Ausgabe 
21.12.1909 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

,159. Jahrgang

eilt

I georbnetenyoujes nahm mit 26 gegen 18 Stimmen sechsmonatiges Dudgetprovisorium an.

allen Lesungen angenommen.

Dar Testament König Leopolds.

Das Testament dcS Königs Leopold hat folgenden Wortlaut:

Folgendes ist mein Testament. Ich habe von meinen Eltern 15 Millionen geerbt. Diese 15 Millionen habe ich trotz sehr vieler Wechselfälle treulich bewahrt. Ich be­sitze sonst nichts, -tach meinem Tode werden diese 15

Silo Braun: Memo i ren einer Sozial i sti n. Lehrjahre. Roman. Verlag von Albert Sanken in München. Trotzdem die Namen verändert sind, merkt man sofort, bat; die Bersajserm hier ihr eigenes Leden schildert. Infolge ihrer Schick- sate, die sie mit den höchsten und mit den niedrrgiten Kreisen in Berührung bringt, ist es eine außerordentlich bunte Mell, in rie diese Memoiren Einblick gewähren. Psychologi'ch intercssam ist aber besonders der innere Prozeß, den Die Öeldin des Buck<s durch macht. SJcan erleot mit, wie die in hochlonservatwen Kreiseu LusgÄvachsene schließlich bet einer sozialistischen Weltanschauung endet. Daß ihr Werdegang selbst für Naturen, wie die ihre.

Dienstag 21. Dezember 1909

Ä Oezugsprerr:

W monatlich 75*331., oiertel-

Ter Siebener 2ln}*ct cr'cheint täglich, außer Tonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich LiebenerZamilienblätler; -iveimal roochcntl.Kreist blatt für den Ureis Gießen (TicnStag und Freitag); zweimal monail- Land» wirlschaslliche Seitsragen ^enisprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112,

Das Kunststück wird von den Slawen mit lauten Slava- und Ziviorufen belohnt.

Tie Langeweile in der Dauersitzung wäre unerträglich, wenn nicht die Galerie von Zeit zu Zeit Anlaß zu einem lärmenden Interesse böte. Immer wieder ertönen auf der Galerie Entrüstungsrufe gegen die tschechische Obstruktion. Man trompetet, singt im Chor, prügelt sich auch ab und zu auf der Galerie. Vom Gesichtspunkte des Parla­mentarismus kann das natürlich nicht gebilligt werden. Daher werden auch die Lärmszenen auf der Galerie von den deutschen und arbeitswilligen Parteien ebenso ver­urteilt wie von den Tschechen. Ganz richtig bemerkt die Neue Freie Presse", daß diese Galerieszenen an den Vor- gang in einer bekannten Wiener Operette erinnern, in der Die Galerie alle fünf Minuten geräumt wird und die Be­sucher immer wieder unter dem ChorusO jemine" die Galerie verlassen, um nach kurzer Zeit wiederzukehren. Die Räumung der Galerie im Abgeordnetenhaus hat nämlich in Wirklichkeit nur den Effekt, daß die Besucher eine Zeitlang auf der Straße warten, bis der Eintritt wieder geftattet wird, und dann neuerdings hinaufgehen und abermals Lärm machen.

Wien, 20. Dez. Der Budgetausschuß des Ab­geordnetenhauses setzte die Verhandlung über das Budget- Provisorium fort. Der Ministerpräsident weist zunächst darauf hin, daß infolge der Vorgänge der allerletzten Tage Die Erledigung des Budgetprovisoriums tzu einer Angelegen­heit eminent politischer Natur geworden sei und weist nachdrücklich den Vorwurf zurück, daß die Regierung dem Parlament feindlich gesinnt sei. Insbesondere sei fest­zustellen, daß die Behauptung, die Regierung schloß mit der ungarischen Regierung einen geheimen, den österreichischen Interessen wesentlich beeinträchtigenden Pakt, dessen Ein­haltung nur möglich wäre, wenn das österreichische Parla­ment ausgesckMet würde, eine Fabel sei, an der lein wahres Wort sei. Mit der ungarischen Regierung werde kein Pakt abgeschlossen und, falls in Zukunft eine Verein­barung über die Regelung einzelner Fragen nötig würde, werde er, der Ministerpräsident, wie früher, nicht nur für eine wirklich brauchbare Grundlage einer dauernden be­friedigenden Ordnung der Verhältnisse unter Wahrung der Interessen der Gesamtmonarchie, sondern auch für die öster­reichischen Interessen cintreten. (Lebhafter Beifall.) Der Ministerpräsident widerlegt ferner den Vorwurf, daß die gegenwärtige Regierung den Slawen feindlich ge­sinnt sei und betont, sie halte an dem Standpunkte test, daß vollständig verfehlt sei, in Oesterreich eine Politik gegen irgend einen Bolisstamm führen zu wollen, daß viel­mehr die Negierung des Kaisers die Regierung nicht für einen Votlsstamm, sondern für alle Volksstämme sein müsse. Der Ministerpräsident fährt fort: Es sei wünschenswert, daß jede Parteiverbindung erleichtert werde, die bereit sei, für die Staats- und Bollsnotwendigkeiten einzutreten und ihre glatte, den allgemeinen Interessen entsprechende Er­ledigung sicher zu stellen. Hierzu erscheine eine Einigung über das Arbeitspr ogrammmindestens für die nächste, bis in den Sommer hineinreichende Session unerläßlich, ebenso die Schaffung eines Be har r un g s zu fta n d e s im politischen Streite, durch den es den Parteien ermög­licht würde, sich ohne Beeinträchtigung der gegenseitigen Interessen bis zur einvernehmlichen Lösung der Sprachen- unb Nationalitätenfrage, die stets angestrebt werden müsse, ruhig mit Der Erledigung der übrigen Aufgaben zu be* schuftigen. Ter Acinisterpräsibent erbat die rascheste Er­ledigung des Budgetprovisoriums.

Wien, 20. Dez. Der Dudgetausschuß des Ab­

(Eine Bühnendichtung öes Srotztzerzogs.

Darmstadt, 19. 2e&- Im Hofthcatcr sand heute Hiknb die Uraufführung eines? W-ihmMsivieles, oni- i a > i u s" statt, das unter dem Decknamen E. Mann einen hohen Lunstfreund -um Verfasser hat Das Spiel versetzt uns m Die Anfänge des Christentums, in T^utM-^^e des acht«: JabrhunderlS. Wir ie?en im ersten Bild denheümiicheki Evtler- uüu4 im Chattcnwald, nach einer hübichen Schilderung des Fo- nuüeidebcn3 den Aufzug dec Priester unD

.. itr urerst sclrüchtern und mit Zweitel und Ingrimm vernommen, halb imt sieghafter Macht das Christewum. die neue Lehre von ter Mästtenl^e Mit ihrem Verkündiger Bonna-ius hervor, die i -tirw «allen Triumph feiert, als der turchtlose oeß) Die -uni icierlid'en Opfer verianmielten Priester schmäht und die Donnen

heiligen Haüi mit Lllse der wenigen Gläubigen dun!) die

Ärr fällt Diesem wirkungsvollen Austritt folgt,em,idylliiches

Ke, ersten Christengemeinde und daran |chl letzt sich ein -e>? stimmungsvolles Sästußbild unter den Klängen der Himmels dopchaft Ehre sei Gott in der 8>öhe". Plan erl-alt unwälkurlich Leu Eindruck als ob das Spiel ein Gegen Mick zu der mrzlich aui- xführtcitMaibraut" Ernst v. Wolz-vgens bilden lollte. Lwr- lapeEmeister W de foaan Hot eine stirnnrungsvolle Mufik -u

Spiel gÄricken^» das ganze nxu vom Oberregmeur Gal De f höchst wirksam eingerichtet worden, so daß es namentlich m den letzen Bildern die Zuschauer stark lesielte und zu lebhaftem Leischl veranlasste Um den Abend aus-uiullen, war noch ein altes ri Ä *5cste neu ein studiert worden. was-G rotz her zo g s paar , U® SdSwr> bie fcbqdja: 4Xrn<tarten .«Unten iämtlich Der Aufführung bis zum ^schlüge bei.

mr; M r ^tzi-aterbricf. Die Trag ist>ie des Lri- iilers. Aus 'Solin Wirb schrieben:

??e.ter feta «Ä-J «lebte. T« «W=ra^t*Ue Üortämpser des fran-ösischen ^'-2^^,^m^lss^.olase" ui der ! ParoLvLien schon so manchen^turm un ^tfergW

Rutschen Kunstbe-tvegung hcrovrgerusen hat, mm mutt nm^n 2Yipi- bst er am besten kennt, und lucht seLlistye pro- i -L Mr» -St »mj-eüt M

Ls ist eine Kunstlertragödic. Aber nicht d-r Emitter ste^. im ( RillÄpuutt des Stückes, sondern der Kruikei, und ^r

isttzt dL Weib, das bt ihrer WeltamchENg tmd m eine so gau- verschiedene Rolle Ipcett. >^E^st^^örchcü der begeistert für Die Hoheit der Kunst und d^ ^chvnpcu oer

Parlament unö Regierung in Hom.

Rom, 20. Dez. Bei der Beratung in der Kammer über die ministerielle Erklärung führte Ministerpräsident Sonnino in Beantwortung verschiedener Reden aus: lieber die Lösung der Krise habe er geglaubt, sich an die be­deutendsten Mitglied er der verschiedenen Gruppen der großen ronftitutuionelleu liberalen Partei wenden zu sollen, um ihre Mitwirkung beim Neforniwerte zu erbitten. Er versichere, daß er beim Studium der Reformen niemals die Leistungsfähigkeit und die solide Grundlage deL Budgets aus den Augen verlieren werde. (Beifall.) DaS Par> lament und das Land könnten in einigen Wochen die Vor­legung kontreterGesetzentwürfe erwarten. Auf die Frage, ob das Ministerium die Majorität besitze, er« widerte der Minister, er habe das Vertrauen zu der Weis­heit und dem Patriotismus der Kammer, daß, wenn die Regierungsentwürfe dem Laiide Gewinn brächten, sie auch zweifellos die Billigung des Parlaments finden würden. Für den Augenblick bitte die Regierung nur um ein kurzes, wohl« wollendes Abwarten. (Lebhafter Beifall.) Hieraus wurde die Aussprache geschlossen und das provisorische Budget mit 224 gegen 65 Stimmen angenommen.

typisch ist, läßt sich nickst behaupten, aber selbst das Studimn eines solchen Einzelsalles ist von hohem Interesse.

D ie Sammlung WeicherS Kunstbücher (Verlag von Willielm Weick>er, Berlin W. 30), verbreitet in kleinen Bänd­chen Ueberblicke über Meisterwerke der Malerei in kleinen, aber guten Reproduktionen Ledes Bändchen enthält 60 Mcisterbilder in -ierlick-cm Pergamemband. Bis letzt liegen 30 Herte vor: 1. Rubens, 2. Van Dyck, 3. Rembrandt, 4. Raffael, 5. Reynolds, 6. Leniers, 7. Altiiiederländer, 8. Tizian, 9. Franz Hals, 10. Murillo, 1L Nvuwerman, 12. VelaSgu«, 13. Holbein, 14. Veronese, 15. Raeburn, 16. Andrea del Sorto, 17. Cor­reggio, 18. Dvonzmo, 19. Watteau, 20. Botticelli, 21. F-va Angellro, 22. Tintoretw, 23. Poussin, 24. Peruginv, 25. Miche­langelo, 26. Goya,' 27. Dürer, 28. Gainsborough, 29. in Vor. bereitmig, 30. Luini, 31. Grenze. Es besteht, une der Verlag uns mitteilt, die Absicht, das gan^c weite Gebiet der klassischen Malerei in die Sammlung einzubeziehen. Für alle die, denen es vergönnt ist, unsere großen Meister m ihren Originalen kennen zu lrrnei'., dient Die Sammlung dazu, die in den Galerien und Musern gewonnenen Eindrücke immer wieder wachzurufen und fest-uhaltcn. Tie Sammlung ist auch eine Ergänzung der großen kunstgeschichtlichen Werke, weil die Hcste in ihrer Reichhaltigteit einen lieb er blick über das Schaffen der einzelnen Künstler ge­wällten.

Der Kaktusfrcund. Lustspiel in einem Akt in Darm­städter Mundart. Nach einem gleichnamigen Bild von Karl Spitz-- weg von Tr. med. et vhil. I. N c r k i n g. Gießen, (Emil Roth. Seit Der Zeit, in dec Niebergall feinen Landsleuten den unsterb­lichenTatterich" schilderte, ist in Darmstädter Mundart gar viel gedichtet worden und zwar, wie es in der Natur der Sache liegt, mehr schlecht wie gut. Ein gewisses Mißtrauen gegen solche Dialekt- Dichtungen ist daher am Platze. Aber der, der mit recht miß- trauigem Blick das vorliegende Werkchen mustert, kann sich über seinen gemütvollen liebenswürdigen öumnr herzlich freuen. Das Stück vermag Den landläungen Schwankiiguren einige neue er­götzliche Seite abzugewinnen und ist dabei in echtem und rechtem veinerDeutsch geschrieben. Das erscheint uns als ein unbedingter Vorzug des Buches, Denn Die meisten nach DemTatterich" er­schienenen Darmstädter Diallltttücke enthalten eigentlich nur lieber- setzungen auS Dem Hochdeutschen in Den Dialekt und verlieren Dabei viel von Dem naiven trockenen Humor, der Die Wesensart: Der Darmstädter so glücklich beherrscht. Für hessische Liebhaber­buhnen ist der ,. Kallus freund" eine wertvolle Gabe, deren Auf­führung in szenischer und darstellerischer Leziehung keine allzu große Schwierigkeiten bietet. Tie Inszenierung wird durch das beigegebene Bild wesentlich erleichtert.

modernen Bewegung eintritt, hat feinen Vesten Freund, Den genialen Maler Fritz Lassen, betrogen. Als der Ehebruch bekannt^wird und Die Ar au sich Das Leben nimmt, droht ihm zunächst das Schick­sal, ben Freund zu verlieren, denn der Acalcr will nicht mehr schaffen und wirken. Ter llrititer sieht, daß er, ein Unfruchtbarer, der sich mit plumper Llurzsichttgteil unterfing, das Genie zu lördern und zu heben, nur zerstören und vernichten konnte. Tas erhebende und verklärende Element alles männlichen Kunst- sck-asfens aber ist das Weib. Ter Tod Der Frau gibt Dem Maler neuen Mut, auch Die Tote ist noch Die Befeelcrm und die Bv- fmchterin seines Wirkens, wie sie cs im Leben war. An Dieser Entwicklung des Freundes lernt Jäger die Niedrigkeit seines eigenen Standpunktes verstehen; er wird von nun an in feiner Freundschaft mit Dem Maler nur Den kleinen bescheidenen Anteil des Nliterlebens für sich nehmen. Der Dem unproDukliven Kritiker neben dem-oisenden Künstler gegönnt ist. Ein dichterischer Ausdruck für dieses ästhetisckre Beleiuitnis ist Meier-Graefe nicht gelungen. Eine lstibsche 'J^ebenrigur, wie das kunstfreudige, im Eenietzcn genügsame Faktotum Benzenberg, kann nicht dafür ent­schädigen, Dais Die drei .Hauptfiguren völlig verzeichnet sind, daß sie teure glaubhaften Charattcre, sondern nur die Sprecher von tZauilletons und parodoxsi Bemerkungen sind. Meier-Graefe hat Itcilia) durch sein Trama bewiesen, was er beweisen wollte; Daß ein feiner ülachschöpier und Nacherleber von Kunst von dem wirklichen Künstler unendlich roeit cniTciitt ist, daß ein fcharser Kritiker gewöhnlich kein guter Dichter ist. So war denn in mehr als einem Sinne dies Trama, km ein deutlicher Nlißeriolg be- schieden war, die Tragödie eines Kritikers. Tr. P. L.

Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. Ter Ehreniold, Den Tettev v. 2 U i e n c r o n aus Dem TisvosuionS. tonb» Des Kaisers bezog, roirD der Witwe des Tichiers roeiter beroitligi werden. Tie Akademie der Jnschriilen zu Paris Hai öen Afsyrologen Telitfch-Berlui und Den Bibliothekar Holger- Karlsruhe zu auswärtigen Mitgllederu ernannt.

Wien, 20. Doz. Da» Herrenhaus verbandelte heute das Gesetz betreffend die R e f o r m der Geschäfts- ordnungdes Abgeordnetenhauses. Der Resereut Fürst Schönburg gab der Hoffnung Ausdruck, da.j inner­halb der einjährigen Frist der Wirlungsdauer der neuen Ge­schäftsordnung das Abgeordneienhauä Anordnungen treffen werde, die Die Wiederkehr der schmachvollen Zuftände der letzten Jahre ausschlicßen würden. Freiherr v. P len er ertlärte, die Versassnngspartei sei hwar weit entfernt davon, die Lösung des österreichischen Problems von der bloßen Ge­schäftsordnungsreform zu erlvarten, sie glaube aber gleich­wohl, ihre Zustimmung zu einer Maßregel geben zu müssen, welche wenigstens die Möglichkeit für eine würdige und un- gestörte Lösung der parlamenlarischen Aufgaben Der Volks­vertretung eröffne, und sie werde eS mit Genugtuung be­grüßen, wenn es bei der definitiven Reform der Ge- schäftsordnung gelänge, die fpcachrechtlichen parla­mentarischen Verhältnisse in einer die Einheitlichkeit Der Verhandlung und die Gleichmäßigkeit der Ausübung der Präsidialgewalt verbürgenden Weise zu regeln. (Beifall.) Graf Tdu n erllärte, die Gruppe der Rechten tverde für den vorliegenden Gesetzentwurf stimmen. Unter den trau­rigen Verhältnissen im Abgeordnetenhause habe das ganze Staatswesen und das parlamentarische Ansehen Oesterreichs in der ganzen Welt gelitten. Er erblicke in dem Antrag, betreffend die Reform der Geschäfts- Ordnung, den ersten Schritt zur Gesunduna. Graf Pi- nins ki gab feiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß her Antrag zur Bekämpfung der Obstruktion aus Der Mitte der Obstruktiouisten hervorgegangen sei. Nach einem Sck;lußwort des Referenten wurde der Entwurf in

x . . . . . H . T A iäbrlid) Dtt. 2.20; durch

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ZW General-Anzeiger für Oderheffen WWZ bil üimw Hotationstru# tmö Derlag ter vrühl'schen llnlv,vuch. unt Steietniderei B. fange. Betaftion, <E?pe6Mon unö Drudere!: $»:ilffra^ 7.

Die heurige Nummer umfahr 12 Seiten.

Stimmungsbilder aus öcm österreichischen Reichsrat.

Die wunderbaren Dauerfiyungen des österreichischen Ab- oeordnetenlstruses, über die wir eingehend berichtet haben, spiegeln die österreichische Politik als eine Tragikomödie nieder. Nachdem inan wochenlang über die Flotimachuna des Parlaments hin und her paktierte, fdjeiterte schließlich alles Daran, daß man in dem Kuhhandel über dic Portefeuilles im künftigen Koalitionsministerium nid)t einig werden tonnte. Einem stimmungsvollen Bericht der Äthein.-Weftf. Ztg." aus Wien entnehmen wir folgende belustigende Stellen:

Im Abgeordnetenhause geht es jetzt zu wie in einem Bergwerk. Man hört von nichts anDereut reden als von Lag)d)id)t und Nachtschicht, von Achtstundenpausen iuiD Zwölfstundenpausen. Es wurde nämlich, um die slawische Obstruktion konjequent niederwerfen zu können, ein förm­liches Schichtfystem eingeiührt, sowohl für die Minister, als für das Präsidium und die Parteien. Ein Glück, daß das österreichische Abgeordnetenhaus fünf Vizepräsidenten hat. So beträgt jede Präsidialschicht, da immer ein Präsident in Reserve stehen muß, nur fünf Stunden. Da die arbeits­willigen Parteien für die permanente Beschlußsahiakeit des Hauses zu sorgen haben, wurde ein zweifacher Schichtwechsel jber arbeitswilligen Abgeordneten eingerid)tct Jede Schuht besteht aus 154 Abgeordneten und ist verpflichtet, hlvolj Stunden ununterbrochen im Hause anwesend zu sein. Einzig und allein die Slavische Union ist nicht in der Lage, einen Schichtwechsel einzuführen. Die Parteien, die die tzchechifche Demonstration ab absurdum führen und den Wählern die iroftloie Politik der Slawischen Union deutlich vor Augen führen wollen, zählen 357 NLann, sohin mehr als zwei Drittel des »auses. Die Zahl der Obstrultionisten beschränkt fief, aber vorläufig auf die 37 Mitglieder der tschechischen Agrarier, die von den Tschechischradikalen unterstützt wer­den. Aber alle befreundeten "Parteien der Slawischen Union zusammen zählen 124 Mann.

Die Arbeitswilligen haben es sich in den äußeren Iftäumeit des Hauses fo bequem als möglich gemackft. In den ^.ouloirs sind alle Polfterbänke mit Schlafenden richt besetzt. Vorsorgliche Abgeordnete haben sich mit Haus- Ichuhen, Nachtmützen und Kovfpolstern versehen, die weniger Vorsichtigen begnügen sich damit, Tücher unter den Kops -u schieben. Lebhafte Heiterkeit erweckt unter den Wall)en­den das laute S chnarchen einzelner Parlaments- oiößen. Me Klubzimmer sind in Schlafräume umgewan- delt, und alle Plätze sind dort stark begehrt. Der große Ludgetsaal bietet das Bild eines improvisierten Massen- quariiers. ,

Fm Sitzungssaal selbst sind nur wenige Abgeordnete anwesend. Tort halten die tschechischen Redner die viel- fkünbigen Obstruktionsbauerreden zu den von ber Slawischen Union eingevrachren 37Dringlichkeiis"-Änträgen, deren einer nach dem andern von den Arbeitswilligen nach der Dearündung abgelehnt wird. Eine Gruppe von Partei­genossen sitzt um den jeweiligen Redner herum und laßt ton Zeit zu Zeit Applaus.salven los. Dann und wann ver- ans alten sie einen kleinen Krawall, um dem Redner eine Ruhepause äu gewähren. Wiederholt briligcn die Partei- Echsen dem Redenden Tee, Kaffee, Käse. Aritunter zwingt «in natürliches Bedürfnis, den Rebeftrom zu unterbrechen. Dann wirb bic Sitzung auf fünf Minuten unterbrochen, feine angenehme Unterbrechung gewährte es auch,, als, ein V-oalischer Abgeordneter breimat mit großem Geräusch Niefte.