Nr. 31 Erstes Blatt ISS.Jahrgang Samstag 6. Februar 1909
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Die heutige Nummer umsatzt lK Selten.
politische Wochenschau.
Gießen, 6. Febr.
Die deutschen Parlamente haben der kathrlischen Feiertage wegen eine halbe Woche gefeiert. Der erste Sitzungstag nach dieser kurzen Pause brachte im Reichstage den Beginn der großen alljährlichen sozialpolitischen Debatten. Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte inzwischen die dritte Lesung des Besoldungsgesetzes. Auch die Kommissionen sind wieder sein fleißig bei der Arbeit. Besonderes Interesse beanspruchte naturgemäß die Finanz konrmission. Dort ließ die Reichsregierung crfLäreu, daß die verschiedenen Gerüchte über ihren angeblichen Rückzug in der Frage der Nachlaßsteuer unbegründet seien. Die verbündeten Regierungen halten also trotz der konservativen Opposition nach »Vic vor daran fest, daß neben dem Verbrauche auch der Besitz besteuert werden müsse. Einen Ersatz für die Nachlaß flötet aber, etwa die Dwidendensteuer, von der die Konservativen sich so viel versprochen, kann auch die Regierung nicht befür- toorten. Auch die Reichsvermögenssteuer und eine stärkere Heranziehung der Einzelstaaten bei der Matrikularsteuer erscheint der Regierung u.ndurchführbar. Don dieser Erklärung herben die Konservativen zwar nicht sehr erbaut sein, aber sie denken auch nicht daran, von ihrem Standpunkte abzugehen. Als Ersatz für die Rachlaßsteucr haben sie neuerdings eine Veredelung der Matrikularbeitrage vvrgeschlagen. Bemerkenswert ist e$ aber doch, daß sie ihre bisherige schroffe Haltung gegen bett Fürsten Bülow aufgegeben Habern Es scheint, daß der letzte parlamentarische Menü beim Reichskanzler Gelegenheit gegeben hat, mancherlei Mißverständnisse durch persönliche Aussprachen zu beseitigen. Ganz haben die Treibereieu gegen Bülow »edoch noch nicht aufgehört, und man hat auch ein dieser Tage erschie- .neneS Sensationsbuch über den Kaiser in diesem Sinne aufgesaßt, allerdings zu Unrecht; diese Publikation, die unter anderem auch eine neue Aufklärung über die bekannte Depesche des Kaisers an den Präsidenten von Transvaal gibt, wird allgemein als eine grobe GcschichtSfälschung bezeichnet. Eine größere Bedeutung legt man diesem, mit lauter Reklame auf den Büchermark gebrachten Buche nirgends bei. Bedeutsamer ist es, daß nun angeblich von süddeutscher Seite versucht worden sei, den Kanzler zu stürzen. GS wird sogar behauptet, daß über den Nachfolger Bülows bereits eine befriedigende Verständigung erzielt worden sei. Der Rücktritt des Reickiskanzlers »verde unmittelbar nach dem Besuche des englischen Königspaares erfolgen. Dem gegenüber weiß aber der Berliner Mitarbeiter der Magdeburger Zeitung mitzuteilen, daß der Kahler sich i>cd andauernden Vertrauens des Kaisers erfreue. Der Monarch sei mit der ruhigen und geschickten Leitung der auswärtigen Politik sehr zufrieden und derselben Anschauung hätten sich and) die deutschen Bundesfürsben am 27. Scnnar in Berlin ongeschlossen.
Größere Beachtung, als zuerst auzunehmen war, hat der Bergarbeiter-Kongreß gefunden, der in Berlin tagte. Die Regierung hatte ihre Beteiligung mit der Begründung abgelehnt, daß ihr die zur Verhandlung stehenden Gegenstände bekannt seien. Nicht ohne Bitterkeit wies man nun auf dem Bergarbeiter- Kongreß darauf hin, daß der Regierung doch auch die Fragen bekannt feien, die ben Bund der Landwirte auf feinen1 großen Tagungen beschäftigen, und dock) fehlten dort Vertreter der Regie-
Muflkiest öes Akademischen Gesangvereins und des Uonzertvereins.
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Kr. Mit der Aufführung von Beethovens „Missa SolernniS" fleltt sich der Verein wieder die Riesenaufgabe, die er schon vor 6 Jahren zu lösen versuchte. Wir haben damals in längeren Ausführungen dargelegt, was Beethoven mit seiner Messe wollte und wie er seinem Wollen Ausdruck gegeben hat. Heute mag eine kurze Erinnerung genügen.
An die Kompositton der „Missa Soleinnis", wie daS Werk fdjon frühzeitig genannt wurde, wohl nach Aeußerungen Beethovens selbst, der aber auf das Titelblatt der Partitur nur „Missa" geschrieben haü' ist der Meister mit innerster Anteilnahme her- angegangen. Seine früheren geisttichen Chorwerke, der „Christus am Oelberg" (1801 Op. 85) und die „Messe in C-dur" (1807 Op. 86), haben in seinem Schaffen keine Epoche gemacht. Jetzt schrieb er über den ersten Satz: „Don Herzen! Möge es wieder zu Herzen gehen." Ter äußere Anlaß — es galt die Kirchen- vmsrk bei der Einsetzung seines Schülers, des Erzherzogs Rudolf von Oesterreich, als Erzbischof in Olmütz (1820) zu schreiben — trat bald ganz zurück; auch wurde das Werk trotz angestrengten Schassens erst im Sommer 1822 vollendet. Schindler, der Hausfreund, schrecht über den Zustand des Komponisten: „Ich muß gestehm, daß ich Beethovens niemals vor und niemals nad) jener Zeit mehr in einem solchen Zustand absoluter Erdenent- rücktheit gefeiten habe, als dies vorzüglich im: Jahre 1819 der Fall war."
Der Komponist einer Messe ist im allgemeinen gezwungen, sich den liturgifdjcn Anforderungen nach Zeit und Ort, insbesondere mit Bezug aus die musikalisdie Ausdehnung, anzupassen. Vor allem muß er, wenn seine Dtusik beim Gottesdienst verwendet werden soll, die Einteilung des Textes beibehalten. Wenn Bach in seiner „hohen Messe" das Kyrie zu drei von einander gesonderten Sätzen ausgebildet hat, das Gloria gar zu sechs, so schwebte ihm dabei nidjt die Befriedigung liturgischer Bedürs- rnsse vor, sondern ihn beseelte der Wunsch, dem religiösen Gebalt der Worte des Textes möglichst erschöpfenden Ausdruck zu geben.
Aeüßerlich betrachtet, ist Beethoven den ersten Weg gegangen, ttnb er mußte es, wenn anbcry sich die Messe, wie er doch ursprünglich wollte, als Kirchenmusik geeignet erweisen sollte. Das Kyrie mag , auch nod) Spuren davon tragen, daß er nicht von Anfang an sich von der Rücksichtnahme aus die liturgischen Bchürsnisse ganz sreizuhalten wußte. Aber schon hier bricht sein Geist durch, und vom Gloria ab sehen wir alle solche äußerlrchen Rücksichten beiseite geworsen. Zwar die Form hat er auch in den späteren Sätzen nicht völlig durchbrochen, aber er ist insofern ganz dem Beispiel Back-s gefolgt, als auch er nunmehr nur wieder geben wollte, was in ihm lebendig war, seine Auffassung der Text- Worte. Aber diesen Worten stand er anders gegenüber als Bach. Vach war ein Mann der Kirche, weim aud) nicht der kalholisd)en; sein kindlich frommes Gemüt versenke sich gläubig in die heiligen Worte, die die Religion der Bibel zusammenfassen. Anders Beethoven. In der katholischen Kirche geboren und erzogen, lebte
rung niemals. Neben vielem Bekannten hat der Bergarbeiter- Kongreß aber auch manches neue zutage gefördert, und die Schilderungen über geradezu unglaubliche Mißstände auf einigen Privatgruben sind wohl geeignet, das größte Interesse hervorzurufen. Wie die Frankfurter Zeitung nun erfährt, soll die Regierung geneigt sein, die eine Hauptforderung der Bergarbeiter zu erfüllen, nämlich die nach den Arbeiterkontrolleuren; dagegen hält sie ihren Widerstand gegen ein Neichsberggesetz aufrecht. Auch die Zechenbesitzer sollen der Forderung nach Arbeiterkontrolleuren keineswegs ablehnend gegenüberflebtn.
In Kö l n ist am 1. Februar der längst angekündigte A e r z t e- streik oälsgebrochen. Es handelt sich um einen alten Streit zwischen der Kölnischen Aerzteschaft und den Krankenkassen, der im Jahre 1904 bekanntlich die schärfsten Formen angenommen hatte. Wie damals, so haben die Krankenkassen auch diesesmal auswärtige Aerzte ^rangezogen, und es heißt, daß die Aussichten der organisierten Aerzteschast dicsesmal wett geringer seien als 1904. Im Anschluß an diesen Streik sind wiederum verschiedene interessante Fragen aufgeworfen worden, so fci.a. auch die, ob die 91erate nicht gezwungen werden könnten, ärzllichen Beistand zu leisten. Man beruft sich darauf, daß die Aerzts ihre Ausbildung doch an staatlichen Lehranstalten erhielten, und daher gezwungen seien, ihre Kenntnisse dem Dienste der Allgemeinhett rückhaltlos zu widmen. Allein so einfach scheint die Lösung dieser Frage doch nicht zu fein, und eS ist fdjtoer zu sagen, durch welche gesetzlichen Mittel man einen Arzt zwingen kann, im einzelnen Falle ärztlichen Beistand zu leistem.
Nicht geringes Aussehen hat ein Vorschlag der russischen Regierung gemacht. Vvn russischer Selbstlosigkeit hatte man bisher noch nichts gewußt, aber dieser Vorschlag zur gütlichen Beilegung der türkisch-bulgarischien Schwierigkeiten möchte die Welt eines besseren belehren. Die Türkei verlangt bekanntlich, daß Bulgarien sich seine Unabhängigkeit durch teures Geld erbauten solle. Bulgarien war im Grunde genommen damit ein* verstanden, nur die Höhe des Kaufpreises machM ihm Kopfschmerzen. In diesen Nöten hat sich nun Rußland erboten, die Zahlung für Bulgarien übernehmen zu wollen. Aber weder Bulgarien noch aud) die Türkei haben freudig zugegriffen, sondern überlegen sich einstweilen die Sackte noch Sie fragen sich, wie Rußland, das doch selbst tief in Finanznöten steckt, rvvhl dazu komme, sich nur um der Friedensidee willen so sehr für Bulgarien zu engagieren. Man glaubt an Rußlands Uneigennützigkeit nicht so recht. Auch in Wien hegt man begründete Zweifel an dieser Uneigennützigkeit und verhält sich daher gegen den russischen Vorschlag, der dieseK- mal vvn England gebilligt wo wen fein soll, ablehnend.
Es wird in der Tat schwer, an Ztußlands redliche Absichten zu glauben, wenn man, wie jetzt, wieder einmal erfährt, wie korrumpiert das ganze russische Leben vvn Grund auf ist. Die Verhaftung Lopuchins, eines der höchsten russischen Beamten und Verwandten des Kaiserhauses, unter dem Verdachte des allerniederträchtigsten und gemeinsten Doppelverrats und der Anfttftung zu Verbrechern Lopuchin und der Doppelspitzel Asew sind die Helden der neuesten Sensation. Asew stand im Solde der Polizei, war ein Vertrauter Lopuchins und gleichzeitig das Haupt der Terroristen. Er inszenierte Attentate und scheute nicht einmal davor zurück, ein Mitglied des Kaiserhauses, den Großfürsten Sergius, ermorden zu lassem Welchen Antett Lopuchin an allen diesen Vorgängen hat, wird die Untersuchung ergeben. Auf den Zaren hat die Erkenntnis, von welchen gemeinen Subjekten er dennoch ganz in den Gedanken und Vorstellungen der Auf- llärung, nicht jener Aufklärung, die auf das Heilige mit Fingern weist ober es dem Gespötte der Menge preisgibt, sondern jener tiefer blickenden, die das Heilige ehrt, ohne an feinen Formen zu hängen, aber auch ohne sie zu verlachen. Tie überirdische Gewalt seines Textes packte ihn von Satz zu Satz mit wachsender Stärke. Es schüttelte ihn und rüttelte ihn. Als er die grandiose Fuge mit sich herumtrug, mit der das Credo abschließt, da ist er einmal tief in der Nacht, nach langem Ausbleiben, im furchtbarsten Unwetter, mit bloßem Haupte, das halbergraute Haar von Regen triefend, erstarrt in feine Wohnung zurückgekommen. Er hatte nichts gemerkt, vor feinem Auge hatte das ewige Leben gestanden, und die Töne, in denen er den Glauben daran zu versinnbildlichen gedachte. Und immer höher trägt ihn der Geist. Es jubelt in ihm: „Himmel und Erde sind deines Ruhmes voll." In die höchsten Sphären bringt er im Benedictus; es ist, als ob er sich schon wisse in den Gefilden der Seligen, bis ihn der Gedanke an die irdisckten Gebrechlichkeiten wieder zurückruft und sein Gesang ausklingt in die Bitte um inneren und äußeren Frieden.
Es ist unmöglich, weder mit kurzen noch mit langen Worten, eine ausreichende Vorstellung von der Riesenkraft zu geben, mit der dieser Heros der Menschheit fein Bekenntnis — denn das ist die Messe — geformt hat. Er hat alle Ausdrucksmittel verwertet, die der Musik überhaupt zur Verfügung stehen. Hatte schon Bach in der Verwendung der mcnschlichm Stimme fast llebermenschliches geleistet, Beethoven überbot ihn. Mit vollendeter Rücksichtslosigkeit behandelt er _ das ©timmaterial. Tie Sänger und Sängerinnen mochten zusehen, wie sie mit den freischwebenden Einsätzen in den höchsten Tonlagen fertig wurden. Er wußte natürlich so gut wie jeder andere, was er ihnen dabei zumutete, aber er wußte auch, was er für seine Zwecke nötig hatte. Und so sind ihm unglaubliche Wirkungen gelungen: Tas kolossale Omnipotens (Allmächtig) im Gloria, das vom Himmel durch die Welt zur Hölle fuhrt, der rttsenhafte Aufsckiwung des Gloria in excelsis Teo am Schlüsse des Satzes, das fdzmettetnbe Et rusurrextt (Und auferstand) und das glorreidje Et vitam actcmi faeculi (und ein ewiges Leben) im Credo, und viele andere Stellen legen Zeugnis davon ab, bis zu welchem Grade Beethoven dieiGrenzen der Ausdrucksfähigkctt menschlicher Stimmen zu' erweitern vermocht bat Aber auch wo er sich in den a tca Grenzen hält, finden sich Tonfolgen von einer alles durckidringen- ben Wirkung, Stellen, die „von Herzen kommen und zu Herzen gehen", wie daS Christe Eleison, das Pax hominibus (Friede den Menschen), das Suscipe deprecationem nosttam (Nimm an unser Flehen), das Gratias agimus (Dank sagen wir), das Miserere im Gloria, das Qui propter nos homines (Ter wegen uns Men- schens und die wunderbare Leidensllage im Credo, und nicht zuletzt das Dona paceuu Ihren höckssten Reiz aber erhält diese Gesangsmusik durch die häufige Wechselwirkung zwischen Chor und (ä>lostimmen, die fast nie einzeln — wie so oft bei Bach — sondern fast immer als Quartett anftreten. Wie diese Stimmen das In gloria Dei pattis amen zum Siege führen, wie sie bei der Verkündigung des Geheimnisses der Menschwerdung über hem
er umgeben ist, geradezu niederschmetternd gewirkt. Gerüchttveise verlautet, daß auch Asew bereits verhaftet fein soll.
In Oesterreich hat man endlich einen neuen Weg beschritten, um zum Frieden der VZationalitäten in Böhmen zu kommen. Im österreichischen Abgeordnetenhause haben die Beratungen zweier Gesetzentwürfe begonnen, mit denen die Sprachen- frage geregelt werden soll. Man erkennt es willig an, daß die Regierung mit diesen Gesetzentwürfen eine Basis zur Verständigung geschaffen habe, aber im Einzelnen haben sowohl die Deutschen als auch die Tscheckren manches an diesen Entwürfen auszusetzen. Eine gedeihliche Berattmg wurde in den ersten drei Sitzungen leider durch den Ouibau der Tschechen verhindert, so daß sich die Regierung sck)ließlich veranlaßt sah, das Haus zu schließen. Nun haben die Parteien Zett, sich über die Aktion der Regierung klar zu werden; vielleicht kommt nun auch bei den Tschechen allmählich die Vernunft wieder zur Geltung. So wie bisher, Cann es in Böhmen wahrlich nicht mehr fortgeben. Das haben nun auch schon die besonneneren (Sfemente unter den Tschechen erkannt. _______________________________________E. A
politische Tagesschau.
Die staatsbürkerlichc Erziehung unserer Zugend.
lieber die Noliveudlgkeit besonderer Unterwelsungen in der Bürgerkunde ist — leider ohne sichtbaren Erfolg, so schreibt die »Korcesoolldenz des Deutschen Lehrerverein" — schon viel geredet und geschrieben ivorden. So land vor kurzem in Düsseldorf unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters eme Bersanlmlullg von hervorragenden Männern aller Berufe und Stände statt, in der Regier- ungsrat Dr. Megenborn einen Vortrag hielt über den Deutschen als Staatsbürger. Die Versammlung stimmte nicht nur der Forderung eines systematischen Unterrichts in der Bürgerkunde an allen mittleren, höheren und Hochschulen einmütig zu, sondern sie tat noch mehr, um den Stein endlich ins Nollen zu bringen: Sie beschloß, eine diese Forderung erläuternde Eingabe an den Reichskanzler und an sämtliche Minister zu richten. Die Sache selbst verdient iraglos die wärmste Unterstützung. Aber man erwarte und verlange die Lösung dieser Ausgabe um Himmelswillen nicht von der Volksschule, bei deren Schülern alle psychologischen Grundlagen tot die Ausnahme der hier in Betracht kommenden Stoffe iehlen. Nein, die Arbeit aus diesem Gebiete muß neben der höheren Schule der Fortbildungsschule Vorbehalten bleiben, die dazu unter allen Schulen auch am besten imstande ist. Ihr Schicker steht schon mitten im praktischen Leben, ein Vorzug, der sogar dem Schiller der höheren Anstalten iehll. Sein Verhältnis zu seinem Berus bringt ihn (durch die Versicherungen, das Arbeitsbuch, die Gewerbeordnung, die Iniiimgei'., Handwerks- und Haiidelskammern u. f. ro.) auf Schritt und Tritt mit dem Staatswesen, nut seiner Gesetzgebung und feinen Rechtsverhältnissen in Berührung. Hier bieten sich tauseiid Anknüpiuiigspunkte für staatsbürgerliche Belehrungen. Wenn man darum jetzt überall, nachdem die Idee der allgemeuien Fortbildungsschule gesiegt hat, an ihren inneren Ausbau geht, so sollte man nicht, wie bisher, sein Augenmerk allem daraus richten, die Fortbildiingsschule als Berufsschule in den Dienst von Handel und Handwerk zu stellen, sondern sie auch als staatsbürgerliche Erzieh- imgsschicke der Gesamtheit der Nation dienstbar zu machen. Nur aus diesem Wege wird es endlich gelingen, unsere Jugend, die künftigen Staatsbürger, davor zu schützen, tu politischen und staatsbürgerlichen Dingen der Alacht des Zufalls und der Gewalt der Parteiphrase zum Opfer zu fallen.
Der russische Vorschlag und die Bulgareu.
Mlmählich scheinen sich jetzt auch in Bulgarien die Ansichten über den russischen Vorschlag zur Beilegung des Zwistes mit der
leise murmelnden Chore schweben, wie sie das Sanctus, das Benedictus und das Agnus Dei pfallieren, das oermag die Feder nicht zu beschreiben; man muß es hören.
Aber mir haben es nicht mit der mensck)lichen Stimme allein! zu tun. Ist bei Bach der Gesangschor die Hauptsache, so „dienen bei Beethoven die Stimmen der Menfck)en und der Jnsttumeittet gleichzeittg dazu, die unermeßlichen Eingebungen seiner Phantasiü in Tünen zu verkünden." Ja, man kann sagen, daß im Organismus seiner Messe das Orchester eine fast noch größere Rolle spielt als der menschliche Gesang. Er hat die Orchesterparttck mit der größten Sorgfalt behandelt und überall Instrumente eingesetzt, von deren Klangfarbe er sich die größten Wirkungen veriprach. Wer einmal i>ie Engel stimme der Geige im Benedictus gehört hat, der wird diesen Eindruck nicht wieder vergessen. Daß es Beethoven auch beim Orchester um die Hervorbringung mächtiger Schallmassen zu tun war, beweist die für seine Zett unerhört starke Besetzung, beweist vor allem die reichliche Verwendung der Posaunen, aber auch die fast raffiniert zu nennende! Steigerung der Schallkraft in den Streichinstrumenten. Von käst beispielloser Wucht ist die Instrumentation jenes schon in den Stimmen fb gewaltigen Ouunpotens, nie ist die Leidensklage ergreifender instrumentiert worden, als in der Begleitung zu dem Sub Pontio Pilato Passus des Chores. Besonders reich ist dia Orchestersprache tm Agims Tei: ,Ln den Seufzern, die das Thema umzittern, in den sich fortspinnenden stehenden Gängen der Geigen, in der aufs reichste abmed^elnbcn solistischen Ausnutzung des Motivs breitet sich das Seelenleben der reuigen und Erl-armen heischenden (Semeinbe sichtbar vor uns aus." Jedenfalls ist die Gewalt der Orchesterbegleitung von der Geigo bis zur Orgel, von der Flöte bis zur Pauke, so riesenhaft, daß die Stimmen auch eines sehr großen Chores Mühe haben, sich daneben Geltung zu verschaffen, und es ist, angesichts der aufs höchste gesteigerten Anspannung der Orchcstereffekte durch bad ganze Werk hindurch, saft rätselhaft, wie Beethoven Zeltern gegenüber sich dalstn äußern konnte, daß seine Messe „beinahe bloß a la capella. aufgeführt werden könne."
Beethovens Messe gehört in die Kirck)e. Zwar kann sie ihrer ursprünglichen Seftimmung für den Gottesdienst nicht mehr, zugeführt werden, und Beethoven hat das selbst gewußt. Daß er aber dauernd an die Kirche, als den emsig möglichen Ort der Aufführung dackste, zeigt die durchgängige Verwendung der Orgel, ohne die eine sinngemäße Wiedergabe des Werkes zur llnmöglichkett wird. ?lber auch die Stimmung, in der er sein Werk schuf, zeugt dafür. „Mit Andad>t" hat er über das Kyrie und über das Sanctus geschrieben, eine Bezeichnung, die sich sonst über seinen Kompositionen nicht findet, wie viele zur Andacht ftimmenbe Sätze wir ihm auch verdanken mögen. Tie ganze Messe ist in Beethovens Sinne ein Lobpreis des Gottes, dem der Meister sich stets in Andacht nahte, wenn er die in seiner Handschrift über seinem Schreibtisch hängenden Worte las: ,Lch bin, was da ist. — Ich bin alles was ist, was war und sein wirb, fein sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben. — Er ist einzig von ihm selbst, diesem Einzigen sind alle Tinge ihr Dasein schittdig."


