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3.2.1908 Drittes Blatt
 
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158. Jahrgang

Drittes Blatt

9h*. 28

Grlchelni täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

General-Anzeiger für Gberheffe«

Etat des Reichs-

Abg.

EnberS sfreis. Vp.)

führt lebhafte Klage darüber, daß die thüringischen Staaten an den gewaltigen Ueoerschüsscn der preußischen Staatscisenbahnver-

Eisenbahninspcktor seine Arbeiter auf- sozialdemokratischen Verein beizutreten.

wandt haben, wenn der gefordert hätte, einem (Sehr gutl rechts.)

deutsche Volk wünscht Ncichseisenbahnen, preußnng der Bahnen.

Damit schließt die Aussprache. Der eisenbahnamtZ wird erledigt.

Auf der Tagesordnung stehen dann

28 Berichte der

Abg. Hue (Soz.)

bespricht den Wagenmangcl im Ruhrgebiet. Es fehlen nicht nur die Wagen für die Gruben, auch für die Eisen- und Stahlwerke, die Maschinenfabriken usw. Sollte es etwa an Betricbsmaterial fehlen, so ist jetzt bte richtige Zeit, die Bestellungen zu machen. Die Elsen- und Stahlwerke dürften geradezu darnach. Es werden jetzt schon Arbcitercntlasiungcn vorgenommen. Ter Redner er­örtert weiter die Lohn- und Gehaltsverhältnisse, die der Verant-

PetltionSkommission. Im Saale sind 23 Abgeordnete anwesend.

Die Petitionen, betreffend den Unlerstützungswohnsitz, die Sicherung der Bauforderungen und die Vereinfachung des Wechsel­protestes werden an die betreffenden Spezialkommissioncn über­wiesen. Sämtliche Petitionen, zu denen keine Wortmeldungen vorliegen, werden nach den Anträgen der Kommission erledigt. Sobald aber eine Wortmeldung vorliegt, schlägt der Präsident Absetzung von der Tagesordnung vor unddas Haus" stimmt dem zu. Es ünd dies Eingaben betreffend die Abänderung bc3 § 91 des H G. B., Aenderung des Münzgesetzes, des Elsaß-Loth­ringischen Berggesetzes, ferner betreffend die Rechtsvcrhältnisie der Bureaubcamten bei den Rechtsanwälten usw., die Rechtsver- bältniffe de§ Gesindes, die Aufhebung der Stcmpclabgabe auf Er­laubniskarten für Kraftfahrzeuge und schließlich die Petition

Redaktion, Expedition unb Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: bl»

Redaktton:^^ 112. Tel.-Adr.: AnzelgerGleßen-

Mg. b. Bieberstein (lonf.):

Die Löhne sind gerade bei der Eisenbahn so hoch, daß ein Ab- stromen der Arbeiter von der Landwirtschaft stattfindet. Diese er­leidet dadurch großen Schaden. Auch wir stehen auf dem Stand­punkt, daß die Streckenarbeiter und Bahnarbeiier unbedingt ange- messen bezahlt werden müssen. Sicherlich vertritt der preußische Eiscnbahnminister denselben Grundsatz. Denn er hört, daß irgend, wo die Löhne sehr schlecht sind, so wird er mit freudigem Herzen dafür sorgen, daß sie bester werden. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Reumann-Hofer (freis. Vgg.)

führt Klage darüber, daß die Eisenbahnbeamten, die nicht in Preußen wohnen, in anderen Staaten das Wahlrecht zum. Landtag verlieren. Sie werden dadurch zu Unrecht eine? wich­tigen bürgerlichen Rechtes beraubt. Bedauerlich ist, daß der Präsi­dent kein Wort für die Wünsche der thüringischen Staaten. gehabt hat. Diejenigen deutschen Einzelstaaten, die noch selbständige Bahnen haben, sollten sich doch allmählich in den Standpunkt hin- einlebcn, denSvurenderHcssenzufolgen. Das kann nur zum VorteU dcS ganzen Eisenbahnbetriebes sein. Wenn wir im ganzen Reich nur eine Eisenbahngemeinschaft haben, dann wird die Kompetenz deS Präsidenten allmählich wachsen, und da§ hätten wir im Interesse des Verkehrs nicht zu bedauern. (Beifall.), Abg. Tr. Jager (Ztr.)

fordert das R-stchseisenbahnamt auf, die Interessen der Aktionäre der St. Gotthardbahn wahrzunehmen gegenüber der von der Schweiz beabsichtigten Verstaatlichung.

Abg. VchrenS (W'rtsch. Vgg.):

Schweden wird sehr bald uns in der Versorgung unserer Eisenhütten die größten Schwierigkeiten machen. Da hat Deutsch­land alle Veranlassung, seine eigene Eisenbahnpolitik so cinzu- richten, daß das Sicgcn-Rastauer Erzrevier durch Bahnver­bindungen nach der Ruhr genügend aufgeschlossen wird.

?lbg. Köhler (Wirtsch Vgg.)

nimmt Bezug auf die Verhandlung der Interpellation int

umanitären Komitees

Dte ,.(Sichertet Zamiltenblatter" werden dem ,Vin#etQcre viermal wöchentlich betgelegt, das Itmsbloti für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit- tragen" erscheinen monatlich zweimal.

Montag 3. Februar* 1908

Rotationsdruck un» Vertag der Brühl'ichm > jav Unwersitäts - Blich- und Stemdnickereu

R. Lange, Gießen.

d e S wissen

betreffend Aufhebung des § 175 des StrafgeseAuches. Der Abg Kirsch (Ztr.) hatte in der Annahme, daß feine Wort­meldung vorliege, die Abstimmung beantragt, Singer sSoz.) und Dr. Mugdan (freis. Vp.) erhoben aber dagegen Einspruch, letzterer unter Androhung des Zweifels an der Beschlußfähigkeit deS Hauses.

Montag 2 Uhr: Militäretat.

Wörtlichkeit keiiiesfalls entsprechen, und ersucht das Dieid denen» ' chnamt, für schleunigen Ausbau der Gleise im Ruhrgebiet zu sorgen. Er fordert die Kollegen zu einer Spritztour in daL rheinisch-westfälische Jndustrieegbiet auf, um die dortigen Bahn­höfe kennen zu lernen. Ein sehr hoher Eisenbahnbeamter hat sie geradezu als Mausefallen bezeichnet. In bezug auf Einfachheit, Enge, Beschränktheit der Bahnhofanlagen steht das Ruhrgebiet oben an. Eine Beschleunigung der Umbauten ist dringend er forderlich.

Abg. Ulrich (Soz.):

Die Kompetenzen des Reichsciscnbahnamtes scheinen ja sehr gering zu sein. Rach unserer Ansicht hat c5 aber die Pflicht, allo Klagen zu prüfen und die Einzelstaaten zu veranlassen, ja zu zwingen, Mißständen abzubelsen. Nach § 52 unserer Verfassung ist da? Amt verpflichtet, dafür zu sorgen, daß alle deutschen Eisen­bahnen einheitlich verwaltet werden, und nach § 43 muß cs für Instandhaltung der Bauten und des Materials sorgen. Das Reichseisenbahnamt hat aber stet? eine Bescheidenheit gezeigt, die für unseren Verkehr geradezu gefährlich su werden beginnt. In Offenbach zum Beispiel herrschen auf dem Bahnhofe die schlimmnen Zustände, und das Reichstisenbahmt kümmert sich nicht darum. Es werden immer Prüfungen zugesagt, aus denen man nicht her. auskommt. Das Amt verletzt seine Pflichten, wenn cs nicht für Vermehrung bes Materials und für die Sicherheit des Betriebes sorgt. (Beifall links.)

Präsident Schulz:

Die Zuständigkeit des Reichkeisenbahnamts erstreckt sich nicht' auf die Besoldung der Beamten und der Arbeiter. Ich habe übrigens in zahlreichen Fällen Gelegenheit gehabt, auf die Er. Weiterung und den Umbau von Bahnhöfen hinzuwirken. Ich habe auch die vermehrte Beschaffung von Betriebsmitteln angeregt. Die Zustände in Dffenbach sind sehr schwierig. Es sind bereits Pläne zum Umbau fertig gestellt. Auf einmal kann nicht alles erreicht werden, es wird schon viel getan auf diesem Gebiete.

Preußen hat allein im letzten Jahre 254 Bahnhöfe umgebaut. Da§ sind hohe Leistungen.

Abg. Earstens (freis Vpt.):

Ich bitte, die eingeleiteten Untersuchungen recht gründlich zu betreiben. Der Oberbau mutz immer vollständig sichergestellt sein. Was nützen die schönsten Vorschriften, wenn sic nicht befolgt werden. Es ist Pflicht des Präsidenten, dafür zu sorgen, daß die Bahnmeister gute Arbeiter erhalten; dazu ist aber eine Aufbesserung bc3 Lohne­erforderlich.

hessischen Landtag über die Eisenbahnpolitik. Das ganze ...... " aber nicht eine Ser*

Etat des ReichSeisenbahnamteS.

Die gestern abgebrochene Beratung wird fortgesetzte

Abg. Dr. Wetzel (nall.):

Es ist bedauerlich, daß unsere Hoffnungen auf eine möglichst einheitliche Gestaltung unseres Eisenbahnwesens noch immer der Erfüllung harren müssen. Wir warten immer noch vergebens auf eine deutsche Eisenbahn-Betriebsmittelgemeinschaft. Immer noch fehlt die Einheitlichkeit und Großzügigkeit des Betriebs, die wir fordern muffen. Zurzeit scheint die Arbeit für eine vollkommene Reichseisenbahngemeinschaft auf einem toten Gleise angelangt zu sein. Nun sind wenigstens Verhandlungen zwischen den vcrschie. denen Verwaltungen im Gange wegen einer gemeinsamen Be. Nutzung des Wagenmaterials und der gemeinsamen Beschaffung von Materialien Erst in den lehren Lagen fanden in dieser Richtung Konferenzen der in Betracht kommenden Bahnverwaltungen statt. Ich begnüge mich damit, dem Zustandekommen dieser allerdings sehr bescheidenen Gemeinschaft einen raschen und glücklichen Erfolg zu wünschen. Ich sehe darin den ersten Schritt zu einem höheren Ziele. Ich hoffe, daß aus diesem bescheidenen Anfänge heraus durch die Logik der Tatsachen sich mit der Zeit das zu erstrebende nationale Transportsvstem, die Reichsgemeinschaft auf dem Gebiete des Verkehrs entwickeln wird. (Beifall.)

Abg. Stolle (Soz.) beklagt sich über die ungenügenden Auskünfte auf seine gestrigen Beschwerden. Daß eine Unmenge Vorschriften bestehen, habe et schon selber gewußt. In Sachsen hat man sogar eine neue Ge- sinnungSordnung erlassen. (Hörti Hört! bei den Soz.) Da wird den Beamten vorgeschrieben, welche politischen Gesinnungen sie hegen und pflegen sollen. Aus der Oberlausitz wird berichtet, daß der Eisenbahninspektor seinen Beamten gegenüber erklärt hat: Hier ist ein konservativer Verein gegründet, ich erwarte von meinen Beamten, daß sie alle diesem Verein beitreten, ich will annehmen, daß sie eine konservative Gesinnung hegen. (Hört! Hörti bei den Soz.)

Präsident des Reichseisenbahnamts Schulz:

In früheren Jahren hat das Reichseisenbahnamt wohl mit­unter Veranlassung gehabt, die Eisenbahnverwaltungen an die Vermehrung des Betriebsmaterials zu erinnern. Ta aber jetzt bei allen Eisenbahnverwaltungen der feste Wille besteht, den Wagen­mangel zu beseitigen, liegt für das Reichseisenbahnamt keine Ver­anlassung mehr vor. Tie Verhältnisse auf dem Bahnhof Stern- schanze dürften sich wohl durch den Umbau der Bahnhöfe in Ham­burg und Altona erklären, der nicht möglich machte, einen Bau in Sternschanze gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Tie Verhält, nisse auf dem Bahnhof Elmshorn werde ich untersuchen lassen. Die Besoldung und Löhnung der Beamten und Arbeiter geht nach der Verfassung das Reichseisenbahnamt nichts an.

Sächsischer Bundesratsbevollmächtigter Dr. Fischer erwidert dem Abg. Stolle, daß, wenn es sich mit dem Eisenbahn­inspektor so verhalte, wie er vorgetragen habe, eine Amtsüber­schreitung vorliege und ja eine Beschwerde an die vorgesetzte Be­hörde gehen könnte. Würde aber Stolle sich so sehr dagegen ge-

schens'.uert sei, heute die Wngelcgenljeiten einer frcmi>en Macht zur Diskussion zu bringen. Der erst: Herr Delegierte Tr. K'ra-> marez hat meine Haltung als zu wenig energisch bezeichnet und gemeint, er hätte in eine Frage der inneren Poli*, tik Preußens eingreisen wollen. Ich bin aber der lieber- zeugung und auch der geehrte Herr' delegierte Graf Latur hat dies gesagt, das wäre eine deplacierte Energie gewesen, die auch nicht zum Ziel geführt hätte. Ich spare mir aber diese Ener­gie bis zu dem Augenblick, in dem von irgendeiner anderen Seite der Versuch gemacht roerben sollte, sich in unsere inneren Angelegenheiten einzurnischcn, ein Fall, der hoffentlich nichts eintreten wird. Bezüglich Italiens verwies öcc Minister dann auf sein Exposö und betonte, daß die ir.edentistischen Tendenzen I in einem Teil der italienischen Bevö.kerung schon vor der Alliance bestanden haben, sichtlich aber im Abnehmen begriffen [mb, und daß das Verständnis für die Bemühungen zur Her­stellung freundschaftlicher Beziehungen in immer weiteren Kreisen Emgang nnbet. Es ist richtig, daß Italien rüstet und seine I Flotte iLrlt, aber daraus kann ihm lein Vorwurf gemacht werden. Die geographische Situation Italiens, feine Iangg>

den Gleici^ewichlcs. Das war vom Drechundo )d)on früher be­kannt ; es gilt aber auch von anderen Gruppierungen des po­litischen Systems. Die gegenwärtigen Gruppierungen der Mächte erwecken überall das Gesühl der Sicherheit, deshalb soll man an dem gegenwärtigen Zustande nichts ändern, man soll es des­halb nick)t, weil Aendcrungen in diesem System Machtverschie­bungen und als weitere Folgen Gefahren und Konflikte mit sich bringen müßten. Im Rahmen unserer Bündlitspolttlk aber be­sitzen wir die Freiheit unserer politischen unb wirtschaftlichen Entschließungen. Tcr Minister verweist auf die Entente nut Rußland, die schon.über zehn Jahre bestehe. Jnbezug aus unsere Haltung in der marokkanischen Frage bewnt der Minister, daß nach dem Beispiel von Frankreich und England [ehr wohl Staaten mit verschiedener innerer Politik dauernd Bündnisse eingeben können, und fahrt dann fort: Es ist Ijeutc die innere Politik eines anderen Staates in die Debatte gezogen worden. Ick) habe bereits in einer Sitzung der österreichischen Dele­gation betont, daß wir d.es für eine gefährliche Methode halten und daß ick), was die Steckling der Regierung zur Frage an­belangt, an denn Grundsatz festhalten muß, daß es nicht wün--

Dreibunddebatte in Oesterreich.

n.

Ter Minister Freiherr v. A ehren thal erklärte: er könne sich von dem Standpunkt der Gefühle oder nationalen Empfin-- oiingen nicht leiten lassen, er müsse sich direkt an die Staats- raison halten. Er erblicke seine Ansgabe darin, die von der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten seit einer Reihe von Jahren innegehaltene Linie fortzusetzen, und er glaube, daß wir allen Grund haben, mit dem System unserer auswärtigen Politik zusrwden zu sein. Wir haben sc i t n a he z u dr c i ßi g Jahren das Bündnis mit dem deutschen Reiche und als weitere Folge das Bündnis mit Italien. Tiefes Ulliane^ Verhältnis hat unserem Interesse entsprochen und bekanntlich zur Erhaltung des allgemeinen Friedens beigetragen. Durch konsequentes Festhalten an uen Bündnissen und unserer loyalen Haltung nehmen imt eine eminente Vertrauensstellung m Eu­ropa ein, und zwar nicht nur bei den befreundeten und ver­bündeten Kabinetten, sondern überall. Alle Gruppierungen kon­vergieren nach einem Punkte: nach der Erhaltung des bestehen-

toaltung. zu denen sie an ihrem Teile beitragen, nicht teilnehmen. Die thüringischen Kleinstaaten sind unter die Räder des preußi­schen Staatswagens geraten. Hinzu kommt noch die Steuer­freiheit der Bahnbcamten in Thüringen. Konservative Politiker, wie der frühere Abg. v. Kardorff und der Abg. Frhr. v. Zedlitz, haben es auch als eine Ehrensache Preußens hingestellt, den Klein­staaten entgegenzukommen. " (Beifall.)

Abg. Qunrck (nl.)

schließt sich diesen AuSfübrungen vollkommen an. Hier handelt c5 sich um eine wirklich deutsche Frage. Die thüringischen Staaten sind kaum in der Lage, die Matrikularbeiträgc aufzu­bringen.

Die Personentrifreform ist nicht nur ein Schön­heitsfehler, sie ist geradezu gefährlich. Sogar die Reise" der Ferienkolonien und die Schülerfahrten hat man verte rt. Unsere Stadtkinder müssen aus dem Staube der Straßen, ans den dumpfen Schulräumcn in die frische Luft gebrockt werden. Man sollte daher ihnen die Fahrt nicht verteuern. Durch den neuen Personentarif ist aber die Arbeit der Vereine für F" '^.iluturien erschwert und belästigt worden. . Dieser Rückschrsi: ist äußerst schmerzlich. Auch wir bedauern jeden Unfall, der den geringsten Arbeiter trifft Auch wir haben Respekt vor dem Arbei­ter und den Opfern der Arbeit und begrüßen jeden technischen Fortschritt, der dazu dient, von dem Eisenbahnarbeiter nickt bloß den Druck der Not des Tages zu nehmen, sondern der auch die Un­ruhe vermindert, in die er durch die ständige Lebensgefahr, in der er sich befindet, geraten muß. Es gibt aber Dinge, die außer­halb des menschlichen Willens liegen. Wir danken dem Präsi­denten des Neichseiscnbahnamts, daß er innerhalb feiner be­grenzten Kompetenz das mensckenmöglichste getan hat, um die Unfälle zu verhindern. (Beifall.)

Abg. Dr. CarstcnS (freis. Vp.):

Ick kann mein Bedauern über dos Viele, waS vom Reicks- eisenbahnamt nicht geleistet worden ist, nicht unterdrücken. Der Präsident hat sich auf viele dringende Anfragen, die an ihn ge­richtet wurden, völlig auSgeschwiegen. Er gebt von der lieber- zeugung auS, daß die meisten dieser Fragen nicht zu seiner Kom­petenz gehören, und daß er gegen den starken, aber nicht den besten Bruder, Preußen, nichts onzufangcn weiß. (Heiterkeit.) Er handelt so in dem Gefühl einer gewissen Ohnmacht. Er hat uns tröstliche Aussichten gemacht in bezug auf die Beschaffung von Material. Ich will nicht dankbar anerkennen, daß man nun end­lich einmal den Brunnen zudecken will, nachdem das Kind er­trunken ist, und nachdem Handel und Verkehr in schwerster Weise geschädigt worden sind. Nein, man hätte Vorsorge treffen müssen, daß solche unglaublichen Zustände, wie sie der Mangel an Mate­rial gezeitigt hat, überhaupt nickt vorkommen konnten. Die Un­fälle sind trotz des gesteigerten Verkehrs geringer geworden. Ick gebe zu, daß sie nie ganz vermieden werden können. Der Präsi­dent hot erklärt, daß eingehende Vorschriften vor den Unglücks­fällen schützen. Es kommt aber nicht auf Reglements an, sondern auf den Geist, der in der Verwaltung herrscht, und der preußische Geist, der jetzt in der Verwaltung herrscht, ist nicht der richtige. (Beifall links.) Auch die Besoldungsfragen gehören zur Kom­petenz des Reichseisenbabnomts, weil es nach der Verfassung istr die Instandhaltung der Stationsbauten und für die Beschaffung guten Materials zu sorgen hat.

Ter Redner schildert die Verhältnisse auf der Station Stern­schanze bei Hamburg und Elmshorn als geradezu trostlos. Tort lauere die Gefahr der Eiscnbahnkatastrophen. Die Verhältnisse der Streckenarbeiter sind sehr traurig. Videant consulesl Möge das Reichseisenbahnamt dafür sorgen, daß die falsche Sparsamkeit nicht zu einem Ende mit Schrecken führt und es nickt erst eines großen Eisenbahnunglücks bedarf, um Abhilfe zu schaffen. (Leb­hafter Beifall.)

Aeuycher Reichstag.

92. Sitzung von Sonnabend, den 1. Februar, 11 Uhr.

Am Tische des BundeSrat?: v. Bethmann-Hellweg, v. Soeben, Dr. Schulz, Wackerzapp, Twele.

Das Haus ist stark besetzt.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 11 Uhr 15 Minuten.

Eine Rechnungssache wird erledigt und nach dem Brauch des Hauses die Genehmigung zur Einleitung eines Privatklagever- fahrens gegen den Abg. G e r st e n b e r g e r (Ztr.) wegen Be­leidigung des Vorstandes des deutschen Metallarbeiterverbandes, sowie zur Vernehmung der Zeutrumsabgeordneten Dr. Pichler unb Schefbeck als Zeugen für die Dauer der Tagung versagt.

Dann wird namentlich abgestimmt über die gestern verhan- beite Resolution der Budgetkommission, betreffend die Vergebung der Arbeiten für die Marineverwaltung. Aus An­trag der Sozialdemokraten findet auch die Abstimmung über ihren Abänderungsantrag, namentlich der nicht die Arbeiterausschusse, sondern die Arbeitero rganifationen zu Trägern der Ver­handlungen mit der Werftverwaltung über die Einrichtung des ArbeiterverhältniffeS machen will, statt. DieserAntrag wird mit 166 gegen 114 Stimmen bei einer Stimmenthaltung abgelehnt. Nit der wirtschaftlichen Vereinigung stimmt auch das Zentrum für oen Antrag Der Sozialdemokraten.

Dann wird die Resolution der Budgetkommission Tarif- Verträge und Arbeiterausschusse mit 213 gegen 67 Stimmen angenommen, bei einer Stimmenthaltung.

Ter Zeppelin-NachtrngSetat.

Zur zweiten Lesung steht sodann der Nachtragsetat, der in seinem Hauptteile 400 000 Mark angefordert zur Förderung von Verbuchen auf dem Gebiete der Molorluft- s ch i f f a h r t. Dieser Betrag soll die für 1907 bewilligten 500 000 Mark, die durch den Bau bet Ballonhalle unb die bis­herigen Versuche vollständig verbraucht sind, ergänzen und dem Grafen Zeppelin die Mittel zur Fertig st eil ung des zweiten Luftschiffes unb zur Fortführung des Be­triebes bis Ende Mai, zur Verfügung stellen.

Erne weitere Position deS Nachtragsetats ist bestimmt zur Ergänzung der Mittel, die zum Grunderwerb für die spätere E r- w eile r ung deS Bahnhofes Mülhausen-Nord- R i x h e i m in Elsaß erforderlich sind.

Abg. Vogt-Hall (wirtsch. Vgg.):

Wir begrüßen jede Unterstützung der Luftschiffahrt durch das Reich. Mag man über die Vorteile des starren Systems einig fein ober nicht, w sind wir im Süden doch über den gelunge­nen Aufstieg des Grafen Zeppelin sehr erfreut. Er kann der Anerkennung von feiten der Bevölkerung sicher fein. Bei einem etwaigen Kriege wird gerade die Luftschifsahrt uns große Vorteile bringen. Wenn also das ganze Volk dankbar ist für diesen Erfolg, fo sind besonders w i r im Süden stolz auf unseren Landsmann, auf die Erfolge des Grafen Zeppelin. Gerade die Energie und Ausdauer des Militärs sind es gewesen, die den Grafen Zeppelin immer wieder veranlaßten, seine Versuche wieder aufzunehmen. Ich führe seinen Erfolg auf eine soldatisch militärische Erziehung zurück. Möge es ihm bei seiner nächsten Tat gelingen, an dem im voraus bestiikMken Platze zu landen, selbst wenn das vor dem Schloß in Berlin fein sollte. (Heiterkeit.) Ich freue mich über die allseitige Zustim­mung zu diesem NachtragSetat, die schon in der Budgetkommission zum Ausdruck gekommen, ist. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Hug (Ztr.) schildert als Augenzeuge eine der Probefahrten über den B o d e n f e e. Am 26. September hatte Graf Zeppelin beschlossen, seiner Vaterstadt Konstanz etnen Besuch abzustatten. Es war ein herrlicher Herbsttag, blauer wolkenloser Himmel wölbte sich über dem See, der von den Strahlen der Sonne beleuchtet wurde. Zwischen ein und zwei Ubr nachmittags stieg das Luftschiff in Manzell auf, vom Graten in südwestlicher Richtung nach Konstanz gelenkt. Um ein halb drei begrüßte in Z^onstanz ihn der brausende Jubel der Menschenmenge, die sich im Stadtgarten am User des Sees^ausgestellt hatte. Ruhig und sicher maieffätifd) schwebte das Schiff über der Stadt dahin, vorbei am Munsterturm und lenkte seinen Flug nach dem Rhein, herüber auf die linke Seite gegen Schloß Castell, über Gierberg, das Gut des Grafen v. Zeppelin, auf den Döbelsplah, wo cs elegante Schwenkungen ausführte. Tann ging der Flug über die Altstadt zurück auf die See. Nach vierstündiger Fahrt erfolgte in Manzell tadellos der Abstieg und das Schiff wurde in der Ballonhalle untergebracht. Hocherfreut und^ stolz sind die Konstanzer dar­über, daß die Lösung dieses Problems, das die Menschheit seit Jahrhunderten beschäftigt hat, einem Sohn der Stadt gelungen ist. (Lebhafter Beifall.)

Der Nachtrckgsetat wird in seinen beiden Teilen einstimmig genehmigt.