Nr. 231 Viertes Blatt
ISS. Jahrgang
Samstag 2. Oktober 1S0H
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Lamilienblätter" werden dem »Anzeiger- viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monailich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für (vberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: €ägä>51. Redaktion:<L^ll2. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen«
Beer und Flotte.
— Die neuen deutschen und englischen Kriegsschiffe. Wie die Londoner Blätter Hertorheben, soll der neue lrritische Dreadnought, der „Neptune" das größte bisher sertrg- zestellte Dreadiwughlschiss der Welt sein. Nach fernen ^rnr^rsionM besitzt es eine Länge von 600 Fuß, eure Brette ton 88 Fuß, ein Deplacement von 20 250 Tonnen, eine Pferdekraft ton 34 500, eine Geschwindigkeit von 21 toten, eine Hauptbewaffnung ron zehn zwölfzölligen Geschützen und eine Anttwrpedobewafmung ton seid zölligen. Sein Deplacemertt übertrifft das der drei letzten Dreadnoughts uni 1000 Tonnen und das des ersten Tread- rouglüs um 2350 Tonnen. Obwohl die Pferdekraft größer ist ils die seiner Vorgänger, übertrifft es sie wegen seines größeren Leplacements nicht an Geschwindigkeit. Die Kosten des Schiffes betragen fast 40 Millionen Mark. Das Zusammentressen scs Stapellaufs eines deutschen und eines brttischen Dreadnoughts ubt den britischen Blättern wieder Anlaß zu den bekannten Er- Lussen über die deutsche Flottenkonürrrenz. In dem Ersatzschifs ur den Panzer „Oldenburg" ließ die Marinewerft in Wck- elmsl-aven zum zweitenmal einen deutschen Dread - rought zu Wasser. „Ersatz Oldenburg" ist ein Schwesterschsif des erst am vergangenen Samstag in Kiel getauften Panzers „Helgoland". Wie dieser wird auch das vorgestern zu Wasser -gebrachte Schlackst sckstss für den Frontdienst der Äiarinestation der 'Jioriyfee überwiesen werden. Das Linienschiff Helgoland" Lat bis zum Stapellauf eine Bauzeit von neun Aionaten er- oebert, eine Leistung, wie sie bisher auf den deutschen Wersten noch nickst erzielt worden ist. Ueber die Abmessungen und die inneren Einrichtungen des Schiffes ist bisher nichts bekannt ge- ioorden. Seitens der Marineverivaltung werden alle auf den Bau der Kriegsschiffe bezüglichen Angaben aus militärischen Grün- Len geheim gehalten Deutschland ist aus diesem Wege nur dem englischen Beispiel gefolgt, denn die englisckfe Admiralttät macht schon feit längerer Zett grundsätzlich der Oesfentlichkett feine Mitteilungen über die Einzelheiten der Konstruktion der von ihr in rtuftrag gegebenen Schiffe. Sett dem Frühjahr 1908 haben nun sechs deutsche Dreadnoughts die Hellinge verlassen; für Lilien siebenten wird dies auch noch der Fall in einigen Wock)en jein* * dann tritt eine längere Pause in der Reihe der Stapelläufe von deutschen Schlackstschiffen ein. Die Wilhelmshavener Werft tat jetzt keinen wetteren Neubau mehr für die Flotte auf dem ätapel stehen. Auch „Ersatz Oldenburg" verttitt den Typ des verbesserten Dreadnoughts; vor allem mit seiner verstärkten artilleristischen Armierung gegen die vier Naffaufchiffe. Bon den Schiffen, die im Jahre 190b int Bau begonnen worden sind, schwimmen jetzt bereits fünf ausschließlich der Torpedoboote; nur zwei stehen noch auf dem Stapel, die indessen int Laufe des Winters folgen werden. ___
Gerichts?aal.
Leipzig, 1. Oft. Vor dem Reichsgericht kam heute die Revision im Prozeß des Rennfahrers Breuer zur Verhandlung, der am 10. Juli vom Schwurgericht Trttr wegen Mordes zum Tode Verurteilt worden war. Das Urteil wurde a u s g e - hoben und die Sache an das Schwurgericht Trier zurückgewiesen.
München, 1. Okt. Das Schwurgericht verurteilte die Tagelöhner Huber und Hauser, welche die Witwe Ober- iTtaier in Grafing ermordeten und beraubten, zum Tode.
Brom berg, 1. Okt. Das Schwurgericht befand den Be- jiyer N y k a aus Komsdors bei Znin, der angeklagt war, seine Schwiegermutter erwürgt und im Walde aufgehängt zu haben, für schuldig und verurteilte ihn zum Tode.
Sport.
* Olympische Spiele. Um der Leichtathletik in Gießen viehr Eingang zu verschaffen, veranstaltet der „Gießener Ballspielklub 19 0 4" morgen, Sonntag, interne olympische Spiele auf der Rennbahn an der Hardt. Tie Spiele bestehen aus
einem Fünfkampf um den Wanderpreis das Klubs (100 m-Lauf, 400 m-Sauf, Diskuswerfen, Kugelstoßen, Fußballweitstoß) und drei Einzelkonkurrenzen (100 m-Juniorlauf, Weitsprung und 400 m- ©tafettenlmif). Die Spiele finden nach den Bestimmungen und unter Ansicht der deutschen Sportbehörde für Athletik statt. Ta die Bewegungsspiele in freier Natur viele Freunde bei Alt und Jung haben und Behörden und Schulen sich lebhaft dafür interessieren, hoffen die Veranstalter, eine stattliche Anzahl von Zuschauern u erhalten, besonders da kein Eintrittsgeld erhoben wird und für -.tzgclegenheit und Erfrischungen aut dem Platz gesorgt ist. Die Spiele beginnen pünktlich 2 Uhr und sind nur für Mitglieder des veranstaltenden Vereins offen. Nach Schluß der Spiele ist die Preisverteilung in dem Saale der Terrasse mit anschließendem gemütlichen Beisammensein.
LandrVvrtschcrft.
+ Von der oberen Schwalm, 1. Off. Schon ist der Oktober ins Land gezogen und immer noch häufen sich die Erntearbeiten. Ueberall liegt auf den Wiesen Grummet. Es erfordert bei der vorgeschrittenen Jahreszeit doppelte Arbeit, und dennoch hält das Trocknen schwer, weil in den Vormittagsstunden keine Sonne scheint und dichte Nebel den Boden durchnässen. Der Ertrag der Grummeternte wird den der Heuernte bedeutend übersteigen. Die Kartoffeln stecken noch fast alle in der Erde. Es ist eine gar mühselige Arbeit, die Knollen aus dem nassen Boden zu wühlen und von der daran haftenden Erde zu befreien. In sonstigen Jahren war um diese Zeit die Roggen- ausfaat schon bald beendet; heute ist kaum ein Anfang damit gemacht. Schöne Helle Oktobertage sind unseres Landmanns sehnlichster Wunsch.
Vermachtes.
"Eine künstlerisch ausgestattete Festnummer der K o l o n i a l iv ar e n - W o ch e , die zum diesjährigen in Braiuischweig abgehaltenen Verbandstage der Telikatessenhändler Deutschlands erschienen ist, legt uns die Firma Benningfohn und Ehrlich Verlag für Handel und Industrie vor. Ein Exemplar dieser Ausgabe, die reich illustriert ist und vorzügliche Fachartikel enthält, wurde dein Regenten des Herzogtums Braunschweig, Herzog Joh. Albrecht zu Mecklenburg, überreicht.
* Der Handel mit Flugmaschinen nimmt einen schnellen Aufschwung. In dem Pariser aeronautischen Salon sind schon eine Reihe von Verkaufen vollzogen worden. Die erste Bllllcck-Maschine für Amerika mürbe von einem New Yorker Börsen- mttglied, Ellssord 31. Heudrix, erworben. Wie der Letter der Blöriot-Gesellfchast, (Sonne de Lapeyrousse, erklärte, werden für die kleinen Maschinen 5000, Mk. gefordert, aber bei diesem Preise gibt es keinen Unterricht. Die Maschine wird dem Käufer von einem Angestellten der Gesellschaft in eurem zehn Kilometer langen Fluge vorgeführt, ihre Handhabung genau erklärt, und dann findet die Liebergabe statt. Bei einer großen Maschine, die 20 800Mk. kostet, wird gegen ein Entgelt von 800 Akk. ein vollständiger Unterricht erteilt.
* L 6 pines Experiment. Von einer gelungenen Prüfung, die Polizeihunde vor dem Polizeipräfetten Lepine ablegten, wird aus Paris berichtet: Lepine, der sich nach der Besickstigung der 2ö Hunde durch eine praktische Probe von ihrer Tüchtigkeit überführen wollte, forderte einen Detettiv auf, ihm etwas aus der Tasche zu nehmen, auf ein Fahrrad zu springen und davonzujagen, um dann zu sehen, was der Hund unternehmen würde. Ter Mann tat, wie ihm geheißen, aber noch war er auf dem Rade nicht von dem Hof der Präfektur fortgekommen, als einer der Hunde ihn schon erreichte, vorn Stabe stieß, die Maschine zerbrach und dem Manne die Kleider zu Fetzen zerriß. Hätte er nicht einen Maulkorb umgehabt, so wäre es dem Mann jedenfalls schlimm ergangen. „Höchst befriedigt!" sagte Lopine, als der Hund von seinem Opfer abgebracht wurde. Ter Detettiv aber schaute auf sein zerbrochenes Zweirad, streichelte seine zerschundenen
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Glieder und gab sich große Mühe, auch seinerseits zufrieden auszusehen.
* Des Exsultans Juwelen unter dem Hammer. Aus Paris wird gemeldet: Abdul Asis, der entthroitte Sultan von Attlrokko, hat es verabsäumt, für seine Juwelen, die am 11. Dezember 1907 im Mont de Pi6ts verpfändet wurden, die fälligen Zinsen zu zahlen, und die Letter des Instituts schicken sich ratnmeljr an, den wertvollen Besitz zur öffentlichen Versteigerung zu bringen. Unter den Juwelen befinden sich ein halbes Dutzend prachtvolle Tiamanthalsbänder, eine sehr schöne Perlen Halslette, ein Ring mit Tiamanten und Smaragden, ein Diadem, in dem ein Mittelstück von Diamanten mit '«Rubinen von einer Reihe von Brillanten und Saphiren umschlossen wird, zahlreiche marokkanisckie Juwelen von seltsamer Zeichnung, ein dicker Ring von schönen Topasen und 'Rubinen, und ein reich geschmückter Gürtel von altertümlichem Entwurf, in Gold gearbeitet und mit Türkisen, Smaragden und Saphiren geschmückt, während zwei große Diamanten die Schnalle verzieren. Der Gesamtbetrag, der auf diese Schätze geliehen wurde, war 960 000 Mark; er wurde nach einer sorgfältigen Abschätzung durch eui Sachverständigem- Komitee festgesetzt. Diese Summe beträgt wahrscheinlich nur ein Drittel des wirklichen Wertes, aber bei der großen Unsick^erhett in den Preisen, die Juwelen auf öffentlichen Versteigerungen erzielen, mußten die Sachverständigen in ü/rer Abschätzung die größte Vorsicht beobachten.
* Die Südpolar-Ausstellung. Aus London wird berichtet: Eine eigenartige Ausstellung ist am Mittwoch von dem Londoner Lvrd-Major eröffnet worden: es ist die Südpolar-Ans- ftcllung Leutnant ShackletonS, und der Ausstellungsraum ist sein gutes Schiff, der „Nimrod", mit dem er seine glänzende Expedition ausgeführt. „Schön ist es zwar nicht, das Schiff," sagte Shack- letou liebevoll, „aber fest und so kräftig wie nur irgend eins. Seht Euch die Spuren an, die das Eis an feinem Bug hinterlassen; es ist wohl 300 Meilen weit hindurchgegangen. In einem Orkan möchte ich ebensogern auf dem „Nimrod" fein, wie sonst irgend wo; wir haben einmal vierzehn Tage lang Sturm auf ihm durchgemacht." Von den Unbequemlichkeiten des antarktischen Lebens können die winzigen Kabinen ein anschauliches Bild geben, in denen Leutnant Shackleton, der Kapitän und der Biologe lebten und arbeiteten. Eine solche Enge herrscht auf dem 'Nimrod, daß man sich „kaum herumdrehen" kann. Für seine großen Sammlungen hat daher der Walfiichfänger als Ausstellungsraum auch nicht genügt, und der Besichtigung des Schiffes ist in einem Museum in der 3iäl;e eine reichhaltige Vorführung angeschlossen, die die wissenschaftliche Ausbeute der Expedition zeigt. Ta sieht man eines der Zelte aufgestellt, das die Forscher benutzten; der Boden ist mit Renntiersell belegt und eine realistisch aufgebaute Szenerie führt das Leben in der Antarktis mit ihren zahlreichen Seerobben und Pinguinen vor. Kochapparate, Schickten, vollständige Ausrüstungen und Begleitungen für den Südpol werden vor geführt. Auch eine Reihe von Photographien, Tiere der Antarttis und die an Bord des „Nimrod" gedruckte Schiffszeitung sind ausgestellt.
* Tolstoi und der Ruhm. Tolstoi macht sich, wenn man dem Evi de Paris glauben darf, keine übertriebenen Vorstellungen von feinen Verdiensten, und dem Ruhm bringt er nur eine aufrichtige Verachtung entgegen. „Der Ruhm?" so sagte er kürzlich, „was ist zunächst der Ruhm? Bei meiner letzten Krankheit, als alle Welt glaubte, daß ich sterben würde, kamen zahlreiche Abordnungen zu mir, die mir ihre Sympathie aus drücken sollten. Große Städte, literarische und künstlerische G-sellsck-aften fchictten mir ihre Vertreter, und unter diesen auch sehr liebenswürdige Damen. Eine der letzteren, eine sehr elegante, sehr hübsche Frau, trat auf mich zu und sagte „dem höchstgeehrten und lieben Leo Nikolajewitsch" ein paar artige Redensarten, in denen sie ihrer tiefen Bewunderung Ausdruck gab für den Nimm, dessen Bücher unvergeßliche Erinnerungen ihr hinterlassen hätten. Ich antwortete ihr harmlos: „Ich danke Ihnen, liebe Dame. Und welches von meinen Büchern ist Ihnen das liebste?" Da aber wird die hübsche Besucherin abwechselnd bleich und rot. Ich begreife erst zu spät, daß die liebe Seele auch nicht eine Zeile ton mir ge-
Denkwürdigkeiten der Eenerair §r. o. Eisenhart.
Die Memoirenlttercttur aus der Uebergangsepoche vom Staate des großen Königs bis zum Erwachen oes deutschen Bvlksgeistes in den Befreiungskriegen gehört zu den wertvollsten Quellen, ans denen die Erkenntnis der politischen und kulturellen Zustände jener hochbedeutsamen Zeit : fließt. Sie erfährt eine hervorragende Bereicherung durch ine soeben im Verlage von E. S. Mittler u. Sohn in Berlin Ierschienenen, von Ernst Salzer herausgegebenen „Denk- würdigkeiten des Generals Friedrich v. Eis en - - Wart 1769—1839". In diesem Memoirenwerk werden mit großer Anschaulichkeit zahlreicher leitender Männer vorliegend Erlebnisse aus den Zeiten der tiefestn Erniedrigung ob der herrlichen Erhebung Preußens und Deutschlands geschildert. Friedrich v. Eisenhart trat im Jahre 1786 in ein Husarenregiment ein, machte in den Jahren 1792—1795 den ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich mit, kam im Jahre 1807 insofern zu Blücher in Beziehungen, als er ;u seine Suite nach Treptow a. d. R. versetzt wurde. Vor- - her und auch nachher wurde er von dem General v. Rüche! n verschiedenen Missionen an die mitteldeutschen Höfe ver- ivendet und selbst eine Sendung nach Königsberg an den preußischen Hof im Auftrage Blüchers ward dem inzwischen M höherem Dienstgrad aufgerückten Offizier zu teil, um frort dem König die Notwendigkeit eines energischen Vor- zehens gegen dre Franzosen nahezulegen. Von dem wirklich freundschaftlichen Verhältnis zwischen Blücher und Eisenhart legt der vertrauliche Briefwechsel Zeugnis ab. Rückhaltlos äußert sich Blücher darin über Personen und Zustände.
Eisenhart war ein Mann der Tat und ein Charakter, Tie diese eiserne Zeit sie erforderte. Bei dem Organisations- t alent und der Kraft der Initiative, die er zweifellos besessen hat, wäre er wohl zu einer maßgebenden Stellung berufen gewesen. Persönliche Feindschaften, die er sich zum Lett durch seine bisweilen an Schroffheit grenzende Freimütigkeit zugezogen haben mag, scheinen seine Beförderung o-treüeli zu haben, obwohl er sich bis zu seinem Tode m persönlichen Gunst des Königs und des Kronprinzen erfreute. Seinen politischen Anschauungen nach war er '.lioyalist mit Leib und Seele, durch ein Gefühl ganz persönlicher Hingabe seinem Herrscherhause verbunden. Freilich ist er, obwohl er sich über die Zöpfe der hessischen Garde lustig macht, in politischer Beziehung dock) ein unbedingter 'ckirhänger des alten, patriarchalischen Systems; auch für die berechtigten Forderungen der neuen Zeit hat er kein Äcrstäüonis, jede Konstitution verursacht ihm einen „wahren Ekel". ^Sehr lebhaft dagegen wurde er in den Jahren der strentdäerrschaft von dem idealen Schwung der nationalen Ä-ewegung und von leidenschaftlichem Haß gegen Napoleon erfaßt, r
Für Idlle Art des Mannes spricht am besten seine Beurteilung von Menschen und Dingen, denen er im Lause seines bewegten Lebens begegnet ist. So erzählt er: „Der regierende Herzog von Gotha war wohl einer der originalsten Menschen, die es jemals gegeben hat. Seine Toilette war halb männlich, halb weiblich; er schminkte sich rot und weiß, trug seine falschen Locken in verschiedenen Farben, kurz, er spielte eine höchst lächerliche Figur; besonders war die"S der Fall, wenn er in den versammelten Hoszirkel eintrat, wo er mit tiefster Ehrfurcht empfangen wurde. Gewöhnlich sprang er mit Entre-Chat in den Saal, verneigte sich mit affektierten Manieren, küßte hier und da eine der älteren Damen, unterhielt sich mit Fremden von den lächerlichsten Gegenständen, nahm den Rapport des Kommandanten, ohne ihn anzusehen, indem er die Hand hinter seinen Rücken hielt, entgegen und fragte auch manchmal ironisch, ob seine Armee in der Nacht großen Abgang durch Desertion gehabt. Uebrigens besaß er viele Kenntnisse und einen brillanten Verstand, aber sehr verwundenden Witz. Er wollte auffallen, den Sonderling spielen und die ganze Welt von sich reden machen."
Im Jahre 1805, wo Eisenhart Gelegenheit hatte, dem thüringischen Fürsten einige Dienste zu leisten, wurde ihm vom Fürsten zu Rudolstaot die Vollmacht als Kaiserlicher Hos- und Pfalzgraf verliehen. Von Kaiser Karl dem Vierten zuerst eingesührt, dann vielfach den Lanoesherren verliehen und von diesen weiter übertragen, befugte diese Vollmacht zu gewissen kaiserlichen Gnadmerweisungen und Akten frei- toilliger Gerichtsbarkeit. Unter anderem konnte der Pfalzgraf auch Doktorpromotionen vornehmen. Wenn ein Aspirant sich bei dem Pfalzgrafen zur Erlangung des Doktortitels meldete, so tonnte er, wenn er in Gegenwart des Pfalzgrafen von drei Doktoren der Fakultät examiniert und von diesen als würdig erkannt wurde, durch den Pfalzgrafen ohne weiteres zum Doktor promoviert werden. Bei einem Diner len Hamburg, das oer preußische Gesandte dem General v. Blücher und mehreren ganz preußisch gesinnten Hamburgern gab, war auch v. Eisenhart zugegen. Ta ereignete es sich, daß der preußische Gesandte, nachdem die Gesellschaft, wie Eisenhart schreibt, „etwas munter geworden", sich an ihn mit den Worten wandte: „Lieber Herr v. Eisenhart, ich habe eine große Bitte an Sie, die Sie mir nicht abschlagen dürfen. Jyr Nebenmann bei Tische ist ein ganz fürtrefilicher, patriotisch und ganz preußisch gesinnter Mann, der sich um uns große Verdienste erworben hat. Er hat mich gebeten, mich oei Ihnen zu verwenden, daß Sie ihm das Doklordip'.om geben mochten: er wird sehr erkenntlich dafür sein." Hierauf erwiderte Eisenhart, daß er es sich zur Pflicht fluichen würde, Sr. Exzellenz Wünsche zu erfüllen, im FMe der Herr nur das Examen
machen tonnte. „Ach! lieber Freund, das ist eben das Schlimme bei der Sache; können Sie ihm denn nicht durchhelfen?" Und Blücher unterstützte die Angelegenheit mit folgenden Worten: „Pfalzgraf, fei Er kein Narr! 9Nache Er den braven Mann zum Doktor, ich will es verantworten; er hat sehr guten alten SB ein, und der gibt mehr Verstand, als alle die gelehrten Federhelden haben." Den folgenden Tag mußte das Examen vorgenommen werden, und Blücher hatte die Herren Examinatoren sowohl als den Aspiranten so zugestutzt, daß dieser ziemlich alle Fragen beantworten tonnie und sein Wunsch erfüllt wurde.
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— Otto Ernst gegen feinen Kritiker. Herr Otto Ernst in Hamburg hat es für nötig erachtet, einen Krttiker, der über eines feiner Werke zwar absprechend, aber vollkommen ruhig und sachlich geurteilt hat, vor den Richter zu fordern. In den „Hamb. Nachr." erfchien am 17. September die folgende Kritik:
Thalia-Theater. Es wurde gestern hier ein älteres Stück von Otto Ernst aufgeführt, das nach dem Titel: „Tie Revolverjournalisten" in feiner Spitze zwar nur gegen gewisse Auswüchse der Presse gerichtet zu sein scheint, bei dem aber in Wahrheit der ganze Starcd übel davonkommt. Daß die Tirettion der vereinigten Hamburg-Altonaer Theater für heute abend, also in unmittelbarer Folge, für die Altonaer Bühne eine Wiederholung ton Gustav Freytags Journalisten" angcsetzt har, tann dem gegenüber unmöglich als ein bloßes Spiel des Zufalls angesehen werden. Offenbar wollte die Direktion der vereinigten Theater es dem Publikum selbst überlassen^ sich ein Urteil zu bilden über die ethische Wertvecscyttdenheit der beiden Schriftsteller, die beide aus demselben Milieu beraub schildern, dem sie beide selbst angehört und in dessen Behandlung sie.zu so völlig pchffchiedenen Ergebnissen gelangen. Es ist dies eine überaus feine Malice, die dem Witz der vereinigten Theaterdirektion alle Ehre macht, und zugleick) ein wohlverdienter Hieb, der sitzt, auck) wenn der, den er getroffen, tun sollte, als ob es ihn nichts anginge.
Darauf richtete Otto Ernst an den Verfasser der Kritik das folgende Schreiben:
Herrn H. E. Wallsee, Theaterreferent der „Hamb. Nachrichten", Hamburg.
Wenn Sie die in Ihrer vermeintlichen Kritik meiner „Rc- volverjoumalisten" enthaltenen, meine Ehre aufs schwerste an- taftenben Schmähungen nicht an gleicher Stelle und in einer von mir festgesetzten Form zurücknehmen, werde ich vor Gericht mit Ihnen gründlich abrechnen. Mit Hochachtung
Otto Ernst. Groß-Flottbeck, 20. September 1909.
Nachdem Herr H. E. Wallsee es abgelehnt hat, von dem Gesagten irgend etwas zucückzunehmen, hat Otto Ernst die Klage überreicht. Wenn, so bemerkt das „B. T." richtig, in der Kontroverse ton Schmähungen überhaupt die Rede sein kann, so sind sie nicht in der Kriiik des Journalisten, sondern in dem Bries des Dichters zu finden.


