Ausgabe 
6.3.1908 Erstes Blatt
 
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Leibesübungen in der Fortbildungsschule neu einsühren, ist gleich- zeitig bei den Landesregierungen zu beantragen, daß für dieses Lehrfach die staatlichen Zuschüsse in deniselben Maße zu gewahren sind wie für den sonstigen Fortbildungsschulunterricht, und zwar hat dies schon alsbald, selbst vor Erlaß eines Landesgesetzes, be­treffend die Fortbildungsschulpflicht, für die Gemeinden 311 geschehen, die in den Unterrichtsplan ihrer Fortbildungsschulen die Pflege der Leibesübungen aufnebmen wollen. 6) Außerdem ist die Erweckung und Pflege eines größeren Interesses in der schulentlassenen Jugend für alle Wirten von gesundheitlichen Leibesübungen auf dem Wege freiwilliger Tätigkeit dringend iiotwendig.

n. 1) Fortbildungsschüler, die in geeigneten Vereinen und unter- sachverständiger Leitung gleichwertige Leibesübungen in reichendem Maße betreiben, könncii von der Spielpflicht der Fort­bildungsschule befreit iverden. 2) Unter Umständen kann bestehenden Vereinen, wenn sie über ausreichende Einrichkungen nnd Lehrkraste verfügen, die regelmäßige Fürsorge für die Körperpflege der schul­entlassenen Jugend überharrpt oder doch zum Teil überlrageir werden. Es wird sich dies vor allein da emp'ehlen, wo eine Fortbildungs­schule bisher noch nicht besteht oder ihre Schülerzahl sehr groß i|t. B) Zum Zwecke geregelter Leibesübungen, zur Erweckung und Pflege des Interesses der schulentlassenen Jugend an allen Arien von ge­sundheitlichen Leibesübungen, zur Herbeisühruiig gemeinschaftlichen Vorgehens der Turn-, Spiel-, Sport- und äbiilichen Vereine auf diesem Gebiete, zur Bildung von Jungmannschasleii, zur Beran- stallung von Volks- und Jugendfesten mit Wettkämpfen und,Wett­spielen, zur Beschaffung von Turnhallen, Spielplätzen, Eislauf- uiti) Schwimmgelegenheiten usw.dienen Orts - oder Kreis-Aus­schüsse, deren Gründung aus Anregung der Regierung erfolgen soll.

* Tageskalender für Freitag, 6. März, abends 8 Uhr: Städttheater: .Ein idealer Gatte".

Samstag, 7. März, vorn,. 8 Uhr: Musterung der Militärpflichtigen der Stadt Gießen, Jahrgang 1907.

** Das Tnb erknlo semuseum der Landesver- srcherungsanstalt Grvßh. .Hessen, das im Herbst vergangenen Jahres seine Wanderung durch Hessen Beenbet hat, ist nun­mehr von neuem aus die Wanderung gegangen und zwar nach Bayern, too es am 26. vorigen Rionats zunächst in Würzburg in Gegenwart des Protektors des Würzburger Vereins zur Bekämpfung der Tuberkmose, Regierungspräsi­denten Dr. v. Müller, eröffnet wurde. Anwesend waren u. a. der Bischof von Würzburg, v. Schlör, der Divisions­kommandeur, Die Spitzen der Militärbehörden, Professoren der medizinischen Fakultät, Aerzte, der Oberbürgermeister Hvfrat v. Michel mit einer Anzahl Stadt- und Schulräte, der leitende Arzt der Lungenheilstätte bei Lohr, Dr. Pischinger. Nachdem der Vorstand des Vereins zur Bekämpfung der Tuberkulose, Regierungs- und Kreismedihinalrat Dr. Egger eine Begrüßungsansprache gehalten, eröffnete der Regie­rungspräsident die Ausstelluug, indem er aus die Bedeutung derselben hinwies, insofern sie es sich zur Aufgabe gestellt habe, die Bevölkerung über die Gefahren der Tuberkulose aufzuklären und über die Bekämpfungsmittel und die er­zielten Erfolge zu belehren. Nach DankeLlvorten an die hessische LandesversiciMungsanstalt sür Ueberlassuug der Ausstellung schloß der Redner mit einem Hoch auf Den Prinz­regenten. Ter Vorsitzende unserer Landesversicherungs- an,talt. Geh. Regierungsrat Dr. Dietz, hielt -sodann einen längeren Vortrag über den Kampf gegen die Tuberkulose, insbesondere über Inhalt uno Zwecke des Museums. Ge­legentlich des sich unter Führung des Geh. Regierungs- rats Dr. Dietz anschließenden Rundgangs nahmen insbe­sondere der Regierungspräsident uno der Bischof Verau- lassung. Geh. 9iar Dr. Tietz iyre volle Anerkennung über das Tu vertu lose museum uird seine edlen, der leidenden Mensch­heit dienenden' Ausgaben auszudrücken. Tas Museum ge­langt demnächst aus Ersuchen der betreffenden Behörden in den meisten größeren Städten Bayerns, so zunächst in Schweinfurt, Aschaffenburg, Bayreuth, Bamberg, Hof, Fürth usw. zur Ausstellung.

* * Die Gießener Vichmärkte für 1909 sind wie folgt festgesetzt: 12. und 13., 26. und 27. Januar; 9. und 10., 23. und 24. Februar; 9. und 10., 30. und 31. März, an letzterem Tage auch Frühjahrs-Pferde- markt; 20. und 21. April; 4. und 5., 18. und 19. Mai; 8. und 9., 22. und 23. Juni; 6. und 7., 20. und 21. Juli; 3. und 4., 17., 18. und 31. August; 1., 21. und 22. September, an letzterem Tage auch Herbstpferde­markt; 5. und 6., 19. und 20. Oktober; 2. und 3., 16. und 17. November; 7. und 8., 21. und 22. Dezember. Nom Monat März ab sinden an jedem zweiten Viehmarkt­tage auch ein Krümermarkt statt.

* * Lehrer Personalien. Zurückgenommen wurde das dem Lehrer Joh. Flach zu Groß-Karbeu sür eme Lehrerstclie an der Geinemdeschule zu Harxheim zugefettigte Dekret auf sein Nachjucheu und beschlossen, ihn dis aus weiteres auf seiner seit­herigen Stelle zu belassen. Uebertragen wurde dem Lehrer Will) Hedrich zu Oppenrod eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Treis a. d. Lda.

* * P o st - P e r s o n a l n a ch r i ch t e n. Angenommen als Te- legrapheugehilf innen Karoline 5) a b e n i ch t und Ottilie L i - powsky in Gießen; als Postagent Landwirt Friedrich Schneider in Ostheim.

Erledigt ist eine Steueraufseher stelle bei dem Hauptsteueramt Mainz.

"Inden Ruhesland versetzt wurde am 26. Febr. d. I. der Lehrer an der Gemeindeschule zu Hohenstadt Gg. Lorz auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner lang­jährigen treuen Dienste, und ihm aus diesem Anlaß das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Groß­mütigen verliehen. (Hohenstadt ist eine dec hessischen Exklaven in Baden und liegt in der Nähe von Wimpfen.)

* * Aus dem Bureau des Stadtth eater^ Auf verschiedene Anfragen hin sei mitgeteilt, daß Die vorgemerlten Billetts zum Ey > o l d t-Gastspiel am nächsten Dienstag jederz^' zu den Bureaustunden an der Theaterkasse tu Empfang genommen toeroen können.

Das Ko Losse um nimmt nach der kurzen Fastnachts- pauw morgen lerne Vorstellungen wieder aus. Im vorderen Lokaf spielt von jetzt ab eine ungarische Kapelle.

Zum ding er Bant krach. Der Zusammen­bruch des Bankhauses Rothschild-Wertheimer zieht immer weitere Kreise. So finden unsere Leser im Inseratenteil der heutigen Nummer die Eröffnung des Konkursverfahrens über das Vermögen des GerichlsreferendarS Emil Burk nm» geteilt, der ebenfalls mit Hosrat Rothschild Geschäfte machte und dabei sein Vermögen einbüßte. Auch an diesem Konkurs ist der Vorschuß- und Kredit-Verein Ober-Block, stadt beteiligt, der eine Wechselforderung von über 60000 Mk. on Burk hat. Im übrigen sind die Verhältnffse des Ober- Mockstädter Vereins noch sehr wenig geklärt und es wird noch mehrere Wochen tmnern, bis em genauer Ucberblicf über bie Verhältnisse möglich ist. Die Eingaben über die Verluste der Kaffe beruhen lediglich auf Schätzungen, immerhin stehl jetzt schon die traurige Wahrheit fest, daß sie aiißerordenttlch groß sind und jedenfalls m die Hunderttausende gehen. Jeden­falls sollte dieser Zusammenbruch den tändtichen Genossen­

schaften eine Mahnung sein, von der gesetzlichen Möglichkeit der beschränkten Haftung Gebrauch zu machen. Wohl die wenigsten derartigen Kaffen werden eine Leitung haben, die das Banklvesen genügend versteht, um ohne den Rat von Anderen die Geldgeschäfle führen zu können. Kominen sie dann zil einem Hosrat Rothschild als Ratgeber, so ist die Gefahr des Zusammenbruchs für sie groß. Einen gewissen Schutz bietet m einem solchen Falle eben die beschränkte Haftung, während die unbeschränkte Haftpflicht für viele Ge­nossen bei einem Konkurs direkt den Bettelstab bedeutet. Bei dec Größe der Ober-Mockstädter Verluste _ würde es sich üb­rigens empfehlen, auch dort behördlicherseits Untersuchungen anzustellen und zu erwägen, auf welche Act eine Sanierung der Verhältnisse möglich ist. Die Nachricht, daß Alt­bürgermeister Möckel sich in einer Nervenanstalt befinde, ist übrigens unrichtig. Er ist begreiflicherweise sehr über die Verluste aufgeregt, befindet sich aber sonst wohl in Ober- Mockstadt. Ueber den Aufenthalt des flüchtigen Hofrats Rothschild ist immer noch nichts bekannt geworden.

?Daubringen, 4. März. Tie Quellsassung unserer Wasserleitung, die in der Gemarkung Alteubuseck liegt und nun­mehr zum Teil vollendet ist, wurde von der Tiefbau-Unternehmer­firma Peter Schepp u. Preis in Burkhardsfelden ausgeführt, der auch die Ausführung des Hochbehälters übertragen worden ist. Letzterer ist schon in Arbeit genommen und soll am 1. Mai in Betrieb gesetzt werden.

Grünberg, 5. März. Ueberfallen und schwer mißhandelt wurde auf der Straße von Deckenbach nach Höringen ein auswärtiger Hausierer, den Landleute am nächsten morgen halb erstarrt und in bedenklichem Zustande auffanden.

X Nieder-Gemünden, 5. März. Unser pflichttreuer Bürgermeister, Direktor der hiesigen Molkerei-Genossen- schaft, hat vorgestern einen Schlaganfall erlitten, so daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird.

§ Unter-Seibertenrod, 5. März. Die nochmalige Verpachtung der Gemeinde-Feld- und Waldjagd hat sich über alles Erwarten gelohnt. Bei der heutigen wieder­holten Verpachtung der Jagd erhielten sieben Herren aus Ulrich­stein den Zuschlag für ihr Höchstgebot von 502 Mk. Seither kostete die Jagd nur 180 Mk., bei Der Neuverpachtung erzielte sie nur 310 Mk., jetzt also einen Mehrerlös von 322 Mk. gegen den seitherigen Pachttietrag.

(:) Deckenbach, 6. März. Eine Hiobspost bekamen gestern die Mitglieder der vor Jahren verkrachten hiesigen Spar - und Darlehnskasse, Indem ihnen mirgeteilt wurde, daß zur Deckung der Passiven einstweilen jedes Mitglied 1000 M k. beizutragen habe. Da nun ein großer Teil der Mitglieder wenig ober gar kein Vermögen besitzt, so inüssen auch noch die anbern nach bem Genossenschaftsgesetze für biese hasten.

X Berns selb, 6. März. An unserem mit einem be- beutenben Kostenaufwand errichteten Wasserwerk hat jetzt auch bie Gemeinde Atzenhain teilgenommen, während bie gutsituierte Gemeinde Bleidenrod die günstige Gelegenheit, gesundes und billiges Trinkwasser zu erhalten, leider ungenützt vorübergehen ließ, trotz­dem dort die Wasserverhältnisse viel zu wünschen übrig lassen.

A bleu-Ulrich st ein, 5. März. In der Arbeiter­kolonie befanden sich Ende Februar 101 Arbeitslose. In Vieser Frequenz macht sich schon das bessere Wetter bemerk­bar, denn den 35 Zugängen standen nicht weniger als 48 Ab­gänge gegenüber. Davon gingen 29 auf eigenen Wunsch, während 3 durch die Kolonie und 6 durch eigenes Bemühen Stellung erhielten. Wie immer, war die Zahl der un­gelernten Arbeiter unter den Kolonisten mit 25 am größten. Merkwürdigerweise befanden sich auch 18 Angehörige der Landwirtschaft sinter ihnen, sowie 'ein ehemaliger Lehrer.

-j- Lauterbach, 4. März. Für die vielen Wander- freunde Gießens, die regelmäßig die Pfingsttage zu einem Ausflug nach dem Hoherodskopf und Taufstein benutzen, wird eS sich empfehlen, dieses Mal den Rückweg nach der Lauterbacher Seite des Vogelsbergs hin zu unternehmen, d. h. wenn zwei Tage zur Verfügung stehen. Dec schönste Abstieg ist entschieden der markierte Waldweg über Hopf- mannsfeld und Frischborn und von dort durch das in den letzten Jahren mächtig aufgeblühte Fabrikdocf Blitzencod nach der altehrwürdigen Stadt Lauterbach. Da am zrveiten Pfingst­tage der Blitzenröder Gesangverein seine Fahnenweihe durch ein großes Gesangs- und Volksfest feiert, so bietet sich dem Wanderer in Blitzenrod noch Gelegenheit, ein richtiges Früh- lrngsfest in Gottes freier Natur mit zu verleben, bevor von Lauterbach oder vom Orte selbst aus die Rückfahrt angetreten ivird. Da Blitzenrode an der Bahnstrecke LauterbachGreben­hain liegt, so läßt sich der Besuch des Festes selbstverständlich auch in einem Tage ermöglichen. Nähere Einzelheiten mit 'Angabe der paffenden Zugverbindungen werden seinerzeit im Anzeigenteil dieses Blattes erscheinen.

R. B. Darmstadt, 5. März. Gestern fand im neuen Iustizgebäude unter Vorsitz der Fürstin Erbach-Schön­berg eine Vorstandssitzung des Vereins Braunsharoter Heim, Schutzverein für entlassene weibliche Ges angene statt. Es wurden meist interne Angelegenheiten behandelt, u. a. die Vorbesprechung für die am 21. d. Mts. ftattfinbenbe General­versammlung.

)( Marburg, 5. März. Als heute auf dem Hauptbahnhof 58tei) verladen würbe, riß sich ein Stier los und ging burch. Beim Wicdereinfangen bes Tieres würben zwei Personen verletzt. Aus dem nördlichen Teile des Kreises Frankenberg ivird gemeldet, baß bort ber Schnee stellenweise noch einen halben Meter hoch liegt.

W. F r a n k f u r t a. M., 5. März. Die Stadwerordneien- versammlung erklärte sich heute mit ben von bec Regierung für bie Errichtung eines staatlichen Reformgymnachums in Dachsenhausen gestellten Bebingungen einverstanden, sprach sich aber Dagegen aus, baß, wie der Magistrat roünjchte, an ber Anstalt auci) eine Borchule eingerichtet werbe. Heute nachmittag um Drei Uhr fanben Friedhossarbellec auf dem Frankfurter Friedhof den etwa 50 Jahne alten Trenftmann Heinrich Ruppel tot auf bem Grabe leiner Frau liegend auf. Er hatte sich durch einen Schuß in ben Munb getötet.

R. B. Darmftabt, 5. Mürz. Vor dem Kriegsgericht ber 25. Division hatte sich heute der Unteroffizier Karl Ruhl aus Bernluti-shain zu verantworten. Er hatte einem anderen Uittcrossizier ein Portemonnaie mit Inhalt entwenbet unb sich bann aus Furcht vor Strafe, toon feinem Truppenteil entfernt. Er nahm auch ein Gewehr unb Platzpatronen mit und wollte sich, tote er behauptet, erichießen, tat es aber nicht. Ein anderer Unter» oihiiir sah ihn uml)erirren unb brachte ihn in bie Kaserne zurück. T<r Angeklagte mürbe wegen unerlaubter Entsernung und ein­fachen llam.raoendieoftahls zu 25 Tagen Mitrelarrest und §ur T eg r ab at io it, sowie zur Versetzung in die 2. Klaffe bes Soldattnstanoes Demrteilt.

Ter Musketier H. Kle h aus Orleshausen bei Bübingen von ber 6 ttnntp. Jnfant.-Reg. 168 wurde im Oktober o. Js. ciuwnedt uno ljat gleich oom ersten Tage an uch sehr ausfallend betragen innerhalb unb außer hall) des Dienstes meinte er öfters Wie j oe x<- LunLuif.-nq, tr tarn Deshalb aus einige Zell zur Unter» juu 'iig ui Duo örannuTW Lazai^tt, mürbe aoer bort wieder als gei, c entlasten, oa mau eine dauernde T'cankhell bei chm nicht leuiteUen konnte. In die Kompagnie zurückgekehrt, begann er fein,

auffallendes Betragen von neuem', verweigerte zeitweise ben Ge- hoiffam, würbe aber eines Tages erwischt, wie er mit einem Mund voll Tabak auf bem Bauch lag. Er kam schließlich weitere vier Wochen zur Untersuchung seines Geisteszuftanbes in das hiesige Lazarett. Aus dem (Shitachten bes sachverftästdigen Arztes geht hervor, baß er von Hause ans ein beschränltar täppicber Mensch, aber geistig gefunb unb für seine Tat verantwortlich erscheint, was auch auS einem an seine Angehörigen gerichteten Brief hervorgeht. Er wirb wegen Gehorsam Verweigerung und Achtungsverletzung vor versammelter Mannschaft zu b tei Monaten Gc fangnis verurteilt unb 1' Monat Haft an­gerechnet.

Neue Feuersbrünste.

Tas Meininger Hoftheater ist vollständig ausgebrannt, nur die Umfassungs­mauern stehen noch. Am Donnerstag nachmittag um halb 3 Ubr war Der Braud ausgebröchcn. Trotz der fieberhaften Tätigkeit der Feuerwehr, des Militärs unb ber Bürgerschaft war es nicht möglich, bem Feuer, bas sich mit furchtbarer Gewalt entwickelte, Einhalt zu tun. Um 11,4 Uhr war im Theater bie Probe beendet; um r/z3 Uhr staub ber Bau in hellen Flammen. Woburch bas Feuer entstauben ist, ist bisher noch unbekannt, doch vermutet man, daß es im Kellergeschoß, in bem sich bie Heizanlage befindet, ausgekommen ist, weil auch oie bort tagenden Kohlen von Beginn bes Feuers an brannten. Von ben wertvollen Requisiten, ber Garberobe unb bcn sonstigen Gegenstcinben ist ein größerer Teil zwar gerettet, boch dürfte alles stark gelitten haben. Ebenso isst von der sehr umfangreichen und wertvollen Bibliothek ber größte Teil verbrannt. Von Unglücksfällen ist bisher nichts bekannt geworden.

In Wien brach in der Möbelfabrik Herrmann Feuer aus, das einen Teil des Fabrikgebäudes vernichtete. Bei den Löscharbeiten wurden mehrere Feuerwehr­männer verletzt. Dies ist ber größte Brand, der in ben letzten Jahren in Wien vorgekommen ist. Viele Stock­werke voll wertvoller Einrichtungsgegenstände im Werte von mehreren hunderttausend Kronen sind verloren ge> gangen.

Auf der Schisfswerst Johannes Thormaehlen u. Co. in Elmshorn bei Hamburg, die 70 Arbeiter beschäftigt, brach Großfeuer aus. Die gesamte Werftanlage und die Maschinen sowie 6 im Bau begriffene Schuten sind zerstört.

Vom Clevelander Schulbrand.

Die Gesamtzahl ber Opfer ber Schulvranbkatastrophe von Clevelanb beträgt bisher 1.78, sämtlich Kinber von 5 bis 14 Jahren. Nur 80 von über 300 Kinbern sinb unversehrt bavongekommen.

Aus ben Trümmern des Schulhauses von Collingwood sind jetzt bie Leichen von 165 Kinbern geborgen. Dreizehn Kinder werben noch vermißt, eS bestehl kein Zweifel, baß auch sie b erb rannt sinb. Die Zahl ber Verwundeten wird auf hundert geschätzt. Die Polizei vermutet Brand- stifttiug. Die hohe Zahl der Opfer ist nur auf den un­glaublichen Umstand zurückzusühren, baß beide Aus­gänge ber Schule abgeschlossen waren. Mehrere Väter und Mütter umgekvmmeuer Kinder sind in Nerven­krämpfe verfallen, da sie, vor den verschlossenen Gittern stehend, hinter denen die Unglücklichen sich drängten, ohne Hilfe bringen zu können, oen Untergang der Kinder ansehen mußten. Die Jdentifi- 'crung ber in langen Reihen liegenden Kinderleichen gab Anlaß zu tiefcrgreifenden und aufregenben Szenen. Unter Tränen schritten Väter und Mütter schweigend die Reihen der entsetzlich verstümmelten, vielfach ganz ^unkenntlichen Körper der armen Opfer ab. Mit bangem Auge suchten sic nach dem kleinstefl Erken­nungszeichen, prüften die Jceste ber Klcibung, erkannten erschüttert ihr Liebstes, ober gingen von Augst unb Kummer niedergebrückt langsam weiter, von einer ber kleinen Leichen zur anbern. Die grauenhafte Erregung bei biesem bitteren Geschäft hat mehrere Eltern bem W a hn s in n nahe gebracht.

Der Portier bekundete, er habe unmittelbar nach der Entdeckung des Feuers Signale gegeben und sämtliche Türen geöffnet. Trotzdem habe er sic bann mieberum geschlossen gefuiiben. Der Mann hat burch bie Katastrophe seine eigenen brei Kiirbcr verloren. Falls cs sich bestätigen sollte, baß bie Schulbchörbe ober bie Bau-Inspektion sich Nackflässig- feien haben zu Schulden kommen lassen, wird wohl eine Reihe von Verhaftungen erfolgen.

Das Grubenunglück von HampStead.

Aus Birmingham wirb gemelbei: Die ganze Hamps- theabgrubc steht jetzt in Flammen. Tas Feuer brach am Mittwoch abend ans, nachdem bie Tagschicht gefördert war und die Nachtschicht von 22 Arbeitern eben in den 600 Fuß tiefen Schacht hmabgelassen wurde. Auf bie Notsignale ber Leute wurde der Fahrstuhl schnell heraufgewunden. Er enthielt sechs Mann, der Rest war bereits unten. Ein Rettungskorps konnte sie nicht erreichen. Tie Rettudigs^ arbeiten dauern fort, und verzweifelnde Angehörige sowie Hunderte von Zuschauern umstehen die Schachtöffnung'.

Wenig Hoffnung besteht, daß die crngcschiossenen 22 Mann gerettet werden. 2 Mann vom Rettungskorps, die weit in den Qualm vordrangen, wurden bewustlos an Die Oberfläche gebracht, konnten jedoch ins Leben zurückgerufen werden. Sie erklärten, daß es ihnen gelungen sei, mehrere Tore zu schließen, welche dus Vordringen des Rauches ver­hindern würden. Nur wenn die Eingcschlosscnen in einen abgelegenen Teil der Grube hätten flüchten können, wäre cs möglich, daß sie noch am Leben seien. Zuweilen klin­gelt Die elektrische Glocke, Doch glaubt man, Daß Erdstürze Dies bewirken.

Z>ermifd?6».

Z u der Berliner Friedberg-Affäre ist eine über- raschende Neuigkeit nulzuteileii: Direktor Bohn und seine Geliebte Fräulein Emmerich sind nach Berlin zurückgekehrt. Bohn hat sich f el b st d e r B e h ö r d e g e st e 111. Aisidemsewen Tage, an dem das Paar Berlin verließ, reifte es, wie jetzt bekannt wird, nach London und nahm dort in einem Prwathotel Wohnung. Bohn halte, um sich untentlich zu machen, sich den Schnurrbart abnehmen lassen. Er sah streng darauf, daß feine Geliebte die Wohnung nicht verließ, während er selbst ost ansging. Am Sams­tag voriger Woche eröffnete er ihr, daß es mit dem (Selbe bald zu Ende gehen werde. Ta man ihr ja nichts anhaben könne, so sei es das beste, sie kehre nach Berlin zurück. Er selbst werde noch oeriud)en, Beschäftigung zu finden. Gelinge ihm das nicht, so weide er nach Südamerika iahren oder ebenfalls nach Berlin ziirückkehren. Fräulein Emmerich suhr darau'hin ab, traf am Sonntag in Berlin ein und nahm bei Verwandten Wohnung. Ter Verabredung ge­mäß korrespondierten sie nicht- miteinander. Dagegen setzte sich Bohn mit Berliner Verwandten in Verbindung, folgte dann bald seiner Geliebten und stellte sich am Tonnerstag der Behörde. Tas weitere Verjähren liegt jetzt in den Händen des Untersuchungs­richters, Landgerichtsrats Kade. Wie Bohn seiner Geliebten erzählt Hal, befindet sich Friedberg noch in London. Dnrch die Selbsl- siettuntz Bohns wird das Verfahren in der Friedberg-Affäre be- jcheunigt werden, weil er die Gefchäftsbücher zu iühren haue und mit den Machinationen im Hause Friedberg am meisten oertraul