Zweites Blatt
Nr. 29
139. Jahrgang
Donnerstag 4. Februar 1909
Gießener Anzeiger
Erscheint tSglich mit AuSnahin- beß Sonntag«.
General-Anzeiger für Gberheffe«
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strabe 7. Expeditron und Verlag:
Redaktion: 13. TeI.-Adr.:AnzeigerGleveu.
RotattonZdruck und Verlag bet Lrühl*schv> Universiläts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Die Gießener Famllienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Tie „randwirtschastlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Koliti?che Cerge-jchnu.
Der Lod des früheren badischen Minister des Innern Tr. jur. u. ing. Karl Schenkel.
Die „Südwestdcutsche Korresponbcnz" schreibt: Ter frühere Minister £ic6 Innern, Dr. iur. unb iitg. Karl Schenkel, seit 2 Jahren Präsident der Oberrechnungskammcr ist am heutigen * Tage nachmittags nach geduldiger Ertragung unsggbar''r Schmerzen. 63 Jahre alt, an einem Krebs leiden gestorben. W sind fmtm 2 Jahre her. daß Schenkel von seinem Posten als Minister' des Innern zurüctlrat .und damit aus einer Verwaltung ausschied, der er über die .halste seines Lebens angekört hatte. Vor 37 Jahren trat Schenkel, der als Sohn des berühmten Heidellrerger Theologicprofcssors Schenkel aus fchweizerisdrem Gebiet in Schafs-' Hausen 184.3 geboren wurde, in das Ministerium des Innern als Hilfsarbeiter ein und bearbeitete hier in seiner spateren Stellung als Rat, Direktor und Minister die verschiedensten Gebiete der inneren Verwaltung. Kein Minister des Innern war so viel Angriffen und Jntriguen des Zentruuts ausgesetzt, rvic Karl Schenkel', freilich gab es noch keinen badischen Minister, der so energisch und zielbewußt das 3cntriun l>ekämpite wie er. Zwei wichtige Tatsachen in der Geschichte des badisck>en Parlamentarismus knüpfen sich an den Namen des Verstorbenen. Einmal die Einführung des geheimen direkten Wahlrechts und das Zustandekommen des bekannten Stichwahlabkommens für Nationallibcrale und Sozialdemokraten im Jahre 1905, infolgedessen damals Vcrwal- tungsbeamte unter stillschweigender Duldung der Regierung zur Wahl eines Sozialdemokraten öffentlich aussorderten. Tas Zentrum hat damals die Lüge verbreitet, als ob Schenkel selbst der geistige Urheber dieses Großblocks gewesen sei, aber Schenkel sowohl als auch Staatsminister v. Tusch gelang cs, die Unrichtigkeit dieser Vehauplung nachzuweisen. Die Ursachen der Entlassung Schenkels als Minister des Innern sind I>cute noch in Dunkel gehüllt, Tatsache ist jedocl), daß sich Schenkel schon damals unwohl fühlte und sich auch wenige Monate später einer schmerzlichen Operation im Krebs-Institut in Heidelberg unterzog. In Schenkel verliert die badische Beamtenschaft einen ihrer begabtesten, hervorragendsten und fleißigsten Vertreter, dessen Name in der Geschichte des Landes unvergessen bleiben wird.
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Bergarbeiter-Kongreß.
Auf dem gestrigen dritten und letzten Sihungstage des. Allgemeinen Bergarbeiterkmtgresses sprach ein Mitglied der polnischen Bcrufsvereinigung über das Thema: Das Verbot die Bestrafung des Systems der schwarzen Listen und die dauernden Sperren. Eine Erklärung, worin gegen das Vorgehen der Grubenbesitzer protestiert und die Reiebsregicnmg ersucht wird, die bestehenden in Frage kommenden Gesetze so auszubaucn, daß der Aussperrungspolitik der Grubenbesitzer durch die Bestrafung eines derartigen Vergehens ein Ende bereitet werde, wurde nach längerer Erörterung einstimmig angenommen. Darauf wurde der Kongreß geschlossen, *
Zum deutsch-schweizerischen Mehlstreit.
Ter schweizerische Nationalrat Alfred Frey antwortete in der „Neuen Züricher Zeitung" auf die letzte Auslassung der „Nordd. Ällg. Ztg." zu dem deutsch schweizerischen Mehlkonflilt. Die Antwort besagt u. a.: Die Sc^veiz unterließe laut Protokoll schon in der ersten Lesung nicht, auf bett Artikel vier ihres Zolltarifgesetzes hinzuweisen, durch den dem schweizerischen Bundesrat die Ermächtigung gegeben wird, Maßregeln gegen die Ausführungsprä- titien des ?luSlmrdcs zu ergreifend. In der zweiten Lesung wurde schweizerischerseits erklärt, daß die Schweiz das beutfdjr Begehren nach einer Ermäßigung dcS schweizerisäMt Generaltarifzvllcs für Mehl nach wie vor ablehnen müsse unb zwar mich wegen der deutschen Exportprämie. In der Vereitwilligkeit der Schweiz den Mehlzoll zu binden, lag ein Zugeständnis ihrerseits nicht; vielmehr bedeutete diese einen Verzicht Deutschlands- Es ist fest-gestellt toorben, daß die Schweiz bei der zweiten Lesung auf die deutschen Ausführungsbestimmungen rnrückgetonuncn ist. Daß sie dies in der dritten Lesung nicht mehr tat, war eben die Folge der in dec zweiten Lesung getroffenen Vereinbarung, wonach dieser Punkt der Verhandlnugen beiderseits nochmals zu prüfen Und sodann zum Gegenstaitd besonderer ®EÖvleninßcn zu umchen sei. Die twchmalige beiderseitige Prüfuitg hieß hier nichts anderes, als eine solche auf besonderen Konferenzen. Daß Deutschland diese Auffassung teilte, gebt daraus hervor, daß die Angelegenheit seither mit seinem Einverständnis noch zweinml zum Gegenstand
von besonderen konserenziellen Erörterungen gemacht wurde 1907 imb 1908.
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Neber^die Arbeitslosenfürsorge durch die Gemeinden wird der „SüdwestdeutschtM Korrespondenz" geschrieben: Im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit, hie jetzt überall, besonders aher in Deutschland, England und Amerika um sich greift, müssen die Versuche einiger Städte, dem Problem durch kommunale Maßregeln beizukommen, unserem Interesse begegnen. Am meisten bat sich wohl das System der Stadt Gent bewährt, das an hie Arbcits- losenimtersttitzungen der Gewerkschaften auknüpst: Jeder Arbeiter soll als Zuschuß zu diesen Beträgen noch die Hälfte mehr seitens der Gemeinde erhaltest. Gewiß mag dieses Ausmaß der Unterstützung als wenig genügend erscheinen, aber nichts steht im Wege, dieselbe zu erhöhen, und jedenfalls bildet die Anknüpfung an die bereits vorlwndene Aktion der Gewerkschaften einen wertvollen Stützpunkt für die Gemeindefürsorge. Wenn als Nebenzweck ein weiterer Anreiz für die Arbeiter, sich gewerkschaftlich zu organisieren, um so dieser Unterstützung teilhaftig zu luerbcn, erzeugt wird, so vermögen wir nach dieser Rickstung durchaus nicht der Ansicht, die E- Tischendörfer in der „Hilfe" ausspricht, beiau- pflichten, der hierin eine Gefahr erblickt, sondern glauben, daß gerade solcher Ansporn angesichts des großes Wertes bet Organisationen für die Ermöglichung kollektiver Arbeits- und Tarifverträge nur zu begrüben ist. Tatsächlich hat das Genter System auch anderwärts Nachahmung gefunden und breitet sich immer mehr aus. Von einem andern Gesichtspunkt ließ sich die Stadt Z ü r i ch leiten, die bereits seit längerem während der Winterszeit ArbeitStosenunterstützungen gewährt, besonders an verheiratete und sonst bedürftige Arbeiter. Die Unterstützungen toerben übrigens vorwiegend in natura, b. h. in Anweisung von Lebensmitteln unb Snhsidien für Begleichung der Mietzinse gewährt. Es liegt aus ber Hand, daß dieses Vorgehen sich der eigentlichen Armen- unterstiltzung durchaus nähert und in gewissem Grade die demoralisierende Wirkung haben muß. Immerhin kann es sehr wohl als Ergänzung der obengenannten Unterstützungen nach Genter Art durck^gekührt werden, weil ja diese nur der organisierten Minderheit zugute kommen, die ihrerseits Armenunterstützungen wohl kaum annehmen würde, während für die große Masse her ungelernten, unorganisierten, minder selbstbewußten Arbeitergruppen eine Armen Unterstützung nach Züricher Art gewiß bedeutsame Erleichterung schwerer Notzeiten bietet.___________________________________
vom Sund der Landrmrte.
Ter Abg. Köhler-Langsdorf ersucht uns um Veröffentlichung der folgenden Erklärung:
Es ist vielerorts die burcbauS irrige Meinung verbreitet, als ob mit meinem Ausscheiben au-s der Deutsch-sozialen Partei und auS der Wirtschaftlichen Bereinigung im Reichstage and)1 mein Austritt aus dem Bund ber Landwirte sich ergeben habe. Unterstützt wird diese irrige Llnficht noch durch den Umstand, daß die meines Erachtens, in ihrer Tendenz als „n htivualliberal-gouverNemen« tak «fuszufassende „Neue Tageszeitung" zu Friedberg, zu deren Aktionären auch ich als „trauernd h i n te r b I i e b c n" mich leider zu zahlen habe, schon seit geraunter Zeit die heftigsten Angriffe gegen mich richtet.
Ich muß dem allem entgegen treten mit der Erklärung, daß meinerseits — und obgleich ich mauche.rlei trübe Erfahrung hier verzeichnen muß — mein Verhältnis mit dem Bunde ber Landwirte aus dem Grunde nicht gelöst werden lviri>, weil ich niemals die 2>eranticvrtnng für etwas zu übernehmen vennag, das einem einträchtigen. Zusammenwirken dieser mächtigsten Bauernorganisation in irgend einer Weise Abtrag tun könnte. Dieser Wille könnte nur durch eine direkt-feindliche Stellungnahme der Zentralleitung des Bundes in das Gegenteil geMjrt werden. Meine Stellungnahme gegen die Fraktion des Bauernbundes im Landtage wird ursprünglich veranlaßt durch den Umstand, daß ihre Mitglicber im Sommer des bärigen Jahres, dazu angestiftet von benr damals noch draußenstehenden Forstmeister Dr. Weber, hinter dem Rücken des Abg. Bähr 1l!nd von mir, zu Gießen eine Zusammenkunft gepflogen hatten mit dem Endzweck: den Abg. Böhr und mich — wie mir dies Forstmeister Dr. Weber persönlich bemerkte — „kaltzu- stelle n". Dieses „Kal tfte l le n" aber beztveckte vor allen Dingen die Beseitigung meiner freigesinnten, radikalen Bauernpolitit und Ersetzung durch eine Politik,
Meines KerrMero«.
— Die ilä n big c Ausstellung für deutsche Flugschiffahrt in Berlin, zu der zahlreiche Annrelbungen ciit» gegangcn sind, daß sie als gesichert zu betrachten ist, umfaßt sieben Gruppen und zwar: Flugmasch-inen, ALodelle, Projekte, Zcick)- nungen, Entwürfe, AntriebSmotvren, Flugmaschinen-Tcile aus Eisen, Holz, Stoff usw., Materialien zum Bau usw., Sportartikel aller Art, Literatur. Tie Eröffnung soll möglichst noch im DLärzd - «I. erfolgen und zwar in benr neuen Jnbustrie-Paläst „Johannes-Hof. Zu der geplanten internationalen aeronautischen Ausstellungen stellte diese ständige, nur deutsche Ausstellung sich nicht als Konkurrenzunternehmen dar.
— Die Aufwendungen Sven Hedi ns für seine ftorfd) er tätigte it Wie aus Gothenb u r g gemeldet wird, beziffert Dr. Sven Hebin die Gesaintkoften seiner soeben beendeten Expedition auf 145 600 Mk. 79 320 Mk. waren ihm von verschiedenen Gönnern, darunter König Oskar von Schweden und Emanuel Nobel, für seine Zwecke zur Vertilgung gestellt worden. Er mußte also 66 260 Att. ouS Eigenem zuschietzcn. Die sämt- lichen fünf Expeditionen, die der Gelehrte in den letzten elf Jahren unternahm, verursachten Kosten in Höhe von 333 300 Mk. Das zweibändige Werk, das er über die Er-gednisse feiner butten Expedition veröffentlichte, brachte ihm einen Gewinn von 72 920 Air., davon 40320 Mk. allein aus der englijchen, 16 800 Pik. aus der schwedischen Ausgabe. Aus dec unter dem Titel „Asien" erschienenen volkstümlichen Darstellung ferner vierten Expedition, erzielte er 134 400 Mk. lieber diese letztere Reise oerlaßie er außer- dem eine umfangreiche streng wissenschaftliche Arbeit, zu deren Drucklegung ihm bte schwedische Regierung eine Beihilfe von 84 000 Mk. bewilligte. Diese Summe reichte aber bei weitem nicht an5; er mußte noch 78 400 Mk. zulegen, um die Fertigstellung des Werkes, das in den nächsten Tagen im Buchhandel zur Ausgabe gelangt, zu ermöglichen.
hc. Expedition zur Ausbeutung her Saurier- fundstätte in Deutsch-Ostafrika. Die Saurierfundstätte in Deutsch-Ostafrika bei Lindi in der Oberen Kreide am Teir- baguru soll dem „Globus" zuwlge burch eine aus privaten und staatlichen Mitteln ausgerüstete Expcbition näher erforscht und audgebeutet werden, die Dr. Ja neu sch, Kustos am Berliner geologisch-paläontologischen Institut, leiten wird. Die ersten fachmännischen Untersuchungen hat dort im September 1907 der Konservator der paläv ntt> lo g is ch-geologis ch-rn in eralogis chen 91b-
teilung am Kgl. Naturalienkabinett zu Stuttgart Prof. Dr. E. FraaS borgenommen. Tie Schicht ähnelt dem bekannten Bone Gab in Quarrt; in Wlwming, der den amerikamschen Museen so viele wichttge vorzeitliche Rieseu.reptile geliefert bat. Die massigerr 5Awchen liegen ausgewittert an der Oberfläche des Bodens und tonnen durch Grabungen in dem darunter liegenden sandigen Mergel jmnö Sandstein weiter verfolgt werden. Viele Klwchen zeigen noch ihre natürliche Lage ineiitonbec und beivcisen damit, daß wenigstens einige Teile der Skelette begraben worden sind, bevor die um gebenden weichen Teile vermodert iraivn. Alle Stücke, die Fraas mrtgebracht hatte, und die jetzt im Stuttgarter Kgl. Mtttralienkabinctt Aufstellung gefuichen haben, gehören einem großen pflanzenfressenden Dinosaurus an, den Fraas Giganio- sanrus benannt hat. Das Tier wird eine Länge von 14—15 Meter gehabt haben und scheint ein naher Verwandter des Diplodocus unb Mervfaurus aus Wyoming zu sein. Der Sckstidel ist iwch unbekannt geblieben. Vielleicht findet man U-n und die sonst fehlen» den Skeletteile vetzt, ebenso Reste aitberer Reptile, die mit dem Gigautosaurus dort zusammen gelebt haben müssen.
— Der Gentleman auf der Bühne. Ter Londoner Thoaterdirektor und Schauspieler Sir Charles Wyndham hat einige Zeit in Berlin geweilt und Theatereindrücke gesammelt. Er hat sich jetzt in London darüber vernehmen lassen und fällt, ivie das „B. T." meldet, über den deutschen Schauspieler solgenbes Urteil: „Ter deutsche Schauspieler ist ein aiisgezeichneter Charakter- spieler, aber er kann keinen Gentleman spielen. Tas fogeiiannte moderne Gefellschasts- oder Problemstuck liegt ganz anßerhalb seines Gesichtskreises. Er ist ebensowenig er'olgreich darin, sich wie ein Gentleman anzuziehen, wie ihn zu spielen." - Herr Wyndham hat, wie uns scheint, die Wahrheit nur halb gesehen. Taß der deutsche Schauspieler sich nicht immer wie ein Gentleman an- zuziehen und zu benehmen versteht, ist richtig. Das l;ä»gt mit der Jugend unserer moiibameit Kultur zusammen, obschon zum Beispiel die von der naturalistischen Spielmeise erzeugte Neigung mancher Schauspieler, mit den Händen in der Hosentasche zu spielcu, den Engländer wie etwas Britisch-Natlonales anheimeln sollte. Aber was hat das mit dem Darstellen von Charakteren und mit dem Problemstück zu tun ? Ta kommt es uns ernsthaften Deutschen nun einmal nicht so sehr auf em gut gebügeltes Beinkleid als auf die Erfassung des dichterischen GebankeiiS an. Wir gönnen den Engländern ihre besseren Schneider, wenn sie uns unsere besseren Darsteller lassen.
die mit den Worten „g o u b c r it c m e u t a I»b u r e a u I r c » t i fti)" vielleicht nicht unzutreffend gekeunzeichuet sein mag. Es> hat also mein Verhältnis zu in Bund der Landwirte int Grunde betrachtet nichts gemein mit meiner SteUilugnahu'.e zur Fraktion des 23 a u c r n b n nb c ö int Landtage sowohl, wie zur D e u t s ch- so z ia l e n Partei. Tie Zugehörigkeit eines Abgeordneten zu einer politischen Partei ist stätuten $ cinäfi bem Richteramt des Bundes insolauge nicht unterworsen, als ber Abgeordnete in wi r ts cba s t s - po 1 i t i s ch c r Hinsicht beit Intentionen beS Bundes gerecht wirb. Darum ist eS möglich, baß bie Mitglieder des Bundes Gras Oriola, Fweih. p. Hehl, Geheimtat Haas her n a t i o n a 11 i b e r a I c jt, die obersten Führer des Bundes selber: Dr. Rösicke und Tr. Hahn der ko u s e r y a t i v e n, v. Liebermauit her Deutsch-sozialen, Zimmermann, Grafe ii. a. der Reform , unb andere Bundesmitglieber ber Reichs- Partei angeboren. Warum also sollte bics alles nicht zutreffen auf mich? — Darum werbe id) iin Hinblick auf beit Bunb der Landwirte „Gewehr bei Fuß" stehen; meine Berpflichtungen ihm: gegenüber erfüllen: aber dasselbe and; erwartend vom Bund: Treue gegen Treue! Ader das Pulver wollen wir dod; troden halten!
Langsdorf, den 3. Februar 1909.
Köhl er-Langsdorf.
Geffenttiche unentgeltiche Arbeitsvermittlung.
Man schreibt uns: Seit seiner Gründung int April 1907 ist der Mitteldeutsche ArbeitsnachweiSverband in Frankfurt a. M. bestrebt gewesen, an allen Orten seines 2^erbandsgebietes öffentliche, unentgeltliche ArbeitsvemtittlungSstellM einzurichten. Es ist auf diese Mise ein engmaschiges Netz entstanden, daö mir noch in ganz wenigen Landkreisen Lücken aufweist, doch schweben auck hier sdwn 2ZcrhaMungert, um oiese Lücken zu schließen. Sämtliche Vennittlungsstellen hoben Has Recht und die Pflicht fich sofort, luenn sie eine bei ihnen angeineldete Stelle nicht besetzen köwren, telephonisch mit den nächst gelegenen größeren 2lrbeitsnad)' weisen sich in Verbindung zu setzen, nur geeignete Arbeitskräfte zu erhalten oder Steilensuchendp in offene Stellen einzuweisen. Wenn es aud> auf diesem Wege nicht gelingt, die angegangenen Gesuche zu erledigen, so geben die einzelnen Arbeitsrmchweise die Meldung ber noch offenen Stellar jeden Donnerstag abend «in bie Verbaussleilung in Frankfurt a. M. weiter. Tie letztere stellt die cingcgangenai Meldungen in zwei Listen zusammen, einmal die sog. gemischte Liste, in der alle Berufe vertreten sind uitb eine sog. LandwirtschastSlisle. Diese Listen gehar jeden Freitag an alle öffentlichen ArbeilS-nadüveisstellen in Mittel- unb Süddentschlond, ferner erhalten bie össcntlickie" Gebäude die Listen zum Aushang zugesanbt. Wenn nun auch seitens des Becbandr-S alles zum Ausbau des öffeittlichep iincntgeltlidicii Arbeitsnachweises getan ist unb nod; inutter getan wirb, so wäre es doch eutschiebeir wünschenswert, wenn besonders von dew Arbeitgebern auch diese Einrichtungen mehr i'Jie bisher benützt würden Es gibt doch für alle Arbeitgeber nichts bequemeres, als einfach per Postkarte oder Lelephoir sid; av. den öffentlichen Arbeitsnachweis seines Ortes lau kleineren Orten ist es meistens ber Bürgermeister) zu wcuben, ber bann, wenn er die Stelle selbst nicht besetzen kann, die Pflicht Hal. den oben beschriebenen Weg cinyi« schlagen. Arbeitgeber wie Arbeitnehm.cr tomuten auf diese Weise zu einer sehr ausgebreiteteu iiueutgcltticheir 2)ekauutticachung ihres Gesuches und baburd? naturgemäß zu einet schnellen Erledigung desselben. Für die Landwirte und auch Handwertsmoistec der kleineren Orte war bie Beschaffung non Arbeitskräften bisher immer mit großen Zeitverlusten unb nicht unbedeutenden Geld- Bo flat verknüpft, wobei sehr ost nicht einmal ein annehmbarer Erfolg erzielt wurde. Aufgabe dec öffentlichen ArbeitSuachweise soll es in edler Linie sein, hier Wandel zu scharfen, bewnderS auch den kleinen Städten und dem. flachen Lande picht pur dia vvrhaubencn Arbeitskräfte zu erhalten, sondern auch neue Kräfte anzuweröen. Ausländische Saisonarbeiter sind jedoch von den Nachweisen ausgeschlossen.
LTniveriitäts-Nachrictzten.
^-Tübingen. 3. Febc. In der hiesigen medizinifcheii Fakultät wird em Extraordinär tu m für Zahnhcrl - rrri jhmiwwwi
— Der ,2)1 »is en »Al man ach des B e r e i n s B e r l i u e r Preise 190 9", d. h. die Sanimlmig von Liedern und Sprüchen, die nach altem guten Brauch kiirztich wieder den Befucherüineu des Pressefestes als Andenkeu gewidmet wurde, brachte auch in dieseui Jahre eine Fülle von Beiträgen, darunler viele stimmungsvolle Verse und eigenartige Sentenzen. Hier ein paar Stichproben auö dem reichhalligen Buche: Die ieingeislige Marie v. Ebner-Efchen- bach läßt sich vernehmeil: ,Mau iniiü eine alle Wahrheit nur auf den Kopf stellen, dann fällt ihr vielleicht eine neue aus der Tasche." Recht boshait und treffend jagt Noul Auernheimer: „Es gibt eine Kategorie von SchrmsreUern, bie ihre An tut mit Zitaten gar- nieren. Sie erinnern mich an ]enc kleinen Halisfrauen, bte, wenn sie Gaste empfangen, sich das Besteck von der Nachbarin aus- leihen." Sohr launig spottet Ludwig Fulda über gewisse Bekeirnt- nisdichtungen:
„IHv wähnt, ihr könntet, wenn in heißen Sünden Ihr flammt auf offnem Markte lichterloh, Die Ueber-Renarsjance begründen:
Es ist jedoch nur — Unterrockoeo."
Besonderen Wert empfängt das schmucke Buch durch den Beitrag Ernst v. Witdenöruchs, ivohl eines der letzten-Gedichte, das er geschrieben hat, eine Selbslcharakteristik, die man nicht ohne Ergriffenheit lesen kann:
W o i h r m i ch suchen sollt.
Wem ber Zymbeln und ber (Beigen Holder Wettkampf winkt als Zieh Aiög' er schwingen sich im Reigen Und gewinne er sein Spiel.
Mich nicht labet mehr zum Tanze, Denn zum Tanz warb ich zu alt; Nicht mehr greif' ich nach dem Kranze, Allem Wettkampf warb ich falt.
Aber wenn an Deutschlands Pforte Not und Unheil lauernd späht, Oder wenn mit schnödem Worte Lästernd uns der Fremde schmäht,
Wenn ihr bann, zum Kampf gezwungen, Einen braucht zu Hieb unb Stich, Wo bie Jüngsten steh'n der Jungen, Suchet da, ihr sinder mich.


