Ausgabe 
29.12.1908 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Neurath-Klein-Linden bcntfte im Namen der n^d) auswärts verzogenen Kameraden für die Einladung und gedachte der bereits verstorbenen Schulkameraden. Die Kameraden Sommer und Straßheim verschönerten die Feier durch Gesangsdvrträge. Kamerad Neurath gedachte der Kameradinnen, die ebenfalls dieses Jahr ihren 40. Geburtstag vollendeten und brachte ein Doch aus sie aus. Bei Gesang und weiteren Ansprachen nahm die Feier einen schönen Verlauf.

r. Staufenberg, 26. Dez. Am letzten Mittwoch wurde ein Arbeiter von Sichertshausen, der in Mainzlar bei Scheidhauer il Gissing arbeitet, abends aus dem Keimweg von Mainzlar nach Sichertshausen nieder­geschlagen und schwer mißhandelt. Dar Mann hatte 'seinen Lohn von c<l 50 Mk. bei sich, worauf es der oder hie Täter jedenfalls abgesehen hatten. Zum Glück hatte er aber sein Geld in den Unterhosen verwahrt, und dadurch fanden sie nichts bei ihm.

u. Stein heim, 28. Dez. In Gegenwart des Rc- gierungsrats Dr. Merck, deS Schulrats Kleinschmidt und des Regierungsbaumeisters Kalbfleisch beschloß heute der Gemeinde» rat die Erbauung eines Schul Hauses nut zwei Sälen und zwei Lehrerwohnungen. Der Ban wird über 40000 Mk. kosten. Das seitherige erste Schulhaus soll verkauft werden. Da die Gemeinde für den Neubau kein geeignetes Gelände zur Verfügung hat, ist geplant, einen Bauplatz bei der dem- nächsligen Feldbereinigung der Gemeinde zuteilen zu lassen. Für den Besitz der Gemeinde wurde die Feldbereinigung eben­falls heute beschlosien. Die Sammlung der Unterschriften zur Einleitung des Verfahrens soll demnächst beginnen.

r. Londorf, 28. Dez. Wie bereits ,Litgeteilt wurde, bringt das Rhein-Mainische Verbandstheater am Veranlassung des hiesigen Kriegeroereins am 1. Januar im Saale des Gasthauseszur Stadt Gießen" das Molläre'schc LustspielDer eingebildete Kranke' zur Aufführung. Nach dem großen Interesse, das der Aufführung des Ver­bandstheaters im vorigen Winter von hier und Umgegend entgegengebracht wurde, darf man annehmen, daß auch in diesem Jahre der Besuch sehr rege werden wird, zuiual die Eintrittspreise diesmal niedriger sind.

L. F r i e d b e r g, 28. Febr. Am 2. Weit)nachtsfeiertaac waren 75 Jahre vergangen, daß das Mathilden st ift Fried­berg ins Leben gerufen wuroe. Am 26. Tezemoer 1863, dem Vermählungstage Ludwigs III. mit der Prinzess m Mathilde von Bayern stifteten eine Anzahl gleichgesinnter AUnner ein Kapital, das der Anstalt als Grundswck diente. Die Großherzogin Mathilde verlieh ihr den FrontenAiathildenstift" und durch den Beitritt sämtlicher Gemeinden des Kreises unö durch die von ihnen über­nommenen Garantien wurde sie sicher gestellt. Aus kleinen An­fängen entstanden, hat die Kasse sich bedeutend entwickelt und auch in sozialer Beziehung wohltätig gewirkt. Sv wurden nach und nach in fast allen Gemeinden des Kreises durch jährliche Unter­stützungen Industrieschulen ins Leben gerufen. Tie Gewerbeschule zu Friedberg und Butzbach, die Ackerbauschule, die Vereine für VolLüildung wurden mit Mitteln bedacht; noch jetzt erhalten viele wohltätige Institute des Kreises als auch außerhalb jähr­liche Gaben. 1865 war es sogar möglich geworden, aus Mitteln des Mathildenstists die 9Nnthckoenstr>tung zur Rettung verwahr­loster Kinder im Streife Friedberg ins Leben 311 rufen, die heute noch besteht und sehr segensreich wirkt. Im Jahre 1899 wurde die bestehende Anstalt Friedberg-Butzbach in zwei selbständige Kassen getrennt. Ihr Zweck ist, Sparsamkeit zu wecken und Wohltätigkeit £u üben. Um dies' zu erreichen, gibt die Sparkasse den Bewohnern der Gemeinden Gelegenheit, ihre Ersparlüsse sicher anzulegen, auch in den kleinsten Beträgen!, leistet Darlehen 511 mäßigem Zins­füße und verwendet die sich ergebenden Ueberschüsse zu gemein- uützigen Zwecken, sowie zur Prämiierung von Dienstboten nach langjähriger, treuer Dienstleistung. Zu Ehren der Gründung vor 75 Jahren fcnrd am 3. Feiertage üt den Räumen des Hotel Trepp eine Feier statt, bei der sich der Direktor des Viathildenstifts, Herr Hieronimus, in ausführlicher Weise über die Ent­stehung und Entwickelung des Instituts verbreitete. Von feiten der Regierung waren erschrenen Regierungsrat Dr. Gaßner, ferner noch die Bürgermeister und Vertreter der einzelnen Vereins­gemeinden sowie die Auffichtsräte der Stassen von Friedberg und Butzbach. Bei dem Festessen wurden Toaste auf S. St'gL H. den Großherzog, das Mathildenstist, seine Leiter mti) Beamten aus­gebracht.

O Laubach, 27. Dez. In dieser Woche veranstaltete die unter der Leitung des Kammerrats Bröckelmann stehende Handfertigkeitsschule in ihren Räumen eine Aus- 'stellung der von ihr gefertigten Gegenstände. Die Schule wurde von 22 Schülern des Gymnasiums, im vorhergehenden Jahre von 18, besucht, die sich mit Papp-, Buch­binder-, Laubsäge-, Kerbschnitt-, Holzbrand-, Metall-, Schrei­ner- und Dreherarbeiten beschäftigten. Namentlich waren in den ersteren Arbeiten gediegene Leistungen zu sehen. Große Ruhesessel bis zu den feinsten, kleinen Laubsägear­beiten erregten die Bewunderung der Beschauer, während die aufgelegten Metallarbeiten nur spärlich vertreten waren; für letztere scheint die Begeisterung nicht sonderlich zu sein. Der Leiter der Schülerwerkstätte, der für die uneigennützige verdienstvolle Förderung des Unternehmens sich reichlich verdient macht, gab die ausgiebigsten Erklärungen zu ben ausgestellten Arbeiten.

X Freienseen, 28. Dez. Am zweiten Weihnachts- seiertag erlitt der Abendzug, der als letzter Zug nach Mücke fährt, eine einstündigc Verspätung durch einen Kesseldefekt, der auf hiesiger Station konstatiert wurde. Dadurch wurde der Anschluß cm den Zug Fulda-^ Gießen nicht erreicht. Die nach Gießen und weiteren Sta­tionen Fahrenden mußten sich zu einem Uebcrnachten in Mücke bequemen.

R.B. Darmstadt, 28. Dez. Im Großh. Residenz- schloß werden demnächst einige größere Umbauten und Verbesserungen ersorderlich. So ist ein Diauerputz der Mlichen Fassade, ein Ersatz des schadhaften eisernen Ge­länders und der Holzgesimse aus dem südlichen Dach des Lerbindungsbaus zwischen Kaisersaalbau und Glockenbau durch Steingesimse usw. beabsichtigt, wofür ein Betrag von 9000 Mk. im neuen Staatshaushaltsetat eingesetzt ist, während für Reparatur des schadhaften Hausteinportals am Silberbogen und Ersatz der verwitterten Hausteine 3230 Mk. angefordert werden. Im Vcrmögenstell des Etats ist noch für einen Umbau des fünften As,embleezimmers im ersten Obergeschoß des Kaisersaalbaus, das wie die vier vorderen Assembleezimmer int Stile Ludwigs XVI. hergestellt werden soll, ein Betrag von 9800 Mk. und für die Herstellung eines Zimmers im zweiten Obergeschoß des Meißen Saal- baus ein Betrag von 12800 Ml. vorgesehen worden. Im Großh. Hofstall in Darmstadt erfordert die Umdeckung des sehr schadhaften Ziegeldaches auf dem Hauptgebäude 5400 Mk. Im Großh. Palais zu Mainz soll die Herstellung mehrerer Zemmer zu Wohnräumen für fürst­liche Gäste mit einem Kostenaufwand von 11200 Mk. er­folgen. Ferner wird im Großh. Schloß zu Friedberg für verschiedene Herstellungen und Verbesserungen ein Be­trag von 7800 Mk. angcfordert. lieber 300 armen Ob­

dachlosen ist in Darmstadt eine schöne Weihnachts- reu de bereitet worden. Auf Anregung des Revierkom­missars Bergmann war mit Hilfe gesammelter Privatmittel in der Turnhalle am Balkonplatz eine Weihnachtsfeier für Obdachlose arrangiert worden, an der 179 dieser Aermsten unter den Armen teilnahmen. Beim Glanze des strahlenden Christbaums hatten sie an vier langen Tafeln Platz ge­nommen und wurden zuerst durch eine kräftige Mablzeit, Suppe, warme Wurst mit Kartoffelsalat, Kaffee und Gebäck, reichlich bewirtet. Wie stark der Appetit war, geht daraus hervor, daß über 1300 Würstchen, ly2 Zentner Kartoffelsalat, 200 Laib Brot und je ein Hektoliter Suppe und Kaffee ver­zehrt wurden. Ter Feier wohnten auch Polizeidireltor Re­gierungsrat Dr. K r a n z b ü h l e r und Pfarrer Bogel bei, welch letzterer während des Essens Worte der Erbauung an die Versammelten richtete. Dann fand auch eine all­gemeine Christbescherung statt, bei der sämtliche Obdach­lose mit Weihnachtsgaben, z. B. wollene Hemden, Strümpfe, Stiefel usw. und einer Tüte Weihnachtsgebäck bedacht wur­den. Es war auch für sämtliche 179 Obdachlose für Nacht­quartier gesorgt worden. Eine nicht minder schöne Weih- liachtsfeier fand früh morgens in der Herberge zur Heimat statt, wo 130 durchreisenden Wanderern eben» falls nach einer Ansprache des Oberhofpredigers Ehr­hardt eine Christbescherung bereitet und dabei nützliche Kleidungsstücke, Lebensmittel usw. überreicht wurden. Ein Hebers all auf einen Unteroffizier des hies. Feldartillerie-Regts. Nr. 25 wurde in der Nacht zum zweiten Weihnachtsfeierlag in der Elisabethenstraße unternommen. Der Unteroffizier trug eine Kopfverletzung davon; die un­bekannten Attentäter enttarnen. Aus der Zwangs­erziehungsanstalt für Knaben (St. Josefs-Stift) bei Klein-Zimmern waren kürzlich wiederum drei Zög­linge entsprungen. Sie wurden am zweiten Weihnachts- l'ciertag in Darmstadt von der Polizei auf gegriffen und nach der Anstalt zurückgebracht.

-d. Mainz, 28. Dez. Zu der Mord aff ar e in de r Familie Racke wird noch gemeldet: Der Mörder hat eingestanden, daß seine Schwester Lisbeth ihn flehentlich bat, sie doch am Leben zu lassen. Als sich das Mädchen in die Ecke des Zimmers flüchtete und die Hände gegen ihren wahnsinnigen Bruder vorstreckte, schlug er ihr mit dem Brot­messer in das rechte Handgelenk und schoß ihr eine Kugel in die Schläfe. In seinem Zimmer hatte er die Türe durch einen Ofen und einen Wandschirm verbarrikadiert, so daß der Polizeikommissar, als der Mörder die Tür geöffnet hatte, über diese Gegenstände klettern mußte. Heute morgen wurde der Wahnsinnige wieder dem Untersuchungsrichter vorgeführt, er gibt immer wieder an, daß er seinem Vater nicht stummer wegen der Aufgabe seines Studiums habe machen wollen. Der ermordete Racke wurde vor einigen Jahren vom Papste infolge feiner Tätigkeit für die katho­lische Sache zum Geheimkämmerer ernannt.

6vN. Hochelheim, lieber Rabenschäden wird in einzelnen Dörfern des Hüttcnberges sehr geklagt. Die ichadenbringenden Schwarzröcke kaffen sich in großer Anzahl auf den Saaläckern nieder und reißen die jungen Sämlinge mutwillig samt den Wurzeln aus.

-r. Altenschlirf, 28. Dez. Ein bedauerlicher Un­glücks fall ereignete sich hier vorige Woche. Der schon bejahrte Slnecht des Gastwirts Rahn, mürbe von einem Pferd so unglücklich gegen den Leib geschlagen, daß er bald darauf starb.

x Marburg, 28. Dez. Wie die hiesigen Zeitungen berichten, ist hier ein Luftbahn-Projekt entstanden. Es handelt sich dabei um eine Kombination von Luftschiff und Lahn oder auch um die zwangsweise Führung eines Luft­schiffes, das zur Aufnahme von 60 Personen geeignet ist. Die treibende Straft wird durch Kabel von außen zugeführt und eine Geschwindigkeit von 150200 Kilometer erzeugt werden. Wenn die nötige finanzielle Unterstützung nicht aus­bleibt, soll die erste Lmie uach Frankfurt über Glei­berg, Münzen berg und Saalburg eingerichtet werden.

h. Frankfurt a. M., 28. Dez. Aus Grund der Sta­tistik der Ortskrankenkasse stellt die städtische Arbeitsver­mittelungsstelle fest, daß der Arbeitsmarkt im No­vember still war, daß aber allzu pessimistische Auf­fassungen von der Hand zu weisen seien. Am zweiten Feiertag wurde von Griesheim ans der erste Ausstieg mit Leuchtgasfüllung unternommen. Der Ballon Ziegler des Frankfurter Vereins für Luftschiffahrt stieg unter Führung von Herrn Sauerweiu mit drei Insassen auf und landete nach vierstündiger Fahrt bei Bubenheim a. Rh.

Weihnachtsfeiern.

Gießen, 28. Dez.

Unsere durch die Weihnachtsurlauber stark gelichtete Garnison trat am Nachmittag des heiligen Abends um 4 Uhr zum Garnisongottesdicnsit an, der für die Katholiken in der katholischen Kirche, für die Protestanten in der Stadtkirche ftattfanb. 9tach dem Gottesdienst flammten überall für die einzelnen Kompagnien hergerichtete prächtige Weihnachtsbäume in den Kasernenstuben auf. Weihnachts­lieder ertönten und der Herr Hauptmann hielt hier und da eine kernige Ansprache an seine Leute. Dann ging jeder der jungen Vaterlandsverteldiger an den Gabentisch, au die in Gestalt von Pfeifen, Zigarrenspitzen, Tabaksbeuteln, Unterhosen, Hemden, Strümpfen, Taschentüchern, Filz-Pan­toffeln, Zigarren und Tabak das Christkindlein den Slinbcrn in zweierlei Tuch beschert hatte. Man hatte nicht nur jeden Wunschzettel respektiert, fonbent braßen und tüchtigen Soldaten noch eüt Uebriegs beschert. Nachdem die Mann­schaft dann das Abendbrot verzehrt hatte, trafen die Kame­raden wieder unter dem Weihnachtsbaum zusammen, um gemeinsam ein Fäßchen Bier zu leeren, wozu sich auch die Mutter der slornpagnie, der Herr Feldwebel, und die Unter­offiziere usw. eiltsarrdeu. Alle Pande frommer Scheu waren in Rücksicht auf den Weihnachtsabend natürlich nicht gelöst, aber doch gelockert, es l-errfchte, solange noch Stofs im Fasse war, eine wahrhafte Fidelitas in der Kaserne. Um 11 Uhr waren die Fässer geleert, und der Zapfenstreich trat ein.

Ter Evang. Arbeiterverein hielt am letzten Sonntag im Saale von Steins Garten seine W e i h n a ch't s - feier ab. 'Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vor- Ichenden Obertabllothetar Dr. Heuser sang der Gemischte bzw. Frauenchor des Vereins unter Leitung seines Diri­genten Musillehrers Gernhardt zwei gut zum Vortrag ge­brachte Wechnachtschöre. Allgemeinen Beifall fanden die Deklamationen und Gesangsvortrüge des Kinderchors. Das von Mitgliedern des Gemischten Chors aufgellchrte Theater­

stückEin heiliger Wend" trug wesentlich zur Verschöne- rung des Abends bei Den Schluß der Feier bildete eine Verlosung._____________

EroheL Lrdbeben in Italien.

In denselben Gebieten Kalabriens, die int Jahre 1907 von dem Erdbeben betroffen wurden, erfolgte gestern rüh 5 Uhr 25 Min. ein überaus [tarier, wellen- örmiger Erdstoß, der 32 Sekunden dauerte und be­sonders zwischen Monteleone und Katanzaro gespürt wurde. In Monteleone stürzte die Bevölkerung trotz >es strömenden Regens schreiend und ianunernb, halbnackt auf die Straße. In Stefanaeomi sind auch bte Bc- Hausungen völlig zerstört, die das Erdbeben 1907 übrig gelassen hatte.

Messina, Augusta und andere Städte sind voll- tandig zerstört, Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen getötet. Eine Unzahl von^Häusern sind eingestürzt und begruben zahllose Opfer unter )en Trümmern. Von Cannitello steht kein Stein auf dem andern. Bei Eatania herrscht ein starkes Meer­beben, wobei viele Fischerboote untergingen.

In Maletto wurden zwei Kirchen stark beschädigt, 55 Häuser zerstört; in Belpasse stürzten zwei Häuser ein; in San Giovanni bei Giarre sind zehn Häuser eingeftürzi In Ri P 0 st 0 stürzte das Dach einer Kathe­drale ein; andere Kirchen und das Rathaus drohen einzu> stürzen. Die Meereswellen, die eine Höhe von 10 Metern erreichten, dringen in die Häuser ein. Zahlreiche Gemeinde­verwaltungen melden den Zusammenbruch von Häusern.

Das Erdbeben wurde heute früh auch in verschiedenen Orten Siziliens verspürt. In Caltanisetta und M i n e 0 riefen die Erdstöße eine große Panik hervor. Die Bevölkerung kampiert zum Teil auf den Straßen und Plätzen. In Nota, wo die Erschütterung dreißig Sekunden fang anhielt, versuchten die Strafgefangenen auszubrechen, doch stellte Militär die Ordnung wieder her. Aus Lingua- glossa und Santa Severina werden Erdstöße ge­meldet; Einzelheiten darüber fehlen noch. In allen Orten find viele Gebäude beschädigt. In Stefanaconi wur­den drei Menschen getötet, sechzig wurden verwundet unter den Trümmern der cingestürzten und beschädigten Gebäude hervorgezogen. In San Gregorio wurden zwei Men- scheu getötet. Ministerpräsident Gio litti entsandte zwei Beamte zur Feststellung des durch das Erdbeben ange­richteten Schadens und spendete 20000 Lire zur ersten Hllseleistung.

In Reggio di Calabria hat das Erdbeben ähnliche Verwüstungen angerichtet tote in Messina. In Palermo betrug die Tauer des Erdbebens 32 Sekunden. Die tele­graphische und telephonische Verbindung auf und mit Si­zilien ist außer der Kabelverbindung zwischen Neapel und Messina unterbrochen; auch der Eisenbahnverkehr auf der Insel ist ins Stocken geraten.

Von Catania sind fünf Dampser zur Hilfeleistung abge­gangen. In Ragnara wurden viele Bewohner getötet.

Nach einem vorn Kommandanten des Torpedobootes Spiea" an den Marineminister abgesandten Telegramm ist die Stadt Messina zum Teil zerstört lüoröen. Mehrere Hundert Häuser sind eingestürzt. In Palmi forderte das Erdbeben mehrere Hundert Opfer. Die Stadt selbst erlitt schwere Beschädigungen.

Die letzten Nachrichten aus Messina lauten erschreckend. Tie Zahl der Opfer wird auf mehrere Tausend veranschlagt. Die Regierung entsendet 4000 Mann Truppen zur Hisie- leistung. Unter den Trümmern ist eine Feuersbrunst ausgebrochen. Der Diebe wegen ist der Belagerungs-- zustand verhängt worden. König Viktor Ema­nuel erfuhr die Nachricht von dem Erdbeben auf der Jagd. Er kehrte sofort zurück und hatte eine längere Unterredung mit Gioletti. Alle Kriegsschiffe, die in Ntgpel vor Anker liegen, erhielten Befehl, sofort nach Calabrien abzu­gehen. Tie Gefchwader-Tivifion, die nach Palmas unterwegs ist, erhielt Befehl, schleunigst zurückzukehren. Der Bürger­meister von Palmi berichtet, daß in seiner Stadt 500 Per­sonen getötet und m e h r e re H u n de r t v e r w undet worden sind.

vermischtes.

* Das Ende der Wunder Jenas. Ara, caput, draco, mons, pons, vulpeeula tnrris, Weigeliana domus: septem mtracula Jenae. Diese Aufzählung der 7 Wund« Jenas bat heute nur noch historische Bedeutung. Bon beu 7 Wunoern verschwindet eines nach dem andern. Zuerst siel das berühmte Weigelsche Haus der Moderntsicrung Jenas zum Opfer, dann brannte der Fuchsturm nieder und nun soll auch die alte Brücke niedergerissen werden. Tic CamSdorser Drücke, die Jena mit feinem Vorort Wenigen Jena verbindet, wird nun bald fallen imb einer zweckmäßi­geren Ueberbrückung der Saale Platz machen. TaS mehr als ein halbes Jahrtausend alte Bauwerk, seit langem ein Kreuz und ein Zankapfel der beiden Gemeinden, die mit Staat und Eifenbahnverwaltung über die brennende Frage nicht ins Reine kommen konnten, ift in diesen Tagen end­gültig zum Tode verurteilt worden. Lange scheiterten alle Pläne an der Tatsache, daß die Brücke zur Hälfte der Stadt Jena gehört und zur anderen Hälfte der Gemeinde Wenigen- jena, oder nach anberer Lesart dem Staat die Regetang der Sache zukomme und der Eifen bahn siskus, der bet einer Veränderung die Saalbahn hier höher legen müßte, auch ein Wort mitzureden habe. Jetzt endlich ift eine Einigung erzielt, und da an eine Verbreiterung des berühmten Dau- Werks nicht zu denken ift, so wird damit ein interessantes Zeugnis aus aller Zeit verschwinden. Im Jahre 1377 hat nach sicheren Quellen hier schon eine hölzerne Brücke ge­standen, die zu Anfang des lo. Jahrhunderts der jetzt noch bestehenden steinernen gewichen ift, die nun in fünf Jahr­hunderten den schwersten Anprall von Wassersnot und Eis­gang getrotzt hat. Aus Quadern, die von den Burgen des Hausbergs stammen, soll sie in jener Zeit erbaut worden sein; vom Jahre 1416 wird in einer Chronik berichtet, daß eine Klause auf der neuen steinernen Brücke errichtet worden ist, in welcher ein Manie um Almofen für die Brücke bitten sollte. Mehrere Inschriften auf der Brücke erinnern an merkwürdige Ereignisse, die sie erlebte: an einen Reiter, der im Jahre 1717 mit seinem Pferde von der Brücke herab in die Saale sprang, und an schwedische Kriegs­gewalt. lieber diese berichtet die Chronik Martin Schmei- zels aus dem Jahre 1746 (neu herausgegeben 1908 bei Beruh. Vopelius in Jena) unter dem Jayre 1637 das fol­gende:Am 20. Januar kam der schwebischc Generalmajor Torsto Stalhantsch mit vielem Volk an, welches von den Kayserlichen verfolget worden: sie tarnen vom Steiger und dasigen Bergen herunter. Dieser General ließ am 3. Febr. den letzten Schwibbogen der Saalebrücke nach Camsdors zu abwerfen, wobey 36 Menschen teils in Waßer umkom- men, teils von den Steinen erschlagen worden." 1638 wurde aus Balken das fehlende «tück der Brücke ersetzt, aber schon