Ausgabe 
6.1.1908 Erstes Blatt
 
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tonten haben mir gesagt, daß es undenkbar sei, die Fabrikat- steuer auf Zigarren einzuführen. Warum ist es in anderen Ländern möglich? Die Banderole steuer auf Zigaretten hat keinen Koüsumnachlaß zur Folge gehabt; das Zigarcttenrauchen nimmt lit. Die Zigarette soll ein Luxusartikel sein, aber das Zwarettcn- c auch en nimmt auch in denjenigen Kreisen zu, die nicht zu den bemittelten gehören. Tie Taballteuer ist auf derselben Grund­lage möglich, aber sic muß gewisse Sicherheitsventile haben. Meine feste wissenschaftliche Ueberzeugung ist es, wenn die Tabak­fabrikatssteuer richtig eingeführt wird, ist sic möglich. Die Steuer muß so gestaltet sein, daß die Zigarre 1 Pfennig teurer wird. Ich fürchte auch nicht für den Konsum. Wir dürfen in die Steuern der Einzelstaaten nicht eingreifen, aber die große Masse der Steuerzahler kann sehr wohl tut beut)eben Reiche stärker herangezogen werden bei Tabak. Zn keinem Lande der Welt raucht man besser und billiger als in Deutschland. Ich glaube den Tabakfabrikanten nicht, daß die Steuer nicht durch­führbar sei. Ich fürchte allerdings, daß die kleinen Betriebe leiden werden; jede indirekte Besteuerung hat die, e Wirkung. Redner erinnert an die Biersteuer in Bayern, wo viele kleine Brauereien eingegangen sind. Eine solche Erscheinung ist un- vernteidlich. Redner glaubt, daß die nationalliberale Partei )ich diese Frage noch überlegen werde. Der Block sei gefährdet, wenn er an verschiedenen Strängen ziehe; die Kvnservatwen ließen sich auf direkte Steuern nicht ein. Bis jetzt fei ber Block nur von nationalliberaler Seite gefährbet worden. Ich war über­rascht, so führte Prof. Biermer weiter aus, als etn national- liberaler Führer den Kampf mit einem hochangesehenen preutz. Minister vom Zaune brach. Im Augenblick, wo bei dir eben Steuern der Block auseinandergeht, ist der tertius gaudeus das Zentrum, das sich die Tabaksteuer leisten kann ohne befurchten zu müssen, Mandate zu verlieren. Das möge sich die national- liberale Partei wohl überlegen. Ich bin mit meiner Ansicht in sehr guter Gesellschaft, denn sämtliche deutsche Finanzmmifter teilen sie.

Der nächste Redner war Herr Redakteur Vetters. Er Bemängelte es, daß Herr Dr. Osann sich nicht noch energi)d}cr gegen das neue Vereins- und Versammlungsrecht ausgesprochen habe. Er bedauert es ferner, daß die schönen Versprechungen Osanns hinsichtlich ber Tabaksteuer von Prof. SSiermer so ohne weiteres und brutal über den Haufen geworfen seien. Er)l heißt es, so führte er aus, die stärkeren Schultern sollen be­lastet werden. Das verrieten wir auch. Professor Biermer aber sagt, ber Konsument, bie große Masse, muß bezahlen. Un­ter der Zollpolitik haben wir eine Teuerung bekommen, unter ber die Masse ganz bedeutend leidet. Redner fuhrt dann die Wehrsteuer an, die auch zur Verbesserung der Fi>l...lzen eingeführt werben solle und auch nur eine Belastung ber weniger Bemittel­ten barsteile. Dr. Osann lagt, es sei notwendig, das Verant­wortlichkeitsgefühl zu stärken und das billige ich. Das sollte aber auch bei Ausgaben der Fall sein, wie die ber Kolonial- politik. Redner kritisiert bann ferner die Ausführungen Dr. Osanns über bie Wahlrechtsfrage. Die Liberalen hätten alle Veranlassung, für bie Einführung des Reichstagswahlrechts in den Einzelstaaten einzutreten.

Nach einigen kurzen Bemerkungen des Herrn Jnderthal, ber sich zustimmend zu ben Ausführungen Osanns äußerte, nahm Herr Abg. Dr. Osann noch einmal das Wort und führt etwa solgenbes aus: Herr Professor Biermer steht auf einem anderen Standpunkte als ich und ber größte Teil ber Partei. Bereits in den 80 er und 90 er Jahren ist auch von uns betont worben, baß man einen Ausgleich zwischen birekten jmb indirekten Steuern suchen müsse, wenn man durch indirekte Steuern die Minderbe­mittelten belaste, dann müsse man zum Ausgleich die Bemittelten durch direkte Steuern stärker heranziehen. Wir haben jetzt in Hessen die größte Progression, ob es möglich ist, sie in Hessen noch höher zu gestalten, ist fraglich. Wenn wir nur auf indirekte Steuern angewiesen werden, so wird gesagt werben, daß wir nur die Minderbemittelten belasten. Diesen Vorwurf müssen wir der Sozialdemokratie aus der Hand nehmen. Einen Ausweg bietet bie Reichserbschaftssteuer. Ich glaube nicht, baß der Pa­triotismus erschüttert werben könne, wenn man die Erbschafts­steuer stärker heranzieht. Das wäre sonst ein trauriger Pa­triotismus. Es sollen keineswegs alle Erbschaften besteuert wer­den, sondern nur größere. Wenn wir bezüglich ber Tabaksteuer auf andere Staaten blicken, so sehen,wir, welche enrrmen Summen aus dem Tabak erzielt werden. Aber aus Rücksicht auf die Sozialpolitik und aus Schonung der kleinsten Fabrikanten haben wir g rnint, daß der Tabak zur Steuer nitit heran g 53gen werden dürfe. Wir haben ein Interesse an ber selbständigen Erhaltung der kleinen Fabrikanten und des Mittelstandes, ber ein Bollwerl abgibt gegen die Sozialdemokratie. Maßgebend ist nicht allein, was aus einer Steuer tzerausgezogen werden kann, sondern daß auch viele kleine Existenzen dabei vernichtet werben. In den Kreisen großer Fabrikanten wirb die Steuer beifällig auf­genommen, weil sie ihnen die Konkurrenz vom Halse schafft. Wir wollen auch bie Heimarbeiter weiter erhalten, wollen sie nicht brotlos machen und sie wieder den Fabriken Angewiesen sehen, denn fte bilden den mittleren Bürgerstand. Zur Affäre P a a s ck e, die Professor Biermer kurz erwähnt hatte, bemerkte Abg. Osann, daß sie so schlimm nicht fei, wie Prof. Biermer sie euffaffe. Wir haben, so führt er ans, es in unserer Partei zum großen Teil bedauert, daß Kriegsminister v. Einem ange­griffen werden mußte, weil er für bie Angelegenheit Hohenau und Lynar verantwortlich ist. Der Angriff galt eigentlich einer andern Stelle, dem Militärkabinett, bas ihm ja gar nicht unter­stellt ist.

Redner ging bann auf die Ausführungen des sozialdemokrat. Redners ein und sagte hinsichtlich des Vereins- und Ver­

sammlungsrechts, daß er sich mit aller Entschiedenheit für eine freiheitliche Ausgestaltung dieses Gesetzes ausgesprochen habe. Wir haben bis jetzt keine gesetzlichen Bestimmungen, icnbern nur eine freie Handhabung. Bekämen wir einmal eine reaktionäre Regierung, dann stünden wir noch schlechter da als Preußen und Sachsen Was die Teuerungsverhältnisse anlangt, )o sind auch von sozialdemokratischer Sette ganz andere Ansichten geäußert als vom Vorredner. Die Teuerung ist nicht erst durch den Zolltarif gekommen, sondern war schon längst vor unsrem Zolltarif im Anzuge. Oder hat unser Zolltarif vielleicht auch bie Teuerung in Oesterreich, Rußland und der Schweiz hervorge- rufeu? Es hat mich gewundert, daß bar Vorredner die Wehr­steuer als Krüppelsteuer bezeichnet hat. So unsozial sind wir doch nicht, daß wir die armen kranken Krüppel noch besonders belasten wollen. Alljährlich werden über 100 000 Militärpflichtige wegen des Präsensstandes nicht angenommen. Es sind gesunde, riajtigc Leute unter ihnen, die nur das Glück haben, durch bie Losung freizukommen. Ist es da nicht gerechtfertigt, daß sie für diesen Vorteil gegenüber ihren Kameraden wenigstens zu einer Steuer herangezogen werden. Die Wehrsteuer hat sich in Oester­reich sehr gut bewährt, ebenso in der Schweiz, dem Eldorado der Sozialdemokraten. Warum sollen wir sie nicht auch bei uns ein führen?

Zum Schluß kam der Redner noch einmal auf die Tabak- befteuerung zurück und wies auf den bedeutenden Unterschied in der Fabrikation der Zigarette und der Zigarre,hin. Die Zigarette werde maschinell hergestellt in ganz großen Betrieben und wenn ihr Konsum sich nicht gemindert habe, so fei das noch kein Grund, daß ber Zigarrenkonsum sich nicht vermindern werbe. Das mache für den Einzelnen recht viel aus, menn er 1 Pfennig pro Zigarre mehr bezahlen müsse. Die ganz kleinen Fabrikanten müßten erhalten bleiben. Redner schloß seine Aus- lührungen mit den Worten: Wir werben die Sozialdemokratie auch weiter überwinden, wenn es gelingt, unsere Sozialpolitik sortzusetzen.

Der tzejsische für 1908.

Auf Grund des Voranschlags zum neuen Staatshaus­haltsetat ist mit Genugtuung die Tatsache konstatiert wor­den, daß derselbe für die direkten Steuern, also Ein­kommen- und Vermögenssteuer, bei aller Vorsicht in der Beurteilung der augenblicklichen wirtschaftlichen Verhält­nisse um 612 000 Mk. höher gegen das Vorjahr angesetzt werden konnte. Im Etat für 1907, in welchem der Finanz- Minister ausdrücklich diefortdauernde Besserung unserer Erwerbsverhältnisse" hervorhob, betrug die auf Grund der Steuerveranlagung berechnete Mehreinnahme einschließlich der Wandergewerbesteuern 651000 Mk., deren Ertrag im neuen Voranschlag um verschiedene Tausend Mark niedriger eingeschätzt werden mußte. Es erhellt daraus, daß trotz derdrohenden Rückschläge im Erwerbsleben", auf welche der Minister im vorliegenden Finanzbericht hinweist, eine annähernd gleiche Mehreinnahme aus den direkten Steuern für 1908 zu erwarten ist, die S t e u e r k r a f t des Groß­herzogtums sich also noch in einer erfreulichen gleich­mäßigen Steigerung und Entwicklung befindet. Um so betrübender gestaltet sich dagegen der Ausblick auf die materiellen Anforderungen, die das Reich auch im neuen Jahr an Hessen, wie an alle übrigen Bundes- staaetn stellt. Das KapitelVerhältnis zum Reich", das übrigens in unserem Etatsvoranschlag stets die ominöse Nummer 13 führt, gibt darüber näheren Aufschluß. Der Herr Finanzminister ist gewohnt, bei der Verabreichung bitterer Pillen den Patienten möglichst schonend zu be­handeln. Er tut das au'ch hier wieder und iveist zunächst darauf hin, daß bei der Aufstellung des Voranschlags, da der Reichsetatsentwurf für 1908 noch nicht vorlag, der Anteil des Großherzogtums an der Einnahme des Reichs aus den Branntweinsteuern und den Reichsstempelabgaben und die an das Reich zu zahlenden Matrikularbeiträge in Anlehnung an die Festsetzungen des laufenden Reichs­etats eingestellt wurde mit einer Spannung, die der durchs das Reichsgesetz vom 3. Juni 1906 seftgelegten vorläufigen Belastung der Bundesstaaten von 40 Pfg. auf den Kops der Bevölkerung entspricht, wonach sich die Einnahme auf 4 035 340 Mk. und die Ausgabe, auf 4 519 000 Mk. stellt; die Mehrforderungen des Reiches an die Bundesstaaten werden dann stets bis zum Juli des drittfolgenden Jahres gestundet. Nun ist aber schon eine solche Mehrforderung von 560639 Mk. aus dem Jahr^ 1906 vorhanden und für 1907 ist eine solche voranschläglich im Betrage von rund 1314 000 Mk.. festgestellt, wovon laut Etatsgesetz der auf Gewährung von Teuerungszulagen an die mittleren und unteren Reichsbeamten entfallende Betrag, insoweit er in der Reichsrechnung für 1907 keine Deckung findet, den Reichsausgaben für 1909 zugeschlagen wird, der Rest, rund

Gieszener SLadttheater.

Gießen, 6. Januar.

Der gestrige Sonntag abend brachte ein älteres Fabrikat der bekannten, nun erloschenen Firma Blumenthal u. Kadel- burg, einen Schwank in drei Aufzügen, benannt »Die Orientfahrt." Selbstverständlich ist der Ausgangspunkt dieser merkwürdigen Reise das moderne Berlin W. Die drei Aufzüge spielen tn dem eleganten Salon Robert Fiedlers, des Besitzers einer chemischen Fabrik. Fiedler unternimmt auf Ansliften seines Teilhabers Hans Brückner mit seiner jungen Frau, Henny, eine Orientreife. Henny will aber schon in Dresden nicht mehr mithin und reift nach Berlin zurück, während ihr Gatte die Reise allein fortsetzt. Die auf den Namen Hennys ausgestellte Rundreisckarle wird dem Dresdenei Hoteldiener zum Weiteroerkanf übergeben. Eine Künstlerin mit dem schönen Namen Sarah Bartholdy erwirbt diese Karte, fahrt mit demselben Zuge, den Fiedler benutzt, und kommt selbstverständlich auch ihm gegenüber im gleichen Avteil zu sitzen. Dieser Umstand und die Vorschrift der Un­übertragbarkeit von Rundreisekarten geben die Voraus­setzung zu einer Reihe von Verkettungen, bie geschickt mit allerlei Witzchen ausgestattet sind. In der Türkei wird der Zug von Räubern überfallen, ausgeraubt und ein Teil ber Fahrgäste wird zur Erpressung eines Lösegeldes ent­führt. Natürlich befindet sich auch Fiedler unter diesen Geiseln. Und nun arbeitet der Telegraph. In Berlin jagen sich die Extrablätter und verkünden die grause Tat, die dadurch dort besonders interessant wird, daß ein Berliner dabei ist, und zwar, wie es heißt, mit feiner jungen Frau. Was doch alles der unerlaubte Verkauf einer Rundreise- Zarte verschuldet ! Im Hause des Kommerzienrats Herbig, des Schwiegervaters Fiedlers, der als ganz unglaublicher Trottel und Pantoffelheld gezeichnet ist, wirken diese Nach­

richten wie eine Bombe. Marianne, die energische Frau des Kommerzienrats, glaubt dem öffentlichen Skandal da­durch^ vorzubeugen, daß sie Henny ihrem Gatten nach dem Orient entgegenschickt, um wenigstens eine gemeinsame Ankunft des Ehepaares in Berlin herbeizuführen. Die Ab­reise Hennys wird aber zunächst durch allerlei Zwischen­fälle erschwert, vornehmlich durch einen Preßbanditen, eine auch für einen Schwank ganz unmögliche Figur. Endlich aber kommts zur Abreise. Doch die von Frau Marianne erhoffte Wirkung bleibt aus. Ein edler Türke, namens Mitrovics, ein Reisegefährte Fiedlers, hat sich in dessen vermeintliche Frau, die schöne Sarah, bis über beide Ohren verschossen und kommt eine halbe Stunde später als das Fiedlersche Ehepaar in dessen Wohnung an, um in Gestalt der falschen Frau Fiedler seinen Harem mit der sechsten Gattin zu zieren. Zum Schluß ist Sarahchen so liebenswürdig, ebenfalls rechtzeitig im Hause zu erscheinen und alles bestens aufzuklären. Und endlich empfehlen sich, nach alterprobtem Rezept, als Verlobte Frl. Thea Fiedler und Herr Hans Brückner. Steht dieser Liebes­roman auch in keinerlei innerem Zusammenhang mit ber übrigen dürftigen Handlung des Stückes, so ist er doch recht nett gemacht. Der Abend bedeutete einen Erfolg. Besonders auch für die Regie, die Reimer-Schlegel führte, der gleichzeitig den trotteligen Kommerzienrat mit viel Humor und Erfolg darstellte. Luise Bonä stand ihm als seine Gattin würdig zur Seite, während Dorle M a i f a r t h als beider Tochter einen ganz entzückenden Backfisch gab. Frl. M o r e 11 als Henny war wohl ein wenig zu ernst für diese Schwankfigur, van der Becke als Fiedler und Roden als Brückner fanden den rechten Ton und damit auch den Beifall des Publikums. Von Goll wurde der Türke, von Sachs der üble Federfuchser und von Gar eis der Konsul Bock angenehm dargestellt.

800 000 Mk., aber mit dem sich rechnungsmäßig ergebenden Betrag im Jahre 1910 der Reichskasse erstattet werden soll. Dann aber sagt der Finanzbericht:Das Ergeb­nis 190 7 wird sich voraussichtlich sehr viel un«i günstiger stellen, indem einmal das Soll der Ueber- weisungen jedenfalls nicht erreicht werden wird, was die Herauszahlung für 1907 erhöht, und indem weiter in der eigenen Wirtschaft des Reichs sich insbesondere durch Mindereinnahmen ein erheblicher Fehlbe­trag ergeben wird, der seinerseits wieder ungünstig auf den Abschluß des Reichsetats 1909 einwirken muß. In­zwischen ist nun auch der Reichsetatsentwurf 1908 dem Reichstag vorgelegt worden. Er schließt ab mit einem Fehlbetrag von 124 Millionen, wovon 24 Millio­nen von den Bundesstaaten gleich zu zahlen wären von Hessen also der im Hauptvoranschlagsentwurf vor­gesehene Betrag (nämlich 584 468 Mk.), der Nest aber bis 1911 gestundet bliebe. Trotz der Neichsfinanz- reform von 1906 wachsen also die Ansprüche des Reichs an die Bundes st aaten in einem geradezu Besorgnis erregenden Maß." Dre Minister gibt im Anschluß daran der Hoffnung Ausdruck, daß es dem Zusammenwirken der gesetzgebenden Faktoren gelingen möge, unter Schonung der den Bundesstaaten zur Erfüllung ihrer eigenen Ausgaben dienenden Einnahme­quellen in den Haushalt des Reiches baldigst die unerläßliche gründliche Ordnung zu bringen. Wenn der Finanzbericht dann zum Ählusse meint, für Hessen könne wenigstens der Umstand einiger­maßen beruhigend sein, daß es seinen Teil an ungedeckten Matrikularbeiträgen vorerst zu Lasten seines Ausgleichs­fonds zahlen könne und somit der Abschluß von Etat und Rechnung von der ungünstigen Finanzlage des Reichs zunächst wenigstens unberührt bleibe, so ist das angesichts der vorerwähnten Mehrforderungen für 1906 und 1907 doch nur ein recht bescheidener Trost!

Der A u s g l e i ch s f o n d s, auf den der Finanzminister hinweist, hat zurzeit einen Bestand von 5 919 487 Mk., also nahezu die erwartete Höhe von 6 Millionen. Aber die im Vorjahre gehegte weitere Annahme, daß er aus den Einnahmen des Jahres 1907 einen weiteren Zuwachs von 1483 300 Mk. erhalten werde, wird sich leider nicht er­füllen, da, wie schon erwähnt, die Einnahmen aus dem Eisenbahnbesitz nicht in dem erwarteten Maße gestiegen sind. Das wird auch die unerwünschte Folge haben, daß die für 1908 der Schuldentilgung gleichzuachtende Ab­führung an den Ausgleichsfonds nicht die bei Beratung des vorjährigen Voranschlags erwartete Höhe (3/6 Proz. der Staatsschuld) erreicht. Aus dem Kapitel Nachträge ist endlich noch zu erwähnen, daß analog den Gehaltsaufbesse­rungen im Vorjahre im neuen Etat auch zur Aufbesserung der Vergütungen an die Assessoren, Kreisamtsbureau­gehilfen, Gerichtsschreibergehilfen und Finanzaspiranten ein Betrag von 17 000 Mk. und zur Bestreitung eines Umlage­beitrags zur Fürsorgekasse für bie Beamten der Land­gemeinden usw. ein Betrag von 31526 Mk. eingestellt wor­den ist.

Im zweiten Teil des Etats, beut Vermögen steil» in erben im ganzen für bauliche usw. Herstellungen unb sonstigen Beschaffungen 14 447 000 Mk. angeforbert. Dar­unter befinbet sich eine Forberung von 200 000 M k. zur Bekämpfung ber Reblausgefahr, auf wel­chen Betrag sich voraussichtlich bie Kosten für Beseitigung ber Reblausherbe in ben Gemarkungen Kempten unb Wöll­stein-Gumbsheim belaufen werben. Für Neu- resp. Erweite­rungsbauten im Bereich bes Ministeriums bes In­nern werben 1375 732 Mk. verlangt, barunter Bauraten für bie Lanbesbaugewerkschule Darmstadt, bas Schullehrer­seminar unb bas Kreisamtsgebäude zu Bensheim, bie Einrichtung ber Irrenanstalt Alzey, für Einrichtungen im Gymnasium Offenbach usw. Beim Justizministerium entfallen von ber Gesamtanforderung von 1699 944 Mk. auf bie Anlegung neuer Grundbücher 1371370 Mk., auf Bauraten für das Justizgebäude Mainz, die Amtsgerichts­gebäude Ober-Ingelheim unb Nidda, das Justizgebäude und das Amtsgericht zu Gießen die übrigen Summen, während im Bereich des Finanzministeriums von den ins­gesamt 10 468800 Mk. auf Beschaffung von Betriebsmitteln der Eisenbahnen, erste Nuten für die Bahnhöfe zu Bens­heim, Grünberg unb Wiebelsbach-Heubach, bie Bahnhofs-

Die Aufführung bürste noch mehrere Wieberholungen er­fahren. B.

Watteau als Nachfolger Joachims. Es wird sicherlich auch unser Gießener Publikum intereffieren zu hören, daß der bisherige Leiter des Genier Konservatoriums uns hier durch sein vorlrefstiches Violinspiel bestens bekannte Henri M a r t ea u als Nachfolger Joachims an die Berliner Hochschule iür Musik be­rufen worden ist. Wie es heißt, soll Joachim selbst sich noch kurz vor seinem Tode für die Ernennung Marteaus zu seinem Nach- olger ausgesprochen haben. Ueber Leben und Bedeutung Marteaus sind den Lesern des Gießener Anzeigers erst kürzlich, anläßlich des ersten Konzerts des hiesigen Könzertverems, ausführliche Wüteiluugcn gemacht worden. Marleau, der tn diesem Konzert spielte, gehört zu den berühmtesten Geigern der Gegenivart.

B r a u n s ch w e i g, 4. Jan. Im herzogl. Museum fand heute Mittag im Belsem Wilh. Raabes eine Ehrung des Dichters statt. Der Herzog-Regent hatte eine vom Bildhauer Müller in Eharlottenburg gefertigte Büste des Dichters dem Museum über- wiesen. Der HerzogMegent richtete eine Ansprache an Raabe, in der er unter anderem sagte, daß er die Büste dem Museum schenke aus Hochachtung vor dem Dichter, den er seit langer Zeit kenne und schätze. Der Dichter dankte mit kurzen Worten.

kleine Kun sich ronik. Karl Gold marks dreiaktige Oper v.W l n t e r m ä r ch e n" hatte bei der Uraufführung an der Wiener Hoioper großen Erfolg. Am besten ist der zweite Akt, der mr sich eine kleine komische Oper bildet, worin der 78jährige Komponist rn einer Fülle heiterer Melodien schwelgt. Auch in den übrigen Akten, m Liedern, Chören, Märschen, Tänzen ist die Musik überaus graziös, entbehrt aber auch in den ernsten Partien nicht großer Kraft und Wucht. Für einen T h e a t e r n e u b a u, ver­bunden mit einer Festhalle, bewilligten die Stadtverordneten in . 6 u 600 000 Mk. Bon der Bürgerschaft wurden an einem Tage etiva 80 000 Btt. gezeichnet. Der Galle der Gräfin Montignosv, o s e l l i aus Florenz, wird am 16. Jan. in der Philharnionie zu -ü er 11 n em einziges Konzert veranstalten, das elfte in Deutschland. - bekanntlich bereute mi vorigen Jahre der französ. Schriftsteller 3mes Huret Lcutschland und veiöfsenllichte zahlreiche amüsante Feuilletons darüber imFigaro", von denen wir wiederholt Notiz nahmen. Jetzt hat H. diese Aussätze gesammelt als Buch heraus­gegeben und von der sra>izös. Regierung ivurde ihm das Rttlerkrem der Ehrenlegion dafür verliehen.