Ausgabe 
24.8.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 197 Zweites Blatt

159. Jahrgang

Dienstag Ä4.Angnst 1909

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSithtner Samilienblütter werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Elchen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit« fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.

R. L an-g e, Dießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag:

Red af Hon: 112. Tel.-2ldr.: AnzeigerGießen.

Die Erziehung zur Stille.

Vor einiger Zeit empfahl Professor Schneidewin im Berl. Tgbl. als bestes Mittel gegen störende Geräusche die Selbsterziehung. Man solle dys geistige Ohr dem Geräusch verschließen, dann würde man bald nicht mehr davon be­lästigt werden. Einem ähnlichen Gedanken gibt Freiherr Alfred v. Berger in derNeuen Freien Presse" Aus­druck. Er schreibt dort:Ich empfehle allen meinen Leidens­genossen, darüber nuchzudenlen, ob sie sich nicht durch inner­halb ihres persönlichen Machtkreises liegende Mittel Anästhe­sie gegen störenden Lärm verschaffen können, wenigstens gegen solchen, der nicht geradezu ohrenzerreißenden, schier physischen Schmerz verursacht. Ich rate zunächst jedem, sich den Mechanismus seiner inneren Vorgänge, durch den das Hören von Geräuschen für ihn zur Störung und qualvolle Hemmung wird, durch strenge Selbstanalyse durchsichtig zu machen. Vielleicht wird er alsdann entdecken, daß der eigent» lich störende, wehetuende Bestandteil im Lärmphänomen nicht immer im Lärm selbst liegt, nicht in den Tonempsin- dungen, welche zum Beispiel durch das Hämmern auf eiserne Tragbalken bei einem benachbarten Hausbau ausgelöft wer­den, sondern in den Gedanken, welche diese Tonempsindungen in uns erwecken, und in den ärgerlichen, zornigen, sich bis zur Raserei erhitzenden Affekten, welche durch diese Gedanken ui uns hervorgerufen werden.

Ich will einen bestimmten Fall schildern, der aber, das bemerke ich ausdrücklich, wie der Dufterer sagen wurde, nur beispielmäßig" gemeint ist, ohne Beziehung auf tatsächliche Umstände und Erlebnisse.

Ich sitze also an einem schönen Morgen an meinem Schreibtisch in bester Arbeitssttrnmung und mit der Absicht, eine lange erwogene Gedankenreihe zu Papier zu bringen. Da ertönt aus dem Nachbarhaus Klavierspiel. Es kann sein, daß ich so ganz bei der Sache bin und mir die Arbeit so leicht und flott von der Feder geht, daß ich das Klavter- Ipiel gar nicht bemerke. Meine Frau fragt mich nachher: Ja, haft du denn bei dem entsetzlichen Geklimper überhaupt schreiben können?" und scheint mich beinahe zu verachten, als ich mit der Gegenfrage antworte:So? Hat jemand Klavier gespielt?" Das isc der ideale Fall. Aber )o fchbn und glatt läufts nicht immer ab. Ich schreibe mich, wie das zuweilen vor kommt, in eine Sackgasse hinein oder versteige mich (unter diesem Gleichnis stelle ich mir derartige «Lchrift- stellerunfälle gern vor), einen Gedanken eigensinnig ver­folgend, endlich, wie Kaiser Max auf der Martinswand, auf einen Punkt, wo ich nicht weiter kann.

Nie der letzte Ritter, als er nicht weiter konnte, sich höchstwahrscheinlich um die verfolgte Gemse nicht mehr küm- merte, sondern zurück und vorwärts, empor und in die Tiefe blickte, so lasse ich meinen Gedanken einstweilen laufen.

England; innere Lage.

Die innere Lage Englands ruft im allgemeinen bei uns in Deillschland fein allzugroßes Interesse hervor und wir beschäftigen uns meistens mit unseren liebenVettern" nur wegen Vorgänge auf dem Gebiete der Weltpolitik. Augenblicklich aber scheinen sich auf dem Jnselreiche Ereig­nisse vorAuberellen, die für die innere Politik des Landes von großer Bedeutung sind und die darum auch unsere Aufmerksamkeit verdienen. Dian weiß, daß das jetzige libe­rale Kccktnett auf dem Gebiete der Außenpolitik schon mehr­fach Zu-geständnisse an die imperialistische Richtung mad)cn mußte, um nicht unter die Räder zu kommen, zumal man sehen mußte, daß bei den Ersatzwahlen die Regierungs­gegner ein Mandat nach dem andern gewannen. Auf dem Gebiete der inneren Politik dagegen scheint man doch getreu den liberalen Ueberlieferungen zu marschieren, indem man namentlich soziale Gesichtspunkte nicht außer acht läßt.

Augenblicklich dreht es sich in England, wie noch eben bei uns, um die zur Balancierung des Etats notwendigen neuen Steuern, da auch jenseits des Kanals die Zeit der fetten Jahre vorüber ift Die englische Regierung plant zu Steuerzwecken eine Erhebung über Umfang und Wert des privaten Grundbesitzes, wogegen die Konservativen sind, well sie die Enquete als den Vorboten einer starken Bodenbesdeuerung betrachten. Namenllich im Oberhaus be­gegnen diese Plane großem Widerstande und es wird vielfach geglaubt, daß aus diesem Grunde das Oberhaus das Budget verwerfen werde. Das Kabinett will aber in dieser Frage fest blewen, man will wofür sich jetzt Anzeichen bemerkbar machen den Kampf mit dem Ob er Hause aufnehmen, und scheint sogar entschlossen zu fein, mit einer entsprechenden und gegen das Oberhaus gerichteten Parole Neuwahlen auszuschreiben. Einen Sieg der Opposition braucht das Kabinett nicht zu fürchten, vielmehr darf man einer neuen großen Mehr hell gewiß fein, weil die Pläne der Regierung hinsichtlich Besteuerung des Bodenbesitzes ungemein volks­tümlich sind; überdies hofft man, aus der augenblicklichen Desorganisation und Blutlosigkeit unter den Unionisten zu profitieren. Daß derartige Pläne tatsächlich bestehen, geht aus der Erregung l)ervor, welche sich bereits der uniomsti- fcl)cn Partei bemächtigt. Der diese Richtung vertretende Obferoer" erklärt, ein einflußreicher Teil des Kabinetts befürworte jetzt die Herbeiführung von allgemeinen Parla- menkswahlen im nächsten Januar, selbst wenn das Hans der Lords das Budget annehmen sollte.

Man rechne daraus, daß das Kabinett sofort nach Unter­werfung der Lords bei der darauffolgenden Mißstimmung und Verwirrung unter den Unionisten bei den Wahlen be­stimmt eine Majorität erhalten könnte, welche es ihm er­möglichen würde, bis 1916 im Amt zu bleiben. Die Nation schreibe nämlich, es erscheint wahrscheinlich, daß, obwohl die Lords das Budget vielleicht nicht verwerfen werden, ein Appell an das Land nicht viel länger als bis zu Anfang des neuen Jahres verschoben werden wsrd. DerObserver" bemerkt dazu, daß sich in dieser Berechnung zwei gründliche Fehler befanden. Die Lords würden nicht davor zurück­schrecken, mit dem Budget nach dessen Verdienst zu verfahren, und noch viel weniger fürchte die unionistische Parteileitung eine Parlamentsauflösung. Diese feste Zuversicht des unioniskischen Blattes ist wohl aber nur eine äußerliche, um den Gegnern Sand in die Augen zu streuen, in Wahrheit weiß man jedenfalls sehr genau, daß die Regierung auf eine große Mehrhell wird rechnen können, undgründliche

Fehler"" dürsten sich weit eher in der Berechnung desOb- server"" befinden. Uns in Deutschland könnte ein weiteres Verbleiben des jetzigen Kabinetts nur erwünscht fein, denn wenn es auch dem deutschfeindlichen Treiben im Interesse seiner Selbsterhaltung Konzessionen machen mußte und sich namentlich auf dem Gebiete der Flottenverslärkung zu einem Entgegenkommen gezwungen sah, so kann man eine direkt deutschfeindliche Tendenz der jetzigen Regierung in keiner Weise nachsagen, vielmehr steht es außer Zweifel, daß sie dem Treiben der Jingos keinerlei Vorschub leistet.

Lin Stfidlem von der Sicherheit der veamtensteilung.

Bei den Beratungen über die Aufbesserung der Beamten- und Lehrergehälter wurde im Reichs- und Landtag verfchiedenttich ein gewisses Zurückbleiben deS Beamtengehalts hinter dem Einkommen eines Gewerbetreibenden mit dem Hinweis daraus begründet, daß die Beaniten in der absoluten Sicherheit ihres Einkommens einen großen Vorzug besäßen. Tatsächlich nimmt man wohl allgemein an, daß diese Ansicht zutreffend sei, und um so mehr wird ein Fall, der sich gegenwärtig in den Provinzen Brandenburg unb Sachsen abspielt, besondere Beachtung verdienen, weil er zeigt, daß es trotz der gerühmten Sicherheit möglich ist, daß ein fest angestellter Be­amter plötzlich gänzlich brotlos roeröen kann.

Ein Lehrer im Regierungsbezirk Frankfurt a. d. Ober hatte seine Stelle gekünbigt, ba er an eine Schule im Magdeburger Be- zirk gewählt worden war. Nachdem die dortige Königl. Regierung ihn für die neue Stellung bestätigt hatte, wurde ihm zum 1. April ds. Js. von der Frankiurter Regierung die nachgesuchle Entlastung erteilt. Da leitete noch vor Antritt der neuen Stellung der Staats­anwalt gegen ihn ein Strafverfahren ein. Die Regierung zu Magde­burg wartete den Ausgang des Veriahrens nicht ab, sondern Zog ohne weiteres die erfolgte Bestätigung zurück, so daß der Lehrer plötzlich ohne Amt und Brot dauand. Ein aus Lebenszeit an­gestellter Beamter wurde also durch einen Federstrich ohne Dis- zipllnaroersahren aus dem Amte eiufeniL

Aus erhobene Beschwerde entschied zwar der Unterrichtsminister, daß dem Lehrer die alle Stellung, au5 der er entlassen war, offen- gehalten werden sollte, aber die Gemeinde weigert sich natürlich, ihm Gehalt zu zahlen, da sie bereits am 1. April einen neuen Lehrer angestellt hat, den sie besolden muß. So hat nun der ent­lassene Lehrer, der inzwischen von der Straskammer sreigesprochen worden ist, fett' last 5 Monaten mit seiner Familie keinen Pfennig Gehalt bekommen!

Alan darf wohl mit Recht behaupten, daß die preußischen Ge­setze so klar sind, daß em solcher Fall unmöglich sein sollte. Teiin nach der erfolgten Bestätigung war der angcklagte Lehrer Inhaber der neuen Stellung, in welcher er einstweilen beurlaubt oder sus­pendiert werden konnte, also mindestens die Halste des Gehalles erhalten mußte. Sobald dann seine Schuld erwiesen worden iväre, hätte im ordentlichen Disziplinarverfahren (eine Amtsentsetzung erfolgen müssen, falls nicht etiva auf eine Freiheitsstrafe von längerer als einjähriger Dauer erkannt ivorden iväre, tvas bekanntlich den Amtsoerlust von selbst zur Folge hat. Unerklärlich erscheint es daher, daß nicht eine von den Regieruiigskassen einstweilen wenigstens das halbe Suspensiousgehalt dis nach Entscheidung der Sache verauslagt hat.

Die Lage der Bauhandwerker in Hessen.

Während in den verflossenen Jahren die einzelnen Bau- harckwerkcr im Großherzogrum Hessen unter Anspannung aller Kräfte arbeiten mußten, um die ihnen übertragenen Arbeiten rechtzellig sertigznstellen, macht sich in diesem Sommer bei allen Baugewerten, besonders aber im Maurer-, Zimmer- und Dachdeckergewerbe, die fast nur auf Neu­bauten angewiesen sind, ein außerordentlicher Mangel an Arbeit bemerkbar. Dieser Umstand ift vor allem Darauf zurückzuführen, daß die in Den letzten Jahren herrschende rege Bautätigkeit gan.31 bedeutend nachgelassen hat. Be- lege die Feder weg uno trete ans ofjcne Fenster, um mich durch den beruhigenden Anblick der blühenden Rvsengruppen im Garten zu sammeln. Da vernehme ich zum erstenmal das Klavierspiel im Nebenhause, möglich, wahrscheinlich so­gar, daß es schon ziemlich lange gedauert hat. Aber ich hatte es bis jetzt nicht bemerkt. Nun aber ergreift mich urplötzlich Die grimmige, kannibalische Freude, die der Jäger verspürt, wenn chm ein Wild, vielleicht durch seine Schuld, entwischt ist und er als Ersatz einen feisten Sündenboa erspäht.Ja, kann man Denn etwas Vernünftiges schreiben bei einem Derartigen scheußlichen Geklimper?" schreit etwas in mir auf. (Klavierspiel in einem Nachbarhaufe findet man immer scheußlich, und wenn Liszt oder Rubinstein der Spieler wäre.) Und statr mich an den Rosen zu erfreuen, höre ich zu, in­grimmig, haßvoll. Wie ein Raubtier bin ich über den Sündenbock hergefallen, zerreiße ihn im Geist, und feine Knochen krochen zwischen meinen Zähnen.

Schließlich exaltiert meine Wut sich bis zu finanzpoli­tischen Delirien: Ich denke mir eine Klaviersteuer aus, natürlich von phantastischer Höhe, und ersinne Mittel, um sie recht vexatorisch, reckt demütigend einzutreiben. Kurz, mein Grimm wird beinahe schöpferisch. Aber was im Augen­blick tun? Ich nehme meine Arbeit wieder auf. Natürlich gehts jetzt gar nicht mehr. Ich muß dem Klavierspiel zuhören, ein innerer Zwang nötigt mich dazu. Und mit Den GeDanken, die ich aufzuschreiben versuche, vermischen sich immer neue, immer gräßlichere Wutgedanken. Ich muß enolich aufhören, erschöpft, geistig vernichtet.Was hast du denn?"" fragt meine Frau,du siehst so angegriffen au»."Ach, es ging nicht mit Dem Schreiben," antwortete ich,wer kann auch schrecken bei diesem greulichen Klavier­geklimper?"Ich begreife dich nicht/" sagt meine Frau, das Klavierspiel war Doch wunderhübsch, und du fagft doch sonst, daß gute Musik dich in Stimmung bringt . . ."" Und wieder fühle ich mich beinahe verachtet.

Ich frage jeden Unbefangenen: Waren es die Töne, welche Die Störung unmittelbar verursacht Haven? Nein, sondern hauptsächlich der Gedanke, Daß im Nebenhaufe jemanD Klavier spielt, ohne sich zu fragen, ob er nicht durch Das Vergnügen, das er sich gönnt, anüere stört. Wer hat mich also eigentlich gestört, meine Nachbarin oder ich selbst? Ich seckft.

mjHl dieser Erkenntnis ift viel gewonnen; denn mein ^5ch ist, wie ein tiefer Denier sagt, das einzige Ding im Uni­versum, das jd) durch meine Gedanken verändern kann. Ich brauche mir nur Die gehässigen Gedanken uno bösen Aftekte zu verbieten, so erspare ich mir viel Qual. Wie das geht'? Man setze nur dem Willen zum Aerger (m Oester­reich, beiläufig gejagt, auch eine furchtbare politifcye Macht., der unser Zellalter mehr beherrscht als die Menschen früherer Tage, Den Willen zur Seelenruhe entgegen/'

sonders fällt hierbei in Die Wagschale, daß in Hessen mit Rücksicht auf die finanzielle Lage des Landes ein großer Teil der in Aussicht stehenden staatlichen Neubauten zurück- gestellt wurde, wodurch manches Stück Arbeit ausgeblichen ist. Auch Die Zahl der Privatbauten ist in Anbetracht Der lvirtschaftlichen Verhältnisse gegen die früheren Jahre be­deutend zurückgegangen. Eine meitcre Urfache des schlechten Geschäftsgangs der Bauhandwerker dürfte Darin zu suchen sein, daß infolge der durch die derzelligen Verhältnisse be­dingten Entlassungen von Arbeitern ein großer Teil davon sich selbständig macht und für Den nach Arbeit suchenden H<mdwerker eine sich in empfindlicher Weise bemerkbar madjcnDe Kvnkurreuz bildet.

Daß unter solchen Verhältnissen bei Vergebung von Ar­beiten billige Angebote eingereicht werden, ift nicht zu ver­wundern, insbesondere, wenn man in Betracht zieht, daß jeder Handwerker bemüht ist, für sich und seine Gehllfeu wenigstens einigermaßen Beschäftigung zu ftnben. Treten trotzdem bei Submissionen ufia große Preisunterschiede, die man in der Regel alsSubmissionsblüten" bezeichnet, zutage, so mag dies wohl zum Teil Daran liegen, daß von einzelnen Handwerkern falsch kalkuliert wird; es darf dies aber keinesfalls stets von Dem billigsten Submittenten an­genommen toerben. Bei der zur Abgabe.einer Offerte not* trendigen Kalkulation fällt ganz besonders der Einkauf der Rohmaterialien ins Gewicht. Wer diese billig einkaust, lann awch billigere Arbeit liefern wie die Konkurrenz. Hat der Meister einen guten Gesellen, den er in Anbetracht der für spätere Atonale in Aussicht stehenden Arbeit nicht gerne: entlassen will, so nimmt er er ent. auch mit einem ganz ge­ringen Verdienst vorlieb. Arbeitet er cbent mit seinen Söhnen praktisch mit und hat er für Buchhaltung und lech* irisches Personal keine Ausgaben zu verzeichnen, so wird er ebenfalls in Der Lage sein, billiger zu arbeiten wie die Konkurrenz. Daß jeder Gewerbetreibende vor Abgabe einer Offerte genau kalkulier en muß, um Erfolg zu haben, dafür sorgt schon die ausgedehnte Konkurrenz, Die auch bei klei­neren Arbeiten für Die Privat kundschaft zu befürchten ift. Während in früheren Jahren bei der Kundschaft in der Sieget erst nach Fertigstellung der Arbeit Erkundigungen über den Preis eingeholt wurden, ist es jetzt Sitte, daß auch bei kleineren Arbeiten unter Zuziehung der Konkurrenz Offerten eingeholr werden. Wird in einem Falle eine vor­herige Preisvereinbarung unterlassen, so muß der Hand­werler damit rechnen, daß feine Rechnung einem Architekten zur Prüfung und event. Reduzierung übergeben wird. Daß unter solchen Verhältnissen von einem goldenen Boden des Handwerks nicht die Rede fein kann, .ist klar, besonders wenn man in Betracht zieht, daß die Lasten, die auf Dem Hand­werk ruhen, sich von Tag zu Tag mehren. Abgesehen von Der in den letzten Jahren eingetretenen Erhöhung der Roh- materialienprcife und Arbeitslöhne findet in den meisten Fällen Der Umstand nicht genügend Berücksichtigung, daß die Lebensverhältnisse sich durch die teuren Lebensrnittel usw. auch für den Handwerker von Tag zu Tag ungünstiger ge­stalten und deshalb eine Mehrforderung des Handwerkers gerechtfertigt erscheinen würde. Macht der Bauhandwerker aber bei seiner Kundschaft einen Versuch hiermit, so steht zu erwarten, daß bei Der nächsten Gelegenheit die Kon­kurrenz seinen Platz einnimmt. Kein Wunoer, wenn unter solchen Umständen jährlich eine große Anzahl Der Bau Hand­werker zur Anmeldung des Konkurses gezwungen wird, besonders wenn noch die Zahlungsunfähigkeit seiner eigenen Schuldner es dem Handwerker unmöglich macht, seinen Ver-

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Zur ttulturgeschichie des Hinges,

Im Turmer (Stuttgart, Greiner & Pfeiffer) plaudert Felix Poppenderg über die Kulturgeschichte des Ringes. Anlaß dazu bot ihm die Sammlung des Frankfurter Juweliers Robert Koch, Die in Berlin im Rahmen der AusstellungDie Dame in Kunst und Älode" zu sehen war.

. Aus ägyptischen Pyramiden, aus pharaonischen Königs­gräbern erscheinen vergrabene Schätze. Fürstensingerreise ilnö es aus mannigfaltigem Material, aus Bronze, Ton, Glassluß. Und fürstlich sind auch Die aus mattem, gelbem Golde gebogenen Ringe mytcnischcr Frühzeit. Sie erwecken Schicksalsstimmung, die Un- heüsatnwsphäre der Attidcngräbcr, wie man fic in Der Szene von d Annunzios Gitta motte empfindet, in der die Kleinodien Der erlauchten Grüfte von verwegener Hand ihren heiligen Orten entführt werden und nun ihren alten Fatumsfluch neu wirken für die vermessenen Hände, die ihren Frieden gestört.

In alten Kulturen sind die Ringe niemals bloßes Ornament, Eitelkeits- und Zierschmuck. Sie Dienen vielmehr stets als Aus­druck einer hohen Macht und Würde, Amtsiniignien ftetten sie Dar und als Wahrzeichen tragen sie auf Der steinernen oder me­tallenen Platte geschnitten graviert das Wappen zur Besiegelung feierlicher Dokumente.

Man kann an solchen alten Petschicrreifen interessante Beob­achtungen machen, wie konstruktiv unD ausdrucksstark die Kom­position und Der Bau, die zusammenhangsvolle Gliederung der Teile, des eigentlichen Reifens unb der Mittelplatte ist.

Außerordentlich organisch, wie wir es heut wieder lieben, ist diese Bindung, und gleichsam lebendig bewußt die Führung und Zusammenschließung. Häufig ist der Reif zweifach, der obere biegt sich Dann halbkreisförmig um den oberen Teil des Siegel­steines, Der untere entsprechend um den unteren. Oder der Ring gabelt sich kurz vor Dem Erreichen seines Mittelstückes, und die Verzweigungen funktionieren dann in gleicher Weise.

Statt solcher zusammengeschlossener Gliederung der Einzel­teile gibt es auch eine gewisse Ganzheit und Unität Der Kom­position. Dann entwickelt sich Der Rund reif allmählich von beiden Seiten zum breiten Bande, in das an der breitesten Stelle der Stein, meist cm Karneol, eingebettet ruht. Diese breiteren Um­rahmungsteile werden oft, ihrer stärkeren Bedeutung halber, or­namental akzentuiert, mit Gravier- und Treibarbeit, ober, was besonders reizvoll ist, sie werden gittersörmig durchbrochen. UnD Dies Motiv haben die geschmacksgelehrigen Pariser Juweliere mll Vorliebe ausgenommen.

Aehnlich konstruktive Lösungen bemerkt man ferner bei den merooingiscyen, gotischeii, fränkischen Ringen. Sviralflechtwerk findet sich hier unD Darin eingefaßt Die wuchtige Metallsiegelplatte. Oft ist Darin als Signet das Kreuzmonogramm Christi cingraoiert

Großes kulturelles Interesse, mehr historischen, als geschmack- anregenden Charakters, beanspruchen Die Zeremonialringe, Petri Fischerrmg, Das Wahrzeichen des Papstes, Der Togenring, mit Dem sich Der Herr Venezias dem Meere vermählte. Die jüdischen Trau­ringe des 16. Jahrhunderts, fic sind pompos-repraientatives Rüst­zeug, sakraler Prunlzierat. Es ist bei ihm kaum auf das Ver­hältnis vom Schmua zum Finger geDacht, der Finger wirb zur Nebensache, zum Mittel lediglich, um em Symbol zu tragen.