Nr. 31 Zweites Blatt
1S9. Jahrgang
Samstag 6. Februar 1909
Erscheint «glich mit Ausnahme deL Sonntag».
Die „Sirhener ZamkitenvIStter- werden dem ,9lnieiqer' viermal wöchentlich beigelegt, das „Kretsblatt für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger sür Gberheße«
Rotationsdruck und Verlag der vrühNch« UnwerfuätS - Buch- und Sieindruckeret. R. Lauge, Dießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: es@5L Redaktiom^OIlL Tel.-2ldr^AnzeigerGieße»,
Stimmungsbilö aus dem prsutz. Abgeordnetenhaus.
Berlin, 5. Febr.
Wer sich der hitzigen Debatten erinnert, die früher. und noch vor Jahresfrist bet Etat der Preußenkasse im Abge- ordnetenhause entfesselte, der konnte am Freitag sein blaues Wunder erleben, als die Vorlage zur Erörterung tarn, die das Grundkapital des genossenschaftlichen Zenttalkreditinstituts um die Hälfte, von 50 auf 75 Millionen, erhöhen will. Noch vor Jahresfrist entbrannte, lvenn die Rede aus die Preußenkasse kam, ein harter Strauß zwischen den Sclmlze-Telitz'schen und den Raiffeisen'schen Genossenschaftlern, und die beiden Genojsenschastsführer Dr. Crüger und Kreth pflegten einander Liebenswürdigkeiten zu sagen, !«inahe wie die Stenographen verschiedener Systeme. Und die Herren Hammer und Meyenschein ließen sich die Gelegenheit auch nie entgehen, ein kleines Schaufechten mit Herrn Tr. Crüger zu veranstalten, obwohl doch vielfältige Erfahrung ihnen gezeigt hatte, daß sie in solchem Wasfengang allemal nicht der obsiegende Teil waren. Diesmal ioars anders: Wie der Kurzschriftler, so scheint sich auch der Genossensclwstler allmählich die Ueberzeugung bemächtigt zu haben, daß es cm Interesse der Sache liegt, mehr zu betonen; was sie eint, als was sie trennt. So schlug denn gleich ein Raiffeisen- mann, der Konservative von Burkhausen, versöhnliäie Töne gegenüber den Schulze-Delitzschmännern an und ries sie zur Mitarbeit aus. Und Tr. Crüger hieb in dieselbe Kerbe. Das hinderte natürlich nicht, daß der Anwalt des bewährten Schulze-Teliöschen Systems gemeinsam mit dem volkswirtschaftliäzen Leader der Nationalliberalen. Tr. F r i e d b e r a, an der wirtschaftliäjen De- tätigung bet Preußenkasse nicht unbeträchtliche Kritik übte; war doch die Vorlage in gewissem Sinne eine Bestätigung dessen, was Tr. Crüger feit Jahren über die Entwicklung und die wirtschaftliche 8ivUc der Zentralgenossenschastäkasse geurteilt. Aber auch der Anwalt der Genossenschaften, die abseits der Preußenkasse, auf dem festen Boden der Selbsthilfe stehend, ihre Mission den Erwartungen und Direktiven ihres unvergeßlich Begründers emsprechend ersültt hoben, hotte kein glattes Nein, sondern ein bedingtes Ja sür die Vorlage, und es schchitt, als nahe sich der Wunsch Dr. Friedbergs wegen einer Ueberbrüifnng der Gegensätze zwischen den einzelnen Genossenschaftssystemen der Erfüllung. Die Vorlage ging an die Bubget-Kjommisjicn, und es hat nach dieser Plenardebatte den Anschein, als werde in der Kommission noch eine weiter gehende Verständigung zwischen den verschiedenen Richtungen im Genossenschaftswesen erziett werden. Setbswer ständlich, ohne daß eine dieser Richtungen ihre Grundsätze preisgibt. Am Ende führt mehr als ein Weg nach Rom. Nach dreistündiger Debatte war die Vorlage für jetzt erlebigt Tas hohe Haus wollte noch biligentiam pracstieren und lehnte einen Vertagungsantrag ab, um den Justizetat weiter zu erörtern. Aber daraus wurde nicht viel: Nach kaum halbstündiger Debatte — nur ein Redner sprach — lies ein neuer Vertagungsantrag ein, und diesmal fand er Gnade vor den Augen der Volksvertreter: Um vier Uhr vertagte das Haus die Weiterberatung auf Samstag.
-psLktsßche Lages-chau.
Der konservative Ersatz für die Nachlaßsteuer.
In der Finanz Kommission des Reichstages hat die Reichs- Partei gestern bei der Generaldiskussion der Nachlaßsteuer einen Antrag erngebracht, wonach die Regierung im Falle der Ablehnung der Nachlaßsteuer ersucht werden soll, einen Gesetzentwurf vvrzulegen, auf gründ dessen die Aufbringung des Fehlbetrages durch die Bundesstaaten in folgender Weise geregelt wird: In den Bundesstaaten ist das Ge s a m tver mö geu nach einheitlichen Grundsätzen sestzustellen. Die Umlegung des Fehlbetrages auf die Bundesstaaten erfolgt nach der Maßgabe des seftgestellten Vermögens. Die Bundesitaaten sind verpflichtet, den Betrag durch Besteuerung des Einkommens und Vermögens oder von Erbschaften einzubringen. Der bai)erische und der fäch- sische Finanzminister und der Großherzoglich sächsische Bundesrats- bevollmächttgte erklärten den Antrag für ihre Staaten unannehmbar. Nächste Sitzung Samstag.
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Detmold.
Die DetNtvldcr haben schon wieder einmal ihre „Affäre". Der Regimentskommandeur der 55er, Oberst v. Hopfsgarien, feit längeren Alonaten in Detmold, hat, wie dem „Aerl. Tgbl. gemeldet wird, in der kleinen Residenz eine Affäre veranlaßt, die an die bedauerlichen Konstiktzeiten wahrend des Thronstreites erinnert und das peinlichste Aufsehen erregt. Mitten in der Lostheatersaison hat er ein Verbot erlassen, welches der Mitwirkung der Regimentskapelle bei den Opernaufsührungen ein vorläufiges Ende bereitet Wenigstens wurde eine solck)e Maß
nahme am Mittwoch von der Direktion des Hostheaters z'emlich aggressiv in den Blättern des Fürstentums mitgeteilt Da das Hoftheater dem Fürsten gehört und der Spielplan mit dessen Genehmigung aufgestellt ist, sieht die Bevölkerung in dem Verbot des Obersten ziemlich allgemein eine Spitze gegen den regierenden Fürsten. Diese Annahme erführt auch durch die weiteren Tatsachen eine Stärkung, daß der Oberst letzthin die Veranstaltung von „Promenadenkonzerten" int fürstlicl)en Schloßpark untersagte und bei einer anderen Gelegenheit, wo Mitglieder der Regimentsmusik der Gemahlin des Fürsten eine Geburtstagsmorgenmusik dargebracht hatten, anordnete, daß hiersür der Hofkasse eine Rechnung einzuschicken sei. Darum ist es auch keineswegs auffallend, wenn auch die neueste Maßnahme als ein Glied in der Kette von Unfreundlichkeiten gegen den Fürsten aufgefaßt wird,
Schluß des österreichischen Abgeordnetenhauses.
Die letzten stürmischen Sitzungen be5_ öslerr. Abgeordnetenhauses haben die Regierung wohl davon überzeugt, daß es angebracht fei, die Regelung der Sprachenfrage in Böhmen aus eine ruhigere Zeit zu vertagen. Gleich zu Beginn der gestrigen Sitzung im Abgeordnetenhause, als das Ministerium im Saale erschien, in- szeniertrn die Tschechen einen beifprellofen Skandal. Der Mmffter- präsident horte eine Weile ruhig zu, bann griff er in die Talche und übergab dem Präsibenten ein Aktenstück. Dieser verlas baö Dokument unb es ergab sich, baß bie Session be« Abgeorbneten- hcmfeS geid)lohen war. Hieraus verließ baS Ministerium sofort ben Laaü Es kam zu einer regelrechten Prügelei, inber einigen tjch schlichen Abgeorbneten bie Kleiber zeuch en würben. Alan sprang über bie Bänke unb drang auieinanber ein. Es bauerte ziemlich lange, bis sich der Knäuel getost hatte und die Abgeorbneten ben Saal verließen.
Die Prügelei, mit ber bie gestrige Sitzung des Abgeordneten. Hauses schloß, war wohl die wiberwärtigste Szene, die da- öster- reichifche Parlament bisher erlebt hat. Den Mittelpunkt bet Meuterei btlbete ber tichech'ich-rabikale Abgeordnete Spaceck, ber zu Boben gerchen würbe. Ein Dutzend Fäuste hieben auf feinen Schädel ein. Es hagelte Ohrfeigen, Fußtritte unb Rippenstöße. Ter Abgeordnete Udcrzal würbe in ben Daumen gebissen. Tie .Wacht am Rhein* *, bie österreichische Nationalhymne unb die Arbester-Marieillaifc tönten burchemanber.
Wir evrlautet, soll die Wiedereröffmmg deS Reichsrates gegen Ende des Vtonats erfolgen. Inzwischen soll Ministerpräsident Bienerth daS Kabinett in ein definitives Beamtcnkabinett um» bilden. Ter Schluß der Seiston hat auch den Zweck, daß die Vorlage über die Staatsnotwendigkeiten an die erste Stelle rücken. Wenn sich dann noch für die Erledigung Hindernisse durch eine neuerliche Obstruktion ergeben werden, soll zur Auslösung des Parlaments geschritten werden. In Deutsch-Böhmen werden infolge der Vorgänge Unruhen befürchtet.
Dcutjches Lerch.
Ter Senioren-Konvent des Reichstages hat als freie Tage den 22. und 23. Februar sowie den 13. und 15. Aiärz festgesetzt. Ferner wurde beschlossen, einige Sitzungen des Plenums erst um 2 Uhr beginnen zu lassen, damit die Kammissionen Zeit zum Arbeiten finden können. Bor Osherrr sollen noch zwei Serverinstage ftattfinden und ferner das Weingesetz uoch.vor OLcm zur Erledigung tommen.
Mandatsniederlegung. Der erkrankte sozialdemokratische Reichstags-Abgeordnete Goldstein beabsichtigt fein Mandat niederzulegen.
Dem Re i ch s ta g ist der Entwurf eines Gesetzes , Feststellung eines sechsten Nachtrags zum Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1908 zugcgangen; hierdurch wird der Rcick>Lkanzler ermächtigt, zur vorübergehenden Verstärkung der ordentlichen Be- triebsmittel der ReichShcmptkasse noch weitere 150 Millio nen Mark Schatzanweisungen auszugcben.
Tie Kommission des Reichstages für daS Weiw- gesetz hat geftem ihre Arbeiten beendet. Las Gesetz soll am 1. September d. I. in Kraft treten.
Der Oldenburgische Landtag hat in seiner gestrigen Sitzung nach stürmischer Debatte mit 23 gegen 22 Stimmen einen Antrag angenommen, der die Einführung des Plural- w a h l r e ch t s für die Wahlen zum Landtage bezweckt. Damit ist die vom letzten Landtag befchlossene Einführung des Reichstagswahlrechts für Oldenburg zu Fall gebracht.
Ex Präs ident Castro will bis zu Ende dieses Monats in Berlin bleiben und dann nach Satt Sebastian oder an die Riviera Übersiedeln. ______________________________
Ausland.
England will der Türkei helfen. Von russisch Seite wird das Gerücht verbreitet, England wolle der Türkei eine Anleihe bewilligen, um so das osmanische Reich sür den Verlust deS von Bulgarien erwarteten Bargeldes zu entschädigen. Weil damit England nicht weniger großmütig ersck-eint wie Rußland hat nun die britische Diplomatie tatsächlich den Vorschlag einer Anleihe auf gegriffen. Gestern sollen bereits Verhandlungen zwischen Kiamil Pascha und den Botschastern Rußlands und Englands stattgesundcn haben.
Das türkische Kriegsministerium hat beschlossen, eine strategiscl>e Eisenbahnlinie zwischen Rodosto-Muraldi zu erbauen. Die Arbeiten werden bereits im Frühjahr in Angriff genommen.
Ter Gencralgouverncur von Jndochina benachrichtigte den Kvlonialminister, daß bei einer Verfolgung der Piraten durch französisäfe Truppen 12 Piraten mit Waffen und Munttwn in Gejangensäiaft geraten sind.
Karlamentavisehes aus festen.
R. B. D a r m st a d t, 5. Febr.
Der Finanzausschuß der zweiten Kammer hielt heute abermals eine Sitzung mit den RegierungS- vertretern Minister des Innern Dr. Braun, Geheime- rate Dr. Eisenhut und Frhr. v. Biegeleben und Ministerialrat Süffert ab. Es erfolgte die Verlesung der Ausschußberichte der Abgg. Dr. Weber, Molthau, Reinhart, Ulrich, Dr. Osann und Brauer, die sämtlich genehmigt wurden. Zur Erledigung bleiben noch übrig eine Anzahl Kapitel aus dem -weiten Vermögensteil des Etats, der Bericht des Abg. Dr. G n t f l e t s ch über den Justizetat und der Bericht über die Erhöhung und Verstärkung derLanddammedeS Stockstadrer und Niersteiner Systems und die Erweiterung des Hochflut- profils des Rhein st roms ic., wofür als erste Rate 346 775 Mark cingefordert werden. Ueber dieses Kulturprojekt, dessen Notwendigkeit von allen Seiten anerkannt wird, fand int Ausschuß eine eingehende Aussprache statt. Es hatten sich einzelne Gemeinden an Ausfchußmitglieder gewackdt und Einspruch gegen ihre Mitheranziehung zu ben Kosten erhoben. Der Ausschuß ist jedoch überwiegeud der Meinung, daß die Ausführung des Projektes in der von der Regierung vorgefchlagenen Weise das Richtigste sei und er bei event. wieder eintretenden Schäden im Falle von Hochwasser jede Verantwortung ablehnen müsse. Lin Stelle des Abg. Mothan wurde Abg. Brauer mit der Abfassung des umfangreichen Ausschußreferats beauftragt, das auch auf die Denkschrift der Regiermrg näher eingehen wird. Der Ausschuß wird am nächsten Mitllvoch zur Entgegen nähme der weiteren Etatsberichte zusammenkommen.
Kommunale Anleihen.
Tie Ausgaben der deutschen Städte wachsen mehr und tnch^ An Gießen sehen wir es deittlich, wie die Anforderungen an Die Stadtverwoltongen ans verschiedenen Gebieten zahlreicher und umfangreicher geworden find. Tann ist es kein Wunder, daß die Kommunen häufiger als sonst daran denken müsfen, die nötigen Mittel durch Anleihen zu besessen und die deutschen Stabte haben diesen Ausweg so ost benutzt, daß ihre Schulden znsammen- genommen schon vor Jahren die Anleiheschulden des Reiches! beträchtlich überragten. Gießen bat, wie wir auch ausführeü werden, daran nur geringen Anteil. Tie Gesamtschulden aller deutschen Städte und Landgemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern betrugen 1907: 5295,7 Mill. M., eine Summe, die zehnmal größer ist — um nur einen Vergleichswert anzuführen — als das festgestellte Defizit des Reichs. Für Verzinsung und Tilgung zusammen wurden in einem Jahre rund 285 Mill. M. verausgabt. Tavon cntsalleii 172 Mill. M, auf den Zinseiu«. dienst.
Tas Hauptkontingent der deutfchcn Kommunalschuld mit der davon abhängigen Belastung durch Zinszahlung unb Tilgung — verteilte sich 1907 wie folgt: .
Aleines Feuilleton.
— Der Geschichts- und Altertumsverein in Friedberg hat nun fein I. Heft der Friedberger Ge- schichtsblätter herausgegeben. Helmke, der befanntltd) die Ausgrabungen an der Kapersburg leitet, belichtet über die „Ergebnisse feiner Ausgrabungen aus vorgeschichtlicher und römischer Zett". Aus den Papieren deS verstorbenen Baumeisters Kratz stammen 2 Arbeiten, eine über bte .romanische Kirchenanlage z u Friedberg", ferner eine Betrachtung über die „Glasmalereien und Grabplatten der Friedberger Liebsrauenkirche", Dreher, derHerausgeber des Heftes, bringt das Testament eines Friedberger Patriziers, des Angelus von Safsin, ferner den Briefwechsel zwischen Wetzlar und Friedberg nach dem großen Brande vom Jahre 1447 und einen Bericht über den Aufenthalt des Königs Georg II. von England in Friedberg von dem verstorbenen GymnasiaUehrer R. S ch a ' e r. Ihm folgt Dr. Waas mit Friedberger Chroniken und E h r - mann mit dem Statutenbuch der jüdischen Gemeinde zu Friedberg aus dem Jahre 1664. Weckerling schildert den Durchzug der Salzburger Emigranten, Dr. Blecher gibt Aufschluß über das Zunftwesen zu Ober-Roßbach. Aus der Feder Dr. Streckers flammen die Berichte über das Schicksal Hessen-Hanauer Trupven autz der Wetterau int amerikanischen Freiheitskriege, während Reallehrer Ai ü 11 e r über die Trauerieier aus Anlaß des ^obes Josephs II. in der Sladtkirche zu Friedberg plaudert.
— Eine Ehrung Ernst Haeckels. Wir werden um die Verössenllichung deS nachstehenden, von einer großen Anzahl von Gelehrten, Schriftstellern und Kaufleuten unterzeiä)- neten Ausrufs zu einer Ehrengabe für Ernst Haeckel zum Ausbau des Phyletischen Museums der Universität Jena crmcht: „Am 16. Februar vollendet Ernst Haeckel fein /5. Lebensjahr und legt wenige Wock>en später nach achtundvierzigiähnger, überaus erfolgreicher Lehrtätigkeit seine Professur nieder, uni t>cn Rest seines Lebens seiner letzten Schöpfung, dem Phvlettick-en Museum in Jena, zu widmen. Dieses Akuseum soll durch Präparate, Modelle unb Bilder dem Beschauer die Tatsack-en der Entwiälungs- lehre vor Augen führen: schöne biologisckje Gruppen werden i>ic Mannigfaltigkeit der Anpaisungen erläutern, und ein Archiv iolt Dokumente zur Geschichte der Abstammungslehre samuwtn. xo zur inneren Einrichtung dieses nur aus freiwilligen Beitragen geschaffenen Museums noch 100 000 Mark fehlen, w wenden sich die Unterzeichneten an alle Freunde der Entwicklungslehre und einer freien vorurteilslosen Forschung mit der Bitte, beizusteuern zu einer Ehrengabe für Ernst Haeckel, welche dem greisen Forscher
zum Ausbau jenes Museums überreicht werden soll. Tausenden ist Haeckel ein begeisternder Lehrer gewesen, und seine populären Schristen haben in der ganzen Welt die Freude an den Schönheiten der Natur mrd die Liebe zur Wahrl-eit geweckt und gefördert. Möge das deutsche Volk sich jetzt daran erinnern, was es diesem Manne verdankt! Beiträge bitten wir zu richten bis Ende Februar an die Bank für Handel und Jndusttie in Berlin W. 56, Schinkelylatz, später an dos Universitätsrentamt in Jena, und zwar mit der Bezeichnung „Zu Gunsten der Ehrengabe für Ernst Haeckel". Atttteilungeu und Anfragen sind zu richten an Professor L. Plalhe, Berlin, Beetl-ovenstt. 1.
— Herr Charles Wyndham, dessen Äußerungen über die deutschen Sck-auspicler wir kürzlich wiedergegeben haben, fdyreibt hierzu dem „Berl. Tgbl.": „Bei meiner Rückkehr von Hamburg nach Berlin ersehe ich zu meinem Bedauern aus einer Notiz in Ihrem geschätzten Blatt, daß einige Bemerkungen, die ich über die deutsche Bühne und meine deutschen Kollegen gemacht habe, in der Wiedergabe etwas anders klingen, als ich beabsichtigte. Vermutlich hat die Kürze des telegraphischen Berichtes an die englische Zeitung, der dann nad) Berlin zurücklelegraphiert wurde, diese Verscljärfung meiner Äußerungen zuwege gebracht, ^ch bitte Sie deshalb höflichst folgende Zellen der Erklärung auf- zunehmen: Ich habe gesagt, daß die deutschen Schauspieler meifter- hast in ber Darstellung ber Charaktere sind, und zwar nicht nur die Künstler ersten Ranges, sondern häufig auch die, weldie fid) auf die Verkörperung besckx'idener Rollen beschranken muhen, und baß die Befetzungm der Nebenrollen überhaupt wert über denen stehen, die wir in England erreichen können. Jch^fügte hmzu, baß es mir erschiene, als ob die außerordentliche Sorgfalt und künstlerisckie Ausarbeitung ihrer Rollen, sowohl im Drama, wie im Lustspiel, die Sämuspieler so.völlig absorbiere, daß ,ie zuweilen toie Wichtigkeit der äußeren Erfchemung, gerade bei der Wiedergabe nuberner „Gutlemu" zu überleben geneigt jeten, wodurch sie sich selbst nicht Gerechttgkeit widerfahren ließen. Wir Engländer betraclstcn, selbst wo es sich um meisterhaste Kunit- leistuiigu handelt, bie Äußerlichkeiten der Erscheinung als einen wichtigen, nicht zu übersehenden Faktor; und die Kleidung auf der Bühne ist in unseren Augen, von ejcn io großer Wichtigseit, wie die MaSke oder bie Haltung des Tantellers. Im Anschluß an die zu einem Landsmann geäußerten Bemerkungen moajte id) biefe Gelegenheit ergreifen, um meine ^vankoarkell au?jii]pritt)en für die hohen künstlerischen Guusse, die mir in ben deutschen Theatern, die ich zu bc)ud}cn Gelegenheit hatte, aebotu worden sind" Wir neljmen von diesu Ansfühungu, hie bad .Urteil
Wyndhams über bas deutsche Theater in einem ganz anberelf Licht erscheinen lassen, gern Notiz.
C. K. Mit der Flugmaschine zum Nordpoll Wahrend die Flugtechnikcr noch rastlos mit dem Probleme ringen, die Leistungsfähigkeit und Sickjerheit der Flugmaschine biß zu einer zuverlässigen praktischen Anwendbarkeit zu steigern, heschäs- tigen )ich bie Norbpolforschcr bereits mit der Möglichkeit, du Aeroplau in den Ticnst ihrer Aufgaben zu stellen. Der Engländer Sandon Perkins hat den Plan gefaßt, das kühne! Unternehmen zu wagen, mittels einer Flugmasdstiie den Nordpol zu erreichen, unb in aller Stille arbeitet man an dem Apparat, mit dem im kommenden Sommer, der abentuerliche Flug angetreten werden soll.
— Theaterelend. Unter diesem Titel erscheint in den nächsten Tagen eine Broschüre von dem neuerdings mehrfach genannten Zcntrumsabgeordnetu Dr. Max Pfeiffer (Bamberg), oer sich auch kürzlich für bie Verhandlunyen der Bühnentzuo,,en- schäft so sehr interessierte unb in einer hier, tu Mannheim abgehaltenen Konferenz für ihre Bestrebungen eintrat. Pseifier sagt in einer Zuschrift an bie Presse: Die sozialen unb wirtschaftlichen Verhältnisse bes Schctospielerftandes sinb oft derartig miserabel, daß eine Regelung aus gesetzlickfem Wege dringend geboten erscheint. Ich strebe biese Regelung an durch Schaffung eines Reickfstheatcrgesetzes. Tie Mehrheit des Reichstags hat sich erfreulicherweise diesem meinem Anträge bereits angeschlossu. Wer soll hier Helsen? fragt Pfeiffer weiter und gibt die Antwort: Helfen können die Jiitendouten, die Stabto er Wallungen und die Schauspieler selbst. Tic Stadtverwaltungen insbesondere müssen allentl-alben sttikte sich bie Gogenetats vorlegen lassen unb beimi Vertragsabschluß zur Bedingung machen, döß Neingcwimi unb Gagenetat in einem gerechten Verhältnis stehen. Die Schauspieler können ihre Verhällliisse bessern, wenn sie sich vom ge» werkschastlicl-en Gebonkm durch bringen laffcn.
— Kleine Chronik aus Kunst und Wissenschaft. Professor Haeckel hält am 10. Februar die letzte akadennichv Vorlefung. — Frau Bertha Gutzkow, die Witwe des Dichters Karl Gutzkow, vollendet am 8. Februar ihr 80. Lebensjahr. Ju gcifiiner und fövperhdfer Frifche lebt sie im Streife ihrer Kinder und Enkel in ihrer Volersladt Frankfurt a. M. — Tie Streik» regieviuifl hat das von der Stadldireklion Siuttgart gegen die Aufführung bes Aorugraber'ichen Stückes »Die ersten Menschen" ausgesprochene Verbot aufgehoben.


