Nr. 133
Zweites Blatt
Donnerstag 10. Juni 1909
Giehener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag*.
General-Anzeiger für V'ssrhchen
159. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brühllchen Unwersitäls - Buch- und Steinbrucfereu 9L Lang», Greben.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion:«-^ 112. Tel.-Ad ruAnzeigerGleßen.
Die „Otehener Famtliea^latter- »erden dem „Anzeiger^ viermal wachen lich beigelegt, das „Kreisblati für de« Kreis Stehen" zweimal wöchentlich Die „tandwtrtschaftlichen Seit« fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Schumann contra vufch.
Gewaltig i'ili bcr Widerhall, den der 2lufruf des Zentral Verbandes des Deutsck)en Bank- und BankrerSgewerbes und des Zentralverbandes Teutsck)er Industrieller gefunden hat. Die Anmeldungen zu der großen Kundgebung ‘am nächsten Samstag sind so riesig groß, daß man als Versammlungslokal die kolossalen Räume des Zirkus Schumann hat wählen müssen. Damit wären die Gegensätze, die sich so mächtig gegeneiitander türmen, auf eine emsache Formel gebracht: $) ic Busch! Hie Schutttann' Alles, was ein Jahrzehnt lang von dem steigenden Ucbernuite Und der wachsenden Brutalität “ber Agrarier geknechtet und aus- gebeutct worden ist, hat sich "jetzt zu einer breiten Phalanx zu- sammeiMHogen. Deutschlands itmere Geschickfte befindet sich an einem Wendepunkte. Zu Caprivis Zeiten war es, als Ruvrccht- Ransern mit seinem Aufrufe hervvrtrat, mit dem die Agrarier drohten, in das Lager der Sozialdemokraten a b zu s ch w c n ken. Damals haben sich die Agrarier der natürlichen Entwickelung Deutschlands entgegengewvrfen. Schritt für Schritt haben sie uns wieder auf das Niveau eines Bauernstaates zurückzudrängen versucht und durch ein raffiniertes System gesetz- geberisclier Maßregeln die industrielle und kommerzielle Entwickelung Deutschlands für sich auszubeuten begonnen. Es hat lange gedauert, bis handel und Industrie sich zu geschlossener Gegenwehr aufgerafft haben. Jetzt sind wir so weil: Der Aufruf/der von den Herren Rießer und Roetger unterzeichnet ist, hat das befreiende Wort gefunden. Weiter blickenden Beobachtern konnte es ja schon seit einigen Monaten nicht entgeh«r, daß die agrarische Flut ihren Höhepunkt erreicht hatte. Im antifen Drama hatte man den Ausdruck Hybris, um die Verblendung, den Uebernud zu bezeickmen, der dem Helden zum Stein des Anstoßes Nnrd. Wer die Reden der agrarischen Häupttinge in den letzten Monaten verfolgt hat, gewann klar die'Erkenntnis, daß die Agrarier von der Hybris "ergriffen und daß damit der Zeitpunkt der Katastrophe näher gekommen sei. Mehr und mehr begreift man, daß der jetzige Augenblick tatsächlich zu einem Wendepunkte der inneren Geschichte Deutschlands werden Cann. Daran ist "bcr Antrag Richthofm schuld.
Das „Bank- und 'Börsenkapital" wollen die Agrarier mit diesem Anträge bluten lassen, um selbst feiner gerechten Steuer zu entgehen. Aber die Herren haben doch die Entwickelung ihrer Zeit nicht verstanden. Was die Agrarier in ihrem dunklen Drange mit Bank- und Börsenkapital bezeichnen, ist in Wirklichkeit die ranze moderne wirtschaftliche Entwickelung. Jeder,dereinige tausend Mark gespart "und angelegt hat, gehört zu dem Begriffe Bank- und "Börsenkapital. Deswegen irren die Verfasser des Antrages auch, wenn sie wähnteii, mit diesen Steuervorschlägen nur die großen Bank- und Börsenleute zu treffen. Große Börsenleute gibt es bei uns überhaupt nicht mehr. Die unsinnige Gesetzgebung der 9.0er Jahre hat die Börse im Kerne getroffen. Die Börsensteuern sind so schwer, daß eine Speklckation, welche die Tageschancen! mitnehmen könnte, kaum noch bestehen kann. Der eigentliche - Effektenmarkt, die Börse, ist "zerrüttet worden. Daraus sind die großen Bankenkonzerns 'herausgewachsen. Was noch än Börse besteht, würde durch "den Antrag Richthofen gänzlich vernichtet werden. Man kann überall in den Kreisen der Privatban- kiers "die Ansicht hören, daß der Antrag Richthvfen weiter zur Vernichtung der kleinen und mittleren Bank- und Börsen-Jw- leressen beitragen werde. Und das geschieht in einem Lande, ^.welches mehr als irgend ein anderes Land der Welt eine mächtige, gut funktionierende Börse braucht. Es macht den Franzosen ja nicht viel aus, wenn ihre Börse schwach "ist. Frankreich ist von Natur ein reiches Land und verdient an den Erzeugnissen seiner Mode und seines reichen Bodens genug, um gut leben zu können. Ganz anders Deutschland. Hier haben wir eine gewaltige Industrie. Wir haben mächtig Vorwärtsstrebende Gemeinwesen und Ginzelstaaten. Wir haben eine hochentwickelte Schiffahrt. Wir haben eine enorm wachsende Bevölkerung, die beschäftigt und ernährt werden muß. Wir müssen dem Auslande liefern, um zu verdienen und um unsere Nahrungsmittel und Rohstoffe bezahlen zu Kinnen. Daher erklärt sich die kolossale Entwickelung unseres Cmissionswesens. Bei einer solchen Unmenge von Effekten brauchen wir aber dringend eine starke Bürsenorganisation. Diese Fälle von Effekten kann man nicht
kleines Feuilleton.
o. Alt-Frankfurt, Vierteljahrsschrist für seine Geschichtei und Kunst. Herausgegeben von dem Verein für Geschichte und Altertumskunde, dem Verein für das Historische Museum und der üttrmismattschen Gesellschaft in Frankfurt a. M. Schriftleitung Archivdirektvr Dr. 9t Jung, Museumsdirektor Professor Dr. B. Müller, Direktorialässiftent R. Welker. Verlag Hermann Mttrjon, Frankfurt a. M. Die gebiegen und vornehm ausgestattete Zeitscknift will einen Ersatz bieten für die 1885 eingegangenen „Mitteilungen" des Vereins für Geschichte und Altertumskunde: iie soll in erster Linie der Veröffentlichung kleinerer Abhandlungen uiy allen Gebieten der Geschichte der Stadt Frankftirt und ihrer näheren Umgebung gewidmet fein, daneben auch den prähistorischen imb "archäologischen Forschungen einen angemessenen Raum zu- iveisen. „Altfrankfurt" wendet sich an größere Kreise, an „alle J-rcunbe der Geschichte der Stadt" und will „durch 'Wort und Bild für die ortsgeschichtliche Forschung, für die Denkmalspflege und )en Heimatschutz wirten und werben". Vereinsberichte und Nachrichten über ortsgeschichtliche Vorgänge sollen den wissenschaftlichen Teil ergänzen. Daß die Herausgeber bähet einen besonderen Wert auf zahlreiche und gute Abbildungen zu» Erläuterung der einzelnen Abhandlungen legen, beweist die uns nodiegenbe erste 9himnter ber Zeitschrift. Archivdirektor Dr. Jung eröffnet sie mit einem Artikel über „Anton Kirchner und ferne Geschichte der Stadt Frankfurt a. M." Für die Erhaltung der vwlumstrttteneii Mehlvage tritt Museumsdirektor B. Müller in einer kritisch imb nftorisch gehaltenen Abhandlung über dieses Bauwerk ein, für ins die Oeffentlichkeit kein Verständnis hat. Der Verfasser schildert in der Hand der Akten ausführlich die Bangeschichte der Mehlwage, Üe in den Jahren 1715 und 1716 au Stelle eures älteren Gebäudes nrichtet wurde. Eine sehr instruftive Besprechung der neuen neolithischen Funde ht der Spetter au von Professor Wolff bringt Klarheit über die Bedeutung der in den letzten Jahren tei Marköbel und Butterstadt, sowie bei Büdesheim vor genommenen Ausgrabungen, bei denen zahlreiche Brand gröber aufgebeeft wor- >en sind. Dr. I. Cahn bespricht die große Schöffenmedaille des wrenz Schilling von 1611 und ihren Stadtplan von Frankftirt, bas charakterftchtischste und für die Lokalforschung bedeutendste Werk '!es bekannten „EisenschnerderS", der sich durch ein für seine •Serioöc der sinkenden Kunst nicht gewöhnliches Können unb durch ehrliches Streben nach technischer Vervollkommnung auszeichnete, "die diese Abhandlungen begleitenden Illustrationen umerstützert sten Text durch die scharfe Wiäergabe des Wesentlichen in wirffamer Weise. Die mterefianie Wiedergabe eines herrlichen Briefe von fernst Moritz Arndt an Dr. F. S. Jucho ans "dem Jahre 1852 mit Facsimile beschließt den Reigen der wissenschaftlichen Beiträge, Lenen sich kleinere Mitteilungen über Vorgänge in den Vereinen, aber die städtische historische Kommission und den neugegründeten Verein für Heimatfckmtz anschließen.
— „Die Esel, — Morbtmann bat wieder recht". Ans Konstantinopel wird der Voss. Ztg. geschrieben: Abdul Hamid, ier jetzt als Verkörperung des Bösen gilt, und an dem niemand mehr ern gutes Haar läßt, hat doch neben allen seinen bösen
im Winkel umsetzen. Der Börse ist mit einer Hand voll groß- mächtiger Bankenkvnzerns nicht "gedient, unb bie großen Banken selbst wollen gar nicht größer werden: beim mit der Ausdehnung des Geschäfts ist eine entsprechende Steigerung des Verdienstes nicht unbedingt verbunden. Deshalb müssen wir btc Börse und den Mittelstmid in der Bank- und Börsenwelt erhalten. Daran ist die ganze Jiidustrie, ist ber Handel unb das gesamte Privat- lapital interessiert.
Jede weitere Schwächung der Börse ist also eine Schädigung von Industrie und Handel und vor allem auch der zahlreichen Privatkapitalisten jeder Gattung. Die schwere Steuerlast, welche der Antrag Richthofen den großen Finanzinstituten und Gesellschaften auszuladen glaubt, bleibt in letzter Stme an der Menge der deinen und mittleren Kapitalisten, ja auf der breiten Masse des Volks haften (auch an ber landwirtschaftlick)en Bevölkerung, was die Antragsteller in ihrer Eile übersehen haben). Wir er mäIrrten hier als Beispiel nur die Hypothekenbanken. Wenn eine der großen Hypothekenbanken auf Grund des Antrages Richt- hofen jährlich eine halbe Million Mark Steuer zahlen soll, wird die Direktion, die ja aus kühl denkenden Geschäftsleuten besteht, die Dividende herabfetzen oder die Abschlußprovisionen erhöhen, wenn sie nicht bie Kupons kürzen will. Das will besagen, baß das Baugeld verteuert wird. Eine Verteuerung des Baugeldes drückt sich in einer Erhöhung der Mieten aus. Es ist also eine dreiste Unwahrheit, wenn den kleinen trorgerebet wird, der Antrag Richthofen belaste nur das 'Großkapital.
Diese Gefährdung aller wirtschaftlichen Interessen ist es auch, welche jetzt bie große antiagrarische Koalition zustande gebracht hat. In allen deutschen Gauen hallt der Ruf wider: Unsere auf viele harte Proben gestellte Geduld ist $u Ende! Und in der bevorstehenden Versammlung wird ein Redner nach dem andern als Ankläger wider das agrarische Ausbeutungssystem auftreten. Freilich darf, was wir jetzt sehen, nicht ein rasch wieder verrauchender Zorn sein. Mehr und mehr dringt die Ueberzeugung durch, daß ein dauernder fester Zusammenschluß gesclmfsen werden muß. Wir schlagen deshalb vor, daß der antt- agrariidye Kongreß in jedem Jahre einmal zusammentritt: Schu- mann contra Busch muß "bie Losung sein!
polttifcfye Tagesschatt.
Für die Rohtabakwertsteuer, wie sie von der Finanzkommission des Reichslags in dem Antrag Müller (Fulda) in zweiter Lesung angenommen worden ist, wird in ber Zentrumspresse in Ausführungen Stimmung zu machen gesucht, welche darauf hinauslausen, baß es doch höchst ungerecht sei, wenn der Großfabrikant für die Rohware zu feinen feinen Fabrikaten keinen höheren Zoll zahle wie der kleinere Fabrikant für die Rohware seiner geringwertigeren Zigarren, und daß es deshalb im Interesse der Kleininduslrie gelegen sei, hierin burch eine Abänderung des jetzigen Gewichtssteuersl)stems vermittels Erhebung eines Wertzollzusehlags Wandel zu schaffen. Wenn es nicht die Kölnische Volkszeitung wäre, welche versichert, daß derartige Aus- lassimgen aus kleinen Tabakfabrikantenkreisen flammen, so wäre es kauni zu glauben; denn bie gerade entgegengesetzte Wirkung des Wertzollznschlags stellt mit Sicherheit zu erwarten. Der Groß- fabritant kauft seine Rohlabake in großen Posten unb ans erster Hand, dazu noch u. 11. gegen bar, während der Kleinfabrikant in kleineren Partien und aus 3. und 4. Hand kauft, fomie mehr oder minder langes Ziel in Anspruch nimmt. Für jeden, der etwas von geschäftliche» Tingeii versteht, ist es selbstverständlich, daß dabei der Großfabrikant billiger wegkommt. Infolge des billigeren Einkaufs gestaltet sich aber auch der Wertsteuerzuschlag verhältuis- inäßig niedriger, als wie sich derselbe für bie höhere Preise an- legenden Kleinfabrikanten stellt. Richtig ist ja allerdings, daß die Herstellung besserer Fabrikate erheblich verteuert und zuin Teil unmöglich gemacht wird. Tie Folge davon wird aber sein, daß die Großfabritanten ein gut Teil ihrer Herstellung fernerer Ware ans ihrem Betriebe ausschalten und sich dafür mehr auf die Herstellung billiger Zigarren werfen. Selbstverständlich wird dadurch dem kleineren Fabrikanten der Verkauf seiner billigen Ware erschwert. Auf ber einen Seile hat also infolge des Wertzollzuschlags der Kleinfabrikant höhere Rohtabakpreise zu bezahlen, und aus ber anderen Seite wird er mit dem Absatz seines Fabrikates von den größeren Fabrikanten in bie Enge getrieben werden. Die Wirkung
Charakterzügen, die ihn zu einer wahren Geißel für sein Land gemacht haben, wie alle übrigen Menschen auch seine guten Eigenschaften. Sv war er stets ein guter, sorgsamer Familienvater, dem das Ergehen feiner weitverzweigten Familie durchaus nicht gleichgültig war, unb der über den Verlauf eines jeden Krank- heitssalls im Bereiche der Seinen auf das genaueste unterrichtet werden mußte. Eines Tages erkrankte nun eine der Haremsdamen. Sie konnte weder essen noch schlafen, war verdrießlich und nervös und hatte an nichts mehr eine rechte Freude. Aus des Sultans 'Befehl wurde sofort ein Konsortium der angesehensten Aerzte von Konstantinopel zusammengerufen. Da hie Haremsgesetze den Aerzten aber nicht gestatten, die hohen Patienttnnen einer genauen Untersuchung zu unterziehen, so ist es für die meisten Herren in solchen Fällen stets eine schwierige Aufgabe, die richtige Diagnose zu stellen und das Leiden wirksam zu bekämpfen. Und so schob auch im vorliegenden Falle der eine die Krankheitserscheinungen auf ein Magenübel, der zweite auf dieses unb der dritte auf jenes Leiden. Nur einer bcr antoefenben Aerzte, der geheime Sanitätsrat Dr. Mordtmann, der Sohn des ehemaligen hiesigen G-eschäftsträgers der Hansastädte, der, obwohl in ber Stadt am Goldenen Horn geboren, doch durch und durch ein echter Deutscher geblieben ist, unb ber daher zu gewissenhaft war, um auf eine bloße Vermutung hin sein Urteil abzugeben, wußte es burchzusetzen, daß sich die verschleierte Schöne untersuchen lassen durfte. Unb das Resultat dieser Untersuchung bestätigte bann seine gleich gefaßte Annahme, daß sich die Leiden seiner Kranken in nicht zu langer Zeit in reine Freuden verwandeln würden, da Allah sie gesegnet hatte unb sie dazu auserkoren war, einem neuen Osmanensprößling das Leben zu schenken. Als dem Sultan später bie verschiedenen, sich gänzlich widersprechenden ärztlichen Atteste überliefert ivorden waren, und er das des Geheimrats Mordtmann gelesen hatte, da zerriß er die übrigen unb rief lachend aus: „Die Esel - Mordtmann hat wieder "recht!" — Noch an demselben Abend wurde dem bewährten Arzt zusammen mit dem Honorar der Verdienstorden für Kunst unb Wissenschaft überbracht.
— Türkische Aerztinnen. Fräulein Dr. Mary M i l l s P a t r i ck , die Vorsteherin des Amerikanischen Mädchengymnasiums in Konstantinopel, bespricht ftn „Nat. Geogr. Mag." die Veränderungen, die bie Einführung der türkischen Verfassung für bie türkischen Frauen mit sich gebracht hat ober noch rm Gefolge haben dürfte. Der „Globus" entnimmt daraus folgendes Infolge des Um ft anbeb, daß selbst in muerer Zeit nur sehr selten ein männlicher Arzt von türkischen Familien hinzu- gezogen wurde, hat sich 'dort em mehr oder weniger nnttelalter- licbes Hebammensystem erhalten. Die Hebamme wird „Halb- boktor" genannt. Vor 50 Jahren waren das unwissende Frauen, die nnt Zaubermitreln und abLiitenerlichen Arzneien praktizierten und damit viel Unheil anrichteten. Aber seitdem hat biefer werbliche Halbdoktor an Wissen gewonnen, bis bie neue, zu Haider Pascha in Konstantrnopel errichtete mohammedanische ärztliche Hochschule ihn in ihrem Lehrplane berücksichtigte. Es werden dort für mohammedairisa-c Frauen Vorlesungen unb Uebmtgen abgehalten. Wer als Halbdoktor eine Praxis ausüben will, muß be
bes Wertzollzuschlags wird also eine Auiiaugung der Kleineren durch bie Größeren unb somit eine Erleichterung ber Vertrustung ober Monopolisierung des Tabakgewerbes fein.
6. deutscher gewerblicher Genossenschaftstag
S. n. H. Berlin, 9. Juni.
Die fortgesetzten Beratiingen leitete ber Vorsitzenbe des Ausschußes bes Hauvlverbanbes iwndtagsabgeordneter Hammer. Nach Erlebigung geschästlicher yingelcgenheiien sprach Reichstagsabgeorb- ueter Irl (Erding) über bie „Vergebung ft a a 11 i ch e r u n b kommunaler Arbeiten a n G e n o s s e n s ch a f t e n". Die Regierung habe nach einer Erklärung eines Regierungsvertreters im Reichstage im letzten Jahre 930 000 Alk. Anfertignngskoslen für von ihr abgegebene Arbeiten an Hanbwerker bezw. Genossen- liaften gezahlt. Die Regierung wünsche, einen festen Prozentsatz ber Arbeiten an Genossenschaften zu vergeben, um im beiberjeitigeu Interesse ein konstantes Verhältnis zwischen Regieriing unb Ge- nosienschasten zu erzielen. Diirch Ansklärnngsarbeit unb nachbrück- liehe Geltenbmachung ber Forbernngen ber Genossenschaften sei mehr als bisher bie gebübrenbc Berncksichtignng ber Genossenschaften bei ber Vergebung öffentlicher Arbeiten herbeizusühren. Wenn die Regiernng mit manchen Genossenschaften trübe Erfahr- imgen gemacht habe, so sei bas gleiche aud) bei großen Firmen ber Fall gewesen, man benke nur an Tipvelskirch. Vor allem sei ber Regierung klar zu inachen, baß bie Berücksichtigung bet Genossenschaften im Interesse ber Erhaltung bes Mittel- stanbes liegt. Ueber bie „Zentralkassen in Theorie unb Praxis" sprach Bankinspektor Mayer (Berlin), bet bas Prinzip ber Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht nach rote vor geeignet sür bie Durchführung bes Zentralkassengebankens hält. Verbanbsbirektor Essor (Euskirchen) referierte sobann über „Beitreibung und Einziehung von Buchforderungen durch die Kreditgenossenschaft". Er empsahl eine Betätigung der Verbandskassen auf diesem Gebiete, dessen Ausnutzung heute noch den öffentlichen unb Privatbanken zugnte komme. — Verbanbsbirektor Korthaus (Berlin) sprach zum Schluffe über den weiteren AusbaudergenossenschaftlichenO r g a n i- fation und empfahl bie Schaffung von höheren Reservebeständen und Haftsummen Bei der Gründung von neuen Genossenschaften ist von den an bcr Griinbung Beteiligten baranf zu achten, baß sich bie neuen Genossenschaften an bestehenbe Revlsionsverbänbe anschsießen unb bie Erfahrungen biefer sich zunutze machten. — Damit war bie Tagesorbnung erschöpft unb ber Vorsitzenbe Abg. Hammer schloß die Tagung mit Tankesworten.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 10. Juni 1909.
•• Der Vogelschutzverein für daS Großherzogin m Hessen erläßt eine Einladung zur ersten ordentlichen Mitgliederversammlung, die am 21. Juni, nachm. 5 Uhr, im .Kaisersaal* zu Darmstadt stattsindet.
•* Ue berfüllu ng der mittleren Po st lau fb ahn. Den jungen Leuten, die sich in diesem Frühjahre bei der Oberpostdirektion in Frankfurt a. M. um Annahme als Post- und Telegraphengehilfen beworben hatten, ist kürzlich mitgeteilt worden, daß wegen Ueberfüllung der mittleren Post- laufbahn Anwärter für die letztere im Bezirk Frankfurt im Rechnungsjahr 1909 nicht eingestellt werden. Die Ober* postdirektion macht gleichzeitig darauf aufmerksam, daß auch für spätere Jahre Vornierkungen bei ihr nicht stattfinden können.
B. Treis a. d. Lda., 8. Juni. Zu dem am 11. und 12. Juli d. I. dahier ftattfütbenben Bezirksfest des Hassia - Bezirks Gießen, mit dem die feierliche Ueberreichung der dem hiesigen Kriegerverein Germania zu seinem 25 jährigeii Bestehen von Sr. Majestät dem Kaiser verliehenen F a h n e n s ch l e i f e verburr- ben ist, haben bereits 33 auswärtige Kriegcrvereine, darunter einige aus dem benachbarten Ebsdorftr Grund, ihr Erscheinen zugesagt. Auch bie anderen hieschen Vereine, Gesangverein und Turnverein, werden sich beteiligen. Dem Vorstande des Krieger- stimmte Regierungsdiplome haben. Frauen dieser Art gehen seft mehreren Jahren regelmäßig ihrem Berufe nach und baben ein jährliches Einkommen von 4000 bis 8000 Mark. Künftig wird die türkische Frau auch Vvllarzt werden können.
— Die Po la r re i s e einer Tonne. Eine Tonne, die vor neun Jahren von der Geographischen Gesellschaft zu Philadelphia nördlich der Beringstraße ausgesetzt wurde ünd "die so lanae Zeit dem Druck des arktischen Eises widerstanden hat, ist jetzt wieder in den Besitz der genannten Gesellschaft gelangt und hat durch ihre lange Irrfahrt der Pölarsorschung wertvolle Auf- schlüise über die Strömungen in den Pvlarmeeren gebracht. Die Tonne gehörte zu einer ganzen Flottille von 35, die in den Jahren 1899—1901 ausgesetzt wurden, um Anhaltspunkte über die Richtung Und die Schnelligkeit 'der Meeresströmungen um den Pol herum zu liefern. Jede war nummeriert und enthielt in vier Sprachen Mftteilungen an den Finder, der gebeten wurde, sic dem nächsten amerikanischen Konsul oder der Gesellschaft selbst zurück- zusenden, unter genauer Angabe der Zeit und des Ortes der Auffindung. Die erste Tonne hat nun ihren Weg an die Küste der Insel Söuö in ilöorwegen gefunden und rourbe ber Gesellschaft von dem bekannten Polarforscher Kapitän Amunbsen zurückgesanbt. "3n über acht Jahren hat sie 2400 englische Meilen in der Luftlinie zurückgelegt: da sie wahrscheinlich mit Umwegen ben Strömungen gefolgt ist, war ihr tatsächlicher Weg jebensalls viel länger. Das Aperrment zeigt, baß bie Bewegung ber Polarströmungen von ^besten nach Osten geht. Es bestand bereits die Vermuttmg, daß solch eine Strömung vorhanden sei, und um sie zu bestätigen, war der Versuch unternommen worden. Kapitän Amundsen baut feinen neuen Plan einer Polarexvcdition auf den Annahmen auf, ju denen die Polarreife dieser Tonne ihn geführt hat.
7- Ern Museum der Fälschungen. Jrn nächsten Oktober soll in bcr französischen Hauptstabt ein Aäuseum eigener Art errichtet werden, ein Museum der Fälschungen Ter Plan geht aus von Emile Guimet, dem Okünber unb Direktor des Museums, bas seinen Namen trägt. Im Saufe seiner langen Reisen in Aegypten, Persien unb Indien ftelen Gkurnret Kcchllose Fälschungen auf, die dort an Ort und Stelle fabrizrert wurden und die man ohne große Schwierigkeiten nick-t nur reichen Touristen, die sich in die Gegenb verrrrt hatten, sondern auch Gelehrten, die vorsichtiger sein wollten, in die Hände zu spielen und gegen gutes (Mb zu verkaufen verstand. Guimet will für solche Fäl- fchungen m seinem Museum eine besondere Abteilung ein- richten. Die Tiara des Saitaphernes berühmten Ange- benkens, unb bie Necho-Skarabäen, bie in ben letzten Jahren viel erörtert würben, sollen in biesem Museum einen Ehrenplatz erhalten.
—.Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft Auf emenl Hügel bei Leptgmano, dem antiken Capua stiey man bei Ausgrabungen auf eine Prähistorische Toten- au£b ig abCQn 100 Gräber mit reichem Bronce-JnhalL


