahmen wird der Weg einer Novelle zum Zolltarif einzu schlagen sein: wahrscheinlich wirb ber Reichstag noch in bie)er Tagung damit befaßt werden. Endlich bietet auch bie V er kehr s- unb Transportpolitik noch mancherlei Mittel, um bie Einfuhr

Ne. 75 Erstes Blatt 160. Jahrgang

Der (Siebener Anzeiger

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