— Butzbäck, 19. Febr. Kürzlich wurde im ^Gast- baus zum Stern" bei einer Versamlnlnug des Verbandes der Deutschen Eisenbahn-Handwerker und-ArbeitereinOrtsverein gegründet, wobei sich 50 Mitglieder unterzeichneten. Nachdem ein Vertreter ans Frankfurt den Anwesenden die Interessen des Vereins klargelegt hatte, schritt man zur Vorstandswaht. Es Warden gewählt: Als 1. Vorsitzender Phil. Richter, Nied er-Wei sei: als 2. Vorsitzender E. Reith, Butzbach: ferner Wilh. Häußter als 1. Schriftführer: H. Adami, 2. Schriftführer; L. Fehr- mann, 1. Kassierer: H. Haub, 2. Kassierer: G. Häuser und G. Kromm als Beisitzer. Zum Vertrauensmann wurde I. Zinn gewühlt, als Aufsichtsrat Ludwig Gerhard, sowie Th. Schäfer und Jakob Max als Vertreter. Zum Schluß wurde ein Hoch auf den Landesherrn ausgebracht.
-m. Friedberg, 19. Febr. Bei der am letzten eoiuttag in Frankfurt int Kempf-Bräu ab;iehaltenen 37. Delegiertenvcr- famtnlung des Mitteldeutschen Schützen-Verbandes, wurde Rentier Heinrich Zoll in beit Verbands-Ausschuß zum drittenmal einstimmig uni) Georg Schmidt auf besonderen Wunsch des Präsidiums zu Mitgliedern der Schicßkommisiion gewählt. Die vvm Verband in diesem Jahre festgesetzten Schießen finden statt: Anschießen im Mai in Hochstadt, Hauvtschießen, welches ca. 14 Tage dauert, Ende Juni in Enkheim. Das Abschießen im August bleibt Friedberg Vorbehalten.
-r. Hirzenhain, 19. Febr. Wie verlautet, soll die Etsengießerei hier eine Vergrößerung erfahren. Es soll nämlich noch eine Herdfabrik neben den Gebäulich- lichkeiten eingerichtet werden, wodurch noch etwa 80 bis 100 Mann mehr beschäftigt werden könnten. Seither sind schon viele Arbeiter eingetreten, die hauptsächlich von der Büdinger Glasfabrik kamen, die im vorigen Herbst ihren Betrieb einstellen mußte. — Unsere zweite Schulstelle, die etwa vier Monate verwaist war, ist vor einigen Tagen dem Schulverwalter Knauß aus Düdelsheim übertragen worden. — In Glashütte wurde vorige Woche Bürgermeister Roth mit 71 Stimmen einstimmig zum Ortsoberhaupt auf abermals 9 Jahre gewählt.
x Lauterbach, 19. Febr. Am vergangenen Montag fand in der hiesigen Turnhalle die angekündigte Theatervorstellung des Rhein-Main-Verbandes statt. Gespielt wurde „Minna von Barnhelm". Ein nahezu tausendköpsiges Publikum wurde durch die Darstellung zu Stürmen des Beifalls hingerissen. Herr Jänson stattete den Major mit dem deklamatorischen, eingebildeten Heldentum aus, das die Komik dieser Figur hübet Frl. Pagendorf breitete über iure „Minna" eine gewisse Schwermut aus, hinter welche sie das RokolTojüngserchen und die Sächsin zurücktreten ließ. Ein frischer, herzlicher „Wachtmeister"" war Herr Gürtler, eine allerliebste „Franziska" Frl. Störkel. Eine in ihrer Detaillierung glänzende Leistuiig war Herrn Ny- gmns „Wirt". Auch die übrigen Nollen lagen in guten Händen. — Die große Wirkung der Truppe bericht auf ihrem Zusammenspiel, das sie einer taktvollen und energischen Regie verdankt. Sie erzielt stets geschlossene Leistungen, Totalwirkungen, wie wir sie auf vielen stehenden -1 Ijeatem vermissen. Wir können daher kaum die Zeit bis zur nächsten Vorstellung erwarten.
— Ruppertsburg, 19. Febr. Der Veteran Wilhelm Högy IL, der in der 5. Kompagnie des 2, Hess. Infanterie- Regiments den Feldzug gegen Frankreich nutgemacht hatte, gab an, er hätte nach der damaligen Schießinstruktion für die Infanterie ein Schützenabzeichen sich erworben, es wäre ihm aber durch Ausbruch des Krieges 1870 nicht zugcstellt ivorden. Nun hat er sich an das Regimentsbureau in Gießen gewandt, wohin er auch Militärpaß und Schießbuch einsendeu mußte, und zu seiner Freude hat er nunmehr von dort das vor 39 Jahren erworbene Schützcnabzcichen, jedoch nach der lltzigen Form, erhalten.
h Mainz, 19. Febr. Ein Zug der Vorortbahn Hecht- beim, der süddeutschen Eisenbahngejellschast entgleiste Ijmte nachmittag um r 1 Uhr auf der Kurve bei Bretzenheim. Ein Heizer irnrbe lebensgefährlich verletzt. Die Passagiere kamen mit dem Schrecken davon. Ter Materialschaben ist unbedeutend. Der Verkehr war auf einige Stunden gesperrt.
=£ Wetzlar, 19. Febr. Reichstagsabg. Behrens entfaltet in seinem Wahlkreis eine äußerst rührige Tätigkeit. Nachdem er Sonntag, 7. Februar in auch von Gegnern stark besuchten Versammlungen zu Robbeini a. d. Bieber und Krofdorf gesprochen hatte, wird er am Sonntag hier einen Vortrag über die Fiimnz- r eform halten.
-r Holz hausen v. d. H., 20. Febr. Hier sand man bet einem alten Beitler ein Sparkassenbuch von 850 Alk. Da sich der Mann 3 Tage im Ort lästig gemacht harte, wurde er durch die Ortspolizei mit der Bahn abgeschoben. Er isl tn Beerfelden i. O. beheimatet.
w. Treysa, 19. Febr. Auf dem Bahnhof stieß eine Vo r- fvannlo kvmorive infolge einer nicht erlaubten Rangierbewegung mit der Maschine des aus der Richtung von Malsfeld eiuscchrenden PersonenzugeS N r. 3 4 2 so zusammen, daß beide Maschinen entgleisten. Menschen wurden nicht verletzt, der Materialschaden ist imLcbeiitenb; her Verkehr wird durch ilnrjleigen aufrecht erhalten. Trotzdem erlitten die fälligen Personen- und Schnellzüge Verspätungen bis anderthalb Stunden. Die Schnellzüge 46 und 72 nach Frankfurt wurden über Bebra geleitet.
Frankfurt a. M_, 19. Febr. Bor deut Kriegsgericht des Gouvernements Mainz war der Arbeitssoldat Maier wegen Fahnenflucht in wiederholtem Falle zu 5 Jahren 3 Mvn. Zuchthaus verurteilt worden. Gegen dieses Urteil legte Maier beim Oberkriegsgericht Berufung ein, das über die Berufung schon einmal verhanvett und beschlossen hat, den Angeklagten auf den Geisteszustand zu untersuchen. TaS Gutachten lautete dahin, daß Maier für die Tat nicht verantwortlich gemacht werden rann. Infolgedessen wurde Maier auf seine abermalige Berufung hin freigesprochen. __________________________
Landwirtschaft.
[] Marburg, 18. Febr. In Anbetracht des Umstandes, daß heute hier S ch w e i n e m a r £ t und nachmittags eine Sitzung des Landwtrtschaütlcheu Kreisvereins abgehatteu wurde, erneute sich der int großen Saale des Restaurants Schultz abgehobene große Provtrrzi.al-Saat markt eines guten Besuchs. Zahlreiche hiesige und auswärtige Finnen, Sanbrohte und sonstige Produzenten hatten ihre Erzeugnisse ausgestellt nnb erzielten auch guten Absatz. — In der Sitzung des Lan d w. Kreisvereins, bie von über 100 Mitgliedern besucht mar, hielt Gutsbesitzer Sold an aus Großfeelheün einen mierefiaitteii Vortrag über Zivlfcheilsruchtbari unb ben Anbau der Wlntergerite.
Sammlung für Italien.
_ Kreiskomitee zur Unlerslützung ber in Messina Geschädigten, das auf Deranlassiing des Kreisamles ins xtebeii trat, hat seine Sammlungen a b a es ch l o s s e u. Zu ben bereiis quittierten Betragen von insgesamt DU. 204.85 sind bei ber Bank für Handel u n d I n b u st r i e, N i e b e r l a s s u n g Gießen, noch folgende cingegannen: Prof. Tr. Hans St. Mk. 50.—, N. N. 10.-, 91. 9L 25, N. W. 2.-, C. 3.-, N. N. 4.-, Ehr. Inder lhal 10.—, von bem Lehrer unb ben Schülerinnen der Klasse Ib ber Ltabt-Mabchenschiile 12.50, M. S. 2.—, 91. B. 2.—, 9L N. 10.—, Lehrer unb Schülerinnen ber Klaffe IIIc ber Slabt-Mäbchenschnle 9.50, M. S. 3 —, Postagentur Steinberq 11.80, Postagentur Steinberg 18.80, P.-91. 2 Gicßeii 3.—, PostlulissleUe Burkhardsfelden 22.10, Postag. Steiuberg 3.— , Postaq. Steinberq 1.—, Vostamv.- Amiahmc 4.—, Posthilksstelle Crumbach 24.—.Posthilfsslelle Fellings- hauien 4.—, Postag. Steinberg 3.—, Postaq. Steinberq 1.—, Pösl- Hilisstelle Lützellinden 2.50, Postagentur RodHeim 25.30, Postag. Lteinberg 37.50, Postag. Lang-Göns 116.15, Postaq. Steinberg 23.20, Dostanw.-Annahme 10.—, Präsibent Güngerich 20.-, Bank- vorstanb G. Müller 2ö.—, Bankvorstanb C. Dietz 25.—, N. N. 8.—, R. Lauge, Gießer Anzeiger, 129.60. Zusammen Mk. 655.95.
Der Niedergang der 5chauspielkunft.
Hermann Bang, der berühmte dänische Schriftsteller, hat in dem Auftatz, dessen Haupttelle die ddumurer 40 unseres Blattes enthielt, den ^liebergang der Schauspielkunst^' behauptet und den Grund dafür in dem Charakter unserer Züt gefunden, die auf stärkere, persönliche Ausdruckssvrmcn verzichte. sJtad) dieser lieber^ gangszeit könnte die Zukunft ein „intimes: Theater" im ursprünglichen guten Sinn des Wortes bringeir, eine Buhne mit eignem Stll, der die große Geste auch nicht vortäusche, sondern bewußt die Darstellung des Seelischen in den Vordergrund stellt. Bang will dam.it eine Erscheinung feststellen, die vielleicht viele schon empfunden, aber nicht so klar erkannt haben, unb er hat jedenfalls eine Ansicht ausgesprochen, die in Theaterkreisen viel Beachtung, Zustimmung und Widerspruch finden wird. Ter Wider- jpcuck kann oft noch mehr zur Klärung einer Frage beitragen, als die Zustimmung: auch unter diesem Gesichtspunkt ist es interessant, was ein Fachmann von Geschmack uni) Erfahrung — wie es Emil Reiter, der Regisseur des Scl)auspiels an dem Mannheimer Hof- und NationaltHeater ist — in ber 9t Bab. L.-Ztg. zu ben Thesen bes Schriftstellers sagt.
In biesen Blättern war unlängit ein Aufsatz von Hermann Bang über obiges Thema abgedruckt. Tie nicht unberechtigte Klage über den Niedergang einer Kunst, „die die höchste der Künste ist und bleiben soll, weil ihr Mittel das höchste der Mittel ist: der mem'chliche Körper selbst", bezeichnet als Hauptursache Vieser von Bang tiefempfundenen Erscheinung, daß unser Leben zu sehr von demokratischen Lebenseinrichtnngen durchsetzt sei. Das Prinzip der ,Mtßeren Gleichheit" fei das gellende. „Wir eignen uns eilt Wesen an, aus dem alle stärkeren Ausdruckssvrmen ausgeschlossen sind." Und endlich führt Bang in seinen überaus lesenswerten Worten als Hauptgrund an: „Er (der Schauspieler), ber nur durch die Mannigfaltigkeit ber Stimme, der Mimik und der Bewegungen zu uns sprechen kann, bat die Monnigfaltig- kell vergessen und — sagt uns nichts mehr. Hier wurzelt der Niedergang ber Schauspielkunst und hier hat er seinen Ursprung."
Dieser Meinung bin ich nicht ganz. Die Klage über den Niedergang her Schauspielkunst ist fast so alt, als die Schau-- spielerei für eine Kunst erkannt wurde. Immer hat eine ältere Generation der mit ihr entschwindenden schauspielerischen Aus- drucksfvrnr eine wehmütige Lobrede nachgefandt, wobei eben übersetzen wurde, daß mit den Jahren die Empfänglichkeit unb Auf- nahmsfähigkeit der damals jungen Theaterbesucher sich abgestumpft. Jede Zeit sucht ihren künstlerischen Ausdruck und Väter unb Löhne stehen, was die Form und ihre Mittel betrifft, oft in schroffem Widerspruch zu einander. Was die Jungen als neue, wirklich wahre Kunst preisen, erregt Kvpfschütteln bei ben Alten. Tas ist der einige Kreislauf, war immer so nnb wirb auch immer jo bleiben.
Also nicht darauf kommt es an, ob wir eine Kunst haben, die, frisch geprägt, die alten Ueberlieferungen über den Haufen wirft, als vielmehr, daß fte den innersten Gesetzen, bic ewig und unabänderlich sind, genüge. Was ist bas Wesen der Schauspielkunst? Den dichterischen Gestalten in Wort unb Gebärde den vollkommensten Ausdruck zu geben. Wodurch wird aber die Vollkommenbell des Ausdrucks bestimmt? Jede Zell hat ihre eigenen Kunstforderungen, die sich nach Lebensregeln, Gewohnheiten unb Lebensanschauungen richten. Wir sind heute sensibel, stark nervös. Eine fein differenzierte Kunst ist es, die abhold jeder heroischen Gebärde, eher dem Femininen zuneigt. Dadurch ist es auch begründet, daß wir keine feststehende, sondern eher elektrisüze Ausdruckssormen besitzen, bie in ihrer, ber Phantasie eilten großen Spielraum gewährenden Charakterlosigkeit bem Tasten und Suchen nach neuen Sensationen, nach starkem Nerven-- kitzet entfpredjen. Heute ist bie Hauptforderung: auf eine Kunstleistung müssen zunächst unsere Nerven reagieren. Also nicht so sehr der Inhalt der Kunst, als vielmehr ihre Form ist es, von der in erster Reihe bie Wirkung ausgehen soll. Unb da hat Bang recht, wenn er die jetzt herrschende Formlosigkeit als Krebsschaden des Kunstniederganges bezeichnet. 9Cber wenn er bic Formlosigkeit als Ursprung dieser Erscheinung anklagt, irrt er sich
Diese äußere Gleichheit, die alle Berufszweige der heutigen Gesellschaft nach einem Maße beschneidet, hat mit ber Ausbruchs form ber Schauspielkunst nidjte zu schaffen. Dieses große „Gleichmachen", bas keine hervorragenben Sonderheiten duldet, ohne sie nicht gleich dem Fluch- des Spottes unb ber Lächerlichkeit preiszugeben, ist wohl eine soziale Erscheinung, hat aber mit der Schauspielerei wenig zu tun. Zu allen Zeiten hat es nur einige ganz besonders hervorragende Genies gegeben, bic vermöge ihrer auüerorbentHdi entwickelten Ausdrucksfähigkeit den dichterischen Gestalten typische Darstellungsformen gaben. Typisch für ihre Seit! Denn wer weiß, ob ein Roscius, ein Talma, ein Jffland, ein Schroder usw. unseren heutigen Anforderungen genügen würde. Nicht die Ausnahmen iutb es, die uns die Ursachen des Niedergangs der Schauspielkunst zeigen, sondern die große Menge, bic das Maß des gemeinsamen Niveaus bezeichnen. Eine bedeutende Jnbividualllät ist der Entwicklung des Schauspielers eher hinderlich Nicht eine, sondern Hunderte Rollen, nickt ein typischer Charakter, sondern viele in allerlei Varianten schillernde Charaktere sind es, bie der Bühnenkünstler barzustellen hat. Eine stark ausgeprägte Jndividualllat ist biesen hunberierlei Anfov- berungen mehr hemmend als fördernd, denn ein Svnderweseul wirb die verschiedenen Rollen noch seiner Sonderhell umpvägen, statt sein Ich nach den darzustellenden Gestalten lurancbeln. Gerade der Schauspielkünstler, der aus seiner Zeit besonders hervorragt — jede Zell hat ihre Kunst? — gerät leichter in Gefahr, daß er vorschnell aus der Mode kommt.
Zum Beispiel: Sonnenthal! Mehr als ein Menschenalter hindurch war Sonncntbal der glänzendste Bonvivant, ber in seiner Darstellung ben Eauserien eines Salonhclben die typische unb glänzenbste Ausdrucksform bot Später, im alleren Fache, würbe bie Träne in Sonnenthals Stimme zur Hauptwirkung seiner Kunst. Jetzt sind wir anders geartet. Wir haben feinen „Salon" mehr und bie leichte Konversation uiL ihren glitzernben, aber meist nichtssagenden Worten ist uns ein Begriff von anno dazumal. Sentimental sind wir auck nicht unb die junge Generation, bic keine Erinnerung an Sonuenthals Kunst besitzt unb demgemäß jebe Fühlung mit ihr verlor, wirst diesen vorbildlichen.
wahrhaft ausdrucks fähig en Künstler zu den historischen GräßeN. die aber nicht mehr in ber Gegenwart fußen Tics eine Beispiel für viele.
Es lehrt, daß ber berechtigten Mag- über ben Niedergang der ^-chauspiclkuiiii nickt mit wehmütigen Erinnerungen abgcholten werden hmn. In uns selbst liegen die Ursachen, aber nicht soziale, sondern literarische zeitigten diele Erscheinung.
Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts kam es so recht zuuL Belvußtsein, daß bie deutsche Literatur iur Begriffe war, int leichten Belle ber Schöngeisterei zu verflachen. 91.-5 >. illkommene-s Heilmittel wurde die Revolution des Naturalismus begrüßt, der radikal mit allen Süßlichkeiten, mit allem falschen Schein, auch in den Ausdrucksfornren ber Buhne, aufräuwte. Wo früher das Gebot einer Veredelung in Sprache, Kleidung, Benehmen und Gebärde galt, trat an deren Stelle bic nackte, und durch den Ucbcrcifer bervvrgerufene brutale Wahr heu, bie sich von jeher Kunstform loslöstc und in ber möglichst Photo- und pl>onographisch getreuen Wiederholung ber Straße schwelgte. Die Klassiker wurden entthront — in Versen sprechen war doch unnatürlich ! —, die Milieuschilderung mit Wiedergabe genoueftat Details in Denken und Gewohnheiten wurde Parole.
Selbstverständlich mußte die Schauspielkunst — Herrscherin und zugleich erste Dienerin — nachsvlgen.
Verse sprechen können war veraltet unb überflüssig, eine edle Gebärde war „Pose", ein schönes, ausgeblldetes Organ „iim- wahr", denn der „natürliche" Mensch kreischt ja int Affekt! Dagegen wurde es für den Tarsteller ut erster Reihe nötig, bie Gebrechen und Schrullen ber „naturalistischen" Gestalten nach- machen zu können. Schauspieler tauchten plötzlich auf, die früher auf ber Bühne unmöglich gewefen wären. Sie hatten Sprachfehler: kam dies Gebrechen nicht oft genug „im Leben" vor ? Sie „nuschelten", besaßen einen schleppenben Gang, kannten kaum eine andere Bewegung, als bic Hände in die Taschen stecken: das alles war ja so „natürlich"! Theater ist niemals „natürlich", sondern bleibt immer nur Schein. Daher die schnelle Reakttou gegen ben 9caturalismus, ber so bald ausgespielt hatte, nnb sein Hauptvertreter, Gerhart .Hauptmann, versetzte ihm mit bem VerS- brama „Die versunkene Glocke" ben Todesstoß. Was war tunt bic Folge für bie Schauspieler? Sie sollten sich umkrempeln. Früher in „naturalistischen" Aufgaben gut, versagten sie plötzlich in ben neuen und mußten die bittere Wahrheit des Spruches „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" am eigenen Leibe verspüren. Noch heute werben genug Stücke, bereit Starke bic Kleinmalcrei ausmachä, auigeführt unb da bewähren sich jene „Naturalisten", aber läfzt sic vor höhere Aufgaben tretet und sie versagen. Tas ist der jetzige Zustand der Schauspielkunst, bie anS einer verschwundenen Literaturepoche stammenb in ihren vornehmsten Vertretern meist nur Spezialisten für gewisse Rollen, für gewisse Dichter hervorbrachi.. Stellt sic aber vor Shakespean! unb Goethe! Hic Rhobus, hic falta!
Ja, ist beim bie Klage über ben Niedergang ber Schauspielkunst neu ? Im Jahre 1875 schreibt Schiller: „Es kann Mir Stunden kostet, bis ich einem Perioden die bestmögliche 'Jtunbung gebe, und wenn das geschehen ist, bin ich dem Verdrusse ausgesetzt, daß ber Schauspieler meinen mühsam vollendeten Dialog nicht einmal in gutes Deutsch verlvandelt." Unb an einer anderen- Stelle, anläßlich ber Erstaufführung des „Parasll": „Der Herzog war besonders erfreut über das Stuck, denn er genoß einer doppelten 'Satisfaktion, die französische Kvmödie triumphieren -zu sehen und die linkische Art seiner deutschen Schauspieler tadeln zu können."
Ein stetes Auf und Ab-ist also das Kennzeichen der evvlutio- nistisckzen Bewegung in ber Schauspielkunst, die sich jetzt gerade wiederum mehr in den Niederungen als in den Hohen bewegt. Diese Erfahrung läßt zugleich bie frohe Hoffnung aufkommen, baß auch hier die. Morgenröte einer neuen Kunst aufsteigen wirb. Neu, daß sie nicht mehr die alte, nberimmbenc fein wird, und doch nicht neu, denn auch ne wird bic alten ewigen Gebote iu sich Mifnehincii, ihrer Zeit die lchckste Ausdrucksform verleihen, zu müssen. Darin beruht die Herrschaft nnb zugleich bic Sklaverei der Schauspielkunst. Emil Reiter.
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—x. Wa ldg irmes, 10. Febr. Tie am Tonnerstag unb Freitag im Gemeindcmald abgehaltenen Nutzholz-Versteige- rangen waren wie immer gut besucht. Es kamen am ersten Tage lO-Miidieiiftänimc mit 77 Festmeter Inhalt zum Ausgebot. Schöne Schnittstämme, zu Schreiner- nnb Glaserholz geeignet, waren wieder sehr begehn und wurden durchsck)nittüch mit 70 bis 75 Mk. der Festmetcr bezahlt. Am zweiten Tage folgten 220 Nadelstamme mit 65 Festmeter unb 1176 Nadelstangen, die gleichfalls hohe Preise erzielten.
— Die Lage des amerikanischen Eis en Marktes. Die Erzcugung von sttoheisen in den Vereinigten Staaten nähert sich immer mehr orr normalen Basis. Die. Produktion im Januar belief sich auf 1801 000 Tonnen, was einem Jahresdurchschnitt von 21 170 000 Donnen entspricht. Die Erzeugung stellte sich im Jahre 1907, welches ein Rektordiahr war, auf 25 7b 1361 Tonnen. Aus ben angeführten Ziffern nt zu schließen, daß bic Vorräte von Roh ns en bebcutenb zunehmen, beim es ist allgemein bekannt, daß bie Stahlwerke des Laubes auf einer Basis von unterhalt, 60 Pwzent poobuzicrcn. Die Herstellung von Roheisen im Januar war die größte, seit bic Depression: in Eisen unb Stahl begonnen hat. Diese Jannarziffern erklären bie Schloächc im Roh- eisenmarll zur Genüge. Wenn in ber Lage des Stahlmarktes nicht bald eine Besserung eintritt, unb bic Roheisenerzeugung auf ber Januarbasis fortgesetzt wird, so werden bic Vorräte von Roheisen eine bebeuttm.be Höhe erklimmen und eine Erschütterung des Marktes herbeiftihren
Vrrefkaften der Re-aktron.
S. tn Grebenhain. Die Reichstagswapl, m her Fürst 3t?- matd mit dem Sozialdemokraten Lchmahlielb tn Stichwahl kam, war am 15. April, die Stichwahl am 30. April 1891.
Voraussichtliche Witterung für Hessen am Sonntag den 21. Februar: Zunehmende Bewöllmtg. Etwas milder. Geringer Schnee.
Schneebericht des Schiklub Wandervogel-GießeN vermittell vom Landwirtschafttichen Wetterdienst in Gießen.
In den Äiittelgedtrgeu bis zu 400 Meter herab Schneedecke. In den höheren Lagen bis 50 Zentimeter Schnee. Vorzügliche Schiebahn.
(DriginabSratytmcltunßcn«
Wien, 20. Febr. Betreffs der in Umlauf befindlichen Gerüchte über ein bevorstehendes Ultimatum an Serbren wird offiziell Folgendes mitgeteilt: Von einem Ultimatum ist derzeit trotz des provokatorischen Auftretens Serbiens Noch keine Rede, weil die österreichische Negierung gewillt ist, ihre friedlichen Absichten biL zur äußersten Grenze der Möglichkeit zu betätigen.
2 c b e r a n, 20 Febr. Gestern ist eine Zirkulardepeschs von lämtlichtm hiettgen Gcsandschasten uoui Provinziallandtage m Gtlan aus Resckst cüigdtroiicn. eie besagt, die Geiwsienschaften hatten letzt dem ch a h geraten, seinen parlaments^feindlicheii Ratgebern fernerhin fein Gelsiir mehr zu schenken sondern dem • as Bcrsassung wieder zu geben, damit dem Blutvergießen
Ende gemacht wird. Gleichzeitig wird in der Depesche Garantie dafür übernommen, daß Leben und Eigentum ber Europäer in ber Provinz (Silan unverletzt bleibt.


