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20.1.1909 Erstes Blatt
 
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Mittwoch LO. Januar 1909

Erstes Blatt

159. Jahrgang

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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

StQtbn$6od.

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fiotationsbrutf und Verlag der Srühpschen Univ.-Vuch- und Steindruüerei «. Lange. Redaktisn, <t$peöiiion und DruSerei: Schulitratze 7. Ij^en'tel-6^'Bei .... i.jr! in imi in।11ii Mi,,»«!'wirnmnrnimhihil1-rF-

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Auch bte Mitglieder unseres Theaters hielten sich sehr wacker. Besonders erivähnensivert ist Herinann Bakof. Claire Albrecht, Clemens R o d e n, Erich Weingartner. Lo-e Scholz und Rudolf Coll. K. N.

GLeszesrer Lta^lthettter'.

Gastspiel Albert Bassermanrrs.

Albert Bassermann, der gefeierte Liebling des Lessing-Thealers in Berlin, erledigte sein gestriges Gastspiel in Felix Saltens Einakterreihe ,Boin anderen Ufer* mit autzerordentlichein Erfolg. Die künstlerische Höhe der drei Stückchen ist nicht bedeutend; es sind feuilletonactig drama­tisiert« Rovellenstoffe, die nut sicherem Blick für das Bühnen­wirksame aus den äußeren Erfolg berechnet sind, ohne irgend­wie in die T'efe zu dringen. Am schivächsten ist das Schau- spiel: Der Ernlt des Lebens, obwohl es ein immerhin wichtiges Problem zu lösen versucht. Es bleibt aber bei Aeußerlichkeiten und wirkt auf den Unbefangenen fast nur spannend. Ganz nett ist das lustige Stücklem von dem falschen Grafen, der sich eine hochadelige Frau erringt und schließlich entlarvt wird. Auch die Komödie von de,n schwer- kranken Lebemann, der sich auf dem Sterbebette nut der Muller seines KmdeS trauen läßt, die mit einem Klavier­lehrer in freier Bereinigung lebte und nun durch die un­erwartete Genesung ihres Gatten in die zwiespälligsle Lage versetzt wird, ist nicht ohne Humor, ober ohne echtes Leben. Man fühlt allzusehr das mühsam Erdachte und Ergrübelle der Lage; dec Zufall ii't in allen drei Stücken im letzten Sinne das entscheidende Moment. Aber trotz dieser Mängel ist ein starker Erfolg zu verzeichnen, der in erster Lime allerdings dem auSgezetchnelen Gast zu gute kommt. Bassermann erlebt seine Gestalten; er wandelt seine Nollen zu Menschen auS Fleisch und Blut, indem er von innen heraus schafft und so unter Verzicht auf den »Effekt* eine vollkommen ausgerundete, seelische Wirkung er­zielt, die umso tiefer geht, als der Künstler jeden Nerv und jede Muskel zu beherrschen scheint. Alan hat die Emp­findung, als ob der Künstler von einer Notwenbigkeit aus- ginge, als ob sämtliche Möglichkeiten der Auffasiung und der Darstellung in seinem Spiet zusammengefaßt wären. Man freut sich zuerst an den Gesten und beachtet sie dann kaum, weil sie so selbstverständlich sind, so ganz im Einklang mit dem Wesen und dem Geist dec Rolle. Auch die Stimme paßt sich geschmeidig an, aber sie ist nicht ganz rem. Sie klingt etwas belegt und nicht ganz voll, was niemes Wissens nicht auf eine augenblickliche Unpäßlichkeit zurückzuführen ist. Durch diese Beschränkung ist es bedingt, daß er als Hugo im Ernst des Lebens am wirkungsvollsten mar.

tz»«rzug»pret3: monatlich75Pi., viertel» jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch biePost 'Dir. 2. viertel- jährt, ausschl. Bestellg, Zeilenpreis: lokal 15'Bt, auswärts 20 Mennig.

Verantwortlich für den politischen Teil, füiFeuilleton* unb , Vermischtes *: Ernst Anderson; fürStadt u. Land" undGerichts-

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natürlichen Verhältnissen den Deutsch gehören sollten, m Hän­den von Tschechen. Alljährlich fließen 10 Millionen aus deutscl)en Taschen dahin, um tschechische Familien anHusiedeln. Jeder tsche- chische Beamte ist ein geborener Agitator. Und die Vermehrung der Tsck>eck)en geschieht unheimlich rasch. ES »verden dann die Köpfe ge-ähtt, und so ist die Gemeinde gezwungen, eine tscheckstschc Schule zu errichten. Was bedeutet das? In dieser Schule wird ein fanatischer Deulschcn-Haß herang^üchtet. Ich habe, so lührtdteOner an, Vergleich ziviscl^n tschechischen und deutschen Schulbücl>ern angestellt. In tschechischen Büchern habe ich nichts gefunden, was nicht durchtränttgewesen wäre von tschechischem National- gesühl und was nicht darauf berechnet gewesen wäre, den Hag gegen das Deutschtum zu nähren. In deutschen Bäckern dagegen ist keine Rede von deutschem 'Natioualgefühl; man begnenet dort ein wenig einem schwarz-gelben Patriotismus, aber wehe dem Lehrer, der es wagen wollte, den deutschuationalen Gedanku zu äußern. ?Nan vergibt es Ujm eher, wenn er silberne Löffel ge­stohlen, als wenn er deutschnationale Gesinnung an den ä.ag gelegt hätte. So stehen sich nun Deutsche und Tschechen eines Lag es bei den Wahlen gegeniucr und die Deutsckien unterliegen.

Jetzt ist es fa etwas besser. Jetzt haben wir Deutsch? Schutvereine, Sck)utzveteiue, einen deulsckMt Bund in Böhmen, unb was in unfern Schulen in nationaler Weise versäumt wird, oas wird in den Familien wieder gut gemadji. Die Frauen sind das wichtigste Element, in den Kindern das Gefühl großzuzichen, daß sie zum ersten Volke dec Welt gehören! Uniert Schutzvereine wirken in diesem Sinne. Wenn Sie im Reicl-e uns Sympathien erweisen wollen, dann u n t e r st ü tz e n 2 i e unsere 2 ch u tz v e r e i n e. Wir braucljen ein" starkes nationales Geschlecht in einer Zeit, wo der Kamps nicht nur in dec Politik, sondern 'JJZtinn gegen Mann, Brust gegen Brust ausgekämpft wird. EL scheint, daß die Slaven sich jetzt zu einem Gesamtvoistoß gegen die Deutsclwn organisiert hauen. Tas zeigen die Vorgänge in Lai oach und in Prag, der ältesten deutscl-en Universität, wo mau den deutschen Studenten setust das Faibentragcn verbieten will. Es bleibt uns nichts anderes üütig, ais dem wohl ausgedehnten Plane der Slaven ein oeuisches Bo tis reckst entgegen zu setzen.

Was wollen die Tschechen?

Ein Sudetenländisches Nordslavcnreich gründen, eie haben baä böhmische Staats recht ausgegraben, von dem man noch vor wenigen Deeennien sagte, daß es keine Pfeife Tcwak wert fei. Heute sind alle von diesem Gedanken erfüllt, und alles, was den Tschechen in der Polsilk cnlgegentritt, wird hiernach beiuerlet. Sie haoen ja auch neuerdings schon versucht, eine eigene aus luiirtige Poliiik zu treioen. Den Versuchen, em sudenteniänbischeS 4iordsuivenreich> zu gründen, muß das gesamte deutsche Bork ent­gegenwirken. . .

Heute überschwemmt der Tscheche bereits einen großen Teil der deutschen Gebiete, er drängt sich sogar nach Steiermark hinein und hofft in Gro> sem Sieges seit des Slaveniums zu seiern, das dann zugleich ein Sieges fest iu> er das Deutschtum der ganzen Welt bedeut-en würde. Auch Sie int__beut|d>en Dieidjc haben schon eine ganz getvaltige Masse von Tsd-ed/en. Wenn sie bei uns fertig sind, werden sie mit denselben Aspirationen oci Ihnen auftreten. Dann haben Sie in kurzer Zeit dieselben Kümpfe wie wir unb eine oe ständige Bedrohung des Reiches, weit Die Tschechen immer bereit sind, mit allen Feinden des Reiches zu unii girieren.

Redner führte zwei Fälle auS seinem Leben an^ die recht bezeichnend Jur das Tsclstchentirm sind. Im öWichen Teile Böh­mens, im Wahlkreise des RednecS, machen die tfchechischen So- lote häufig chre Ausflüge, nm die Deutschen zu reizen und zu ärgern. In ihrer Sololtracht, die eine jämmersickst Verzerrung der deutschen Turnerlrackst darstellt, hohe Stiefel, Pumphosen, blutrotes yemb und eine Act Kasserole mit einer Hahn feder als Kopfbedeckung, so kamen sie auch einmal nad) Trautenau. Ein

Vie Not der vcuislhen in Oesterreich.

Zu einer imposanten Kundgeoung für unsere deutschen Volks genossen in Oesterreich gestaltete sich die gestern Abend in Gießen, in Steins Garten, abgehaltene Bersanrmiung, zu der der Alte- Lerren-Äund des Vereins deutscher Studenten zu Gießen emge- taden hatte. Ter bekannte österceichisdst Reichsrat und Landtags abgeordnete K. Sx Wolf sprach in dieser Versammlung Über die Not der Deutschen in Oesterreich. t

Einleitend bemerkte der Redner, da.tz die Nachricyten aus Oesterreich, aus dem Laude der Wirrnisse, wohl häufig verzerrt und entstellt zu uns gedrungen seien, und so werde es ivvhl Leute geben, die geneigt seien, die Stellung deS österreidnsaxn Deutschen falsch zu beurteilen. Unser Kamps, so führte der Redner aus, erscheint wohl Vielen im Reiche zu hemdärmelig, unsere Politik mag Urnen zu robust erscheinen. Wenn man es nut einem Sck)wet- horigen zu tun hat, wird man zuerst sprechen, wie mit jedem an­dern und wenn man dann nickst verstanden wird, dann steigert man die Stimme unb die Gestxn. Der Fernstehende sagt dann wohl: wie ist der Psiinn aber grob! aber er ist gar meyt grob, er bemüht sich mir, deutlich zu fein. Wir haben es in Oesterreiä) mit Faktoren -u tun, die uns aosolut nicht vetstehm wollen. Wir haben es mit Faktoren zu tun, die schaverhörig sind; und als man unS nicht verstand, was blieb uns da üorig, als mit der Faust gegen die Tür zu sckstagen. Wir n>erbcn von dieser Art des LdunpseS auch nickst ablasfen. Wir werden von jetzt ab eine Politik treioen, die nur noch das Nationale im Auge behält. Mögen eS die wohl bedenken, die seit vierzig Jahren in der bisherigen Wesic geioictsckzaftet haben, wer den österrcichischen Staatsgedailken fort tragen soll, wenn die Deutschen ilsti fallen lassen. Seit Taafes Zeit hat man fortgesetzt in deutschfeindlichem Sinne in der in­neren österreichisch! Politik gearbeitet, ungefähr seit 1870. Im Jahre 1866 war die große Aorechnung zwischen der katholischen Hausmackst der Labsburger und der protestantischen der Hohen- zollein. Es war ein Gluck, daß nicht HauSourg siegte und mit ihm der Katbolizisnlus. Am Wiener Hof hatte man die Dernüiignn- aen von Sadowa nickst vergessen. ES gao unzählige Faktoren für den Revanck^gedaneen, und 1870 war man eifrig bemüht, in den Kampf einzugreifen. sJtur die raschen Siege und Erfolge der deutsckjeu Waffen haben Oestzerreich abgehalten. Man hat auch heute den Revanck>egedanken nickst aufgegeben. Und man hat seit­her in Wien eine Politik getrieben, die den deutschen Gedanken in Deutsch-Oesterreich hemmen sollte. Das Gefühl der geistigen, der hislurisd^n uiü> der kulturellen Zusammengehörigkeit mußte in uns aber um so deutlicher werden, seitdem wir den großen politisckien Äusiastpung des Deutschen Reiches sahen.

Um diesem Streben entgegenzutreten. hätte man Versucheti Müssen, den Deutschen Oest!eireick)s eine Hegenioniestellung ein- $uräuipen, ähnlich wie den Atagyaren. Dann hätten die radikal- nationalen Elemente ein schweres Spiel gehabt. Aber man hat uns unier deutsches Sprachgebiet versaut unb verekelt. Man hat Slaven importiert, unb das deutsche Sprachgebiet in ein slavisches zu verwandeln versucht. fDlan ivvllte den deutfck>en Nationalgedanken unterkriegen, um Oesterreich zu einem slavifch-kalhottschen Staate zu machen. Wie man den Spiritus durch ekelhaste Ingredienzien benatuiert, um ihn zum trinken untauglich zu machen, so hat man seit 1870 bei uns eine Politik getrieben, die nmns anderes ist, als eine solche Denaturierung. Man förderte die Einwanderung tsdiechischer Elemente in unser geschlossenes deutsches Gebiet, ge­radezu von Staatswegen. Die Regierung hat sich nicht damst begnügt, lohnsuchende unb lohndrückende slavisck-e Elemente ins Land zu bringen, sie hat uns auch slavisckst Frohnvögte gegeben. In Böhmen beispielsweise fmb 5000 Beamtenstellen, die nach den

junger Deutscher, der ihnen begencte, ries ihnen ein ^cherzivort zu. Er Cant deswegen vor das tschechische ifreidgericht. Zu dieseut GerichiLoezirk gehören 80 000 Deutsche und trotzdem sind die Richter nur Tschechen. Jeder Deutsche lveiß im voraus, daß ihm, wenn er vor diesem Billiger ich t steht, nichts als Unheil begegnet. Bor dieses Llutgericht Eam der junge Deutsche und wurde wegen oes harmlosen Scherzwortes zu 4 Wochen strengen Arrestes Ver­urteilt. Dafür kann ein Tscheche schon ganze Dörfer anstecken. '.Rur durch die angestrengtesten Bemühungen gelang es Wolf, dreie Strafe auf eine Wockje herabzudrücken. Wenige Wochen darauf spazierten 3 Gesellen in öohenelbe. int östlichen Böhmen und sangen ein deutsches Lieb. Da kam ihnen ein Tscheche entgegen, zog seine Schusteiale und stach ohne jede Veranlassung auf sie los. Der eilte Deutsche war sofort tot, ein zweiter ivurde fdimer ver­wundet. Der Tscheche kam vor denselben Strafsenat und wurde freigefprochen, da er angeblich aus lltotwehr gehandelt habe! JZuttuebc lag aber gar nickst vor. . r ,

Sie werden auS diesen Beispielen ersehen, ttne sehr wir uns dagegen sträuben, müssen, datz man uns tschechische Beamte ickstckt.

Wir haben uns entschlossen, mit aller Rücksichtslosigkeit zu zu einer nationalen Politik überzugehen. Und alles nur unter diesem Gesichtspunkte -zu belmndeln. Im böhmischen Landtage wollte ra.ii5 die tschechische Äcajorität terrorisieren, da ergrifseir wir zur Obstruklion. Und als die Tschechen über unsere Ob­struktion Hinwegschreiten wollten, da standen wir deutsckien Ab- ijeoibneten der Verschiedenen Parteien, ohste daß etivas verab­redet gewesen, oder ein Zeichen gegeuen worden wäre, wie ein Mann auf und fangen die Wackst am Rl?ein. Zuerst waren die Lfchechen sprachlos, dann aber beschuldigten sie uns des Hochverrats. Das Lied, das wir fangen, es ist das Lied, das wir überall dort fingen, ivo wir zum Ausdruck bringen, daß wir unfern uralten deutschen Boden deutsch erhalten wollen. Die Leute aber, die uns oeS Hochverrats beschuldigten, es sind dieselben, die selbst mit Den Freunden des Siaates konspirieren! Heuer foldje Verdäch­tigungen sind wir humnelhoch erhaben, wenn wir auch unserii Patriotismus nicht besonders laut zu betonen pflegen. Wir sind nickst solche Huiidenaturen, die die Peitsck>e lecken und die Hand kiissen, die so hart gegen unS ist. Doch wer hat den Staat Oester­reich geschaffen'? Tie Teutsck-en haben ihn gefefaffen. Und seine Partiwl durch deutsches Blut zusammengekittet. Und die Dynastie? Wer tat den deutschen Rudolf ins Land geholt? Und wer stand zur Dynastie, wenn nickst die Deutschen. Das Wort vom Dank beS Hau>es 5)aüsöurg ist uefannt. W i r haben tzer Dynastie nie verweigert, waS der Dynastie ist, aber wir verlangen jetzt, was des Deutschen Volkes ist. Und wenn man eS uns nicht gibt, bann roerbciD wir eS zu erzwingen wissen,

Redner erwähnte noch kurz ein wunderbares Lied von Wilden- druck), bei dem der Dickster offenbar an die Deutschen in Oester­reich gedacht haben müsse.

Im weiteren Verlaus seines Vortrages behandelte der Redner die Annexion von Bosnien und der Herzegowina, die er für einen srivolen und unüberlegten Schritt hält. Redner meinte, daß Diese Annexion den Deutschen und nickst nur denen Oesterreichs teuer zu stehen dummen werde. Der Boykott habe allein schon einen nicht wieder gut zu machenden Schaden Oesterreich und oem Deutsckien Reich verursacht. Oesterreich konnte die Annexion bloS vornehmen im Vertrauen auf die Loyalität, mit der daS Deutsche Reich das Bündnis mit Oesterreich gehalten hat. Tas Deutsche Reick) bat sich in die inneren Angelegenheiten Oester- reichs nickst hinein gemengt. Es blieb korrekt und kühl alS Deutsche Volksgenofsen vor seinen Toren und Wällen den Tsck>e- cken preisgegeuen waren. Wie war es aber bei der Agitation des Poieuturns in Preußen? Damals hat die österreichische Re- giemng sich in die innere Politik deS Deutschen Reiches hinein gemischt. Redner fürckstet, baß im Deutschen Reiche allmählich die Freude an dem Bündnisse mit Oesterreich schwinden werde. Die südilawische Frage werde nicht mehr zur Ruhe kommen; sie werde sich enhoideln wie die italienisck-e. Nur würde Oester­reich größere Opfer zu bringen haben. An der Spitze des zu­künftigen südslawischen 9leiu)cd werde kein Habsburger stehen, sondern ein Vertreter der eingeborenen Balkandynastien. Die südsiaivischc Frage kann, so meinte Redner, nur in einem allge­meinen Weltorande zur Lösung kommen. In diesem Weltbrande werde auch die endgültige Lösung der deutschem Frage erfolgen. Redner schloß hieran ein Bekenntnis, daS er auch in Oesterreich selbst sckion abgelegt habe. Wir betrachten, so sagte er, das Deutsche Reich alS Torso und glauben, daß die neuen Millionen Deutsch- Oestecreicher diesem nationalen Staate angegliedert werden. Er Datierte zum Schluß das Wort dcs Anzengruberschen Steinklopfers: ans Ikimi nix gesa/hen, wir gehören doch zu dem All.

Brausender Brirall, der den Vortrag wiederholt unterbrochen hatte, erlcholl auch, als der Redner mit einem Heil Atldeutschland schloß. E.A.

Stimmung$t)üd aus dem preutz. Adgeordnetechaus.

Berlin, 19. Januar.

Eine Rede Bülows.

Fürst Bülow hat sich nun wirklich am zweiten Tage der Etats- debaike der groben Rede entledigt, Oie er nach der Versicherung lernet Adiunkten eigentlich schon für den ersten Tag in petto hatte. Hub wieder einmal bat sich die Eriahruiig bestätigt, daß unfere O'fiziere bei ihren Verbeißungen den 'JRunb reichlich voll zu nehmen pflegen: Ter Aiinisierpräsldent hat viele Worte gemacht i> n d e n i g, beinahe nichts gesagt, und die Versicherung seiner Leute, er habe dem Lande bejonbers interessante Tinge zu eröffnen, Hal sich als euel Schaumschlägerei erwiesen. Wenn Fürst Bickow, woS man doch wohl wird vorausfetzen müssen, mit feiner «ast öieiüietielfifmbigen Rede einen besonderen Zweck verband, so war es sicherlich nicht der, der Wißbegier des Landes in puncto der aktuellen Fragen der Politik zu genügen, sondern allem der, gewissen Gembren zu begegnen, die feiner ftaatsinänmschen Existenz von der parlamentarischen Taktik einzelner Parteien zu drohen scheinen. Ter Kanzler hegt offenbar starke Besorgnisse iu e D e n feiner parlamentarischen Koalition in Preußen, d i e auch auf ben Reichstag abfärben unb mit b e m Enbe der Blockpolitik aud) bas Ende berKanzterschait Bülows be beuten würbe, fei eS, baß biese Koalition zwifchell ber Red)ten unb bem Zentrum, sei es, baß sie Aiuijdjen bet Linken unb bem Zentrum zustanbe kommt. Deshalb ging et ben beiben Parteien, bte im Reiche fernen Block bilbcii, eitrig um ben Bart. Freilich nicht ohne gelegentlicy bie eine nut bem Ellbogen zu stoßen, wenn er bte anbere streichelte, io, als et bie Wahltechisreioim zur Freiibe ber Rcdflen unb zum Äilßbehageli ber Linken mit ein paar nichtssagenben J<cbensarlen abtat, ober als er die Rachlaßjleuer, die der Linken genehm ist, ben widerstrebenden Konservativen als eine Kabinetlsirage darstelltc. Mitunter glückte es dein I Minister in verbindlicher unverbindlicher Dialektik natürlich auch, |ben Mantel auf beide Schultern zu tragen: Was et über ben,

LebenSkunde. In Hamburg sprach Dr. Penzig über die Lebenskunde a.S Uitterricksts^weig fvivohl in der Volks schule wie in den höheren Lehraustiatten. Der d,'d-ner führte aus, daß der gütige Scy-ulunterricht den Kindern viel zu wenig Leuenskundc mit auf den Weg gibt und sie in viel zu geringem Maße befähigt, in oem jugenuiiu^n Alter, in dein bejonoerd bie Bolksschü^er ber Sck/ule eittwacksen, sich mit bet nötigen Kraft gegen die Anfeindungen des Lebens zu ivehren. Es hat sich als unuingängttche Sattweudigkeit herausgestelit, in der Schule äunächst neuen, später als Er,atz für den Äteligwnsanterrlckst ben Pchralun ter tickst treten zu lasten. CS müßte bies em rein menschlick)-natärlicher Unterricht fein, in dem die Kinder vordem Lehrer, ausgeheiw von irgend einem Tagesereignis, zu logischem

Denken uild kritischer Beurteilung hetangezogen werden. Die Gebote sollen nickst alS unumgangttche Vorschriften daf^hen, son­dern ihre Notwendigkeit muß von dein Sftiibe cingesel-en werden. Die Möglichkeit einer Existenz der ?Noral- oder Lebettskunde be­weisen die Erfolge in Italien, Frankreich unb Hosianb, die bet Redner jedoch infolge ihrer trockenen llnletrichtsiveife nickst für bie richtige hält. LRan muß in diesem Unterrickst den Kindern beibringen, waS sie interessiert und eigene Ansichten aus chnen herauslocken und fie auf diesem Wege, natürlich schrittweise vor- gehcnd, mit den Vorgängen in der ganzen Welt und den Welt­anschauungen bekannt machen. Man muß in ihnen ein Ver- antwortlichkeitsgesuhl eriucticn. ES soll sie die Philosophie nickst gelclj.t lucrb.m, sondern sie müssin Anregung bekommen, sich eine logische Gedaitkenfolge zu biiucu. Hier tritt so gut wie nirgend <mderS das Wort in sein Reckst:Was du ererbt von deinen Vätern hast, erivirb eS, um es zu besitzen." Vorn 10. bis 12. Jalxre müßten die Kinder einaesähct werden in dieWelt deS Seins", indem der Lehrer an Vorgänge des Lcueus anknüpft unb Ent­stellung der Dinge auf ihre Ursprünglichkeit zurück,ährt. Vvt- uiibiid) hierin ist die Methode des trefflichen Friedrich Wilhelm Förster, der auf diesem Geuiete der Pädagogik als einer der erften bastelst. Iu den darauffolgenden Iahten käme dann die Darlegung DerWelt des Scheins", -dcZ Sd-eins natürlich nur im edelsten Sinne, wie Religion, Kunst und Philosophie. Der Redner verlangt, dem H. F. B. zufolge, daß der Religion im Unterricht der Heiltgen- sckein genommen und auf eine rem menfclstich natürliche Basis zurückgesührt werde. Alles in allem hat bie Wisfensdiaft sich in der jetzigen Untecrickstsmetlwde zu sehr zum Selbstzweck ausge- vildet, wuhrend wirnickst für die Schule, sondern für das Leben lernen" sollen.

fticine Chronik aus Kun st und Wissenschaft. Tie Beerdigung Ernst von W i l d e n b t u ch s fanb gestern auf bem alten'Friedhöfe in Weimar unter giöfeter Beteiligung des Publikums statt. Der Cellist Roben Hausmann ift in Wien gestorben.

ietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Nr. 18

Der Gietzener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal roödicntlid) GirhencrZamilicndlätler; zweimal wöckieuil.lli ei§- VlattfürbtnKrdsOkffcn iTienstagunbFreiiaii); zweimal moncitl. Land- wirtschaftliche Scitfragcn Fernsprech Aisichlüsse: füt die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse Mr Tepeidien;

Anzeiger Gießen.

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