Erstes Blatt
Freitag 6. November 1908
Die heutige Nummer umfatzt 12 Selten.
nähme, als hätte sich die Haltung der deutschen Regierung
158. Jahrgang
parlainciitarijd?vd.
Die Budactkommiss ion des preuß. Abgeordnetenhauses nahm einen Antrag an, nach welchem die Lokomotivheizer unb Schi sss Heizer eine neue Klasse 4 d mit 1200—1800 Mark fcödjfb- gefall bilden sollen, das in Aussteigeralen von je 100 Mark erreicht wird.
tüi Die ragesnununer Hofationsörttd und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und ZteindruSerei R. Lange.
biß vormittags 10 Uhr. 3
Redaktion, Expedition und Vruckeret: Zchnistratze 7. !u1^elqen‘ted^:^ü'8tcL
Nr. SV2
Der etcßtnei LnzelAN ctidiemi läghd), au her Sonntag» - Beilagen: viermal ivöcbeutlrch Otehener<kamiliendlütter, Irocmial rvödientl.Krels» lall ltirdenllrelr Sietzen lDienslag und iZreriag); zweimal rnonall Land« «olklichattlichr SetNragea Fernlprech • Anschlüsse: tot die medaknon 113. Verlag u. Ervedition 51 »dreh« toi Depeschen»
Anzeiger «tctzeu.
Annahme von Anzeige»
Ausland.
Ministerkvisis in Gelier re ich. Wie das B. T. er-i fährt, wird unmittelbar nach der Abreise Kaiser Wilhelms die Demission des Min.s^rprusidenien Beck publisiert werden. AlS Rack/folger tommt in erster Linie der Minister des Innern, Baron Bienerlh und der ehemalige Ministerpräsident Baron Gautsch in Betracht.
Englisches Unterbaus. In Beantwortung der An-> frage beirefienü die am 19. Dtai erfolgte Beschlagnahme deÄ engiiscl^n Schreppnetzfisck)erbootes „General" durch ein deutsches 5ianonenboot und die spätere Freisprechung des englischen Kapitäns durch ein deutsches Gericht, erklärte Staatssekretär Sir Edward Grey gestern, der britische Geschäftsträger rn Berlin sei beauftragt rvvrvcn, der deutschen Regierung einen Schadenersatzanspruch zu unterbreiten.
Bcraoichicdetc Admirale in Rußland. Durch kaiserlichen Erlaß sind 13 Admirale, darunter Stark, Nirenius, Selenol und v. Niedermüllev, unter Beförderung in einen höheren Rang verabschiedet worden.
Roosevelt und Journalist. Die Wochenschrift „Out* lock" bestätigt, daß Roosevelt als besonderer Mitarbeiter in ihre Redaktion cintrrten werde.
ofsentlichung des Ar.itels int „Daily Telegraph" geändert, jeder Begründung entbehrt.
Run wäre es dringend zu wünschen, daß auch die deutsche Regierung sich endlich zu den Vertretern des deut scheu Volkes im Reichstage über diese recht ernste Ange- legcnheit ausspräck)c, aber die Regierung schweigt, und der Kaiser weilt zur Jagd in Oesterreich, übrigens mit gutem Jagdglück, denn am gestrigen Vormittage hatte er 22 Hirscfa erlegt. Am Nachmittage 12. Eine schone Beute, aber der gemeine Mann wird cs bei uns nicht so leicht verstehen, wie man in so ernsten Zeiten, wo Ministersessel wackeln und über Krieg und Frieden verhandelt wird, und wo cs sich leicht um das Schicksal des deutschen Reiches handeln lann, einem bloßen Vergnügen nachgchen kann. Doch gewiß hat der Jagdaujenthalt des Kaisers in Oesterreich auch seine politische Bedeutung. Jedenfalls wird cd sich darum Han deln, daß die beiden Monarchen sich über die gegenwärtige politische Lage aussprcchcn und nach außen hin die Fortdauer des Bündnis,cs bekräftigen wollen. Wäre es anders, jo wäre es noch schlimmer nm uns bestellt, als man bisher gedacht hat. Das deutsche Volk hat bei den letzten Ereignissen so viel bittere Beschämung über sich ergehen lassen massen, daß es für bloße Vergnügungsfahrten seines Kaisers in so ernsten Zeiten kein Verständnis haben kann.
Deutsches Ueich.
Das Kronpri nzenpaar ist g<|tern zum Besuch des mccklenvurgischen Vofes in Schwerin cingetvoffcn.
HosPrediger Stöcker richtet aus Partenkirchen ein Schreiben an Dr. Burckhardt, nach welchem er wegen Unwohl- seins und wegen der Gesundheit seiner g-rau sein Reichstags^ Mandat niederlegt. (Hofprediger Stöcker vertrat im Reichstage den Wahlkreis Arnsberg 1.)
Bundesrat. In der gestrigen Sitzung des Bundesrates wurde der mündliche Bericht des Ausschusses über die Vorlage betreffend die Gebühren für Postüberweisungs- und Scheckverkehr und der mündliche Bericht des Ausschusses über den Entwurf eines Besoldungsgesetzes nach den Ausschust>Aitträgen angenommen.
auf dem Boden des von Deutschland vorgeschlagenen Schiedsgerichtes verbleibe, er gleichwohl bereit wäre, in Uevereinstimmung mit dem Beniner Kabinett eine Formel zu suchen, in welcher die beiden Regierungen gleichzeitig erklären würden, daß sie oie Zwischenfälle vom 25. September und die gegenseitigen, bei dieser Gelegenheit vorgefallenen Gewalttätigkeiten als bedauerlich betrachten. Minister Pichon fügte hinzu, er mürbc keine Formel annehmen, in der die französische Regierung allein ihr Bedauern aus- iprecheunddieinirgen deiner WeiseeineBer- leugnung ihrer Seeleute und ihrer Soldaten in sich schließe, die ihre militärische P,licht erfüllten.
Die französische Regierung hat sich aber dazu entschlossen, der deutschen Regierung den Bericht des Polizei- tommissars Bvrda über die Vorfälle vom 25. September mitzuteilen. Borda ist dem französischen Konsulate in Easa- blanca seit der Okkupation der Stadt durch die französischen Truppen attachiert. Das erwähnte Dokument sollte nach den zuerst getroffenen Entschließungen des Pariser Kabinetts nur einem Schiedsrichter mitgcteilt werden. Es wird in Paris veröffentlicht weroen, sobald die deutsche Regierung davon Kenntnis erhalten haben wird.
Seltsam ist es nun, daß die offiziöse „Nordd. Mlg. Ztg." sich über die neuesten Verwickelungen wegen der Easa- blancasrage ausschweigt. Ein Berliner Telegramm der „Köln. Ztg." aber besagt: Uebcr den Gang der Verhandlungen, die wegen des Zwischenfalles von Casablanca stattge- lunden haben, erfahren wir solgendcs: Am 14. Oktober wars Staatssekretär v. Schoen in einem gelegentlichen, nicht amtlichen Gespräch mit dem französischen Botschastcr über verschiedene Möglichkeiten, den Streit in Ea,ablanca zu schließen, den Gedanken hin, ob nicht auch das Austunfts- mittcl einer schicdsgericyttichen Regelung herangezogen werden könne. Am 15. Oktober berichtete der Bvifchafter Fürst Radolin, Minister Pichon, habe ihm soeben mitgetcilt, er habe auf eine Depesche des Botschafters Cambon hin dem Schicdsgerichtsgedanlen zugestimmt, aber die Mitteilung dieser Zustimmung an Sierra Cambon habe sich mit der zweiten Depesche desselben gekreuzt, nach welcher die Bemerkung des Staatssekretärs von Schoen nicht als ein förmlicher Vorschlag zur Lösung der ganzen Frage aufzu- sassen sei. Darauf folgte am 18. Oktober die Unterredung des Fürsten von Bulow mit dem Botschafter Cambön im Beisem des Staatssekretärs von Schoen. In dieser Unterredung schlug Fürst v. Bülow die Regelung der Angelegenheit auf folgender Grundlage vor: 1. Frankreich spricht sein Bedauern über den Einbruch französischer Organe in die Prärogative des deutschen Konsuls aus, ein Einbruch, der darin bestand, daß die französischen Organe sich mit Gewalt mehrerer Personen bemächtigten, die sich unter dem Schutze und im Gewahrsam des deutschen Konsuls befanden. 2. Deutschland spricht sein Bedauern für die unkorrekte Haltung seines Konsuls aus, der Personen, die einen Geleitschein nicht beanspruchen konnten, einen solchen gegeben habe. 3. Die Rechts.rage soll durch eia Schiedsgericht gelöst werden. — An der Aufsasung, baß der tatsächlich vorgelom- mene Eingriff französischer Organe in Casablanca in die Konsulargcrichtsbarteit des dortigen deutschen Konsulates die Erklärung eines Bedauerns seitens der französischen Negierung er, ordere, hat die deutsche Negierung festgehalten. Hieraus geht hervor, 1. daß von deutjcher Seite oer Vorschlag, die ganze Angelegenheit einem Schiedsgericht zu unterbreiten, nicht gemacht worden ist und daß, 2. die An
ä A. Bezugspreis:
jra&jpSr T® monatllch75V1^ viertel-
Gietzeim Anzeiger s
General-Anzeiger für Gderheffen MW
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Trübe Zeiten.
Man kommt aus der Ausregung nicht mehr heraus. Wer tue französischen Zeitungen liest, muß annehmen, daß ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich unmittelbar bevorstehe, wegen des Zwischenfalls in Casablanca. Am 25. September b. I. hatte bas beutsche Konsulat zwei deutsche Deserteure Der französischen Fremdenlegion zur Beförderung in die Heimat nach dem deutschen Schiffe „Cuitra" schaffen lassen wollen. Französische Soldaten bemächtigten sich aber der Deserteure und mißhandelten hierbei den deutschen Konsulatsbeamten und einen Soldaten des deutschen Konsulats, und verhafteten schließlich auch letzteren. Der Soldat wurde später auf deutsche Reklamation hin freigegeben, während die Deserteure auch heute noch in französischer Haft sind. Nach deutscher Auffassung mar bas deutsche Konsulat natürlich berechtigt, sich der deutschen Staatsangehörigen anzunehmcn, obgleich sie Deserteure der französischen Fremdenlegion waren. Von französischer Seite wirb das bestritten, unb so war denn beschlossen worben, biese Angelegenheit einem Schiedsgerichte zu unterbreiten. Nun soll aber Deutschland plötzlich, wie man es in den französischen Blättern liest, von Frankreich aesordert haben, daß es sich noch vor dem Zusammentritt oes Schiedsgerichts entschuldige. Das wollcn die Franzosen nicht, und die Erregung in Frankreich ist nicht gering. Im französischen Ministerrate war man gestern der Ansicht, daß es für Frankreich unmöglich gewesen fei, den oeut scheu Gesichtspunkt anzunchmen.
In politischen Kreisen glaubt man nicht an eine Verschärfung des Konflikts und meint, wenn Deutschland ebenso versöhnlich wäre wie Frankreich, werde man sich auf eine Erklärung einigen können, in der beide Länder ihr Bedauern über den Zwischenfall von Casablanca ausdrücken und ein Schiedsgericht annehmen. Das aber wäre das für Frankreich einzig mögliche Zugeständnis und die Weigerung Frankreichs, seine Offiziere und Soldaten zu tadeln, werde als endgültig betrachtet.
Der Pariser „Temps" behauptet, daß man in Berlin nach einer Ablenkung für das Unbehagen, das durch die neuen Steuerpläne hervorgerufen worden sei, suche. Das deutsche Volt wisse, daß die ftanzösische Regierung in der Affäre von Casablanca niemals daran gedacht habe, die Ehre Deutschlands anzutasten. In diplomatischer Hinsicht habe übrigens Deutschland die Hände nicht frei. Es wäre eine große Unvorsichtigkeit vom Fürsten Bülow, einen bewaffneten Streit zu riskieren, während Oesterreich voll mit dem Orient beschäftigt, Rußland eine nationale Revanche suche, Frankreich militärisch und moralisch bereit sei, seine Würde zu verteidigen, England eine unbestreitbare Ueberlegenheit zur See besitze und Italien immer weniger geneigt sei, sich für fremde Zwistigkeiten zu opfern. Fürst Bülow hat zu viel Geist, um eine solche Unvorftchtigleit zu begehen. Tie französische Regierung, welche die Unterstützung der öffentlichen Meinung besitze, möge die Gesamtakten über den Zwischenfall von Cajablanca
unverzüglich und lückenlos veröffentlichen. Hierzu scheint Frankreich, wie die neuesten Meldungen erkennen lassen, bereit zu sein. Eine Note der „Agence Havas" besagt, sobald die Verhandlungen mit Deutschland infolge der Schritte des Fürsten Radolin in, der Angelegenheit der letzten Forderung der Berliner Regierung eingeleitet toaren,. nuymv, ui? yum. ।ny vw <^uh.iuh w*. iyuu gab Minister Pichon zu erkennen, daß, obwohl er stritte | am 28. Oktober infolge der am 28. Oktober erfolgten Ver-
Brahms und Mattea».
30 Jahre sind verstossen, seit Johannes Brahms sein herrliches Violinkonzert op. 77 in D-dur (— eigentlich eme drei- tägige Lymphome iür Violine und Orchester —) vollendete.
„Eine rciie Frucht der Freuudschait zwischen Joachim und Brahms" nannte es Honst ik, als es von Joachim tm Jahre 1879 deut Wiener Publikum zum ersten Mate vorgespiett wlirde, und nachdem es am Neujahrslage des gleichen Jahres in Leipzig seiite PremiSre erlebt hatte. Damals hatte man in diesem iundamentalen Werke Beziehiingen zttdem A eet Hove itsche n Violinkonzerte zti entdecken gemeint, zumal es in derjetden Tonart geschrieben war; heute wissen wir, daß es — wie Hanslik auch richtig erkannte — der ganzen Anlage, soivte seinem Charalter nach vielutehr der zweiten Symphonie ttnscres mobeuicn Meisters mit deut großen B. nahe vertvandt ist. Hier wie da siuden wir eine zu'riedene Freude an Wohllaut, an edlem harmonischem Bau und Geiüge des Gauzeti, em sinniges warmblütiges Hmmusizieren unter Vermeidung alles äußerlich oirtnoieit Beiwerkes. Musikalisch oiu gleicher Hohe mit dem Beethoveuscheu Konzert stehend, überragt es zu gleicher Zeit die an sich wundervollen und form- vollendeten Konzerte von Mendelssohn und B r u ch um em Bedeuieudes, aber eS bietet den Ausstihrenden andererseits in technischer Beziehung derartige Schivierigkellen und verlangt ein so geläulertes musikalisches Empfinden und cm dem reinen Virtuosentum geradezu abholdes Hemgesühl, daß bie Schar^ derer, die gerade mit diesem Konzerte dem Hörer eine Stunde ungetrübten Genusses bereiten können, eine immer noch recht kleine ist. Es ivar eben ganz im Sinne des Meisters aller Meiner am der Violme und zugleich iür den großen /Musiker" Joachim geschrieben. Wir Irenen uns, daß auch in Beziehung aus das prachtvolle Konzert em hervorragender Manu lern Erbe an- getreten hat, der vor kurzer Zeit als der Beru'eulte unter den jetzigen Violiuvirtuoien in Berlin zum Nachfolger I o a ch t m s ernaunt wurde: H e n r i M artea u. Eme sowohl als Geiger wie als Komponist überaus vornehme, mir dem Edelsten zustrevende Künstlernatur ist er nicht nur an der Berliner Alademie als neu ernannter Proiesjor der ^kommende Alami", sondern auch als ein begetiterter Anhänger der Klaisiker (insbesondere B a ch ' s und Al o z a r t' s- die durcharis geeignete Periönlichkeit, die Tradnionen der bewährteir I o a ch t in 11 ci) e n Schule zu wahren und trotzdem — vermöge seiner musikalischen Sinnesvernianotschait mit Reger — dem Fortschritte das Tor zu öffnen. Alöge sein Wirken an der Berliner Hochschule uniercr deutjcheir Tonkunst zum -)eile gereichen!
Ein glücklicher Stern aber waltet über dem Konzert- Verein, dem es am 15. 9tovember vergönnt jein wird, gerade rn den Tagen des 30. Geburtstages des herrlichen Brahmskonzertes
den Künstler noch einmal bei sich zu Gaste zu sehen, der sich in Bach und Brahms so eingelebt hat, luie seit Joachim nur noch wenige Geiger, der aber vermöge seines neuen Amtes sehr bald zu einer seltenen Erscheinung im Konzertsaale werden dürste 1
*
— Jsadvra Duncan inDarmstabt. Der Groß- Herzog von Hessen hat der Tanzschule von Jsabora Duncan ein ausgedehntes Grundstück an ixr bei Darmstadt gelegenen bewaldeten Marienhöhe für den Neubau der Schule zur Verfügung gestellt. Der Tanzschule soll hier die Möglichkeit einer freien Entfaltung ihrer Tätigkeit gegeben werden. Das Komitee, welches sich für die Durchführung aller geplanten Erweiterungen der Schule einsetzen wird, ist bereits zu einer Vorbereitung in Darntstadt zujammengetreten und hat seine konstituierende Versammlung für die erste Hälfte November festgesetzt.
— Intendant b. Hülsen — kontra Angelo Neumann. Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht folgende Zuschrift:
„Herr Direktor Neumann in Prag hat in einer längeren Zuschrift an das „Berliner Sägeblatt' (Nr. 550) es absällig rritisiert, daß Mitglieder feiner Bühne direkte Vertrage- anerbieten durch mich erhalten haben. Die Ueberschrift des genannten Artikels, ebenso wie die Berufung aus meinen verstorbenen Vater und Vorgänger, laßt zugleich keinen Zweifel daran, daß Herr Neumann seinen Angrrss auch gegen oen Präsidenten des Deutschen Bühnenoereins richtet. Je tueniger ich perchnlich geneigt bin, gerade Herrn Neumann als Richter der Korrettheic meiner Handlungen anzuer- tennen, um so gebotener erscheint es mir, der Aufsagung und den Auslassungen dieses Herrn amtlich enlgegeuzuireten und ihn zugleich uocr feine rechtliche Stellung zui.t Deut- ,chen Buhneuver^in prinzipiell au,zurlären. Ich weroe demgemäß den Fall Neumann in oer nächsten Tagung des neulichen Büyneitvereins als der zuständigen Srecke in der breitesten Oe, ,entlichteit zur Sprache bringen. v. Hülsen."
— Die Kirche gegen Sudermann. Die,er Tage führte, wie die „Köln. Ztg." meldet, die Gesellschaft des Düsseldorser Schau,ptelfan,es im Stadtlheater zu Düren unter großem Beifall des Publikums „Sodoms Ende" von Sudermann auf. Nunmehr oerofsentlicht die Geistlichkeit des katholischen .Dekanats zu Düren fol
gende Erklärung: „In der vorigen Woche ist im Dürener Stadttheater ein Schauspiel aufaesü.hrt worden, das nach den Mitteilungen sowohl hie,iger Blätter wie auch urteilsfähiger Zuhörer jeder christlichen Zuchtund Sitte völlig Hohn spricht. Die unterzeichneten, zur Dekanatskonferenz bekommenen Pfarrer des Dekanats Düren protestieren mit aller Entschiedenheit öffentlich gegen ein solches Aergernis und bedauern aufs tiefste, dag eine Stätte, die der wahren Kunst und Bildung gewidmet sein soll, auf diese Weise entwürdigt und ihrem Zweck entfremdet wird." Die geistlichen Herren von Düren wissen offenbar nicht, daß „Sodoms Ende" schon seit vielen Jahren über die deutschen Bühnen geht, ohne Unheil anzurichten. Sie kennen auch das von ihnen angegriffene Stück nicht, sonst würden sie wissen, daß Sudermann selbst in seinem Werk gegen die frivole Gesellschaft, die er schildert, Front macht. Die Wichtigkeit, die einem auf solcher Basis ruhenden Protest zu- kornmt, ergibt sich von selbst.
— Des Dichters Sehnsucht. Ein Berliner Morgen- blatt enthält folgende Heiratsanzeige:
Dichter, genial, repräsentable Erscheinung, 26 Jahre, wünscht Bekauiitjchait mit vermögender, unabhängiger Dame zivecks Verheiratung und Reise nach dem Süden. Diskretion Ehrensache.
Bei dem Mangel an genialen Dichtern erscheint eS, meint dazu die ,B. Z. a. M.", im Jntereue der Literatur als Ehrenpflicht iür alle vermögenden und unabhängigen Damen, die Sudeuiehnsucht oes Dickiterjuiiglings so ra'ch als möglich zu stillen. Wenn man sich erinnert, wie nachhaltig die Jiaiienreiie aui den jüngerer Goethe gewirkt hat, dar! man erwarten, dag auch fein ^tachwlger im Süden herrliches Mafien wird.
-7 Kleine C h r 0 .. r r aus 51 u n ft und Wissenschaft. „Prima-Ballerina" betitelt sich eine neue dreiaklige Operette bon Dr. Otto Schwartz (Text von Max Rermauit und dem Wompomfteii), die vom Opernhaus zu Frantiurt a. M. zur Ur- aufiührung angenommen wurde. — Der Staats-Schil- letpreiö ,ott an Ernst yarot für jem ^tama Tainris oer Narr verltehcn tooioen sein. Die zweite Preishalfte soll der Wiener Schriftsteller KarlSchönherr erhalten haben. — In Braunschweig ist der bekannte Münchener Illustrator Rudolf Wilke im Alter von 85 Jahren gestorben. — Ein Nationaldentmal für den dürften Bismarck soll ans der Eltsenhöhe bei Bingerbrück, gegenüber dem Tenlmcll der Germania au, dem Niederwald, crriü)tet werden. — Der Maler Erne st Robert ist auf seinem Landsi^ bei Gre- noble im Ulter ooy 91 Jahren gcftorhc


