Erstes Blatt IS».Jahrgang Donnerstag 18. Februar 190»
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Die heutige Nummer umfatzt 10 Selten,
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Vie augenbliSIrchen Aussichten der Reichsfinanzreform sind, wie man weiß, schlecht. Das Branntweinmonopol ist gefallen, baS Erbrecht des Staats muß als gefallen betrachtet toerbeit, da die Annahme durch das Mißverständnis zweier Zentrumsabgeordneten erfolgte und danach die Ablehnung in zweiter Lesung sicher ist, die Nachlaßsteuer tvird ohne Zweifel abgelehnt werden, die Zigarrenbanderole, An zeigensteuer, Oa*> und Elektrizitätssteuer werden desgleichen fallen. Was bleibt übrig- Die National- liberale Korrespondenz beantwortet alle die vielen Fragen, die sich aus dieser einen ergeben, in folgender beachtenswerter Weise: Heute liegt die Sache so, daß das Zentrum eine üuSreichend: Finanzresorm nicht machen wird, und da der Block als solcher nicht funktioniert, füllt Zweig um Zweig Und Herr Sydow steht da: ein entlaubter Stamm.
Es ist bedauerlich, daß der Finanzreform von vornherein der große Zug fehlte, daß Vorschläge gemacht wurden, die ganz aussichtslos waren und das große Werk diskredierten (Gas-, Elektrizitäts-, Inseraten steuer), daß man Kompensationen anbot, die wie die Beseitigung der Fahrkartensteuer gänzlich überflüssig waren, da nur ihre Reform, nicht die Beseitigung in Frage kommen kann.
Dazu nmßte das Fehlen eines Mantelgesetzes von vornherein als ein schiverer Fehler erscheinen. Das Mantel- gesetz hat sich bei der letzten Finanzreform so ausgezeichnet bewährt, daß es unbegreiflich ist, wie man aus kurzsichtiger Erwägung darauf'verzichten konnte. Dadurch entstand die Gefahr, daß die einzelnen Steuergesetze niedergestimmt wurden, ohne daß es möglich war, die Dissidenten beim Mantelgesetz unter den Gesichtspunkt der naticnalen Notwendigkeit der Finanzreform zu sammeln. Was nun?
Ein Jahr ist beinahe verloren. Statt wachsenden Vertrauens unter den Blockgenossen, zieht Mißtrauen ein und die Parlamentarier, deren Ratschläge ungehört verhallten, sind nicht freudig gestimmt. Es wird der ganzen Energie der führenden Politiker bedürfen, um nicht dem In- und Ausland das beschämende Bild eines Scheiterns der Finanz- reform zu geben. Ein Hinausschieben der Entscheidung, ob eine direkte Steuer bewilligt wird oder nicht, ist für den Liberalisnrus nicht annehmbar.
Den Konservativen mag es dienlich erscheinen, die Entscheidung hinauszuzögern; teils ihrer inneren Schwierigkeiten und der landwirtschaftlichen Woche wegen, vielleicht auch deshalb, um zu versuchen, auf diesem Wege die direkte Besteuerung überhaupt zu vermeiden. Wir können uns folgenden Plan der Konservativen denken: Zunächst werden die Konsumsteuern: Branntwein, Mer, Tabak und andere Konsumartikel, durchberaten, um aus diesen Steuerquellen
300 Millionen mit Hilfe des Zentrums und der Liberalen zu bewilligen. Dann wird man versuchen, diesen oder den nächsten Reichskanzler zur Annahme einer solchen par- ziellen Finanzveforrn zu bewegen, mit der Aussicht in einer späteren Zeit weiter zu reformieren unb der Notwendigkeit zunächst die fehlenden 200 Millionen auf Dtatrikulorbeiträge zu übernehmen. Man wird mit der Argumentation operieren, daß e8 doch sehr töricht wäre, einer theoretischen Schrulle, der direkten Besteuerung halber, ein Offert von 300 Millionen zurückzuweisen. Aber die Konservativen täuschen sich. Die Liberalen, einschließlich der Nationalliberalen, werden die Finanzreform nur unter zwei Bedingungen machen : einmal wenn der Gesamtbedarfund nicht nur ein Teil des Bedarfs des Reichs gedeckt wird; zum zweiten, wenn eine direkte Besteuerung des Besitzes erfolgt, lieber die letzte Frage muß Klarheit geschaffen werden. Die Lösung darf nicht hinauö- geschoben werden, sonst laufen die verbündeten Regierungen Gefahr, daß die Konsumsteuern, die noch nicht beraten sind, abgelehnt werden. Wenn die Finanzreform nicht zustande kommt, ist es gar nicht erst notwertdig, in eine Beratung der weiteren Konsumsteuern einzutreten. Man beginnt in den Kreisen der Liberalen unruhig zu werden; der Plan, die Entscheidung über die Besitz steuer hinauszuschieben, stimmt bedenklich. DaS einzige Mittel, die gegenwärtige Spannung zu lösen, besteht darin, daß Blockparteien und Regierung sich zunächst vor Beratung der Mer- und Tabaksteuer über die direkte Steuer verständigen. Geschieht dies nicht, so wird man erleben, daß zu den bisherigen Niederlagen des Herrn Schatzsekretärs weitere Mißerfolge treten. Jedenfalls liegt keine Veranlassung für die liberalen Parteien des Reichstags vor, der Taktik der Konservativen sowohl die Nachlaßsteuer als auch die von den Nationalliberalen vorgeschlagene und vorbereitete direkte Neichssteuer abzulehnen und alles auf Matrikular-Beiträge zu legen, weiter zu folgen. Es muß endlich reiner Tisch gemacht werden; die Liberalen haben gerade genügend Entgegenkommen gezeigt; nunmehr ist es Sache der Konservativen und derverbündetenRegierungenauchihrerseits den so oft betonten guten Willen in die Tat umzusetzen. Die Liberalen trifft keine Schuld, wenn die Reform scheitert. Die Liberalen müssen nur einig sein und standhaft bleiben.
Stimmungsbild aus dem preutz. Adgeordnetrnhaus.
Berlin, 17. Febr.
Nur ein Pole und ein Freisinniger tarnen am zweiten Tage der Beratung der Berggesetznovelle im Abgeordnetenhause noch zu Wort: Herr Kapitza und Herr
Wolff-Lissa. Und beide waren unbeschadet ihres grundsätzlichen Eintretens für eine reichsgesetzliche Regelung der gesamten Bergpolizei mit der Vorlage im großen und ganzen einverstanden. Spezifisch polnische Wünsche brachte Herr Kapitza kaum vor; wenn er die Regierung mahnte, die Wahl polnisch sprechender Sicherheitsmänner nicht zu erschweren, so war das ein Verlangen, das mit Herrn Wolff auch jeder andere Deutsche gutheißen kann. Solange ein großer Teil unserer Bergarbeiter nur das polnische Idiom beherrscht, können die Sicherheitsmänner ihrer Aufgabe nur gerecht werden, wenn ihnen auch mit den polnischen Bergleuten eine Verstänbigung möglich wird. Für die Unabhängigkeit der Sicherheitsmänner gegenüber den Gruben- verwaltungen, ober auch gegenüber den Bergarbeitern, legte sich namentlich der liberale Redner ins Zeug, und nachdem die Regierung mit der Einfügung dieser Arbeiterkontrolleure in den Bergwerksbetrieb einmal einer alten liberalen Forderung willfahrt hat, darf man hoffen, daß es in der Kommission gelingen wird, dieses Zugeständnis von de» Scl)lacken zu befreien, die ihm im Rohguß der Vorlage noch an haften. Mer Anträge, die mit der Novelle in Beziehung standen, lagen noch vor, aber nur zwei Antragsteller legten Wert auf das Schlußwort. In der Tat war, was zu diesen, die Arbeiterkontrolle betrefsenden Anträgen zu sagen war, schon vorher in der Debatte ausgiebig gesagt worden. Das Gesetz ging dann mit den Anträgen an eine besondere Kommission. Der Bergetat, der dann aufs Tapet kam, brachte für diesmal auch nur zwei Reden aus dem Hause, und auch der Minister beschränkte sich auf ein paar erläuternde Bemerkungen. Dann aber, zum Schluß, gabs noch eine stellenweise etwas hitzige Geschäftsordnungsdebatte: Der Zehngebote-Hofsmann glaubte entdeckt zu haben» daß die Mstimmung über die Pfarrbesoldungsvorlagen in der zweiten Lesung geschäftsordnungswidrig, also rechtsun- giltig sei. Vergebens boten Herr v. Kroecher, Herr Paschs, unter deren Aegide diese Abstimmung zustande gekommen war, Herr Dr. Friedberg und andere Redner der bürgerlichen Parteien ihren Scharfsinn auf, Herrn Hoffmann von seinem Irrtum zu überzeugen; er bestand aus seinem Schein, diesmal auf dem Plateschen Kommentar, für Geschäftsord* nung. Je länger dieses Hin und Her spielte, umso Der* gnügter wurde das Hohe Haus. Praktischen Zroeck hatte de« ganze Handel nicht, denn angesichts der für jeden unpar* teiischen Richter klar zu Tage liegenden Rechtmäßigkeit der Behandlung der Pfarrergesetze war an eine nochmalige Ev- Öffnung der Zweiten Lesung nicht zu denken. Herr von Kroecher eröffnete den Volksbotcn noch die mit ironischem, Beifall aufgenommene Aussicht auf Abendsitzungen — „ber^ Etat muß ja doch fertig werden, meine Herren!" —, dann, leerte sich der Saal — später als sonst.
Richard Shaufe über Kritif.
Zu dem dieser Tage bei A. Hofmann u. Co. in Berlin erscheinenden Buch „Älus dem Musikleben der Gegenwart" von Dr. Leopold Schmidt, das gesammelte Aufsätze dieses befaimteii, tüchtigen Berliner Musikkritikers enthält, hat Richard Strauß die Vorrede geschrieben, die nicht nur deshalb allgemein interessieren wird, weil Richard Strauß der Komponist der „Elettra", wieder einmal im Meinungskampf des Tages steht, sondern auch weil man an den selbständigen Gedanken und offenen Worten dieser Vorrede erkennt, welch ein feiner Mensch und starker Künstler dieser viel angegriffene Dekadente" Richard Strauß ist.
Da erklärt er als seine Forderung an den Kritiker: verlangt man nicht alles von der lieben Kritik! Ich stehe nicht an, zu bekennen, daß ein Berichterstatter seine volle Pflicht getan hat, wenn er, natürlich von vornherein mit allgemein wissenschaftlicher Vorbildung uni) künstlerischer Sachkenntnis und Empfindung ausgerüstet, in parlamentarischer Form seinen momentanen Eindruck den Lesern mitgeteilt hat. Inwieweit diese Augenblicks- eindrücke bauembe Geltung beanspruchen dürfen, darüber entscheidet ebenso wie über die kritisierte Kunstleistung ja doch die Geschichte." Strauß wendet bann das Wort: ,Mon seinen Feindei: faint man lernen" auch auf die Kritik an Und meint: „Ich kenne nichts Förderlicheres als die Kritiken eines Todfeindes, der von vornherein mit der Absicht zu- gehört hat, aus welchem Grunde auch immer, dem Autor am Zeuge zu flicken, wo er nur kann! Je schärfer seine Intelligenz ist, desto weniger werben ihm auch die verborgensten Schwächen entgehen, die der Begeisterte ober auch nur systematisch Wohlwollende bewußt ober unbewußt üb ersieht. Da es einem nun bekanntlich selbst am schwersten fällt, seiner eigenen Schwächen bewußt zu werden, so liegt der Nutzen des Todfeindes zur Förderung der Selbstkritik wo solche überhaupt geüb^ wird, auf her Hand." Dkan sieht, wie persönlich — Freund ober Feind — Strauß Kunstfrag^i ansieht; gar nicht artistisch. Er berührt das „interessciiite Verhältnis zwischen Autor und Kritiker":
„Während die fubalfernen Vertreter der letzteren gewöhnlich glauben, sich durch Isolierung vom schaffenden Künstler ihre hohe kritische Unabhängigkeit zu bewahren, haben eS die kultivierteren Angehörigen dieses verantwortungsvollen, vielverkaimten Berufes stets für ihre Pflicht gehalten, im regen Verkehr mit den Produzierenden den
notwendigen Einblick in~bie Werkstatt, in den Ideengang, voll —: „Was nun mein persönliches Verhältnis zur hohen
und die Absichten der Schaffenden zu erhalten. Wie soll
ein Kritiker beurteilen können, was ein Autor gekonnt hat, wenn er nicht weiß, was er gewollt hat? !" Diese Logik scheint uns nun nicht ganz lückenlos. Wir glauben, ein Kritiker kann ganz gut beurteilen, was ein Künstler gekonnt, weil er weiß, was er gewollt hat, wenn er nur sein Werk, das Dokument der Persönlichkeit, kennt, nicht den Mann, ober selbstverständlich bietet der Verkehr dem SfritUer, vielleicht auch dem Künstler, soviel künstlerische Anregungen und Förderungen, daß dagegen der Verlust der doch nur scheinbaren Objektivität gar nicht in Frage kommen kann.
Als besondere Aufgabe weist Strauß der „normalen, theoretischen Kritik die Arbeit an der Theaterkultur des Publikums zu. „Solche Werke („Bausteine der Entwicklung), die es schwer haben, sich zwischen den Meisterwerken erster Ordnung und dem Schund — diesen beiden zugkräftigen Extremen, die die Freude des Publikums und
Kritik betrifft, so bekenne ich kurz gesagt gern folgendes: sind meine Werke gut und von irgend welcher Bedeutung für eine eventuelle Weiterentwicklung unserer lieben Kunst, so werden dieselben, wenn auch nur als ehrenvoll erwähnt in nicht gelesenen Musikgeschichten, ihren Platz behaupten, trotz aller positiven Ablehnung von feiten bet Kritik unb> trotz gehässigster Verdächtigung meiner künstlerischen Absichten. Taugen sie nichts, so kann auch der erfreuliHsoe» Tageserfolg und die begeistertste Zustimmung der Auguren sie nicht am Leben erhalten. Die Makulaturpresse mag sie verschlingen, wie sie schon viele aufgefressen hat (tut sie auch, ob ich damit einverstanden bin oder nicht) und ich — ich werde chnen keine Träne nachweinen. Mein Sohn wird eine Zeitlang aus meinen Privatexemplaren pietätvoll meine Tondichtungen ab und zu vierhändig spielen, dann schwindet auch dies unb die Welt geht ihren Weg weiter!"
der Theaterkassierer sind — zu behaupten, gerade sie bedürfen, weil in ihnen keine schöpferische Kraft von elementarster, schließlich allen Widerspruch niederzwingender Gewalt mächtig ist, der gewissenhaften Betonung ihrer Bedeutung und belehrender Hervorhebung der edlen Intentionen ihres Schöpfers." Und andrerseits „wäre auch eine Revision des in früheren Zeiten Anerkannten am Platze, eine genaue Prüfung, wieweit dasselbe noch in unserer Kulturepoche bestehen kann, damit man nicht zum Beispiel eine „Martha", einen „Robert den Teufel" kritillos passieren läßt, bloß weil unsere Großmütter sich daran erfreuten, während man an die talentvollsten Werte der Zeitgenossen den strengsten kritischen Maßstab anlegt, ohne zu bedenken, wie förderlich es für die Kultur wäre, wenn das Gitte zweiten und dritten Ranges den Blaß des Unwürdigen einnähme. Um unsere Theaterkultur wäre es besser bestellt, wenn die Werke eines Hermann Götz, Cornelius, Alexander Ritter, Berlioz, Spohrs „Iessonda", Webers „Euryanthe" — von Jung-Deutschland, das es noch schwerer hat, sich ein bescheidenes Plätzchen in einem deutschen Spielplan zu erobern, ganz zu schweigen — öfter auf dem ständigen Repertoire zu finden toären. Es ist doch sicher fein erfreuliches Zeichen, daß innere Thoaterspielpläne so ständig zwischen Werken wie „Tristan" und „Meistersingern" einerseits, „Mignon" unb „Pajazzi" , nbererseits abwechseln.
Strauß schließt — seine Kritiker würden sagen: effekt-
— VraßkontraHaeckel. Zu diesem mit HeftigkeiL geführten Streit ergreift jetzt (Theimer Medizinalrat Pn^ fessor Dr. Wilh. Roux in Halle, der Begründer der tierischew Entwicklungsmechanik, das Wort, um im „Tag" folgendes zu erklären: „Dr. Braß werrdet sich gegen die von Haeckel mehrfach gebrauchte Methode, von einem bereits durch viele: Tatsachen gesicherten oder von Haeckel als gesichert beurteilten Prinzipe ans, noch vorhandene Lücken deduktiv zu ergänzen und diese bloß tonstruierten Ergänzungen dann umgekehrt als weiteres induktives Beweismaterial erscheinen zu lassen. So entstanden z. B. die von Haeckel interpolierten Bilder der Affenembryonen. Diese Methode ist nicht zu billigen. Viel gewichtiger ist der andere Fehler Haeckels, bafr er bei seinem kühnen, berechtigten FortschreUen die Grenze nicht erkannt hat, roo seine Deduktionen zu weit über das» erfahrungsmäßig Ermittelte, ja über das überhaupt Ermittelbare hinai'.sgehen, unb baß er jeben anbers Denkenben als geistig miuberroertig hinftellt ober gar seine bona sibes anzweifelt. Aber es ist unzulässig unb ebenfalls ein Fehler, einen Mann, dessen Arbeit die Wissenschaft einen großen gewaltigen Fortschritt verdankc, nur nach feinen, wenn auch gleichfalls großen Irrtümern zu beurteilen, ihm diese am Abende seines Lebens in übertriebener, gehässiger Weise vorzuhalten, statt das Große, was ihm die Wissenschaft Der* dankt, anzuerkennen. Das Werk, an dem Haeckel sein Leben


