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20/03/1909 Viertes Blatt
 
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Nr. 67

159. Jahrgang

SamStag, 20. März 1909

Kr1c6etnf tS-N- mU Ausnahme beS Sonntag».

Die ^Gießener $amiltcnbiattcr~ werden dem Anzeiger" otcrmol wöchentlich bctgclegl, da» Kretsblatl für beo Kret> Lieden" zweimal wöchentlich. Die ..ranbwtrtfchaftlichen Leit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

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Deutscher Reichstag.

228. Sitzung, Freitag, 19. März.

Am Tische des BundeSratö: v. Einem, v. Ballet de? B a r r e ö , v. L o ch o w , b. Dorrer

Präsibent Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 2 Uhr.

Der MilitSretat.

'(Vierter Tag.)'

Abg. Graf v. Earmcr.Zieserwitz (Kons.):

Es ist sehr schwer und gefährlich, in Militärfragen Sachvcr- ständiger zu sein Ich bin seit 25 Jahren Soldat, aber das schöne Selbstoertrauen in militärischen Dingen, wie Dr. Müllcr-Mcinin- ' gen, habe ich nicht. Zwischen adligen und bürgerlichen Offizieren wird kein Unterschied gemacht. (Lachen links.) Ich bin selbst Reserveoffizier unb Graf, aber ich bin nicht so töricht, mir eingubilden, ich sei besser als meine bürgerlichen Kameraden. Wer etwas anderes sagt, bersteht nichts bon der Sache. (Lachen bei den Soz.) Ich bin darin kompetenter als Sic. Unsere starke Rüstung sichert uns den Frieden. Darum muffen wir bei Etatöabstrichen sehr vorsichtig sein. Die Miß- Handlungen bon Soldaten haben sich erfreulich bermindcrt. Frei­lich kommt es noch bor, daft nach strengem Dienst abends der Unteroffizier mal die Nerben verliert. Die Behauptungen, aus dem Kaserncnhofe werde zu viel geschimpft, hört man nur noch selten. Die Sozialdemokraten sind ja setzt durch ihre Partei­tage ein kräftigeres Wort gewöhnt. Zwischen Offiz i, unb Soldaten herrscht daS beste Verhältnis. Da» haben auch die Kämpfe in Afrika bewiesen. Die Alticgcrbcrcinc sind ein Hort der Königstreue. In ihnen ist für die Sozialdemokraten fein Platz. Die zweijährige Die,Istzeit nimmt die Kräfte der Offiziere so sehr in Anspruch, das; die Zahl der notlvcnbiflcn Pensionierun. gen ins Ungcinoffene steigt. Der Redner schlicht mit der Bitte, auch die Heinen und mittleren Städte mit Garnisonen zu bedenken. (Beifall rechts.)

Mg. NoSke (Soz.):

Wir leben in einer Zeit politischer Gewitter­schwüle. Ein Unwetter hängt in der Luft. 'Da sollte man bei der Erörterung politischer Gegensätze borsichtiger fein. Der Kriegöminister hat aber den Augenblick für geeignet gehalten, die größte Partei des Reiches in unerhörter Weise zu reizen und zu verunglimpfen. (Sehr richtig! bei den Soz.) Kämpfen und Herausforderungen sind wir noch nie auS dem Wege gegangen. Wir filreiften auch den großen General von Einem nicht. Er hat sich als wenig geschickter Stratege gezeigt. Wenn sich die Herren non der Regierung nicht zu helfen Ibissen, dann schlbenken sie d c n roten Lappen. Herr bon Einem ist jede ernste Antwort schuldig geblieben. Einige Abgeordnete suchten ihn daher heraus. 3» reiften. mag ihm nicht ganz wohl dabei gewesen fein. Die einen schwelgten in Kriegserinnernngen, ein anderer bedauerte, daft in bcti Kasinos zu wenig gesoffen wird. Wenn sich die bür. gerlichen Parteien den Etat ansehen, so wird sie wohl ein leises Grauen ankominen. Waö haben sie sich da aufgepäppelt! Tas w a h n w i tz i g e W e t t r n st e n geht lustig weiter. Aon Spar­samkeit ist leine Spur. Jedem Versuch, Abstriche zu machen, trat der Kriegsminister in der Kommission mit aller Energie entgegen. Bei der Pensionierung der Mannschaften tbird geknausert, den Offizieren aber drängt man die Pensionen ans. Der Kriegs. Minister hat nichts getan, um die Verhältnisse zu berbessern. Es ist alles beim alten geblieben. Der Redner führt Beschwerde über die Bohkottiernng bon Gastwirten und über die Verweisung eines Fußballklubs bom Tempelhofcr Felde, weil sich unter den Mitgliedern dieses Klubs ein Sozialdemokrat befand. Die politische Gesinnungsschnüffelei hat sich zu einem schnmchbollen (Stiftern hcransgebildet. Politische Achtgrosthensungens scheinen im Dienste deö Kriegsministers zu stehen. Die Soldatenmifthandlun. gen haben sich nicht bermindert. An ihnen ist zum Teil die man» gelnde Aufmerksamkeit der jüngeren Offiziere schuld. DaS ist auch in derTäglichen Rundschau" anerkannt worden. Vor dem Kriegsgericht in Dresden suchte der Verteidiger einen Syl. datenschinder mit dem Worte zu entschuldigen: Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt e5? ist lange her, daft der König bon Sachsen fthnc Verordnung gegen die Soldatenschinderei erlassen hat. Jetzt strahlt den Soldatenpeinigern auch in Sachsen die königliche Gnadensonne. geht auch ohne Schnauzen und Drangsalierungen. AuS einem Urteil des Oberkriegögerichtv in Hannover geht hervor, daft Bez i rkS fc l d web e l sich schmieren lassen, so daft zahlungsfähige Leute um Hebungen herunikominen. Tas M i l i t ä r st r a f r e ch t ist ganz berrottet. In fünf Jähren sind mehr als 100 000 Soldaten verurteilt wor. den, der dritte Teil davon mit mindestens fünf Jahren Gefängnis. (Hört! Hört!) Stiern steht dabei prozentual nm höchsten. Wärt, teinberg am niedrigsten. Es kostet noch weiter Menschenleben, wenn da? Strafrecht nicht endlich reformiert wird. Die Selbst, mordziffer ist für das Heer aufterordentlich groft. Adlige Re. g i m e n t c r gibt es noch immer. Ta? hat daßBerliner Tage­blatt" bewiesen. Den Militärmusiker sicht man überall, 'n Tanz, sälen und Konzertgürten, bloft nicht in der Kaserne. Der Ä b geschlossenhe rt des O s f i z i e r k o r p ö muft endlich ein Ende gemacht werden. Der Drill muft auS dem Heere heraus. Dann ist auch eine Verkürzung der Dienstzeit möglich. ist ver- sassungSwidrig,' wenn Sozialdemokraten mindere Rechte im Heere haben. Gerade sie sind infolge ihrer Disziplin und Intelligenz die besten Soldaten. Ter Rechtsanwalt Vraband in Hamburg ist aus dem Heere ausgeschlossen worden, weil er zur Wahl eines Sozialdemokraten anfforderle Waö sagen Sic denn zum Fürsten Bismarck, der den Sozialdemokraten Sabor zur Wahl empfahl? In bezug auf Ehrenhaftigkeit steht der Sozialdemokrat nicht nm Haaresbreite hinter dein Kriegsminister. Der .Kriegsminister hat gestern angebliche Acuftennngen Del»clS auf dem Essener Parteitage gegen das Heer zitiert, die unlvahr sind. Ich finde leinen parla. mentarischcn Ausdruck, um dieses Verhalten des KriegSministerv zu charakterisieren.

Bayerischer Generalmajor Freiherr v. Gcbsattcl:

ist mir zweifelhaft, ob ich hier darüber mich äußern kann, woher eS kommt, daß nach der Militärkriminalstatistik 'n B ayc rn zum Teil weniger Freisprechungen und viel mehr Verurteilungen erfolgen, als bei den anderen Kontingenten. Es läßt sich nicht vermeiden, bei diesen Fällen auf innere Angelegen« (leiten der bayerischen A rmee zu sprechen zu kommen, und über diese Aufklärung zu fordern, hat der bayerische Landtag das Recht, aber nicht der Deutsche Reichstag. (Widerspruch.) Wenn ich trotzdem darauf eingehe, so darf ich das, weil wir ein Rcichs- militärstrafaesetz haben und eine Militärstrafprozetzordnung, uns

weil die M i l i t ä r st ra fst a l i st i k für sämtliche Kontingente zusammen aiifgestellt ist. Die Voruntersuchungen werden vielleicht etwas genauer durchgeführl in Bayern; das ReickSmilitäigerickst vermittelt und erhält die (Weichheit der Rechtsprechung kbet säint« lichcn Kontingenten aufrecht. Tie Tatsache, daft mehr Verurtei­lungen und weniger Freisprechungen stattfinden, kann nicht be­stritten werden, die Ursachen dafür kann aber kein M c n s ch a n g e b e n. ES könnte zwar ein Professor darüber Bücher schreiben, aber ob man dann etwas klüger wäre, das weift ich wirklich nicht, (Heiterkeit.) Die niedrige Freispreckinngs. ziffer im bäuerischen Kontingent erklärt sich zinn Teil dadurch, baft wir weitaus die meisten Straftaten leichterer Art haben. Vielleicht haben auch einzelne Gericht-Herren daS Bestre­ben, bei zweifelhaften Fällen daS Verfahren cinzustellcu oder es disziplinär zu behandelii, während ev andere Gerichtsherren ge. richtlich behandeln. Tic disziplinär behandelten Fälle erscheinen nun in der Statistik nicht. WaS die Verurteilung anlangt, so ist die bayerische Kriminalstatistik groft, die bürgerlichen Ge- ricktöfällc sind außerordentlich groß, in militärischen GerickstSfällen stehen wir aber günstig da, die Krnninalstatistik richtet sich ganz nach der Bevölkerung In den einzelnen LandeSteileu je nachdem sie reich oder arm ist und je nach dem Temperament. ES läßt fick' nicht bestreiten, daß mir Bauern Leiden scka f t en haben, sogar kriegerische Leiden sckafteu. (Heiterkeit.) Wie jede Statistik, bietet aber auch diese Kriminalstatistik kein gc. "aueö Bild, wenngleich ich die Statistik nicht zu den großen Haupt- lügen zählen will. Man kann der Statistik nicht ganz trauen, weil eine Anzahl der häufigsten militärischen Vergehen, wie Trunkenheit unb unerlaubte Entfernung, |c nach dem Ermessen der Vorgesetzten disziplinär bestraft werden ober der gerichtlichen Ver- urteilung zugeführt tverden. Außerdem entfällt in Bayern ein ganz erheblicher Prozentsatz dieser Strafen auf Vergehen, die vor dem Eintritt in daö Heer begangen sind; daS hängt eben mit der größeren Kriminalität in Bayern zusammen. Man kann allo keine weitgehenden Schlüsse ziehen aus der Statistik, und kann nicht die einzelnen Kontingente unter einander vergleichen, so lange man nicht die Ursachen bis in die letzten Einzelheiten verfolgen kann.

Sächsischer Oberst Freiherr v. Salza unb Lichteuau:

ist hier auch der Fall Berthold zur Sprache gebracht war- den, wonach der Unteroffizier begnadigt worden sei, der einen Wann seiner Korporalschaft solange habe laufen lasses, biö er ge­storben sei. Der Unteroffizier hat beim Rückmarsch vom Scknest- stande Laufschritt machen laffcn. am Ende dieses Laufschrittes ist der Schütze Bauer zusammengebrochen und am Gehirnschlag ge­storben. Die Untersuchung hat ergeben, daft der Laufschritt etwas länger anögeführt worden ist, als zulässig war, die Sektion deö Schützen hat aber gezeigt, daft der Mann schwer krank gewesen ist. Der Schütze war einer der kräftigsten Leute, war noch am Morgen frisch und gesund und bat sich vor seinem Eintritt uii da«> Heer als Dauerläufer verschiedene Preise erworben. Das ("eistckst hat den Unteroffizier zwar verurteilen müssen, bot aber mit Ruckstckst auf die besonderen Umstände die erkannte Strafe für zu hoch be­funden und ein Gnadengesuch eingereicht Rach eingehender Prü­fung der Akten. ist das Gnadengesuch von allen Instanzen unter­stützt und die Gefängnisstrafe in Festung umgewaudelt Gegen die Aerztc, die den Schützen ausgesucht und im Heere behandelt haben, ist ein ErmittelungSversahre» eingeleitet, das noch nicht abgeschloffen ist.

Abg. Hngeniiinii (Natl.):

Der Abg. NoSke hat sich darüber gewundert, daß der Kriegs­minister in der jetzigen gespannten Feit es gewagt habe, einen io kräftigen V o r st o ft gegen die Sozialdemokratie zu unter- nehmen. Sollen wir zu den provokatorischen Reden der Herren Sozialdemokraten etiva ruhig fein ? Daß die Soldaten f ü t d a ü Volk da sind, daö haben die Vravouriaten unserer wackeren Pioniere in den U e bers ch w e m m ungSgcl> ieten gezeigt. (Beifall.) Dafür hätten auch die Sozialdemokraten ..Danke schon sagen können. Aber >vaö haben sic getan? Junge Burschen haben mit den Händen in den Hosentaschen dabei gestanden, als die Soldaten Heldentaten verrichteten. (Lachen bei den Söz.) Das find die Leute, bic in Ihren (zu den Q >z.) Bei sammlungen Hurra schreien! (Beifall rechts, Gelächter bei den Soz.) Das sind Ihre Erziehungsresultatei (Erneutes Gelach­ter bet den Soz.) Daft die Politik in die Kriegervereine getragen wird, wollen auch wir nickst. Aber die Kriegervereine sollen die Vaterlandsliebe pflegen und diese Vaterlandsliebe hat mit Ihrer (zu den Soz.) Sticsvaterlandsliebe nichts zu tun. Der Redner bringt zum Schluß Wünsche anö seinem Erfurter Wahlkreise Vor.

Al'g. Kopsch (Freis. Vp.):

Die ganze Schuldenlast stammt auö der Zeit der Zentrums. Herrschaft. Ta sollte sich Herr Er.cherger nicht so wichtig tun. Ter Redner führt Klage über die Zurücksetzung ber Juden tm Heere und fordert eine Verminderung derMusik k ö r c", da diese den Zivilmusikern Konkurrenz machen. Der Redner erörtert den Fall des Hamburger Rechtsanwalts Dr. Brabaud, der gemaßregelt ist, i bgleich c ein durchau könig

erfüllt genau so seine Pflicht mic der Adlige', wie darf man da das Bürgertum zurücksetzen, indem man in den Adelerhebt"? E i n Vaterland, c i n Volk, c i n Heer,

Preußischer Kriegsminister v. Einem:

Der Abg. NoSke hat mir vorgeworfen, ich hätte in nnerhörtei Weise die Sozialdemokratie verunglimpft, weil ich in der Klemme daö BedstrsniS gespürt hätte, mir Luft zu macken. Daö war reckt schwach von Herrn NoSke. Denn wie ich mich bei der seh r freundlichen Rede des Abg. Schrader, der nicht einmal Angriffe auf das Heer gemacht batte, in der Klemme be­funden haben soll, daö weift ich nicht unb wohl niemand hier im Hause, abgesehen von Herrn NoSke. Ich habe nickst nnternom- men, die Sozialdemokratie zu verunglimpfen unb zu reizen. Ich habe auch gar nickt geglaubt, daft ich eS durch diese Worte könnte, denn ich habe doch tatsächlich nur daö gesagt, waö die Sozialdeino. kratie in Presse unb Wort stets allgemein znm AuSbrnck gebracht hat. Es soll nicht nxihr sein, waö ich über den Eid gesagt habe. Dann müssen also die Aussprüche nicht gefallen sein: nicht der Auers von dcu m o r a I i s ch c n Z w i r u L f ä b c n , nickst politischen Eide Formeln seien, denen ohne Rückhalt genügt wer- den könne; über die Formalitäten bc konstitutionellen Staats- vcscnö nxtbc bic Sozialdemokratie nicht stolpern (Hört! hört); nicht die Acußcinng dereLiPziger Volkszeitung", daft die Sozial- dcmokraten den von ihren parlamentarischen Vertretern verlang­ten Eiden keine Bedeutung beilegen, verstehe sich tion selbst (Hört! hort): nicht die E r k l ü r n n g Bebels aus dem Lübecker Parteitag 1901: Wir leisten den Eid. wir be- trachten ihn als leere Formel (Hört! hort!); »ich! bieiauc drück!iche Erklärung deöSozialdemokrat" 1887, baß der Bßuch des Fahneneides nicht verwerflich sei (Hört, hort);

bricht der Soldat, der zum Fahneneid gezwungen ist, denselben," so Ixiftf cv da.so ist er lind) natürlicher Auffassung kein Mein­eidiger." (Hört! hört) Wir zwingen keinen Soldaten zum Dienst, gewissermaßen als Sklaven; er leistet seine gesetzlich^ Pflicht, bic ihm au sei legt ist. und auch in der Verfassung ist bfr Eid vor­gesehen. Wenn er also den Eid nicht zu halten braucht nach Ihrer Ansickst, nun, habe ich da etwas Falsches gesagt? Durch­aus nicht. Ich muft also babei bleibe», baft Sie den Eid unter bestimmten Verhältnissen in politischer oder militärischer Hinsicht nicht glauben halten zu muffen. (Lärmender Widerspruch der Soz.)

Die haben auf dem Parteitag eine Resolution angenommen, die ausdrücklich die Sozialdemokraten verpflichtet, dahin zu wir- u. daß bei hingen Mannschaft A b i cke u Uo» dl m K II i» 1 n r i 8 m u 8 beigebracht werden soll. (Bebel ruft erregt: Vor dem Militarismus!) Kommen Sie mir doch nickst mit solchen Dingen. (Großer Lärm b. d. Soz.) Regen Sie sich bloft nicht auf! Kommen Sie mir doch nicht mit dem schönen WortMlli- tariSmuö"! WaS ist denn für einen jungen Menschen der Militarismus? Er ist nichts weiter in feinen Augen als die Pflicht, seien Diensteid zu erfüllen. (Lärmender Widerspruch der Soz.) Welter gar nichts. (Bebel ruft: Ganz etwas anderes!) Ja, Sie sind die groften Führer (Große Heiterkeit.), für Sie ist der Militarismus gauz etwa» anderes. Aber für einen jungen Menschen, den Sie noch nicht gehörig bearbeitet, den Sie noch nickst tüchtig durchgeknetel haben, ist er nickstö anderes, als bic Pflicht, die er gegen das Vaterland zu erfüllen hat, daß er ein« gezogen wird, daß er in der Kaserne leben, exzerpieren, manö- verteren muß, baß er ausgebildet wird, uni daS Vaterland zu verteidigen. Var diesen Pflichten wollen Sic ihm Abschcn ein- flößen. DaS besagt Ihre Resolution. (Lcbh. Zustimmung, lac- nicnber Widerspruch der Soz.) .....

Nun bin ich ja davon Überzeugt, daß Sie sich auf einem höchst falschen Wege befinden. Sie wollen das Volk wehrfähig machen. Wie wollen Sie das denn machen? Sic flößen ihm \a Abscheu ein vor aller Autorität, vor aller llnterordnung, vor der Erfüllung jeder Pflicht. (Lärmender Widerspruch der Soz.) Wenn nun der große Znknnftöstaat kommt (Lachen der Soz.), dann würden Sie nichts weiter tun können, um den Mann wehr­haft zn machen, als ihn einzuziehen, manövrieren unb crerzleren zu lassen. (Gelächter der Soz.) Der Mann wird sich wahrscheinlich die Sache ganz anders gediickst haben. Ich hoffe, daß er dann dagegen demonstriert und Sic zum Teufel jagt. (Leb­hafter Beifall, großer Lärm der Soz.) Noch 1803 ha t Bcb el gesagt: Die Sozialdemokratie besitzt heute noch nicht die Mög­lichkeit, die Bajonette in die Hand zu bekommen, darniu muß sie danach trachten, jene Zii gewinnen, bic die Bajonette zn tragen haben. (Sehr richtig! b. d. Soz.) Daher meine ich, miißcu wir durchaus vorsichtig sein. Wir dürfen nichl der Sozial­demokratie Führer zuführen, also Offiziere, die sich ihr znge- wendet haben, oder auch Unteroffiziere, die ihr anhangcn, als solche befördern, um sie in bic Lage zu versetzen, in dieser Stellung all Vorgesetzte niitzuwirlen. daß die Bajonette endlich in die Hoiid der Sozialdemokialie kommen, (fiebbafle Zustim­mung, Lachen der Soz.) Herr Bebel hat sein ggnzcv Leben lang doch tüchtig gearbeilel mit dem ausgesprochenen Zweck, den Staat u m z u st ü r z e u n n d übe rd e n H au f c n zu Wer - f en. Ick, glaube, wenn ich daran zweifelte, wiirdc ick) den Abg. Bchcl gradezu beleidigen. (Heilerkeil.) DaS ist das gewesen, was der Abg. Bebel als Lebenszweck gehalst hat. Er hat früher davon gesprochen, daß der große Kladderadatsch bald koniinen würde. (Heiterkeit rechts.) Er hat Prophezeiungen in macht, es ist aber doch nickt so schnell gegangen wie bei W i l he I m 'Bus ch. Ach, bic Ben uv ist perdu, IlickeragomS, von Medicil (G?os;e Heiterkeit.) Der Staat hol biö jetzt ausgehalten, und er wird auch noch länger halten, selbst wenn dem Abg. Bebel in seinen jetzt allen Tagen eine tiefe Enttäuschung bereiten sollte. (Lcbh. Beifall.)

Ich könnte Ihnen noch viele Aussprüche OiTirer Führer ver. lesest. Ich Habe Hier eine Veröffentlichung derjimgen Warbc", m ber eine gcradezii empörende aufreizende Vlgitation für die Re- kruton getri« ben tolrb. Die ache ist 1

neu '"I <>ii gcf|rocken worden, daß Im Fa

gc , bet Ihnen nicht paßt, di, 91

veranlaßt werden sollen, der Einberufung nicht ,Volpe zu leisten, er» soll, ui den Krieg zu ziel en. 1

menber Widerspruch bei den Soz Bebel ruft: Wo steht baä?)i Einen Augenblick (der KriegSministcr blättert in seiner Mappe) bei Ka n t 0 kyl Den Herrn kennen Sie doch (Große Heiter, kett), in einem AufsatzPatriotismus, Krieg und Sozialdeinokra. tic". Dort heißt es:Es gibt keinen.anderen Auölvcg, als die Dienstverweigcrlmg der Soldaten oder iveiiigstens der Reservisten." (Stürmische Härt! Hört! recht

Gewiß: ..I" der Tal, daS Mittel ist ein sehr einsacheS, und wenn urckgeführt, ein unf« hlbare

lich bewirken, ''inen Krieg unmöglich zu mneben, so könnte man da. ocgcn kaum etwas in dem Fälle, und das sind 90 v. H., einwenden. ES liegen keine ethisclien Gründe vor, die vom Standpunkt bc» p> aketarischen Patriotismus von vornherein bagegen sprechen." (Lebhafleo Hört! Hört! rechts. Lärm bei den Soz. Bebel ruft: Ten ganwn Artikel verlesen! Stürmischer Widerspruch bei allen anderen Parteien, Abg. Frank. Mannheim (Soz.) ruf! M i . litärjesuit! Okoftc Unruhe. Rufe rechts: Frechheit!),

Präsident Graf Stolberg

ruft den Mg. Frank zur Ordnung.

Kriegöminister v.Einem:

Ich habe d..rch meine Worte durchaus nicht in unerhörter Weise die Sozialbemokratie verunglimpft, wenn baü eine Ver­unglimpfung ist, so bat sie bav selbst besorgt. (Sehr richtigl) Der Abg NoSke hat bcii Etat als außerorbentlich nnüberstchtlich lnngestellt, er ist bocki aber lvohl übersichtlicher, alv bic Rebe deö Abg. Noüke. (Heiterkeit rechts.) Es ging boch bei ihm sehr durch- fhianbcr. rvurbe alles mögliche vorgcbracht, was im Hccre vorkommt ober vorkommen kann ober Vorkommen köimte. Herr Noskc hat gesagt, daß bei Pensionierungen bie Offiziere anberö behandelt wnrb<-n, als die Unteroffiziere und Soldaten. Die Pen- sionierung ei folgt nach Gesetz und Recht, und bic Petitiouskom- niission hat in fast allen Fallen die an sic gerichteten Pctilionen von Soldaten über festgesetzte Renten nicht zur Verhandlung im Plenum für geeignet erachtet. ist immer nachgewicsen, baft bic Militärverwaltung burchaus nach Gesetz unb Rech! vcr- fahren ist. es wirb kein Unterschieb gemacht zwischen Offizieren unb Sol baten. Dann hat er einen Fall vorgebracht, dec ein großes Aufsehen in der sozialdemokratischen Presse gemacht hat unb zu gc adczn wüste u Angriffen aus b a s Heer ge­führt hat. Es ist der Fall, iuo ein Soldat bestraft ist, weil cc ben Gehorsam verweigert hat, einen Befehl nicht befolgte, mit der Hand Mist anzufassen. Jeder, der bic Lanbwii tschaft kennt, wird I wissen, daft cs durchaus keine Schande ist, mit dem Mist in Be-.