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Nr. 104
Zweites Blatt
ISO. Jahrgang
Mittwoch S. Mai 1909
Eichener Anzeiger
Erscheint täglich mtt Ausnahme deL Sonntags.
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'fch« UnwerfrtälS - Brich- und 6tetnb ruderet R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druderet: Schul' straße 7. Expedrtron und Verlag: 6L
Redaktion:«!^ 112. Tet-Adr.:AnzeigerGreße».
Die „viehener Lamiliendlätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich bergelegt, das „Krelsblotl für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlrch. Die „Landwirtschaftlichen Zett« fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Deutscher Reichstag.
°r»2. Sitzung. Dienstag, 4. Mar.
Am Tische der Bundesrats: v. Bethmann-Hollweg.
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 15 Min.
Die WohlfahrtSeinrichtungen der Arbeitgeber.
Die Beratung der sozialdemokratischen Intern p e l l a t i o n über die Pensions-, Witwen» und Waisenlassen dex Arbeitgeber wird fortgesetzt.
Abg. Dr. Arendt (Rp.)t
In einer so e r n st e n Situation, da ganz Deutschland mit Spannung nach dem Reiclistage blickt, beschäftigt sich dieser nun schon in der zweiten Sitzung mit einer Interpellation, die überhaupt keinen praktischen Wert hat. (Sehr richtig!) Aber wir sind es ja gewöhnt, daß bei sozialdemokratischen Anträgen^daS sachliche Moment hinter dem agitatorischen zurücktritt. (Sehr wahr!) Herr von Bethmann-Hollweg hat mit seiner letzten Rede von neuem bewiesen, wie sehr er bemüht ist, mit abwägender Gerechtigkeit in die sozialen Fragen hineinzuleuchten. (Sehr gut!) Seine Rede war viel zu bedeutungsvoll für diese Interpellation, die keine fachliche Beachtung verdient. Wir können nicht gesetzgeberisch in die Verhältnisse der Kassen eingreifen. Sonst besteht die Gefahr, daß die Unternehmer diese freiwilligen Leistungen aufgeben. Die Sozialdemokraten scheinen es darauf abzusehen, den Unternehmern alle WohlfahrtS- einrichtungen zu verekeln und ihnen niedrige Motive unterzu. schieben. Machen Sie doch der Firma Krupp nicht solche unhaltbaren Vorwürfel Können Sie in der ganzen Welt ein Unternehmen nennen, da- nur annähernd ähnliche Wohlfahrtsleistungen aufweisen kann, wie die Firma Krupp? Im Jahre 1907 hat Krupp 8% Millionen Mark für WohlfahrtSeinrichtungen auSge- flt-ben. Gewiß bestehen bei den Kaffen manche Härten, die beseitigt werden können. Aber zwangsweise sollte man habet nicht Vorgehen. Vielleicht führt man den BeitrittSzwang erst für daS zweite Jahr der Anstellung ein. Tie Sozialdemokratie säet Unzufriedenheit, weil dann ihr Weizen blüht. Hoffentlich lasten sich die Unternehmer dadurch n-ckt beirren. Es sind die schlechtesten Früchte nicht, an den'n die W<-> en nnnen.
Abg. vrejSN (Pole)?
Nutzen von den Wohlfahrtseinrichtungen haben nur die LerlSbejitzer. Die vielen Mißstände sind unerträglich.
Abg. BehrenS (Wirtsch. Vg.)v
Bon den Kruppschen Wohlfahrtseinrichtungen kann man geradezu begeistert fein. Die Firma leistet viel für ihre Arbeiter, ßlnd doch haften den Kasten manche Mängel an. Sie müssen einen Mesetzlichen Unterbau bekommen. Auch die Werkbesiher haben Interesse an den Kosten, denn sie ziehen sich durch sie einen Stamm seßhafter Arbeiter heran. Selbst bei einer zzesehlichen Regelung der Verhältniste werden daher die Unter» »ehmer die Kasten nicht aufgeben. Auf dem Wege der Gewerbeordnung könnte man bie Pensionskasten in die richtige Bahn leiten. Eine Neuorganisation der Kasten würde von der Arbeiterschaft begrüßt werden. Die jetzige Organisation beruht auf einer un- zicheren Grundlage. Das ist selbst von einem Gutachter der Firma »rupp anerkannt worden. Nur durch die reichen Mittel der Firma erhalten sie eine Sicherung. Es handelt sich bei der ganzen Frage W um das Aufsteigen des vierten Standes, der mIS vertragschließender Faktor anerkannt werden will. Ich fr-ue mich. daß die Regierung Vorarbeiten für eine Regelung in Aussicht gestellt hat. Hoffentlich werden auch in die Gewerbeordnung ।einige grundlegende Bestimmungen ausgenommen. Aus Billig- iteitsgründen muß das Werkspensionskasten-Wesen ebenso gesetzlich (geregelt werden wie das Knappschaftswesen. (Beifall.)
Abg. Hengsbach (Soz.) ftekämpft das System der Kasten als arbeiterfeindlich. Dr. Arendt ;iat so, als ob er die Sozialdemokratie durchaus nicht fürchte. ! dabei bat er erst kürzlich in einem Artikel wie ein Schießhund geheult, der Reichstag möchte nicht aufgelöst werden, weil die »Sozialdemokraten sonst mit 100 Mandaten wiederkommen wür- Iten. Wenn Mißstände.im wirtschaftlichen Leben abgestellt worden 'ftid, so ist das zunächst den Bemühungen der Sozialdemokraten iju v'erdanlen. Tie Regierungen aber sind immer nur die getreuen ,bandlanger des Unternehmertums. Die Kassen sind nur eine !5>ohlsahrtsplage.
Abg. Werner (Resp.):
Tie sozialen Einrichtungen Deutschlands sind mustergültig.
* - *r :rnn-iiiiiifc Sozialist Janrös anerkannt. Unsere
Sozialdemokraten suchen freilich au- AgitationZrücksichten die Zulände möglichst schlecht zu machen. Die Kassen sind gut, wenn uch kleine Mißstände bestehen.
Abg. Hne (Soz.) 2
Wir bringen Interpellationen ein, toerm <dVt es für richtig lfalten, jedenfalls nicht auf Bestellung durch die Regie- - u n g. Ter Redner bespricht die historische Entwicklung der Verk-Pensionskasten. Sie muffen den Anforderungen des nobernen Lebens angepaßt werden. Anfänglich leisteten die tasten Gutes. Erst als die Unternehmer die Verwaltung ganz n die Hand nahmen, wurden Klagen laut, weil man den Versicherungsvertrag mit dem Arbeitsvertrag verkoppelte. Die Dinge dürfen nickt weiter freien Lauf haben. Es ist die höchste Zeit, >em bisherigen Willkürzustande ein Ende zu macken und mit dem lesetzlicken Zwang einzugreifen. Die Regierung denkt nicht daran, len Arbeitern zu Helsen. Mit der Bundesratsverordnung über iie Walzwerke hat sie den Reichstag geradezu versöhnt.
Präsident Graf Stolberg tust den Redner zur Ordnung.
Abg. Hue (Soz.) bmmt auf die ReichSversicherungsordnung zu sprechen, auf den block, die Finanzreform, die Möglichkeit einer Auflösung ufm, mb wirft dem Staatssekretär vor, daß er über die sozialistische i Entwicklung falsch unterrichtet seu
Staatssekretär von Bethmann-Hollweg:
Ich beneide Herrn Hue fast um die Sicherheit, mit der er behauptet, daß er nur allein alles wisse. Durch die scharfe Polemik ♦förbern wir bie Sache selbst nicht. Ich habe bereits bie Möglich. Seit eines gesetzlichen Einschreitens verneint. DaS Problem ist noch nicht geklärt. Mit der vorliegenden Materie beschäftigt sich Bereit» das Aufsichtsamt für Privatversicherung. Ich hoffe, daß •cuf diesem Wege etwas praktisches erzielt wird.
Die Diskussion schließt. Das HauS vertagt sich-
Mittwoch 3 Uhr: Beamtenhaftpflichtgesetz, Zivilprozeßnovelle, Sicherung der Bauforderung, Viehseuchengesetz.
Schluß Uhr. ________________
Die neue Neichsversicherungrordnung.
Von Hans Kahl.
II.
Wenn man sonach der geplanten „allgemeinen Organisation" der Reichsversicherung, wie sie der Entwurf der Regierung vorsucht, völlige Süicrfcmuing zvllen kann, so ist dies bei der Kran
kenversicherung nicht in gleichem Maße der Fall. Aller - dings bringt auch diese einige nicht unwesentliche Verbesserungen. Tiesclben bestel)en zunächst in einer Erweiterung des Kreises der versicherten Personen, denn nach dein neuen Entwurf gelten als krankenversicherungspflichtig:
1. Personen, die als Arbeiter, Gehilfen, Gesellen, Lehrlinge oder als Dienstboten beschäftigt werden.
2. Betriebsbeamte, Werkmeister und Techniker sowie sonstige Angestellte, die mit einer ähnlich gehobenen Tätigkeit im Hauptberufe beschäftigt werden.
3. Handlungsgehilfen und Handlungslehrlinge, Gehilfen und Lehrlinge in Apotheken.
4. Personen, die als Bühnen- und Orchester Mitglieder bcfchäs- tigt werden, ohne Rücksicht aus den Kunstwert ihrer Leistungen.
5. Lehrer und Erzieher (jedoch nicht die an öffentlichen Schulen oder Anstalten).
6. Hausgewerbetreibende.
7. Personen der Schisssbesatzung deutscher Seefahrzeuge, sofern nicht der Reeder krankenfürsorgepslichtig ist, sowie Personen der Schiff sbesatzung von Fahrzeugen der Binnen- schissahrt.
Natürlich sind die hier aufgeführten Personen nur dann ver- sicherungspslickstig, wenn sie gegen Lolm ober Entgelt beschäftigt sind, ja die unter1 2 bis 5 aufgeführten, sowie Schiffer, mir dann, wenn ihr Jahresverdienft 2000 Mark nicht übersteigt. Als ver- sichcrungspflichtig werden also neu einbezogen: Ländliche Arbeiter, Dienstboten und unständige Arbeiter (d. h. solche, die weniger als eine Wvckxe beschäftigt sind) Bureau- ange st eilte, Bühnen- und Orchestermitglieder, Lehrer und Erzieher und Hausgewerbetreibende. Dabei ist der Gesichtspunkt der Dezentralisierung aus berufsge- nossenschastlicher Grundlage, der in dem bisherigen Krankenver- sichcrungsgcsetz maßgebend war, in mand)cr Beziehung zugunsten einer stärkeren Zentralisation des Krankenkasfenwesens durchbrochen worden. Nach oer Statistik des Jalwes 19Ö7 gab es in Deutsck>- land nicht weniger als 23 232 verschiedene Krankenkassen, von denen nahezu die Hälfte (44,6 Proz.» weniger als 100 Mitglieder zählten. Daß diese Zerfplitterung ein großer Mißstand ist, wird leicht einlenchten, und man kann es des!)alb nur beklagen, daß die Regierung auf dem Wege der Zentralisierung nicht nodj einige Schritte weiter gegangen ist.
So betben die Ortskrankenkassen, von denen viele durch die neben ihnen bestehenden zahlreichen Betriebskrankcnkaisen, deren Zahl 1907 mehr als 30 Prozent aller Krankenkaisen ausmachte, in ihrer Existenz gefährdet oder in ihrer Lebensfähigkeit geichwächt wurden, die Beseitigung dieser Betriebskrankenkassen oder deren Vereinigung mit bim Ortskrankenkassen gefordert. Die Regierung bat indes oicse Forderung abgelehnt mit der Motivierung, daß die Vorwürfe gegen die Betriebskrankenkassen nicht nur unbegründet seien, sondern daß dieselben sogar mehr leisteten als andere Kassen, namentlich auch als manche Ortskrankenkassen, gegen die seitens der Versicherten nicht mindere Vorwürfe erhoben würden.
Auch der von den Ortskrankenkassen geforderten Aushebung der I n n u n g s k r a n k e n k a s s e n bat die Regierung mit dem Hinweis auf deren Lebensfähigkeit (dieselben haben sich von 224 im Jahre 1885 auf 761 im Jahre 1907 vermehrt) widersprochen. Auch bie Knapp schafts fassen bleiben bestehen. Dagegen werden die Gemeindekrankenkassen, deren es im Jahre 1907 noch 82 Proz. mit 1 475 000 Mitgliedern gab, als diejenigen Versicherungsträger, welche die geringiten Leistungen ausweifen, ausnahmslos beseitigt, so daß künftiglsin nur organisierte Kassen als Träger der Krankenversicherung gelten und zu denen als neue Organftation noch die „L a n d kr a n ke n ka ss e n" , die insbesondere für landwirtschastlick-e Arbeiter errickstet werden sollen, neu hinzutretcn.
Dennoch haben die Ortskrankenkassen mit ihrer Agitation wenigstens das erreicht, daß die kleinen und wenig leistungsfähigen Organisationen der Betriebs- und Jnnungskrankenkassen, insofern die Mitgliederzahl einer Betriebskrankenkasse nicht mindestens 250 beträgt (für die Jnnungskrankenkassen bleibt das Urteil über deren Leistungsfähigkeir den Behörden überlassen), aufgelöst und deren Mitglieder den Ortskrankenkaisen zugeführt werden sollen. Die Ortskrankenkassen, bie nach dem neuen Entwurf mehr auf örtlicher, nicht mehr aus beruflicher Grundlage errichtet werden sollen, gelten also nach wie vor als die Grundpfeiler der Gesamtorganisation der Krankenversicherung.
Wenn man trotz Fortbestandes der Betriebs- und Jnnungs- krankenkassen und der Neugründung der Landkrankcnkassen die erwähnten Aenderungen in der Krankenversicherung allgemein als einen Fortschritt bezeichnen kann, so werden hinsichtlich der innerenVerfassung der Krankenkassen die Ansichten wohl bedeutend divergieren.
Wie bekannt, ist bisher nicht mir im Reichstag, sondern allgemein her Vorwurf ganz besonders gegen die Ortskrankenkassen erhoben worden, daß die Versicherten in denselben ihr lieber- gewicht zu politischen Zwecken mißbrauchten, ober deutlicher gesagt, daß die Ortskrankenkassen zu Jnsttumenten sozialdemokratischer Varteiagitation und als Versorgungsanstalten für sozialdemokratische Agitatoren mißbraucht würden. Da die Neber legen heit der Arbeiter infolge doppelt so hoher Beiträge als sie die Arbeitgeber zu der Krankenversicherung leisten, auf der daraus resultierenden doppelt so großen Stimmenzahl in der Verwaltung der Ortskrankenkassen beruht, so macht der neue Entwurs neben der Gin- führung der Verhältniswahl zum Schutze der Minder Heilsgruppen den Vorschlag, den Arbeitgebern bei der Kasseoerwaltung die .Hälfte der Stimmen (gegen bisher ein Drittel) zu geben, wofür sie freilich auch — wie bei der Invalidenversicherung — bie halbe Beitragslast übernehmen sollen.
Obgleich seitens einzelner Arbeitgeber die behaupteten partei- pokitischen Mißbräuche in den Krankenkassenverwaltungen bestritten wurden, und obgleich andere Arbeitgeber ein zwingendes Bedürfnis zur Aenderung des gegenwärtigen Stimmenverhältnisses nicht anerkennen konnten, die Mehrzahl der Arbeitgeber auch im Hinblick auf die höhere Belastung durch die Hinterblicbenenoersicherung von einer Halbierung der Beitrage zur Krankenversicherung nicksts wissen will, so hat dennoch die Regierung die von ihr vorgeschlagene Organisation als notwendige Vorbedingung für das Zu st an bekommen des ganzen Reformwerkes erklärt. Daß zum Vorsitzenden im Vorstande der Krankenkassen nur eine kommunale Perion gewählt werden darf, und daß an Stelle der Generalversammlung ein von der Gesamtheit der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gewählter Ausichuß treten soll, will im Hinblick auf das ertvähnte Mittel zur Sqeitigung des überwiegenden Einflusses der Arbeiter in den Verwaltungen der Krankenkassen wenig bedeuten. Wenn ich auch die bisherige Trittelung der Stimmen .in den Krankenka)sen nicht als ein Ideal anzusehen vermag und auch gern zugebe, daß die Sozialdemokratie die Verwaltung für ihre Zwecke äuszunutzen besttebt geweien ist, so kann ich cs doch nicht für klug halten, in unserer Zeit, die an sozialen Kämpfen ohnedies so reich ist, den Arbeitern Rechte zu nehmen, tne sie bisher besessen Habern_____________ __________________________
politische Tagesicdatt.
Die Antwort des Kanzlers.
Auf das Glücktminsch-Telegramm der nation^liberalen Reichstaasfraktron ist zu Händen ihres Vorsitzenden, des Abg. Baiserrnann, vom Kanzler folgende Drahtantwort ein
gegangen : „Der nationalliberalen Reichstagsfraktion danke ich aufrichtig für die freundlichen Glückwünsche zur Vollendung meines sechzigsten Lebensjahres. Stärker als die Sorge um die sich türmenden Schwierigkeiten ist in mir der feste Glaube an des deutschen Volkes Zukunft. Wir können und werden nicht daran scheitern, daß wir die reichen Kräfte unserer Nation für unsere Finanzwirtschaft bisher nur unzureichend zu organisieren verstanden. In dieser Zuversicht werde ich unverzagt an dem begonnenen Reformlverk weiter arbeiten und freue mich, dabei der Unterstützung der nationalliberalen Partei ftcher zu sein. Reichskanzler Fürst Bülow." *
Die Blldgetkommission des Reichstages
setzte gestern die Beratung der Befoldungsordnung fort. Sämtliche Parteien einigten sich aus einen Antrag, der, wie der Referent Tr. T r o e f ch e r (Kons.) ausführte, das Minimum dessen enthält, was nach der Ansicht des Reicksstages den Beamten bewilligt werden müsse. Demgegenüber führte Staatssekretär S h d o w aus: Was in dem vorgelegten Antrag verlangt werde, sei für bie Verbündeten Regierungen unannehmbar. Stimme der Reichstag ihm zu, so würden dadurch lediglich, in Beamten frei fteit Hoffnungen erweckt, die nicht erfüllt werden könnten. Ein Rückschlag wäre eine Vermehrung bet Unzufriebenheit, dazu solle der Reichstag die Hand nickst bieten. Jedenfalls müsse er jeden, Antrag, der über das hinausgehe, was in Preußen bewilligt würde, entschieden bekämpfen. — Nachdem die Vertteter des Zentrums, der Sozialdemokraten, der Freisinnigen Volkspartei, der Wirtschaftlichen Vereinigung und der Nationalliberalen sich für den Antrag ausgesprocknm hatten, betonte der Referent noch einmal, daß die Parteien ihre Pflicht für erfüllt erachtet hätten, den Anttag zu stellen, um den Bedürfnissen der unteren und mittleren Beamten Rechnung zu tragen. Von verschiedenen Stellen seien viel rociter* gebenbe Anträge geltend gemacht aber zurückgestellt worden, um etwas zustande zu bringen. Es gelte eine Lösung einer feit Jahren schwebenden bedeutsamen Frage. Die Kommission trat alsdann in die Beratung der einzelnen Klassen der Besoldungsordnung ein und legte ihr die Regierungsvorlage, sowie den Kompromiße antrag der Parteien zu Grunde. Im Sinne dieses Antrages beschloß bie Kommission, die Gehaltssätze für die größere Kategorie der Beamten festzusetzen, wobei mehrere Klassen und Ziffern der Regierungsvorlage zusammengezogen wurden. In rascher Folge wurden darauf bem Kompromißantrage entsprechend die Klassen bis einschließlich 17 (22. Klasse der Regierungsvorlage) gebildet und geneljmigt. Bei Klasse 16, welcher die Postassistenten (mit 1800 bis 3600 Mk.) zugeteilt sind, machte Staatssekretär Svoow besonders auf bie finanziellen Folgen aufmerksam. — Fortsetzung morgen Mittwoch.
Erzbischof v. Stein
Im Alter von 77 Jahren ist gestern in München der Erzbischof von München-F-reising, Dr. v. Stein, nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Der Verstorbene war 1865 bis 1878 Professor für Moral- und Pastoraltheologie an der Universität Würzburg, 1878 erfolgte seine Ernennung zum Bischof von Würzburg, 1897 zum Erzbischof von München-Freising. Mit Erzbischof v. Stein verliert der bai)ri)d)e Episkopat sein ältestes und verdientestes Mitglied, ein Mann, dem das Wort Friede nicht nur Amtsphrase, sondern der Ausdruck lebendigster Ueberzeuguna gewesen ist. Mehr als 20 Jahre hat Dr. v. Stein die Diözese Würzburg, fast 11 Jahre die Erzdiözese München-Freising geleitet, und nie war in diesem langen Zeitraum eine Hand- ( lung der Unduldsamkeit oder des Fanatismus auf seinem Lebenswege zu verzeichnen._______________________________
Aus Ktadt und Land.
Gießen, 6. Mai 1909.
Helft unseren gefiederten Freunden!
Der Frühling ist inS Land gekommen; überall grünt und blüht es, und in das Grünen und Blühen hinein lassen die gefiederten Sänger ihr vielstimmiges Lied ertönen. Sie sind dankbar dafür, daß in der kalten Winterszeit so viel sich geregt haben, ihnen über diese für sie so traurige Zeit hinaus zu helfen. ES ist auch nicht bloS gelesen, sondern auch befolgt worden, das Wort: „Gedenket der hungernden Vögel". UeberaÜ sah man Futterhäuschen; besonders Lehrer und Pfarrer waren besorgt dafür, daß die Kinder sich der frierenden und hungernden Gesellen annahmen.
Nun kommt aber eine neue Sorge. Die Vögel wollen nisten. Die auf Bäumen ober in Mauern ihre Nester bauen, sind nicht übel daran; wo keine natürliche Gelegenheit vorhanden ist, da hat man künstliche geschaffen durch zahlreiche Nistkästen für die verschiedenen Vogelarten. Aber an eine Art tritt die Wohnungsnot heran, das sind die Vögel, welche in Hecken und Zäunen zu brüten pflegen. Alle Jahr verschwinden an den Hausgärten die natürlichen Zäune und werden durch Drahtgeflecht ersetzt. Doch das hätte nicht viel zu sagen, denn, wofern eine natürliche Gartenhecke nicht auS gut gezogenem und geschnittenem Dornholz besteht, kommt doch kein Vogelnest auf, dafür sorgen die Hauskatzen. Aber auch in der weiteren Umgebung werden jedes Jahr der Hecken weniger. Trotz aller Mahnungen und Warnungen brennen in jedem Frühjahr die Dornhecken im Felde, angezündet von Kindern und leider auch von unvernünftigen Erwachsenen. So werden die Vögel allmälich ganz in den Wald getrieben, wenn sie nisten wollen, und unsere Obst- bäume verlieren ihre fleißigen Jnsektenvertilger. Aber auch hort im Wald sind sie nicht sicher. Da ziehen im Mai allsonntäglich ganze Scharen nicht etwa kleiner Kinder, sondern der Schule entlaffener Jungen hinaus und durchstöbern das Niederholz, und was an Nestern gefunden wird, wird zerstört. Schulkinder hüten sich gegenwärtig, Nester zu zerstören, weil die Lehrer mit aller Strenge gegen die Zerstörer vorgehen. Da sollte das Forst- und Feldschutzpersonal besonders darauf hingewiesen werden, an Sonntagen ein scharfes Auge auf die herumstreifende Jugend zu haben. Eine besondere Gattung von Vögeln wird auch von der Wohnungsnot betroffen, das ist die Hausschwalbe. Wegen des Schmutzes, den die Jungen aus dem Nest werfen, dulden viele Hausbesitzer den Vogel nicht mehr an ihrem Hause und hindern ihn gleich anfangs am Bauen. Uebrigens ist von allen Vogelarten in diesem Frühjahr die Schwalbe am


