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5.3.1908 Erstes Blatt
 
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tafntijtet, daß der Antrag Zehnter in der, Reichstagskommission, nach welchem die größeren Freiheiten in einzelnen Bundesstaaten weiter bestehen bteibcn sollten, rnti Ausnahme des Zentrums von allen Parteien abgelehnt worden sei, weil darunter die Vereinheit­lichung der Bestimmungen leiden würde. Es werde Aufgabe der Regierung sein, abzuwarten, welche Stellung das Plenum des Reichstags einnehmen wird: die Stellung des Bundesrats, wie der Regierung lasse sich vorher nicht in bestimmter Weise festlegen.

Abg. Geh. Rat Haas hebt zunächst hervor, die Blütter- mieldung, als handle es sich bei der jüngften Zuschrift aus Koburg um eine Mystifikation, sei unrichtig. Redner ersucht sodann, ohne Rücksicht auf die heutige Erklärung der Regierung den Antrag ein­stimmig lmzunehmen. Jur Interesse einzelner Bundesstaaten könn­ten doll) sehr wohl Sonderbestimmuugen erlassen werden, ganz ähn- lich, wie dies auch beim Militärwesen und der Rcichspost geschehen sei. f

Abg. MvlLhan stellt fest, daß die Regierung sich mit ihrer heutigen Erklärung in direkten Gegensatz zu der großen Mehrheit der hessischen Bevölkerung und des ganzen Hauses gesetzt habe. Rach seiner Meinung bedeute der Reichseuttvurf eine große Ver­schlechterung für Hessen. Uebrigens widerspreche sich auch die Regierung selber, denn sie erkläre, sie sei gegen jede Verschlech­terung des Versammlungsrechts, während sie doch dem Bundes­staat Preußen darin bedeutende Kvnzessionen mache. Preußen könne nach den jüngsten Erfahrungen, besonders nach Anahme der Polenvoülage, für andere Bundesstaaten nicht mehr als vor­bildlich betrachtet werden. Tie Bestimmung bezüglich der Be­fugnis der Kreisräte und Bürgermeister sei jedenfalls seit langen Jahren nicht angewendet rocrbcit. Redner bedauert zum Schluß, Daß sich die Regierung nicht auf den Standpunkt der großen Mehr­heit des Hauses gestellt Hube. Das Volk werde nicht auf der Seite der Regierung, sondern auf der Seite der Freiheit stehen.

Abg. Köhler bespricht besonders den Sprachenparagraphen <üa Vereinsgese tzentwurf, während

Geh. Staatsrat Krug von Nidda sich eingehend über den Gesetzentwurf selbst und dessen EntstehungLgelch^chte verbreitet. Schon in den ?0er Jahren sei die Vereinheitlichung des Vleir- sammlungsrechts dringend verlangt worden. Der Bundesrat könne lid) nicht auf die Schaffung Don Sonderbestimmungen einlafsen, das sei Sache des Reichstages.

Abg. Tr. Fulda versucht darzulegen, daß die vom Staats- Minister angezogene Bestimmung der Kreis- und Provinzial- resp. Städteordnung überhaupt nicht zu Recht bestehe. Er werde mit seinen Parteifreunden iraend einer Beschränkung der Freiheiten niemals seine Zustimmung geben

Tie Besprechung über den Antrag ist damit erledigt und der­selbe wird zur mündlichen Berichterstattuirg einem Referenten überwiesen werden.

<SS folgt nunmehr die

Fortsetzung der Generaldebatte über den Etat.

Dbg. Ulrich ergeht sich zunächst in. allgemeinen Ausfüh- tfcmgen über den Staatshaushaltsetat und die finanzielle Lage Hessens. Betrachtet man die Zahlen allein, st könne man wenig Aus­stellungen dagegen machen. Wenn aber die Regierung erfiäre, daß auf die vielen Vorstellungen der Beamten erst nach dem Abschluß der Reichsfinanzreform zurückgekommen werden solle, so tonne er sich damit nicht einverstandeil erklären. Tie hohe Zahl der Vorstellungen lasse auf die große Notlage namentlich in den unteren Beamten kl affen schließen. Eine Lösung dar Reichs- srnanzreform werde nur in Verbindung mit der Einführung direkter Reichssteuern zu ermöglichen sein und um diese würden auch die Rationalliberalen nicht herumkommen, die sich ja in Hessen selber nicht darüber einigen könnten: er erinnere nur an die darüber bestehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Abgeordneten Reinhardt und Tr. Osann, auch seien ja die Unklarheiten in der freisinnigen Partei in dieser Frage bekannt. Eine Steuer­erhöhung werde in Hessen auf die Tauer nicht zu umgehen sein. Em Glück sei ja d.ie Schaffung des Ausgleichsfonds, der aber schon durch die voraussichtlichen Mindereinnahmen aus den Eisen­bachrüberschüssen stark in Anspruch genommen werden dürfte. Bei einer Steuererhöhung schlage er besonders eine Erhöhung der Vermögenssteuer und progressive Steigerung für die größeren Vermögen vor. Ter Redner wendet sich dann eingehend gegen dst statistischen Darlegungen des Abg. Reinhart und bestreitet, daß die Steigerung der Löhne mit der Steigerung der Lebens- mittelpreise gleichen Schritt gehalten habe. Redner beklagt sodann die Verschlechterung der Offenbacher Ver-kehrsverhältnisse und die Umleitung der Mombacher Güterzüge und bespricht dann in sehr breiter Weise (b.ie statistischen Angaben .über die Arbeitslöhne. Tann wendet sich der Redner gegen die Ausführungen des Abg. Tr. Osann über die Offenbacher Angelegenheiten. Er gebe zu, daß Tr. Dnllo in der Anlegung der städtischen Gelder Fehler gemacht habe, man müsse aber auch die eigentümliche Lage beim Antritt der Stellung mit in Rücksicht ziehen. Ein Hauptfehler liege in den unzulänglichen Verhältnissen der Slädteordnung, die bei Revision der Städteordnung al'geändert werden müßten. Tas, was Tr. Tullo bei Anlegung der Gelder passiert sei, könne auch jedem Verwaltungsbeamten paffteren. Tie Hauptschuld trage auch nicht der Bürgermeister, sondern ein Verwaltungsbeamter. Nach seiner Meinung sei Offenbach nicht schwerer zu regieren, wie das geliebte Darmstadt des Herrn Tr. Osann. Man müffe vor allem- eine strengere regierungsscllige Kontrolle verlangen. Auf dem parlamentarischen Abend habe er hervorgehoven, daß er den Berliner Temonstrationen beigewohnt habe und solche Tinge bet uns nicht für möglich halte, weil bei uns in Hessen solche Demon­strationen nicht verboten sind. Er habe dabei das Recht zu demon­strieren hervorgehoben und bemerkt, daß dieselben friedlich ver­liefen, wenn nicht die Polizei gleich auf die große Masse losschlüge. Gerade durch Temonstrationen derart, wie sie seine Partei für notwendig halte, werde die Gewalt vermieden. Die Entrüstung Tr. Osanns sei überflüssig, in den Demonstrationen liege nicht ein Appell an dste Gewalt, sondern der Gedanke eines friedlichen Ausdrucks. Tas Zusammenkommen waffenloser Leute, schließe von vornherein jede Gewalt aus, man tocibe sich hüten, mit der Waffe in der Hand zusammenzukommen und sich dafür hinschlachten zu lassen. Er erinnere daran, daß es gerade die Vorfahren der heutigen Liberalen gewesen seien, die durch das Hessenland zogen und Temonstrationen machten, wie kleinlich sei dagegen doch das heutige Geschlecht, das schon die Ankündigung einer Temon- stration fürchte. Zum Schluß bemerkt Redner: Wenn sich Abg. Wolf darüber beklage, daß er die Äußerungen dem Abg. Brauer gegenüber nicht jurücfgenommen habe, so erkläre er sich noch jetzt dazu bereit, wem: auch Abg. Brauer seine vorhergegcmgeneu Be­merkungen zmücknehme. Als der Redner bann weiter aussührt, daß Abg. Brauer doch von den Verhältnissen von Berlin wirklich gar nichts gewußt habe, wurde er durch allgemeine Oho-Rufe unterbrochen. Redner schließt dann mit einigen allgemeinen Be­merkungen über die Stellung feiner Partei ztrm Et au

Minister des Innern Braun lvendct sich zunächst zu den Ausführungen, der Abgg. Adelung, Molthan nnö Tr. Osann inoetresf der nicht erfüllten Erwartungen über die Tätigkeit der beiden Ständekammern. Er legt dar, daß nur die Gesetze über das Vogelsbergprojett und bie Gerneindeumlagen noch nicht zur Vorlage gelangt seien, wahrenb anbererseits eine Reihe neuer Vorlagen eingebracht, aber vom Hause nicht er lebig t tuurben; allein vorn Ministerium des Innern mürben 14 Gesetzentwürfe vor gelegt, die in der Thronrede nicht angekündigt waren. Selbst luenn man als Mildertmgsgrund nicht die große Arbeitsüberlastung gelten lassen wolle, so werde man doch nicht der Regierung irgend welche Schuld an den mangelnden Ergebnissen der gesetzgeberischen Tätig­keit zuschiebeu wollen. Die Kammer habe noch eine Reihe von Geietzentwürfen unerledigt gelassen, die schon vor Jahren dem Hause vorgelegt wurden. Tie Regierung konnte die neue Geineinde- umtogenDorfage mich nicht wieder einbringen, weil int Sommer v. 2. eine neue Probev . ranlag ung stak « and und die ?Kcgierung es auch für erwünscht hielt, verschiedene wichtige Fragen über Die gewerbliche Veranlagung, Konsilium cllne, W »h inj , ouöwärt oc Filialen usw. auch durch den hessischen Handetstäinmenag bi au. achten zu lassen. D-r Minister verbreitet sich oann c tu gehend Über die jüngst in Hessen erfolgten Kvsfenvi fravvakiinu n und gioi einen genauen Bercckst über den Banktrach in Büdingen, ubei welchen fich der Minister an Ort und Stelle persönlich iniormicrt hat. §,te größte Schuld an den dortigen Unterschleisen trage

der Bürgermeister, Der Dem Bankier Rothschild zu großes trauen entgegenbrachte und ihn mit dem Tepot der Stadt ganz nach Gutdünken schalten ließ. Nur auf diese Weise war es auch möglich, daß R. die sicheren Papiere durch wertlose Stücke ersetzte, Obligationen der Zuckerfabrik Stockheim, die bereits von 190204 eingelöst waren. Ten Gesamtschaden, welcher der Gemeinde Bü­bingen durch den Zusammenbruch'des Bankhauses entstehen dürfte, schätzt der Minister auf 86 000 Mk. Der Bürgermeister erklärt, er habe von den Papieren nichts verstanden, und dem Herrn Hofrat habe derartiges kein Mensch zugetraut. Er trat sofort freiwillig vom Amte zurück. Zur Sicherung des Schadens der Genteinbe wurde auf das Haus des Bürgermeisters eine Hypo­thek eingetragen, auch auf alle Fälle die Summe von 86 000 Mark zur Masse der in Liquidation befindlichen Zuckerfabrik Stockheim angemelbet und zur Masse des beantragten Konkurses des Bankhauses Rothschild. Tas Endresultat dieses überaus trau- rigeit Falles ist bis jetzt noch gar nicht abzusehen. Für die Behörden bleibt zu prüfen, inwieweit die bestehenden Reglements für die Finanzverwaltungen der Gemeinden, die meistens Jahr­zehnte alt sind, der Aenderung bedürfen. Das Kreisamt hat in der Angelegenheit seine Pflicht in vollem Umfang erfüllt und hat keinerlei Verschulden. Bezüglich des Offenbacher Falles stellt der Minister fest, baß weder Die Stadt Offenbach, noch bas Kreisamt, itod) bas Ministerium ein Verschulden an der verzögerten Genehmigung der Anleihe treffe. Tie Angelegenheit sei in allen Instanzen so schnell wie nur möglich erledigt worden. Tie vom Ministerium gemachten-Beanstandungen hätten im eigen­sten Interesse der StaDt Ossenbach gelegen und besonders das Kontrollrecht der Valuta betroffen. Bez. der Anlegung der Gelder stelle er fest, daß die Regierung sofort alle notwendigen Maß­regeln ergriff, als sie allerdings erst durch die Zeitungen, Kennt­nis davon erhielt. Zu der Forderung Tr. Osanns, daß sich die Regierung erst über die Persönlichkeit Tr. Düllos hätte insor- micren müssen, bemerke er, baß bie Regierung gar kein Recht hatte, in bie Selbstverwaltung her Gemeinde emzugreisen und nach ben gesetzlichen Bestimmungen auch gar feine Möglichkeit gegeben In ar, Tr. Tullo vorher auf seine Fähigkeit zu prüfen. Den Bürgermeister nach ben Verschlungen vom Amte zu fuspeubieren, wäre rechtlich unzulässig gewesen, beim ein solcher Schritt dürfe nur geschehen, wenn em grobes Verschulden vorliege und ein längeres Verbleiben im Amt eine Gefahr für die Gerneinbe- interejfen baroöle; es wäre auer auch unklug gewesen, benn man Härte bem> Tr. Tullo jebe Gelegenheit genommen, zu retten, was noch zu retten war.

Seine Kritik bes augenblicklichen Zustandes der öffentlichen Angelegenheiten in Hesfen hat Herr Tr. Osann weiterhin nicht aus die Vorgänge in ben stillen Arbeitsräumen ber Bürger­meister unb Rechner beschränkt, fonbern auch auf polizeiliche Fragen ausgebehnt unb speziell an mich bie Frage gerichtet, ob Straßendemonstrationen von dem Umfang unb her Art, wie sie in Berlin tiorgetommen finb, in Hessen zulässig seien. Die Antwort hierauf kann nur klipp unb klar lauten: Nein". Derartigen Demonstrationen wirb in Hefsen genau fo cntgegengelieten werben, tote in Preußen. Es ist bereits zum ersten Punkt ber heutigen Tagesorbnung von Sr. Exzellenz bem Herrn Staatsmmister auf bie Rechtslage hingewiefen toorben. Danach gestaltet zwar ber Art. 216 bes Pol.-Str.-Ges. öffent­liche Umzüge ohne Musik auch ohne polizeiliche Erlaubnis. Daneben aber steht auf Gninb bes Art. 56 ber Str.-O. und des Art. 80 ber Kreisorbnung Recht unb Pflicht ber Polizei, gefahr- bringenbe ober ordnungswidrige Zustände zu beseitigen und ihre Entstehung oder Fortsetzung zu hindern. Daß aber Straßen­demonstrationen wie diejenigen in Berlin gefahrbringend für die Teilnehmer und Dritte, und zugleich mit Aufrechterhaltung der Ordnung und des ungestörten Verkehrs auf ben Straßen unverträglich finb, ist scl)on von Herrn Dr. Osann unb auch gestern aus bem Hause heraus betont toorben. Es bebarf bas ja auch gar nicht erst besonberen Nachtoeises. Je größer bie Stabt, umso mehr Elemente, über welche bie Führer und Ver­anstalter keine Macht haben, schließen sich einem solchen Aus­zug an, und auch für das Verhaltest ber eigentlichen Zugteil­nehmer können bie Führer unb Veranstalter, einerlei ob sie wollen ober nicht, umsoweniger eine Garantie übernehmen, je größer bie Zahl ber Teilnehmer ist. Damit ist die Zulässig­keit und Notwendigkeit eines polizeilichen Eingreifens von selbst gegeben. Ein Recht auf vorzugsweise Benützung bet Straße zu politischen Zwecken gibt es nicht. Unb ebensowenig gibt es einen Anspruch barauf, baß ber Vortrag eines Wunsches bei ber Krone bas Geleite von Hunderten ober Tausenben haben muß. Dazu genügt einfach eine Deputation. Jebermami im Hessenlanbe weiß, tote ber Träger ber Krone stets bereit ist, Wünsche auf bem vor geschriebenen unb allgemein bekannten Wege sich vortragen zu lassen.

Worin bas Eingreifen zu bestehen hat, ist eine Frage des Einzelsalles; in jedem Falle ist es aber so zu gestalten, daß allen Eventualitäten die Spitze geboten werden kann, für deren Eintritt den Veranstaltern einer Demonstration stets eine schwere Verantwortung zukommt. Von diesen Erwägungen sind auch die anläßlich der hiesigen Wahlreclsts-Versammlung getrofsenen Vor­sichtsmaßregeln getragen gewesen. Und wenn wegen dieser Maß­regeln in ber sozialhemokratischen Presse behauptet worben ist, baß sie aufbirette Weisung aus Berlin" zurückzusühren seien, so benütze ich bie Gelegenheit, biese Ausstreuung als eine vom ersten bis zum letzten Buchstaben jeher tatsächlichen Unterlage entbefjrenbe, glatte Ersinbung zu erklären, unb zwar auch, sofern man fie etwa bahin abschwächen wollte, baß sich we­nigstensinbirefte" Einflüsse geltenb gemacht hätten. (Beisall. Lachen bei ben Soz.)

Redner schließt: Wenn der 9Cbg. Tr. Osann in seiner Rebe weiter ber Freube barüber Ausbruck gab, baß in letzter Zeit Siege bes Bürgertums über bie Sozialbemokratie errungen wur­den, so möge das Bürgertum auch ferner einig auf ber Schanze bleiben, bann hat eS bie Sozialbemokratie nicht zu fürchten. Ich wenigstens habe keine Furcht. lieber bie Mitarbeit bei- Sozialbemokratie an unserer gemeinsamen Arbeit ist ja in jüngster Zeit erst in einem anberen Parlament verhanbelt wor­den. Auch Tür uns kann das dort Gesagte gelten. Man kann ein gutes Stück Weges mit der Sozialdemokratie zusammen gehen, erstens wenn sie mitarbeitet auf bem Boben her bcstehenben Verhältnisse unb zweitens, baß sie sich gleichbleibt, braußen wie im Parlament. Dann werben wir teilt sozialdemokratisches Hessen bekommen. Für uns soll Hessen bleiben ein srieblich unb freiheitlich gesinntes Lanb. Für besten Politik sollten nur maß- gebenb sein zwei Grunbsätze: 1. Jebem bas Seine! und 2. Mit bem Volke allesfür bas Volk! Sanctus nobis amor patriae bet animam! In biesem Sinne lassen Sie uns gemeinsam weiter arbeiten unb zu her gemeinsamen Arbeit helfe unS un­sere Liebe zum gemeinsamen Vaterlanb. (Lebh. Beifall.) Es ist mir nicht zweifelhaft, haß unsere Zusammenarbeit auch in Zukunft zum Segen für bas Laub werben wirb, solange sie sich vollzieht unter ber gegenseitigen Ueberzeugung, baß beide Fak­toren, jeder in seinem Teil, nur das beste des Volkes wollen. Darin liegt bie Garantie des Erfolges unserer Arbeit. Unb wenn es vor wenigen Tagen im Reichstage abfällig unb zwei­feln!) hieß:Na, Hessen!?" so mag es aus unseren Reihen freubig unb zuversichtlich zurückllingen:Ja, Hessen!" (Leb­hafter Beisall.)

Darauf wird die Sitzung auf Donnerstag 9 Uhr vertagt. Schluß nach 11/2 Uhr.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 5. März 1908.

** Tageskalender für Donnerstag, 5. März: Hessischer Landesverein für Frauenstimmrecht. Vortrag von Fräulein Adelheid von Wolczeck-Berlin: Die Frauen in Stadt unb Gemeinde. Einhornsaal, An­fang 8y2 Uhr.

Freitag, 6. März, vormittags 8 Uhr Musterung der Militärpflichtigen der Stadt Gießen, Jahrgang 1906, in der Turnhalle am Oswalds Garten.

* Auszeichnung. S. H. der Großherzog haben dem Oberlehrer an dem Ludwig Georgs-Gymnasium zu Darmstadt Hans Kißner den Charakter als Pcofeffor erteilt.

Ordensangelegenheit. S. K. H. der Großherzog haben dem Präsidenten des Kais. Aufsichtsamts für Privat- versicherung Wirkl. Geh. Oberregierungsrat Dr. Gruner zu Berlin das Komturkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen und dem ständigen Mitgliede dieses Amtes Negierungsrat Wey mann zu Berlin das Ritterkreuz 1. Klasse dieses Ordens verliehen.

** Der Fastenhirtenbrief des Bischofs von Mainz behandelt in längeren Ausftihrungen den herr­schenden Priestermangel.

** Die ärztlichen Fortbildungskurse. Wie wir derFrkf. Ztg." entnehmen, hat in einer Sitzung des ärztlichen Zentralausschusses für das Großherzogtum Hessen der Vorsitzende mitgeteilt, daß die Fortbildungs­kurse an der Gießener Universität von hessischen Aerztcn nicht in dem Maße besucht worden sind, daß das Weiterbestehen der Kurse sich rechtfertigen lasse.

**Die Arbeiten derSaatbau st eklen der Land­wirt schaftskämmer für Hessen, deren erste Aufgabe darin besteht, unferen Landwirten Gelegenheit zum Bezug besten Saatgutes unserer ertragreichsten Sorten landw. Kultur- pflanzen zu geben, diese zu veredeln ober neue zu züchten, haben einen schönen Erfolg zu verzeichnen. Die Neuzüchtung Erfolg des Kartoffelzüchters Böhm-Großbiederau hat in ben Anbauversuchen der deutschen Kartoffelkulturstation, bie in ben vcrschiebenen Gegenden Deutschlands ausgeführt werden, unter allen angebauten Sorten den höchsten Ertrag ergeben. Neven dieser Sorte haben auch die anderen Zücht­ungen des Herrn Böhm in den Anbaüversuchen der Land- wirtschaftSkammer sehr gut abgeschnitten. 2lußer Kartoffel- forten ist den Landwirten aber auch Gelegenheit gegeben, Saatgut von den erlragsreichsten Sorten, Hafer, Gerste, Sommerweizen aus ben Saatbaustellen zu erhalten. Die Beschaffung des Saatgutes von Sommergetreibe drängt, da die Saatzeit vor her Türe steht. Alle Landwirte sollten daher die von der Lanbwirtschastskammer zur Beschaffung von Saatgut gebotene Gelegenheit benützen und sich an diese wenden.

** Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. In feinem angelegten dritten Vortrag über Radioaktivität behandelte Privatdozent Dr. W. Schnaidt am 27. Februar das Vorkommen radioaktives Sub­stanzen in Luft und Erde. Der Vortragende führte ungefähr folgendes aus: Hat man einen elektrisch geladenen Körper isoliert in Lust aufgestellt, fo verliert er mf.t 6)er Zeit lang,am feine Ladung. T«a ein derartiger Elek- trizitälsverlust nicht staktfiiidet, wenn sich, der isolierte Körper im luftleeren Raum befindet, fo must die Luft selbst die Ableitung der Elektrizität vermitteln. Nun sind alle Gase Nichtleiter der Elektrizität, außer wenn sie durch gewisse äußere Umständeioni­siert", d. h. in den leitenden Zustand versetzt werden. Als solche Ionisatoren kommen vor allem die Strahlen radioaktiver Sub­stanzen in Betracht. Daß wir es nun auch in der atmosphärischen Luft tatsächlich mit radioaktiven Substanzen zu tun haben, wurde zuerst von den beiden Gymnasiallehrern Elster und ©eitel in Wolfenbüttel nachgewiefen. Tie beiden Forscher spannten einen langen Draht, ber auf mehrere tausend Volt negativ gelabert mar, im Freien einige Stunben aus. Dieser Draht würbe robio- aftiu, unb zwar zeigte er basselbe Verhalten wie ein Draht, der einige Zeit mit Radiumernanation in Berührung gewesen war. C!S muß also Radiumemanation in der Luft fein. T-as Ex­periment von Elster unb Geitel wurde an den verschiedensten Stellen der Erde wiederholt: überall konnte Radiumernanation uachge- toiefen werden. Ter Gehalt an Radiumernanation ist nur geringen örtlichen unb zeitlichen Schwankungen unterworfen. Es muß also stets neue Nabiumemanatioii der Atmosphäre zugeführt werden, da ja jebcs augenblicklich vorhandene Emanationsquantum innerhalb von 4 Tagen bie Hälfte seiner Wirksambeit verliert. Diese ber Luft stetig zugeführte Rabiumemanation entstammt bem Erdboben. Tenn alle Lust, bie man aus bem Boben saugt, ist stark rabioaktiv, alle Quellen bringen aus her Tiefe Rahiumemanation mit sich herauf. Tiefe Rahiumemanation wirb von bem überall in ber Erblinde vorhandenen Radium erzeugt. Eine systematische Untersuchung des Nahiumgehalts her verschiedenen Gesteine Hot nämlich ergeben, baß unsere ganze Erhrinhe rahiumhaltig ist. Tieser Radiumgehalt ist "zwar nur gering in einem Gesteinsblock von ca. 6 Meter Länge befindet sich durchschnittlich ein Milligramm Radium, aber er reicht aus, um bie Wärme bes (Stimmern zu erkläret Nimmt man nämlich an, baß bas gleichmäßig in der Erde verteilte Ziabium hieielbe Wärmemenge erzeugt, wie sie sich aus Labo­ratoriumsversuchen berechnen läßt, so ergibt sich sogar bas merk würdige Resultat, baß zur Aufrechterhaltung des augenblicklichen Wärmezustanbcs weniger Radium nötig toäre, als tatsächlich vor- Hauben ist.

** Qefkentliche Lesehalle. Jin Februar wurden 2 6 4 2 Bände ausgeliehen. Tavon kommen auf: Erzählende Literatur 1330, Zeufchruteu 528, JugenhschrUlen 210, Vers» Dichtungen 71, Literaturgeschichte 10, LänDer- und Völkerkunde 86, Kulturgeschichte 17, Geschichte unb Biographien 152, Kunst­geschichte 25, NaturwifsenschaK und Technologie 110, Heer- unb eeeiueicn 15, Haus» und Kaiihwiilscha't 13, Gesunhheitslehre 13, Religion unb Philosophie -7, Staatsmisfenschast 15, Sprachivissen- Ichasi 9, Fremdsprachliches 11 Bände. Nach auswärts kamen 114 Bände.

** 600000. Mark verloren. Ein austoärtiger Kauf­mann, der mit bem Züge von hier in Köln eintraf, ließ, währenb er einen Moment bas Abteil verließ, feine kleine Hand­tasche stehen, die 600 000 Mk. in Wertpapieren enthielt. Bei seiner Rückkehr war bie Hanbtasche verschwunben. Bisher sirib alle Nachforschimgen vergeblich gewesen.

** Diebstahl. Im Laufe ber letzten Monate sind aus einer am Schiffenberger Walb gelegenen Sandgrube 20 bis 22 Stück 4 bis 5 Meter lange Eisen schien en von einer Feldbahn gestohlen worden. Soweit bis jetzt ermittelt wurde, sind bie Schienen von einem Fuhrmann mit Pritschen wagen, her mit einem Schimmel bespannt war, wcggefahren worben.

K. G a r b e n t e i ch, 4. Äiärz. Am (Sonntag feierte her Gef angv erein Frohsinn sein 30jähriges Stif­tungsfest. Die Feier, bie zugleich als Vo l ks u nterhali tungsabenh gelten sollte, und von nahezu 300 Personen besucht war, wurde durch eine Ansprache des Lehrers Weisel von hier entspreck/end emgeleitet. Tie eine vortreffliche Schu­lung verratenden Gefangsvorträge des Vereins Frohsinn, ber, nebenbei bemerft, im vergangenen Jahre unter Leitung seines Dirigenten Sarnes aus Holzl-cim auf zwei Wettstreiten eincrn britten und einen ersten Preis errang, sowie bie üorgetragenen Konzertstücke her Kapelle Saures, ebenso verschiebene Ansprachen, meist ernsteren Inhaltes, hielten bie Anwesenden den ganzen Abend in angeregter Stimmung zusammen. Ebenso trugen bie eingeschalteten Theaterstücke, bie durchweg flott und sicher gespielt wurden, sehr zur Verschönerung des Abends bei. Sieben Mitglie­der des herein», nämlich Bürgermeister Kissel, Konrad Keßler, Jakob Schivarz IV., Gottlieb Panzer, Heinrich Sck-äck, Lubwig Wallbot IV. unb Karl Panzer, bie dem Verein seit feiner Gründung angehören, würben zu Ehrenmitgliebern ernannt.

4- Grün berg, 4. März. Am Sonntag, 1. März, fand die Mitgliederversammlung des G r ü n b e r g c r $ f c r- devcrs ich erungs Vereins in herPinn" statt. Temt Verein gehören nal-ezu 1000 Mitglieder an, mit einer Vei> sicheruirgssuimne von einer Million ÜlarE. Trotzdem in dem!

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