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9.6.1909 Zweites Blatt
 
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Nr. 133

Zweites Blatt

Mittwoch 9. Juni 1909

Gietzener Anzeiger

Erscheint tS-N- mit Ausnahme des Conntogl.

General-Anzeiger fiir Sberhefien

159. Jahrgang

DieOtetzener Kamliien^lätter- werben dem »Anzeiger* * viermal roöcben lich beigelegk. das Kreisblatt fflr bei Krti» Liehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit» fragen" erscheinen monatlich jreetmaL

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea UiuversitätS - Buch- und 6teinbruderci.

8L Lange. Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^s>5L Redaktion: 12. Tel.-Adr^AnzeigerGießen.

Zahrerversammlung der Zrauenhilfe der Evangelisch kirchlichen hilftvereinr.

S. u. H. Berlin, 8. Juni.

Unter zahlreicher Bet, ligung von Delegierten und Dele­giertinnen aus ganz Deutschland fand heute vormittag im Sitzungs- saale des Herrenhauses die 21. Jahresversammlung der Frauenhille des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins statt. Kurz nach 9 Uhr erschien die Kaiserin in Begleitung der Oberhofmeisterin Gräfin Brockdorff und des Kammerherrn o. Behr-Pinnoiv. Nach Absingung eines Chorals hielt Pastor D. Nottebohm (Breslau) eine kurze An­dacht. Sodann begrüßte Freiherr v. Manteuffel die erschienenen Ehrengäste, insonderheit die Kaiserin, und referierte kurz über die Arbeit des Evangelisch-Kirchlichen Hilssvere' und der Frauen- hilse, an die jetzt 1> 59 Vereine angeschlossen seien. Weiter referierte Frhr. v. Manteuffel über das Gedeihen des Mutterhenns zur Aus­bildung von Schwestern in Münster und über die Fürsorge, welche für die Verbesserung der Stellung der Heimarbeiterinnen getrieben wurde. Frau Oberamtmann Nicolai (Hammer) gab in ihrem Referat überVersammlungen und Feste der Vereine" ein anschau­liches Bild von der segensreichen Arbeit der Frauenhille. Im Mittel­punkt der Verhandlungen stand der Festoortrag des Superintendenteii Brüssau (Paseivalk) über den Berus der Frau. Ter Redner führte aus, daß der Berus der Frau bis in die letzte Zeit auf die Haus- arbeit beschränkt gewesen sei. Die Töchter wiirden von ben Müttern mit häuslichen Arbeiten beschädigt. Die Zeiten haben sich ge­ändert, und die heramvachsenden Töchter müssen sich jekt über­wiegend einen Beruf suchen, zumal für viele Mädchen dieMöglich- keit einer Verheiratung nicht vorhanden ist. Wo soll das Mädchen diesen Berus suchen? In der sozialen Arbeit der Kirche, ivo es an tüchtigen Arbeiterinnen noch vielfach inangelt. Zwei Mahnungen sind dabei aber an die Frau zu richten, sie darf kein Salon­

samaritertum treiben und keinen Sport mit der Barmherzigkeit treiben. Und iveiter ist eine gute Schulung der Frau, die sich den sozialen Werken der Kirche nndmet, nötig. Ein guter Wille und das warme Herz allein reichen nicht aus, denn die Arbeit ist ernst und schwer. Die Bestrebungen der modernen Frauenbeivegunq koiikurrieren in keiner Weise mit der Tätigkeit der Fran auf kirch­lich-sozialem Gebiete, ^er Redner schloß feine Ausführungen mit dem Wunsche: Mögen eie Frauen zunächst Frauenpflichtlerinnen sein, die Frauenrechtlerinnen werden dann schon Nachkommen. Lebhaster Beiiall, an dem sich auch die Kaiserin beteiligte.) Frhr. v. Manteuffel schloß darauf die Versammlung.

6. deutscher gewerblicher Genosseuschastrtag.

S. u. £). Berlin, 8. Juni.

Unter zahlreicher Beteiligung begannen heute im Lehrer­bereinshause die Verhandlungen des 6. deutschen gewerblichen GcnvssenschastStags, den der Hauptverband deutscher gewerblicher Genossenschaften nach Berlin cUnberufen hatte. Gleichzeitig sanden die verschiedenen Jachkonserenzen der einzelnen Berufsgeiwsscn- schaften statt. Nach einer Vorversammlnng am Montag abend wnrdc heute vormittag, die erste Hauptversammlung abgehall -n, die von etwa 120 Delegierten gewerblicher Genossenschaften bei ver­schiedensten Berufszweige aus dem ganzen deutschen Reiche be­schickt war. - Die Verhandlungen des heutigen Tages betrafen in der Hauptsache Fragen geschäftlicher A- Der Genvssen- schaftstag nahm eine Anzahl Referate entgegen, über di aber noch keine Beschlüsse gefaßt wurden. Es wurden folgende Fcagen behandelt: Wic^schafft sich die Kreditgenossenschaft ihre Betriebs­mittel? Ueber Sicherstellung der Forderungen der Kreditgen isen- schaften, Ueber Erfahrungen mit dem Giro-- und Scheckve kehr, der in der letzten Zeit einen bedeutenden Aufschwung genommen bat. In der Nachmittagssitzung referi Verbandsdirektor Korthaus (Berlin) über dieAusgaben r Rohstossgenossen- schaften in erziehlicher und geschäftticher Hinsicht". In scharfer Weise polemisierte der Redner gegen die Richtung innerhalb der national-ökonomischen Wissenschaft und deren Vertreter Wernicke, Sombart und insbesondere Fink, die sich gegen die Genossenschafts­bildung ausgesprochen haben. Als Pflicht der Genossenschaften bezeichnet es der Referent für die fachmäßige Ausbildung der Lehrlinge in hohem Maße Sorge zu tragen. Die Genossenschaft als ein Hilfsmittel, den schwachen Gewerbetreibenden aufzuhelfen, erleichtert und verbürgt dem Handwerker die Erhaltung seiner Selbständigkeit. Sie ist daher die stärkste Stütze des Mittel- ftandes. In der Diskussion wurde eine stärkere politische Be­tätigung des Handwerkerstandes gefordert, in gleicher Weise wie der Arbeiterstand, die Großindustrie und vor allem die Land­wirtschaft sie betreibt. Sodann sprach Verbandssekretär Knappe (Leipzig) überdie Finanzierung der Werkaenossenschasten und der Genossenschaften für Arbeitsübernahme". Seine Ausführun­gen gipfelten darin, daß nicht das Fehlen des Betriebskapitals, sondern schlechte Leitung, ungeschickte Operationen das Scheitern von Genossenschaften hcrbeiführen. Ten Schluß der heutigen Verhandlungen bildete das Referat des beauftragten der Hand­werkskammer Halle, Sekretär Blume, überTie Stellung­nahme des Großgewerbes und dessen Organi'aiionen zu den Roh- stoffgenossenschaften".

jedoch nicht die Zustimmung der Mehrheit. Auch ein Antrag des Bezirksverbandes 7 (Referent Metsche r - Danzig) dahingehend, daß der Verein in besonderen Fällen nach Maßgabe der von der Hauptversammlung zur Verfügung gestellten Mittel zinsbare Dar­lehen an solche Mitglieder, die mindestens ein Jahr dem Vereine angehörten, auf kurze Zeit gegen entsprechende Sickzerstellung geben solle, fand nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Damit waren die Verhandlungen beendet und der Vorsitzende schloß die Tagung mit den üblichen Dankeswortcn. Gleichzeitig mit der Hauptversammlung fanden die Verhandlungen der vier Ver­sorgungskassen (Kranken-, Begräbnis-, PensionS- und Wittven- kasse) statt, die sich ebenfalls in der Hauptsache mit der Beratung und der Beschlußfassung über die neuen Satzungen beschäftigten. Die Satzungen wurden mit unwesentlichen Abänderungen nach den Vorschlägen der vorberatenden Kommission und des Direk­toriums angenommen. Es wurde konstatiert, daß die Abschlüsse! bei allen Kassen günstig seien. Gegen die Geschäftsführung war nichts einzuwenden, so daß die Vorstände bezw. Verwaltungsräto und das Direktorium entlastet werden konnten. Neben den ge­schäftlichen Verhandlungen ging eine Reihe festlicher Beran stab tintgen für die Teilnehmer der Tagung und ihre Damen einher.

Der Speisewagen.

Es wird "heutigen Tages 'oiel bei uns reformiert und regle­mentiert, und man ist es schon gewohnt, von den Neuerungen nicht gerade Erfteuliches zu erroarten. Neuerungen bedeuten bei uns noch keine Fortschritte zum Besseren. Man denke nur an die Sortierungen des Ortsportos, der Telephongebühren, an die Ab- schaffung des Ankunftstempels, an die Verteuerung der Eisens bahnfahrkarte und vieles andere mehr. Ter neueste Rückschritt be­zieht sich auf die Speisewagen.

Wie man im Publikum über diese neue Verschlechterung un­seres Eisenbahnwesens denkt, lehrt ein sehr interessantes Ein­gesandt in derKölnischen Zeitung". Dort schreibt ein Leser: Da ich häufig in die Lage komme, den Speisewagen benutzen zu müssen und meine Erfahrungen nicht nur in Deutschland ge­sammelt habe, bitte ich um das Wort zu Ihren Ausführungen in Nr. 594. Ich bemerke voraus, daß ich seit dem von der preußischen Verwaltung erlassenen Rauchverbot den Speisewagen nur bann betrete, wenn es mir nicht möglich ist, kalte Küche mit­zunehmen. Denn wenn ich im Speisewagen bie Mahlzeit ein­genommen habe, will ich nicht gleich hinausgeschoben werden, sondern in aller Ruhe eine Tasse Kaffee genießen und eine Zigarre dabei rauchen. Tiefe Möglichkeit gibt in den andern Ländern und Staaten die Internationale Speisewagen-Gesell­schaft den Reisenden, indem sie, wie auch früher in Deutschland, einer Teil jedes Wagens für Raucher bestimmt. Zweifellos hat die "-itznng der Speisewagen infolge des gänzlichen Rauchverbots abgenommen. Sie wirb aber noch mehr abnehmen, wenn bie neuen Vorschriften in Geltung kommen. Man will ben ReisenbeN dritter Klasse, die etwa von Metz nach Berlin reisen und während der ganzen Dauer der Fahrt in dem Speisewagen Platz nehmen, diesen Mißbrauch verwehren. Ganz recht. Anderswo, z. P. in Frankreich ist Vorschrift, daß die Reisenden zweiter oder dritter Klasse nur während der Mahlzeit Platz im Speisewagen erhalten; das ist weniger radikal, unb könnte auch in Preußen von ben Zugführern durch bie Kontrolle ber Fahrkarten im Speisewagen ohne große Störung unb Mühe überwacht werben. Estote sich bann auch bas englische System, bas bie Reisenben britteti Klasse in eine befonbere Abteilung bes Speisewagens verweist, ihnen birfür aber ben Vorteil gewahrt, baß sie für einen bil­ligem Preis als bie andern Reisenden dieselben Speisen, aber mit einem Gang, etwa Geflügel, weniger, ausgetischt erhalten. Ihnen könnte man dann ein- für allemal ihren Platz in der Raucherabteilung anweisen, deren Benutzung man ihnen auch auf eine Zigarrenlänge nach der Mahlzeit gestatten sollte; bas wäre eine beut beutschen Publikum genehme Abweichimg von bemi englischen System. Ueberhaupt sollte bie preußische Verwaltung sich hüten, bas Kinb mit beut Babe auszuschütten. Sie hat seit zwei Jahren bie unangenehme Erfahrung einer starken Äbwan- oerung in die untern Klassen machen müssen, eine Folge der Fahrkartensteuer. Diese Abwandemng sollte ihr zur Lehre dienen, daß die Kundschaft der Staatsbahnen sich selbst zu Helsen weiß. Mancher Reisende hat 1907 die Erfahrung gemacht, daß es in der dritten Klasse der Schnellzüge sehr gut auszuhalten ist. Wenn etwa die Verwaltung jetzt glaubt, durch die strengen und zum Teil verletzenden Vorschriften für die Benutzung der Speisewagen

Deutscher Privat-Veamtenverein.

S. u. H. Dresden, 8. Juni.

Bei ben fortgesetzten Berhanblungen hanbelte es sich haupt- : sächlich um heben tsame Aenbemngen ber aus '50 Paragraphen ; bestehenden Satzungen, die infolge des am 1. Januar 1910 in : Kraft tretenden Versicherungsgesetzes erforderlich werden. Aus den während der Sitzung gegebenen Anregungen und gestellten Anträgen von allgemeinerem Interesse seien folgende hervor- aehvbeu:

Aufnahme weiblicher Angestellter in den Verein.

' Redakteur Zippert (Tilsit) regte im Namen des Bezirks­verbandes 7 (Rordost-Deutschland) und der Zweigveiieine Tilsit, Stolp, Neustettin und Chemnitz an, die Vorteile der Versorgungs­kassen des Deutschen Privat-Beamten-Vereins auch Hen weib­lichen Privatangestelltcn zugänglich zu machen, und zwar durch Aufnahme in die Grundabteilung der Pensionskasse sowie der : Kranken- und Begräbniskasse. Chemiker Anschütz '(Ludwigs­hafens stellt namens des Bezirksverbandes 9 zu 8 3 Abs. 2 der Satzungen folgenden Antrag:Die Hauptverwaltung wird beauftragt, baldmöglichst statistisches Material über die Möglich­keit der Aufnahme weiblicher Privatangestellten in den Deutschen Privat-Beamten-Verein und seine Versorgungskassen zu beschaf­fen und der nächsten Hauptversammlung diesbezügliche Vorschläge zu machen." Der Antrag wurde mit großer Majorität an­genommen.

Direktor Schmelzer gab darauf die Erklärung ab, daß das Direktorium bereit sei, in eine Prüfung der Frage einzu­treten. Zur geplanten staatlichen Pensionsversicherung der Privat­beamten bemerkte Redakteur Winkler (Altenburg) unter Be­zugnahme auf die Verhandlungen der ersten Delegiertenversamm­lung des Bundes Deutscher Redakteure, daß im Aufsichtsamt für Privatversicherung erklärt worden sei, vor einem^Jahr- zehnt sei an die Einführung der allgemeinen Privatbeamtenversicherung überhaupt nicht zu denken. Allgemein wurde in der Debatte für die Zulassung von Ersatzinstituten eingetreten. Es müsse bei den gesetzgebenden Körperschaften darauf gedrungen werden, daß die bestehenden Peu sionskasscn, soweit sie den Mindestleistungen ber Reichsanstalt entsprächen, aufrechterhalten bleiben unb bie Zugehörigkeit zu einer solchen Kasse von ber staatlichen Zwangsversicherung cnt- btnbe. Vom Verwaltungsrate aus wurde bazu betont, baß bie vom Deutschen Pcivat-Beamten-Vercin mehrfach zum Ausdruck gebrachte- Vermutung, daß das Inkrafttreten des Pensionsgesetzes für die Privatangestellteu nicht so bald zu erwarten sein würbe, nach obiger Erklärung zutreffend sei, wenn auch bas 'Reichs­versicherungsamt für bie Beurteilung biefer Frage nicht oireft zustänbig sei. Der fraglichen Erklärung müsse dennoch Gewicht beigelegt werden, da angenommen werden tönne, daß sie ber Auffassung bes Reichsamtes bes Innern entspreche. Dem Verein tonne es nur erwünscht sein, wenn bie staatliche Versichrung! bald käme, ba dadurch ber Verein nur geförbert werben könnte. Die mit den Beitragsjahren fteigenben Renten einer staatlichen Versicherung könnten mit den von ben Beitragsjahren unab­hängigen festen Renten einer privaten Versicherung nicht ver­glichen werben. Dabei müsse weiter beachtet werben, baß für bie staatliche Versicherung eine Wartezeit von 10 Jahren vor­gesehen sei, währenb 'bie Versicherungen im Privatbeamten-Verein ohne jede Wartezeit abgeschlossen werden könnten und tatsächlich in den überwiegenden Fällen auch abgeschlossen würden. Uebri- gens bringe die Denkschrift auch zum Ausdruck, daß, wenn die Pensionsversicherungsbilanz einen Fehlbetrag ergebe, dieser durch Erhöhung der künftigen Beiträge ausgeglichen werden müsse. Die Vertreter deS Zweigvereins Berlin, Generalsekretär I B e h r i n g und Prokurist Gontard, plädierten hierauf für die Möglichkeit, Zweigvereine mit mehr als 1000 Mitgliedern! in selbständige Bezirksverbände umzuwandeln. Der Antrag fand

Beruf und Ehe.

Als ich int Winter den Ausführungen ber Frau Fürth ans Frankfurt über Mutterschaft unb Beruf scharf entgegen­trat unb bie Haltlosigkeit ihrer wirren Forderungen nachwies, da erhielt ich außer einer großen Anzahl zustimmender Briese auch einige gegenteilige. Ich unterließ damals eine Erwiderung, da ich mich in meinem Aufsatz klar genug für den Denkenden ausgesprochen hatte. Meine damaligen Ausführungen werden nun durch die folgenden, die sich mit meinen fast wörtlich decket!, auch von anderer Seite vollauf bestätigt.

Im BerlinerVerein zur Förderung des Frauenerwerbs, durch Obst- und Gartenbau" hielt die Lehrerin Frl. Anna Blum einen Vortrag über das Thema:Ist die Verbindung von Ehe und Beruf für die Frau zu wünschen." Hierzu führte die Vor­tragende u. a. aus:

Es wird seine großen Schwierigkeiten haben, die Pflichten der Hausfrau, Gattin und Mutter, falls nicht Ueberbürbuny unb Üeberreizung bes weiblichen Organismus eintreten soll, mit einem Amt außer bem Hause von ihr verwaltet, zu oerbinben. Nach oben unb nach Unten wirb man in ber bürgerlichen Gcsellsckwst Konzessionen madjen müssen. Auf ben Höhen bes Lebens, ba, Ido hervorragende künstlerische ober bichterische Begabung bem Weibe bie Ausübung ihresBerufs", ihres zweiten Lebens, zur inneren Notwendigkeit machen, und in ben Arbeiterschaften, wo häufig genug bie Not bie Fran zum Miterwerb zwingt. Aber banarf) Tann bas Durchschnittsbild nicht geregelt werben.

Die Lehrerinnen z. B., welche fanatisch bie Aufhebung bes Zölibats" forbern unb dabei ganz übersetzen, daß bie Behörben auch feinem Manne neben bem Hauptberuf noch ein Nebenamt gestatten würben, bas ihn bermaßen in Anspruch nähme wie bie Ehe eine gewissenhafte Frau, stellen ihre Forderung aus einem sehr einseitigen unb unberechtigten Individualismus unb Egois­mus heraus.

Die Ehe und die bamit verbundene ftiedsame Seßhaftigkeit, die Behaglichkeit am häuslichen Herd führe dem Mannc für seinen Beruf neue Kräfte zu, eine größere eammhing. Für die Frau, die nun beiden Seiten gerecht werden will, bedeutet sie aber Zersplitterung und Aufreibung vor der Zeit.

Die neuerdings oft gehörte Wendung: Nur die Frau werde lehrhaft frei sein, die auch in ber Ehe selbst versorgt, unb in ferner wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Manne basteht, sei ins Gebiet ber Phrasen zu verweisen, denn bem Gatten unb Vater die Pflichten bes Erwerbs ber Fürsorge für Frau unb Kind akmehmen, müßte schwere ethische Verluste nach sich ziehen und das Verantwortungsgefühl bes Mannes Verminbern, bie Fa- ntUienbtmbe eher lockern als befestigen. Es sei grundoerkehrt, iür das Nebeneinander von Frau unb Mann in ber Ehe immer das Ausland zum Vergleich hcranzuziehen. Das Leben bes Deut­schen wurzle seinem tiefften Inhalt nach eben in einem ge­mütlichen und traulichen Familienleben, dessen Mittelpunkt die

Hausfrau ist, nicht in einer Hotelexistenz. Aus der gesunden Ent- wickelimg unseres Volkes 'läßt jenes sich nicht so ohne weiteres ausscheiden.

An den Vortrag schloß sich eine rege Diskussion, in der ii. a. eine junge Dame die Meinung aufi'tellte:Die Gesell­schaftsdame, die von Vergnügen zu Vergnügen eile, oder im Gegensatz zu ihr, die pedantische Scheuerfrau, die aus dem Putzen und Abstäuben nicht heraiiskäme, sei doch wahrlich kein nach­ahmenswertes Frauenideal und einerganzen Persönlichkeit" könne man nicht zumuten, daß sie sich durch Ehe und Haus ausgefüllt fühle."

Darauf entgegnete Dr. E. Mensch: Mit 'dem Begriff ganzer Persönlichkeit" werde heute in der Frauenwelt recht viel Unfug getrieben. Ganze Persönlichkeit sei in erster Linie solche, die ihre Pslicht hie. Treue und gewissenhafte Pflichterfüllung sei aber meist ba ausgeschlossen, wo man sich in großsprecherischen Verheißungen unb Tiraben zu viel zumute. Der Staat, welcher verheiratete weibliche Beamte en mässe bulbe, verfalle bem wirt­schaftlichen und sittlichen Bankerott. Karl Neurath.

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E. v. Possart (München) in Gießen. E. von Possart, ber unerreichte Meister beutscher Vortragskunst, ber wie kein anderer jebe Möglichkeit klanglicher Abstufung unb seelischen Ausbruckes aus ber beutschen Sprache herauszuholen weiß, wirb, wie schon mitgeteilt, am 11. Juni in ber Aula auf Einladung einen Vortragsabend abhalten. Im ersten Teil des Abends wird er die neue Schöpfung der österreichischen Dichterin Enrica Freiin von Handel-Mazzetti:Deutsches Recht, ein mittelalterlicher Bolks- sang aus Stadt Steyr, in vier Abteilungen", vorgetragen. Enrica von Handel-Mazzetti ist. zuerst bekannt geworden durch den Roman Meinrad Helmperger's denkwürdiges Jahr", von dem Peter Rosegger schrieb:Nie noch hat mich ein Buch so wild mit sich fortgerissen, das Gehirn so sehr gespannt, das Herz so sehr er- fchüttert." Ihr zweiter Roman, durch den sie in weiten Kreisen Aussehen erregte, warJesse und Maria". Eduard Engel, der in seiner Geschichte der deutschen Literatur der Dichterin ein eigenes Kapitel widmet, erklärteJesse und Maria" für das künstlerisch bedeutendste Werk unserer erzählenden Dichtung im letzten Jahr­zehnt, ja vielleicht gar im letzten Menschenalter. Beiden Werken reiht sich die Ballade vom Deutschen Recht würdig an.Dieses Gedicht zeigt", sagt ber feinsinnige Schweizer Dichter I. V. Wid- ntann,baß bie Dichterin auch bei anmutig ftieblichen Stoffen bie wahrhaft unvergleichliche Lebenbigkeit in ber Darstellung zu Wirkungen zu steigern weiß, bie mächtig an bas Herz bes Lesers rühren." An anberer Stelle nennt er ihr Talentvon ber Art einer jener islänbischen Springauellsäulen. Etwas elementar = unbänbig Lebenbiges sucht in leidenschaftlichen Phantasieergüssen ben Ausweg." Ebenso anerfennenb äußern sich über Handel's Dichtku Th. Aknin, fara Viebig, K. Busse, Ebner-Eschenbach, Ricarba Huch, Julius .jart unb Diele anbere. Wer cs weiß, wie Possart ben warmen, golbigen Ton ber Märchenstimmung

mit ebenso Vollenbeter Meisterschaft im Herzen bes Hörers wieber erklingen zu lassen vermag, wie er es erschauern macht in ben Szenen bramatisch höchster Spannung, ber wirb sich ben Genuß, von E. v. Possart jene Dichtung vorgetragen zu hören, nicht entgehen lassen. Ueber Wilh. Busch noch ein Wort ber Ein­führung zu sagen, erübrigt sich. Unb boch wirb so manchem Hörer nicht nur bas eine ober andere Gedicht der Vortragsfolge unbekannt sein, es wird ihm Busch nicht nur in manchen Ge­dichten als ein neuartiger, ernster, ja tiefsinniger Dichter entgegeu- treten, auch in den altbekannten Versen enthüllt die Vorttags- kunst Possarts so manchen neuen geheimen Reiz. E. v. Possart .ist im allgemeinen mehr als Tragöde großen Stils bekannt; wer ihn aber als Rabbi Sichel oder Advokat Berent gesehen hat, kennt ihn auch als Meister fein-humoristischer Vorttagskunst unb es ist schwer zu sagen, ob nicht gerade diese Kunst jetzt fast noch seltener geworden ist als die der pathetischen Rollen. Possart wirb in wenigen Jahren seinen 70. Geburtstag feiern. So viele Künstler haben, auch wenn sie, wie Possart mit seinem jugend- frischen Organ, ihre jüngeren Genossen weit in den Schatten stellen, allzu früh von der Oeffentlichkeit Abschied genommen. Wie man heute von Klara Ziegler, der Münchener Fachgeuossin Possarts, als von einer nicht mehr erreichten Künstlerin des deutschen Vorttags mit stolzem Erinnern spricht, so wird man in nicht allzu ferner Zeit an Possarts herrlicher Kunst sich nur mehr in der Erinnerung erfreuen können und der wird sich glücklich schätzen, der ihn noch gehört hat.

Johann Sepp. Der in München gestorbene Professor Johann Nepomuk Sepp hat ein Alter von 93 Jahren erreicht. In Tölz 1816 geboren, machte er nach seinen Universitätssttidien eine große Reise in den Orient und wurde später Professor der Geschichte in München. Ter Lola-Montezhandel kostete ihn 1847 mit sieben seiner Kollegen seine Stellung, die er erst nach einigen Jahren wicdererhielt, um wegen persönlicher Zwistigkeiten 1867 wiederum auszuscheiden. Er war einer der letzten Abgeordneten zum Frankfurter Parlament, in dem er eine prenßenfreundliche Haltung beobachtete. Später hat er noch dem Zollparlament von 1868 unb ber bayerischen Kammer angehört und sich stets als Vertteter der deutschen Einheit betätigt, ohne aufzuhören, ein guter Bayer zu sein. Im Auftrage des Reichskanzlers Fürsten Bismarck unternahm Pros. Sepp anfangs ber 70er Jahre eine Reise nach Tyrus, um nach ben Gebeinen bes Kaisers Friedrich Rotbart zu forschen. Wissenschaftlich ist Sepp auf verschobenen Gebieten tätig gewesen: Religionsgeschichte, bayerische Geschichte sowie Topographie unb Lanbeskunbe von Palästina, wo er loieber- l)oIt wellte, hat er in zablreiclzen Schriften bearbeitet, stets mit kraftvoller Betonung seines Stanbpunkkes unb mit eigenartiger Aufladung.

o Kl eine Chronikaus KunftundWifsenschafh- Den 80. Geburtstag seierte am 7. Juni Geh. Medizinalrot Pro^nor Dr, meb. et phll. Ebuarb Pflüge: in Bonn.