Ausgabe 
4.11.1909 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

159. Jahrgang

Nr. 259

rlcbetnt Ili-lich mit Ausnahme des Sonntag».

General-Rnzeiger für Gberyefftn

Ein Kapitel von der Schutzfrist.

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Redaktion, Expedition und Dnickeret: Scbid* straße 7. Eroedinon und Verlag. 5L Redaktion:S-E H2. Tel.-2ldtoAnzergerÄießea.

Donnerstag 4 November 1909

9iotation<t)nid und Verlag öer Brühllch« UnwersttäkS Buch- und Stemdruckeret.

R. Lange. Gießen.

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»I»taten.D° '

De ..Siebener Zamiliendlätter" werden dem Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das KrelsblaM für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die ..r-ndwirffchaftlichen Seit- fragen" erichemen monatlich zweimal.

vom hessischen Landtag.

Der Zweiten hessischen Kammer und gleichzeitig der Ersten Kammer ist die Regierungsvorlage, bete, den Gesetz­entwurf über die Ruhegehaltsverhältnisse und die Versorgung der Hinterbliebenen der im hessisch-preußischen GemeinschaflS- dienst angestellten Staatseisenbahnbeamten, zugegangen. Das Staats Ministerium bemerkt dazu:Da dem Gesetz in bestimmtem Umfange rückwirkende Kraft bis zum 1. April 1908 beizulegen sein wird, möchte eine tunlichst förder­liche Behandlung beS Gegenstandes besonders wünschenswert erscheinen. Der Entwurf lautet:

Artikel I.: In Artikel 8, Ziffer 1 des Gesetzes, die Ruhe- gehaltSverhältnisse und die Versorgung der Hinterbliebenen der im Hessisch-Preußischen Gemeinschaftsdienst angestellten Staats- eisenbahnbeamten betreffend, in der vom 1. April 1907 an gel­tenden Fassung (Reg.-Blatt Nr. 17 von 1908 > werden die Worte nach dem Turchschnittssatze für die Secvisklassen IIV" durch

Man schreibt uns:

Lei der Neuordnung des Urheberrechtes Zertcn der Literatur und der Tonkunst vom 19. Juni 1901, die dem Urheber (Dichter, Komponist) wesent- !icnc neue Vergünstigungen zuwies, wurde die bei der ersten -inheitlichen .Regelung vom 11. Juni 1870 festgesetzte Schutzfrist (30 Jahre nach dem Tode des Urhebers) mit» übernommen. Eine von der Genossenschaft der Komponisten mgestrebte Erweiterung auf 50 Jahre vernxirf der üetchstag. Ein zweiter, darauf hinzielender Vorstoß, aus Knselbeu Kreisen stammend, dem sich aber diesmal eine vruppe Mnsitalienhändler anschloß, wurde bei der Tagung )er internationalen Berner-Uebereinkunft vom 13. Novem- jer 1908 unternommen. Auch diesmal erfolgte eine Ab- ehnung: es blieb jedem Staate überlassen, die Schutzfrist iad) eigenem Ermessen zu normieren, und der Deutsche Keichs tag wird in absehbarer Zeit sich damit zu be-

Gesangverem

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Heute abend:

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Die Angst der Geschlechter". Eine zahlreiche Zuhörerschaft füllte am Sonntag abend den Saal der Singakademie -in Berlin, wo kürzlich auch Gerhart Hauptmann gesprochen hat. Mensck.n, deren Lebenszweck und -ziel der Vergangenheit, Gegen- tMTt und Zukunft angeboren, folgten mit ungeteilter Auflnerk- fimfeit den Ausführungen der Schriftstellerin Else Jerusa­lem, die das ProblemTie Angst der Geschlechter", mit grellem. I'oeuswahrem u. klarem Liaste darlegte. Seit dem Erscheinen ihres RomansTer heilige Skarabäus", ist ihr s)iame schnell mit gutem -Hang in die geistig schaffenden,strebenden Kreise gedrungen und itzre Ausführungen über die ernsteste Frage menschlichen Werdens and Seins haben den günstigen Eindruck ihres Werkes wesentlich vertieft Nicln Liebe und mildes Verstehen verbindet die Mcnfck>en, -sondern Neid und Haß, sie fürchten, fliehen, bekämpfen einander *2iefe durch Generationen verheerend dringende Lreelenangst wirft (inen düsteren Schatten auf das Kinderland. Die Heranwachsende Jugend sicht, einem gefangenen Panther gleich, hinter den Eisew toben eines Käfigs. Tie Viöglichkeit, selbständig zu denken und ji handeln, wird mit Liebe oder Gewaltmitteln unterbunden, dem Trang nach freier. Entwickelung setzt man den Tamm berattetor Vor­urteile entgegen. Wohl fördert man mit ängstlicher eyrgimtigfeit. bie Entwicklung der Körperkraft, indes die Kindesseele verkümmert. Dian bietet dem regen Auffassungsvermögen Märchen, flott ihm die Gleichheit von Schönheit und Wahrheit zu offenbaren. _ Xie Eltern selbst müssen der wichtigsten Lebensfrage entgegenreifen, und die Lösung selbst finden. Tie Freuds an der Schönheit, an der Wahr heft md Reinheit sollen sie in die jungen wissensdurftigen Seelen Klanzen, und sie mit all der Weihe umkleiden, die ihr innenuhnt. Die Heranwachsende Generation muß lernen zu erkennen, daß die Rebe in jeder Form die Vollziehung eines heiligen vcaturereigj- nsft's, nicht Sünde, nicht trügerische Lust ist, mit der sich lästige Pflichten verbinden. Die jungen Männer verlieren Vollkraft und Kapital in dcn Fangarmen der Prostitution: die Mädchen werden nit die Ehe dressiert, ihre Phantasie durch llnreinheit vergiftet, dis zur Hysterie gespannt. Zwei auf verschiedenen. Wegen zer- mürbte, meist an Jahren junge Menschen, gehen eine Ehe em, Kren Folgeerscheinungen Uneinigkeit, Ekel, wenn nicht Lchlnnme.-es sind: vor allem aber die absolute Unfähigkeit, em K'.nd zu I schaffen, das psychisch und physisch dem Lebens camps als ^Lieger kntgegensteht. Zur Lösung der Krise dient lediglich das streben ! ücich Aufrichtigkeit, nach lauterer Erkenntnis der Funktwnen de-^>

Körpers wie des Geistes, nach angemessener Wertung und An- j vendung aller Kräfte. Nicht mit Reinlichem Neide stelle i ich die

Gegenwart den Werdenden entgegen, sie lehre sie, Jne Grenzen tf/rer Seit zu übersteigen und mit der kühnen echten Schwungkraft ter Jugend über fie hinaus zu wachsen.

das 80., 45 das 70., 52 das 60., 32 das 50., 16 das 40., 10 das 30. Jahr; einer waren nur 24 Jahre beschieden (Thekla Badarzewska). Zieht man diese Jahre zusammen, so erhält man die Zahl 11616, was im Durchschnitt ein Lebensalter von 64,:. ergibt, eine Höhe, mit dem wohl kein anderer Lebensberuf sftch messen kann. Trotzdem ist es noch sehr zweifelhaft, ob nicht die kleine Gruppe der Fünfziger, die scheinbar das Ohr des Neichsjustizamts besitzen, Ober­hand behält. Ter Reichstag, der sreilich auch mitzusprechen hat, setzt sich meist aus Politikern zusammen, die der Musik sehr fremd gegenüberstehen. Und das politische Lied ist bekanntlich ein garstiges.

hafte Güte häufige Neuanschaffungen herbeizuführen, sollte der anständige Handel füglich seiner unwürdig finden.

Ein drvlligerLibrettist. Die Tirektion des Johann Strauß-Theaters in Wien erhielt folgendes Schreiben, das gewiß bemerkenswert genug ist, um der Oeffentlichteit unterbreitet zu werden:

Hochverehrte Direktion! Erlaube mir ein Operettenbuch das Ich selbst geschrieben hab zur ansicht einzusenden. Es Ist ein Ein­akter mit dem NamenStraußvftlzer". Ich ersuche die w-rthe Tirektion, das Stück zu Eoregiren da Ich sehr fille Schreibeseller habe so wird es beßer sein umschreiben damit es zu auführung körnen kann. Ich bitte mir mitzutheilen, was sie zu meinem Werke sagen da Ich nicht bemfs audor sondern ein gevöndlicher armer Arbeiter von Beruf Käser bin, der nicht mehr als eine 2 Kl. Volks Schule besuchte. Ich sende das Stück ein und bitte wen es Bühnen fähig ob sie mir das Stück nicht abtaufen. Auch bitte Ich das das Stück einen Komponisten vo möglich (dem Hem von Strauß) zu komposition übergeben und bitte ob sie das be­sorgen möchten.

Ich sende Ihnen das Stück ein das den Tittel halber großen) Erfolg haben könne da doch sie das Sttaußtheade haben.

Mir Ist: das ganz Gleich Den vileiht ein Herr das Stück auf seinen Namen herausgeben vill so laß Ich ihm gegen Bergüdung gehrn über, den auf Künstler mm tan Ich als Armer Arbeiter nicht denken. Ich schreibe nur deßhalb das Ich aus meiner nicht beweis­baren Lage herauskomme.

Tenn Ich bin zwar noch jung (25 Jahr) hab aber eine Ba­rn ilie von 4 Köpfen zu ernähren und mit den Taglohn von 3 K. Ist es mir nicht möglich, entpor zu schwingen und mein Leben lang Käsearbeiter bleiben das vill Ich auch nich zu den glaube Ich hab zu gute Den auch halb aus gebildete Dalende? schade.

Ich gebe Ihnen auch das Stück zu Verlag für In und Aus­land und fönen die Aufübmngsrechte an anderen Bühnen sie ver­kaufen. Bitte mir so bald als möglich Andvort zu geben ob sie mir das Stück abnehmen vollen und was sie dafür leisten.

Ich hätte in Zukunpft 2 Volks stücke in der Arbeit Ist mir aber hart möglich, dieselben fertig zu bringen da Ich nur üne bei Nacht arbeiten muß da Ich bei Tag bat Verdinst nachgehft muß um Notdürftiges für die meinen zu ferbaten. Wen sich fileich von den Herrn die mehr in eine Stunde als Ich in einer Woche Derbinen eines armen Dichter erbarmen so nehm Ich jede Gabe gehm an und sag in forhin mein Dank.

auf andvort hoffen

achtungsvol

Otto Mayr Golling, Salzburg.

Bitte Den das Stück nicht gefält es mir sovort reburien

Kirchenplatz 9. > tafcii iW -jeden Tasi v.3-10

ichästigen haben.

Die Fürsprecher für die Erweiterung auf 50 Jahre sind nur in musikalischen Kreisen zu finden, der Buch­handel und die Schriftsteller stehen geschlossen für Lio bestehenden 30 Jahre ein. Die Gründe für die Er­weiterung auf 50 Jahre sind, in kurzen Zügen mitgeteilt, nachstehende: t m

1 Ter größte Teil der VerttagSstaaten der Berner Ueber- nnkunst bat >0 Jahre, daher wäre für den internationalen Ver­kehr eine Gleichmäßigkeit ansttebenswert. t .

2. Ter nxitaus größte Teil aller Komponisten und Muftkalien- ländler ist dafür. . c c . /o.

3. Ter Sortimentshandel wird durch die kurze (?) Schutz- irist gefdyäbiat.

4. Tie Werke eines großen Teiles der Kompomften kommen <rst 'nach deren Tode zur Geltung.

5 Ein weiterer weseiftlickter Teil der hervorragenden Kotw wnisten stirbt im jugendlichen Alter und genießt nickst die Früchte 1'ines Sck>afsens. t Ä .

Zu 1. erwidern die Anhänger der 30 Jahre, '» die 15 Teilnehmer der Berner-Uebereinkunft nur ein Bruchteil der 57 Länder bilden, deren Gesetzgebung eine cTchntzfrist enthält, und daß innerhalb der 15 allein schon 10 grunoverschiedene Fristen bestehen, die niemals unter «inen Hut zu bringen sind.

Zu 2. Für 50 Jahre haben sich, laut einer vor­liegenden Petition an den Reichskanzler bezw. das Reichs- niftuamt, nur 138 Musikhändler schriftlich erklärt; für 30 Jahre fanden sich 1024 dazu bereit und 25 Noten- Drudereieit, Papierfabriken usw. Weiter steht zahlenmäßig ebenfalls fest, daß der weitaus größte Teil der Komponisten non Bedeutung für 30 Jahre gestimmt hat.

Zu 3. Der Sortimentshandel hat bei dem Freiwerden l er Werte hervorragender Komponisten stets einen gewal­tigen Aufschwung zu verzeichnen. Jetzt wartet er, und mit ihm die ganze 9JcuftEroeIt, auf die Werke Wagners 1914 und Brahms 1928.

Zu 4. Es ist gahlenmäßig durch umfangreiche statistische Artikel in vielen Vtusikzeitungen nachgewiesen worden, daß die allermeisten Komponisten, selbst die bei Lebzeiten be­deutende Erfolge hatten und große Honorare bezogen, kurze Zeit nach ihrem Ableben gewaltig an ihrer einstigen Be­liebtheit verloren und in den meisten Fällen vor Ablauf Der 30 Jahre bereits fast vergessen waren. Eine kleine Lnzahl tonnte aber für die Allgemeinheit gerettet werden, wenn nur die betreffenden Werke durch große Verbilligung Vbtxn zugänglich gemacht wurden. Müßte damit noch wei­tere 20 Jahre gewartet werden, so wären audj- diese längst vergilbt und verblaßt.

Zu 5. Tie Regel ist es, daß unsere erfolgreichen Kom­ponisten ein höheres Alter erreichen, die jugendlich dahin- neßangenen bilden die Ausnahme. In den verflossenen uO Jahren verstorben 181 erfolgreiche Komponisten, von diesen erreichte einer 90 Jahre (G. Preyer), 25 überschritten

Tas Alter der Hochäcker. Eine der am heftigsten umstrittenen Fragen auf dem Gebiete der Archäologie u.Ethnographie ist das Problem der hauptsächlich in Süddeutschland verbreiteten Hochäcker. Es sind dies wellenförmige, zu einander ungefähr parallel liegende Bodenerhebungen, die sich oft Stunden über Stunden über die Felder und durch die Wälder ziehen. Man hat diese Erhebungen vielfach für alte keltische Grabreihen ge­halten, also für Massenfriedhöfe: beim Nachgraben wurden jedoch niemals Skelette gefunden und auch die Tatsache, daß diese Wellen oft meilenweit ohne Unterbrechung zu verwlgen sind, würde gegen die erwähnte Annahme sprechen. In diesem Fall scheint, wie oft der Bolksmund reckst zu behalten, der sie alsHochäcker" überlieferte. Es waren Aecker, die ein ziemlich kultiviertes Volk mit der Pflugschar zog, darüber herrscht fein Zweifel mehr. Worüber aber große Kontroversen bestehen, das ist die Frage nach bem Alter jener merkwürdigen Spuren. Ein Teil der Forscher verlegte ihre Entstehung in die Bronzezeit, ein anderer in die Römer per iode: dem gegenüber erklärte vor kurzem der württembergffckie Prähiswriker Schliz in Heilbronn mit Be­stimmtheit auf Grund vielfacher vergleichender Forschungen, daß die Hochäcker aus der späten Hallstattperivde (700 bis 500 vor Ehr.) stammen. Dagegen spricht nun eine Tatsache, die Kurat Frank in Kaufbeuren, ein verdienter Forscher, bemerkt hat: seinen Beobachtungen zufolge sind die Hochäcker in Bayern häufig über die Römerstraßen hinweggeführt, müssen demnach jünger als diese fein; daß sie übrigens von Völkern germanischer Rasse und nicht etwa von Römern stammen, steht längst fest.

Ueber die Lichtechtheit von Tapeten fällte auf der 22. Hauptversammlung des Vereins deutscher Chemiker Tr. P. Krais ein recht ausfälliges Urteil. Während sonst die Farbenindusttie sich bemühe, die Lichtechtheit ihrer Erzeugnisse ständig zu verbcifern, könne man auf dem Gebiete der Tapetew- fabrikation nickst das gleiche behaupten, trotzdem es diese In­dustrie verhältnismäßig noch am leichtesten habe, denn von ihren Erzeugnissen werde lediglich Licht echtheit verlangt, während man von anderen Stoffen auch noch Waschecht heft, Schweißechthcit, Bügeleckstlstüt und bergt verlange. An eine billige Tapete wurde man keine befonders hohen Anforderungen stellen dürfen, da­gegen fti es unerhört, daß bei einer Prüfling sich sogar Tapeten zum Preise von 1,70 Viark, ja sogar eine Tapete 5um Preise von 11,25 Mark schon narf)_20 Tagen völlig in der Farbe ver­ändere, wenn sie auch nur Tageslicht, nickt einmal Sonnenlicht erhalte. In der Tat hätten Hausbesitzer und Mieter unter diesen Mißständen außerordentlich zu leiden. Sie wissen aus Erfahrung, daß nach jeoem Umzug, ja schon aus jedem Wechsel des WanL- schmuckes oder Verstellen von Möbeln sich Flecke in der ur­sprünglichen Farbe der Tapete zeigen, die sich häßlich von der gebleichten Umgebung ab heb en. Einen Zwang, durch mangel-

Insheim, jeden Abend: ®aIltorflW insert

MbtüaetX1 - fflufiaö !51em Giessen ^'ovember 1909: J M Kolosseum. ^um-Programms. - MG

Uhr, des Balles 11'/, Ubr ___TcrVoch

politische Tagesschau.

Abstriche im Neichöschahamte.

Bei der Etcttberatung im ReickMtag, der, soviel vor­läufig gesagt wird, am 30. November eröffnet werden soll, wird die Sparsamkeit eine große Nolle spielen. Der neue Schatzsekretär soll an den einrelnen Haushaltsplänen schon insgesam 180 Millionen gestrichen haben, so wird der B. W. Z. von zustänidiger Stelle mitgeteilt:

Ob die neuen Steuern 500 Millionen Mark einbringen werden, ist sehr fraglich. Damit scheint man auch im Reickisfck-atz- amte vorsichtigerweise zu rechnen,, und so wurde denn in den letzten Wochen und Neonaten ben verschiedenen Ministerien eine sehr unangenehme Ucberraschung zu Teil. Staatssekretär Wermuth hielt fürchterliche Musterung und, unterzog die vorgelegten Haiishaltspläne einer äußerst gründlichen Durchsicht. Wenn kürz­lich von 100 Millionen Abstrichen oder viellcickst noch etwas melyr berichtet wurde, so entspricht diese Summe noch keineswegs der Wirklichkeit. Wie uns an zuständige Stelle mitgeteilt wird, sind nicht weniger als 180 Millionen verweigert worden, und zwar an Stellen, wo sie nach Aussage von Fach- Leuten durchaus entbehrt ick) waren. Staatssekretär Wermuth kann bafter in bezug auf die Streichlüst des Reichstages mit Recht Don sich sagen: ,^Jch habe schon so Diel für Euck) getan, bau Euch au tun fast nichts mehr übrig bleibt!" DaA der neue Machthaber int Reichs) chatzanft bei seiner gründlichen LPar-Tätig­keit leinen sehr erheblichen Widerstand sand, ist teils daraus zurückzuführen, daß er den Kanzler mit seiner vollen Zu­stimmung und Unterstützung hinter sich wußte, andererseits aber besonders beim Heereshaushaltsplan, der bekanntlich stets eine besondere Rolle spielt. General v. .Heringen als Neuling ist wohl noch nicht sattelfest genug, upi jede einzelne Fott)erung er­kämpfen zu tonnen. Hoffentlich ist aber gerade hier nicht am un- rechten Ende gespart worden."

Aehnlichen Feststellungen begegnen wir auch in den Münch. N. N.", die sich aus Berlin berichten lassen, daß in den hohen Reichsämtern keine Krisen herrschten. Das Blatt schreibt ferner:

Wir bezweifeln nicht im mindesten, daß es zu heftigem Kampfe mancher Aemter mit dem Reichsschatzamte über die Auf­stellung des Budgets gekommen ist. Das pflegt alljährlich so zu fein, und diesmal mag es in verschärftem Maße der Fall gs- wefen seftt. Aber was wtr mit aller Bestimmtheit sagen können, ist, daß das Reichsschatzamt mit feinem Grundsatz strenger Sparsamkeit d u r ch g e d r u n gen ist. Gewiß wird im Laufe der Zeit dieser und jener Staatsfekretär sein Amt nieberlegen* aber gegenwärtig steht keine Temisfton in naher Aussicht. Ganz haltlos find die Gerüchte von einer Erschütterung der Stellung des Reichskanzlers oder von seiner Amtsmüdigkeft."

Nachklänge zu den badischen Wahlen.

In dem viel umstrittenen Wahlkreise Lörrach-Land ist der nationalliberale Führer, Landgerichtsdirektor Dr. Obkircher (Mannheim', dem Sozialdemokraten Stadtrat Breitenfeld (Lörrach) unterlegen. Obkircher erhielt 2269, Breitenfeld 2308 Stimmen: die Differenz beträgt also nur 39 Stimmen.

Der Vorstand des nationalliberalen Bezirks- Vereins für Lörrach-Stadt und -Land erläßt nun eine geharnischte Erllärung, in der er den freisinnigen Führer in Lörrach undseine gefügigen Werkzeuge" vor aller Oeffentlichkeit anllagt, daß sie die Niederlage Obkirchers ver- schulder haben. Er sagt: ______________________________

Geflügel- u, Vogelzug Verein Giessen n.Ü gegend 1897 Eingetr.

Lountag den 7. Novkmt- nachmittagS 4 Uhr im 8o!c^ M-tat

TaslS'Ordrrullg:

ProvMMlAllWaunr dnL- 5. Dezember IW: *

verschiedenes. 11

Um zahlreiches Erschew'. ü iuchi Ter Aofte.

Wohl haben, wie wir dankbar anerkennen, verein­zelte freisinniae Wähler trotz der maßlosen Hetze ihrer Führer gegen die Person Obkirchers und gegen die natio- nalliberale Partei im Interesse des Gesamtliberalismus persönliche Verstimmungen zurückgestellt und als wahrhaft liberale Manner dem hervorragendsten Verfechter der liberalen Sache ihre Stimme gegeben. Dagegen beweisen die Wahlergebnisse von Brombach, Steinen, Weil, Kirchen, Wyhlcn und vieler sonstiger Orte mit unableugbarer Klarheit, daß der andere, weitaus größere Teil des Frei­sinns durch Abgabe sozialdemokratischer Stimmzettel an der Sache des Gesamtliveralismus Verrat geübt hat. Es geschal) dies in demselben Moment, in dem in Lörrach- Stadt die yrationalliberalen getreu dem Blockabkommen Mann für Mann ihre Stimmen dem freisinnigen Kan­didaten gegeben haben."

Die Entrüsttmg der Nationalliberalen über das Ver­halten des Freisimrs ist vor allem deshalb so groß, weil das Stichwahlabtommen zwischen der nationalliberalen und den links liberal en Parteien ausdrücklich festsetzte, daß die Freisimllge Bolkspartei im Wahlkreise Lörrach-Land Wahl­enthaltung zu üben habe.

Eine Unterredung mit König Alfons.

Ein Vertreter des PariserJournal" soll vom Känig von Spanien empfangen worden sein und der König soll da­bei aussül)rlich über die spanischen Angeleaenhetten ge­sprochen haben. Ueber den Fall Ferrer soll er gesagt haben:

Ich spreche nicht von den gvoßen Vollsrnassen, die leicht durch Zeitungsartikel entzündet werden. Das ist das alte latcinifcfjiß Blut, das in dieser Art seinen Ernpfindungeir Ausdruck gibt. Was ich aber nicht verstell, ist, daß die sogenannten G e b i ße beten und Gelehrten, die nie wagen würden, eine Ent­deckung der Welt bekannt zu geben, ehe sie nicht bis ins kleinste Detail durchgeprüft ist, gegen ein Urteil zu protestieren, das den Gesetzen entsprach und unter der Verantwortung der Ehre spanischer Offiziere zur Ausführung gekommen ist, ohne sich näher nach ben Gründen, die dazu geführt haben, zu bemühen. Welche Vorstellung macht man sich denn in Frankreich von Spanien? Ich bin ein konstitutioneller Monarch, und mir steht nicht einmal die Initiative für das Begnadigungsrecht zu.

Der König gab dann dem Gespräch mit den Worten: Sprechen wir doch lieber von Melilla!" eine andere Wen­dung und erwähnte, daß Frankreich und Spanien ihre ge­meinsame Aktion in Marokko nicht aufgeben könnten. Auf die Frage, ob ein Geheimvertrag zwischen Spanien und Frankreich existiere, äußerte der König:Wenn man von einem Vertrage sagt, er ist geheim, dann ist er es und muß es auch bleiben. Mit Unrecht verdächtigt man Spanien, daß es besondere Llbsichten in Marokko hat; das würde ben von Spanien übernommenen Verpflichtungen wider­sprechen."

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