Bezugspreis: monatlich 75 Pi., vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- ll Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post NU. 2.— viertel- jährl. ausjchl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal ISPf., auswärts 20 Piennig.
Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; s. Feuilleton und „ Vermischtes * K. Neurath; für .Stadt u. Land" und „Gerichts-
Nr. 82 Erstes Blatt ISS.Jahrgang Mittwoch 7. April 1909
Ter öicfttner 3njffper _
erscheint täglich, außer Jefct
s® ©icftcitcr Hittcwr
SeVIVIIVIlVl 44lllvlUvi
für die Redaktion 112,
MW General-Anzeiger sm Gberheffen
bis co’mütagTTub“ «otationrdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei n. Lange. Sedakrion, Lrpeditton nnd Druckerei: Schulftratze 1.
Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.
Regierung und Erste Kammer.
„Bon dem Vorsitzenden des Finanzausschusses Erster Kammer, dem Grafen zu Erbach-Fürstenau, wird um Aufnahme folgender Erklärung ersucht:
Es ist unrichtig, toenn im ersten Moraenblatt der Frankfurter Zeitung vom 4. d. Mts. Nr. 94 behauptet wird:
„Die Sperren des Finanzausschusses der Ersten Kammer haben aus der zitierten Rede des Finanzininisters (gehalten in der Zweiten Kammer am 23. März) weiter herausgelesen, daß auch in Zukunft ebenso wie jetzt in die Dammbauvorlage, in weitergehendem Maße als bisher größere derartige Anforderungen in das Budget eingestellt werden würden."
Vielmehr ist der Hergang folgender: Bevor noch die zitierte Rede im Stenogramm Vortag, stellte der Präsident des 1. Ausschusses Erster Kammer in der Ausschußsitzung die der Budgetberatung im Plenum der Kammer voranging die Frage an die Negierung, ob es wahr sei, daß wie verlautete, der Finanzminister beabsichtige, in weitergehen dem Maße als bisher größere derartige Anforderungen in das Budget einzustellen. Der Finanzmmister bejahte diese Frage ausdrücklich. Diese Erklärung bildete den wesentlichen Beschwerdepunkt sowohl für den Ausschuß, als auch später für das Präsidium der Ersten Kammer. Man vergleiche mit der Erklärung des Finanzministers die dein Präsidenten der Kammer von dem Staatsminister in dem Schreiben vom 1. d. Mts. gegebene Versicherung:
„Zu den mündlich mir geäußerten Bedenken möchte ich übrigens noch anfügen, daß die Großh. Regierung keinen Grund hat, auzunehmen, daß sie ihre Anträge künftighin in wcitergehendem Maße im Rahmen des Budgets au die Landstände bringen werde, als dies seit Einführung der einjährigen Budgetperioden geschehen und durch deren Natur begründet ist."
Der unbefangene Leser wird diesen Worten des Staats- Ministers, die den Finanzausschuß mit dankbarer Genugtuung erfüllten, schwerlich den gleichen Sinn unterlegen, wie der von dem Finanzminister Dr. Gnauth im Ausschuß abgegebenen Erklärung."
Es ist ja begreiflich, daß die vor lvenigen Tagen erlittene Abfuhr für manche Mitglieder der Ersten Kammer schmerzlich ist, aber die Bemühungen, noch nachträglich durch Wortklaubereien einen Gegensatz zwischen dem StaatS- und dem Finanzminister zu konstruieren, werden in der Oeffentlichkeit wenig Eindruck machen.
Die Erbschaftssteuer und die „wohlhabenden" «onseroativen.
Am Dienstag voriger Woche, nach der großen Aussprache im Reichstage, hatte man die Empfindung, daß die Krise für diesmal überwunden sei, daß rechts und links der ehrliche Wille bestehe, einander entgegenzukommen und nach Möglichkeit Meinungsverschiedenheiten und Gegensätze zu unterdrücken. Diese Empfindung — die Natl. Korr. konstatiert es mit Betrübnis — hat man heute nicht mehr Wenigstens: nicht mehr ganz so. Es ist ja wahr: im Lande wächst auch innerhalb der konservativen Schichten die anti- bündlerische Stimmung; verringert sich die Steigung dem Bunde der Landwirte und seiner Affiliierten im konservativen Lager durch dick und dünn Gefolgschaft zu leisten. Erfreuliches nach der Richtung hat man dieser Tage im Königreich Sachsen beobachten können, wo konservative Männer sich mit unumwundener Entschiedenheit für eine Besteuerung der Erbschaften erklärten. Und in dasselbe Rubrum fällt, wenn am 3. Oftertag in Berlin die Angehörigen des Mittelstandes sich zu einem Protest gegen die konservative Finanz- und Steuerpolitik zusammentun wollen, die ia am letzten Ende, soweit sie mit dem Gedanken an direkte Steuern spielt, auf eine neue Belastung fer ohnehin schwer ringenden mittleren Existenzen hinausläuft. Aber diesen friedlichen Symptomen steht eine Reihe wesentlich anders gearteter gegenüber. Die „Freikonser- oative Korresp." hat am Freitag die Erklärungen des Fürsten Hatzfeldt, die vielleicht mit am meisten zum Aufkeimen der optimistischen Stimmung beigetragen hatten, nicht unbeträchtlich einschränken müssen und die „Kreuzztg." veröffentlicht auf den Soüntag Palmarum eine Wochenschau, aus der es wie eisiger .Hohn gegen Block und Reichskanzler weht. Zunächst registriert das konservative Haupt- organ mit Genugtuung, daß der Kanzler vom Block in .dem allein angebrachten resignierten Tone" gesprochen habe. Dann geht es daran, den „parteipsy'chologischen Fehler" aufzudecken, an dem — Fürst Bülow hätte das nur übersehen — der Block leide. Diese Aufdeckung fällt nun allerdings bedenklich dürftig aus. In der Hauptsache !>efteht sie in einer kecken Umdrehung der Wahrheit. Die wahre Ursache für die Verzögerung der Finanzreform — •io schwört die „Kreuzzeitung" — sind die Herrschafts- Gelüste und der Egoismus der Liberalen. Die wollten Mrch einen einzigen großen Coup die Vertreter der kon- lervatwcn Kräfte im Volk ins Unrecht setzen und deren Mandate erobern, um schließlich die Parlamentsherrschaft Ausrichten zu können. Die Befürwortung einer Erbschafts- Lesteuerung durch die Liberalen sei nichts anderes — risum teneatis amici — als eine „Spekulation auf den Eigennutz"; ein grober Appell an den „Egoismus der Besitzenden, die statt ihrer lieber ihre Nachfahren mit den Steuern be- Lasteu wollten."
O.über diesey konservativen Altruismus, der — Professor Delbrück hat es erst dieser Tage wieder mit allerlei menschlichen Dokumenten belegt —, um die teuern Nachkommen nur ganz sicher frei zu bekommen, lieber selbst keine Steuern bezahlt.' Zn einer Beziehung bleibt doch ober auch diese Wochenschau der „Kreuzztg." erfreulich.
Zwar atmet sie kaum verhüllte Feindseligkeiten gegen den Fürsten Bülow, den sie den „agrarischen Reichskanzler^ in höhnischen Anführungsstrichen nennt und von dem sie an einer anderen Stelle ebenso bissig meint: „Fürst Bülow scheine durch die auswärtige Politik so okkupiert zu sein, daß er nicht wahrgenommen habe, wie sehr fein Blockgedanke die Parteigegensätze verschärft hätte." Daneben aber kann sie die Angst nicht verbergen, daß die Mätzchen, die der Agrarkonservativismus durch sieben Monate einer nur allzu willigen Gefolgschaft vorgemacht hat, nicht mehr verfangen könnten.
Daß die Verführten such den Schlaf aus den Augen reiben und zu erkennen beginnen, daß eine gewissenlose Demagogie drauf und dran war, sie als Sturmböüe gegen ine Steuer zu gebraudj-cn, von der sie nach dem Willen sozial empsindender Gesetzgeber überhaupt nicht getroffen werden sollen. Ueber-diese nützliche und — auch ethisch — verdienstliche Aufklärungsarbeit ist die „Kreuzztg." so erbost, Daß sie alle Vorsicht außer Acht läßt und wütend losplatzt: „Und so hetzt man die ganze nicht tapitalbesitzende Anhängerschaft der konservativen Partei gegen die wohl- labenden Konservativen auf und will den ganzen Mittelstand unserer Partei abspenstig machen."
Also wenn man die Wahrheit über die konservative Erbschaftsstenerschen sagt, „hetzt" man. Sei's drum: wir werden über Kraftausdrücke ~ aus dem Vokabular der .Kreuzztg." nicht stolpern. Und wir werden fortfahren der Bevölkerung klar zu machen, daß der Agrarkonservativismus nur deshalb durch lange Monate den Acheron in Bewegung gesetzt und durch eine vergiftende Agitation das öand aufgerüttelt hat, weil die von der Regierung Jorge) dj läge ne Besteuerung der Erbschaften nad) den eigenen Worten der „Kreuzztg." den „w ohl- .labenden Konservativen" nicht in den Kram paßte. ______________________________
poSitijcbc Lttgcsichau.
Tie Konferenz.
Die Frage, ob cs jetzt nod) nötig sein wird, daß eine besondere Konferenz der Mächte sich mit der Balkan frage beschäftigt, ist nod) nicht gelöst. In Wiener Regierungskreisen ist man der Ansickü, daß, nachdem die Annexionsfrage vollständig erledigt und die bulgarische Frage ihrer Lösung cntgegengeht, die Abhal- tung einer Konferenz gegenstandslos geworden- sei und daher eine solche nicht statt finden wird. So sicher scheint das aber doch nicht zu sein, denn im englischen Unterlpuise fragte gestern dir Liberale Lynche die* Regierung, ob die einzeln zwischen den unmittelbar von den jüngwen Verletzungen des Berliner Vertrages betroffenen Staaten ^zustandegekommenen Abmachungen noch der Annahme durch die Signatarmächte auf einer Konferenz bedürfen und welches die Ausgabe der Konferenz wäre, wenn sie stattfände. Staatssekretär Sir Edward Gr eh erwiderte: Id) kann noch nicht sagen, ob die Konferenz stattsinden wird oder nicht. Die Aenderungcn des Vertrages, auf die in der Frage hingcwiesen wurde, haben in erster Reihe zwischen den Mächten, deren ge wtzmäßige Rechte direkt berührt werden, den Gegenstand von Verhandlungen gebildet. Die Abmachungen, zu denen man gekommen ist, werden, soweit sie Aeirderungen des Vertrages involvieren, die Zustimmung der Signatarmächte notwendig machen und zwar, wie ich nad) den verschiedenen Uebereinlommcn, die getroffen wordeir sind, vertraue, in Bälde. Auf eine Ans rage er klärte Premierminister Asquith: Es wurde mir nicht bekannt, daß irgend eine von den Regierungen der Kolonien den Wunsch nach» (Einberufung einer besonderen Konferenz für die Besprechung der Verteidigung des Reickis zur See zum Ansbvii,.L brad)tc: sollte ein solcher Wunsch von Kolonien mit Selbstverwaltung geäußert werden, so wird die Regierung ihn sofort in ernste Erwägung ziehen. — Recht bezeichnend für die gegenwärtigen Beziehungen zwischen England und Rußland ist es übrigens, daß der Korrespondent der Nowoje Wremja in London von Mit gliedern des englischen Kabinetts inforniicn wurde, d a ß England f e st e r d e n n je zu Ru ß l an d st e he und Rußland rate, seine Kriegsmacht zu stärken. Es scheint, daß o o u E n g l a n d d e r D e u t s ch e n h a ß in R n ß l a n d mächtig geschürt wird. Die konservative Parteileitung in England hat übrigens gestern abend bekannt gemacht, daß während der Osterferien eine große Ag i t a t i o n s k a nr p a g n e im Lande unternommen werden soll, um die Regierung dadurch zum Bau d erzweiten Serie von 4D^readnoug hts zu z wi n g en.
Roosevelt in Europa.
Bei der Ankunft des Expräsidenten Roosevelt in Neapel begab sick; der deutsche Konsul Steifensand an Bord der „Hamburg" und überreichte im Namen des deutschen Kaisers dem Präsidenten einen Blumenstrauß in den deutschen Farben. Ferner überbrachte der Konsul, tvie der „Newport Herald" berichtet, ein Schreiben Kaiser Wilhelms, roorin der Monarch die .Hoffnung ausspricht, Roosevelt nach seiner Rückkehr aus Afrika in Berlin zu sehen. Roosevelt ließ dem Kaiser seinen Tank und Respekt ausdrücken, sowie die Zusage machen, daß er auf seiner Rückreise nach Berlin kommen und dem Kaiser seine Jagderlebnisse schildern werde. Von Neapel aus- war der Präsident mit dem Dampfer „Admiral" iiad) Messina gefahren und dort gestern eingetroffen. Kurz nach der Ankunft begab sich Roosevelt der um eine Audienz beim Könige von Italien hatte nachsuchen lassen, in Begleitung des Botschafters an Bord des Panzers „Re Umberto", wo er vom König herzlich empfangen wurde. Der König und Roosevelt ünterhielten sick) ängere Zeit. Nachdem der König und Roosevelt herzlichsten Abschied genommen hatten, unternahmen Roosevelt, sein Sohn und der amerikanische Botschafter einen Rundgang durch die Stadt und besichtigten die Ruinen sowie die von der Amerikanern errichteten Barackenbauten. Auf dem ganzen Wege wurde der frühere Präsident von der Bevölkerung lebhaft begrüßt. Um 6 Uhr ging der Dampfer „Adnurch" mit Roosevelt an Lord nach Port Said in See.
Ausland.
Monarch en begegn ungen. Ju unterrichteten Kreisen wird bestätigt, daß im Laufe des Monats April eine Begegnung des Königs mm Italien mit dem Deutschen Lüjer m Pened.g
und in Neapel eine Zusammenkunft mit König Eduard ftotS* finden wird.
Der König von Serbien wird fid) anfang Mai wach St. Petersburg begeben, um dem Zaren einen Besuch abzustatten.
Der frühere serbische Kronprinz Georg hat fid) entschlossen, naa; London zu reisen und einige Zeit in England zu verbringen. Belgrader Blätter behaupten zwar, er werde die Universität Oxford ober Cambridge besuchen. Dies entspricht jebod) nicht der Wahrheit. Er mirb vielmehr nach kurzer Zeit nach Serbien izurückkelwen und in der serbischen Armee rocitcrbicncn.
Der frühere Minister Tewfik Pascha ist zum türkischen Botschafter in London ernannt worden.
Bandenwesen, in Mazedonien. Infolge Eintritts wärmerer Witterung nimmt das Bandenwesen einen ernsten Charakter an. Die K omitatschis greifen sogar Militiirabteilungen an. Im Bezirk Kassandra haben sie mehrere patrouillierende Gendarmen erschossen.
Castro. Das Staatsdepartement der Vereinigten Staaten hat das Londoner Auswärtige Amt erfudyt, die Landung Castros in Trinidad nickst zu gestatten. Wie verlautet, hat England bad Gouvernement in Trinidab darauf bereits angewiesen, die Landung nickst zuzulassen. Castro wird infolgedessen in Pointe a Pitre auf Guadeloupe zu landen versuchen. Die Vereinigten Staaten hegen die Befürchtung, daß Castros Anwesenheit in der nächsten Nähe von Venezuela dort eine neue Revolution zum Ausbruch bringen würde.
Lin ZuchtvrehmaM in Sietzen.
th. Gießen, 5. April.
Im Lokalverein Gießen gelangte der von der Landwirtschaftskammer in Aussicht genommene Zuchtviehmarkt zur Erörterung, wobei einige interessante Gesichtspunkte in die Erscheinung traten. Herr Kaiser-Gießen erklärte, man habe in Erfahrung gebracht, daß der Plan bestehe, in Gießen einen großen Zuckstvieh- markt ins Leben zu rufen. Der Gedanke sei im Interesse der oberhessischen Rindviehzucht freudig zu begrüßen. Er sei überzeugt, daß die Stadt alles tun werde, um einen solchen Markt zu bekommen, wenn man von der Landwirtschaftskammer feine allzu hohen finanziellen Anforderungen an die Stadt stellen würde. Seiner Meinung nach sei es ganz wohl durchführbar, den Zuckst- viehmarkt auf den städtischen Marktanlagen jenseits der Lahn abzuhalten. Verwalter Schuchhardt -Lang-Göns wünschte zu wissen, welche Bedenken überhaupt gegen eine Benutzung des Viehmarktplatzes in Gießen als Zuchtviehmarktplatz vorliegen, da ja der Markt früher schon geplant gewesen sei und, soweit ihmi bekannt, an der Platzfrage gescheitert sei.
Tierarzt Dr. Köhler-Gießen wies darauf hin, daß dec Gießener Viehmarktplatz den gleichen Zugang habe ioie das Schlachthaus, damit sei für das auf den Viehmarkt aufzutreibende Zuchtvieh eine eminente Ansteckungsgefahr gegeben. Besonders berge die Lahnbrücke diese Gefahr, benit es könne sehr leickst passieren, daß über diese nach dem Schlachthaus Schweine getrieben würden, die mit der Klauenseuche behaftet seien, unb wenn kurz darauf Zuchtvieh die Brücke passiere, so könne die Seuche in die Stallungen der Landloirte verschleppt und damit deren ganzer Viehstaub verseucht werden. Detonomierat Schlanke- Friedbcrg wies darauf hin, daß sck)on 1905 der Provinzialvereiii den Ptan eines Zentral-ZuchtviehmarkteS verwirklichen wollte. Die Vorteile eines solchen Marktes für die Vieh zück) ter seien sehr groß, aber and) für die Käufer sei ein derartiger Markt von Nutzen. Ö'ür_ diesen Markt seien damals in Frage gekommen die Städte; Gießen, Butzback) und Hungen. Letzteres schieb damals aus, weil die Feldbereinigung vor der Tür stand und man daher einen geeigneten großen Marktvlav nicht einrichten konnte. Die Kommission hielt in erster Linie Gießen und dann erst Butzback) für geeignet. In Gießen war kein hygienischen Anforderungen entsprechender Marktplatz zu haben. Die Viehzüchter in Oberhessen erklärten in der Mehrzahl, sich mit ihren Tieren der Gefahr nicht aussetzen zu wollen, die bei Benutzung des jetzigen Gieß. Viehmarktplatzes unzweifelhaft vorhanden sei. Tie Gießener Stadtverordneten waren seinerzeit so kurzsickstig, das Gnauth'sche Projekt abzulehnen, den Viehmarkt nach der Bahn hinauf zu verlegen, einigen Stall- besiyern und Wirten zu Liebe, die sich baburd) geschädigt gefühlt baben würden. Man habe durch den ablehnenden Beschluß dem Gießener Milchviehmarkt gewaltig geschadet, der überaus entwicklungsfähig gewesen märe, wenn er Eisenbahnanschluß unb zeitgemäße Entrichtungen bekommen hätte. Es sei Tatsache, baß es in ganz Südwestdeutschland keinen günstigeren Platz für den Milchviehhandel gebe als Gießen, wäre dem nicht so, so wäre ber Gießener Markt längst nicht mehr vorhanden. Es sei Tatsache, baß der Gießener Markt von Jahr zu Jahr zurückgegangen sei und noch zurückgehe. Kein Viehhändler wird heute nock) einen großen Transport Milchvieh nad) Gießen bringen, wo er mit feinen Tieren, die ein Kapital repräsentieren, von der Bahn durch die Stadt in den Stall und bann auf den Markt herum- ziehen muß. Das dabei vorhandene Risiko und die damit verbundene Gefahr kann kein großer Händler übernehmen. Bei dem Verkäufer von Milchvieh ist heute Zeit Geld. Er will seine Tiere von der Eisenbahn schnell in den Stall und bequem vom Stall wieder verladen können. Nur der Verkäufer, der an den Markt kommt, nimmt sich Zeit, er kommt schon einige Zeit vor dem Markt in die Stadt unb sieht sich um. Er mustert die Tiere, ehe sie auf ben Markt kommen, er gibt auch babei Geld aus, unb je bedeutender der Markt, je größer das Angebot regelmäßig sich gestaltet, desto mehr Käufer werden kommen unb dann auch Gelb in der Stadt lassen. Der frühere Oberbürgermeister hatte für diese Dinge den richtigen Blick. Wenn dort oben der Markt hingekommen märe, mit Stallungen und Eisenbahnanschluß, vollständig getrennt vom Schlachthof, bann märe Gießen der denkbar geeignetste Platz, um Zuchtviehmärkte für die Provinz abznhalten dann mürbe aber auch ber Gießener Viehmarkt eine Bedeutung für den Vtehhanbel erlangt haben, von der man so keinen Begriff hat Es sei ja schwer- von der Stadt zu verlangen, für den Zuchttnehmarkt einen zweiten Marktplatz einzurichten, aber der Landwirtschaftskammer bleibe nichts anderes übrig. Will sie die jünftigen. Chancen Gießens für den Zuchtviehmarkt ausnutzen, o muß |te verlangen, daß dieser Markt mit Vieh erreichbar ist, ohne daß man die Wege zum Schlachthaus, besonders die Lahn- brude, dazu benutzen muß. Die Art und Weise, wie heute in ließen friichmellende und tragende Tiere behandelt werden, wie Ite aus den Markt kommen, dort dem .Wetter und der Zugluft


