Ausgabe 
28.6.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 148

Zweites Blatt

159. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener Familienblatter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Montag 28. Juni 1909

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51. Redaktion:e^K112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

Gießener Anzeiger

Gmeral-Anzeiger für Oberhessen

Die Freunde und die Gegner der Lrbanfallfteuer.

Bei der namentlichen Abstimmung ain 24. Juni 1909 haben für den entscheidenden § 9a der Erbaniallsteuer gestimmt, also mit ja:

_ ^nnLnJnftr^A/f'üAv ®iefeA W* 3U Hobcnlohe.Oehrinqen, Äi»«n/Potsdam), Dr. Wagner (Sachsen), Arnold.

Rerch^part^ct. ±r. Arendt «Mansfeld), Banermcister, Tr.

s7nSnn,c üV,uf£n' ?^'h°rr v. Gamp-Massannen, Fürst von Äatzieldt, Hoeffel, Dr. Stolbe, v. Siebert, Löscher, Pauli (Cber- ^ohliiter, Schmidt (Altenburg), Schultz, Stnbben- dorff, W tt lAlarlenwer^er), Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg, Langecseld Lln^Nm-ck, v^ertzen.- W i r t s ch a s t l i ch e B e r e i n i g u n g: dohnre, Dr. Burchhardt, v. Tamm, Graes (Weinrar), Hanisch, Herzog, Lattmann, Raab, Rieseberg, Roth, Schack, Stauffer. Deutsche Reformpartei: Gäbel, Grase (Sachsen), Werner, Bruyn. Nationalliberale: Tr. Arning Tr Bai» Basiernranir, Beck (Heidelberg), Dr. Blankenhorn, Boltz, Buchsteb, Prinz zu Schonaich-Carolath, Dr. Contze, Delta, r^ehlhauer, Windel, Fuhnnann, Dr. Görck (Holstein), Dr. Görcke (Brandenburg), Hagenrann, Hagen, Hausinann (Hannover), Dr. H-mre, Dr. Hieber Horn (Neuß), Tr. Junck, Sind, Merkel, Muller (Rudolstadt). Beuner, Ortet, Dr. Osann, Dr. Paasche, Quarck, Rimpau, Schwabach, Dr. Semler, Sieg, Sievers Dr Stresemann, Bogel, Wachhorst de Wente, Dr. Weber, Wehl' Wetzel, Wilde, Wommelsdorf, Everling, Kleye, v. Schubert, Traut-

Molzl, Dr. Hoppe. Freisinnige Bereinigung: Dr. Delbrück, Dr. Dohrn, Tove, Gothein, Hoffmeister, Mommsen, D. Naumann (Heilbronn), Dr. Neumann-Hofer, Tr. Pachnicke Dr. Potthoff, Schrader, Dr. Struve, Reichsgras v. Bothmer, Fegter, Dr. Heckscher. Freisinnige B o l k s p a r t e i: Dr. Ablaß, Buddeberg, Carstens, Cuno, Dr. Doormann (Lüben), Eick­hoff, Fischbeck, Dr. Goller. Günther, Gyßling, Tr. Hermes, Hor- mann (Bremen), Kaempf, Kopsch, Dr. Leonhart, Aianz, Miiller (Iserlohn), Dr. Müller (Meiningen), Dr. Mugdan, Dr. Pfundt- ner, Sommer, Spethnrann, Dr. Stengel, Traeger, Dr Wiemer Ahlhorn, Enders. Deutsche Volkspartei: Haußmann (Württemberg), Oeser, v. Payer, Schweickhardt, ©torj, Wagner (Württemberg), Wieland. Sozialdemokraten: Al­brecht, Binder, Bohle, Bömelburg, Brey, Dr. David, Dietz, Eich­horn, Emmel, Fischer, Dr. Franck (Mannheim), Frohme, Geck, Geyer, Heine, Hengsbach, Hildenbrand, Hoch, Horn (Sachsen!, Äue, Kaden, Ledcbvur, Legien, Hehmann (Wiesbaden), Metzger, Molkenbuhr, Noske, Sachse, Scheidemcnrn, Schmidt (Berlin,, Schwartz (Lübeck), Severing, Singer, Stolle, Stücklen, Dr. Süde- kum, Ulrich, v. Vollmar, Zubeil, Brühne. Fraktionslos- Haussen, Kabelt.

Cs haben gegen die Erbanfallsteuer gestimmt, also mit

nein:

Konservative: Arendt (Labiau), Arnstadt, Rogalla von Bieberstein, v. Polka, v. Bonin, ö. Brockhausen, b. Byern, Graf v. Carrnei-Osten, Graf v. Carmer-Zieserwitz, Dietrich, Fürst zu Dohna-Schlobitten, Dr. Dröscher, v. Elern, ölten, Feldmann, Graf Finck v. Finckenstein, Glüer, Dr. Hahn, 5Bmning, 'Dr. von Heydebrand, Hufnagel, Graf v. Kanitz, Kreth, v. K^öcher, Malke- witz, Freiherr v. Maltzan, Mentz, v. Michaelis, Nehbel, Nieder­löhner, v. Normanu, v. Oldenburg, Perniock, Gans Edler zu Put- litz, v. Rautter, Freiherr v. Richthofen-Tamsdorf, Ritter, Rother, Dr. v. Caldern, Schickert, Graf v. Schwerin-Löwitz, Siebenbür­ger, Sielermann, v. Staudy, Freiherr v. Steinaecker, v. Treuen- felS, Graf v. Westarp, Wilckens, Will (Stolp), Winckler, v. Wint«.- feld-Menkin, Dr. Roesicke, Rupp. Reichspartei: Doerken, Dr. Barnhorst, v. d. Wense. Wirtschaftliche Vereini­gung: Kölle, Liebermann v. Sonnenberg, Vogt (Crailsheim), Vogt (Hall). Deutsche Reformpartei: Bindewald, Köhler. - Zentrum und Welfen: Baumann (Kitzingeu!, Beck (Aichach), Becker (Arnsberg), Dr. Becker (Köln), Dr. Belzer, Birkenmayer, Dr. Bitter, Dr. Dahlem, Dusfner, Engelen, Eiz- Bergei, Euler, Dr. Faßbender, Fehrenbach, Dr. Fervers, Dr. Fleischer, Frank (Ratibor), Freiherr v. Freyberg, Fritzen ,Düssel- dorf), Fritzen (Rees), Graf v. Galen, Gerstenberger, Giesberts, Gleitsmann, Glowatzki, Göring, Gröber, Haeusler, Hamecher, Hauser, Hauß, Hebel, Dr. Heim, Herold, Dr. Freiherr v. Hertling, Hmterwinkler, Hirschberg, Dr. Hitze, Hoen, Holzapfel, Horn (Neiße), Hubrich, Hug, Irl, Dr. Jaeger, Kalrhof, Kirsch, Klose, Kohl, Krebs, Lehemeier, Dr. Lender, Lezer, Fürst zu Löwenstein, Dr. Marcour, Dr. Mayer (Kaufbeuren), Mayer (Pfarrkirchen ), Müller (Fulda , Nacken, Graf v. Oppersdorfs, Dr. Pfeiffer, Freiherr v. Pfetten, Dr. Pichler, Dr. Pieper, Graf Praschma, Pütz, Ranner, Roeren,

Dr. v. Savigny, Tr. Schäedler, Schefbeck, Schiffer, Schirmer, Lchmidt (Jrnrnenstadt. Schmidt Warburg), Sckmeider, Schüler, Schwarze (Lippstadt >, Sir, Sittart, Dr. Spahn, Speck, Spindler, Stamm, Steindl, o. Strombeck, Sttzoda, ^>tupp, Dr. Thaler, Freiherr v. Thünefeld, Trimborn, Dr. Bonderscheer, Wallenborn, Wellltein, Wiedeberg, Dr. Will (Straßburg), de Witt Mln), Freiherr v. Wolff-Metternich, Dr. Am Zehnhoff, Dr. Zehnter, Götz v. Ohlenhusen, Herzog v. Areirberg, v. Dannenberg, Pauly (Cochem,, Fürst zu Salm, liebet Polen: Brandts, Bresski, v. Chrzanowski, v. Czarlinski, Dr. v. Dziembowski-Pomian v. Grabski, Jankowski, Korsanty, Kulerski, Graf v. Brudzewo- Mielzynski, Napieralski, Dr. v. Niegolewski, v. Ganter-Polezynski, v. Caß-Garkowski, Seyder (Wreschen), Dr. v. Skarzyinski, Stychel, Dr. v Przcinski, Waida (Pleß). Fraktionslos: Delsor, Dr. Ricklin, Wetterle, Wiltberger, Hilpert, Labroise, Lchmami (Jena).

Enthalten hat sich der Stimme der srakttonslose Dr. Gregoire.

Bevölkerungsbewegung im Zähre lyN unö überseeische Auswanderung 1908.

Bon den Eheschließungen, Geburten, Sterbefällen und Selbst­morden des Jahres 1907, sowie der überseeischen Auswanderung des Jahres 1908 sind die hauptsächlichsten Daten bereits in den Vierteliahrsheften zur Statistik des Deutschen Reichs 1909,1 veröffentlicht. Nunmehr werden die ausführlichen Ergebnisse erst­malig in einem besonderen Bande und zwar in dem Bande 223 zur Stattstik des Deutschen Reichs mitgeteilt.

1. Bevölkerungsbewegung. Im Jahre 1907 wur­den im ganzen 503 964 Ehen geschlossen (1906: 498 990), die Zahl der Geborenen betrug 2 060 973 (1906: 2 084 739), darunter 61 040 Totgeborene, gestorben sind einschließlich der Totgeborenen 1 178 349 (1906: 1 174 464).

Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ist gegenüber dem Vor­fahre die Eheschließungszifser von 8,16 auf 8,12 v. T., die Ge­burtenziffer von 34,08 auf 33,20 und die Sterblichkeitszifser von 19,20 auf 18,98 v. T. gefallen. Die Sterblichkeitsziffer weist im Berichtsjahre den niedrigsten Stand auf seit Gründung des Reiches.

Das Alter der Heiratenden war bei den Männern in 42,8 v. H. der Fälle 25 bis 30 Jahre, bei den weiblichen Personell in 57,5 v. H. der Fälle unter 25 Jahren. 436 908 ledige Männer schlossen die Ehe mit ledigen Frauen, 11 726 Witwer mit Witwen und 733 geschiedene BLänner mit geschiedenen Frauen. In 456 150 Fällen wurde die Ehe zwischen Personen gleichen Religionsbe­kenntnisses geschlossen, und zwar waren beide Eheleute in 297 815 Fällen evangelisch, in 153 487 Fällen katholisch und in 4052 Fällen israelitisch, Mischehen wurden 47 814 oder 9,5 v. H. ein- gegangen, davon 45 213 zwischen Evangelischen und Katholischen.

Von dm 2 060 973 Geborenen des Jahres 1907 waren 1999 933 oder 97,04 v. H. Lebenügeborene und 61040 oder 2,96 v. H. Totgeborene. Mehrlingsgeburten waren unter dieser Ge­burtenzahl 26 204 oder 12,9 v. T. und zwar 25 972 Zwillings- geburteu und 232 Drillingsgeourten. Im ganzen kamen bei den Mehrlingsgeburten 52 640 Kinder 26 889 'Knaben und 25 751 Mädchen zur Welt.

Die Zahl der ^-tcrbefälle einschließlich der Totgeborenen be­trug 1 178 349 oder 19,0 v. T. der Gesamtbevölkerung. Im ersten Lebensjahre starben 351046 Kinder (195 761 Knaben, 155 281 Mädchen und 1 Kind unbestimmbaren Geschlechts, dar­unter 302 920 ehelicher, 48126 unehelicher Geburt.

Den Nachweisen über die Bevölkerungsbewegung des Jahres 1907 schließen sich diejenigen der Jahre 1904, 1905 und 1906, dargestellt nach kleineren Verwaltungsbezirken, an, und zwar sind die Zahlen ber Eheschließungen, Geburten, Sterbesälle, des Ge­burtenüberschusses sowie die Zahlen der Totgeborenen und bei- im ersten Lebensjahre gestorbenen Kinder für jedes der drei Kalender jahre angegeben. Für den Durchschnitt der drei Jahre sind entsprechende Verhältnisberechnungen ausgeführt, denen verglei­chende Zahlen der Jahre 1894/1896 gegenübergestellt sind.

Beigefügt sind Kartogramme über Eheschließungen, Geborene, Gestorbene, Geourtenüberschuß und Säuglingssterblichkeit nach Hei­neren Verwaltungsbezirken für den Zeitraum 1904/1906.

In dem Bande 223 gelangen ferner die Statistiken der Todes­ursachen der Gestorbenen des Jahres 1906 nach Regierungsbezirken usw. zur Darstellung, wie sie in den Medizinalstatistischen Mit­teilungen des Kaiserlichen Gesundheitsamts, Band XII, Heft 2 veröffentlicht sind.

2. Selbstmorde. Im Jahre 1907 begingen int Deutschen

Reiche 9753 männliche und 3024 weibliche, zusammen 12 777 Personen Selbstmord. Auf 100 000 Einwohner des betreffenden Geschlechts entfallen danach 31,9 männliche, 9,6 weibliche Per­sonen, die durch Selbstnwrd endeten, bei beiden Geschlechtern zusammen stellt sich die Ziffer auf 20,6; im Vorjahre 1906 waren es 20,4.

3. Ueberseeische Auswanderung 1908. Die Zahl der im Jahre 1908 über deutsche Häfen Ausgewanderten stellt sich auf 123 221 und zwar 106 499 Fremde und 16 722 Deutsche, während sie im Vorjahre 363 615 Fremde und 26 380 Deutsche betrug. Der erhebliche Rückgang der Auswanderung zeigt sich danach sowohl bei den deutschen Auswanderern wie auch bei den fremden. Neben den 16 722 über deutsche Häfen ausgewanderten Deutschen gingen über fremde Häfen 3161: darunter über Ant­werpen 1774,^über Rotterdam und Amsterdam 1300. Die Ge­samtzahl der oeutschen Auswanderer betrug also im Jahre 1908: 19 883 (1907: 31696). An dieser Gesamtzahl der deutschen Auswanderer sind als Ausmandecungsgebiet beteiligt: Branden­burg mit Berlin (mit über 2000), Posen, Hannover, Rheinland und Königreich Sachsen (mit je über 1000). Ihrem Berufe nach ent­fallen von den deutschen Auswanderern 5804 aus die Landwirt­schaft, 5856 auf Bergbau und Industrie, 3324 auf Handel und Verkehrsgewerbe.

Das Hanptkontingent der über deutsche Häsen ausgewanderten Fremden stellten Rußland (46 376), Oesterreich (34 273) und Ungarn (22 682). Von den deutschen Auswanderern gingen 17 951, von den fremden 86 314 nach den Vereinigten Staaten von Amerika.

Die überseeische Einwanderung stellte sich int Jahre 1908 auf 216 917 Personen, darunter 134 788 von ddudamerika, 7037 von Südamerika, 4668 von Afrika (einschließlich 711 Mann deutsche Truppen), 992 von Ostasien (einschließlich 59 Mann deutsche Truppen) und 590 von Australien.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 28. Juni 1909.

Bestätigung. Se. Kgl. Hoh. der Groß Herzog hat die am 24. Juni erfolgte Wahl des bisherigen besoldeten Beigeordneten, Bürgermeisters Dr. Wilhelm Glässing zum Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt Darmstadt be­stätigt.

Erledigte Lehrer st eilen. Erledigt sind die mit evangelischen Lehrern zu besetzenden Lehrerstellen zu Duden­hofen, Kreis Offenbach, und zu Wetterfeld, Kr. Schotten, mit der Organistendienst verbunden ist.

Erledigte Oberförsterei. Die Stelle beS Ober­försters der Oberförsterei Lörzenbach ist erledigt.

** Das Vereinswesen und seine Bedeutung war das Theina eines Vortrags, den Herr Prof. T r. Leist am Donnerstag abend in der f o z i a l w i s s e n s ch a f t l i ch e n Ab­teilung der Gießener Freien Studentenschaft hielt. Der Redner zog in den Kreis seiner Betrachttmgeit nur diejenigen Vereine, welche öffentlich wirren, und auch von denen schloß er die Wohltätigkeits- und gemeinnützigen Vereine aus. Dann bleiben neben den politischen und religiösen Vereinen noch die heute se gewaltigen ^Bereinigungen, in beiten sich Stände und Berufe zur Vertretung ihrer Interessen zusammensinden. Während noch in den 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts von solchen Be­rufsvereinen so gut wie nichts bekannt war, haben sie heute eine ausschlaggebeitde Bedeutung int öffentlichen Leben errungen. Wenn man nun fragt:Was ist das Wesen dieser Vereine?", so spitzt sich für den Juristen diese Frage in die andere zu: Was (ist in allen diesen Vereinen die wirkende Straft?" Ist c5 einsach die Summe der Kräfte der Vereinigten oder kommt zu dieser Summe noch eine besondere Macht hinzu? Tie Frage ist verschieden zu beantworten, je nachdem es sich um junge oder alte Vereine handelt. Im jungen Verein ist die wirkende Straft die Summe der Strafte der Einzelnen. Denn der junge Berufs- Verein kann fein Mitglied im allgemeinen nur durch dieselben Zukunftshoffnungen fesseln, die es in ihn hinffngesührt haben, mißliebigen Beschlüssen einer Mehrheit kann sich die Minorität durch den Austritt leicht entziehen: um also nicht geschwächt zu werden, muß der Verein möglichst die Einstimmigkeit seiner Mit­glieder herbeisühren, zu einer Wirkung der Kräfte aller ver­einigen. Anders in einem alten Verein. Dieser besitzt gewöhn- lich einen gewissen Reichtum, aus dem er sogar den Mitgliedern in Zeiten der Not Unterstützungen gewährt (Gewerkschaften>. Tritt jetzt ein Mitglied aus, so geht es nach dem 'bürgerlichen Recht

Die Bedeutung der Wasserzeichen. Jeder weiß heutzutage schon von seinem gewöhnlichen Briefpapier, was ein Wasserzeichen ist. Wenig bekannt ist es dagegen, welch hohes Alter diese Zeichen bereits besitzen und welch eigentümliche kulturge­schichtliche Bedeutung ihnen innewohnt. Sie sind fast so alt, wie die Papierfabrikation selbst, die sich Ende des zwölften Jahr­hunderts vom Orient her über das maurische) Spanien in Europa verbreitete und früh auch nach Deutschland schon 1290 stand in Ravensburg die erste Papiermühle gelangte. Welche wichtige Kulturmission diese durchsichtigen Wassermarken während des ganzen Mittelalters erfüllten, geht aus einem kürzlich in London er­schienenen WerkeA new light on the Renaissance von Harold Bayley hervor, der in mühseliger Forscher arbeit etliche tausend jener mysteriösen Papierzeichen durchforscht hat, mit denen die mittelalterlichen Papiermacher ihre Erzeugnisse kenntlich machten, und dabei ganz neue und bemerkenswerte Ergebnisse besonders für die Beurteilung der Renaissance gewann. Danach bilden die Wasserzeichen von ihrem ersten Erscheine im Jahre 1282 an bis in die neuere Zeit eine sortlaufende Kette bestimmter Embleme, und zwar speziell sinnbildlicher Darstellungen von Ideen und Ueberliejerungeii mystischer und vuriranischer Sekten. Sie sind somit historische Dokumente von höchster Wichtigkeit, die manches dunlle Problem der älteren Vergangenheit in helleres Licht rücken. Bayley hat insbesondere festgestellt, daß die Papiermannfattur in Europa in erster Linie von den protestantischen Sekten der Vor-Reformation, speziell von den Albigensern und Waldensern im französischen Süden ausgeübt wurde, und daß diese sich nach ihrer 23eitreibifng der symbolistischen Bildersprache der Wasser­zeichen bedienten, um ihren Ideen Eingang und Verbreitung zu verschaffen. Das Erwachen der Renaissance erklärte Bayley von dessen Werke jüngst das Buchhändler-Börsenblatt eine ein­gehende Darstellung veröffentlichte geradezu für das direkte Resultat eines wohlüberlegten, überlieferten Einflusses durch die Papiermacher und Drucker: der eigentliche Nährboden der Ne- naissanee wäre somit nicht Italien, sondern Südfrankreich, die Heimat der schwer verfolgten Albigenser. Diese verbreiteten die in der Provence zuerst besonders heimische Papierindustrie aus ganz Europa und blieben auch Im Exil diesem Gewerbe treu. Zahllose, in alten Bsichern und Handschriften vorhandene Papier­marken symbolischen Charakters, in denen ein reicher Schatz reli­giöser, philosophischer und geschichtlicher Ideen niedergelegt ist, er­zählen noch in stummer Sprackie von dieser Jahrhunderte wäh- rendep Wirksamkeit der versprengten Albigenser. Bayley hat es nun übernommen, diese Bilder ohne Worte zu interpretieren und damit einen neuen Beweis für die zu wenig gewürdigte Tatsache zu liefern, welch ungeheure Verbreitung Allegorie und

Kleines Feuilleton.

Ein Reichsfinanzreform-Scherz. Daß trotz der momentan alles andere, nur nicht rosigen innerpolitischen Lage der Humor doch noch nicht ganz in Tornröschenschlat versunken ist, be­weist folgender, den .,L. N. N." gemeldeter Vorfall: Als kürzlich Frhr. o. Gamp ein Diner gab, an dem auch u. a. die Minister D. Rheinbaben, Sydow, Tirpitz und v. Eineni teilnahmen, wurde ausgemacht, daß niemand während des Diners von der Reichs- Nnanzrefonn reden dürfe: wer es dennoch tue, muffe 2 Mk. be­zahlen. Während sich sämtliche Tafelgäste dieser Ordre fügten, brachte es fchließlich der preußische Fiuauzminister v. Rheiubaben nicht übers Herz, die Reichsfinanzreiorm totzuschweigen; er sprach von ihr und überreichte dem Gastgeber Herrn v. Gamp die klingende Zweiniarkmünze mit den Worten:Hier, für das Reich." Herr v. Gamp wechselte das Geldstück in zwei einzelne Markftucke und überreichte das eine Herrn v. Tiroitz, das andere Herrn v. Einern mit der Bemerkung:öeer und Marine schluckens doch." Die Ge° >ellschaft nahm diesen Scherz mit schallender Heiterkeit auf.

Versteuerung der Geh'eimmitLel. Aus I ärztlichen Kreisen wird uns geschrieben: Es darf einiger­maßen Wunder nehmen, daß bei den lange währenden De­batten über Reichsfinanznot und Reichsfinanzreform noch inemand daran gedacht hat, die in ungeheuren Mengen konsumierten Geheintmittel mit einer Steuer zu belegen. Man gibt sich heute die größte Mühe, zahlreiche Arzeneten, bereit Zusammenstellung oder Herstellung geherm gehalten loird, bereit Wert illusorisch ist, schon im Htnblick auf die Kurpfuscherei zu bekämpfen. Man verössentlicht lange fisten ber Mittel, die nur in "Apotheken feilgehalten werden dürfen, nttin verbietet den Verlauf anderer ganz. Es läge nun doch eigentlich Viel näher, daß mau die Gehcimmittel weniger - bekämpfen und dafür höher besteuern sollte. Und zwar kann diese Steuer, gegen die im Prinzip keine Partei etwas > einzuwenden haben wird, gar nicht hoch genug sein, höher der Preis für die Geheimmittel ist, um so eher werden ! sich die, die nicht alle werden, von ihrem Ankauf ab- i schrecken lassen; wib bas ist ia bic Absicht ber Scnorben. In Euglanb ruht auf den Geheimmitteln eine ganz erhebliche Steuer, bie bem Staate jährlich einen großen Posten Gell) über 6 Millionen Mark einbringt. Es liegt nicht ber geringste Grund vor, diese Steiler nicht auch bei uns einzu- iühren, wo sie wahrscheinlich erheblich mehr einbringen bürste.

Symbolismus in ber Kunst und Literatur des Mittelalters be­saßen. Es gab da religiöse Embleme Kreuz, Leuchter, Welt­kugel, Einhorn, Pelikan, Taube u. a. Embleme, die auf Jn- auisition und Märtyrertum anspielten, romantische Embleme, die dem Anschauungskrcise bei Ritter und Troubadoure enhtonunen waren, wissenschaftliche und kabbalistische Embleme uno. Die Hand, die Rose, die Schlange, die Sonne und ähnliches )nehr spielten in dem Repertorium dieser papiernen Bildersprache eine besonders bevorzugte Rolle, und wenn heute noch manefje Wasser­zeichen, wie die Lilienblüte, die Weltkugel mit dem Kreuz n. dergl., verbreitet sind, so ahnt wohl taum noch einer, der mit Füllfeder oder Schreibmaschine darüber hinwegeilt, welch ehrwürdige Be­deutung diesen und den zahllosen ähnlichen Papicrmarkcii in früheren Jahrhunderten zukam.

Tie Verordnung am rechten Platz. Als Gegen­stück zu dem auch von uns veröffentlichten Gefchichtchen: Er weiß es auch nicht wie es kommt, daß 80 Kühe in einem Jahre nur 60 Kälber bringen wird der Tägl. Rundschau folgende ans FontanesWanderungen durch die Mark Brandenburg" entnom­mene Episode mitgeteilt. Im Band 1, Seite 466, heißt es vorn tollen" Geist von Beeren auf Groß-Beeien:Es war ein Kienrau­penjahr, und bic Forstheiden der Mark ivoren im traurigsten Zustand. Die Potsdamer Regierung sah sich veranlaßt, eine Verfügung zu treffen, worin sie angab, wie den Raupen am besten beizukommen und weiterer Schaden zu vermeiden sei. Die Verfü­gung schmeckte etwas nach grünem Tisch und war unpraktisch. Geist antwortete einige Tage später: Probatum egt, ich bin in den Wald gegangen, habe das Reskript einer k. Regierung den Kleuranpen vorgelesen und siehe da, die Raupen haben sich sämtlich tot gelacht."

Enttäuschung. In denDaily Nelvs" lesen wir eine kleine Erzählung aus dem Leben eines Land­streichers, bas unter vielen unangenehmen auch einmal eine heitere Erinnerung bringen mag.Komme ich ba", erzählt der Betreffende,an ein Landhaus mit einem schönen, gut gepflegten Garten nach vorn heraus: es machte den Ein­druck, als ob man hier wohl eine gute Seele finden könnte. So gehe ich hinein, lasse mich ber Länge nach auf beit iEobcii fallen unb fange an, bas Gras auszurupfcn. Ta kommt cm junges, hübsches Mäbchen, bic reine Unschulb, heraus unb fragt, was ich mache. Ich sage ihr, baß ich seit Wochen nichts verbient habe unb Gras esse, um nicht zu verhungern. Ta sieht sie mich mitleibig an unb sagt: Armer Diann! Gehen Sie doch lieber hinter bas 5>aus da ist das Gras länger!"